Sport und Gesellschaft e.V.

Volltext Gesamtbeiträge Sportgeschichte

Heft-Sammlung von Sport und Gesellschaft

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Beiträge zur Sportgeschichte
Heft 1/ 1995
INHALT:
Irene Salomon: 4
DER LANGE WEG DER VIKTORIA
Kurt Edel: 22
EIN OLYMPISCHES KAPITEL
Klaus Huhn: 59
ZU EINER EXPERTISE
Helmut Westphal: 67
DR. WILLIBALD GEBHARDT - EIN OPFER SEINES FRIEDENSENGAGEMENTS?
ZUR EINFÜHRUNG
Es ist ein gewisses Wagnis, in dieser Zeit ein Periodikum "Beiträge zur Sportgeschichte" zu starten. Information und Literatur auf dem Gebiet des Sports widmet sich fast nur mehr den Stars und ihrer Umwelt. Bei einem Tennisturnier rangiert die Preissumme vor dem Namen des Siegers.
Dennoch glauben wir, daß Beiträge zur Sportgeschichte von Belang sind, interessant für alle, die jüngste Geschichte selbst erlebten, und reizvoll für junge Menschen, die sich mit der Geschichte des Sports befassen.
Heftiger Streit ist entbrannt um die Darstellung des Sports der DDR, die bekanntlich ein beachtliches Kapitel zur Geschichte des Sports des 20.Jahrhunderts beitrug. 1991 formulierte Andreas Höfer (Köln) auf dem ISPHES-Kongreß in Las Palmas: "So wird auch die ohne Zweifel reizvolle Aufgabe, auf der Grundlage der neuen Quellenlage eine Neubewertung der politischen Bedeutung und Funktion des Sports in der DDR zu versuchen, die Historiker aus Ost und West des vereinten Deutschland, aber auch aus-ländische Kollegen, noch geraume Zeit zu beschäftigen haben." In den seitdem vergangenen vier Jahren erwies sich, daß "Historiker aus Ost" abgewickelt, degradiert und ihre Kenntnisse oft negiert wurden. Es begann die "Akten-Epoche".
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Unsere "Beiträge zur Sportgeschichte" wollen zu den Gewohnhei-ten der Historiker zurückkehren, Meinungen publizieren, Fakten vermitteln und möglicherweise konträren Standpunkten die Mög-lichkeit sachlichen Austauschs bieten. Dieses ungesponserte Vorhaben ist in der Marktwirtschaft mit beträchtlichen Risiken verbunden. Wir wagen es dennoch.
Im Mittelpunkt dieser Ausgabe steht der erste Teil einer neuen "Chronik des DDR-Sports", die gemeinsam von Prof. Dr. Won-neberger, Dr. Hans Simon und Dr. Lothar Skorning erarbeitet wird. Alles in allem wird also eine umfassende Chronik von den Anfängen bis zum Ende des DDR-Sports präsentiert.
Unsere Autoren
GÜNTHER WONNEBERGER, Dr. phil., geboren 1926, Prof. für Geschichte für Körperkultur 1967 bis 1991 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur Leipzig, Rektor der DHfK 1967 bis 1972, Präsident des ICOSH (Internationales Komitee für Sportgeschichte),1971 bis 1983, Mitglied der DVS.
IRENE SALOMON, geboren 1940, 74fache Basketball-nationalspielerin der DDR, Lehrerstudium an der Humboldt-Universität Berlin, bis Ende 1991 Leiterin des Sportmuseums Berlin, Mitglied der DVS.
KURT EDEL (1920 - 1987), Leichtathlet, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der DDR von 1951 bis 1955. Danach Generalsekretär der Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der DDR.
KLAUS HUHN, Dr. paed., geboren 1928, Sportjournalist und Sporthistoriker, publizierte unter dem Namen Klaus Ullrich. Mitglied der DVS.
HELMUT WESTPHAL, Dr. paed. geboren 1928, Prof. für Theorie und Sportgeschichte an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam 1958 - 1988.
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CHRONIK DES DDR-SPORTS
EINE WEITERE VORBEMERKUNG DES VERLAGES
Um den in den letzten Jahren zu spürenden Mangel an Sachinformationen und den auch reichlich anzutreffenden Verzerrungen zur DDR-Sportgeschichte entgegenzuwirken, hat der SPOTLESS-Verlag in Vorbereitung seiner neuen Reihe "Beiträge zur Sportgeschichte" mehrere Sporthistoriker, die in der DDR als Hochschullehrer tätig waren, dafür gewonnen, eine relativ ausführliche Chronik des Sports der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik in Form einer Zeittafel zusammenzustellen. Auf Quellen und Besonderheiten der einzelnen Abschnitte verweisen die jeweili-gen Autoren an Ort und Stelle. Die Gliederung folgt ohne Rück-sicht auf historische Periodisierungen den Kalenderjahren. Wir beginnen mit der Zeit von 1945 bis Ende 1949 und lassen in Heft 2 den Zeitabschnitt 1950 - 1960 folgen.
Auf die Wiedergabe des Textes wurde verzichtet, weil die in den „Beiträgen zur Sportgeschichte“ erschienenen Fortsetzungen später gesammelt in dem „Spotless“-Buch „Chronik des DDR-Sports“ erschienen.
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Der lange Weg der Victoria
Von IRENE SALOMON
Die Autorin war bis Dezember 1990 Leiterin des Sammlungs-zentrums für das Sportmuseum und des Sportmuseums Berlin bis zu ihrer Kündigung am 31. Dezember 1991.
Wer heute das Foyer des Hauses des Deutschen Fußballbundes in Frankfurt (Main) betritt, kann sie kaum übersehen: Die Victoria, einst Pokal des deutschen Fußballmeisters, heute nur mehr Ausstellungsstück von allerdings wohl höherem musealen Wert als alle anderen deutschen Sporttrophäen. Als ich noch Leiterin des Sammlungszentrums war, bat ich den damals noch studierenden Marcus Köhler um eine Expertise, die dann in einer Museums-zeitschrift den fast respektlosen Titel "Karriere einer Ladenbronze" erhielt. Darin hieß es: "Im antiken Rom wurde der Sieg durch die weibliche Figur der Viktoria personifiziert, die sich auf die geflügelte Siegesgöttin Nike im alten Hellas zurückführen läßt. Sie ist es, die nicht nur den ruhmreichen Herakles auf den Olymp begleitet, sondern auch den Siegerkranz für die Gewinner im freundschaftlichen Wettkampf oder kriegerischen Feld bereithält. Mit dem Aufleben antiker Gedanken taucht die Göttin Viktoria in der klassischen Kunst des 18. Jahrhunderts auf, wie etwa bei Schadow, der sie 1791, den Lenkern der Quadrigen im antiken Olympia ähnlich, als Lenkerin eines Viergespannes auf das Brandenburger Tor setzte. In den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Armee 1813/15 wird die Viktoria zu einem preußischen Siegessymbol stilisiert. Sichtbaren Ausdruck findet dieses in der Figur der Königin Luise als Viktoria an dem 1821 von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Kreuzbergdenkmal, die Preußenadler und Siegeskranz über Berlin hält. Auch die Herr-scherhäuser Europas nennen ihren weiblichen Nachwuchs in zu-nehmenden Maße Viktoria: Die Gemahlin des zweiten deutschen Kaisers, eine Tochter der Königiri Viktoria von England, heißt Viktoria, ihre Schwiegermutter Auguste Viktoria und ihre Enkelin Viktoria-Luise.
Eine nationale Bedeutung erhält die Figur der Viktoria, als König Ludwig I. von Bayern bei dem bekannten Berliner Bildhauer
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Christian Daniel Rauch sechs überlebensgroße Viktorien zu einem 'Tempel deutscher Ehren', der Walhalla (1831-43 von Leo von Klenze bei Regensburg errichtet), in Auftrag gibt. Die vierte der Viktorien soll, dem Auftrag zufolge, das aufmerksame Beobachten des Kampfes von höherer Warte darstellen. Die etwas unbeklei-dete erste Version einer sitzenden Viktoria gefiel der katholischen Majestät - Antike hin, Antike her - nicht sonderlich, so daß Rauch eine zweite Fassung mit bedeckter Brust zur Begutachtung nach München sandte. Die sitzende Viktoria, die bereits König Ludwig als 'schönste der bis jetzt gemachten Viktorienstatuen' bezeichnete, errang bald große Beliebtheit, so daß Rauch zahlreiche Kopien in verschiedensten Materialien herstellte."1)
Bloch, Einholz und von Simson befaßten sich in ihrem zweibändigen Ausstellungs-Katalog "Ethos und Pathos" ebenfalls mit der "Sitzenden Victoria": "Diese Victoria, die sogenannte Kranzwerfende,... gehörte zu den bewundertsten Schöpfungen Rauchs. Repliken, Kopien und Nachgüsse, von Originalgröße bis hin zum Tischformat, mit und ohne Flügel und in verschiedenen Materialien ausgeführt, fanden weite Verbreitung. In einer vom Rauch-Mitarbeiter Julius Franz 1846 ausgeführten Verkleinerung fand sie später eine höchst profane Bestimmung: Sie diente - einer alten Zeitungsnotiz zufolge - als 1903 vom deutschen Kronprinzen gestiftete Trophäe für deutsche Fußballmeisterschaften." 2)
Hier irrten die Autoren, denn nach gesicherten Erkenntnissen hatte der Kronprinz mit der Stiftung des Victoria-Pokals nichts zu tun. Zu erwähnen aber wäre noch: "Das von Julius Franz 1846 nach Rauch kopierte kleine Gipsmodell (im Depot der Nationalgalerie Berlin/Ost) wurde später Eigentum der Gebrüder Micheli, deren Firma davon weiterhin Abgüsse in Gips, Carrarit und Elfenbeinmasse vertrieb."3)
Marcus Köhler versuchte dem Weg nachzugehen, den die Rauch-Kopie zur Pariser Weltausstellung 1900 nahm: "Eine der führenden Firmen jener Branche war Hermann Gladenbeck & Sohn, ab 1888 Aktiengesellschaft in Berlin-Friedrichshagen. Neben zahlreichen Aufträgen in der staatlichen und später eigenen Gießerei vervielfältigten sie zahlreiche Figuren... In den 1890er Jahren kam vermutlich auch die sitzende Viktoria von Rauch ins Programm, die in einem Katalog von 1905 in den Größen von 38 und 57 cm
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angeboten wird. Die hehre Siegesgöttin schrumpft damit auf das handliche Format einer sogenannten Ladenbronze. Gladenbecks Erfolg waren Zinkplastiken, die als sogenannte Spritz- und Stürzgüsse in Massen und durch Reduktionsmaschinen in etlichen Größen hergestellt werden konnten. Durch galvanische Bronzierurg und anschließende Patinierung sahen diese Produkte echten Bronzen täuschend ähnlich. Der besondere Verkaufsschlager der Firma waren in diesen Jahren vor allem Bronzen mit vaterländisch-patriotischen Themen."4)
Ursel Berger hatte allerdings schon 1988 festgestellt, daß bei der Weltausstellung zwei Gladenbeck-Gießereien präsent waren: "Im vierten Jahr nach der Gründung der Aktiengesellschaft gab es zwischen Vorstand und dem Aufsichtsrat Unstimmigkeiten über die Bilanzen von 1891... Gegen den Widerspruch der Gladenbecks, aber auf einstimmigen Beschluß aller anderen Aktionäre, wurde eine Revisionskommission eingesetzt... Ihr Bericht zählt zahlreiche Mißstände auf... Eine außerordentliche Generalversammlung beschloß am 29.9.1892 den gesamten Vorstand zu entlassen. Zwar gingen die Mißstände mehr auf die Tätigkeit seiner Söhne zurück, aber auch Hermann Gladenbeck trug die Mitverantwortung - ihm, dem Gründer der Firma, dem hoch berühmten, hoch geehrten Bronzegießer wurde nun der Stuhl vor die Tür gesetzt. Alle fünf in der Firma tätigen Familienmitglieder verließen die Aktiengesellschaft. Sofort gründete man eine neue Gießerei. Damit verstieß Hermann Gladenbeck jedoch gegen das Wettbewerbsverbot, das ihm für zehn Jahre die Beteiligung an einem Konkurrenzunternehmen verbot... Um 1900 arbeiteten in Berlin zwanzig größere und viele kleinere Gießereien. Zwar gab es so viele Gußaufträge wie nie vorher oder nachher, dennoch war der Konkurrenzkampf hart, dies besonders zwischen den beiden großen Gladenbeck-Firmen in Friedrichshagen. Beide Unternehmen waren auf den Weltausstellungen von Paris 1900 und St. Louis 1904 in jeweils verschiedenen Räumen vertreten; in Paris wurden beide für ihre Produkte ausgezeichnet."5)
Marcus Köhler merkte noch an: "Die Olympischen Spiele waren anfangs nur Anhängsel an die Weltausstellungen. Es ist deshalb vorstellbar, daß die Firma Gladenbeck, die auf der Weltausstellung 'Reproduktionen in echtem Bronceguß und Imitation nach Modellen
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hervorragender deutscher Künstler' präsentierte - und dafür auch einen Grand Prix erhielt - die vielfältige Verwendungsfähigkeit ihrer Figuren durch Anregung zu einem Wanderpreis unter Beweis stellte. Da die Größe der Figur von 75 cm nicht den Katalognormen entspricht, ist die Viktoria wahrscheinlich speziell für die Weltausstellung hergestellt worden."6)
VOM RUGBY- ZUM FUSSBALLPOKAL
Bis heute aber weiß niemand, aus welcher Gladenbeckschen Gießerei die Viktoria stammte, die bald darauf mehr durch einen Zufall zum deutschen Meisterpokal avancieren sollte. Dieser Zufall bestand darin, daß bei sich bei der Abrechnung für die Reisen der Olympiateilnehmer zu den II. Spielen 1900 in Paris ein Überschuß ergab. (Solche Zufälle waren damals wirklich selten, denn meist suchte man verzweifelt nach Freunden, die die obligatorischen Löcher in den Kassen füllten.) Willibald Gebhardt - einziges deutsches IOC-Mitglied seit den Spielen 1896 in Athen - schlug vor, die Summe zu nutzen, um Pokale für Verbände zu erwerben, die sich um die Teilnahme an den Spielen verdient gemacht hatten.
Karl Lennartz, der wohl beste Kenner der Geschichte deutscher Beteiligungen an Olympischen Spielen schrieb dazu: "Im Herbst fanden einige Sitzungen statt und am 11.2.1901 die letzte Hauptversammlung. Ihr trugen Gebhardt den Tätigkeits- und von Hünefeld den Kassenbericht vor. Gebhardts Vorlage wurde angenommen und ihr Druck beschlossen... Die Kasse enthielt einen Überschuß von ca.1650 Mark. Man beschloß, 1000 Mark an die Reichskasse zurückzuzahlen und für die restlichen 650 Mark vier Wanderpreise mit dem Namen 'Weltausstellungspreise' zu kaufen. Die vier Preise gingen an die deutsche Abteilung des Deutsch-Österreichischen Fechterbundes, die Deutsche Sportbehörde für Athletik, den Deutschen Schwimmverband und den Deutschen Fußballbund"7).
In einer Fußnote ergänzte Lennartz: "Für den DFB - also für das Rugbyspiel in Paris - gestaltete Professor RAUCH eine Siegesgöttin, die 'Viktoria". (Ein Irrtum, denn die Gladenbecksche Figur stammte bekanntlich von Julius Franz. Anm. I.S.) "'Der Preis bleibt im dauernden Besitz des deutschen Fußballbundes und wird
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alljährlich abwechselnd von den Rugby-Fußballvereinen bzw. den Association-Fußball-Vereinen Deutschlands' errungen. Die erste Ausschreibung sollte von den Rugbyvereinen erfolgen (Fußball-Jahrbuch 1/2, 1904/05, S. 39-40, vgl. auch Koppehel, Geschichte des deutschen Fußballsports S. 95). Die Rugbyvereine hatten sich schon 1898 zusammengeschlossen. Sie organisierten sich aber erst auf dem 6. Rugbytag am 4.11.1900 in Kassel zum Deutschen Rugby-Verband, der aber geschlossen dem DFB angehörte. Auf dem 7. Rugbytag am 4.11.1901 trennte man sich vom DFB und nannte sich später Deutscher Rugby-Fußball-Verband. Der DFB strich auf seinem 5. Bundestag am 17.l0. und 18.l0.1902 alle Bestimmungen über das Rugbyspiel aus seiner Satzung und benutzte später den Wanderpreis als Siegespreis für seine deutsche Meisterschaft, die seit 1903 ausgespielt wurde. Seit Ende des 2. Weltkrieges ist die 'Viktoria' verschollen. Auch die beiden anderen Verbände erhielten eine solche Viktoria (Schwimmsport 9, 4.4.1901, H.8. S. 71)" 8)
Damit wäre die Frage beantwortet, wie es dazu kam, daß die Vikto-ria ursprünglich für den Rugbymeister gestiftet worden war, dann aber von den Fußballern übernommen wurde. Wichtig wäre noch der Hinweis darauf, daß nur eine deutsche Rugbymannschaft, aber keine Fußballmannschaft an den Spielen 1900 in Paris teilgenommen hatte. Von diesen Olympiateilnehmern haben sich nur der Name des Vereins - Rugby-Fußballverein Frankfurt/Main -, die Namen der Spieler und ihr einziges Resultat überliefert: Sie sicherten sich mit einem 17:27 (andere Quellen geben 16:25 an) gegen Frankreich die Silbermedaille. Aus heutiger Sicht aber wichtiger: Ihre Teilnahme und die Idee Gebhardts bescherte dem deutschen Fußball eine attraktive Meisterschaftstrophäe. Sie ging 1903 an den VfB Leipzig, der den DFC Prag mit 7:2 bezwungen hatte.
Die Namen der Teilnehmer und Sieger wechselten, je nach der Größe der Gebiete, die deutsch waren oder sein sollten: etwa Prag, Wien, Straßburg. Als Deutsche Meister erhielten den Wanderpokal: VfB Leipzig (1903, 1906, 1913), Union 92 Berlin (1905), Freiburger FV (1907), Viktoria 89 Berlin (1908, 1911), Phönix Karlsruhe (1909), Karlsruher FV (1910), Holstein Kiel (1912), SpVgg Fürth (1914,1926, 1929), 1. FC Nürnberg (1920, 1921, 1924, 1925, 1927, 1936), Hamburger SV (1922, 1923, 1928),
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Hertha BSC Berlin (1930, 1931), FC Bayem München (1932), Fortuna Düsseldorf (1933), FC Schalke 04 (1934, 1935, 1937, 1939, 1940, 1942), Hannover 96 (1938), Rapid Wien (1941), Dresdner SC (1943, 1944).
Das letzte Spiel um die 'Viktoria' (18 von den 22 Spielern waren Soldaten) wurde am 18. Juni 1944 zwischen dem Dresdner SC und LSV Hamburg im Berliner Olympiastadion ausgetragen und endete 4:0 für die Dresdner. Helmut Schön, der in der Siegermann-schaft spielte, schrieb in seinen Memoiren: "1944 stand der Dresdner Sport-Club wieder im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Inzwischen war das längst ein irrwitziger Wett-bewerb: Während das Land in Trümmer fiel, Millionen hungerten und starben, sollte noch ein 'Deutscher Fußball-Meister' ermittelt werden.
Aber 'die Führung' wollte gegenüber der Zivilbevölkerung Stärke demonstrieren: Uns kann nichts erschüttern, wir spielen sogar weiter Fußball... Endspiel-Gegner war der 'Luftwaffen-Sport-Verein Hamburg' das stand fest. Aber wo und wann dieses Endspiel stattfinden sollte - das wußte offiziell niemand. Jetzt hatte man tatsächlich Angst, die Alliierten können das vollbesetzte Olympiastadion bombardieren, am hellichten Tage.
Es kommt mir heute noch wie ein Wunder vor, daß dann am 18. Juni 1944 doch 70.000 Menschen im Stadion saßen, schrieen, stöhnten, für eineinhalb Stunden den Krieg vergaßen. Es waren viele Soldaten dabei, Urlauber mit grauen Skimützen auf dem Kopf, mit blassen Gesichtern - die Erschöpfung hinterließ überall Spuren.
Die durch das Radio ins Stadion gelockten Zuschauer sahen noch einmal ein mitreißendes Spiel. Wir gewannen 4: 0, was bedeutete das alles noch in jenen Tagen?" 9)
Es bedeutete zumindest, daß die Dresdner die Viktoria mit nach Dresden nahmen. Wo sie sie verbargen, ist nie ganz geklärt worden. Am glaubwürdigsten ist die Version, daß man sie bei einem Gärtner namens August Stark unterstellte, der als fanatischer DSC-Fan galt.
Der "Beitritt" 1990 rückte die fast schon vergessene Weltausstellungsfigur - Lennartz hatte bekanntlich vermutet, sie sei "verschollen" - wieder ins Rampenlicht.
Die erste Frage, die aufgeworfen wurde, lautete: Sollte man sie künftig wieder dem deutschen Meister überreichen oder sie in
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einem Museum plazieren? Über Einzelheiten dieses Streits, in die ich auf fast dramatische Weise verwickelt wurde, an anderer Stelle. Zunächst zu der Frage: Wo befand sie sich zwischen 1945 und 1990? Von 1945 bis 1949 mit Sicherheit in Dresden. Volker Kluge widmete sich zusammen mit Helmut Schön dem Schicksal des Pokals und gelangte zu folgenden Resultaten: "Am 13. Februar 1945 sank Dresden in Schutt und Asche. Damit verliert sich aber noch nicht die 'Viktoria'-Spur im Nebel, wie lange Zeit ange-nommen wurde. Der heute beinahe 75jährige Alt-Bundestrainer Helmut Schön bezeichnete sie zwar erst kürzlich in einem Interview als verloren, jetzt aber konnten wir ihm, der 1943 und 1944 die Göttin mitgewonnen hatte, ein besonderes 'Osterei' überreichen - wenn auch nur telefonisch. Die 'Viktoria' ist wieder da. Die Re-aktion: 'Die >Germania< - das kann nicht wahr sein.' Schön, der sich gegenwärtig seines schlechten Gesundheitszustandes wegen zur Kur befindet half uns, den Verbleib der 'Viktoria' für die ersten Nachkriegsjahre zu rekonstruieren. Danach wurde die metallische Dame - um sie vor Diebstahl oder Vernichtung zu bewahren - be-reits bei Kriegsende einem fanatischen DSC-Anhänger in Verwah-rung gegeben: dem Gärtner August Stark in Cossebaude. Dort be-fand sich die Skulptur bis 1948, jenem Jahr, in dem in allen Besatzungszonen wieder Fußballmeisterschaften stattfanden. In den Westzonen stand das Finale mit dem 1. FC Nürnberg und dem 1. FC Kaiserslautern bevor, als sich bei dem Gärtner ein Unbekannter vorstellte und sich unter dem Vorwand, für den zukünftigen deutschen Fußballmeister die 'Viktoria', abholen zu wollen, die Figur aushändigen ließ. Dieser Coup gelang, gleichzeitig aber bekam der bekannte Dresdner Fußball-Funktionär Gerhard Schulz Wind von der Sache und veranlaßte die Verfolgung. Es heißt, König Richard Hofmann sei dieses wache Auge zu danken." 10)
DER IRRTUM MIT DER JAHRESZAHL
Die Recherchen von Kluge und Schön zur Viktoria waren entweder mangelhaft oder sollten bewußt einige Fakten kaschieren.
Zunächst: Die Affäre in Dresden spielte sich 1949 und nicht 1948 ab und im Westzonenendspiel standen nicht Kaiserslautern und Nürnberg, sondern der VfR Mannheim und Borussia Dortmund.
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Glaubt man Schöns Memoiren, dann war der 1990 angeblich so Ahnungslose 1949 aktiv an dem Coup beteiligt gewesen. Wörtlich schrieb er nämlich: "Damals versuchte man, die 'Viktoria'-Statue, seit 1903 Wanderpreis für den jeweiligen Deutschen Meister, von Dresden in den Westen zu bringen, damit sie dort wieder den neuen Meistern überreicht werden konnte. Unsere Aktion ging schief." 11)
"Unsere?" Anders als ein Geständnis, an dieser Aktion aktiv beteiligt gewesen zu sein, läßt sich diese Formulierung nicht deuten. Schöns Beteiligung wird auch durch die Aussage eines beteiligten Zeitzeugen gestützt. Der Sportjournalist Klaus Huhn amtierte damals als Pressechef im Deutschen Sportauschuß und war in der Nacht zum Freitag vor dem Spiel von Schön in der Sportschule Grünau angerufen worden. "Schön hatte zuvor versucht, andere Funktionäre des DS zu erreichen und dabei erfahren, daß die bereits auf der Reise zum Endspiel waren. Es hatte nämlich zuvor bereits Verhandlungen über ein gesamtdeutsches Endspiel gegeben, die allerdings gescheitert wa-ren. Immerhin hatte man eine Delegation des DS zum Endspiel eingeladen. Schön sagte mir am Telefon, die Viktoria sei gestohlen worden. Ein Unbekannter hätte behauptet, er wollte sie nur foto-grafieren und dem Mann, bei dem sie aufbewahrt wurde, eine Stange Zigaretten für diesen Gefallen geboten. Als der angebliche Fotograf nicht wieder auftauchte, hatte der DSC-Fan Verdacht geschöpft und nach dem Fotografen Ausschau gehalten. Doch weder von ihm noch von der Viktoria war etwas zu sehen. Daraufhin habe er Schön angerufen. Ich erinnere mich, daß außer mir von der Leitung des DS nur noch die für Finanzen zuständige Anneliese Emminger erreichbar war, die ebenfalls in Grünau wohn-te. Ich beriet mich mit ihr, informierte die Polizei, die uns allerdings keine Hoffnungen machte und begab mich dann nach Dresden. Dort traf ich Helmut Schön, den ich von den Sitzungen des Deut-schen Sportausschusses her kannte, denn Schön war ordentliches Mitglied des damals höchsten Sportgremiums der Sowjetischen Besatzungszone. Ich fragte ihn, ob es denn überhaupt noch einen Sinn habe, nach der Viktoria zu suchen und wenn er meine, es habe einen Sinn, wo die Suche beginnen wolle. Er schien mir sehr aufgeregt und machte plötzlich den Vorschlag die Gepäckaufbewahrungen beider Dresdner Bahnhöfe zu
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inspizieren." 12) Kluge stellte das so dar: "Wie auch immer: Noch auf dem Dresdner Hauptbahnhof wurde dem Dieb das Paket wieder abgenommen." 13) Das muß schon angesichts der Größe der Viktoria als unglaubwürdige Version abgetan werden. Niemand wäre imstande gewesen, die Figur in ein "Paket" zu packen und damit zum Hauptbahnhof zu fahren. Weiter aus dem Protokoll Klaus Huhns: "Der Vorschlag, ausgerechnet die Gepäckaufbewahrungen zu kontrollieren, überraschte mich. Wieso sollte jemand, der den Pokal gestohlen hatte, ihn ausgerechnet bei der Gepäckaufbewahrung deponieren? Dennoch begaben wir uns dorthin. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, war es in der Aufbewahrung des Bahnhofs Dresden-Neustadt, wo wir sehr bald die in Sackleinewand eingenähte Viktoria fanden. Die Polizei, die uns bei der Suche begleitete, wartete auf die Person, die die Viktoria abholen wollte und nahm sie fest. Es handelte sich um einen Fan von Borussia Dortmund, der überzeugt war, daß seine Mannschaft gewinnen würde. Vermutlich wollte er als Held im Stadion auftauchen und die Viktoria übergeben. Aus meiner Sicht war es wirklich die Aktion eines Fanatikers, denn als ich später einmal über diese Affäre geschrieben hatte, schickte er mir einen Brief und beteuerte, daß keinerlei politische Motive hinter seinem Abenteuer gesteckt hätten. Damit dürfte also klar sein, daß Richard Hofmann mit der Affäre ebensowenig zu tun hatte, wie der von Kluge bezichtigte Gerhard Schulz." 14)
"Als sicher kann gelten, daß er (Schulz. Anm. I.S.) als Vertreter der neuen Sportbewegung diesen Pokal deswegen aus dem Verkehr ziehen wollte, weil gerade mit ihm die Traditionen des damals ver-pöhnten bürgerlichen Sports verbunden waren. Helmut Schön fungierte im DS zwar als erster Auswahltrainer, er galt aber als ein Mann von gestern. Verschärfend kam eine Affäre hinzu, die mit dem Finale der ersten DDR-Fußballmeisterschaft am 16. April 1950 in Dresden zusammenhing." 15)
IM "KOHLENKELLER"
Gemeint war der Skandal nach dem Zonenendspiel zwischen der SG Dresden Friedrichstadt - in deren Mannschaft Schön spielte - und der ZSG Horch Zwickau, doch kann das nur auf kaum
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belegbaren Umwegen mit dem Schicksal der Viktoria in Verbindung gebracht werden, denn zwischen dem Verschwinden des Pokals und dem Skandal im Dresdner Ostragehege lag fast ein ganzes Jahr und Kluge müßte sich schon die Frage stellen lassen, wo denn die Figur während dieses Jahres verblieben war. Als sicher darf gelten, daß sie auf schnellem Wege von Dresden nach Berlin transportiert wurde und fortan im Hause des Deutschen Sportausschusses in der Brüderstraße aufbewahrt wurde. Kluge: "Dort soll die 'Viktoria' in den Kohlenkeller gekommen sein."16) Die Behauptung von dem "Kohlenkeller" fand man schon früher in Berichten westlicher Medien. Zeitzeugen, die noch in dem Haus gearbeitet haben, bestätigten mir, daß in dem Keller alles Mögliche aufbewahrt wurde - auch Kohlen.
Noch ein Wort zu Helmut Schön. Er behauptete in seinen Erinnerungen: "Unsere Aktion ging schief. Ich bekam einen harten Rüffel aus Ostberlin. Der Sportausschuß-Vorsitzende und damalige FDJ-Chef, ein gewisser Erich Honecker, drohte mir mit Konsequenzen."17) Diese Darstellung ist auch höchst unglaubwürdig, weil ja Schön selbst die "Zentrale" alarmiert hatte. Und warum sollte sich Honecker - der auch nicht "Sportauschuß-Vorsitzender" war - damit befaßt haben, zumal ja die Figur gefunden wurde? Hinzu kommt, daß sich der Raub der Viktoria im Sommer 1949 zugetragen hatte und Schön bald darauf den Antrag stellte, an der Kölner Sporthochschule bei Sepp Herberger studieren zu dürfen. "Ewald fragte Honecker und der gab grünes Licht. Im Winter 1949/50 war ich in Köln, endlich wieder im vertrauten Kreis unter Herbergers Fittichen. Hier fühlte ich mich wohl, hier gehörte ich hin."18)
Die Schön-Version wird also immer unglaubwürdiger, denn der Rüffel und die Erlaubnis, in Köln studieren zu dürfen, sind schwer unter einen Hut zu bringen.
Weit wahrscheinlicher ist ein ganz anderer Grund, warum der Deut-sche Sportausschuß nicht bereit war, die Viktoria herauszurücken: Zu jener Zeit bemühte man sich noch intensiv - im Rahmen der Gesamtpolitik der DDR - um gesamtdeutsche Kontakte und betrachtete den Pokal als eine Art Faustpfand zu gesamtdeutschen Fußballmeisterschaften zu kommen. Immerhin hatte man mit der Viktoria eine gute Offerte und es war auch in gewisser Hinsicht
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logisch, daß man sich auf den Standpunkt stellte, die Viktoria sei für einen deutschen Meister ausgeschrieben worden und könne nun nicht an den westdeutschen Meister ausgehändigt werden.
Mit der Gründung des Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport 1952 wurde die Viktoria in dessen Archiv eingelagert. Leider unsachgemäß, so daß irgendwann der ohnehin brüchigen Zinkplastik ein Flügel abbrach. 1984 wurde durch den damals zu-ständigen Staatssekretär für Körperkultur und Sport die Restaurie-rung veranlaßt. Die Arbeit übernahm die Berliner Restauratorin Renate Lehmann und man sollte ihr im Nachhinein bestätigen, daß sie eine Meisterleistung vollbrachte. Allerdings verblieb die Figur danach - bei der Restaurierung hatte man auch einen Kasten zim-mern lassen, der sie vor weiteren Beschädigungen schützen sollte - ungeachtet des Kulturgutschutzgesetzes der DDR vom 3.Juli 1980 beim Staatssekretariat, obwohl sie in die Obhut eines Museums hätte übergeben werden müssen. Erst zu Beginn des Jahres 1990 - genau am 16. Februar 1990 wurde sie vom damaligen Staatssekretär Prof. Dr. Erbach, der in Personalunion Staatssekretär und Präsident des Fußballverbandes der DDR war, dem Sammlungszentrum Zentrales Sportmuseum der DDR und damit meiner Obhut übergeben. Dort wurde sie unter der Nummer 3/90 katalogisiert und durch ein kunsthistorisches Gutachten in ihrem Wert beurteilt. Die damals ermittelten Maße ergaben: Gesamthöhe 106,5 cm. Die Figur ist 75 cm hoch und ist auf einem achteckigen Sockel plaziert. Gesamtgewicht: 15 kg. Die Höhe des Sockels mißt 31,5 cm Höhe, der untere Durchmesser 32 cm, der obere 22 cm. Am Sockel sind silberne Plättchen mit den eingravierten Namen der deutschen Fußballmeister von 1903 bis 1943 befestigt. Ältere Abbildungen - zum Beispiel aus dem Jahre 1925 - zeigen einen viereckigen Sockel mit silberbeschlagenen Holzplatten für die Sieger, eine Inschrift und den Reichsadler im Zentrum der Vorderansicht unterhalb der Statue.
Das Motiv für die Sockelveränderung könnte gewesen sein, daß kein Platz mehr für die Schildchen weiterer Mannschaften war. Nicht auszuschließen ist auch, daß man nach der Umwandlung des DFB zu Beginn der Hitler-Ära in das "Fachamt Fußball" die alten Symbole beseitigen wollte. Deshalb ist auch eine Veränderung des Orginaltextes nicht auszuschließen, aber das
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könnten Historiker am jetzigen Standort der Viktoria ohne großen Aufwand ermitteln .
Das öffentliche Aufsehen begann mit Udo Latteks Vorschlag, die Viktoria wieder als Meisterpokal zu vergeben (25.7.1990). Am 17.10.1990 wandte sich der Generalsekretär des DFB, Dr. Wilfried Gerhardt an den Senat von Berlin und forderte die Rückgabe der Viktoria an den DFB. Staatssekretär Kirchner antwortete darauf: "Denkbar wäre allenfalls, daß die Trophäe als Bestandteil des Sportmuseums Berlin aus besonderen Anlässen vorübergehend in den aktiven Gebrauch zurückgeführt werden kann, vergleichbar li-turgischen Geräten aus Domschatzkammem..."
FÜR ZIRZENSISCHE DARBIETUNGEN UNGEEIGNET
Bereits in den ersten Oktobertagen des Jahres 1990 war ein Herr Fuchs vom DDR-Fußballverband im Sammlungszentrum erschienen und forderte von mir als Leiterin die Herausgabe der Viktoria. Die "Begründung": sie sollte anläßlich des Zusammenschlusses der beiden deutschen Fußballverbände - geplant war für diesen Anlaß bekanntlich ein Spiel beider Auswahlmannschaften in Leipzig, was jedoch nie stattfand - auf dem Dach eines Trabants ins Stadion gefahren werden. Es läßt sich heute nicht mehr mit letzter Sicherheit belegen, wer auf diese abenteuerliche Idee gekommen war, denn verständlicherweise hat bei allen Beteiligten die Erinnerung zu diesem Punkt stark nachgelassen. Schriftliche Unterlagen sind nicht vorhanden. Als Leiterin des Sammlungszentrums lehnte ich das absurde Projekt ab. Immerhin war die Viktoria inzwischen Museumsgut und für zirzensische Darbierungen denkbar ungeeignet.
Generalsekretär Gerhardt wandte sich am 17.11.1990 erneut an die Senatsverwaltung für kulturelle Angelegenheiten und wiederholte die Eigentumsansprüche des DFB. Er verlangte die sofortige Herausgabe.
24 Stunden später begann der vorläufig letzte Akt der an Turbulenzen reichen Geschichte der Viktoria. Der "Beitritt" der DDR war inzwischen vollzogen und das Westberliner Forum für Sportgeschichte - Geschäftsführer war dort ein gewisser Gerd Steins - und das Sportmuseum Berlin, dessen Leiterin ich noch war, arbeiteten in gewissen Bereichen zusammen. Am Sonntag,
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dem 18. November 1990 alarmierte mich Steins telefonisch, die Viktoria sei durch eine zu erwartende einstweilige Verfügung des DFB in Gefahr und müsse aus Sicherheitsgründen nach West-Berlin verbracht werden.
Am 19. November holten wir den Kasten mit der Figur aus dem Fundus des Sammlungszentrum in Niederlehme und transportierten sie mit dem Auto in ein Haus des Jugendaufbauwerkes in Spandau. Dort war Herr Steins als Lehrer tätig.
Nachdem ich mich eingehend mit der Rechtslage vertraut gemacht und Zweifel an der - so Steins - "drohenden Beschlagnahme" der Viktoria durch den DFB hatte, wandte ich mich in einem Brief direkt an den DFB-Präsidenten Hermann Neuberger und teilte ihm mit: "Da sich die Trophäe derzeit im Besitz der Sammlung des künftigen Berliner Sportmuseums befindet, müßte nach Ansicht der von mir konsultierten Anwälte ein formloses Übergabeprotokoll gefertigt werden und dann könnte die Figur dem DFB ausgehändigt werden."19) Hermann Neuberger bedankte sich am 13.12. 1990 für meine Bemühungen und lud mich sogar als Ehrengast zum DFB-Pokalendspiel 1991 ins Berliner Olympiastadion ein.20)
Bald darauf fand sich die Viktoria in den Schlagzeilen der Boule-vardblätter - und ich als ihre angebliche Diebin. Man wird verstehen, wenn ich mich persönlicher Kommentare dazu enthalte und die Ereignisse aus Agenturmeldungen zu rekonstruieren versuche.
DAS ENDE EINER PROVINZ-POSSE
Beginnen wir mit dem Ende. SID meldete am 28. Februar 1991:
"Berlin (sid) Die Siegesgöttin 'Viktoria' ist wieder da. Am Montag mittag wird der Berliner Amateur-Historiker Gerd Steins, Geschäfts-führer des Forums für Sportgeschichte e.V., der Polizei die 1,15 m große Trophäe aushändigen. Damit endet eine Provinz-Posse: Seit drei Wochen fahnden Museumswärter, Kultur-Beamte und Polizisten nach dem Kunstobjekt, das als Wanderpreis des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) von 1903 bis 1944 den Meistermannschaften überreicht wurde.
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Die 'Viktoria' war seit dem 19. November 1990 verschwunden. An diesem Tag wurde der Kunstschatz aus verkupfertem Zink auf Vor-schlag von Steins aus dem Sammlungszentrum des damaligen DDR-Sportmuseums Niederlehme/Kreis Königs Wusterhausen nach Berlin gebracht. Die Siegesgöttin wurde in eine Holzkiste gepackt und einige Zeit im Jugendaufbauwerk Berlin-Spandau versteckt.
Grund für die Bergung war das Tauziehen zwischen dem Land Berlin, dem DFB und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Alle drei machten Eigentumsansprüche geltend, auch das Deutsche Sportmuseum in Köln wollte sich die heißbegehrte Trophäe einverleiben.
Der DFB scheint die besten Karten zu haben, weil ihn eine Besitzurkunde von 1925 als Eigentümer ausweist. Dieses Testat sandte die ehemalige Sportmuseums-Leiterin Irene Salomon, die einige Tage als Kunsträuberin verdächtigt wurde, bereits vor drei Monaten an DFB-Präsident Hermann Neuberger.
'Wir wollen die Viktoria haben', erklärt DFB-Pressesprecher Wolf-gang Niersbach. 'Sie hat einen sehr hohen ideellen Wert, ist ein Kulturgut des deutschen Fußballs.' Die 'Viktoria' soll alljährlich neben der Meisterschale als Wanderpreis an den Bundesliga-Sieger verliehen werden.
Bereits am 9. Oktober 1990 hatte der damals noch bestehende DDR-Fußballverband im Auftrag des DFB um Herausgabe der Trophäe gebeten. Sie sollte vor Anpfiff des Länderspiels von Weltmeister Deutschland gegen die ostdeutsche Verbands-Auswahl am 21. November 1990 vom Dach eines Autos strahlend durchs Leipziger Zentralstadion gefahren werden. Frau Salomon lehnte dies ab.
Der DFB und der Berliner Senat starteten einen langwierigen Schriftwechsel, um sich über Eigentums-Vorbehalte zu streiten. Für die 50jährige Museumspädagogin Salomon, die von 1960 bis 1968 für die damalige DDR 76 Basketball-Länderspiele bestritt, begann der Ärger erst, als sie am 3. Januar von ihrem Amt als Museumsleiterin abberufen wurde. 'Ich erhielt sofort Hausverbot. Ein Übergabe-Protokoll, auf dessen Erstellung ich bestand, wollte niemand haben.'
Nachfolger Jürgen Lüttke stellte den Verlust der Trophäe erst fest, als am 31. Januar das Zweite Deutsche Fernsehen eine Lichtprobe
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für den Glücksengel machen wollte. Schriftliche Unterlagen, daß es die 'Viktoria' überhaupt gibt, fand er nicht.
Die Viktoria ist bereits zum drittenmal verschwunden, seitdem sie um die Jahrhundertwende gegossen wurde: 1945 hatte sie ein Gärtner, Fan des letzten Preisträgers Dresdner SC, versteckt und fiel dann auf einen Trickbetrüger herein: In höchster Eile konnte die Figur auf dem Dresdner Hauptbahnhof sichergestellt werden. Dann verschwand sie bis zur politischen Wende in der damaligen DDR als 'bürgerliches Relikt' in einem Kohlenkeller des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport."21)
72 Stunden vor dieser Nachricht hatten Lüttke für das Sportmuseum Berlin und Steins für das Forum für Sportgeschichte eine ungewöhnliche "Gemeinsame Presseerklärung" abgegeben: Es stimmten allenfalls die angegeben Adressen und das Datum! Hier der Wortlaut - und nun doch einige kommentierende Sätze von mir- :
"Viktoria war nie 'verschwunden'!
1. Aufgrund der zwischen dem Sammlungszentrum Zentrales Sportmuseum der DDR, dem heutigen Sport Museum Berlin und dem Forum für Sportgeschichte in Berlin geschlossenen Rahmen-Arbeitsvereinbarung vom 14. Mai 1990. Absatz 3.: Austausch von Leihgaben, ist im November 1990 dem Geschäftsführer des Forums für Sportgeschichte auf Ersuchen der damaligen Leiterin Frau I. Salomon der Fußballpokal Viktoria übergeben worden, um folgende Aufgaben für das Sportmuseum Berlin durchzuführen
a. Erstellung eines kunst- bzw. sporthistorischen Gutachtens über den Pokal,
b. Finanzierung und Beibringung eines Materialgutachtens zur Klä-rung der Transport- und Aufbewahrungsbedingungen,
c. im Jugendaufbauwerk Berlin auf Kosten des Sportmuseums eine spezielle Klimakiste anfertigen zu lassen,
d. die Viktoria an einem den Materialbedingungen entsprechenden Ort sicher aufzubewahren,
Frau Salomon wurde Anfang Januar 1991 von der Leitungsfunktion im Sportmuseum entbunden und hatte ihren Nachfolger, Herrn Dr. J. Lüttke, weder mündlich über diesen Tatbestand informiert noch die in ihrem Besitz befindlichen Geschäftsunterlagen übergeben.
Aufgrund dieses lnformationsdefizites kam es zu der bekannten "Anzeige wegen eines angeblichen Diebstahls", der dann weitere
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verschiedene "Sensationsmeldungen" in den Medien folgten, die durch widerspruchsvolle Auskünfte der ehemaligen Leiterin Frau Salomon erheblich aufgebauscht wurden.
Alle in diesem Zusammenhang geäußerten Spekulationen über den "Verlust" und jetzigen Standort der Viktoria entsprechen nicht den Tatsachen.
Der Geschäftsführer des Forums für Sportgeschichte, Herr G. Steins, hat aufgrund eines Artikels im Tagesspiegel vom 20. Februar 1991 sofort versucht, Herrn Dr. Lüttke zu erreichen, was aber erst am 21.2. gelang. Es ist in Kulturgutangelegenheiten selbstverständlich, daß zuerst die Betroffenen unmittelbar informiert werden und nicht der mittelbare Weg über die Medien gesucht wird.
2. Es besteht zwischen dem Sportmuseum Berlin und dem Forum für Sportgeschichte darüber Einvernehmen, daß der Fußballpokal bis zum Abschluß der unter a. und b. genannten Maßnahmen weder der Öffentlichkeit präsentiert werden kann noch der Aufbewahrungsort des streitbefangenen Objektes bekanntgegeben wird.
Die Viktoria wird neben zahlreichen anderen Schätzen des Sportmuseums zu gegebener Zeit anläßlich der öffentlichen Vorstellung des Buches:
Das Sportmuseum Berlin.
Schätze aus der Olympiastadt Berlin.
144 Seiten, 180 Abbildungen, davon 100 farbig. Ladenpreis: 24,80 DM.
Vorbestellpreis beim Sportmuseum bis zum 30. April: 19,80 DM.
in Berlin in einer Sonderausstellung präsentiert werden."22)
Dazu von meiner Seite:
1. Ich habe niemanden ersucht, weder die Viktoria zu übernehmen, noch ein Gutachten anzufertigen, noch für die Finanzierung der Aufbewahrungsbedingungen oder eine spezielle Klimakiste zu sorgen.
Wahr ist dagegen: Herr Steins hat mich dringend ersucht, ihm die Viktoria auszuhändigen und sie in meinem Beisein und mit dem Kommentar: "Dort ist sie sicher!" in Spandau entgegengenommen.
2. Das Informationsdefizit - so es überhaupt entstanden sein sollte - ergab sich daraus, daß mir Herr Lüttke Hausverbot erteilte. Wie sollte ich ihn über irgendetwas informieren, wenn ich das Haus, in dem er saß, nicht mehr betreten durfte. Im übrigen wußte Herr
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Lüttke natürlich sehr gut, daß die Viktoria in unserem Register stand.
3. Daß ich die in Umlauf gesetzte Behauptung, ich hätte die Viktoria "gestohlen" dementierte, wurde nach Klärung des Sachverhalts auch von der Polizei nicht nur akzeptiert, sondern als meine Pflicht betrachtet.
4. Nach dieser Erklärung waren Lüttke-Steins noch am 25. Februar nicht bereit, den Aufbewahrungsort zu offenbaren. Für Museums-"Direktoren" eine einmalige Haltung.
5. Offen blieb bis heute die nie beantwortete Frage, warum die Viktoria ausgerechnet zusammen mit einem Buch präsentiert werden sollte. Vielleicht sollte man hinzufügen, daß der Autor dieses Buches niemand anders als Herr Steins war. So ist der Verdacht nicht auszuräumen, daß die Viktoria in ihrer bewegten Geschichte in betagtem Alter auch noch einem ehrgeizigen Buchautoren als Werbehelfer dienen sollte.
EIN SENATOR INTERVENIERT
Daß es dazu nicht kam, war der Intervention des Berliner Kultursenators Ulrich Roloff-Momin zuzuschreiben, der noch am gleichen Tag, da Lüttke und Steins mitgeteilt hatten, daß der Aufbewahrungsort der Viktoria vorerst nicht gelüftet werde, in einer Presseerklärung forderte: "Die Versteckspiel-Posse... muß schleunigst ein Ende finden." 24 Stunden später wurde mitgeteilt, daß die Viktoria für einen Fototermin am 26. Februar zwischen 11 und 14 Uhr zur Verfügung steht.
Beim DFB-Pokalendspiel 1992 wurde die Viktoria dann vom Senat an den DFB übergeben und seitdem kann man sie im Foyer des DFB-Hauses bewundern. Man darf wohl einigermaßen sicher sein, daß die bewegtesten Jahre der so karg bekleideten Dame endgültig vorüber sind. In fünf Jahren kann man ihren hundertsten Geburtstag feiern!
ANMERKUNGEN
1) Museumsjournal, Berlin 1/1991 S. 33
2) "Ethos und Pathos", Katalog 1990, 2. Band S. 230
3) Ebenda, S. 231
4) Museumsjournal, Berlin 1/1991 S. 34
5) Ursel Berger im Katalog zur "Antigua '88" Berlin.
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6) Museumsjournal, Berlin 1/1991 S. 34
7) Lennartz, Geschichte des Reichsausschusses für Olympische
Spiele, Heft 2, Bonn 1983; S. 55
8) Ebenda
9) Schön, Fußball; Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1978, S. 122
10) Junge Welt 14./15. April 1990, S. 12
11) Schön, Fußball; Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1978, S. 140
12) Aussageprotokoll vom 1. Mai 1995 von Dr. Klaus Huhn im
Privatbesitz der Autorin
13) Junge Welt 14./15. April 1990, S. 12
14) Aussageprotokoll vom 1. Mai 1995 von Dr. Klaus Huhn im
Privatbesitz der Autorin
15) Junge Welt 14./15. April 1990, S. 12
16) Junge Welt 14./15. April 1990, S. 12
17) Schön, Fußball; Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1978, S. 140
18) Schön, Fußball; Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1978, S. 141
19) Brief im Privatbesitz der Autorin
20) Antwort Neubergers im Privatbesitz der Autorin
21) SID-Nachricht 404 vom 28. Februar 1991
22) Gemeinsame Presseerklärung des Sportmuseums Berlin und des
Forums für Sportgeschichte vom 25. Februar 1991.
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Ein olympisches Kapitel
Von KURT EDEL (1920 - 1987)
Kurt Edel war ein erfolgreicher Leichtathlet, übernahm nach Kriegsende Funktionen im kommunalen Sport, später in der neugegründeten demokratischen Sportbewegung und im DTSB. Er war von 1951 bis 1955 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der DDR und erlebte hautnah den Kampf um die internationale Anerkennung des DDR-Sports. Freunden hinterließ er seine 1982 geschriebenen Erinnerun-gen an diese Zeit. Da von Sporthistorikern - vornehmlich aus den alten Bundesländern - Zweifel an der Echtheit der Edel-Papiere geübt wurde, entschloß sich die Redaktion, die hier vorliegende Fassung von Kurt Edels Witwe als die einzig legitimierte Fassung bestätigen zu lassen.
In meiner Heimatstadt, in Weißenfels, gab es nach dem Abzug der USA-Truppen (August 1945) die ersten kleinen Ansätze für eine antifaschistische Volkssportbewegung. Unter Führung von antifaschistischen Sportlern entstand damals in Weißenfels ein kommunales Sportamt - Mitarbeiter war u. a. Gerhard Michael. Unter seiner Anleitung wurden die städtischen Sportanlagen wiederhergestellt. Am 19. April 1946 fand in Berlin gegen Weißenfels das Städtespiel im Handball (10:6) vor 30.000 Zuschauern statt.
Mit der Gründung von Spartenleitungen wurde der Spiel- und Sportbetrieb immer organisierter durchgeführt. Es muß festgestellt werden, daß dieser Sportbetrieb nur möglich wurde durch die Un-terstützung der sowjetischen Freunde (Sportoffiziere).
Bei Leichtathletik-Wettkämpfen erzielte ich 1945 über 100 m eine Zeit von 11,5 s und über 200 m 23.8 s.
Im September 1945 nahm ich am Hochschulinstitut für Leibesübung der Universität Halle ein Turnlehrerstudium auf. Die Situation war Anfang Januar 1946 dadurch gekennzeichnet, daß das Hochschulinstitut erst einmal für unbestimmte Zeit geschlossen wurde. Trotz vieler Schwierigkeiten gelang es mir Anfang April 1946, eine Aufnahme am Institut für Leibesübungen in Hamburg mit Unterstützung der Leichtathletik-Abteilung des HSV zu
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erreichen. Im weiteren Verlauf meiner Turnlehrerausbildung in Hamburg war ich aktiv in der Leichtathletik für den Hamburger Sportverein tätig. Meine besten Leistungen in der Saison 1946 waren 22,8 s. über 200 m, 49,0 s. über 400 m und 1:58,4 min. über 800 m.
In der weiteren Folge meines Aufenthalts in Hamburg (meine Familie war in Weißenfels) kam es zu einer wichtigen persönlichen Entscheidung: aufgrund von persönlichen Motiven und der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage kehrte ich Anfang September 1946 wieder nach Weißenfels zurück. Hinzu kam, daß ich die politische Entwicklung in den westlichen Besatzungszonen illusionslos einschätzte und mir darüber eigene Gedanken machte. Diese Konsequenz sollte die Grundlage für meine weitere persönliche Entwicklung werden.
In der Folgezeit erhielt ich eine Reihe von Einladungebriefen aus Westdeutschland (1860 München, Eintracht Frankfurt und Werder Bremen), die von mir abschlägig beantwortet wurden. Während meines Aufenthaltes in Hamburg und bei meinen Starts in den drei westlichen Besatzungszonen hatte ich eine ganze Reihe von Funk-tionären und Spitzensportlern kennengelernt, u.a. Dr. Max Danz (war zu dieser Zeit Kreisvorsitzender Leichtathletik in Kassel), Gerhard Stöck, August Kirsch (startete für Rot-Weiß Oberhausen). Prof. Dr. Reindell und den späteren hauptamtlichen Leiter des Sportreferats der BRD-Regierung, Hansheinrich Sievert, sowie zahlreiche Sportjournalisten.
In April 1947 trat ich in die Reihen der Deutschen Volkspolizei ein. Ich wurde verantwortlicher Mitarbeiter für die körperliche Ausbildung bei der Landespolizeibehörde Brandenburg mit Sitz in Potsdam. Vor der Gründung den Deutschen Sportausschusses existierten nur in einzelnen Dienststellen und Diensteinheiten der Volkspolizei, wie in Leipzig, Potsdam, Schwerin, Chemnitz (Karl-Marx-Stadt), Cottbus, Magdeburg und Merseburg Sportorganisationen. Nach dem Aufruf der Deutschen Verwaltung des Innern, in allen Dienststellen und Diensteinheiten der Volks-polizei Sportgemeinschaften zu gründen, wurden Ende 1949 über 200 Volkspolizeisportgemeinschaften registriert. Die zahlreichen Vergleichskämpfe, Polizeisportfeste und Meisterschaften ab 1947 halfen wirksam, das Vertrauensverhältnis zwischen der Volkspolizei und den demokratischen Kräften zu stärken. In Vor-
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bereitung auf ein großes Sportfest der Roten Armee erhielt ich von der SMAD Land Brandenburg den Auftrag (Mai 1949), die Vorbereitung der sowjetischen Sportler in der Leichtathletik in Potsdam zu übernehmen. Aufgrund meiner eigenen Vorbereitung auf die II. Weltfestspiele in Budapest (14. - 28. August 1949) übernahm mein damaliger Mitstreiter Willi Lehmann das Vorbereitungstraining der sowjetischen Sportler.
Anläßlich des III.Parlaments der FDJ in Leipzig (1. - 6. Juni 1949) fand ein großes Sportfest der Jugend statt. Hier gewann unsere Vertretung der VP-SG Potsdam die 10 x 200-m-Staffel der Landes-sportausschüsse für das Land Brandenburg.
Nach meiner Heimkehr von Leipzig wurde ich am 8. Juni 1949 zum Chefinspektor Richard Staimer (Chef der Landespolizeibehörde Land Brandenburg) bestellt. Hier wurde mir mitgeteilt, daß eine gezielte Meldung in der Westberliner Zeitung "Kurier" vom 3. Juni 1949, Nr. 128, enthalten war. Es hieß darin: "Oberst Edel hat es satt - Brandenburg (Eigener Bericht). Der Organisationsleiter des Sportausschusses der Ostzonenpolizei, Oberst Edel, hat seinen Posten aufgegeben und ist in die Westzonen geflüchtet. Zu Sportlern äußerte er vor seine Abreise, er habe es satt, sich ständig vom SMAD kommandieren zu lassen."...
Es ist nur sehr wenigen bekannt geworden, daß die Aktivitäten der CIA und ihrer damaligen deutschen Handlanger gerade von Westberlin aus Anfang der 50er Jahre dazu beitragen sollten, den im Aufbau befindlichen "Deutschen Sportausschuß" zu "unterwandern"...
Der Höhepunkt meiner dreijährigen Tätigkeit bei der Deutschen Volkspolizei war, als auf dem damaligen Potsdamer Lustgarten das neuerbaute "Ernst-Thälmann-Stadion" am 4. Juli 1949 eingeweiht wurde.
Besonders erfreulich war für mich, daß die Leichtathleten der VP-SG Potsdam bei den 2. Zonenmeisterschaften in der Leichtathletik in Jena erneut ihre Leistungsstärke demonstrieren konnten. Am 28. November 1949 erfolgte auf Anforderung des Amtes für Jugendfragen und Leibesübungen meine Freigabe von seiten der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei. Zum letzten Mal zog ich meine Rennschuhe bei den Wettkämpfen mit internationaler Beteiligung anläßlich des I. Deutschlandtreffens der Jugend an.
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Seit Anfang Mai 1950 war ich beim Deutschen Sportausschuß als Spartenleiter Leichtathletik tätig.
Auf Einladung des Allunions-Komitees für Körperkultur und Sport der UdSSR weilte ich 1950 von 31.10. bis 14. 12. mit der ersten Studiendelegation 46 Tage in der Sowjetunion zu einem Erfah-rungsaustausch. Reich an Erfahrungen und Erkenntnissen kehrte ich in die Republik zurück.
Der damalige stellv. Leiter das Allunions-Komitees, Genosse Konstantin Adrianow, und der Leiter der Abteilung Internationale Verbindung, Genosse P. Sobolew haben uns mehrfach während unseres Aufenthaltes in der UdSSR bei Gesprächen sehr eindringlich darauf hingewiesen, daß es für die Sportleitung der DDR an der Zeit ist, sich Gedanken über die Gründung eines Nationalen Olympischen Komitees (das westdeutsche NOK war bereits am 24. 9. 1949 gegründet worden) zu machen. Genosse Adrianows zielbewußte Empfehlung und Hinweise an die Sportleitung der DDR machten schnelles Handeln notwendig, weil der IOC-Kongreß vom 3. 5. bis 7. 5. 1951 in Wien stattfand. Bis zu diesem Zeitpunkt (Ende 1950) hatte sich die Sportleitung der DDR noch nicht mit diesem wichtigen Problem befaßt. Das westdeutsche NOK wurde bereits in Kopenhagen 1950 pro-visorisch vom IOC anerkannt - 1951 in Wien stand die vollgültige Anerkennung bevor.
In der Entschließung der 5.Tagung des ZK der SED vom 15. bis 17. 3. 1951 über "Die Aufgaben auf dem Gebiet der Körperkultur und des Sports" wurde u. a. gesagt: "Im Interesse eines gesamtdeutschen Sportverkehrs mit der gesamtdeutschen Vertretung im internationalen Maßstab mit dem Ziel, auf einer gemeinsamen Grundlage enge, freundschaftliche Beziehungen zu den Sportlern aller Völker herzustellen und zu vertiefen, ist die Bildung eines gesamtdeutschen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) anzustreben.' 1)
Mit dieser Entschließung wurde der Deutsche Sportausschuß (DS) zu einer selbständigen Organisation erklärt. Gleichzeitig erhielten die Sportler den Auftrag, friedliche und freundschaftliche Beziehungen mit der Sowjetunion und den volksdemokratischen Ländern und allen friedlichen Völkern zu pflegen, um die Aufnahme der Sektionen in die internationalen Sportfachverbände (das ist die
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Grundlage für die Anerkennung eines NOK) in die Wege zu leiten. 2)
Die demokratische Entwicklung der Sportbewegung der DDR nach der Zerschlagung des Faschismus und der Beseitigung seiner Grundlagen machte den Weg frei für eine freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Sportlern aller Länder.
Der Friedenswillen unserer Sportler und die Anerkennung der DDR durch die friedlichen Nationen schufen damals die Grundlage, daß die Sportler der DDR nach Jahren der Isolierung in den Kreis der olympischen Bewegung eintraten und die Teilnahme an den XV. Olympischen Spielen in Helsinki vorbereiten konnten. Diese Situation machte die Gründung des NOK der DDR notwendig, um damit die Grundlagen für die Bildung eines gesamtdeutschen NOK zu schaffen.
DIE VERSUCHE DER BRD-SPORTFÜHRUNG, DIE ANERKENNUNG DES NOK DER DDR ZU VERHINDERN
In Westdeutschland vollzog sich nach 1945 eine grundsätzlich an-dere Entwicklung des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Nach der Bildung der Bundesrepublik Deutschland verkündeten die westdeutschen Imperialisten ihr Programm der Revanche und Auf-rüstung. Die Zielstellung war die gewaltsame Eroberung der DDR und die Wiederherstellung der kapitalistischen Verhältnisse. Der Bonner Regierungschef Adenauer legte bereits am 20. 9. 1949 vor dem Bonner Bundestag die Grundlage seiner außenpolitischen Konzeption wie folgt dar: "Die Bundesrepublik Deutschland ist allein befugt, für das deutsche Volk zu sprechen." 3)
Die große Mehrheit der westdeutschen Sportführung unterstützte vom ersten Tage ihres Bestehens an die Politik der Bonner Regie-rung,
Im Gegensatz zur damaligen sowjetischen Besatzungszone, in der auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens alle nazistischen Organisationen verboten und zerschlagen wurden, blieben in den drei westlichen Besatzungszonen die Organe des NSRL in ihren untersten Zellen erhalten. Gleichzeitig wurde die Organisationsform des faschistischen Sports unter Duldung der westlichen Besatzungsmächte mit dem alten Namen, den alten Satzungen und zum großen Teil den alten Vorständen beibehalten.
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Die damit verfolgten Absichten, die mit dem Wiederaufbau der al-ten Vereine verbunden waren, traten erst an die Öffentlichkeit in den Jahren von 1947 - 1949, als die antifaschistisch-demkokratischen Kräfte beiseitegedrängt und der westdeutsche Sport nach den Vorstellungen der Bonner reaktionären Kräfte umorganisiert wurde. Der Sporthistoriker Prof. Dr. Arnd Krüger skizziert in seinem Buch "Sport und Politik" die neuen "alten" Vereine im damaligen Westdeutschland: "So änderte sich im Sport der Westzonen relativ wenig. Die Vereine wurden wieder aufgebaut, vom selben Personenkreis, ja nach einer kurzen Übergangezeit, die meist nicht länger als bis 1948 dauerte, sogar personell unter der alten 'Führung', mit der sie bis 1945 im NS-Reichsbund agiert hatten."4)
An gleicher Stelle berichtet A. Krüger über die "Männer der ersten Stunde in Westdeutschland. Hier schreibt er: "Hier setzten sich in den Westzonen die 'Männer der ersten Stunde' durch. Ihr Vorteil war es, eine positive Antwort für ihre örtliche Situation zu haben und dazu noch - was besonders wichtig war - im damaligen Rahmen finanzielle Unabhängigkeit, Initiative und später auch Ellenbogen. Zu diesen 'Männern der ersten Stunde' zählte auch Willi Daume. Zu Kriegsende befand er sich in Dortmund, war ehemals prominenter Aktiver des TV Einigkeit Dortmund. Er besaß ein kleineres Eisenwerk, war finanziell nicht wohlhabend, aber in der Zeit, in der der Tauschhandel blühte, unabhängig. Er konnte als politisch relativ unbelastet gelten, da er seit 1944 als Gau-Fachwart für Handball eine untergeordnete Stellung in NS-Reichsbund eingenommen hatte.
Als Handballer pflegte er einen, was den militärischen Wert betraf, harmlosen Sport, den niemand zu verbieten trachtete, wie Schießen, Fechten, Boxen, und der mit bescheidenen Mitteln, einem Ball, auskam. Außerdem hatte Daume schon bei früheren Gelegenheiten die Fähigkeit entwickelt, 'Marktlücken' geschickt zu nutzen,
Als für die Olympischen Spiele 1936 relativ kurzfristig eine Basket-Nationalmannschaft für die Olympiateilnahme benötigt wurde, stellte sich Handballer-Daume neben anderen zur Verfügung. Er verfügte zwar nicht über die wünschenswerte Körpergröße, aber über genügend finanzielle Unabhängigkeit." 5)
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Die Spaltung des deutschen Sports wurde damit schon vor der Gründung des westdeutschen Staates durch die herrschenden Kreise der Westzonen Deutschlands und der westlichen Besat-zungsmächte eingeleitet. Mit der Bildung des Bonner Staates in September 1949 waren im Widerspruch zu den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens die Vorbereitungen zum Wiederaufbau der bürgerlichen Sportverbände abgeschlossen.
Willi Ph. Knecht, der in den letzten zwei Jahrzehnten als "Spezialist für den DDR-Sport" auftritt, berichtet in seiner Dokumentation "Entwicklungen des Sports in Deutschlands über den Aufbau des BRD-Sports nach 1945." Hier heißt es: "Berücksichtigt man die ausgesprochene Vorliebe der Deutschen für Organisation, dann erscheint es bemerkenswert, wie lange der westdeutsche Sport gerade während der Periode seines Neubeginns nach der Auflösung aller Turn-und Sportvereine durch die Kontrollrats-Direktive Nr. 23 von 17. Dezember 1946 ohne festgefügten Apparat auskam. In den meisten Sportarten war der Meinterschaftsbetrieb längst im vollen Gange, als sich am 17. und 18. April 1948 in München die Vertreter aller Landessportbünde der britischen und amerikanischen Besatzungszone mit den Führungsgremien der schon bestehenden 15 Arbeitsgemein-schaften der Fachverbände trafen.
Die Sportoffiziere erlaubten die Gründung einer Arbeitsgemein-schaft für den deutschen Sport. Damit war der Grundstein für die künftige Selbstverwaltung des bundesdeutschen Sports gelegt." 6)
Durch Einsprüche der westlichen Alliierten und besondere Quere-len (Machtkämpfe zwischen den alten faschistischen Sportfunktionären - hier besonders Dr. Diem und der jüngeren Generation vertreten durch Dr. Danz und Willi Daume) verzögerte sich die Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB) bis zum 10.Dezember 1950 in Hannover.
Knecht schildert in seiner Dokumentation "Entwicklung des Sports in Deutschland" die Gründung des DSB: "Hannover war am 10. Dezember 1950 Schauplatz der Gründung des Deutschen Sportbundes, zu dessen ersten Präsidenten die Delegierten Willi Daume wählten, Basketball-Olympionike von 1936 und am Tage des Festaktes von Hannover Präsident des Deutschen Handballbundes. Zwanzig Jahre später, bei seiner Abschiedsrede in Mainz, resümierte Willi Daume: 'Der Gründungsakt des DSB war
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fast eine Hochstapelei. Niemand wußte, was aus dem neuen Dachverband werden sollte. Und es wußte auch keiner, was aus ihm werden könnte. Die Delegierten, die damals zusammenkamen, waren die Führungskräfte der früher politisch neutralen Sportorganisationen - also der sogenannten bürgerlichen Sportverbände von früher, dann aber auch die Vertreter der von den Nationalsozialisten verbotenen und aufgelösten Deutschen Ju-gendkraft und des Deutschen Arbeiter-Turn-und Sportbundes."7)
Die führenden Kreise des westdeutschen Imperialismus, die zur damaligen Zeit wieder in den vollen Besitz der ökonomischen und staatlichen Macht gelangten, meldeten auch auf sportpolitischem Gebiet ihre alten Herrschaftsansprüche an.
So schrieb "Die Welt" vom 27. 9. 1949: "Die staatspolitische Ent-wicklung der Bundesrepublik verlangt vom Sport als ein integrierender Bestandteil unseres heutigen Kulturlebens notwendigerweise eine möglichst rasche Anpassung an die staatlichen Gegebenheiten." 8)
Es ist bezeichnend für die damalige Situation, daß der Reaktionär Dr. Carl Diem (Sportreferent der Bundesregierung und Schriftführer des westdeutschen NOK) die oben angeführte Grundkonzeption in die Tat umzusetzen versuchte.
Man hatte erkannt: Diem war genau der geeignete Mann, um durch seine Verbindungen die Wiedereinbeziehung der westdeutschen Sportorganisationen in den Kreis der internationalen Sportwelt auch gegen die Meinung der internationalen Sportöffentlichkeit durchzusetzen.
Trotz der Parteinahme des sich so gern "politisch neutral" geben-den IOC-Präsidenten Sigfrid Edström für C. Diem gab es zu dieser Zeit auch Kräfte, die zwar für die Wiederaufnahme des westdeut-schen Sports in die internationalen Sportorganisationen eintraten, aber gegen eine Wiedereinbeziehung ehemaliger faschistischer Sportführer in die Leitungen der westdeutschen Sportorganisationen waren.
Die auf der Gründungsversammlung dem NOK für Westdeutschland vorgelegten Satzungen (Statut) von 24. September 1949, die durch die 1. Hauptversammlung des NOK vom 6. November 1949 ergänzt wurden, sowie das Rundschreiben Nr. 1 vom 30. September 1949 enthalten keinerlei Angaben über
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die offizielle staatliche Bezeichnung (z. B. NOK der BRD) des Gebietes Westdeutschland. Hier heißt es u. a.:
"§ 1 Name und Aufgaben
Das am 24. September 1949 zu Bonn gegründete Nationale Olympische Komitee (NOK) hat die Teilnahme des deutschen Sports an Olympischen Spielen vorzubereiten und die übrigen Aufgaben zu übernehmen, die dem NOK vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zur Verbreitung des Olympischen Gedankens gestellt wurden."9)
Aufgrund besonderer Schwierigkeiten begab sich Dr. C. Diem Ende des Jahres 1949 auf eine Informationsreise in die Schweiz, um an Ort und Stelle mit offiziellen Kreisen des IOC eine taktische Linie für das weitere Vorgehen das westdeutschen NOK im Hinblick auf den IOC-Kongreß (1950) in Kopenhagen festzulegen.
In seinem Bericht über diese Reise schreibt er u. a.:"Das schweizerische olympische Komitee gab mir ein Essen, zu dem der Vorstand, Präsident Henninger, Sekretär Dr. Weymann und Schatzmeister Dr. Hafner, aus Genf herübergekommen war. Aus der Unterhaltung mit den Herren und den Brüdern Mayer (Otto Mayer, Kanzler des IOC und Albert Mayer, IOC-Mitglied) ergab sich, daß man bei der bevorstehenden Abstimmung über die Anerkennung des deutschen olympischen Komitees auf der Sitzung zu Kopenhagen mit einer Mehrheit für die deutsche Aufnahme rechnen kann.
Mayer bezeichnete dies als logische Folge des Beschlusses von Rom, die internationalen Fachverbände zur Aufnahme Deutschlands aufzufordern. (Mir - Diem - war bisher nicht bekannt, daß die Vollversammlung diesen Beschluß des Vorstandes angenommen hatte). Als unversöhnlicher Gegner wird immer wieder Seldrayers, Brüssel, benannt. Scharoo (Amsterdam) erklärt sich zwar auch gegen eine deutsche Aufnahme, beteiligt sich aber nicht an der Agitation. Das jetzige Argument gegen die Aufnahme ist die Zweiteilung Deutschlands. Man könnte nur ein wirklich deutsches Komitee aufnehmen, und zur Zeit sei Ostdeutschland nicht von dem jetzigen Nationalen Olympischen Komitee erfaßt. Hier scheint sich der Einfluß russischer Politik zu zeigen, der von den Satellitenstaaten aufgenommen und von den westlichen Mächten, soweit sie Deutschland ablehnen, verwendet wird." 10)
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Abschließend heißt es in Diems Reisebericht: "Als Gesamteindruck nahm ich den festen Willen des Schweizer Sports mit nach Hause, sich für eine Wiedereingliederung des deutschen Sports einzusetzen und ferner, daß wir eine europäische Akademie für Körpererziehung benötigen, in der alle europäischen Erfahrungen von Wissenschaft und Praxis zusammenfließen. Noch immer genießt Deutschland in dieser Hinsicht das größte Ver-trauen. Die äußeren Umstände für eine solche Einrichtung wären zwar in der Schweiz gegeben, doch fehlt es ihnen an Mut und Selbstvertrauen. Vorläufig könnten wir diese Aufgabe lösen, wenn wir sie nur anpacken wollten. Ebenso bedarf der europäische Sport einer losen Zusammenfassung, für die Deutschland der natürliche Mittelpunkt wäre."11)
Mit dieser Einschätzung Dr. Diems bestätigt sich, daß die west-deutschen Imperialisten schon 1949 erneut ihren Führungsanspruch in Europa auf dem Gebiete des Sports anmeldeten.
In Auswertung der Schweizer Beratungen zog das Präsidium des westdeutschen NOK eine Reihe von Schlußfolgerungen für seine weitere Arbeit. Es wurden u. a. die Durchführung eines Olympischen Werbetages und die Gründung einer Olympischen Gesellschaft für die BRD vorgesehen. 12)
Auf der Gründungsversammlung des Sommersportausschusses des NOK für Westdeutschland am 14. Januar 1950 in Frank-furt/Main erstattete Dr. Diem einen Bericht zur internationalen Lage. Er sagte: "Die Nichteinbeziehung der Ostzone in das NOK ebenso wie in die deutschen Sport-Fachverbände kann einen formellen Grund für die Nichtaufnahme Deutschlands in die internationalen Fachorganisationen ergeben. Es ist daher auf Verbindungen mit der Ostzone hinzuarbeiten. Die Aufnahme Deutschlands in das IOC (es gibt nur eine Anerkennung, d. A.) ist für die Wiederzulassung Deutschlands zum internationalen Sportverkehr von größter Bedeutung. Die Entscheidung darüber, ob ein Antrag auf Wiederzulassung an die betreffenden internationalen Verbände zu stellen ist oder ob ihnen nur die vollzogene Gründung des nationalen Sportverbandes mitzuteilen ist, muß den deutschen Fachverbänden überlassen bleiben, da die Verhältnisse im einzelnen sehr verschieden sind.
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Auf alle Fälle sollte nur dann ein Antrag auf Zulassung gestellt werden, wenn Deutschland aus dem betreffenden internationalen Verband ausgeschlossen wurde und nicht, wenn die Mitgliedschaft nur ruht." 13)
Die auf dieser Tagung entwickelte taktische Linie, mit den damali-gen Sektionen der DDR in Verbindung zu treten, sollte bei den internationalen Sportverbänden den Eindruck erwecken, daß die westdeutschen Aufnahmeanträge gesamtdeutschen Charakter tragen. Als Beispiel dafür sei angeführt, daß der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) der BRD Anfang April 1950 an den Deutschen Sportausschuß der DDR mit der Bitte herantrat, eine Beratung durchzuführen, die zum Ziele haben sollte, einen gesamt-deutschen Arbeitsausschuß in der Leichtathletik zu gründen. Dieser Arbeitsausschuß, der sich paritätisch zusammensetzte, wurde dann auch tatsächlich gegründet.14)
Es muß hier festgestellt werden, daß der DLV (BRD) auf dieser Beratung die DDR-Vertreter nicht darüber informierte, daß sein Aufnahmeantrag bereits gestellt wurde und Ende 1960 vor dem IAAF-Kongreß in Brüssel behandelt wurde. Auf der Brüsseler IAAF-Tagung trat Dr. Danz auf und erklärte, daß der Aufnahmeantrag des DLV (BRD) die Interessen aller deutschen Leichtathleten voll berücksichtige. Daraufhin erhob der sowjetische Vertreter Adrianow Einspruch und erklärte, daß seines Wissens die Leichtathleten der DDR nicht zum Bereich des DLV (BRD) gehörten und demzufolge die IAAF zwei deutsche Verbände (Aufnahmeantrag der Sektion Leichtathletik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gestellt) aufnehmen müsse.
Dr. Danz entgegnete, daß der in Berlin am 13. Mai 1950 gebildete gesamtdeutsche Arbeitsausschuß beiden Verbänden die Grundlage für ihre internationale Arbeit gibt. So beschloß die IAAF die Aufnahme des DLV (BRD). Entsprechend der am 14.1.1950 durch Dr. Diem gegebenen taktischen Linie hat der DLV (BRD) seine internationale Aufnahme unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die IAAF erschlichen.
Die führenden Kreise des westdeutschen Sports setzten Anfang des Jahres 1951 alles daran, mit Hilfe ihrer Freunde im IOC ihren Ausschließlichkeitsanspruch für ganz Deutschland durchzusetzen. Das ging sogar soweit, daß die bis dahin entwickelte taktische Linie
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- Verbindungen zu den Sektionen der DDR herzustellen - fallengelassen wurde. Hier zeigte sich besonders, daß die sogenannten Sonntagsreden über "Verständigungsbereitschaft" nie ernst gemeint waren...
Es ist sicher auch kein Zufall, daß von der westdeutschen Sportführung alles getan wurde, um zu verhindern, daß sich die echte Verständigungsbereitschaft des DDR-Sports, verbunden mit den Aktivitäten des damaligen Komitees für Einheit und Freiheit im deutschen Sport, weiterhin ausbreitete.
Angesichts dieser Tatsache ist ein Schreiben des 1. Vorsitzenden des DLV, Dr. Max Danz, von besonderem Interesse. Darin heißt es: "Der Oberweseler Beschluß war dringend notwendig; das verlangte schon die Selbstachtung des deutschen Sports (gemeint ist der BRD-Sport, d. A.). Die ostzonalen Sportfunktionäre irren sich, wenn sie nun glauben, daß die Aktiven nicht hinter diesem Beschluß ständen und der Sportverkehr trotzdem weiterginge. Es wird keinem Zweifel unterliegen, daß, so lange nicht drüben die Vernunft siegt und die wüsten Beschimpfungen, politischen Beeinflussungen sowie der Mißbrauch des Sports aufhören, es Gott sei's geklagt keinen gemeinsamen Sportverkehr mehr geben wird."15)
Heute, 1982, lamentieren die BRD-Medien in engen Einvernehmen mit der BRD-Sportführung, daß der gegenwärtige Sportverkehr zwischen der BRD und der DDR einen zu geringen Umfang hat - vor 30 Jahren waren die BRD-Sportführer sogar bereit (siehe Dr. Danz) den gemeinsamen Sportverkehr zu liquidieren. Der Schwerpunkt aller gegenwärtigen BRD-Aktivitäten im Sportverkehr mit der DDR liegt nicht bei Länderkämpfen oder sonstigen repräsentativen Sportaustauschen, sondern in den Plänen, Absichten und Methoden der DDR und ihrer sozialistischen Sportbewegung ständig Schaden zuzufügen.
In Auswertung der Diskussion über die Anerkennung des NOK der BRD in Kopenhagen (1950) ergaben sich im BRD-Lager eine ganze Reihe von Schlußfolgerungen, die zum Ergebnis hatten, daß der Vizepräsident, Dr. Max Danz, und der damalige Schatzmeister des NOK, Willi Daume, sich stärker in die Führungsarbeit einschalteten.
Die jüngeren Kräfte im NOK der BRD, die die gleichen Ziele verfolgten, aber unbelastet erschienen, waren sich einig, daß nicht
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nur international, sondern auch innerhalb des Sports in der BRD eine personelle Änderung in der Führung erfolgen müsse. Demzufolge versuchte man, Dr. Diem davon zu überzeugen, daß seine Mitwirkung (Abgabe einer Stellungnahme über die Verbrechen des deutschen Faschismus vor der Exekutive des IOC in Lausanne dem NOK der BRD in der internationalen Öffentlich-keit schaden werde. Dr. Diem, der zu dieser Zeit die gesamte Führungsarbeit des NOK der BRD auf seine Person konzentrierte, ließ sich nicht überzeugen, sondern verlangte, daß die NOK-Delegation nach Lausanne unter seiner Leitung stehen sollte.
Aus dem weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen mit Dr. Diem ergab sich immer eindeutiger, daß die personelle Situation im NOK der BRD einer Klärung entgegenging. Im Dezember 1950 wurden in rascher Folge zahlreiche Angriffe gegen die Vergangenheit von Dr. Diem intern dem Kanzler des IOC, Otto Mayer, übermittelt. Mit großer Hektik wurde von den jüngeren Kräften im NOK der BRD eine Aktion gestartet, die zur Folge hatte, daß Dr. Diem (trotz der Freundschaft zum IOC-Präsidenten Sigfrid Edström) sich mit ungewöhnlichen Maßnahmen zur Wehr setzte. Noch bevor Gegenmaßnahmen von Dr. Diem anliefen, entschlossen sich die jüngeren Kräfte im NOK der BRD zu einem höchst ungewöhnlichen Schritt: Sie teilten dem Kanzler des IOC, Otto Mayer, mit, daß sich ein Machtkampf zwischen der älteren Generation und den jungen unbelasteten Kräften im NOK der BRD abspielt. Diese Situation wäre aus dem Schicksal und dem tragischen Zusammenbruch des deutschen Volkes geboren worden. Wir müssen in Deutschland allein den Weg finden, um das uneingeschränkte Vertrauen und die Anerkennung aller Nationen wiederzufinden.16)
Die Widersprüche zwischen den BRD-Sportführern wurden mit der Aufstellung der Lausanner Delegation immer größer. In Berichten über vertrauliche Aussprachen zwischen jüngeren Präsidiumsmit-gliedern des NOK der BRD und dem Kanzler des IOC, Otto Mayer, heißt es: "Nach seinem Überblick werde Deutschland (BRD) be-stimmt in Helsinki dabei sein. In Kopenhagen wäre auch die Mit-arbeit belasteter Persönlichkeiten im deutschen Sport zur Sprache gekommen. Dies könne man aus dem Originalprotokoll entnehmen, das im Besitz der damaligen IOC-Mitglieder ist. Mayer war bekannt, daß im NOK eine jüngere und eine ältere Gruppe vertreten sei. Er betonte, daß weite Kreise des IOC Wert darauf
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legten, daß die jungen Kräfte nunmehr in Deutschland (BRD) in die Schlüsselstellungen vorrückten.
"Solange dies nicht der Fall wäre, würden immer noch internationale Fachverbände und einzelne Nationen Schwierigkeiten zur Aufnahme Deutschlands (BRD) bereiten. Otto Mayer hätte auch für 1948 die Sitte aufrecht erhalten, den Generalsekretär der vorhergehenden Spiele nach London einzuladen. Lord Burghley hätte die Einladung abgelehnt und da-raufhin hätte Präsident Edström die Einladung direkt übernommen. Der Präsident Edström vertrete gegenüber den älteren verdienten Persönlichkeiten in der deutschen olympischen Bewegung den Standpunkt größtmöglichster Toleranz.
Otto Mayer vertrat auch die Meinung, daß das IOC, falls ein Sitz für Deutschland (BRD) einmal frei werden würde, aus den Reihen der jungen Sportführergeneration ein unbelastetes Mitglied hinzuwählen müßte.
Aus dem weiteren Verlauf der vetraulichen Aussprachen ergab sich, daß auch über die Lage der sportlichen Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone gesprochen wurde. Dabei wurde die persönliche Meinung und Überzeugung von Otto Mayer bekräftigt, daß die in der BRD gegründeten deutschen Fachverbände die einzig legalen Vertreter für den deutschen Sport sein können."17)
Nach eingehender Beratung mit seinen engsten Mitarbeitern ent-schloß sich Dr. Diem, sich wegen der persönlichen Angriffe gegen seine Person seinem Freund, dem Präsidenten des IOC, Sigfrid Edström, anzuvertrauen. Der in seiner Zielrichtung eindeutige Versuch ließ jedoch erkennen, daß Dr. Diem trotz seiner politischen Aktivität in dem Führungsbereich des NOK der BRD keine große Unterstützung mehr fand. Besonderer Wert wurde von Dr. Diem darauf gelegt, den Methoden und Mitteln bestimmter Kreise im Sport der BRD zu begegnen. In seiner "Gegendar-stellung" beschuldigte er den damaligen Sportreferenten im Bundesvorstand der SPD, Heinrich Sorg (englische Emigration), der Denunziation bei den westlichen Alliierten.
Aufgrund dieser Situation entschloß sich Willi Daume (Präsident des DSB der BRD), den Anfang des Jahres 1950 aus einem sowjetischen Internierungelager zurückgekehrten Dr. von Halt zu bitten, im Interesse des Sports der BRD wieder mitzuarbeiten. Dr. von Halt hatte im Gegensatz zu Dr. Diem in den Kreisen des IOC
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und des BRD-Sports eine große Resonanz trotz seiner faschistischen Vergangenheit. Willi Daume hatte durch eine Anfrage beim Kanzler Mayer festgestellt, daß bis auf wenige Aus-nahmen alle IOC-Mitglieder mit großer Freude die Rückkehr Dr. von Halts in das internationale Sportleben erwarteten. Aufgrund des eindringlichen Appells erklärte sich Dr. von Halt bereit, in dieser für den BRD-Sport so entscheidenden Stunde wieder mitzuarbeiten und kurze Zeit später auch wieder die Leitung des NOK der BRD zu übernehmen.
Für die Delegation nach Lausanne wurde ein Kompromiß gefun-den: Dr. von Halt sollte die Leitung der Delegation übernehmen und Dr. Diem, Dr. Peco Bauwens, Willi Daume sowie Dr. Danz sollten ihn begleiten. Dazu kam es nicht, weil einige Delegierte von der Militärregierung die Pässe nicht bekamen.18)
Die vom IOC geforderte Erklärung wurde nun von den weniger belasteten Vertretern des NOK der BRD, Dr. Bauwens, dem Frankfurter Oberbürgermeister Dr. Kolb und dem Box-Präsidenten G. Dietrich, auf der Tagung der Exekutive des IOC an 20. 8. 1950 in Lausanne übergeben. Sie hatte folgenden Wortlaut: "Die deutsche Jugend mißbilligt die von den Verbrechern des Nazi-Regimes begangenen Grausamkeiten, die fast in der ganzen Welt so viel Leid verursacht haben. Sie drückt an dieser Stelle darüber ihr tiefes Bedauern aus. Sie hofft, sich bald mit der Sportjugend der ganzen Welt verbinden zu können, um den Beweis ihres Willens, für die Herstellung des Friedens zu arbeiten, das Endziel der Bemühungen des Wohltäters der Menschheit, des Barons de Coubertin, zu erbringen." 19)
Der geistige Vater dieser Erklärung allerdings war der inzwischen zum ehrenamtlichen Leiter des Sportreferats der Bonner Regierung berufene Dr. C. Diem.
Das Exekutiv-Komitee des IOC beschloß aufgrund dieser nichtssagenden Erklärung, dem 45. IOC-Kongreß eine Empfehlung zu unterbreiten. In dieser Erklärung heißt es:
"1. Die Exekutive nimmt das von der deutschen (BRD) Delegation zum Ausdruck gebrachte Bedauern an und wird in Übereinstimmung mit der deutschen Delegation den Text sowohl in seinem Bulletin veröffentlichen als auch der Presse übergeben.
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2. Die Exekutive wird einstimmig den IOC-Mitgliedern im Mai 1951 in Wien die endgültige Anerkennung des Deutschen Olympischen Komitees empfehlen.
3. Sie wird ebenfalls die Teilnahme deutscher Sportler an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki, nicht aber an den Olvmpi-schen Spielen (Winter) in Oslo empfehlen." 20)
Diese Empfehlung der Exekutive des IOC schuf dem imperialisti-schen Bonner Staat eine Plattform für seine außenpolitischen Ziele auf dem Gebiete des Sports.
Als mit der provisorischen Anerkennung in Kopenhagen das größte Hindernis aus dem Wege geräumt worden war, fand auch die erwartete Umgruppierung im NOK der BRD statt. Die Gruppe um Willi Daume hatte das Spiel der Intrigen für sich entschieden. Die hier behandelten Dokumente und Erkenntnisse beweisen eindeutig, daß es in diesem Intrigenspiel stets um Personen möglicherweise auch um bestimmte außerhalb des Sports stehende einflußreiche Gruppen, aber nicht um die Sache des BRD-Sports und der Sportler ging.
Die Entscheidung von Kopenhagen und die mit ihr in untrennbarem Zusammenhang stehende Umgruppierung der Leitungsmitglieder im NOK der BRD waren daqnn auch die Voraussetzung. um den "jungen Mann" des BRD-Sports, Willi Daume, der sich das Vertrauen der BRD-Regierung erworben hatte, im Dezember 1950 auf den Präsidentenstuhl des neugegründeten Deutschen Sportbundes (DSB) zu schieben.
DIE GRÜNDUNG DES NOK DER DDR
Am 22. 4. 1951 fanden sich in Stadthaus zu Berlin zahlreiche Persönlichkeiten, deren demokratische Gesinnung und Haltung be-kannt waren und die Vertreter der nationalen Sportsektionen zur Gründung des NOK der DDR zusammen. Dieses neu gebildete NOK der DDR stellte sich die Aufgabe, als olympische Vertretung eines souveränen und rechtmäßigen deutschen Staates die Interessen der Sportler beim IOC wahrzunehmen und auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem westdeutschen NOK zusammenzuarbeiten. Im Statut des NOK der DDR hieß es unter § 1 "Name und Aufgaben": "Das am 22. 4. 1951 in Berlin gegründete Nationale Olympische Komitee der Deutschen Demokratischen
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Republik ist der Repräsentant des olympischen Gedankengutes in der DDR. Seine Aufgabe sieht es darin, im Sinne der olympischen Ideen des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit, Baron de Coubertin, die Jugend über den sportlichen Wettstreit zur Völkerfreundschaft und für den Frieden zu erziehen.
Darum obliegt die verantwortungsvolle Mission, alle Kräfte einzu-setzen, um in Zusammenarbeit mit dem NOK der Bundesrepublik ein gemeinsames Olympisches Komitee für Gesamtdeutschland zu bilden." 21)
In Ergänzung des auf der Gründungsversammlung am 22.4.1961 zu Berlin beschlossenen Statuts wurde in der Zwischenzeit das Statut des NOK der DDR am 26.5.1967 und am 14.11.1979 überarbeitet. Das NOK der DDR informierte sowohl den Kanzler des IOC, Herrn Otto Mayer, sowie den Präsidenten des in der BRD bereits bestehenden NOK. Von der Gründungeversammlung wandte sich das NOK der DDR an das NOK der BRD und unterbreitete diesem den Vorschlag, über die Bildung eines gesamtdeutschen NOK zu beraten.
Entsprechend dem Bonner Ausschließlichkeitsanspruch lehnte das damals bereits provisorisch anerkannte olympische Komitee der BRD eine Beantwortung des Schreibens ab. Gleichzeitig wandte sich das NOK der DDR mit dem Antrag, international anerkannt zu werden, an das IOC.
Als der Antrag des NOK der DDR auf Anerkennung beim IOC ein-ging, wurde vom Präsidenten des NOK der BRD öffentlich darauf verwiesen, daß dieser Antrag nie Zustimmung finden könne, weil nach den olympischen Regeln in jedem Land nur ein NOK existieren dürfe. Mit dieser Äußerung sprach sich Dr. von Halt eindeutig gegen das von Coubertin stets durchgesetzte Prinzip der Gleichberechtigung aus. So wie er (von Halt) sich in der Zeit des Faschismus bedingungslos den verbrecherischen Zielen Hitlers unterworfen hatte, zeigte er sich auch jetzt in der BRD bereit, den Ausschließlichkeitsanspruch im internationalen Sport durchzu-setzen. Durch dieses provokatorische Auftreten bestätigte er die Meinung des NOK der DDR, daß er als IOC-Mitglied nicht nach olympischen Grundsätzen handelte.
In den Statuten des IOC wurde im Abschnitt 10 über die Mitglied-schaft eines IOC-Mitgliedes folgendes gesagt:
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"Die Mitglieder des IOC sind Vertreter des Komitees in ihren jeweiligen Ländern und nicht Delegierte ihrer Länder im Komitee. Sie können weder von den Regierungen ihrer Länder noch von anderer Seite irgendwelche Aufträge entgegennehmen, die geeignet sind, sie zu binden oder die Unabhängigkeit ihres Stimmrechte zu beeinträchtigen." 22)
Man muß hier feststellen, daß das langjährige IOC-Mitglied Dr. von Halt ständig die olympischen Regeln verletzte und damit die internationale olympische Bewegung diskreditierte.
Zur Charakterisierung Dr. von Halts: 1929 - Mitglied des IOC; 1933 - Mitglied des Organisationsausschusses, der die Aufgabe hatte, den deutschen Reichsausschuß für Leibesübungen zu liquidieren; 1936 - Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen; 1937 - Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bank; 1944 - Kommissarischer Reichssportführer; 1945 Kommandeur einer Volkssturmeinheit, die auf dem olympischen Reichssportfeld zusammengestellt wurde und Berlin mit verteidigen sollte. Außerdem war Dr. von Halt Brigadeführer der SA und gehörte zum Freundeskreis des Reichsführers SS Himmler. 23)
Aufgrund seiner faschistischen Vergangenheit war die Wiederauf-nahme Dr. von Halts in das IOC unvereinbar mit den Grundsätzen der internationalen olympischen Bewegung. Bezeichnend für die damalige Situation im IOC ist, daß maßgebliche Vertreter dieses Gremiums, u. a. der Amerikaner A. Brundage, die Rückkehr des Dr. von Halt stark förderten. Aufschlußreich ist. was die "Internationale Sportkorrespondenz Hamburg" (Herausgeber Friedrich Treder) am 15.4.1953 hierzu schrieb: "Avery Brundage hat nach dem Kriege die Verbindung mit Ritter von Halt schon vor der Wiederaufnahme Deutschlands in das Internationale Olympische Komitee wieder aufgenommen und ist dann auch 1951 bei dem IOC-Kongreß in Wien in erster Linie mit für eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Sport eingetreten." 24)
So wurde Dr. von Halt 1951 wieder in das IOC aufgenommen.
Die Arbeitsergebnisse unserer Sporthistoriker wurden, so beweis-kräftig und schlüssig sie in der Einschätzung auch sein mochten, von Dr. Arnd Krüger als stark überzogen betrachtet. Folgende Ge-genüberstellung zeigt hier die Position eines BRD-Sporthistorikers:
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"Im Gegensatz zu den Historikern der BRD konnten sich die Sport-historiker der DDR auf das Olympiaarchiv Potsdam stützen, in dem die Akten des Olympischen Komitees der Spiele 1936 ruhen. So schrieben besonders Horst Wetzel und Helmuth Westphal über die Olympischen Spiele und den 'Mißbrauch des Sports für die Interes-sen der Bourgeoisie', wobei sie sich weitgehend der Argumentation der Arbeitersportbewegung vor dem Kriege anschlossen. So gut dokumentiert die Arbeiten auch teilweise sind, so muß man ihnen doch häufig vorwerfen, daß sie nicht sine ira et studio geschrieben sind; denn in älteren Publikationen haben sie die Tendenz, besonders Diem, von Halt und von Mengden persönlich zu diskreditieren, die in der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik ihre Karrieren in der Sportführung fortsetzen konnten. Allerdinge hüteten sich die Historiker aus der DDR davor, das IOC anzugreifen, das die olympischen Spiele 1936 Deutschland nicht wegnahm, um sie einem anderen Land zu übertragen. Im Gegenteil. Schöbel verfaßte sogar eine Laudatio auf den IOC-Präsidenten Brundage, den damaligen Präsidenten des IOC, das durch seine Olympiateilnahme doch erst den Propaganda-Erfolg der Spiele möglich gemacht hat." 25)
Auf der Tagung des IOC vom 7. bis 9.5.1961 standen erstmalig zwei deutsche Anträge auf Anerkennung auf der Tagesordnung. Das NOK der BRD war seit dem 44. IOC-Kongreß (1950) proviso-risch anerkannt.
Das NOK der DDR, erst 14 Tage vor den IOC-Kongreß gegründet, hatte vor der Wiener Tagung nichts unversucht gelassen, um eine Einigung zwischen beiden deutschen NOK auf gleichberechtigter Grundlage herbeizuführen. Alle Vorschläge des NOK der DDR wurden vom NOK der BRD unbeantwortet gelassen. Die Erklärung Dr. von Halts gegenüber der Presse, daß der Antrag des NOK der DDR im IOC nie Zustimmung finden könne, stand im völligem Widerspruch zum Artikel 1 der olympischen Grundprin-zipien, in dem gesagt wird: "Keinerlei Unterschied wird einem Lande oder einer Person gegenüber aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen geduldet." 26)
Die Delegation des NOK der DDR versuchte trotz aller Störmaß-nahmen des NOK der BRD im Interesse der deutschen Sports eine Einigung zu erzielen. Am ersten Tage des Kongresses baten
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unsere Delegierten den IOC-Präsidenten Edström keine Be-schlüsse zu fassen, die einer Lösung des deutschen Problems ent-gegenstehen. Offensichtlich wurde aber in Wien, daß die Mehrheit der damaligen IOC-Mitglieder nicht bereit war, das neue demokrati-sche Deutschland (DDR) anzuerkennen. Am 8. 5. 1951 über-reichte der IOC-Präsident den Vertretern unseres NOK einen 4-Punkte-Vorschlag über die Lösung der deutschen olympischen Frage und die Entsendung einer gemeinsamen Mannschaft nach Helsinki. Die Vertreter unseres NOK machten Präsident Edström darauf aufmerksam, daß eine einseitige Anerkennung des NOK der BRD eine gemeinsame Mannschaft für Helsinki ausschließt. Präsident Edström versicherte uns, daß nur die Bildung eines gemeinsamen NOK die Voraussetzung für die Entsendung einer gesamtdeutschen Mannschaft zu den Olympischen Spielen schaffen kann. Er setzte am gleichen Tage, trotz der unserer Ver-tretung gegebenen Zusicherung, mit einem parlamentarischen Manöver die endgültige Anerkennung des NOK der BRD durch.
Die beiden IOC-Mitglieder Dr. von Halt und Herzog von Mecklen-burg (BRD) hatten ihre alten Verbindungen ausgenutzt und beim Kongreß die gezielte Falschmeldung verbreitet, daß die Deutschen sich geeinigt hätten und einer Anerkennung der BRD nichts mehr im Wege stünde. Damit wurde der Beschluß über die Anerkennung des NOK der BRD ein großes Betrugsmanöver. Der Beschluß lautete: "Anerkennung des Olympischen Komitees von Westdeutschland. Herr Edström informierte über die Aussprache, die das Exekutiv-Komitee entsprechend der in Kopenhagen getrof-fenen Entscheidung im August des vorigen Jahres in Lausanne geführt hat. Das Exekutiv-Komitee empfiehlt die vollgültige Anerkennung des Olympischen Komitees von Westdeutschland. Dieser Vorschlag wird angenommen und das Olympische Komitee von Westdeutschland ist somit endgültig anerkannt." 27)
Die Behandlung des Antrages des NOK der DDR verfiel anschlie-ßend der Ablehnung. Als Begründung gab man an, daß nur ein NOK anerkannt worden könne. Die Vertreter unseres NOK stellten daraufhin Präsident Edström wegen seiner einseitigen Entscheidung zur Rede. Er erklärte: "Dr. Ritter von Halt ist mein Freund. Ich kann mein gegebenes Wort nicht zurückziehen." 28)
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In einer Stellungnahme schrieb der bekannte BRD-Journalist Ri-chard Kirn in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Der Wiener Beschluß war, wie sich zeigt, zweideutig. Konnte das anders sein?...Nun, liebe Leser, wer von Ihnen kennt die Mitglieder des IOC?... Die Wortführer sind der Schwede Edström, der Amerikaner Brundage, der Schweizer Mayer. Die beiden ersten sind dicke Freunde des Herrn von Halt. Jeder von beiden hat 1936 nur den Glanz der Olympischen Spiele gesehen, und sich den Teufel um die erstickten Schreie aus Oranienburg und Sachsenhausen geschert. Das ist die Lösung des Rätsels von Wien... Sie fühlen sich einander zugehörig." 29)
Die IOC-Vertreter der sozialistischen Länder erhoben, nachdem sie dieses Ränkespiel durchschaut hatten, nachträglich Protest gegen diesen Beschluß des IOC. Sie zogen ihre 4 Stimmen zurück. so daß dann ein Ergebnis von 31 zu 4 Stimmen für die Anerkennung des NOK der BRD herauskam.
Nach einer mehrstündigen Diskussion entschloß sich das IOC die beiden NOK aufzufordern, gemeinsame Verhandlungen zur Bildung eines gesamtdeutschen olympischen Komitees zu führen und beide NOK für den 21. und 22.6.1951 noch Lausanne zu einer Besprechung einzuladen.
Das NOK der DDR hatte schon an seinem Gründungstag den Vorschlag gemacht, in Zusammenarbeit mit dem NOK der BRD ein gemeinsames NOK für Gesamtdeutschland zu bilden, um auf diesem Wege einen wesentlichen Beitrag zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf friedlichem Wege zu leisten und die Grundlage für die Entsendung einer gemeinsamen Olympiamannschaft zu den Spielen 1952 zu schaffen.
Die Stellungnahme der Vertreter des NOK der BRD zeigte, daß es ihnen niemals um eine Einigung der deutschen Sportler ging, son-dern daß sie ihren Führungsanspruch gegenüber der DDR durchsetzen wollten.
Das IOC hätte damals als Sachwalter olympischer Prinzipien die Existenz zweier selbständiger Staaten berücksichtigen müssen, um der Situation in Deutschland gerecht zu worden. Die alten Kräfte in der BRD hatten zu dieser Entscheidung von Wien beigetragen und eindeutig unter Beweis gestellt, daß sie hinter dem Schleier des unpolitischen Sports eine gegen die DDR gerichtete Politik betrieben.
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Der BRD-Ausschließlichkeitsanspruch wurde bei den Verhandlun-gen in Lausanne demonstriert.
Als in Wien das NOK der BRD entsprechend des IOC-Beschlusses die Auflage erhielt, mit dem NOK der DDR über die Bildung eines gemeinsamen NOK zu verhandeln, löste diese IOC-Entscheidung eine breite durch die BRD-Regierung gelenkte Pressepolemik aus. In der BRD wurde die Entscheidung von Wien als eine Gefahr angesehen, denn möglicherweise konnte es mit dem NOK der DDR zur Bildung eines gemeinsamen NOK kommen.
Der Präsident des NOK der BRD. Dr. von Halt, bestätigte damals ganz offen in einem Interview, daß die BRD-Regierung auf die Arbeit des NOK der BRD Einfluß nahm.
Der "Sportbericht" Stuttgart schrieb dazu: "Ritter von Halt hatte bereits eine Besprechung mit Kurt Edel, dem Präsidenten des NOK der Ostzone (DDR). Er erklärte nach seiner Rückkehr nach München dem 'Münchner Merkur', daß er sehr optimistisch bezüglich der vom IOC gewünschten Einigung mit den Sportlern der Ostzone sei. Es wäre ein Fehler, die Einigung durch Direktiven aus Bonn zu gefährden.'" 30)
Mit dieser Erklärung versuchte Dr. von Halt gleichzeitig, seine eigene Haltung vor den Augen den IOC zu verschleiern. Die BRD-Regierung sah durch den Beschluß von Wien für ihre Politik Gefahr. In der Westberliner Zeitung "Der Abend" hieß es: "Daß die Vertreter des Sports in der BRD gemeinsam mit den politischen Funktionären der Sowjetzone Deutschlands ein Olympisches Komitee repräsentieren wollen, halten BRD-Regierungskreise für kaum tragbar. Sie bedauern deshalb die Entscheidung des IOC über die Aufnahmebedingungen." 31)
Adenauer sprach ganz offen aus, daß es ihm nicht um Verständi-gung, sondern um seine Ziele ging. Er erklärte: "Sprechen wir nicht von Wiedervereinigung, sondern besser von der Befreiung der Ost-gebiete."32)
Die Bonner Regierung griff rücksichtslos in die Belange des "unabhängigen" BRD-NOK ein. Die NOK-Vertreter mußten zur Be-richterstattung nach Bonn. Hier erhielten sie auch die weitere Linie für ihr Vorgehen.
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Die Westberliner Zeitung "Der Tag" schrieb dazu: "Das deutsche NOK (BRD) hat sich auf seiner Präsidialsitzung am Mittwochabend gegen die Bildung eines zweiten Komitees in der Sowjetzone aus-gesprochen." 33)
Trotz dieser Kampagne ergriff das NOK der DDR im Interesse der deutschen Sportler wieder die Initiative und machte dem NOK der BRD erneut Vorschläge zur Beratung über die Bildung eines ge-meinsamen NOK und die Entsendung einer gemeinsamen Mannschaft zu den Olympischen Spielen 1952.
Für die vom NOK der DDR vorgeschlagene Beratung am 17.5.1951 in Berlin bekamen die BRD-Vortreter plötzlich keine Pässe, was zumindest den Verdacht aufkommen ließ, daß die Bon-ner Regierung an einer Lösung des Problems auf gleichberechtigter Grundlage nicht interessiert war.
Nachdem sich unser NOK bereit erklärte, im Interesse der Verständigung und Einheit im deutschen Sport auch in die BRD zu fahren, bequemten sich die BRD-Vertreter zu einer solchen Beratung in Hannover (17.5.1951). Eine Einigung erfolgte nicht, obwohl unser NOK akzeptable Vorschläge gemacht hatte.
Es handelte sich konkret um folgende:
"1. Bildung eines gesamtdeutschen Olympischen Komitees auf gemeinsamer Grundlage.
2. Bildung eines Präsidiums, das 5 Vertreter der DDR und 6 Vertreter der BRD umfaßt.
3. Als Präsident Dr. Ritter von Halt.
4. Der Generalsekretär soll ein Vertreter aus dem Gebiet der DDR sein und der Sitz des Generalsekretariats in den alten olympischen Stätten auf dem olympischen Gelände von Berlin eingerichtet wer-den.
5. Das Komitee soll sich aus den Präsidenten der jeweiligen Fachverbände der BRD und den Präsidenten der Nationalen Fachverbände der BRD und den Präsidenten der Nationalen Sektionen der DDR zusammensetzen.
6. Persönliche Mitglieder sollen nach Vorschlag ebenfalls auf pari-tätischer Grundlage gewählt werden." 34)
Das NOK der BRD lehnte die Vorschläge als unannehmbar ab und verlangte in provokatorischer Form die Auflösung des NOK der DDR. Man war nur bereit, 2 bis 3 Vertreter des NOK der DDR in
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das NOK der BRD aufzunehmen. Der vom westdeutschen NOK gemachte Vorschlag wurde von unserem NOK abgelehnt, weil er die Existenz der DDR ignorierte und die Eingliederung des DDR-Sports in den Bereich des BRD-Sports bedeutet hätte.
Die massiven Eingriffe des NOK der BRD in die Belange des DDR-Sports erreichten schon Anfang April (also noch vor der Gründung des NOK der DDR) ihren Höhepunkt. Dr. Max Danz, machte am 3. April 1951 den internen Vorschlag, eine besondere BRD-Persönlichkeit mit der Vertretung der ostzonalen Interessen im NOK der BRD zu beauftragen.
Am 21.5.1951 fand in Lausanne erneut ein Gespräch statt. Die Vertreter des NOK der BRD schwenkten hier ganz auf die Linie der Adenauer-Politik ein und erklärten, daß ihr NOK für Gesamtdeutschland anerkannt sei und demzufolge von der Bildung eines gesamtdeutschen NOK nicht mehr die Rede sein könne. Als den Vertretern des NOK der BRD nachgewiesen wurde, daß der 45. IOC-Kongreß ihr NOK nur für das Gebiet der BRD anerkannt hatte, trat Willi Daume auf und erklärte, daß ihr NOK in Wien als Deutsches Olympisches Komitee anerkannt worden sei. Dr. von Halt verwies dabei auf das Protokoll des IOC-Kongresses in Kopenhagen, wo der Antrag unter "Deutsches Olympisches Komitee" vorgelegen hatte und behandelt worden war.
Der Vizepräsident des NOK der BRD, Dr. Bauwens, schaltete sich hier in die Diskussion ein und erklärte: "Ich möchte hier feststellen, daß damals der Antrag von uns gestellt wurde, daß das NOK um Aufnahme bittet, vom IOC aber die Begrenzung der BRD verlangt wurde. Ich habe die Grenzführung vorgetragen. Demnach haben die Herren der DDR recht, wenn sie sagen, daß das Komitee nur für Westdeutschland besteht." 35)
Nachdem die BRD-Vertretung merkte, daß sie mit ihrer anmaßen-den Haltung keinen Erfolg hatte, argumentierte sie, daß die DDR-Sektionen zum größten Teil von den internationalen Fachverbänden nicht anerkannt wären und demzufolge an den olympischen Spielen nicht teilnehmen könnten.
Zur weiteren "Beweisführung" legte Dr. von Halt ein Schreiben des IAAF-Präsidenten Burghley vor, in dem zum Ausdruck gebracht wurde, daß bei der Tagung des IOC-Kongresses in Wien dieser wichtigen Frage zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet
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wurde.36) Die Vertreter des NOK der BRD versuchten auf dieser Beratung, der Bildung eines gemeinsamen NOK als Grundlage für die Entsendung einer gesamtdeutschen Mannschaft auszu-weichen. Sie wurden dabei direkt oder indirekt von der Exekutive des IOC unterstützt. Bis in das Jahr 1955 hatten sich immer wieder Wirkungen ergeben, die den großen Einfluß der Geschehnisse durch A. Brundage und der weiteren Mitglieder der Exekutive erkennen ließen.
Der Kampf unserer nationalen Sektionen um ihre gerechte Auf-nahme in die internationalen Sportverbände hatte zu diesem Zeit-punkt erst begonnen. Das IOC hatte nach Wien 1951 den internationalen Sportverbänden mitgeteilt, daß es nur ein anerkanntes NOK in Deutschland gäbe, und zwar das der BRD. Die Mitteilung des IOC erschwerte die Aufnahme der Sektionen der DDR in die internationalen Sportverbände. Die Sportführer der BRD und einige maßgebliche Vertreter des IOC trieben zu dieser Zeit ein falsches Spiel, um ein selbständiges Auftreten der Sportorganisation der DDR international zu verhindern.
Nachdem auch die letzte Beratung mit den Vertretern der BRD gescheitert war, fand am 22.5.1951 im Sitz des IOC eine Zusammenkunft beider NOK mit der Exekutive das IOC statt. In Vertretung des Präsidenten des IOC, Edström, fungierte der Ameri-kaner Brundage als Vorsitzender der Beratung. Die Exekutive des IOC hatte für beide Delegationen je 15 Minuten zur Behandlung des gesamten Problems vorgesehen. Dadurch bekam die Zusam-menkunft den Charakter eines Befehlsempfangs. Den Vertretern unseres NOK wurde ein Schriftstück in französischer Sprache vorgelegt, das mit den westdeutschen Vertretern einen Tag früher ausgearbeitet worden war.
Kanzler Mayer machte die Bemerkung, daß die BRD schon unter-schrieben hätte, und wenn die Vertreter des NOK der DDR die Teil-nahme unserer Sportler an den Olympischen Spielen nicht verhin-dern wollten, müßten sie ebenfalls unterschreiben. Die von unserer Delegation gemachten sachlichen Einwände wurden ignoriert.
Angeblich stand die IOC-Delegation unter einem großen Zeitdruck. Nachdem die DDR-Delegation noch einmal grundsätzlich über die Entwicklung des Sports in Deutschland gesprochen und die Bildung eines gemeinsamen NOK als Voraussetzung für die Entsendung einer gemeinsamen Mannschaft
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noch Helsinki charakterisiert hatte, versuchte A. Brundage die Diskussion abzubrechen. Er stellte die Angelegenheit mit einem Male so dar, daß das IOC für die Bildung des gesamtdeutschen Komitees nicht zuständig sei und daß die Zusammenkunft einzig und allein der Aufstellung einer gemeinsamen deutschen Mannschaft zu den Olympischen Spielen dienen solle. Diese Feststellung machte deutlich, daß die Exekutive von den Wiener Beschlüssen abgerückt war und sich die Linie des NOK der BRD völlig zu eigen gemacht hatte. In dem von Kanzler Mayer ver-lesenen "Übereinkommen" heißt es: "Es wurde festgestellt, daß gemäß der olympischen Richtlinien nur ein NOK anerkannt werden kann und demzufolge schon früher das Deutsche Olympische Komitee als allein verantwortlich für die Durchführung der Anordnung des Artikels 25 der olympischen Richtlinien anerkannt wurde. Das Exekutiv-Komitee des IOC hat mit Befriedigung eine Urkunde über diese Erklärung angefertigt und hofft, daß eine vollständige Übereinstimmung in naher Zukunft verwirklicht werden kann. Das Exekutiv-Komites rechnet darauf, einen Bericht über die Frage anläßlich der Tagung in Juli 1952 betreffend der Empfehlung, ein deutsches Olympisches Komitee für ganz Deutschland zu erhalten." 37)
Die Vertreter unseres NOK unterzeichneten das Übereinkommen in dem Glauben, daß die Delegation der BRD das Abkommen ehrlich zur Verwirklichung bringen würde, aber diese Annahme erwies sich als falsch. Alle Versuche des NOK der DDR, mit dem NOK der BRD zu einer Einigung zu kommen, scheiterten an dem antinationalen Verhalten der westdeutschen Vertreter. Die BRD-Sportführung unternahm alles, um den gesamtdeutschen Sportverkehr zu verhindern. Unter dem Druck der BRD-Regierung wurde am 27.5.1951 in Stuttgart vom BRD-Sportbund und NOK eine Reihe von einschränkenden Maßnahmen gegen den gesamtdeutschen Sport- verkehr beschlossen.
Im Bericht des Präsidiums des NOK der DDR auf der II. Außeror-dentlichen Tagung in Berlin wurde festgestellt: "Das NOK West-deutschlands hat im Gegenteil in seiner, auf die Spaltung des deut-schen Sports gerichteten Politik nach Lausanne eine Reihe von Maßnahmen ergriffen... Das NOK Westdeutschlands hat in Auswertung des Lausanner Übereinkommens im Mai 1951 in Stuttgart gemeinsam mit dem westdeutschen Sportbund konferiert
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und Maßnahmen zur Einschränkung des Sportverkehrs mit der DDR beschlossen." 38)
Die Stuttgarter Beschlüsse zeigten das wahre Gesicht der Sport-führung der BRD. Kaum war die Unterschrift unter das Lausanner Abkommen gesetzt, ging das NOK der BRD daran, die Olympischen Spiele 1952 selbständig vorzubereiten, wobei das NOK der DDR völlig ausgeschaltet wurde. Das NOK der BRD legte folgende Maßnahmen fest:
"1. Dr. Diem als Delegationsleiter der deutschen Mannschaft für Oslo und Helskinki.
2. Stärke der Mannschaft.
3. Aufstellung des Planes zur Finanzierung der Delegation nach Oslo und Helsinki.
4. Berufung der Ausschüsse für die Winter- und Sommerspiele.
5. Vorbereitung zur Berufung eines Inspekteurs als Berater der Fachverbände.
6. Festlegung einer einheitlichen olympischen Kleidung der deut-schen Teilnehmer der XV. Olympischen Spiele. 39)
Im Kommunique der II. Außerordentlichen Mitgliederversammlung des NOK der DDR heißt es dazu: "Die Vertreter des NOK der DDR haben ihre Unterschrift unter das Übereinkommen gesetzt in dem guten Glauben, der olympischen Idee zu dienen, dem nationalen Empfinden der deutschen Sportler Rechnung zu tragen und in der Hoffnung, durch ehrliche Zusammenarbeit beider NOK somit zu ei-ner gesamtdeutschen Delegation nach Helsinki zu kommen." 40)
Da das NOK der BRD das Lausanner Abkommen nicht einhielt, erklärte die Mitgliederversammlung des NOK der DDR am 2.9.1951 in Berlin: "... daß es sich nicht mehr an die von seinen Vertretern in Lausanne gegebene Unterschrift gebunden fühlt und das Übereinkommen von Lausanne für sich nicht mehr als bindend betrachtet." 41)
Das NOK der BRD hatte durch seine Politik den Sportlern der DDR jede Möglichkeit genommen, mit den Sportlern der Welt bei den Olympischen Spielen 1952 an den Start zu gehen.
Der ehemalige Geschäftsführer des DSB, G. von Mengden, bestätigte die Richtigkeit dieser Feststellung. Im Jahrbuch des DSB 1959/60 schrieb er dazu: "Eine spätere Geschichtsschreibung wird wohl zu dem Ergebnis kommen, daß eine Zusammenlegung der
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beiden deutschen NOK damals an der Haltung der Vertreter der Bundesrepublik gescheitert ist." 42)
Diese Feststellung beweist eindeutig, daß die Schuld einzig und allein bei der BRD-Sportführung gelegen hat. Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen blieb für unsere Sportler nur ein Weg of-fen: die selbständige internationale Anerkennung des NOK der DDR.
Das NOK der DDR wandte sich, nachdem alle Versuche, mit dem NOK der BRD zu einer Verständigung zu kommen, gescheitert wa-ren, erneut an das IOC mit dem Antrag, als olympische Körperschaft für das Territorium der DDR anerkannt zu werden. Mit diesem Antrag wurde eine neue Phase um die internationale Anerkennung der DDR auf dem Gebiete des Sports eingeleitet.
DIE RECHTMÄßIGE ANERKENNUNG
DES NOK DER DDR WIRD VERSCHLEPPT
Das NOK der DDR hatte mit der Aufkündigung des Lausanner Ab-kommens eine völlig neue Situation geschaffen.
Die sachlichen Argumente und das konsequente Auftreten unserer Delegation veranlaßten Dr. von Halt, Vorschläge für eine gemeinsame Beratung zu machen. In Kassel und Hamburg fanden zwei Beratungen beider NOK's statt. Hier traten die Vertreter des NOK der BRD wieder mit der alten Forderung auf, das Lausanner Abkommen anzuerkennen. Die Vertreter unseres NOK wiesen die Forderung zurück, da das Abkommen ja von seiten der BRD gebrochen worden war.
Zu der vom NOK der DDR vorgeschlagenen Beratung im Dezember reisten die BRD-Vertreter nicht an. Sie richteten vielmehr einen Aufruf an die Sportler der DDR, sich der westdeutschen Olympiamannschaft anzuschließen. Deutlicher als mit diesem Versuch, Leistungssportler der DDR abzuwerben, kann der Mißbrauch der olympischen Idee durch die BRD-Sportführung in der damaligen Zeit nicht nachgewiesen werden.
Von seiten der Exekutive des IOC wurde, nachdem das NOK der DDR erneut einen Antrag auf Anerkennung beim IOC gestellt hatte, ein weiterer Versuch unternommen, eine gemeinsame Beratung zustande zu bringen. Die Einladung zu einer Beratung in Kopenhagen erfolgte aber so spät, daß unsere Delegation nach
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einer beschwerlichen Reise mit Verspätung in Kopenhagen eintraf. Die Exekutive des IOC war nicht bereit, aufgrund der besonderen Umstände die Beratung um eine bestimmte Zeit zu verschieben. Die Mitglieder des Exekutiv-Komitees fühlten sich durch die Dele-gation der DDR angeblich brüskiert und reisten, ohne daß es zu einer Zusammenkunft gekommen war, von Kopenhagen wieder ab. Die Delegation des NOK der BRD, die noch in Kopenhagen anwesend war, lehnte es ab, mit der DDR-Delegation eine Beratung durchzuführen. Aufgrund dieser Situation mußte der Eindruck entstehen, daß von seiten der Exekutive des IOC kein Interesse vorgelegen hat, das deutsche Problem auf der Grundlage der Gleichberechtigung für beide NOK zu lösen, sondern daß es vielmehr die Durchsetzung der damaligen Hallstein-Doktrin im Sport unterstützte.
Diese Linie zeigte sich auch auf den Kongressen des IOC in Oslo und Helsinki 1952. Die rechtmäßige Anerkennung des NOK der DDR wurde von einem Kongreß auf den anderen verschoben.
Ich habe diese Beispiele vor allem auch deshalb erwähnt, weil es nach meiner Ansicht die vielschichtigen Praktiken der Zusammenarbeit zwischen Dr. von Halt und der Exekutive des IOC in der damaligen Zeit aufzeigt.
Beim Kongreß des IOC 1953 in Mexiko-City versuchte man, den Antrag unseres NOK, weil er angeblich zu spät eingereicht wurde, nicht auf die Tagesordnung zu bringen.
Die BRD-Tageszeitung "Die Welt" schrieb: "Obwohl es auf der Ta-gesordnung nicht vorgesehen war, kam beim Kongreß des IOC in Mexiko-City auch das Problem der Anerkennung des ostzonalen olympischen Komitees zur Sprache. Das NOK (Ost), dessen Vertreter vergebens um die Einreise nach Mexiko-City nachgesucht hatten, machten dem IOC-Präsidenten Brundage einen Strich durch sein Tagungsprogramm. Schuld daran trug ein offener Brief, der aus der Ostzone an alle in Mexiko anwesenden IOC-Mitglieder gerichtet war. Beigefügt war die Abschrift eines Schreibens von Otto Mayer, in dem dieser im August 1952 den ostzonalen Sportfunktionären versichert hatte, das IOC würde sich auf seiner Vollversammlung in Mexiko bestimmt der Frage des NOK (Ost) annehmen. Avery Brundage hatte also keine Wahl. Er mußte den Ostzonen-Antrag am letzten Tag in die Tagesordnung einbauen."43)
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Dieser Bericht des Korrespondenten der westdeutschen Zeitung zeigt deutlich, daß die damaligen führenden Kreise des IOC keine Mittel scheuten, um die gerechte Anerkennung unseres NOK zu verhindern. Der sowjetische Delegierte Adrianow trat auf dem IOC-Kongreß auf und stellte fest, daß es endlich an der Zeit wäre, das NOK der DDR anzuerkennen. Das Mitglied das IOC, der Präsident des NOK der BRD, Dr. von Halt, machte bei der Aussprache über den Antrag erneut provokatorische Vorschläge, um die Anerkennung der DDR zu verhindern.
In der westdeutschen Tageszeitung "Die Welt' wird darüber folgendes geschrieben: "Ritter von Halt erklärte noch einmal, es müsse eingehend untersucht werden, ob das NOK (Ost) und seine Führer
1. frei und unabhängig wären.
2. Amateure seien.
3. nach den olympischen Regeln arbeite.' 44)
Die von Dr. von Halt gemachten und von dem Präsidenten des IOC, Avery Brundage, zum Beschluß erhobenen Vorschläge zeigten die Absicht, die Anerkennung des NOK der DDR weiterhin zu verhindern. Das ganze war so ungeheuerlich, daß dem Zusammenspiel über die Hinhaltetaktik auch zahlreiche skeptische Presseberichte folgten. Sie gipfelten in der Feststellung, daß es Aufgabe des IOC ist, internationale Verständigung zu fördern, nicht aber "eiserne Vorhänge innerhalb der Sportwelt zu schaffen." Letzeres scheine leider bei dem Zusammenspiel zwischen IOC und dem NOK der BRD geschehen zu sein.45)
Im April 1964 nahmen die Mitglieder des IOC, Dr. Mezö (Ungarn) und Prof. Gruß (CSSR), die Gelegenheit wahr, sich bei einem Be-such in der DDR über die Entwicklung des Sports zu informieren. Am Ende des Besuches erklärten sie: "Wir haben bei unserem Besuch in der DDR keine Gründe gesehen, die gegen die Aufnahme des NOK der DDR in das IOC sprechen oder unseren früheren Standpunkt verändern könnten. Im Gegenteil, alle Gründe sprechen dafür."46)
In einer Werbepublikation des NOK der DDR wurde den Vertretern des IOC und der internationalen Sportverbände ein Einblick in die Arbeit der Sektionen der DDR gegeben und gleichzeitig ein Appell an sie gerichtet, die Anerkennung unseres
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NOK zu unterstützen. In der Publikation heißt es dazu: "Die DDR ist ein selbständiges Land, das de fakto und de jure von zahlreichen Ländern der Welt anerkannt ist. Die Sportjugend dieses Landes wird im Sinne des olympischen Gedankengutes und des Amateur-Statuts erzogen. Bisher haben 16 internationale Sportverbände 16 Sektionen der DDR in ihre Reihen als gleichberechtigt aufgenommen. Erwartungsvoll blicken sie deshalb nach Athen, wo im Mai 1954 entsprechend eines Beschlusses in Mexiko-City und einer Zusage des IOC-Präsidenten Brundage sich der IOC-Kongreß mit dem Antrag unseres NOK um Anerkennung befassen wird." 47)
Nach der Versendung der Werbeschrift meldete sich vom DSB-Bundestag am 5. und 6.2.1954 in Düsseldorf das Mitglied des IOC und Präsident des NOK der BRD, Dr. von Halt, mit einer neuen scharfen Absage gegen unsere Anerkennung. Er führte folgendes dazu aus: "Wir.werden diesen Antrag auf Anerkennung des ostzonalen Komitees nicht unterstützen, wir werden uns diesem Antrag widersetzen. Wir sagen, es besteht bereits ein Olympisches Komitee für Deutschland, denn wir wollen mit einer Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Melbourne erscheinen." 48)
Vor dem Hintergrund dieser dieser Situation läßt es sich besser verstehen, daß Dr. von Halt mit der Durchsetzung des Ausschließlichkeitsanspruchs eine höchst willkommene Gelegenheit hatte, seine antinationale Haltung zu demonstrieren.
In zahlreichen Analysen hatte das NOK der DDR zu dieser Konfrontationspolitik der BRD Stellung genommen.
Auf dem Kongreß des IOC 1954 in Athen, zu dem die Vertreter unseres NOK wiederum keine Einreise bekamen, mußte der Präsident des IOC, Avery Brundage, auf der Grundlage des Beschlusses von Mexiko den Antrag unseres NOK zur Abstimmung stellen. Das Ergebnis der Abstimmung lautete 31:14 Stimmen gegen unseren Antrag. Damit war erstmalig eine Ab-stimmung über unseren Antrag erfolgt, und in der Einschätzung konnte man feststellen, daß eine Reihe der IOC-Mitglieder für eine Anerkennung unseres NOK eingetreten war bzw. sich aufgeschlossen verhielt.
DIE INTERNATIONALE ANERKENNUNG
DES NOK DER DDR DURCH DAS IOC
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Das NOK der DDR hatte Anfang der fünfziger Jahre seine Bemü-hungen um die internationale Anerkennung durch das IOC weiter verstärkt. Die Unterstützung, die die Sowjetunion mit ihrer Erklärung über die Souveränität der DDR gab und ihr Eintreten auf der Berliner Konferenz der Außenminister, schufen gute Voraussetzungen für die internationale Stärkung des Ansehens der DDR. Gestützt auf diese internationale Autorität unserer Republik stellte das Präsidium des NOK der DDR nach dem IOC-Kongreß von Athen 1954 einen neuen Antrag an das IOC.
Anläßlich der Spartakiade des sowjetischen Sports konnte das Mitglied des Präsidiums des NOK der DDR, Erich Riedeberger, mit dem als Ehrengast in Moskau weilenden Präsidenten des IOC Avery Brundage eine erste Unterredung führen. Erich Riedeberger legte die Auffassungen unseres NOK über die Lösung des olympischen Probleme in Deutschland dar. Er erwähnte dabei, daß die Leistungen der Sportler der DDR in aller Welt Achtung und Anerkennung gefunden haben. Es gäbe demzufolge keinen Grund, das NOK der DDR aus der olympischen Familie fernzuhalten. Die Antwort des IOC-Präsidenten ließ erkennen, daß er eine gemeinsame Arbeit beider NOK und die Entsendung einer gemeinsamen deutschen Mannschaft zu den Olympischen Spielen auf der Grundlage des Lausanner Abkommens anstrebe.
Auf der Rückreise des IOC-Präsidenten aus Moskau hatten Erich Riedeberger und ich bei einem Zwischenaufenthalt in Helsinki Gelegenheit, nochmals mit Avery Brundage zu sprechen. Er vertrat dabei die Auffassung, daß die Sportler der DDR sich an den Olympischen Spielen beteiligen sollen, und zwar im Rahmen einer gesamtdeutschen Mannschaft, die unter Leitung eines Organisationskomitees stehen sollte.
Nach eingehender Diskussion, in der unsere Delegation die Aner-kennung des NOK der DDR als Grundlage für eine Beteiligung unserer Sportler an den Olympischen Spielen forderte, ließ Avery Brundage erkennen, daß er eine Anerkennung des NOK der DDR befürworten würde, vorausgesetzt, es würde eine gemeinsame Mannschaft gebildet. Die Tatsache, daß Präsident Avery Brundage trotz enger Freundschaft mit Dr. von Halt nicht mehr umhin kam, den Realitäten Rechnung zu tragen, beweist eindeutig, daß die internationale Autorität der DDR die Grundlage für die
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Anerkennung unseres NOK war. Der Vorschlag von Brundage, das NOK der DDR anzuerkennen, deckte sich natürlich in keiner Weise mit dem Ausschließlichkeitsanspruch der BRD-Sportführung. Am 11.9.1954 legte Avery Brundage nochmals schriftlich seinen Vorschlag dar. In diesem Schreiben heißt es: "Auf unserer nächsten Zusammenkunft in Paris werde ich die Anerkennung des Olympischen Komitees der DDR empfehlen, unter der Voraussetzung, daß es nur eine einzige deutsche Gruppe als Ver-treter Ost- und Westdeutschlands gibt." 49)
Brundage machte die Anerkennung des NOK der DDR von einer grundlegenden personellen Veränderung abhängig, um nach außen hin sein Gesicht zu wahren. 50)
Die Mitgliederversammlung unseres NOK beschäftigte sich am 26. 2. 1954 eingehend mit dem Vorschlag des Präsidenten des IOC und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich das IOC auf seiner nächsten Tagung zu einer Anerkennung des NOK der DDR entscheiden würde. Die Mitgliederversammlung beschloß, einen erneuten Antrag auf Anerkennung zu stellen. Ich reichte im Interesse der olympischen Anerkennung der DDR meinen Rücktritt ein, und an meine Stelle trat Heinz Schöbel.
Das NOK der BRD hatte von Brundage erfahren, daß er beab-sichtige, auf dem nächsten IOC-Kongreß in Paris (1955) die Anerkennung des NOK der DDR zu empfehlen, aber nur unter der Maßgabe, daß eine gemeinsame deutsche Mannschaft an den Start gehe. Das NOK der BRD führte unmittelbar vor Paris eine Umfrage bei seinen Verbänden durch, mit der Absicht, sich einen Überblick über die Mitgliedschaft der DDR-Sportverbände in den internationalen Sportverbänden zu verschaffen. Die Tatsache, daß das BRD-Mitglied des IOC, Dr. von Halt, zunächst allein nach Paris reiste, bewies, daß man in der BRD-Sportführung fest überzeugt war, bei den Verhandlungen die eigene Linie noch einmal durch-setzen zu können. Am 12.6.1955 fand in Paris die erste Bespre-chung beider deutscher NOK mit dem IOC-Präsidenten Avery Brundage statt. Das NOK der DDR war vertreten durch H. Schöbel, G. Heinze, Prof. Dr. Meinel und E. Riedeberger. Als Berater für die DDR-Delegation fungierten R. Reichert und H. Behrendt. Seitens des NOK der BRD waren Dr. von Halt, Bob-Präsident Hans Kilian und Heinz Lorenz als Sekretär vertreten. Ursprünglich wollte Dr.
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von Halt die Pariser Besprechungen allein führen, aber aufgrund der schwierigen Situation zog er Kilian und Lorenz, die sich zur damaligen Zeit in Paris aufhielten, aber keine Mitglieder des NOK waren, zur Verstärkung hinzu. Kilian vertrat die Interessen der Stadt Garmisch bei der Bewerbung für die VIII. Olympischen Winterspiele, Lorenz weilte als Vertreter Westberliner Zeitungen beim IOC-Kongreß.
Obwohl Avery Brundage uns seine Zustimmung gegeben hatte, die Anerkennung des NOK der DDR dem IOC-Kongreß zu empfehlen, versuchte er - beeinflußt durch Dr. von Halt - erst die Bildung einer gemeinsamen Mannschaft vorzunehmen, um angeblich danach die Anerkennung der DDR zu erwägen. Die plötzliche Annäherung der Standpunkte zwischen Brundage und Dr. von Halt ließ erkennen, daß Dr. von Halt um jedem Preis versuchte, auch in Paris die Linie der Bonner Politik zu vertreten.
Von seiten unserer Delegation wurde dargelegt, daß die einseitige Anerkennung des NOK der BRD eine gemeinsame Mannschaft un-möglich mache. Nach Auffassung der DDR-Delegation sei die Anerkennung des NOK der DDR und damit die Gleichberechtigung beider NOK die Grundlage für die Bildung einer gemeinsamen Mannschaft. Der von Avery Brundage neu unterbreitete Vorschlag würde der BRD-Sportführung die Möglichkeit geben, ihren Führungsanspruch durchzusetzen bzw. die Anerkennung des NOK der DDR ganz zu verhindern.
Die konsequente Haltung unserer Delegation veranlaßte Avery Brundage, von der Hallstein-Linie abzugehen und uns einen neuen Vorschlag zu unterbreiten. Er schlug vor, dem IOC zu empfehlen, das NOK der DDR provisorisch anzuerkennen, diese Anerkennung aber zurückzuziehen, wenn keine gemeinsame Mannschaft zustan-dekomme. Darauf versuchte von Halt, die Beratung ohne Ergebnis zu beenden. Die Sitzung wurde denn auch durch Avery Brundage abgebrochen, ohne daß eine Entscheidung gefallen war. Einen Tag später teilte Avery Brundage unserer Delegation mit, daß er bereit wäre, die Anerkennung des NOK der DDR zu empfehlen, wenn er eine verbindliche Erklärung unseres NOK über die Teilnahme an einer gemeinsamen Mannschaft erhalten würde. Die Delegation des NOK der DDR gab diese Zusicherung und am 18.6.1955 erfolgte die Abstimmung über unseren Antrag. 27 Delegierte stimmten für die Anerkennung. 7 beharrten auf ihren
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ablehnenden Standpunkten und 4 enthielten sich der Stimme. Unter den wenigen Gegenstimmen befand sich die Ritter von Halts.
Der Beschluß des IOC wurde dem NOK der DDR vom IOC-Kanzler Mayer wie folgt übermittelt: "Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß Ihnen unser Komitee während der Tagung in Paris die provisorische Anerkennung zuerkannt hat unter den Bedingungen, daß nur eine deutsche Mannschaft an den Spielen der XVI. Olympiade in Melbourne teilnimmt.
Wir behalten uns das Recht vor, diese provisorische Anerkennung zurückzuziehen für den Fall, daß die oben geforderte Bedingung nicht erfüllt würde." 51)
In einem weiteren Schreiben von Kanzler Mayer hieß es: "In Ergänzung unseres letzten Schreibens möchte ich Ihnen noch mitteilen, daß es selbstverständlich ist, daß, sobald Deutschland politisch wiedervereinigt ist, das Internationale Olympische Komitee nur noch ein einziges deutsches Olympisches Komitee anerkennt." 52)
Der Beschluß des IOC wurde in Bonn heftig kritisiert. Willi Daume stellte offen die Frage, die in Bonn immer wieder gestellt worden war: "Wenn aber eine gesamtdeutsche Mannschaft, warum dann überhaupt eine Anerkennung der Sowjetzone vor dem IOC" 53)
Die großbürgerliche "Welt" griff die Entscheidung des IOC-Kon-gresses mit den Worten an: "Ahnungslos und weltfremd wie sie sind, werden sich die Herren (des IOC) einiges auf ihren Kunstgriff einbilden... Sie sind, wie immer, den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, weil sie ihre internationalen Probleme nicht mit Rücksicht auf politischen Takt behandeln.' 54)
Die BRD Regierung ließ schließlich sogar durch den Leiter des Bundespresseamtes, Forschbach, erklären: "...daß bei kommenden Verhandlungen jegliche Konzession zu unterbleiben hätte, die alleinige Führung der olympischen Seite gesichert und im übrigen erreicht werden müsse, daß die gleichberechtigte Anerkennung des NOK der DDR rückgängig gemacht werden müsse."55)
Diese Äußerungen, im Auftrage der BRD-Regierung, sind bezeichnend für die offizielle Sportpolitik des NOK der BRD und des Deutschen Sportbundes. Das Wirken der BRD-Sportführung in
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dieser Periode hatte zum Ziel, die These von der Nichtexistenz der DDR im internationalen Sport durchzusetzen.
Es dient der historischen Wahrheit, wenn ich nach 37jähriger Sportgeschichte meine Erinnerungen und Erfahrungen zu diesem kurzen, aber inhaltsreichen Zeitabschnitt niederschreibe.
ANMERKUNGEN
1) Dokumente der SED, Band III, S. 415
2) ebenda, S. 429/430
3) Kröger. H.: "Staat und Recht". Nr. 6/61. S. 967. zitiert nach E. Kaufmann in Bulletin
des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 3/55. S.18
4) Krüger. A... 'Politik und Sport". S. 88. 1975 Fackelträger-Verlag. Schmidt-Küster
GmbH. Hannover
5) ebenda S. 88
6) Knecht. Willi: 'Entwicklung des Sports in Deutschland. S. 17. Fritz Busche
Druckereigesellschaft
7) ebenda. S. 18
8) vgl. "Die Welt" vom 27. 9. 1949
9) vgl. Satzungen des NOK für Westdeutschland vom 24. 9. 1949 und Rund-schreiben
Nr. 1 des NOK fürWestdeutschland vom 30. 9. 1949
10) vgl. Rundschreiben Nr. 6 des NOK für Westdeutschland von 8. 12. 1949
11) vgl. ebenda
12) vgl. ebenda
13) Rundschreiben Nr. 8 des NOK für Westdeutschland vom 17. 4. 50
14) vgl. Protokoll über die am 13. 50 1950 stattgefundene Besprechung zwi-schen DS und
DLV
15) vgl. Schreiben von Dr. Danz von 1. 10. 1952
16) vgl. Schriftverkehr das Kanzlers des ICC. Otto Mayer. Dezember 1950
17) vgl. Berichte über vertrauliche (private) Unterhaltungen mit dem Kanzler des ICC. Otto
Mayer vom 11. 8. 50 in Lausanne
18) vgl. Bericht den NOK der BRD zur Situation - Lausanner Erklärung 1950
19) Bulletin des IOC Nr. 23 - 24 von Oktober 1950.
20) Bulletin des IOC Nr. 23 - 24 von Oktober 1950. S. 21
21) vgl. Statut des NOK der DDR. S. 1
22) vgl. Regeln des IOC. Abschnitt 10. Sonderdruck 1960
23) vgl. Marktanner. G.: "Deutsche Sportführer" Archiv - Olympische Gesell-schaft der DDR
24) vgl."Internationale Sportkorrespondenz Hamburg" von 15. 4. 1953 - Archiv
25) vgl. Krüger. A.: Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung. Verlag
Bartels & Wernitz. Berlin S. 19
26) vgl. IOC-Regeln. S. 1. Sonderdruck 1960
27) vgl. IOC-Bulletin Nr. 27. 1951. S. 10
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28) vgl. Bericht der Delegation des NOK der DDR über den Wiener IOC-Kongreß 1951.S.3
29) vgl. "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1951. Archiv NOK der DDR
30) vgl. "Sportbericht" Stuttgart von 15.6.1951
31) vgl. "Der Abend" vom 9.5.1951
32) vgl. Dokumentation der Zeit, Berlin, 1963, Heft 55, zitiert nach
K. Adenauer vom 7.9.1953
33) vgl. "Der Tag" vom 26.6.1952
34) vgl. Protokoll der Außerordentlichen Mitgliederversammlung des NOK der DDR vom
27.5.1951 in Leipzig, S. 37
35) vgl. Protokoll der Lausanner Beratung zwischen den NOK der DDR und den NOK der BRD von 21. 5. 51. S. 13. Archiv NOK
36) vgl. ebenda. S. 2
37) vgl. Lausanner Übereinkommen vom 22.5.1951. Archiv NOK DDR
38) vgl. Bericht des Präsidiums des NOK der DDR zur II. Außerordentlichen
Mitgliederversammlung vom 2. 9. 1951
39) vgl. ebenda. S. 2
40) vgl. Kommunique der II. Außerordentlichen Mitgliederversammlung des NOK der DDR vom 2. 9. 51. S. 2
41) vgl. ebenda" S. 2
42) vgl. Jahrbuch des DSB 1959/60. S. 37
43) vgl. "Die Welt" vom 5. 5. 1953
44) vgl. "Die Welt" vom 5. 5. 1953
45) vgl. dänische Zeitung "Politiken" vom 10. 6. 1963
46) vgl. ND vom 27. 4. 1954
47) vgl. Werbebroschüre des NOK 1954. S. 1
48) vgl. "8-Uhr-Blatt" Nürnberg vom 7.2.1954
49) vgl. Schreiben IOC-Präsident an NOK der DDR vom 10. 9. 54 Archiv NOK der DDR
50) vgl. ebenda
51) vgl. Schreiben IOC-Kanzler Mayer an NOK der DDR vom
23.6. 1955 Archiv NOK DDR
52) vgl. IOC-Kanzler Mayer an NOK DDR vom 27. 6. 1955
53) vgl. 'Die Welt" vom 20. 6. 1955
54) Dokumentation der Olympischen Gesellschaft: 'Bonn hat den deutschen Sport gespalten". S. 58
55) vgl. "Die Welt" vom 21. 6. 1955
56) vgl. IOC-Regeln 1962. Abschnitt III. S. 10
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Zu einer Expertise
Von KLAUS HUHN
Angeblich um Klarheiten zu schaffen und Unrecht aufzuklären, wurde im Bonner Bundestag eine sogenannte Enquete-Kommission gebildet, die, weil vom Ex-Pfarrer Eppelmann (CDU) geleitet, schon bald unter dem Namen "Eppelmann-Kommission" segelte. Ihr offizieller Firmenname: Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland."
Als man daranging, die Folgen der SED-Dikatur im Sport zu untersuchen, forderte man drei Expertisen an. Eine galt dem Doping, die zweite dem MfS und die einzig möglicherweise ernstzunehmende sollte Auskunft über "Die politische Instrumentalisierung des Sports in der DDR" geben. Den dem Vernehmen nach gut dotierten Auftrag erhielt - niemand weiß so recht, warum - Hans-Dieter Krebs aus Bergheim, der im "Sportjournalisten-Taschenbuch 1994" als Mitarbeiter der "Deutschen Welle" in Köln ausgewiesen ist. Möglicherweise war der Ruf des Arbeitgebers hinreichend, um Krebs zu nominieren. Die "Expertise" umfaßt 51 Schreibmaschinenseiten und enthält zu einem großen Teil, was bereits in BRD-Medien verbreitet worden war, als noch zwei deutsche Staaten existierten. Neu sind Auszüge aus Akten,die man im Archiv des ZK der SED und in Stasipro-tokollen fand. Natürlich ausschließlich Zitate, die erhärten sollen, was bereits früher behauptet worden war.
Die Oberflächlichkeit der Arbeit soll zunächst an einem Beispiel demonstriert werden. Auf Seite 30 konnte man lesen: "Die Furcht vor nationalen und internationalem Prestigeverlust durch Enthüllun-gen von Flüchtlingen oder bei privaten Kontakten hat die DDR-Partei- und Sportführung zutiefst verunsichert, weil nicht nur wissenschaftliche und technische Geheimnisse ans Licht kamen, sondern die Rigorosität und Unmenschlichkeit des Regimes und seines Staatssports. Verrat galt daher als Verbrechen gegen den Staat, das fast immer nach dem gleichen Schema unter Stabfüh-rung des Politbüros behandelt wurde."
Damit glaubte Krebs "Rigorosität und Unmenschlichkeit des Regimes und seines Staatssports" hinreichend belegt zu haben.
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Als einzigen Beweis für diese verwegene These verwies er auf seine Anmerkung mit der laufenden Ziffer 70. Diese lautet wörtlich: "Vergleiche die streng vertraulichen Akten im Stiftung Archiv Parteien und Massenorganisationen ZK Archiv IV 2/18/15 über die Flucht des Radsportfunktionärs Werner Scharch 1958, der das ver-kappte Profitum der DDR-Radsportler bloßstellte. Doch die interna-tionalen Funktionäre behandelten diese Enthüllung nur sehr kursorisch". (Mit "kursorisch" ist hier "flüchtig" gemeint, was wohl als versteckte Kritik an den internationalen Funktionären zu verstehen ist, den Historiker aber vor die Frage stellt, warum wohl die internationalen Funktionäre diese Enthüllung nur "kursorisch" zur Kenntnis nahmen?)
Auf weitere Erklärungen verzichtet Krebs. Welche Akten soll man vergleichen und welche Blätter welcher Akten geben Auskunft über die Reaktionen auf die "Flucht" Scharchs?
Die Person Werner Scharchs ist bei ernsthaften Aufarbeitung der Geschichte zweifellos aufschlußreich. Scharch war Ende der vierziger Jahre Chef des damals noch sehr kleinen Sportressorts im Zentralkomitee der SED. Er wurde oft mit komplizierten Aufgaben betraut. (In der Wonneberger-Chronik kann man nachlesen, daß er Koordinator des I. Deutschlandtreffens der FDJ war.) Allerdings gab gab es sehr bald Probleme mit Scharch, die nicht die geringsten politische Aspekte aufwiesen. Solche For-mulierungen werden gern als Diskriminierungen ausgelegt, deshalb soll jedes Mißverständnis beseitigt werden: Scharch war Alkoholiker. Dies wußten natürlich auch die internationalen Funktionäre und so erklärt sich wohl auch ihre kursorische Reaktion...
DIE ABWERBUNG ZWEIER SPITZENFAHRER
Scharch wurde damals versetzt, büßte aber an Einfluß kaum ein. Er wurde persönlicher Referent des Präsidenten des Deutschen Sportausschusses, Rudi Reichert, und - ehrenamtlich - Präsident des DDR-Radsportverbandes. Er erwies sich vor allem in dieser Funktion erfolgreich, weil er ungemein wendig war und auch schnell internationales Ansehen gewann. Es war unbestritten sein Verdienst, daß die Radweltmeisterschaften 1960 an die DDR vergeben wurden. Er konnte die DDR-Staats-und Parteiführung so-
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gar bewegen, dem italienischen Präsidenten des Internationalen Radsportverbandes UCI, Adriano Rodoni, als erstem Ausländer den Vaterländischen Verdienstorden in Silber zu verleihen. Mit dieser Feststellung hätte der Kronzeuge des Herrn Krebs auch schon rapide an Überzeugungskraft verloren, denn welche geheimen Akten mag Krebs studiert haben, wenn sie ihm Auskunft gaben, daß Scharch 1958 geflohen sei? 1960 saß er jedenfalls noch neben Rodoni auf der Sachsenring-Tribüne und bejubelte und begoß den Eckstein-Schur-Triumph! Das war am 13. August. Zwölf Tage später begannen in Rom die Olympischen Spiele. Scharch war dabei und blieb dabei. Als er mit einem Mietwagen in betrun-kenem Zustand einen Unfall versursachte, bedurfte es einiger Freunde, um größeren Ärger zu vermeiden. Als Scharch danach in die DDR zurückkehrte, schickte man ihn zum Arzt und der empfahl ihm dringend eine Entziehungskur. Dieser Rat mißfiel Scharch und er wechselte nach Westberlin. Soviel zunächst zum Zeitpunkt seines Weggangs aus der DDR.
Als Radsportpräsident hatte er schon sechs Jahre zuvor einen "Verrat" arrangiert, von dem Krebs vermutlich nichts in den geheimen Akten fand, über die er sich aber mühelos in jedem Medien-Archiv hätte informieren können. Die Aktion hatte nämlich in der BRD für Schlagzeilen und Wutausbrüchen geführt.
1954 war der in der DDR ungemein populäre Straßenrennsport in eine Krise geraten. Die Friedensfahrtmannschaft mußte sich mit dem siebenten Platz abfinden und der beste DDR-Fahrer kam auf Rang 22. Während andere über neuen Trainingsplänen grübelten, fand Scharch einen schnellen Ausweg. Er reiste in die BRD und überredete dort die beiden führenden Straßenfahrer Emil Reinecke und Wolfgang Grupe in die DDR überzusiedeln und ein Studium an der Leipziger DHfK aufzunehmen. Er konnte ihnen eine ungewöhnliche Zusage machen: Die Hälfte ihres Stipendiums wurde in DM ausgezahlt. Angesichts der Devisenlage in der DDR dürfte klar sein, daß er für eine solche Aktion die Genehmigung des ZK, wenn nicht gar Walter Ulbrichts, benötigte. Dazu müßte man mit Sicherheit eine Akte im ZK-Archiv finden - vorausgesetzt, man sucht sie!
Die beiden Rennfahrer meldeten sich ordnungsgemäß bei ihrem Verband, dem BDR ab und danach beim Radsportverband der DDR an. Mit Brief vom 7. Februar 1955 baten sie um Aufnahme in
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die demokratische Sportbewegung. Ohne aufwendiges Aktenstudium ließe sich auch die Erklärung des BRD-Rad-sportverbandes finden, der damals wegen der "Abwerbung" der beiden Aktiven seinen Rennfahrern untersagte, fortan in der DDR zu starten, ein Verbot, das jedoch nicht lange aufrechterhalten wurde. Als "Der Radsportler" - Organ des DDR-Radsportverbandes - die Kandidaten für die Friedensfahrt 1955 vorstellte, zitierte er eine Erklärung der beiden: "Wir beide wollen nicht Soldat einer neuen faschistischen Armee werden, sondern wollen unsere sportlichen Entwicklungen weiterentwickeln. Wir wollen auch nicht in einem neuen Krieg sterben, sondern uns eine glückliche und friedliche Zukunft schaffen. Deshalb bitten wir in der Deutschen Demokratischen Republik leben und arbeiten zu dürfen." Autor dieser Erklärung war Scharch. Reinecke und Grupe fuhren 1955 in der Nationalmannschaft der DDR die Friedensfahrt. Sie belegten in der Einzelwertung die Plätze 20 und 37, verhalfen Täve Schur mit zum ersten Friedensfahrtsieg und errangen in der Gesamtwertung den Mannschaftssieg. Auch in der Mannschaft, die für die DDR 1955 an der Weltmeisterschaft in Frascati (Italien) teilnahm, fuhren Grupe und Reinecke.
Daß Hans-Dieter Krebs jetzt ausgerechnet Scharch vor der Enquete-Kommission als Kronzeugen dafür präsentiert, daß "er das verkappte Profitum der DDR-Radsportler bloßstellte", muß überraschen und offenbart die Methoden der Kommission.
Scharch brachte nach seinem Weggang aus der DDR sein Wissen über alle ihm bekannten DDR-Sportfunktionäre zu Papier und versah das Dokument mit einer ungewöhnlichen Widmung für Willi Daume. Dieses Dokument lag lange im Archiv des DSB in Frankfurt/Main. Neuerdings soll es sich dort allerdings nicht mehr befinden.
AUFTRITT IN MADRID
Krebs hätte auch gut daran getan, seinen Kronzeugen im Auge zu behalten. Er wurde nämlich vom NOK der BRD im Oktober 1965 mit einer Mission betraut, die ähnlich endete, wie seine früheren "Enthüllungen". In Madrid begann am 6. Oktober 1965 die 63. Session des Internationalen Olympischen Komitees, die auch über
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den Antrag zu befinden hatte, ob die DDR bei künftigen Spielen mit einer eigenen Mannschaft starten dürfte.
Allein die Tatsache, daß das IOC den Antrag behandeln wollte, hatte ihm beträchtliche politische Schelte aus Bonn eingetragen. Bundesminister Höcherl zwei Tage vor Eröffnung der Tagung im Fernsehen: "... es gibt gar keinen Zweifel, daß eine solche Anerkennung eine politische Anerkennung des Anerkennungswillens der Zone wäre..." Minister Mende: "Ich würde es für einen politischen Rückschlag halten, wenn in Madrid unsere Freunde und die Neutralen der kommunistischen Zweistaatentheorie Vorschub leisten würden" und IOC-Mitglied Willi Daume tadelte seine Kollegen in der gleichen Sendung schon im Voraus: "Leider... kann man von den meisten Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees einfach nicht erwarten, daß sie soviel politischen Weitblick haben..."
Diese Zitate sind wichtig, wenn man die Geschichte des DDR-Sports aufarbeiten will - allerdings nicht für Krebs und die Eppelmann-Kommission. Sie müßten nämlich eingestehen, daß die politische Instrumentalisierung des Sports - Kern der Anklage vor der Kommission - von Bonn mit weitaus größerem Eifer betrieben wurde, als von der DDR.
Zu sagen wäre noch, daß Daume - möglicherweise von anderen dazu gedrängt - Scharch nach Madrid fliegen ließ, damit er dort vor dem IOC "das verkappte Profitum der DDR-Radsportler bloßstellte."
Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage (USA) lehnte es jedoch brüsk ab, Scharch vor dem IOC das Rederecht zu erteilen. Und ich könnte Herrn Krebs auch sagen, daß er diese Ablehnung sehr erregt vorbrachte und eine Mahnung wie "Keine Achtgroschenjungs hier!" artikulierte. Scharch mußte unverrichteterdinge wieder nach Hause fliegen. Im Verlauf dieser Session des IOC wurde bekanntlich die endgültige Anerkennung des NOK der DDR beschlossen. (Bis dahin galt die Anerkennung als "provisorisch".)
Bleiben wir bei dem Aspekt der Beziehungen zwischen der BRD und der DDR auf sportlichem Gebiet. Sie wurden eindeutig durch die Hallstein-Doktrin bestimmt.
Krebs leugnet das nicht, präsentierte aber seine besondere Sicht der Entwicklung: "Mit ihrer Strategie zwang die DDR... dem
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bundesdeutschen Sport und indirekt der Bundesregierung ständig neue Zugeständnisse ab... 1964 stellte die DDR die meisten Teilnehmer der letzten gemeinsamen Mannschaft für die Sommerspiele in Tokio. Damit übernahm erstmals Manfred Ewald die Leitung des Chef de Mission."
Natürlich konnte Ewald nicht die "Leitung des Chef de Mission" übernehmen, weil er es durch die Ergebnisse der Ausscheidungen selbst geworden war, aber selbst diese konfuse Formulierung hätte vor einer Kommission, die ernsthaft an der Aufarbeitung der Geschichte interessiert war, durch die Aufklärung ergänzt werden müssen, daß es die Idee des NOK der BRD war, den Chef-de-Mission-Posten zur Prestigefunktion zu deklarieren. Nie zuvor und nie danach hat die Funktion des Bürovorstehers der Olympiamannschaft eine derart gewichtige Rolle gespielt, wie in der sportpolitischen Auseinandersetzung beider deutscher Staaten. Krebs hätte sich die Mühe machen sollen, in heimischen Archiven nach den Ursprüngen zu suchen.
DIE INTERVENTION IN GENF
Da wäre er auch auf die Erklärung Konrad Adenauers vom 9. Juni 1961 gestoßen: "Ich bin der Meinung, daß kein deutscher Sportler an einer Veranstaltung teilnehmen kann, bei der - so wie jetzt - die Zonenflagge gezeigt wird. Auch die deutschen Sportler müssen wissen, daß sie erst einmal Deutsche und dann erst Sportler sind." Am 10. Dezember 1960 hatte Bundesinnenminister Gerhard Schröder auf dem Bundestag des DSB erklärt: "Aber weder die Herren in Pankow noch die von ihnen bestellten Funktionäre können für uns gleichberechtigte Partner sein."
Weder diese Erklärungen wurden zitiert noch das wohl überzeugendste Beispiel für die politische Instrumentalisierung des Sports in der BRD erwähnt. Es war ein spektakulärer Fall des Bekenntnisses des Sports zur Hallstein-Doktrin: Am 12. März 1961 - dieses Datum ist wichtig, weil es fünf Monate vor dem Bau der Mauer liegt, die später den Vorwand bot, um in einer konzertierten Aktion der NATO DDR-Athleten die Einreise in alle NATO-Länder zu verweigern - begab sich Willi Daume im Auftrag des Bonner Außenamts nach Genf und zwang dort die Eishockeymannschaft der BRD, auf ihr Spiel gegen die Mannschaft der DDR bei der
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Weltmeisterschaft zu verzichten. Vor dieser Weisung an die Aktiven versuchte Daume im Genfer Hotel "De Rhone" im Gespräch mit dem Präsidenten der Internationalen Eis-hockeyföderation Ahearne (England) eine Zusage zu erreichen, daß die BRD-Mannschaft nach einer möglichen Niederlage gegen die DDR vor der Siegerehrung das Eis verlassen dürfte. Ahearnes Antwort lautete: " Wenn Ihre Mannschaft nach dem Spiel das Eis verläßt, wird sie weder an den nächsten Weltmeisterschaften noch an den Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck teilnehmen können." Daraufhin zwang Daume die Mannschaft auf das Spiel zu verzichten, weil er strikte Order hatte, zu verhindern, daß sich BRD-Eishockeyspieler nach einer möglichen Niederlage gegen die DDR die Hymne des Siegers anhören. Krebs hat an einigen Stellen klugerweise empfohlen, weitere Unterschungen abzuwarten, ehe man zu endgültigen Schlüssen gelange. Dem ist nur zuzustimmen. Und als mahnender Hinweis sei vielleicht ein selten erwähnter Briefwechsel aus dem Jahre 1963 zu nennen.
EINSPRUCH AUS ÖSTERREICH
Es ist ein Briefwechsel zwischen dem Volleyballverband der BRD und dem österreichischen aus dem Jahre 1963(!)
Er begann mit einem Schreiben des westdeutschen Verbandes an den österreichischen: "Mit Befremden nehmen wir davon Kenntnis, daß Sie in Ihrem Mitteilungsblatt die sowjetische Besatzungszone als 'DDR' bezeichnen. Wir wenden uns dagegen... Nehmen Sie diesen Hinweis zur Kenntnis und benutzen Sie In Ihren offiziellen Mitteilungen die Bezeichnung 'Sowjetische Besatzungszone'. Damit dokumentieren Sie Ihre Zugehörigkeit zum freien Teil der Welt. Wenn Sie aber glauben, Gründe zu haben, unserer Bitte nicht nachkommen zu können, wären wir Ihnen für eine offizielle Erklärung dankbar."
Der Österreichische Volleyballverband antwortete darauf: "Dieses Problem haben wir im Vorstand diskutiert, und der ist einmütig der Meinung, daß Ihr Schreiben nicht nur zur unpassenden Zeit gekommen ist. Unser Land gedachte gerade jetzt des 25. Jahresta-ges der Besetzung Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland, wobei auch damals der österreichische Sport liquidiert wurde. Und gerade jetzt sollen wir schon wieder
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Anweisungen erhalten, die unserer Souveränitäts- und Neutrali-tätsauffassung widersprechen. Unser Osterreichischer Volleyballverband ist laut Statuten überparteilich und bekennt sich zur österreichischen Nation. Er ist seit dem Jahre 1953 Mitglied des internationalen Volleyballverbandes. Wir pflegen mit allen Mitgliedern dieses Verbandes den Sportverkehr und auch freundschaftliche Beziehungen. Dies auch mit Ihrem Verband, aber auch mit dem Volleyballverband der Deutschen Demokratischen Republik. Gerade dieser hat uns in der Zeit des Aufbaus sehr wert-volle Hilfe geleistet. Zahlreiche sportliche Begegnungen, verbands- und vereinsmäßig, haben die Freundschaft mit dem vorgenannten Verband fester gebunden, wie es eben unter Sportlern, die internationalen Verkehr pflegen, üblich ist.
Alle unsere österreichischen Volleyballer, ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit, wissen diese Freundschaften und auch das beispielhafte sportliche Niveau der DDR-Sportler zu schätzen. Übrigens nicht nur wir, sondern fast die gesamten österreichischen Sportverbände pflegen immer mehr, besonders in den letzten Jahren, den Sportverkehr mit der DDR. Als Rechtswahrer Ihres Verbandes müssen Sie wissen, daß wir alle dem gleichen Internationalen Volleyballverband angehören. Und unsere Vertreter als auch die Vertreter der Deutschen Demokratischen Republik haben für die Aufnahme Ihres Verbandes gestimmt. Was soll das Schreiben also bedeuten? Soll dies ein Rückfall in die Zeit sein, die uns Sportlern in Österreich unrühmlichst bekannt ist? Der Vorstand des österreichischen Volleyballverbandes ist daher einstimmig der Meinung, daß wir Ihre politischen Auslassungen und Anweisungen keinesfalls zur Kenntnis nehmen können und halten diese für den Sport und für die internationale Freundschaft der Sportler unangebracht. Gleichzeitig stehen diese auch im Widerspruch zu den Statuten und Auffassungen des Internationalen Volley-ballverbandes.
Mit sportlichen Grüßen
gez. Rudolf Hautmann,
Präsident
NS.:Um weitere Mißverständnisse zu vermeiden, wurde je eine Ab-schrift Ihres und unseres Schreibens an den Internationalen Volley-ballverband sowie an den Volleyballverband der DDR zur Kenntnis-nahme übermittelt."
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Wurde Dr. Willibald Gebhardt ein Opfer seines Friedensengagements?
Von HELMUTH WESTPHAL
Dieser Beitrag wurde 1989 - im Vorfeld der Olympiabewerbung Berlins - von Prof. Lämmer beim Autor für die Zeitschrift "Stadion" in Auftrag gegeben. 1991 schickte man ihn mit dem Hinweis zurück, daß er "so nicht brauchbar" sei. Die Redaktion fügte jetzt Zwischenzeilen ein.
Es ist sicher berechtigt, wenn Berlin im Spannungsfeld zwischen politischer Konfrontation und Entspannung einen Symbolwert zu-gesprochen bekommt... Berlin hat eine olympische Traditionslinie, die ihren Ursprung in der Friedensliebe, der Völkerfreundschaft und dem internationalen Kulturpluralismus der verschiedensten Berliner Volksschichten. Verkörpert ist diese Tradition in dem Bestreben des Naturwissenschaftlers, Unternehmers und Sportfunktionärs Dr. Willibald Gebhardt, Ende das 19. Jahrhunderts die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen gegen den Widerstand etablierter deutschnationaler Turn- und Sportorganisationen durchzusetzen und später die olympische Bewegung als Trägerin der Ideen des Friedens und der Völkerfreundschaft zu profilieren. Gebhardts Werk ist international kaum und national nur Insidern bekannt. Dieser Umstand findet folgende Erklärung: Die damaligen sportpolitischen Umstände gewährten Gebhardt nur eine Frist von ca. zehn Jahren der Funktionärstätigkeit innerhalb der deutschen olympischen Strukturen. In dieser Zeit fand er nur geringe Möglich-keiten für eine sportpublizistische Tätigkeit. Von der nationalen Journalistik wurde er weitgehend geschnitten oder wegen seines Internationalismus verunglimpft. Und die spätere deutsche Sport-geschichtsschreibung bis zum Jahre 1945 vermied es, das Friedensengagement Gebhardts zu würdigen. Erst nach dem Zusammenbruch der faschistischen Herrschaft in Deutschland, als es die politischen Voraussetzungen erlaubten, im deutschen Sport das Wertesystem auf Frieden und Völkerfreundschaft auszurichten,
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danach Programmatik und Praxis zu gestalten, gab es in beiden deutschen Staaten Versuche zur Aufarbeitung des Werkes von Dr. W. Gebhardt.
Solche setzten Mitte der sechziger Jahre ein. Methodologische Unterschiede führten zu verschiedenen inhaltlichen Diktionen. In der DDR fußten die Untersuchungen auf der Grundlage des dialektischen und historischen Materialismus. Sie folgten dem politischen Pragmatismus, Lehren aus den Tragödien der deutschen Körperkultur zu ziehen und den Mißbrauch jeder Leibeserziehung für imperialistische Kriege zu verhindern. Es war besonders sein Bekenntnis zum Frieden und zur Völker-freundschaft, weshalb Gebhardts Werk in der Erberezeption der DDR einen festen Platz fand. Eine gewisse Einschränkung ist den-noch angebracht, nämlich insofern, als er in der praktischen Traditionspflege der Sportbewegung nie die Publizität revolutionärer Sportler wie Seelenbinder, Grube, Plache u. a. fand.
Die Friedensorientierung war in der Sportwissenschaft der DDR nicht taktischer, sondern prinzipieller Natur. Sie entsprach nicht nur der Überzeugung der damals noch jungen Sporthistoriker, sondern objektiv den Sehnsüchten aller Turner und Sportler der DDR. Wo die Grenzen ihrer tatsächlichen politischen Wirksamkeit lagen, wurde deutlich, als diese Sportbewegung keine Alternativpositionen zu den Aggressionen des Warschauer Paktes fand. In dieser Hilflosigkeit teilte sie das Schicksal deutscher Kör-perkulturorganisationen frührer Jahrzehnte.
In der BRD wirkten nach dem Zweiten Weltkrieg im Sport mit großem Einfluß Männer wie Diem, Ritter von Halt, Guido von Mengden u. a., die für die Tragödien des deutschen Sportes mit Verantwortung getragen hatten. Diem, der sich in vier Regimen stets auf die Seite der Nationalkonservativen geschlagen hatte, nahm im sozialpolitischen Sektor der westdeutschen Sportwissenschaft den Platz eines Nestors ein. Es muß einer anderen Recherche überlassen bleiben, um herauszufinden, ob die Aufarbeitung der Vergangenheit des deutschen Sports dadurch beeinträchtigt wurde und es Reflexionen in den ersten Gebhardt-Bildern gab, die in den sechziger und siebziger Jahren gezeichnet wurden. Einstweilen fällt auf, daß Gebhardts Verdienste zwar erfaßt und auch gewürdigt wurden, jedoch die Frage ausgespart
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blieb, die sich aus seiner kritischen Stellung zur chauvinistischen Profilierung der deutschen Olympiakomitees aufdrängte.
Es lag doch geradezu auf der Hand, sich dafür zu interessieren, ob der friedensengagierte Gebhardt ein Opfer der Aus-einandersetzungen mit Männern geworden ist, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges im Bereich von Turnen und Sport eine Politik repräsentierten, die ohne Völkerverhetzung und Kriegs-verherrlichung nicht auskaum.
Natürlich konnte es zu einer solchen Fragestellung erst kommen, nachdem genügend Untersuchungeresultate vorlagen. Damit ließ sich die deutsche Sportgeschichtsschreibung Zeit. In Stan-dardwerken, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Geschichte der Körperkultur herauskamen, fielen die Aussagen über Gebhardt zunächst sehr dürftig aus. Von den Autoren der Monografie "Kurzer Abriß der Geschichte der Körperkultur in Deutschland seit 1800" werden die Initiativen Gebhardts zur Durchsetzung einer Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen wertungsfrei dargestellt, ohne sein Schicksal als Sportfunktionär weiter zu verfolgen.1) Auch Saurbier erwähnt in seiner "Geschichte der Leibesübungen" das Wirken Gebhardts nur kurz. 2) Etwa zehn Jahre später kamen die Autoren des Bandes II der "Geschichte der Körperkultur in Deutschland 1789 - 1917" inhaltlich über den "Kurzen Abriß" nicht nennenswert hinaus 3), jedoch boten sie eine Wertschätzung an, die später erlaubte, Gebhardts Wirken in die Traditionssubstanz des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR aufzunehmen. Diese Wertschätzung stimulierte nähere Untersuchungen. Von ihr ließen sich Fiebelkorn und Westphal leiten, als sie in ihrem Buch "Die Olympischen Spiele von Athen bis Mexiko-Stadt" Gebhardts olympischen Weg von 1895 bis 1909 verfolgten.4) Obschon in den einzelnen Kapiteln auf den zunehmenden Einfluß nationalistischer Kräfte auf das deutsche Olympiakomitee verwiesen wurde, gingen die Autoren nicht der Frage nach, ob Gebhardt von politischen Gegenspielern ent-machtet wurde. Auch in den verdienstvollen Artikeln, die Liselott Diem und Karl Adolf Scherer bereits drei Jahre früher veröffentlicht hatten. spielte eine solche Erwägung noch keine Rolle.5)
Erst in der zweiten Auflage der "Geschichte der Körperkultur in Deutschland 1789 - 1917", die im Jahre 1973 erschien, wird von
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der "Ausschaltung" Gebhardts gesprochen, 6) nachdem Ullrich und Westphal Nachforschungen angestellt hatten. Ullrich veröffentlichte seine Erkenntnisse 1968 in der Schrift "Olympia und die Deutschen", in der die ersten sechs Kapitel auf Dr. W. Gebhardt spezieller eingehen. Obschon die Quellennachweise fehlen, kann davon ausgegangen werden, daß die angeführten Fakten ver-läßlichen Dokumenten und gedrucktem Schriftgut gewissenhaft entnommen worden sind und sich auch nachträglich nachweisen lassen. Ullrich folgt der Meinung bereits genannter Autoren, wo-nach Dr. W. Gebhardt der olympische Pionier in Deutschland war, der in harter Auseinandersetzung mit den konservativen nationalistischen Kräften der deutschen Körperkultur die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen durchsetzen mußte und schlußfolgert dann, daß der Begründer des deutschen Olympiakomitees wegen seines Friedensengagements von seinen Gegenspielern mit Gewalt zum Rücktritt gezwungen wurde.7) Diese Annahme lag nach den bis dahin bekannten Fakten nahe, ließ sich aber nicht hinreichend dokumentarisch beweisen. Stärker untermauert wurde dann diese Version durch den im gleichen Jahre von Westphal veröffentlichten Artikel "Dr. W. Gebhardt - ein Vorkämpfer des modernen Olympismus in Deutschland".8) In diesem Beitrag griff der Autor auf Dokumente des Auswärtigen Amtes der Weimarer Republik zurück, die bis dahin in der Sportgeschichtsschreibung unbekannt waren. In einem an diese Dienststelle gerichteten Brief vom 15. Mai 1920 äußerte sich Gebhardt recht eindeutig. daß er vom damaligen Reichsausschuß für Olympische Spiele "bei Seite geschoben" wurde.9) Allerdings sind damit die Gründe nicht genannt worden. Es fehlt bis heute der Beleg dafür, daß die führenden Reprä-sentanten des damaligen Olypiakomitees Gebhardt seiner sport-politischen Ideen wegen verdrängten.
POLITISCHE GRÜNDE HINTER ÖKONOMISCHEN?
So erklärt es sich, weshalb Hamer in den von ihm verfaßten Gebhardt-Schriften auch nach anderen Gründen Ausschau hält. Hamer neigt stärker dazu, wirtschaftliche Gründe geltend zu machen, indem er sich auf unveröffentlichte Aufzeichnungen
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Diems beruft.10) Wären es denn solche gewesen, drängt sich sofort die Frage auf, wodurch Gebhardt in eine wirtschaftliche Notlage geraten sein könnte. Bei der Beantwortung dieser Frage muß davon ausgegangen werden, daß er darum bemüht war, das deutsche Olympiakomitee als eine juristische Permanentkörperschaft mit einem festen Haushalt einzurichten. Das gelang ihm im Jahre 1905. Er konnte mit Staatszuschüssen und Sponsor-Einnahmen rechnen, wodurch es möglich war, die notwendige Administration zu finanzieren und damit auch einen Teil seines Lebensunterhalts zu sichern. Ob die möglichen Zu-wendungen seinen Ansprüchen gerecht wurden, muß allerdings dahingestellt bleiben. In der von Lennartz veröffentlichten "Geschichte des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele" lassen sich darüber keine weiteren Aufschlüsse finden. Ebenso enthalten die von Koebsel im Jahre 1970 herausgegebenen "Dokumente zur Frühgeschichte der Olym-pischen Spiele" und der von Scherer verfaßte Titel "75 Olympische Jahre NOK für Deutschland" keine Spuren zur definitiven Beantwortung der aufgeworfenen Frage.12)
So wertvoll gerade die in den letztgenannten Schriften aufgeführten oder auch ausgewerteten Dokumente und Quellen für die Kennzeichnung der Rolle Dr. W. Gebhardts sind, so bedauerlich ist es, daß weitere Belege, die zu jener Zeit schon bekannt waren und maßgeblich geeignet sind, das Gesamtbild Gebhardts stärker zu konturieren, unberücksichtigt geblieben sind. Zumindest hätte die Auswertung der Korrespondenz, die Gebhardt nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Auswärtigen Amt geführt hat, Anlaß gegeben, die besonders durch Diems unveröffentlichte Aufzeichnungen ins Spiel gebrachte ökonomische Variante stärker zu hinterfragen, denn schließlich hatten die nationalkonservativen Repräsentanten des Olympiakomitees durchaus die Möglichkeit, mit fadenscheinigen Argumenten das Honorar für die Geschäftsführung gewollt so niedrig zu halten, daß Gebhardt keine andere Wahl blieb als zu demissionieren. Hätte es sich so zu-getragen, dann könnte die Sportgeschichtsschreibung nicht ausschließen, daß sich hinter den ökonomischen Gründen politische verbargen. Anlaß zur Verdächtigung von Diems unveröffentlichten Aufzeichnungen gab es allemal, zumal Gebhardt in einem Brief an Diem selbst darauf verwiesen hatte, daß es für
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seinen Rücktritt Gründe "mannigfacher Art" gegeben habe.13) Allein dieser Hinweis wäre Grund genug gewesen, alle bekannten Quellen zu nutzen. Weshalb wichtige davon ignoriert wurden, können nur die Autoren selbst zuverlässig erklären.
Auch in den von Hamer, Lennartz und Koebsel herausgegebenen Publikationen wird das sportpolitische Credo Gebhardts deutlich, nämlich den Sport in den Dienst der Völkerfreundschaft und des Friedens zu stellen. Als Westphal dann im Jahre 1985 seinen Beitrag "Der Friedensgedanke im Kampf Dr. W. Gebhardts für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen" veröffentlichte, wußte er sich in der Grundaussage mit den Autoren der genannten Schriften in Übereinstimmung, daß Gebhardt zu jener Zeit in Deutschland der redlichste Verfechter der olympischen Idee war.14) Pharisäertum war ihm fremd. Tatsächlich verfocht er seine Friedensidee auch mit der Leidenschaft eines fest überzeugten Menschen. Deshalb muß er noch kein "fanatischer Propagandist" gewesen sein, wie es Scherer erkannt zu haben glaubte.15) Unbestritten ist, und darin sind sich alle Autoren einig: Sein Bekenntnis zu Frieden und Völkerfreundschaft war nicht taktischer und somit temporärer, sondern prinzipieller und stabiler Natur und das in einer Zeit, als nach philosophischer Lesart der Krieg noch als Mittel der Politik abgesegnet wurde. Dadurch hob sich Gebhardt von anderen maßgebenden Führern der bürger-lichen deutschen Körperkultur jener Zeit ab. Es muß anderen Untersuchungen überlassen bleiben, von welcher pragmatischen Position aus Hamer insbesondere das diplomatische Geschick Gebhardts relativiert, wenn er meint: "Man könnte nämlich zu manchen Punkten zu seinem Einsatzwillen und seiner olympischen Aktivität kritisch die Frage stellen, ob er sich nicht zu unreflektiert und zu vorurteilsfrei für seine große Idee der friedlichen An-näherung der Völker durch den Sport eingesetzt hat." 16)
Trotz seiner Leidenschaftlichkeit besaß Gebhardt auch taktische Fähigkeiten. Wie weit sie reichten, muß dahingestellt bleiben. Scherer bescheinigt ihm jedenfalls einen "Blick für Realitäten".17) Sie bewogen ihn aber nicht zur Aufgabe seiner Ziele. Wenn ausgerechnet der Mann, dessen humanistischer Internationalismus in Wort und Tat unmißverständlich zum Ausdruck kam, kalt gestellt wurde, verwundert es nicht, wenn die Suche nach den
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tatsächlichen Gründen nicht aufgegeben wurde. Westphal hat des-halb in seinem letzten Beitrag einen neuen Ansatz in der Staatsstreichpolitik der Männer um Wilhelm II. gesucht und damit den allgemeinen politischen Kontext, der in den bisher genannten Publikationen mehr oder weniger stark vernachlässigt wurde etwas aufgehellt.18) In dieser Hinsicht ist aber noch mehr Licht vonnöten, denn Oberflächlichkeiten begünstigen geradezu Fehldeutungen oder erlauben bestenfalls Halbwahrheiten.
In jüngster Zeit hat sich Ullrich noch einmal mit dem Wirken Gebhardts befaßt, die bekannten Fakten genutzt, neue hinzu-gefügt, interessante Deutungen und Kombinationen vorgestellt und so das Manuskript einer journalistischen Gebhardt-Biografie verfaßt.19) Dieses Manuskript bildet die umfassendste Darstellung des Schaffens von Dr. W. Gebhardt. Gerade die neuen Fakten und Deutungen sind es, die wiederum die Frage nach den Gründen für die Ausschaltung Gebhardts aufwerfen, die zumindest die Berechtigung dieser Frage einmal mehr beweisen. Und wenn Ull-rich sogar die Vermutung äußert, daß Dokumente aus dem Verkehr gezogen wurden, um der Nachwelt die Beantwortung der Frage zu erschweren, 20) so muß einem Journalisten dazu das Recht eingeräumt werden, zumal die Lücke in der Korrespondenz, die Gebhardt mit Coubertin führte, sofort ins Auge fällt. Es ist tatsächlich unwahrscheinlich, daß Gebhardt darauf verzichtet hat, Coubertin die Gründe für das Ausscheiden aus der Füh-rungsposition im deutschen Olympiakomitee mitzuteilen, unwahrscheinlich auch deshalb, weil er nach seinem Rücktritt als Schriftführer Mitglied des Deutschen Reichsausschusses und des Internationalen Komitees blieb. Gebhardt war nicht der Mann, der mit sich umspringen ließ und kontemplativ blieb. Er hatte auch den Ehrgeiz, als Sportführer Verantwortung zu tragen und neigte dazu, in Auseinandersetzungen sich kämpferisch zu verteidigen. Es verwundert deshalb nicht, wenn danach gefragt wird, ob er sich wegen seiner Absetzung nicht auch schriftlich geäußert haben könnte. Zumindest hat es mit sportlichen Körperschaften darüber eine Korrespondenz gegeben, denn im Jahre 1920 war er bereit, dem Auswärtigen Amt darin Einblick zu gewähren. Nach seiner Darstellung handelte es sich ausdrücklich um Material, das Aus-kunft darüber gab, wodurch er verdrängt worden sei.21)
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Bestimmt müßte es doch in den Unterlagen des Deutschen Reichs-ausschusses für Olympische Spiele ein Dokument darüber ge-geben haben. Trotz solcher Mutmaßungen muß eindeutig fest-gestellt werden: Es gibt derzeit kein unwiderlegbares Indiz dafür, daß Dokumente über den Grund des Ausscheidens aus dem DRA mit Vorbedacht liquidiert worden sind; schließlich können sie auch verloren gegangen sein oder noch irgendwo unentdeckt schlummern.
Die Suche nach den Gründen für die Ausschaltung Gebhardts wird fortgesetzt. Dabei kann die Beantwortung der Frage hilfreich sein, ob Gebhardt seines kulturpolitischen, sozialen, sportlichen und politischen Profils wegen überhaupt prädestiniert war, eine Führungsposition in einer nationalkonservativen Körperschaft zu bekleiden, in die sich das deutsche Olympiakomitee von 1900 verwandelt hatte. In einigen der erwähnten Publikationen hat es Ansätze der Beantwortung gegeben.
Die folgenden Passagen verfolgen die Absicht, diesen Ansätzen weiter nachzugehen.
DER "AUSSENSEITER"
Gebhardt war in mehrfacher Hinsicht vom Standpunkt des deutsch-nationalen Konservatismus aus ein Außenseiter. Er bewahrte sich vor der Deutschtümelei der Deutschen Turnerschaft und des Zentralausschusses für Volks- und Jugendspiele. Körperkulturkonzepten anderer Völker gegenüber war er stets aufgeschlossen. So akzeptierte er Sportarten und deren Be-triebsweisen, die ihren Ursprung nicht in Deutschland hatten. Auch das individuelle Leistungsstreben, wie es vor allem der englische Sport hervorgebracht hatte, fand seine Billigung. Insbesondere durch die von ihm im Jahre 1895 initiierte Sportausstellung in Berlin förderte er die Verbreitung des durch Wettkampf und Rekordstreben gekennzeichneten Sportgedankens. Somit half er Berlin und dem Reich eine internationale Sicht der Körperkultur zu vermitteln und die nationale Borniertheit zu überwinden respektive zurückzudrängen. Für dieses internationale Engagement erntete er die Verdammung durch die Deutsche Turnerschaft, den Zentral-ausschuß und andere konservative Körperschaften der deutschen Körperkultur.
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Wurde ihm schon dieser Internationalismus angelastet, so wirkte sich natürlich sein Werdegang als Funktionär der deutschen Körperkultur nicht gerade positiv aus. Er stammte eben nicht aus der großen Deutschen Turnerschaft oder der Bewegung zur Förderung der Volks- und Jugendspiele. Solche gestandenen Männer wie Götz und von Schenkendorf mußten es als eine Zumutung empfinden, ihre Werke den Zielen eines Gebhardt auszuliefern, der nach ihrem Verständnis nur ein Emporkömmling sein konnte. Dessen negatives Image im konservativen Lager der deutschen Körperkultur wurde durch seinen Versuch, mit dem Kolonialpolitiker Dr. Karl Peters zusammen einen "Deutschen Bund für Sport, Spiel und Turnen" zu bilden, eher gestärkt als abgeschwächt, denn warum sollte gerade ein Mann die Führung eines Dachverbandes der deutschen Körperkultur übernehmen, der keine eigene große Gefolgschaft einzubringen hatte und als Fechtsportler eine Randgruppe repräsentierte. Außerdem war der von ihm gewonnene Kooperationspartner Dr. Karl Peters wegen seiner Affären im deutschen Kolonialdienst umstritten und nicht geeignet, ungeteiltes Vertrauen in den neugegründeten Bund zu setzen. So scheint es, als fehlte es Gebhardt zuweilen doch am nötigen sportpolitischen Fingerspitzengefühl und der Fähigkeit zur treffenden Analyse von Realitäten. An Unternehmungsgeist mangelte es ihm jedoch nicht.
Außenseiter war Gebhardt auch seiner sozialen Stellung wegen. Das von seinem Vater geerbte kleine Vermögen und seine Ein-künfte aus eigener Unternehmertätigkeit (Anstalt für Lichttherapie in Berlin und Vermarktung von Genußmittelpatenten in den USA) sicherten ihm nur einen bescheidenen Lebensstandard. Der Zugang zum kostspieligen gesellschaftlichen Leben der Hofkamarilla und des wohlhabenden Bürgertums blieb ihm ver-sperrt. Seiner sozialen Lage wegen hatte Gebhardt kaum eine Möglichkeit, in die politischen, militärischen, ökonomischen und kulturellen Führungskreise des Kaiserreiches aufgenommen zu werden. In diesen Kreisen wurde Gebhardt erst bekannt, als der griechische Botschafter Rangabé in Deutschland eine Persönlichkeit suchte, die sich anbot, die Beteiligung deutscher Sportler an den Olympischen Spielen 1896 in Athen zu organisieren. Rangabé hatte keine andere Wahl, denn in Berlin, dem politischen und kulturellen Zentrum des deutschen Reiches,
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fand sich kein anderer Führer der deutschen Körperkultur, der es gewagt hätte, sich für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen einzusetzen. Rangabé handelte im Auftrage dynastischer Familienbeziehungen und spezifischer politischer Zielsetzungen des griechischen Königshauses, wodurch sich auch Wilhelm II. kurzfristig damit befassen mußte.
Obschon die großen deutschen Vereinigungen der Körperkultur mit Vehemenz Front gegen die Beteiligung an den Olympischen Spielen machten, konnte die damalige Reichsregierung unter dem greisen Hohenlohe-Schillingfürst nicht umhin, die Arbeiten Gebhardts zur Aufstellung einer Olympiamannschaft zu dulden. Zweifellos verhielt sie sich nicht nur kontemplativ gegenüber den Vorbereitungen, denn immerhin übernahm der Sohn des Reichskanzlers die Schirmherrschaft über das von Gebhardt gegründete Komitee. Gebhardt war die Seele des Komitees, der Inspirator von Plänen und unermüdliche Organisator, war mehr als eine Art Generalsekretär. Der Sohn des Reichskanzlers spielte eher die Rolle einer Symbolfigur, durch die das Komitee politisch abgesegnet war. Ob es überhaupt substantielle Beratungen zwischen ihm und Gebhardt gegeben hat, ist derzeit nicht zu klären. Das soziale Gefälle zwischen Gebhardt und dem Sohn eines Fürstengeschlechtes war im konkreten Falle beträchtlich. Ein solches Verhältnis konnte nur solange hingenommen werden, wie es dem Schirmherren möglich war, zur praktischen Arbeit des Komitees auf Distanz zu bleiben. Andererseits war es Gebhardt möglich, unter diesen Umständen als sozialer Außenseiter die Rolle des Managers voll wahrzunehmen.
Seine Außenseiterposition wegen seiner Stellung zum sportlichen Internationalismus, seiner Herkunft als Sportfunktionär und seiner sozialen Verhältnisse hätte sich zweifellos durch seine Ergebenheit gegenüber der von den Herrschenden betriebenen expansiven Politik kompensieren lassen. Aber wie stand es damit? Gebhardt war zu jener Zeit mit seinem Bekenntnis für Frieden und Völkerverständigung unzweideutig. Von diesem Anliegen ging die eigentliche Triebkraft zur Gründung seines Komitees aus. Angesichts der nationalistischen Stimmung, für die der Alldeutsche Verband als mächtige Propagandaorganisation in deutschen Landen, somit auch in den bürgerlichen Turn- und Sportorganisationen, gesorgt hatte, mußte Gebhardts Initiative mit
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seiner internationalistischen Zielstellung zwangsläufig des Verrats nationaler Würde bezichtigt werden.
Es ist einstweilen keine Quelle bekannt, aus der hervorgehen könnte, welche Gründe den Sohn des Reichskanzlers bewogen haben, die Schirmherrschaft für ein Komitee zu übernehmen, an dessen Spitze Gebhardt mit seinem sportpolitischen Profil stand. Der Sohn des Reichskanzlers konnte es sich seiner politischen und sozialen Stellung wegen nicht leisten, ohne ein gründliches Studium der Ziele dieses Komitees und der Ansichten seines führenden Kopfes die Schirmherrschaft zu übernehmen. Von der Warte der damaligen Regierungspolitik aus, die vom Monarchen beargwöhnt wurde, war es ihm noch möglich, denn sein Vater verzichtete als Reichskanzler zu jener Zeit noch auf eine extreme internationale Konfrontation. Die Übernahme der Schirmherrschaft war somit ein Ausdruck dieser Politik, die auch durch Tendenzen der internationalen Zurückhaltung und des Ausgleichs gekennzeichnet war. Von einem launischen Zufall kann kaum die Rede sein, wenn nach der Entmachtung des Reichskanzlers im Jahre 1897 dessen Sohn sich von Gebhardts Unternehmen zurückzog und dieser deshalb gezwungen wurde, sich nach neuen Repräsentanten umzusehen. Wieder mußten es Männer sein, die ihres politischen Ansehens wegen geeignet waren, die Duldung oder Unterstützung amtlicher Stellen zu sichern, die entweder den politischen Umsturz mit aktiv befördert hatten oder sich darauf einstellten, den neuen Erwartungen der Obrigkeit gerecht zu werden. Der Staatsstreich des Jahres 1897 war durch die Mißachtung des politischen Kräfteverhältnisses im Reichstag zur Forcierung der militärischen Aufrüstung, der nationalistischen Manipulierung des Volkes und der internationalen Konfrontation gekennzeichnet. Zwar blieb Schillingfürst zunächst Reichskanzler, aber auf die grundlegenden Entscheidungen hatte er keinen Einfluß mehr. Zum eigentlichen Vollstrecker der neuen Politik avancierte Fürst Bernhardt von Bülow in seiner Eigenschaft als Außenminister und ab 1900 als Reichskanzler. Durch ihn erlangten Wilhelm Il. und seine Hintermänner einen großen Einfluß auf die Innen- und Außenpolitik des Deutschen Reiches, die auch um die Vorbereitungen zur Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen des Jahres 1900 keinen Bogen machte. An der Spitze des Vorbereitungskomitees tauchten neue Männer auf. Die Leitung
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übernahm Prinz Aribert von Anhalt. Sein Stellvertreter wurde Prinz Eduard zu Salm-Horstmar, der als ehemaliger Kommandeur der 1. Kavalleriebrigade, Generalmajor, Angehöriger des Kaiserlichen Stabes und späterer Generaladjudant des Kaisers enge Beziehungen zum preußischdeutschen Hof unterhielt. Gebhardt übernahm die Funktion des ersten Schriftführers, etwa eines Generalsekretärs, dem ein zweiter Schriftführer zur Seite stand. Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees blieb er, aber neben ihm rückte nunmehr Salm-Horstmar in dieses Komitee auf, woran insbesondere Coubertin interessiert war, um das öffentliche Ansehen seines Unternehmens zu stärken. Aber auch Gebhardt hatte im nationalen Maßstab keine andere Wahl, wollte er sich die Gunst der Mächtigen sichern. So erklärt es sich, daß nach den Olympischen Spielen des Jahres 1904, als auf Betreiben Gebhardts das deutsche Olympiakomitee in eine Perma-nentkörperschaft umgebildet worden war, die führenden Persönlichkeiten wiederum aus der Generalität kamen. Kavalleriegeneral Graf von Wartensleben übernahm das Amt des Präsidenten und Kavalleriegeneral Graf von der Asseburg das des Vizepräsidenten. Über diese Männer bekam die Staatsstreichpartei Einfluß auf die sportpolitische Profilierung des deutschen Olympiakomitees. Offenkundig wurde dieser Einfluß bereits mit dem Aufruf des deutschen Olympiakomitees zur Teilnahme an den Olympischen Spielen 1900 in Paris. In ihm war davon die Rede, mit der Olympiabeteiligung die Machtstellung Deutschlands demonstrieren zu wollen. 22) Eine solche Diktion entsprach nicht Gebhardts Intentionen. Sie war aber geeignet, den Widerstand des nationalistischen Lagers der deutschen Körperkultur gegenüber den Olympischen Spielen zu mindern oder sogar zu liquidieren. Gebhardt hatte die Völkerfreundschaft und die Festigung des Friedens im Auge.
Den maßgebenden Männern des deutschen Olympiakomitees hin-gegen ging es um ein Hegemonialstreben. Hier wird ein Wider-spruch deutlich, mit der die internationale olympische Bewegung leben mußte und den sie bis heute nicht total überwinden konnte. Damals wurde besonders in Europa der Krieg als Mittel der Politik von den nach Territorialansprüchen strebenden Mächten bewußt in Anspruch genommen. Dazu gehörte der gegen andere Völker gerichtete Chauvinismus. So existierte eine imperialistische
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Konfrontationspolitik, die sich an der Schwelle zum 20. Jahrhun-dert trotz gelegentlicher Friedensbeteuerungen der Herrschenden immer weiter zuspitzte. Objektiv stand der unverfälschte Olympismus mit seinem Friedensgehalt im Gegensatz zu dieser politischen Dynamik, denn seine Begründer verstanden ihn programmatisch als kulturpolitische Kraft, die gegen die Völkerverhetzung und den Krieg gerichtet sein sollte. Seine Existenz hing davon ab, wie er unter den Völkern verwurzelt werden konnte. Zwangsläufig geriet er stark in Bedrängnis, als der Chauvinismus, geschürt von konservativen Kräften der verschiedenen Länder, immer mehr an Boden gewann. Er stand vor der tragischen Alternative, sich an der Seite der kleinbürgerlichen und proletarischen Friedensbewegung als Friedenskraft weiter zu artikulieren, jedoch gesellschaftlich ins Abseits zu geraten, oder auf eine solche Artikulierung zu verzichten, dafür ein gewisses Wohlwollen der staatlichen Obrigkeit in Anspruch zu nehmen und darauf zu spekulieren, daß die Praxis der Olympischen Spiele die Rolle des trojanischen Pferdes spielen und hinter dem Rücken der Kriegstreiber in aller Stille die Freund-schaft der Völker stärken würde. Wohl abgewogen werden mußte diese Entscheidung auch, weil sich die olympische Bewegung gerade erst in den Anfängen befand und immer wieder zu zer-brechen drohte. Eine klare politische Konfrontation mit den herrschenden politischen Strukturen hätte die Abhaltung Olympischer Spiele und die Entfaltung der olympischen Bewegung in solchen Ländern wie Deutschland und Frankreich zumindest erschwert, wenn nicht sogar unterbunden, wodurch der Zu-sammenbruch des von Coubertin initiierten Unternehmens verursacht worden wäre. Auf jeden Fall hätte in Deutschland mit einem solchen Ausgang gerechnet werden müssen. Um dem zu-vorzukommen, blieb auch einem Manne wie Gebhardt nichts anderes übrig, als sich mit Angehörigen der Hofkamarilla einzulassen, die politisch dem Herrscherhaus hörig waren und deshalb auch versuchten, der nationalen olympischen Bewegung in Deutschland eine Richtung zu geben, die der Gründungsidee zuwiderlief. Mit diesem Widerspruch hatten es auch andere Länder zu tun, wenn er auch gemäß den nationalen Besonderheiten unterschiedlich ausgeprägt war. In seinem Grundmuster wohnte er der gesamten olympischen Bewegung jener Zeit inne. So erklärt
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sich auch, weshalb sich Coubertin vor Gebhardts Forderung hütete, allen IOC-Mitgliedern ein Friedensbekenntnis abzufordern, obwohl er sich selbst in öffentlichen Verlautbarungen immer wieder zu Frieden und Völkerverständigung bekannte.23) Wer sich dadurch brüskiert fühlte, brauchte nicht im Internationalen Olympischen Komitee zu bleiben. Andererseits duldete Coubertin in seinem Kreise Männer, die dem Friedensinhalt des Olympismus fernstanden. Das war nicht nach dem Sinne Gebhardts, zumal er auch damit rechnen mußte, im Falle der Konfrontation mit Wartensleben und Asseburg nicht die Unterstützung Coubertins zu erhalten. Somit verschlechterten sich die Bedingungen für eine Durchsetzung der ursprünglichen olympischen Zielstellung. Es muß dahingestellt bleiben, ob sich daraus bei Gebhardt Verdruß einstellte, ausgeschlossen werden darf es jedenfalls wegen seines unerschütterlichen Friedensengagements nicht.
Nach allem, was die Sportgeschichtsschreibung bisher über Gebhardt zutage gefördert hat, lassen sich bei ihm keine typischen charismatischen Eigenschaften entdecken. Dennoch war er stets eine unternehmerische Persönlichkeit, die danach strebte, Verantwortung zu tragen und schwierige Aufgaben zu lösen.
DER MANN OHNE CHANCE
Nachdem aber Wartensleben und Asseburg die Regie des olym-pischen Permanentkomitees übernommen hatten, wurde seine Eigenständigkeit eingeschränkt. Besonders Asseburg nahm mehr und mehr Kompetenzen wahr. Während sich Schillingfürst mit der Schirmherrschaft und Aribert von Anhalt mit der formalen Präsidentenschaft begnügt hatten, griff Asseburg in die operative Arbeit ein. Er ließ sich nicht, oder nur bedingt von Gebhardt beraten. Und Coubertin nahm das erweiterte Engagement As-seburgs wohlwollend an. Er schätzte es sogar und lobte später ausdrücklich dessen vermittelnde Rolle zwischen dem IOC und den großen deutschen Körperkulturorganisationen, die lange Zeit die Olympischen Spiele ignoriert hatten.24)
Gebhardt hatte keine Chance mehr, unter den sich eskalierenden politischen Bedingungen und im Rahmen der gegebenen personellen Zusammensetzung seine kulturpolitischen Optionen zur Geltung zu bringen. Mag es auch noch andere Gründe ge-
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geben haben, weshalb er sein Amt zur Verfügung stellte, jedenfalls wäre es ihm nur um den Preis seines kulturpolitischen Credos möglich gewesen, weiter im deutschen Olympiakomitee Verantwortung zu übernehmen, sofern die tonangebenden Männer dieses Komitees ihn darum überhaupt ersucht hätten. Zehn Jahre lang hatte er die Widersprüchlichkeit in der Tätigkeit des Komitees ertragen. Es scheint, als hatte er zu jener Zeit die Grenzen seiner Konzessionsbereitschaft erreicht. Jedenfalls zu einem Gesinnungswandel war er nicht zu bewegen. Dafür spricht eindeutig eine Initiative zur Erneuerung der olympischen Bewegung, die er unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ergriff. Nach seiner Ansicht hatte die olympische Bewegung ihre ureigenste Zielstellung aufgegeben.25)
Eine solche Meinung war keine bösartige Unterstellung, die aus dem Schmollwinkel eines Abgeschobenen heraus geäußert wurde. Schließlich gab es dafür zumindest im deutschen Sport schlagende Beweise.
Denn, nachdem Maeterling im Jahre 1907 den Krieg als den Ursprung des Sportes und als "Sport par exellence" propagiert hatte,26) wurde die friedensstiftende Mission des Sportes in den Medien Deutschlands fast völlig ignoriert und statt dessen der internationale sportliche Vergleich als Mittel des Machtstrebens gerechtfertigt. Diese Tendenz kulminierte schließlich in einer aus dem Jahre 1913 stammenden Veröffentlichung, mit der Carl Diem die Vorbereitungen der in Berlin geplanten Olympischen Spiele 1916 begründete. Aus ihr geht hervor, worin die Herrschenden in Deutschland den Sinn der Olympischen Spiele sahen. Durch den Deutschen Reichsausschuß für Olympische Spiele autorisiert meinte Diem:
"In dem Augenblick, in dem man die nationale Bedeutung der internationalen Olympischen Spiele erkannt hatte, standen die Richtlinien für ihre Vorbereitung fest... 1916 müssen wir siegen, und zwar auf der ganzen Linie... Schon heute wissen wir, daß, wenn nicht unvorhergesehene Weltereignisse dazwischentreten, die internationale Beteiligung an den Spielen von Sportleuten ebensosehr wie von Zuschauern größer als je sein wird... Es gilt daher als letzte Aufgabe... durch eine besondere Organisation unseren zureisenden Gästen... den Weg durch unser deutsches Vaterland zu zeigen und ihnen seine Größe und Macht vor Augen
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zu führen... Nicht schnell und eindringlich genug kann sich die Kunde von der Bedeutung des deutschen Wirtschaftslebens und der deutschen Industrie aber auch von Deutschlands kriegerischer Macht verbreiten. Die Spiele des Jahres 1916 werden und sollen mit ein Mittel sein, um die Völker von unserer Machtstellung zu überzeugen." 27)
Verstrickt in die deutsche Expansionspolitik blieb die olympische Idee auf der Strecke und Gebhardt kam zu der Erkenntnis, daß "aus einer Organisation des Völkerfriedens eine chauvinistische geworden war". 28)
Diese Metamorphose war eng mit Carl Diem verknüpft. Gründlichere Untersuchungen sind notwendig, um den Anteil dieses Mannes an dieser Entwicklung zu bestimmen. Erwiesen ist jedoch: Diem entsprach den Intentionen der deutschen Chauvinisten und konnte an die Stelle Gebhardts treten. Gebhardt betrachtet später Diem, der 21 Jahre jünger war, ausdrücklich als einen ideologischen Kontrahenten. So erklärt es sich, weshalb er sich nach dem Ersten Weltkrieg die Aufgabe stellte, die "Anschauungen" Diems bzw. des "Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen" über die Olympischen Spiele zu bekämpfen und die "Reinheit' der olympischen Bewegung wieder herzustellen.29) Für seine Erneuerungsinitiative erwartete er die Unterstützung des Auswärtigen Amtes. In der Annahme, mit den außenpolitischen Doktrinen Nachkriegsdeutschlands konform zu gehen, unterbreitete er im April des Jahres 1920 dem Auswärtigen Amt die sportpolitischen Inhalte seiner Erneuerungsbestrebungen. Sie sollten von Deutschland ausgehen und dazu beitragen, das Ansehen deutscher Außenpolitik zu mehren. Seine Denkschrift schließt mit den pathetischen Worten:
"Schon das Bekanntwerden der Förderung solcher idealer Bestrebungen seitens der deutschen Regierung würde im In- wie im Auslande, und nicht zuletzt in den uns bisher feindlich gegenüberstehenden Staaten, eine günstige, weil beruhigende, Wirkung ausüben. Es dürften durch ein solches Vorgehen größere Kraftwirkungen ausgelöst werden, als man im ersten Augenblick zuzugeben bereit ist. Es ist mein heißes Sehnen, daß die führenden Männer in Deutschland die sich ihnen jetzt bietende Gelegenheit nicht vorübergehen lassen. Sie sollen das Banner des
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Friedens erheben mit dem Ruf wie Donnerhall. Genug nun der Kämpfe mit den blutigen Waffen! Zerbrechen wir endlich die Fesseln, mit denen seit Jahrtausenden der Satan Krieg die Menschheit in Schrecken und Furcht erhalten hat. Es muß und wird gelingen, und dann sind die furchtbaren Blutopfer nicht umsonst gebracht worden. Jetzt rüstet euch, ihr Soldaten des Kampfes auf dem Felde des Menschheitsfriedens! 'Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!'" 30)
Gebhardt wußte um den Einfluß des Mannes, durch den er im deutschen Olympiakomitee ersetzt worden war und bat vorsichtshalber das Auswärtige Amt, seinen Plan vertraulich zu behandeln. 31) Das war selbstverständlich von vornherein eine illusionäre Erwartung, denn mit einem solchen Anliegen waren die Beamten ganz einfach fachspezifisch überfordert. Mit ihrem Defizit an Sachkompetenz wandten sie sich deshalb umgehend gerade an den Mann, dem das olympische Konzept Gebhardts von Grund auf fremd war, nämlich Carl Diem. Dieser legte dem Auswärtigen Amt nahe, dem Projekt Gebhardts keine Unterstützung zuteil werden zu lassen, wodurch es für die Regierung erledigt war.32) Dennoch steckte Gebhardt nicht auf, zumal er bei Freunden im Ausland mit seinem Vorhaben Resonanz gefunden hatte. 33)
Ein Autounfall riß ihn im Jahre 1921 aus dem Leben, wodurch sein Plan in Vergessenheit geriet. Womöglich war Gebhardt mit seiner Erneuerungsinitiative tatsächlich seiner Zeit voraus. Heute scheint sich manches von dem verwirklichen zu lassen, was er damals konzipiert hat, insbesondere die Profilierung der Olympischen Spiele als sportliche Friedensfeste. In dieser Hinsicht ist er der zuverlässigste Ratgeber von allen deutschen Sportführern und dank der politischen Dynamik in und um Berlin entstehen Voraussetzungen, die es geraten erscheinen lassen, sich auf ihn zu besinnen und sein sportpolitisches Credo gegenüber der Hinterlassenschaft nationalistischer deutscher Sportführer zu favorisieren.
ANMERKUNGEN:
1. L. SKORNING u. a.; Kurzer Abriß der Geschichte der Körperkultur in Deutschland, Berlin 1952, S. 197 - 198
2. B. SAURBIER; Geschichte der Leibesübungen, Frankfurt/M. 1955, S. 196, 197 u. 201
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3. W. EICHEL U. a.; Geschichte der Körperkultur in Deutschland 1789 - 1917, Berlin 1965, S. 255 - 25
4. J. FIEBELKORN u. H. WESTPHAL; Die Olympischen Spiele von Athen bis Mexiko-Stadt, Berlin 1969, S. 15, 18, 19, 24, 43
5. L. DIEM; Siebzig Jahre Olympische Spiele 1896 -1966, Ein Gedenkblatt für Dr. W. Gebhardt (1861 - 1921), in: Die Leibeserziehung 15 (1966) H 4, S. 109 - 117 u.
K. A. SCHERER; Der unterschlagene Olympier. Deutschlands olympischer Pionier: Dr. W. Gebhardt, in: Olympisches Feuer 16 (1966) H. 11, S. 9-14
Verdienstvoll waren diese beiden Beiträge deshalb, weil mit ihnen die Erforschung von Gebhardts Werk eingeleitet wurde.
6. W. EICHEL u. a.; Geschichte der Körperkultur in Deutschland 1789 - 1917, Berlin 1973, S. 364
7. K. ULLRICH; Olympia und die Deutschen, Berlin 1968
8. H. WESTPHAL; Dr. W. Gebhardt - ein Vorkämpfer des modernen Olympismus in Deutschland, in: Theorie und Praxis der Körperkultur, 17 (1984) H.4, S . 296 - 304
9. DZA POTSDAM; AA, Zentralstelle für Auslandsdienst. Nr. 1712, Bl. 147
10. E.HAMER; W. Gebhardt 1861 - 1921, Köln 1971, S. 39, W. Gebhardt. der erste deut-sche Treuhänder des Olympischen Gedankens, Köln 1970
11. K. LENNARTZ; Geschichte des Deutschen Reichsausschusses für olympische Spiele, Heft 3, Die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen 1906 in Athen und 1908 in London, Köln 1985
12. K. KOEBSEL; Dokumente zur Frühgeschichte der Olympischen Spiele,Köln 1970 und
K.A.SCHERER; 75 Olympische Jahre NOK für Deutschland, München 1970
13. E. HAMER; a.a.O., S. 47
14. H. WESTPHAL; Der Friedensgedanke im Kampf Dr. Gebhardts für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen, in: Theorie und Praxis der Körperkultur, 34 (1985) H. 11, S. 802 - 806
15. K. A. SCHERER;a. a. 0., S. 12
16. E. HAMER; a. a . 0., S. 42
17. K .A. SCHERER; a. a. 0., S. 12
18. H. WESTPHAL; Der Friedensgedanke...a. a. 0., S. 804
19. K. HUHN (ULLRICH); Der vergessene Olympier. Das erstaunliche Leben des Dr. W. Gebhardt, Manuskript, Kleinmachnow 1990, inzwischen erschienen im Spotless-Verlag, Berlin.
20. K. HUHN (ULLRICH); Der vergessene... S. 163 - 164
21 DZA POTSDAM; a. a. O., Bl. 147
22 Deutsche Turnzeitung; 45 (1900), S. 272
23. H. WESTPHAL; Der Friedensgedanke ..., S. 803
24. P. de COUBERTIN; Olympische Erinnerungen, Berlin 1967, S. 84 und
K. KOEBSEL; Dokumente... S. 189
25. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 147
26. M. MAETERLINCK; Gedanken über Sport und Krieg, Leipzig - Berlin 1907, S. 67
27. Fußball und Leichtathletik; 14 (1913), S. 465
28. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 145
29. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 136
30. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 156
31. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 134
32. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 151
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33. DZA POTSDAM; a. a. 0., Bl. 138

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Beiträge zur Sportgeschichte
Heft 2 /1996
INHALT:
Karsten Schumann: 4
DISSERTATION: Empirisch-theoretische Studie zu ent-wicklungsbe-stimmenden Bedingungen des Leistungs-sports der DDR.
Rezension und Auszüge: Heinz Schwidtmann
Bruce Kidd, Toronto: 25
OLYMPIA 1936: Die kanadische Kampagne gegen die Na-zi-Olympiade
DOKUMENTE:
Klaus Huhn: 30
Wenn in Garmisch etwas passiert...
Siegfried Melchert: 34
Laudatio für eine Hundertjährige - Lesgaft-Akademie
Günter Erbach: 45
DISKUSSION: Über Ideologie und Politik in der Entwick-lung des DDR-Leistungssports
Günter Wieczisk: 69
Klarstellung eines Sachverhalts zu Wolfgang Nordwig
Otto Jahnke: 71
Spornitzer Erfahrungen
REZENSIONEN: 79
Heinz Schwidtmann:
Faszination Boxen
Irene Salomon:
Mythos Diem
DOKUMENTE:
Helmut Kohl: 83
Die Demokratie braucht Leistungseliten auf allen Ebenen
ANMERKUNGEN:
Klaus Huhn: 88
Umgang mit Akten
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AUTOREN:
GÜNTER ERBACH, Dr. paed., geboren 1928, Prof. für Theorie und Geschichte der Körperkultur 1960 bis 1968 an der DHFK Leipzig, Rektor der DHFK von 1956 bis 1963, stellvertr. Staatssekretär (von 1965) und Staatssekretär für Körperkultur und Sport der DDR von 1974 bis 1989. Exekutivmitglied der CIEPS von 1973 bis 1983, Eh-renmitglied der CIEPS.
KLAUS HUHN, Dr. paed., geboren 1928, Sportjournalist und Sporthistoriker.
OTTO JAHNKE, geboren 1924, Von 1950 bis 1952 Pressereferent im Landessportausschuß Mecklenburg, von 1952 bis 1986 Redak-teur des „Deutschen Sportecho“.
BRUCE KIDD, geboren 1943, Prof. und Leiter des Instituts für Sport der Universität Toronto (Kanada), Mitglied der „Halle des Ruhms des kanadischen Sports“.
HELMUT KOHL, geboren 1930, Dr. phil. Promotion 1958, Bundes-kanzler der BRD seit 1982.
SIEGFRIED MELCHERT, Dr. paed. habil., geboren 1936, Prof. für Theorie und Geschichte der Körperkultur seit 1989 an der Universi-tät Potsdam, Mitglied der Akademie der Künste und der Wissen-schaften zu St. Petersburg, Mitglied der DVS.
IRENE SALOMON, geboren 1940,74fache Basketballnationalspie-lerin der DDR, bis Ende 1991 Leiterin des Sportmuseums Berlin, Mitglied der DVS.
KARSTEN SCHUMANN, Dr. paed., geboren 1963, Studium an der DHfK Leipzig.
HEINZ SCHWIDTMANN, Dr. paed. habil. geboren 1926, Prof. für Sportpädagogik 1970 bis 1990 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) und dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) Leipzig, Rektor der DHFK 1963 bis 1965, Präsi-dent des Deutschen Boxverbandes (DBV) von 1974 bis 1990.
LOTHAR SKORNING, Dr. paed., geboren 1925, Hochschullehrer für Geschichte der Körperkultur 1969 bis 1991 an der Humboldt-Universität zu Berlin
GEORG WIECZISK, geboren 1922, Dr. paed., Promotion 1956, von 1969 bis zur Emeritierung Prof. für Geschichte und Soziologie des Sports an der Humboldt-Universität Berlin. Präsident des DVfL von 1959 bis 1990, seit 1990 Ehrenpräsident des DLV, Ehrenmit-glied der Councils der IAAF und des EAA auf Lebenszeit.
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ANMERKUNG DES HERAUSGEBERS
Der SPOTLESS-Verlag präsentiert Ihnen das zweite Heft un-serer „Beiträge zur Sportgeschichte“. Es ist vielfältiger, über-sichtlicher, informativer als das erste. Der Verlag hatte sich keine Illusionen gemacht, welche Chancen eine solche Publi-kation auf dem Medienmarkt haben könnte. Der Absatz über-traf unsere kühnsten Erwartungen, wofür sicher auch die Namen unserer Autoren sorgten. Der technische Aufwand bei der Herausgabe einer solchen Zeitschrift überstieg jedoch unsere Prognosen, zumal es da auch oft an der Kenntnis der heutigen Voraussetzungen mangelte. Ob sich dieses Prob-lem für die Zukunft lösen läßt, bleibt fraglich. So könnte die-ses Heft - im ärgsten Fall - das letzte sein.
Was die Chronik Lothar Skornings betrifft, so haben wir sie trotz großer Bedenken in der uns vorgelegten Form publiziert. Wir glaubten, heute höhere Ansprüche stellen zu sollen. So wie sie nun vorliegt, könnte sie jedoch eine wertvolle Diskus-sionsgrundlage für künftige Arbeiten auf diesem Gebiet sein.
SPOTLESS
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DISSERTATION: Empirisch-theoretische Studie zu entwicklungsbestimmenden Bedingungen des Leistungssports der DDR. Versuch einer zeitge-schichtlichen Bilanz und kritischen Wertung vor allem aus der Sicht der Gesamtzielstellung.
Von Karsten Schumann
Rezension und Auszüge von Heinz Schwidtmann:
Im September 1989 begann Karsten Schumann als Forschungs-student an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig eine zeitgeschichtliche Untersuchung zur Entwicklung des Leistungssports der DDR, deren Ergebnisse er 1992 als Dissertati-on einreichte und 1993 an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig verteidigte.
Während der Untsuchungen war die DHfK abgewickelt, die Nach-folgeeinrichtung als Fakultät der Universität Leipzig gegründet wor-den und zunächst niemand für das Vorhaben wissenschaftlich zu-ständig. Erst im letzten Jahr der Arbeit an der Dissertation sollte sich das ändern.
Die gesellschaftliche Umbruchsituation in der die Untersuchun-gen durchgeführt wurden, eröffneten neue Möglichkeiten für die Bearbeitung der Thematik, schufen aber auch neue Barrieren z.B. infolge des Drucks, der von der öffentlichen Meinung und den vor-herrschenden Urteilen über den Leistungssport der DDR ausging. Um so mehr ist das vom Autor Vorgelegte zu schätzen, wenngleich der Versuch einer ersten Wertung keine ungeteilte Zustimmung finden wird.Das ist schon durch den gewählten theoretischen Standort bedingt, die systemtheoretischen Überlegungen von LUHMANN; d.h. die funktional-strukturelle Theorie, zu nutzen, um die in der Erstarrung begriffenen Urteile über den Leistungssport der DDR, vor allem die gängigen Klischees - ob in Form glorifizie-render Mythen oder vorurteilsgeprägter Behauptungen, die von der Realität und den tatsächlichen Vorgängen weit entfernt sind - zu überwinden und das Ursachengefüge für Möglichkeiten und Gren-zen, Leistungen aber auch Versagen des Leistungssports der DDR aufdecken zu helfen.
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Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen drei Problemberei-che:
- Die Zielstellungen für den Leistungssport, die in zentralen Do-kumenten des ZK der SED festgeschrieben waren, und zwar im Zeitraum von 1956 bis 1988;
- die politische Instrumentalisierung des Leistungssports der DDR und der von den Athletinnen und Athleten erbrachten sportlichen Höchstleistungen;
- wesentliche Entwicklungsbedingungen des Leistungssports der DDR, die es ermöglichten, daß relativ große Gruppen von Athletin-nen und Athleten, Trainern und Übungsleitern, Sportmedizinern und Physiotherapeuten, Wissenschaftlern, Ingenieuren und Tech-nikern gemeinsam mit den Eltern bzw. den nächsten Angehörigen der Athleten und vielen anderen, vor allem auch ehrenamtlichen Helfern, über längere Zeiträume effektiv und innovativ zusammen-wirkten.
Dazu wertete der Autor insgesamt 122 Dokumente aus, davon 95 sportwissenschaftliche Dokumente, und führte unmittelbar in der gesellschaftlichen Umbruchsituation mit 16 Experten aus der ers-ten und zweiten Leitungsebene des Leistungssports der DDR ein Intensivinterview mit einem für alle Interviews vorgesehenen Ge-sprächsleitfaden durch. Er nutzte die Möglichkeiten von "Oral His-tory“, um Zeitzeugen zu befragen und die von ihnen erlebte Ge-schichte zu erfassen. Das wissenschaftliche Anliegen schließt also das Bemühen zur Sicherung und Erhebung der notwendigen Quel-len ein, und zwar hinsichtlich der wichtigsten und zentralen Be-schlußgrundlagen sowie der entscheidenden Entwicklungsbedin-gungen.
Der Autor war sich dabei durchaus der Fährnisse bewußt, wenn zeitgeschichtliche Tatsachen erfaßt werden ohne genügend Dis-tanz vom untersuchten Geschehen bzw. bei der Befragung von Zeitzeugen ohne ausreichendes Vermögen, "die von den Beteilig-ten zielbewußt propagierten Sinngebungen zu überwinden" (LANGENFELD), und daß dazu allein der Umstand, einer anderen Generation als die Befragten anzugehören, keinesfalls aus-reicht.Deshalb war er um wissenschaftliche Exaktheit und Sach-lichkeit, Einordnung der ermittelten Tatsachen und Fakten in über-greifende Zusammenhänge und gegebene Rahmenbedingungen
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bemüht. Er versuchte zudem, ein der Komplexität des Problems angemessenes interdisziplinäres Herangehen zu erreichen.
Zu den zu würdigen Ergebnissen der von K. Schumann durchge-führten Untersuchungen gehören,
- die Erschließung bisher unveröffentlichter bzw. für wissen-schaftliche Zwecke unzugänglicher Quellen, insbesondere der Leistungssportbeschlüsse des Politbüros beim ZK der SED, noch vor Ablauf der Schutzfrist;
- die von den befragten Experten autorisierten Ergebnisse der ge-führten Interviews, die zu einem Zeitpunkt festgeschrieben wurden, als die neuen Legenden über den Leistungssport der DDR und die einseitigen Verabsolutierungen sich noch nicht so gefestigt hatten, daß sie die tatsächlichen Entwicklungen und Vorgänge z.T. bis zur Unkenntlichkeit überlagerten;
- der Versuch, die politische Instrumentalisierung des Leistungs-sports in der DDR aus der Sicht der generellen politischen Funktion des Leistungssports innerhalb sozialer Systeme in der Moderne darzustellen;
- das Bemühen, Bedingungen der unbestreitbaren Leistungen und Leistungsdynamik, der Innovationsbereitschaft und -fähigkeit des Leistungssports der DDR aufdecken zu helfen, obwohl - will man Historikern, Politik- bzw. Sportwissenschaftlern aus den alten Bundesländern glauben - das systembedingt eigentlich unmöglich war.
Grenzen der Untersuchung und ihrer Ergebnisse wurden vor al-lem durch den eingeschränkten Zugang zu dem erforderlichen Ar-chivmaterial bestimmt. Die Archive des DTSB, insbesondere sei-nes Bundesvorstandes und dessen Präsidium bzw. Sekretariat, sowie des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport beim Mi-nisterrat der DDR waren nicht zugänglich und damit entscheidende Dokumente, welche die Durchsetzung der in den Parteidokumen-ten festgeschriebenen Zielstellungen sichern sollten und auch tat-sächlich weitgehend sicherten. Infolgedessen konnten die mittels "Oral History“ erreichten Ergebnisse nicht mit bis dahin unveröffent-lichten Beschlüssen, Richtlinien und protokollarischen Festlegun-gen konfrontiert werden. Das war nur aufgrund von wissenschaftli-chen Publikationen, der veröffentlichten Beschlüsse, Protokolle etc. und des Vergleichs der verschiedenen Interviews möglich. Der Quellenumfang war also trotz der erweiterten Möglichkeiten einge-
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schränkt. Das mußte sich letztlich auf die gesamte Problembear-beitung, insbesondere auf die Quellenkritik auswirken sowie auf den kritischen Umgang mit den Ergebnissen der Interviews.
In Übereinstimmung mit dem Autor, der bedauerlicherweise - wie viele junge Sportwissenschaftler der DDR - keine Beschäftigung in der Sportwissenschaft der BRD erhielt, bemühe ich mich, beson-ders Beachtens-wertes aus der Dissertation, die ich bereits aus dem Prozeß ihrer Entstehung kenne, vorzustellen. Das ist natürlich insofern schwierig, da Auszüge dem eigentlichen logischen Aufbau der Dissertation nicht gerecht werden, deren Gesamtumfang aber die Publikationsmöglichkeiten überschreitet. Mit Einverständnis des Herausgebers der Zeitschrift haben wir uns deshalb entschieden, zwei ausgewählte, im Text unwesentlich gekürzte Teile zu veröf-fentlichen, die eine bestimmte Einsicht in die vorgelegten Untersu-chungsergebnisse bieten.
Erstens werden Auszüge aus der Problemstellung und den zu-sammenfassenden Bemerkungen vorgestellt, wodurch zunächst ein Überblick über die Dissertation als Ganzes ermöglicht wird.
Darin eingeschlossen ist ein Angebot, eine vollständige Übersicht der Leistungssportbeschlüsse (einschließlich Registriernummer) beim Verlag zu bestellen.
Zweitens sollen in einem nachfolgenden Heft Auszüge aus den von K. Schumann dargestellten Bedingungen des Leistungssports der DDR veröffentlicht und damit auch einem breiteren Kreis von Interessenten zugänglich gemacht werden. Dabei ist zu berück-sichtigen, daß es nicht möglich ist, die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausführlich zu erörtern, um dann einige der spezifischen Entwicklungsbedingungen des Leistungssports der DDR darzustellen. Gemeint sind vor allem solche, die nach meiner Ansicht generelle Relevanz für die sportliche Leistungsentwicklung besaßen und wohl auch unter anderen gesamtgesellschaftlichen Bedingungen weiterhin besitzen. Gerade unlängst hat der General-sekretär des NOK für Deutschland anläßlich des Darmstädter Sport-Forums nachdrücklich festgestellt: "Offensichtlich haben wir im Zuge der Vereinigung nur versucht zu retten, was an leistungs-sportlichem Wissen möglich war, haben aber nur bedingt und meis-tens oberflächlich geprüft, was systembedingt im Osten möglich war und was gegebenenfalls davon in unser gesellschaftliches, po-litisches und wirtschaftliches System hinein übertragen werden
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kann." Und mitunter geschah offenbar nicht einmal das. Zumindest lassen das die derzeitigen Entwicklungen im Leistungssport mehr als nur vermuten. Außerdem haben Athleten, Trainer und Wissen-schaftler vielfach rechtzeitig auf Fehlentwicklungen - ob im Leis-tungssport insgesamt oder in einzelnen Sportarten und -disziplinen - hingewiesen. Angesichts dessen war der Autor der hier vorge-stellten Dissertation um eine kritische Sicht und kritische Distanz bemüht. Er verhehlt aber auch nicht, daß er der Wahrheit verpflich-tet ist und deshalb versuchte, den tatsächlichen Ursachen für Ent-wicklungen und Erfolge des DDR-Leistungssports wie auch Versa-gensgründen nachzuspüren, damit - wie wir meinen - Folgerungen für Gegenwart und Zukunft des Leistungssports gezogen werden können, so man das dann wirklich will.
Auszüge aus der Dissertation: I. Problemstellung
Der Einigungsprozeß in Deutschland und die Gestaltung der deutschen Einheit nach dem Beitritt der ehemaligen DDR zur Bun-desrepublik Deutschland ist eine Zäsur gesellschaftlicher Entwick-lung, die vor allem auch die Geschichtswissenschaft in bisher un-bekannter Weise herausfordert, und zwar in all ihren Teildiszipli-nen.
Insofern muß auch die Sportgeschichte Quellenmaterial sichern und helfen, daß nichts verloren geht. Sie muß neues Quellenmate-rial erschließen und die „akzeptierte Interpretation der bekannten historischen Tatsachen vor dem Erfahrungshorizont und den Theo-rien ihrer Gegenwart kritisch hinterfragen" 1)
Das gilt auch und insbesondere für die Geschichte des Leis-tungssports der DDR, obwohl - oder gerade weil - dazu bereits eine Reihe beachtenswerter Arbeiten vorliegen 2) und die Öffentlichkeit aufgrund einer Flut von mehr oder weniger tiefgründigen und auch sich widersprechenden Informationen über den Leistungssport der DDR urteilt bzw. urteilen muß. Infolge der Widersprüchlichkeit die-ser Informationen, mitunter ihrer zwangsläufigen Einseitigkeit bzw. auch Pauschalität entsprechend von Antipathien oder umgekehrt von Sympathien spannt sich ein weiter Bogen der Urteile über den Leistungssport der DDR in der öffentlichen Meinung. Der Bogen reicht von der Glorifizierung über Versuche einer realen Einschät-zung und Ursachenfindung des Phänomens Leistungssport in der
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DDR bis zur Abwertung oder pauschalen Verurteilung bzw. Verteu-felung. Das gilt auch mehr oder weniger für die bereits vorliegen-den wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem weil es am schwierigs-ten ist, die noch von Zeitgenossen erlebte Zeitgeschichte historisch zu erfassen.
Die Zuwendung zur Geschichte des Leistungssports der DDR ergibt sich also einserseits aus den generellen Ansprüchen der Geschichtswissenschaft3) und der mit Beginn des Einigungspro-zesses gegebenen Zäsur und zum anderen aus den in der Folge-zeit entstandenen vielfältigen und offensichtlichen Problemfeldern im Leistungssport der neuen Bundesländer.
Mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der gewählten Thematik werden vor allem drei Fragestellungen beantwortet bzw. weiter ge-klärt:
- Welche Gesamtzielstellung und davon abgeleitete Aufgaben bzw. Festlegungen enthielten die zentralen Dokumente der SED zum Leistungssport der DDR im untersuchten Zeitraum?
- Welche Funktionen und Leistungen für die Gesellschaft wurden dem Leistungssport zuerkannt und infolgedessen auch erwartet? Inwieweit wurden der Leistungssport, die internationalen Sportbe-ziehungen bzw. sportlichen Höchstleistungen politisch ungerecht-fertigt oder mißbräuchlich instrumentalisiert?
- Welche Bedingungen ermöglichten es, daß große Gruppen von Menschen aus unterschiedlichen Generationen bzw. Altersgruppen langfristig und mit relativ hoher Kontinuität sportliche Welthöchst-leistungen vorbereiteten und den ständig wachsenden Ansprüchen dieses Prozesses gerecht wurden?
Die Untersuchungen hinsichtlich der analysierten Gesamtzielstel-lung beschränken sich auf den Zeitraum von den Olympische Spie-len 1956 (einschließlich ihrer Vorbereitung) bis zu den Olympi-schen Spielen 1988 (einschließlich ihrer Auswertung). Die Bedin-gungen der Realisierung dieser Ziele werden im Zeitraum von 1964 bis 1988 untersucht. Diese Analysen umfassen vor allem den Zeit-raum der Zuerkennung aller Rechte für die Olympiamannschaft der DDR als Vertretung eines souveränen Staates durch das IOC und sie enden eigentlich mit dem Beitritt der ehemaligen DDR zur Bun-desrepublik Deutschland.
Eine weitere Einschränkung ist durch die einbezogenen Doku-mente gegeben. Es wurden lediglich zentrale Dokumente der SED
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genutzt, besonders die Beschlüsse des Politbüros des ZK der SED zur Entwicklung des Leistungssports. Es ist und war auch nicht be-absichtigt, die tatsächlichen Wirkungen der dem Leistungssport zuerkannten Funktionen bzw. der politischen Instrumentalisierung zu analysieren. Das ist u. E. eine eigenständige wissenschaftliche Fragestellung, von außerordentlicher Komplexität, die weiterfüh-renden Arbeiten vorbehalten bleiben und vor allem soziologischen Ansprüchen gerecht werden muß.
Der Wert und die wissenschaftliche Relevanz der Untersuchun-gen wird zweifellos mit durch die Erschließung bisher unveröffent-lichter bzw. für wissenschaftliche Zwecke unzugänglicher Quellen bestimmt. Es werden z.B. nahezu alle Beschlüsse des Politbüros bzw. des Sekretariats des ZK der SED zum Leistungsport teilweise noch vor Ablauf der Schutzfrist erfaßt und ausgewertet. Ebenso wichtig erscheint uns die Möglichkeit, Zeitzeugen befragen zu kön-nen, die aufgrund ihrer Führungspositionen im Sport der DDR aus-kunftsfähig sind zu allen Inhalten der von uns ausgewerteten Par-teibeschlüsse sowie zu deren Realisierung und damit "Oral History als vor allem zeitgeschichtlich genutzte Forschungstechnik"4) ein-zusetzen.Das gilt umso mehr, da die Chance einer Befragung wichtiger Zeitzeugen des Leistungssports der DDR offenbar nur einmal und auch nur innerhalb eines sehr kurzen Zeitraumes ge-geben war.
Die Arbeit ordnet sich ein in den Prozeß der schrittweisen Aufar-beitung der Geschichte des Leistungssports der ehemaligen DDR und damit eines kleinen Abschnittes der deutschen Sportgeschich-te. Sie ist ein Versuch, trotz des historisch knappen Abstandes zur jüngsten Vergangenheit, mit einer wissenschaftlich exakten und sachlich kritischen Untersuchung,auf der Basis gründlich ausge-wählter Daten an der notwendigen offenen und ehrlichen, vorur-teilsfreien und tatsachengetreuen Diskussion zum Leistungssport der DDR mitzuwirken.
Gleichzeitig kommen wir mit unserer Arbeit dem u. E. derzeit notwendigen Bedürfnis nach, Zusammenhänge des Leistungs-sports der DDR überblickend zu erfassen, wie z.B. bei der Erörte-rung des Bedingungsgefüges. Desweiteren betrachten wir die vor-liegende Arbeit als Ausgangspunkt für weitere, dringend erforderli-che Untersuchungen zum Leistungssport der DDR.5)
Zusammenfassungen (Auszüge)
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Im Ergebnis der am Thema und den Fragestellungen orientierten Untersuchungen möchten wir mit der Sicht auf zu erarbeitende Schlußfolgerungen zusammenfassend folgendes feststellen:
Die allgemeinen Dokumente der SED haben eine grundle-gende und weiträumige Entwicklung für den Leistungssport der DDR vorgezeichnet,
seine gesellschaftliche Relevanz unterstrichen, besonders seine außenpolitische Wirkung im Sinne der Repräsentation der DDR, der Förderung ihres Ansehens und ihrer Autorität hervorgehoben. Mit diesen generellen Aussagen und Ansprüchen, z. B. in den Be-schlüssen der Parteitage, war allerdings weder eine Programmatik der möglichen Instrumentalisierung von sportlichen Höchstleistun-gen gegeben, noch ein konkretes Handlungsprogramm für das zielgerichtete, planmäßige und einheitliche Handeln der im Leis-tungssport tätigen Menschen.
Grundsätzliche und weitreichende spezifische Orientierungen enthielten jeweils die Beschlüsse der Parteiführung der SED zur perspektivischen Entwicklung des Leistungssports, wie die "Grund-linie zur Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980" und die "Grundlinie für die perspektivische Entwicklung des Leistungs-sports der DDR bis zum Jahre 2000", die vom Sekretariat bzw. Po-litbüro des ZK der SED am 19.03.1969 bzw. 27.10.1987 beschlos-sen wurden.510) Aufgrund der zunehmenden Leistungsdynamik und der anwachsenden Komplexität der sportlichen Leistungsentwick-lung waren diese Grundlinien prognoseorientiert angelegt. Sie soll-ten vor allem den notwendigen Vorlauf sichern helfen, z.B. im Pro-zeß der Wissenschaftsentwicklung, der Forschung und Geräteent-wicklung, der Aus- und Weiterbildung und besonders im Prozeß der Erneuerung des Trainings, der Realisierung von Systemlösun-gen im Prozeß sportlicher Leistungsentwicklung.
Perspektivisch angelegt und auf ganz bestimmte Olympische Spiele orientiert waren vor allem die Beschlüsse des Politbüro des ZK der SED über die "Weitere Entwicklung des Leistungssports bis 1972" vom 10.08.1965 und "Die Weiterentwicklung des Leistungs-sports der DDR bis 1980 und die Vorbereitung der Olympischen Sommer- und Winterspiele 1976" vom 27.03.1973. 511)
Infolge der besonderen politischen Bedeutung, die bestimmten Olympischen Spielen beigemessen wurde, sollten sie beitragen,
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ein besonders hohes Leistungsniveau zu realisieren und die an-wachsenden Risiken sportlicher Leistungentwicklung möglichst langfristig zu minimieren.
Das grundsätzliche zentrale Plandokument für den Leis-tungssport der DDR war seit 1961 immer der für jeweils einen Olympiazyklus gültige Leistungssportbeschluß,
der in der Regel vom Politbüro des ZK der SED beschlossen wurde. Als Parteibeschluß verpflichtete der Leistungssportbeschluß nicht nur den Parteiapparat der SED auf allen Ebenen, sondern auch alle Mitglieder der Partei in den staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen, die Realisierung der Leistungs-sportbeschlüsse zu unterstützen. Das sicherte, infolge der damit gegebenen Autorität dieser Beschlüsse, das einheitliche Handeln auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens und eine hohe Wirksamkeit im Prozeß der Durchsetzung.
Der DTSB war federführend bei der Erarbeitung der Leistungs-sportbeschlüsse. Insbesondere der Bereich Leistungssport sowie das Sekretariat im DTSB fungierten als Führungsorgane und waren verantwortlich dafür. Die dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport unterstellten Kapazitäten der Sportwissenschaft leisteten die wesentlichen Zuarbeiten. Die Abteilung Sport beim ZK der SED war an der Erarbeitung dieser Beschlüsse beteiligt.
Die Beschlußinhalte ergaben sich aus den Vierjahresanalysen der Sportverbände aller geförderten Sportarten, der Sportklubs bzw. aller Institutionen und Einrichtungen des Leistungssports. Sie waren also letztlich Ergebnis der analytischen und einschätzenden Tätigkeit von Trainern, Trainingsmethodikern, Wissenschaftlern, Funktionären und den Leistungssportlern.
Seit dem Olympiazyklus 1968-1972 wurde jeweils zwei Jahre vor den Olympischen Spielen im Politbüro beim ZK der SED ein Zwi-schenbericht beraten und mit dem Ziel beschlossen, die planmäßi-ge Vorbereitung zu sichern, auf Fehlentwicklungen rechtzeitig rea-gieren und neue Entwicklungstendenzen noch erfolgversprechend berücksichtigen zu können.
Die Gesamtzielstellung in den vom Politbüro des ZK der SED verabschiedeten Leistungssportbeschlüssen war Ausdruck des Politikverständnisses und der politischen Kultur in der DDR sowie Teil der politischen Planung.
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Sie umfaßte jeweils das sportliche Leistungsziel für die Olympia-mannschaft der DDR sowie sportpolitische und politische Zielas-pekte. Der Wert dieser als politischen bzw. sportpolitischen Auftrag formulierten Gesamtzielstellung wurde durch das Tätigkeitsprinzip bestimmt. Zweifellos ist nicht ohne weiteres einzusehen, daß diese höchst allgemeinen Zielstellungen in den äußerst komplexen Pro-zessen der Leistungsvorbereitung und des Leistungsvollzuges ei-nen besonderen Stellenwert haben konnten. Das wird scheinbar auch aus der Sicht der funktional-strukturellen Theorie bestätigt, indem darauf hingewiesen wird, daß solche normativ ausgerichte-ten Steuerungsversuche, wie "Formulierung übergreifender Ge-samtzielstellungen, die in der Regel lediglich abstrakte, nichtssa-gende Leerformeln darstellen"329), gerade der Autonomie der Teil-systeme entgegenstehen und damit auch der Selbststeuerung330) sowie der dadurch möglichen Entwicklung und Entwicklungsdyna-mik. Die konsequente Durchsetzung des Tätigkeitsprinzips im Leis-tungssport der DDR schloß jedoch ein, der Schlüsselrolle bewußter Tätigkeitsziele als Antizipation und Intention332) gerecht zu werden und somit davon auszugehen, daß das Ziel - psychologisch gese-hen - die Leistungshandlung, z.B. im Wettkampf, und die darauf gerichtete mehr oder weniger langfristige Tätigkeit konstituiert. In-sofern erweist sich die Zielorientierung als das „wichtigste Moment" der Bewegung einer Handlung durch die Person.333) Deshalb kann solch eine Gesamtzielstellung durchaus als oberstes Ziel der mul-tiplen und heterarchischen Zielstruktur komplexer Tätigkeiten fun-gieren, die in einem längerwährenden Prozeß angestrebt werden. Sie verkörpert dann auch mehr oder weniger die emotional wirk-same Bedeutung, die Valenz, anzustrebender Ergebnisse für ande-re und für die Gesellschaft bzw. verweist auf weitere Folgen.
Im Prozeß der individuellen Zielbildung ist es im allgemeinen auch möglich, vorgegebene Ziele sich so anzueignen, daß sie als selbstgesetzt erlebt sowie tätigkeits- bzw. handlungswirksam wer-den. Allerdings ist die "Verbindlichkeit und Ich-Nähe selbstgesetz-ter Ziele... in der Regel höher als die übernommener".334) Das gilt ganz besonders für den Leistungssport und den Prozeß der Vorbe-reitung bzw. den Vollzug von Sieg- und Rekordleistungen. Solche Ziele müssen entsprechend den Erfahrungen des DDR-Leistungssports aus völlig eigenständigen Entscheidungen der Ath-leten und der Trainer erwachsen. Das heißt, sie müssen subjektiv
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bedeutsam sein. Und diese subjektive Bedeutung ist nach HOLZKAMP-OSTERKAMP „vom Individuum nicht willkürlich her-stellbar; der Mensch kann nicht jedem beliebigen gesellschaftlichen Ziel subjektive Bedeutung verleihen".335) Dazu muß ihre Beschaf-fenheit sowohl kognitiv erfaßbar sein und die kognitive Zielanalyse zu einem positiven Ergebnis führen336) als auch eine bewußte Kon-trolle emotionaler Störbedingungen, die mit der "jeweils aktuellen Zuständigkeit des Individuums zusammenhängen"337),ermöglichen. Das leisten übergreifende Gesamtziele nur, wenn sie Ergebnis, Bestandteil und Ausdruck jener Kreisprozesse sind, in denen Handlungen bzw. Tätigkeiten ablaufen338) und infolge dessen auch Ergebnis der reflexiven Vergleichs- und Bewertungsprozesse zu-mindest der Sportverbände, wenn nicht der von Trainingsgruppen und Mannschaften sind. Sie dürfen also keinesfalls abstrakte, nichtssagende Leerformeln sein. Wie abstrakt sie auch immer in politischen Beschlüssen formuliert sein mögen, sie müssen für je-den Trainer und Athleten erkenn- und erfaßbar, erfahr- und erleb-bar sein als oberste Orientierungs- und Steuergröße, als Wert und Kriterium für die ziel- und zweckgerichtete Kooperation. Die Be-deutung solcher Gesamtzielstellungen ist deshalb vom einzelnen nur zu erfassen, wenn sie als Teil des Gesamtprozesses der Leis-tungsvorbereitung und des Leistungsvollzuges analysiert werden und keinesfalls losgelöst davon. Sie waren - und dieser Vermutung wird durch unsere Untersuchungen zumindest gestützt - Ergebnis der spezifischen sportfachlichen und sportwissenschaftlichen Au-tonomie und Selbststeuerung in den Sportverbänden. Sie erfüllten nur auf dieser Basis ihre Funktion und wenn die Valenz dieser Zie-le auch durch den Gesamtprozeß der Vorbereitung eines neuen Olympiazyklusses spürbar war, und zwar theoretisch, vor allem konzeptionell und ganz praktisch, z.B. durch die Schaffung günsti-ger Trainingsbedingungen, wie nahezu ganzjähriges Freiwasser-training für die Rudersportler oder Sicherstellung der Hypoxiekette u.a.m.
Damit wird zugleich deutlich: Solche Ziele verfehlen ihre Wirkung und haben empfindliche Labilisierungen der Leistungsbereitschaft zur Folge, wenn ihre Beschlußfassung und ihre Erläuterung zum Ritual339) verkommt und lediglich zum Mittel der Profilierungssüchte von Politikern oder Sportfunktionären werden.
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Die inhaltliche Wertung der analysierten Gesamtzielstellun-gen des Leistungssports der DDR über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren verlangt u.E. auch, von den generellen Intentionen der Sportbewegung in der sowjetisch besetzten Zone und der DDR auszugehen.
Diesbezüglich ist sicher zunächst anzuerkennen, daß der Sport in seiner systemifizierten Ausprägung „am Ende der Weimarer Re-publik in seiner gesellschaftlichen Bedeutung unumstritten und voll akzeptiert war"340) und dies als eine Ausgangsbedingung der Ent-wicklung des Sports nach der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Ende des II. Weltkrieges in allen Besatzungszonen an-zusehen ist. Für Ost und West galten auch das Potsdamer Ab-kommen und solche Nachfolgedokumente, wie die Proklamation Nr. 2 vom 20.09.1945, das Gesetz Nr. 2 vom 10.10.1945 sowie die Direktive Nr. 23 vom 17.12.1945 des Kontrollrats in Deutschland, als Grundlagen für den völligen Neuaufbau des Sports. Das heißt, auch die Identität des Sports war nach Verfolgung und Krieg, nach massenhaftem Sterben und Leid, nach massenhafter Zerstörung in bis dahin ungekanntem Ausmaß neu zu bestimmen. Das vollzog sich zwangsläufig eingeordnet in den Prozeß, in dem die Überle-benden alles tun wollten, den Nationalsozialismus mit all seinen konstitutiven Ursachen und Bedingungen zu überwinden und ein demokratisches und friedliebendes Land aufzubauen, von dem nie wieder Kriegsdrohungen oder gar Krieg ausgehen sollte. Nach ei-ner Zeit der Kulturbarbarei während des Nationalsozialismus in Deutschland gehörte zur Vision einer neuen Gesellschaft, die Kul-turentwicklung als notwendiger Bestandteil der gesellschaftlichen Veränderungen. Allen sollte nicht nur der Zugang zur Kultur er-möglicht, sondern für breite Schichten die Befriedigung kultureller Bedürfnisse tatsächlich zur alltäglichen Gewohnheit werden. Des-halb bezog sich die Sportbewegung in der sowjetisch besetzten Zone bei der Neubestimmung ihrer Identität auf das gesellschaftli-che Problem der Teilnahme aller Bürger am kulturellen Leben so-wie auf das Ideal der Heranbildung allseitig entwickelter Persön-lichkeiten im Sinne von MARX und mit Rückgriff auf HUMBOLDT341), auf das Recht auf Gesundheit und den Schutz der Arbeitskraft, wie später auch in der Verfassung der DDR festge-schrieben worden ist.342)
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Insofern zählte Sportpolitk als Teil der Kulturpolitik mit zum "Kernbestand der Gesamtpolitik der Partei".343) Dieser Prozeß der Identitätsfindung ging im Gegensatz zu den Westzonen einher mit einer konsequenten Politisierung von Körperkultur und Sport und einer entsprechenden Erziehungsarbeit, was u.a. bereits in den Aufgaben und Grundsätzen der demokratischen Sportbewegung verdeutlicht wurde.344)
Die Neubestimmung der Identität des Sports in der sowjetisch besetzten Zone ging im Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland also ganz bewußt vom objektiven Zusammenhang von Kultur und Politik, Sport und Politik aus und verknüpfte mit der sportlichen Tätigkeit und ihren Ergeb-nissen auch politische Erwartungen, politische Instrumentalitäten.
Instrumentalitäten sind Ausdruck subjektiver Erwartungen des einzelnen oder von kleinen bzw. großen Gruppen, daß Tätigkeits- oder Handlungsergebnisse weitere Folgen nach sich ziehen oder solche behindern.345) Sie bezeichnen sowohl die Wahrscheinlich-keit weiterer Folgen als auch das Ausmaß mit dem ein Ergebnis zur Befriedigung von außerhalb der jeweiligen, z.B. der sportlichen, Tätigkeit liegenden Zwecken führt.
Instrumentalität und Instrumentalisierung von Leistungen erweist sich aus systemtheoretischer Sicht, insbesondere aus der Sicht der funktional-strukturellen Theorie (LUHMANN512) generell als notwendige Bedingung der Ausdifferenzierung der Existenz von sozialen Systemen, einschließlich ihrer Teilsys-teme,
sofern die Leistungsbezüge „deren funktionalen Primat betref-fen“513). Die Ausdifferenzierung des Leistungssports als Subsystem des Teilsystems Sport vollzog sich demnach ob seines spezifi-schen Sinnzusammenhanges und der daraus resultierenden Mög-lichkeiten zum „Kristallisationspunkt einer Pluralität von Leistungs-bezügen anderer Teilsysteme" geworden zu sein und auch "multi-funktional instrumentierbar" zu sein.514) Das gilt auch für Leistungs-bezüge zur Politik oder zur Wirtschaft. Allerdings sind die Leis-tungsbezüge des Leistungssports zu den Massenmedien bzw. ist Medienpräsenz wiederum Bedingung, damit die politischen oder ökonomischen Leistungsbezüge wirksam und damit entsprechende Instrumentalisierungen möglich werden können.
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Pluralität der Leistungsbezüge zu den verschiedenen Teilsyste-men der Gesellschaft und multiple Instrumentalisierung gehören also zu den Existenzbedingungen ausdifferenzierter Teilsysteme. Als solche entwickeln sie zugleich eine Eigendynamik, da sie ihre "Funktion im Verhältnis zu anderen hypostasieren müssen".515) Dieser Prozeß geht einher mit einer unvermeidlichen Steigerung ih-rer wechselseitigen Independenzen und Interdependenzen. Damit ist auch eine Dynamik der Instrumentalisierung durch die Teilsys-teme verbunden, für die jeweils Leistungen erbracht werden. Diese für den Sport offenbar existenziellen Gegebenheiten werden zu-nehmend anerkannt und führen dazu, moralisierenden Vorurteilen der politischen Instrumentalisierung sportlicher Leistungen - gegen wen sie auch immer gerichtet sind - z.T. sehr vehement entgegen-zutreten.
Die Leistungssportbeschlüsse der SED orientierten stets auf solche Leistungsfelder sowie auf solch ein Leistungsniveau und ein Maß an Bündelung von Leistungen zu den Höhepunk-ten im internationalen Leistungssport, daß sowohl sportpoliti-sche als auch politische Instrumentalitäten möglich und reali-sierbar waren.
Die sportpolitischen und die politischen Aspekte der Gesamtziel-stellung richteten sich vor allem auf außenpolitische Instrumentali-täten, und zwar ebenso die in den Beschlüssen der verschiedenen Parteitage als auch die in den Leistungssportbeschlüssen für die einzelnen Olympiazyklen und die in den Zweijahresanalysen. In einzelnen Beschlüssen des Politbüros des ZK der SED wird auch die beabsichtigte innenpolitische Instrumentalisierung sportlicher Leistungen explizit formuliert.
Die Abforderung von sportlichen Leistungen, die politisch wirk-same Instrumentalisierung erwarten ließen, erwies sich als
- objektive Existenz- und Entwicklungsbedingung der Ausdiffe-renzierung des Leistungssports als Subsystem von Körperkultur und Sport in der DDR, seiner Autonomie und seiner gesteigerten Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten, insbesondere von der Poli-tik;
- ein Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozia-lismus und der Neubestimmung der Identität des Sports in der sow-jetisch besetzten Zone bzw. der DDR, infolgedessen ganz bewußt vom objektiven Zusammenhang von Kultur und Politik, Sport und
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Politik ausgegangen und politische Instrumentalitäten mit sportli-chen Höchstleistungen verbunden wurden;
- absichtsvolles Nutzen von objektiv gegebenen Möglichkeiten des weltweit organisierten Sports und der internationalen Wett-kampfsysteme, die infolge der Universalität und Internationalität, der offensichtlichen Vergleichbarkeit und Massenwirksamkeit sowie der daraus resultierenden Chance nationaler Repräsentanz gesell-schaftlich außerordentlich relevant waren.
Unsere Analysen belegen die Instrumentalisierung mittels ziel-strebiger Politisierung.
Unstrittig sind inzwischen z.B. die außen- und deutsch-landpolitischen Wirkungen der „Diplomaten im Trainingsanzug" aus der DDR, ihrer sportlichen Leistungen und ihrer persönlichen Aus-strahlung.354)
Diese Wirkungen waren zwar erst infolge der sportlichen Leistun-gen möglich, letztlich aber Ergebnis der Sportpolitik als Teil der weltweit anerkannten Außenpolitik der DDR und dem aufrichtigen Bemühen der Leistungssportler, Trainer, Wissenschaftler und Funktionäre, als Mensch ihrer politischen Verantwortung gerecht zu werden und im Interesse von Frieden und Entspannung, gegen-seitiger Achtung und Verständigung auf allen Ebenen des interna-tionalen Sports zu wirken355), oft weil sie selbst Krieg und Nach-krieg, Ausgrenzung und Zurücksetzung, z.B. durch die Hallstein-Doktrin, schmerzlich erfahren hatten.
Illusionäre und überzogene Vorstellungen hinsichtlich der außen-politischen Wirkungsmöglichkeiten des Sports haben auch in der ehemaligen DDR mehr geschadet als genutzt und führten, so z.B. HEINZE, zu der Erkenntnis: "Der Sport wird mißbraucht, wenn er politische Probleme lösen soll" oder "als Druckmittel genutzt wurde, um politische Probleme zu lösen".356)
Mit HOLZWEIßIG könnte resümiert werden: "Vor der Instrumen-talisierung des Sports für staatliche oder ideologische Zielsetzun-gen scheuen Politiker weder in Ost noch West zurück".357)
Ganz in diesem Sinne stellt PREISING in einem Studienbrief der Trai-nerakademie Köln des DSB fest: „Das bedeutet, der Leistungssport hat deswegen für das politische System einer Gesellschaft eine so ho-he Bedeutung, weil der Erfolg im Spitzensport die Leistungsfähig-keit des Staates nach innen, gegenüber seinen Bürgern, aber auch nach außen, gegenüber anderen Staaten, belegt".360)
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Unsere Analysen des Phänomens der Funktionen und Leistun-gen des Subsystems Leistungssport der DDR unterstreichen nach-drücklich, die a priori engen Verflechtungen von Sport und Politik, die sich "gerade an dem Problem der innerdeutschen Sportbezie-hungen aufzeigen"361) lassen.
Am Beispiel politischer Instrumentalitäten fällt dem Autor jedoch die Fülle diesbezüglicher moralischer Verurteilungen362) auf, die den Erkenntnisgewinn zwar beeinflussen, letztlich aber nur - und hier ist sicher LUHMANN beizupflichten - eigene Interessen an der Unwahrheit konstatieren.363) Aufgrund der von uns gemachten Er-fahrungen stimmen wir deshalb ausdrücklich WEEBER zu, der be-zogen auf Legenden, die antiken Olympischen Spiele und die Olympia-Rezeption in unserer Zeit betreffend, betont: "Ein beson-deres Ärgernis ist die moderne Debatte über die angeblich bedau-ernswerte Verquickung von olympischem Sport und Politik. Diese Peinlichkeit haben sich die Griechen nicht erlaubt, Krokodilstränen über die politische Instrumentalisierung sportlicher Erfolge zu ver-gießen! Für sie gehörten die beiden Dinge zusammen, und wenn man etwas von den alten Olympiern lernen will, dann sollte das der Abschied von jener Bigotterie sein, die es einem so schwer macht, die Verlautbarungen des IOC und seiner willfährigen publizisti-schen Hilfstruppen noch ernstzunehmen".364)
Hypothetische Annahmen einer Instrumentalisierung mittels Ent-politisierung des Sports in der DDR müssen aus der Sicht unserer Untersuchungsergebnisse zurückgewiesen werden. Die Wir-kungsmöglichkeiten der Entpolitisierung365) des Sports bzw. der sportlichen Tätigkeit sind seit langem bekannt, erlangen aber mit den zunehmenden Möglichkeiten der Massenkommunikation auch zunehmende Relevanz. Das verdeutlicht, bezogen auf die Medien-politik, HANKE mit der auf die Situation in der BRD bezogenen Feststellung: „Das ‘Instrumentalisierungsbestreben des politisch-administrativen Systems’ gegenüber dem Entstehungs-, Begrün-dungs- und Wirkungszusammenhang von mediengesteuerter Mas-senkommunikation kann sich eben nicht nur in direkten Ein- und Angriffen auf die Programmgestaltung äußern, sondern auch un-mittelbar über den Effekt der Reduzierung des öffentlichen Prob-lemdrucks über eine indirekte herbeigeführte Entpolitisierung der Medieninhalte. Kurzfristig kann dieser Effekt politisch funktional er-
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scheinen, längerfristig ist die 'machtpolitische Ambivalenz' dieser Entwicklung nicht zu unterschätzen".366)
Eine wirksame politische und sportpolitische Instrumentali-sierung erforderte, ja erzwang, stets auch jenes Maß an Neu-heit und Originalität zu erreichen, daß aufgrund der außeror-dentlichen Dynamisierung der Geschichtlichkeit von kulturel-len, einschließlich sportlichen, Leistungen notwendig war.
Aber genau das erforderte Autonomie, und zwar verstanden im Sinne der Systemtheorie, d.h. „Unabhängigkeit in der Selbstregu-lierung“ und zwar solcher Art, daß „Abhängigkeiten und Unabhän-gigkeiten zusammen bestehen können.“350)
Die - wenn auch partielle - systemtheoretische Betrachtung ent-wicklungsbestimmender Bedingungen des Leistungssports der DDR erhärtet und unterstützt die formulierten Hypothesen und verweist vor allem auf
- die Institutionalisierung des Leistungssports der DDR als selbst-referentielles System, die Autonomie und relativierende Reflexion als Form der Selbststeuerung ermöglichten;
- die dadurch begründete und infolge der Systemreflexion auf un-terschiedlichen Ebenen mögliche Lern- und Innovationsleistung, die jenes Maß an Neuheit und Originalität gewährleistete, welche aufgrund der außerordentlichen Dynamisierung der Geschichtlich-keit von kulturellen - eingeschlossen von sportlichen - Leistungen notwendig war;
- die Kausalität der erreichten sportlichen Leistungen mit solchen entwicklungsbestimmenden Bedingungen, wie der vorrangigen Konzentration auf den langfristigen Leistungsaufbau und das Trai-ning in diesem Prozeß, die Befähigung der Trainer, den pädagogi-schen Prozeß zu führen und dazu alle anderen entwicklungsbe-stimmenden Bedingungen einzusetzen, wie die interdisziplinäre Theoriebildung und Technologieentwicklung, den Theorie- und Bil-dungsvorlauf, die systematische sportmedizinische Betreuung, eine entsprechend gerichtete Führung und Leitung sowie "Kausalität ... vorwiegend systemrelativ zu denken"516) und einzusetzen;
- die Autonomie und Selbststeuerung der geförderten Sportver-bände (vor allem in sportfachlichen und sportwissenschaftlichen Fragen) infolge einer entsprechenden Institutionalisierung und der Schaffung von notwendigen Kontextbedingungen, z. B. der Wis-senschaftlichen Zentren, der interdisziplinären Forschungsgruppen
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sowie verbandsübergreifender Arbeitskreise für die Sportarten-gruppen.
Folgerungen sollten erstens hinsichtlich der weiteren Quellensi-cherung und Quellenerhebung gezogen werden. Es sind vor allem die in dieser Arbeit ausgewerteten Leistungssportbeschlüsse des Po-litbüros des ZK der SED zu ergänzen durch die Analyse der Nachfol-gebeschlüsse bzw. -materialien des DTSB, der GST und des Staats-sekretariates für Körperkultur und Sport.
Aus dem Archiv des DTSB sollten in weiterführenden Untersu-chungen die Materialien der Konferenzen anläßlich der Auswertung der verschiedenen Olympiazyklen und zur Erläuterung der Leis-tungssportbeschlüsse sowie die grundlegenden Dokumente der Entwicklung des Leistungssports in verschiedenen Sportverbänden (jeweils Perspektivplan, Trainingsmethodische Grundkonzeption, Rahmentrainingsplan, Sportmedizinisches Verbandsprogramm, Forschungs- und Entwicklungskonzeptionen, Zweijahres- und Vier-jahresanalysen) analysiert werden.
Die Beschlüsse der GST für die geförderten olympischen Sport-arten (z.B. Schießsport) sind ebenso zu sichern wie für die nicht-olympischen Sportarten (z.B. Orientierungstauchen, Fallschirm-sport).
Vom Staatssekretariat für Körperkultur und Sport sind vor allem einzubeziehen die Konzeptionen zur Traineraus- und -weiterbildung, die Forschungs- und Entwicklungskonzeptionen, die Beschlüsse zur materiell-technischen Sicherstellung des Leis-tungssports und die Konzeptionen bzw. Arbeitsmaterialien des Sportmedizinischen Dienstes sowie der Forschungs- und Entwick-lungsstelle für Sportgeräte und des Wissenschaftlich-technischen Zentrums für Sportbauten.
Die Quellensicherung müßte außerdem Dokumente der Sport-klubs bzw. einzelner Sektionen einbeziehen und helfen, daß Ein-zelfallanalysen und Gruppen- oder Mannschaftsanalysen möglich werden, um die Umsetzung der Zielstellung über die Sportverbän-de, die jeweilige Sektion in den Sportklubs bis zu den Trainings-gruppen und zu einzelnen Athleten wenigstens exemplarisch ver-folgen zu können. Gegenwärtig müßte auch das methodische In-strumentarium „Oral History“ weiter eingesetzt werden, um die Quellenbestände durch Aussagen von Zeitzeugen zu ergänzen bzw. zu vervollständigen.
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Zweitens sind besonders hinsichtlich der erwarteten und tatsäch-lich erreichten Instrumentalitäten die Beschlüsse der SED zur Me-dienpolitik, insbesondere Festlegungen für die Sportredaktionen der Massenmedien und die Festlegungen bzw. Empfehlungen in den regelmäßigen Presseanleitungen durch den DTSB zu sichern. Außerdem sollte die Transformation der Instrumentalisierungsab-sichten in den massenwirksamsten Printmedien (Neues Deutsch-land, Junge Welt, Sportecho) und den elektronischen Medien (Fernsehfunk, Hörfunk) der ehemaligen DDR analysiert und die tatsächliche Instrumentalisierung sportlicher Leistungen auch dadurch ermittelt werden.
Folgerungen scheinen uns drittens auch erforderlich hinsichtlich der Betrachtung des Leistungssports der DDR aus funktional-struktureller Sicht. Dazu sind grundlegende Untersuchungen erfor-derlich zur Ausdifferenzierung des Subsystems Leistungssport, z.B. zu Reflexionen zur Funktion des Subsystems auf der Grundla-ge von Vorarbeiten von CACHAY, SCHIMANK u. a., zu Prozessen der Strukturbildung bzw. zu Leistungen des Subsystems Leis-tungssport für die Politik, für die Medizin, für das ökonomische Sys-tem, für das Bildungssystem oder für die Armee. Dieses sollte be-sonders hinsichtlich der Bezugsprobleme, der Problemlösungen und der jeweiligen strukturellen Reaktionen geschehen. Die Not-wendigkeit und der Wert solcher systemtheoretischer Betrachtun-gen wird durch die vorliegende Arbeit unterstützt.
Viertens halten wir es für dringend geboten, in den bisher mögli-chen bzw. erweiterten Sichtweisen ausgewählte Bestandteile des Leistungssports der DDR, wie Auswahlsystem und Nachwuchsför-derung, Wissenschaft und Forschung, Leitung und Organisation mittels spezifischer Forschungsansätze und -methoden tiefgründi-ger zu untersuchen. Nach unseren Erkenntnissen könnten Folge-rungen für systemverändernde Entscheidungen besonders auch zur Vorbereitung der Olympischen Spiele im Jahr 2000 mit beacht-licher Praxisrelevanz erarbeitet werden. Für ein solches Vorgehen haben wir nach unserer Auffassung mit der vorliegenden Schrift sowohl theoretische Grundlagen als auch zeitgeschichtliche Er-kenntnisbestände vorgestellt.
Diese zusammenfassenden Schlußbemerkungen legen wir vor allem in der Absicht vor, einmal für uns selbst zu kennzeichnen, in welchen Richtungen und in welcher Sicht wir - so uns die Möglich-
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keit gegeben wird - das Begonnene fortsetzen möchten. Zum an-deren wollen wir Anregungen und Ansätze für weiterführende Ar-beiten aus unserer Sicht vorstellen, wie auch Veranlassung für Disput und wissenschaftlichen Streit geben.
ANMERKUNGEN
1) LANGENFELD, H.: Sportgeschichte, In: HAAG, H, u.a. (Hrsg.): Theorie- und Themen-felder der Sportwissenschaft. Schorndorf 1989, S. 83 f.
2) Vgl. u.a. PABST, U.: Sport - Medium der Politik? Der Neuaufbau des Sports in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die innerdeutschen Sportbeziehungen bis 1961. Berlin; München; Frankfurt a.M. 1980
HOLZWEIßIG, G.: Diplomatie im Trainingsanzug. Sport als politisches Instrument der DDR in den innerdeutschen und internationalen Beziehungen. München; Wien 1981 MESSING, M./VOIGT, D.: Das gesellschaftliche System der DDR als Grundlage sportlicher Leistungsförderung. In: UEBERHORST, H. (Hrsg,): Leibesübungen und Sport in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Berlin; München; Frankfurt a.M. 1982 S. 895-916
LEHMANN,N.: Internationale Sportbeziehungen und Sportpolitik der DDR. Ent-wicklung und politische Funktionen unter besonderer Berücksichtigung der deutsch-deutschen Sportbeziehungen. Münster 1986
SIMON, H./WONNEBERGER, G.: Zur Entwicklung des DDR-Leistungssports in den ersten beiden Jahrzehnten nach Konstituierung des DS. In: Theorie und Praxis des Leistungssports 26 (1988) 10, S. 142-151
3) LANGENFELD, H.: Sportgeschichte, a.a.O., S. 82 ff.
4) VORLÄNDER, H. (Hrsg.): Oral History. Mündlich erfragte Geschichte. Göttingen 1990, S. 84
5) Aus dieser Problemsicht und der Quellenlage ergab sich die Strukturierung der Dis-sertation. Nach der Problemstellung (Kap.1) und dem methodischen Vorgehen (Kap. 2) wur-den zur theoretischen Grundlegung der Thematik (Kap.3) dargestellt, der Begriff Leistungs-sport, die Entwicklung des Sports als gesellschaftliche Erscheinung, Beziehungen von Politik und Leistungssport und die Instrumentalisierung des Leistungssports in der DDR. Die Dar-stellung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse (Kap. 4) umfaßt, Leistungssport als Bestandteil der Politik der SED, die Inhalte der Gesamtzielstellung des Leistungssports der DDR, die Realisierung dieser Gesamtzielstellung, vor allem aber wesentliche Bedingungen des Realisierungsprozesses.
510) Beschluß des Sekretariats des ZK der SED vom 19.3.1969 und Beschluß des Po-litbüros des ZK der SED vom 27.10.1987
511) Beschlüsse des Politbüros des ZK des SED vom 10.8.1965 und 27.10.1973
513) CACHAY, K.: Versportlichung der Gesellschaft und Entsportlichung des Sports, Systemtheoretische Anmerkungen zu einem gesellschaftlichenphänomen.
514) SCHIMANK, U.: Die Entwicklung des Sports zum gesellschaftlichen Teilsystem. In: MAYNTZ, R. u.a.: Differenzierung und Verselbständigung: Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme. Frankfurt a.M.; New York 1988, S. 198
515) LUHMANN, N,: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Bd, 1. Frankfurt a.M.1980
354) Vgl. z.B. HOLZWEIßIG, G.: Sport und Politik in der DDR. Berlin 1988, S. 64
355) Vgl. HOLZWEIßIG, G.: Diplomatie im Trainingsanzug. A.a.O., S. 118
356) HEINZE, G.: Befragungsprotokoll, S. A 63
357) HOLZWEIßIG, G.: A.a.O., S. 9
360) PREISING, W.: Sport und Gesellschaft. Zur Theorie des Leistungssports. Schorndorf 1990, S. 78
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361) SCHNEIDER, H.: Olympische Spiele - Spielball im Kräftefeld von Sport, Politik und Publizistik. Diss, Hamburg 1987, S. 89
362) Vgl. ROSSADE, W.: Sport und Kultur in der DDR, Sportpolitisches Konzept und weiter Kulturbegriff in Ideologie und Praxis der SED. München 1987, S. 35 und S. 239 ff.
363) Vgl.LUHMANN, N.: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1990, S. 594
364) WEEBER, K,-W.: Die unheiligen Spiele, Das antike Olympia zwischen Legende und Wirklichkeit. Zürich; München 1991. S. 9
365) Vgl. POSTMANN, N.: Wir amüsieren uns zu Tode. Frankfurt a.M. 1992, S. 173
366) HANKE, J.: A.a.O., S. 353
350) LUHMANN, N./SCHORR, K.E.: Reflexionsprobleme im Erziehungssystem. Stutt-gart 1979, S. 52
516) LUHMANN, N.: Soziologie als Theorie sozialer Systeme. In: LUHMANN, N.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Opladen 1970, S. 130
329) CACHAY, K.:Versportlichung der Gesellschaft und Entsportlichung des Sports. Systemtheoretische Anmerkungen zu einem gesellschaftlichen Phänomen. In: GABLER, H./GÖHNER, U. (Hrsg.): Für einen besseren Sport. (Festschrift für Ommo Grupe). Schorn-dorf 1990 S. 1 12
330) Vgl. ebenda
332) Vgl. HACKER, W,: Arbeitspsychologie. Berlin 1986, S. 148 ff.
333) LEONTJEW, A.: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Berlin 1986, S, 105
334) HACKER, W.: A.a,O" S, 116
335) HOLZKAMP-OSTERKAMP, U.: Grundlagen der psychologischen Motivationsfor-schung. Berlin 1981, S. 411
336) Vgl. ebenda, S. 450
337) Ebenda
338) Vgl. LEONTJEW, A. A.a.O., S. 87
339) Ritual wird nach LUHMANN (1987, S. 613 f.) verstanden als Code für einge-schränkte und alternativlos gemachte Kommunikation
340) CACHAY, K.: Sport und Gesellschaft. Zur Ausdifferenzierung einer Funktion und ihrer Folgen. Schorndorf 1988 S. 250
341) Vgl. MARX, K.: Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrates zu den einzelnen Fragen. In: MARX, K./ENGELS, F.: Werke, Bd. 16.,Berlin 1962 S. 194 f .
HUMBOLDT, W, v.: Theorie der Bildung des Menschen. In: HUMBOLDT, W. v.: Werke I. Band. Berlin 1960, S. 234 ff .
342) Vgl. Verfassung der DDR vom 6.4.1968. Berlin 1968
343) HANKE, J.: Kulturpolitik, In: ZIEMER, K. (Hrsg.): Sozialistische Systeme. Politik - Wirtschaft - Gesellschaft, München 1989, S. 233
344) Deutscher Sportausschuß: Aufgaben und Grundsätze der Demokratischen Sport-bewegung. Berlin 1948
345) Vgl. HACKER, W.: A.a.0., S. 184
512) Vgl. LUHMANN, N.: Systemtheoretische Argumentationen. In: HABERMAS, J./LUHMANN, N.: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Frankfurt a.M. 1971 b, S. 291-405
LUHMANN, N.: Evolution und Geschichte. In: Geschichte und Gesellschaft 2. 1976 b, S. 284-309
LUHMANN, N.: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a.M. 1987
Die kanadische Kampagne gegen
die Nazi-Olympiade
Von Bruce Kidd, Toronto
"In der internationalen Sportbewegung gab es keine Stim-men, die sich kritisch mit den Zielen nationalsozialistischer Politik auseinandersetzten - zu sehr war man vom Glanz der Vorbereitung und der Spiele selbst beeindruckt." (S. 1042)
Krüger, Arnd: Deutschland und die olympische Bewe-gung (1908 - 1945).- In: Ueberhorst, H. (Hrsg,): Ge-schichte der Leibesübungen, Band 3.- Berlin 1982, S. 1026 - 1047
Die kanadische Kampagne gegen die Nazi-Oympiade wurde von der Communist Party und der ihr angeschlossenen Workers' Sports Association (WSA) geführt. Die WSA war eine Vereinigung von linksgerichteten Einwanderer-Organisationen, wie der Finnish-Canadian Workers' Sports Association und der Ukrainian Labour Temple in Toronto, und von Sportvereinen, die in den frühen 30er Jahren als Teil der Organisationsbemühungen der Workers' Unity League entstanden waren. Diese Sportvereine wuchsen rapide an, da sie sportliche Angebote und eine angenehme soziale Atmo-sphäre zu einer Zeit offerierten, als tausende junger Menschen ar-beitslos waren und nur wenige Kommunen sich staatlich geförderte Erholungsprogramme leisten konnten.
Zuerst bat die WSA das IOC eindringlich, den Veranstaltungsort der Spiele von 1936 zu verändern. Und "The (Toronto) Worker" schrieb 1935: "Die Freunde des Faschismus tun so, als ob die Kampagne gegen die Olympischen Spiele generell gerichtet ist.... Welch ein Blödsinn! Selbstverständlich laßt uns Olympische Spiele durchführen, aber gibt es keinen anderen Veranstaltungsort dafür als Berlin?"
Es wurden Massenmeetings gegen die in Berlin geplanten Spiele in Montreal, Hamilton und Toronto abgehalten. Die Gewerkschaf-ten und das Labour Council stellten Streikposten auf gegen einen Eishockey-Spiel mit dessen Einkünften die Olympiamannschaft fi-nanziert werden sollte. Die kanadische Olympiaauswahl war für dieses Spiel vorgesehen. In Sudbury weigerten sich Inco-Arbeiter,
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für die Reisekosten von Alex Hurd zu spenden, einen ihrer Bergar-beiterkollegen und Eisschnellauf-Meister, der als einziger unter der Bedingung in die Olympiamannschaft berufen worden war, seine Reise nach Deutschland selbst zu bezahlen. Hurd blieb in Sudbury und reiste nicht zu den Winterspielen. Die Stadträte von Winnipeg und Toronto lehnten es ebenfalls ab, für die Olympiamannschaft Geld zu spenden. Als das Dampfschiff "Duchess of Athol" mit der kanadischen Mannschaft für die Winterspiele an Bord aus dem Ha-fen von Halifax auslief, zierte die Aufforderung "No Canucks to the Olympics" die Bordwand, die jemand in der Nacht vorher in großen Buchstaben angebracht hatte. Die Kampagne wurde durch kirchli-che Gruppen, Gewerkschafter und prominente Mitglieder der sozi-aldemokratischen Cooperative Commonwealth Federation (CCF), wie den Bürgermeister von Toronto, Jim Simpson, unterstützt.
Aber die Kampagne fand wenig Unterstützung durch die Presse und die etablierte Sportöffentlichkeit. Der einzige vorbehaltlose Be-fürworter in der Presse war Hal Straight vom "Vancouver Sun", der die Ansicht vertrat, daß "die Olympischen Spiele nicht Hitler oder Deutschland gehören, sondern der Welt".Der Kolumnist des "Toronto Telegramm", Ted Reeve, refelktierte wohl die Meinung der Mehrheit, als er schrieb, daß die Androhung möglicher Schika-nen gerade eine weitere Herausforderung wäre, die ein wahrer Champion zu meistern hätte. "Es kann sein, Katholiken und Juden erwartet vielleicht das Schlimmste bei den Olympischen Spielen in Berlin, obwohl wir nicht glauben, daß derartiges der Fall sein wird. Aber selbst wenn es sehr wahrscheinlich wäre, daß derartiges ge-schieht, sollte es nicht genug sein, einige mutige Irländer oder Ju-den von den Wettkämpfen fernzuhalten, wenn ein geeigneter Mick oder Abe genügend Athlet ist, sich um die Weltmeisterschaft zu bewerben."
Das NOK Kanadas hatte auch nicht die Absicht, zu Hause zu blei-ben und stimmte einmütig zu, "dem Beispiel Großbritaniens zu fol-gen" und an den Berliner Spielen teilzunehmen. Die kurz zuvor gewählte liberale Regierung in Ottawa war einverstanden, die Ent-sendung der Mannschaft zu unterstützen. Mackenzie King sagte vor dem Unterhaus: "Ich glaube es ist sehr zweifelhaft, daß irgend-jemand, der an den Olympischen Spielen teilnimmt, ein offizieller Repräsentant der Regierung dieses Landes ist."
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Am 16. Mai 1936 - weniger als zehn Wochen vor der geplanten Eröffnung der Berliner Spiele - gaben die beiden linksgerichteten Verbände, die sozialdemokratische Sozialistische-Arbeiter-Sport-Internationale (SASI) und die Rote Sport-Internationale (RSI), ge-meinsam bekannt, daß eine Gegen-Olympiade, die Volks-Olympiade, in Barcelona vom 19. - 26. Juli als eine Alternative zu den Olympischen Spielen in Berlin1936 durchgeführt würde. Berlin - so hieß es - "bedeutet, die Faschisierung des Sports und die Vor-bereitung der Jugend für den Krieg".Die Volks-Olympiade sollte durch das katalonische Komitee für den Sport des Volkes organi-siert werden.Bald kündigte auch das NOK Spaniens an, daß es Berlin boykottieren, aber in Barcelona teilnehmen würde.
Obwohl ohnehin die meisten Athleten aus Europa erwartet wurden, versprach das Organisationskomitee der Volks-Olympiade, die Kosten für sechs kanadische Athleten zu übernehmen und die WSA verpflichtete sich, eine Mannschaft zu entsenden. Die erste Athletin, die nominiert wurde, war Eva Dawes, eine der großartigs-ten kanadischen Leichtathletinnen, die eine Bronze- und eine Sil-bermedaille im Hochsprung bei Olympischen Spielen 1932 und Empire Games 1934 gewonnen hatte. Eva Dawes hatte "kein Inte-resse an Politik", war aber ein Opfer des engstirnigen Antikommu-nismus des Leichtathletik-Establishments geworden. Sie wurde 1935 wegen einer Reise in die Sowjetunion als Mitglied einer Workers' Sports Association (WSA) gesperrt. Die Volks-Olympiade in Barcelona sollte ihr nun einen letzten internationalen Wettkampf ermöglichen. Eine Woche bevor sie Kanada verließ, überquerte sie tatsächlich die Sprunghöhe, die später in Berlin Sieg bedeutete.
Die anderen Mitglieder der Mannschaft waren die Boxsportler Norman "Baby" Yack und Sammy Luftspring, die Sprinter Tom Rit-chie und Bill Christie sowie der Manager Harry Sniderman. Luft-spring war vermutlich der beste Boxsportler des Landes in seiner Gewichtsklsse, ganz gleich ob man die Amateure oder die Profis ins Auge faßt. Bevor er gezwungen war, sich infolge einer schwe-ren Augenverletzung 1940 vom aktiven Sport zurückzuziehen, hat-te er 105 von 110 Kämpfen gewonnen, und nach den fünf verlore-nen Kämpfen gewann er vier der Rückkämpfe. Er war Jude, au-ßerordentlich stolz darauf, und startete stets mit einem Davidstern auf den Wettkampfshorts. Er wollte in Berlin teilnehmen, aber seine Eltern waren dagegen, so entschied er als "ein folgsamer Sohn,...
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sie hatten recht". Er überzeugte dann Baby Yack, ein anderes vo-raussichtliches Mitglied der kanadischen Olympiamannschaft, und sie gaben ihre Absichten in einem Brief an die "Toronto-Newspaper" bekannt. Luftspring traf dann Sniderman, einen be-kannten Softball-Werfer und Hiram-Walker-Vertreter. Dieser fragte Luftspring: "Warum läßt du die Kommunisten deine Reise bezah-len?" Und er kündigte an: "Laß sehen, was ich mit dem Canadian Jewish Congress tun kann." In weniger als 24 Stunden hatte Sniderman genügend Geld für beide Boxsportler und für sich selbst als Manager organisiert sowie eine Herrengesellschaft zur Verab-schiedung bei der Young Men's Christian Association (YMCA). Trotz einer Rekord-Hitze-Welle begleiteten dann etwa 500 Men-schen das Trio drei Meilen zur Union Station - hier trafen sie die anderen - und zu einer stürmischen Verabschiedung. Ihr Schiff ver-ließ Montreal am nächsten Tag.
Christie und Ritchie waren frühere kanadische Meister und beide besorgt, daß gar keine Mannschaft für Berlin zustande kommen könnte. So akzeptierten sie das Angebot, nach Barcelona zu rei-sen. Keiner von beiden tat das wegen seines Verständnisses der politischen Zusammenhänge.
In Barcelona kündigten die Organisatoren an, daß ein großes Kunst-Festival und eine Konferenz zum Sport und zum öffentlichen Gesundheitswesen in Verbindung mit der Volks-Olympiade durch-geführt würde, Dolmetscher sollten für fünf Sprachen - katalanisch, spanisch, französisch, englisch und deutsch - zur Verfügung ste-hen.
Die französische Mannschaft war mit 1300 Athleten und Delegier-ten sowie einer gleich großen Anzahl von Anhängern die größte, die nach Barcelona reiste. Außerdem kamen Mannschaften aus 12 Ländern sowie von der SASI und der RSI. Nicht alle Athleten reis-ten als Mitglied nationaler Delegationen an. Eine Anzahl von Deut-schen, Flüchtlingen, von Veteranen früherer Olympischer Spiele und Spartakiaden kamen auf eigene Kosten. Viele von ihnen blie-ben in Spanien und nahmen am Bürgerkrieg teil.
Bedauerlicherweise fand die Volks-Olympiade dann gar nicht statt. Der von Franco geführte Aufstand brach in den Kasernen von Barcelona am Morgen der geplanten Eröffnungs-Zeremonie aus. Wenn auch die Regierung die Ordnung wieder herstellte, wurden die Spiele abgesagt und die Athleten evakuiert. Einige Athleten wa-
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ren verletzt worden, obwohl die katalanischen Behörden alles un-ternahmen, um die internationalen Delegationen zu schützen.
Die Kanadier waren bereits in Toulouse und warteten ungeduldig auf einen Zug, als der britische Konsul ihnen mitteilte, daß der Bür-gerkrieg ausgebrochen ist und sie nach Kanada zurückkehren müssen. Nach ihrer Rückkehr wurden sie alle von ihren Sportorga-nisationen gesperrt.
Wie die Reise nach Barcelona hatte die kanadische Boykott-Kampagne nur begrenzten Erfolg. Es mißlang, die kanadische olympische Bewegung von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Deutschland abzuhalten. Auch die öffentliche Meinung wurde kaum beeinflußt. Aber die Kampagne war ein Sammelpunkt für jene progressiven Athleten, Trainer und Sportanhänger, die sich nicht mit dem Handschlag der Sportfreundschaft mit Nazi-Deutschland abfinden konnten. Und es wurden eindrucksvolle Prä-zedensfälle für spätere ethisch begründete Boykott-Kampagnen geschaffen.
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WENN IN GARMISCH ETWAS PASSIERT...
Im Februar war es 60 Jahre her, daß in Garmisch-Partenkirchen die Olympischen Winterspiele veranstaltet wurden. Wir veröffentlichen zwei Dokumente. Das eine ist ein Brief Ritter von Halts1) - damals für die Organisation in Gar-misch-Partenkirchen verantwortlich - an das Reichsministeri-um des Innern, datiert vom 14. Mai 1935, das andere die die-sem Brief beigefügte Erklärung, die das deutsche NOK nach Abstimmung mit dem Reichsinnenministerium gegenüber dem IOC bei dessen Zusammenkunft in Athen 1934 abgab. (Beide Dokumente stammen aus dem Privatarchiv von Dr. Klaus Huhn)
München, den 14.Mai 1935 P/Sch.
An das
Reichsministerium des Innern
z.Hd. Herrn Staatssekretär Pfundtner
Berlin NW 40 - Königsplatz Nr. 6
Sehr verehrter Herr Staatssekretär,
Verschiedene Vorkommnisse in und um Garmisch-Partenkirchen veranlassen mich heute, Ihnen hochverehrter Herr Staatssekretär, folgendes mitzuteilen:
Mit wachsender Sorge beobachte ich in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung eine planmässig einsetzende antisemitische Pro-paganda. Wenn sie bis vor wenigen Monaten geschlummert hat und nur hin und wieder in Reden zum Durchbruch gekommen ist, so wird jetzt systematisch dazu übergegangen, die Juden in Gar-misch-Partenkirchen zu vertreiben. Am 1. Mai hat der Kreisleiter Hartmann in seiner Rede dazu aufgefordert, alles Jüdische aus Garmisch-Partenkirchen zu entfernen. Ich war selbst Zeuge, wie derselbe Kreisleiter einen anscheinend jüdischen Gast aus der Garmischer Post entfernt hat. Ich sehe seit vergangenen Samstag an allen möglichen Stellen in Garmisch-Partenkirchen und vor al-lem auf der gesamten Landstrasse von München nach Garmisch-Partenkirchen grosse Tafeln angebracht mit der Inschrift „Juden sind hier unerwünscht“. Der Leiter der Deutschen Arbeitsfront in Garmisch hat in einer Hotelier-Versammlung zum Ausdruck ge-
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bracht, daß jeder Gaststättenbesitzer aus der Partei ausgeschlos-sen würde, der einen Juden als Gast aufnehme.
Sofern er nicht Parteigenosse wäre, würde mit anderen Mitteln ge-gen ihn vorgegangen werden.
Ich könnte diese Beispiele durch eine Unzahl von Episoden ver-vollständigen, die sich in G.-P. ereignet haben. Dabei scheint man zu vergessen, dass G.-P. 1936 der Schauplatz der Olympischen Winterspiele sein soll. Alle Nationen sind eingeladen und alle ha-ben zugesagt. Exzellenz Lewald und ich einerseits und der Reichs-sportführer andererseits haben unter ausdrücklicher Billigung des Reichsinnenministeriums dem Internationalen Olympischen Komi-tee und verschiedenen Führern nationaler ausländischer Verbände (ich erinnere an die schriftliche Zusagen, die Brundage gegeben wurden) das Versprechen gegeben, dass alles vermieden wird, was zu einer Störung anlässlich einer evtl. Teilnahme von jüdi-schen Sportlern anderer Nationen führen könnte. Wenn die Propa-ganda in dieser Form weitergeführt wird, dann wird die Bevölke-rung von Garmisch-Partenkirchen bis 1936 so aufgeputscht sein, dass sie wahllos jeden jüdisch Aussehenden angreift und verletzt. Dabei kann es passieren, dass Ausländer, die jüdisch aussehen und gar keine Juden sind, beleidigt werden. Es kann passieren, daß ein jüdischer Auslandspressevertreter angegriffen wird und dann sind die schlimmsten Konsequenzen zu befürchten. Das Olympische Verkehrsamt weiss heute schon nicht mehr, wie es die Unterbringung vornehmen soll, wenn es sich um nichtarische Ath-leten handelt.
Im Juni kommt das amerikanische Mitglied des IOC, General She-rill, nach München und Garmisch. Bei der Empfindlichkeit dieses Herrn ist es nicht ausgeschlossen, daß er kurz ausserhalb Mün-chen bei der ersten Tafel „Juden sind hier unerwünscht“ kehrt macht und umgehend wieder Deutschland verlässt. Die Folge wäre eine sofortige Absage der Amerikaner und Zurückziehung ihrer be-reits abgegebenen Meldung.
Wenn in G.P. die geringste Störung passiert, dann - darüber sind uns doch alle im klaren - können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Mel-dung zurückziehen würden. Diesen Standpunkt haben mir am Sonntag, den 12. 5. 35, die Nationen, die bei der internationalen Tagung in Brüssel anwesend waren, eindeutig zum Ausdruck ge-
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bracht. Für uns Deutsche wäre das ein ungeheurer Prestigeverlust und der Führer würde die Verantwortlichen zur Rechenschaft zie-hen und ihnen eine verdiente Strafe erteilen, da sie nicht rechtzeitig auf die Konsequenzen dieser Propaganda aufmerksam gemacht haben.
Herr Generaldirektor Döhlemann, der als stellvertretender Präsi-dent und als Schatzmeister im Organisationskomitee für die Olym-pischen Winterspiele tätig ist, beschäftigt sich seit Wochen eben-falls mit den gleichen Sorgen. Er trägt mit mir zusammen die Ver-antwortung für die Organisation und richtige Durchführung der Olympischen Winterspiele und empfindet mit mir die Zuspitzung, welche die Verhältnisse im obigen Zusammenhang genommen ha-ben und die ohnedies bestehenden Schwierigkeiten noch erheblich vermehren, besonders verantwortungsvoll. Herr Döhlemann hat sich infolgedessen veranlasst gesehen, Herrn Staatsminister Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als Gauleiter von München-Oberbayern heute auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die zu befürchten sind, falls nicht eine grundlegende Abhilfe geschaf-fen wird, welche eine Gefährdung des Zustandekommens und der ordnungsmäßigen Durchführung der Olympischen Winterspiele aus-schliesst.
Herr Staatsminister Wagner hat Herrn Döhlemann die Erklärung abgegeben, daß er sofort Weisung geben wird, dass in der Juden-frage im Garmisch-Partenkirchener Gebiet und seinem Umkreis auf die Abmachung des Reiches mit dem IOC Rücksichten zu nehmen sind.
Herr Staatssekretär, ich bitte davon überzeugt zu sein, dass ich diese meine Sorge nicht deshalb äussere, um den Juden zu helfen, es handelt sich ausschliesslich um die olympische Idee und um die Olympischen Spiele, denen ich seit Jahren meine ganze freie Zeit ehrenamtlich widme. Es wäre für mich die größte Enttäuschung meines Lebens, wenn ausgerechnet in Deutschland die Olympi-schen Spiele aus den oben geschilderten Gründen nicht durchge-führt werden könnten. Ich habe mir erlaubt, Ihnen, Herr Staatssek-retär, ganz offen meine Auffassung mitzuteilen und bitte ergebenst, von massgebender Stelle eine Aenderung zu befehlen.
Heil Hitler!
gez.: Dr. von Halt
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Im Einverständnis mit dem Reichsinnenministerium wurden bei der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees in Athen 1934 von Deutschland folgende Erklärungen abgege-ben:
1.“Deutschland wird die in Wien 1933 eingegangene Verpflichtung, nicht-arische deutsche Sportsleute bei entsprechender Leistung in die deutsche Olympiamannschaft einzureihen, selbstverständlich sorgfältig beachten und allen hierfür aussichtsreichen Sportsleuten Gelegenheit zur Vorbereitung geben.
2. Der deutsche Leichtathletik-Verband hat in Ausführung obiger Massnahme den Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten und den Makkabikreis aufgefordert, Olympiatalente zur Ausbildung namhaft zu machen, was der erstere durch Brief vom 15.3.34 in Aussicht gestellt hat.
3. Bei der Suche nach dem „unbekannten Sportsmann“ ist aus-drücklich nur deutsche Staatsangehörigkeit gefordert, so dass auch hier nichtarische Talente weiter ausgebildet werden.
4. Die Besorgnis, es könnten gegen jüdische Teilnehmer Demonst-rationen erfolgen, ist bei dem sportlichen Geist und der Disziplin des deutschen Volkes als außerhalb jeder Möglichkeit zu betrach-ten. Die deutschen Mitglieder übernehmen hierfür die volle Garan-tie.“
In voller Erkenntnis dessen, daß die politische Seite dieser Frage nicht Aufgabe des Komitees ist, aber seine Pflicht, darüber zu wa-chen, das der Sport ausserhalb jeglicher Politik bleibt, nimmt das Komitee diese Erklä-rung mit Befriedigung entgegen und erklärt, daß die vom Organisationskomitee für die XI. Olympiade beige-brachten Beweise in einwandfreier Form zeigen, das alles getan sei, um alle deutschen Sportler auf dem Boden völliger Gleichbe-rechtigung zu stellen.
1) Karl Ritter von Halt (2.6.1891 - 5.8.1964), 1931-34 Präsident der Deutschen Sportbehörde für Athletik, 1934-45 Leiter des DRL-Reichsfachamts Leichtathletik im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen, 1944-45 kommissari-scher Reichssportführer im NS-Staat, 1929 - 64 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, 1951 - 61 Präsident des Nationalen Olympischen Komi-tees für Deutschland (BRD).
LAUDATIO FÜR EINE HUNDERTJÄHRIGE
Von Siegfried Melchert
1896 wurde in St. Petersburg vom Mediziner P.F. Lesgaft die erste Hochschule für Körperkultur in Rußland gegründet. Sie ist demzufolge so alt, wie die Olympischen Spiele der Neuzeit und hat sich in diesem Jahrhundert weltweit großes Ansehen erwor-ben.Dieser Beitrag reicht nicht für eine Chronik der berühmten Hochschule. Versuchen wir, uns durch drei „Fenster“ Einblicke zu verschaffen, um ihr Jubiläum gebührend zu würdigen.
Der erste Blick gilt Petersburg, der Gründung seiner Akademie, der zweite dem Wirken des vielseitigen Gelehrten und Humanisten P.F. Lesgaft, der Gründung des St. Petersburger Instituts für Kör-perkultur und der dritte der heutigen "Akademie für Körperkultur“.
Aus der Geschichte der Petersburger Akademie
Peter I.ist als der Zar in die Geschichte eingegangen, der seine zentralistische Macht mit aller Entschlossenheit nutzte, um das russische Reich an die Entwicklung Europas heranzuführen. Als 17jähriger trat er 1689 die Selbstherrschaft an. Entgegen aller Tra-ditionen des Hofes suchte er sich ausländische Berater, wie den Genfer Francois Lefort und den Schotten, General Gordon. Seine erste Auslandsreise führte ihn inkognito als Mitglied einer russi-schen Gesandtschaft unter Francois Lefort über Riga und Kurland nach Preußen, Holland, England, Österreich, Sachsen und Polen. In den Niederlanden und in England ließ er sich zum Sachverstän-digen für Schiffbau und Seefahrt ausbilden1), betrieb intensive Stu-dien in Artilleristik, Festungsbau, Pionierwesen, Architektur, Geo-metrie und Mechanik so fleißig, daß Oxford ihm den Titel eines "Doktors der Rechtskunde" verlieh.2) Im Ausland heuerte er Kapi-täne, Steuerleute, Ärzte und andere Spezialisten an, und nach sei-ner Rückkehr leitete er selbst den Bau einer Flotte, mit der er über die russischen Ströme nordwärts und über den Ladoga-See ins Mündungsdelta der Newa zog, aus dem er die Schweden heraus-drängte. Am 27. Mai 1703 begann er auf einer Newa-Insel, unter den Augen der Schweden vor deren Festung Nyen, mit dem Bau
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der Peter-Pauls-Festung, die er zu "Rußlands Fenster nach Euro-pa" ausbaute.Unter Mitwirkung der besten Baumeister der Zeit, so Trezzini, Leblond und Schlüter, wurde Petersburg planvoll und großzügig zur neuen Residenz Rußlands ausgestaltet. Paläste entstanden, Parks wurden angelegt, eine Bibliothek eröffnet, tech-nische Institute und eine Druckerei. Gegen den Widerstand der Moskowiter ließ er 1711 die Residenz nach Petersburg verlegen und betrieb von hier aus die großen Reformen. Brutal gebrauchte er absolutistische Macht und zwang den Adel, seine Maßnahmen zu finanzieren, und Hunderttausende Leibeigene, sie zu realisie-ren, ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben.
1724 gründete er die Petersburger Akademie, die erste und bis heute berühmteste Akademie Rußlands. Leibniz, der nach seinem Studium in Leipzig und Jena die Arbeit der Akademien in Paris (wo er 1672-76 weilte), London (wo er 1673 in die Royal Society aufge-nommen wurde) und Rom (1687-90) kannte, gründete 1700 die Sozietät der Wissenschaften in Berlin, deren Präsident er auf Le-benszeit war. 1711 wurde er in Torgau von Peter I. empfangen3), traf ihn insgesamt dreimal und gilt als einer der Anreger für die Gründung der Petersburger Akademie.4)
Viele Wissenschaftler und Forscher kamen aus Westeuropa, so der erste Präsident Blumentrost, die Leiter der zahlreichen Expedi-tionen - D.G. Messerschmidt ab 1720 nach Sibirien, Vitus Bering ab 1725 nach Kamtschatka, J.C. Buxbaum ab 1725 nach Konstan-tinopel und G.W. Steller 1737, sowie 1740/41 und 1742/43 nach Sibirien und Kamtschatka - die Mathematiker D. Bernoulli, J.Herrmann und vor allem L. Euler (1727-1741 und 1766-1783) der Geograph J.-N.de l'Isle; und die Physiker G.B. Bülfinger, G.W.Krafft und G.W.Richmann, um nur die berühmtesten zu nennen.5)
In den Lebensläufen dieser Wissenschaftler bestätigt sich das Eulersche Bekenntnis von 1749, "... ich und alle übrige, welche das Glück gehabt, einige Zeit bei der russisch Kaiserlichen Academie zu stehen, müssen gestehen, daß wir alles, was wir sind, den vort-heilhaften Umständen worin wir uns daselbst befunden, schuldig sind."'6) Neben den ins Land gerufenen westeuropäischen Gelehr-ten entwickelten sich hervorragende russische Gelehrte und berei-cherten die wissenschaftliche Diskussion des 19. und 20. Jahrhun-derts, von M.W.Lomonossow7) über den Physiker W.W. Petrow,
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den Physiologen I.P.Pawlow, den Historiker S.M. Solowjow, die Chemiker A.M. Butlerow und D.I.Mendelejew.
Die Akademie wählte die Physiker Albert Einstein, Max Born, Max von Laue, Walter Nernst, die Chemiker Willstädter und Haber und den Botaniker Haberland zu Mitgliedern. An der Spitze der deutschen Delegation zur 200-Jahrfeier 1925 erklärte Max Planck: "Die russischen Wissenschaftler haben vieles von uns gelernt, so wie wir unsererseits von den russischen Wissenschaftlern gelernt haben. Mögen diese engen Beziehungen auch künftig im Interesse des Fortschritts der Wissenschaft fortdauern".8)
In der Zeit der Sowjetmacht wurde die Akademie 1934 nach Moskau verlagert und ausgebaut. Die Leningrader Akademie er-hielt den Status einer Zweig- oder Außenstelle.
Lesgaft und die Gründung des IFK
Wie Pierre de Coubertin im Westen, so wirkte Pjotr Francevic Lesgaft im Osten Europas dafür, neben der geistigen und morali-schen auch die körperliche Bildung9) gleichberechtigt anzuerken-nen, für die harmonische Entwicklung der Kinder und Jugendli-chen.
Die Niederlage im Krimkrieg 1853-56 führte bei den zaristischen Militärs zu ähnlichen Schlußfolgerungen, wie wir sie in der Kabi-nettsorder des preußischen Königs Wilhelm IV. vom 6.Juni 184210) finden, die Leibesübungen als einen unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung zu nutzen. Um die körperliche und ge-fechtsmäßige Ausbildung der Truppen zu verbessern, wurden noch 1856 "Vorschriften für den Turnunterricht in den Truppen" erlas-sen.11) Der Begriff des Turnens und seine historisch-militärische Relevanz wurden aus Deutschland übernommen. Er umfaßte Lau-fen, Hoch-, Weit- und Stabhochsprung, Übungen an Reck, Barren, Pferd und Balken sowie das Klettern an Leitern und Tauen. Die Qualität litt unter dem Fehlen ausgebildeter Vorturner oder Übungsleiter. Darum erteilte die Hauptverwaltung für Militärschulen Professor Lesgaft 1877 den Auftrag am 2. Petersburger Mili-tärgymnasium zweijährige Kurse für die Ausbildung von Turnleh-rern zu beginnen. Diese Turnlehrerkurse existierten bis 1882. 1883 wurde die körperliche Ausbildung an den Militärschulen nach Les-gafts Ideen weiterentwickelt. Neben der täglichen Morgengymnas-
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tik wurden wöchentlich 5 Stunden Turnen und Fechten in den Stundenplan aufgenommen. Neben Lesgaft war der General M.I. Dragomirow an der Schaffung theoretischer Grundlagen insbeson-dere der militärischen Körperertüchtigung beteiligt. Auch er wählte Jahns Begriff des Turnens für einen großen Komplex von Kör-perübungen mit Gehen, Laufen, Springen, Klettern, Überwinden von Hindernissen, Balancieren, Fechten und Geländeübungen. Wie Jahn den Schnappkopf als Ziel für Speerwürfe, so führte er bewegliche Attrappen für das Üben der Bajonettstöße ein. Zu sei-nem "Turnstädtchen“ gehörten Hindernisbahn, Graben, Balken, Pa-lisaden, Verhaue und Wolfsgruben. Er forderte ausdrücklich, das Turnen nicht nur als Mittel zur Entwicklung von Kraft und Gewandt-heit, sondern auch als Mittel zur Entwicklung von Mut und Findig-keit zu gebrauchen.
Ähnlich wie im übrigen Europa, bemühten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Rußland Ärzte und Pädagogen um die Reform der gesundheitlich-körperlichen Erziehung und die Entwicklung ihrer theoretischen Grundlagen.
Hier die wohl herausragenden: N.G.Cernisevskij (1828-1889) erläu-terte in seinen philosophisch-naturwissenschaftlichen Betrachtungen und schriftstellerischen Arbeiten die Bedeutung der Körpererziehung für die geistige und moralische Vervollkommnung des Menschen als Vorbereitung auf die berufliche Tätigkeit und das soziale Wirken. Er vertrat die Meinung, daß Turnen, Spiele und andere Körperübun-gen für die Gesundung und harmonische Entwicklung für Kinder, Erwachsene und ältere Menschen in gleicher Weise nützlich sind.
Auch N.A. Dobroljubov (1836-1861) betrachtete den Menschen in seiner Einheit, forderte, die geistige Entwicklung des Kindes nicht von seiner körperlichen Vervollkommnung zu trennen, kriti-sierte das deutsche Turnen als zu eng und forderte volkstümliche Körperübungen und Spiele als Hauptmittel der Körpererziehung. Er schrieb: "Es ist schade, daß keiner der Anhänger des deutschen Turnens zu uns in die kirgisischen Steppen oder nach Baschkirien kommt. Hier blüht das Turnen und wiederholen sich originelle olympische Spiele mit Ringkampf, Stangenklettern und Wettlauf periodisch. Die Heldentaten der Ausgezeichneten werden von den Pindars der Steppe besungen, und zu ihrem Ruhm erklingen die einheimischen Musikinstrumente.“12)
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E.A. Pokorvskij (1834-1895) war Arzt und Redakteur der Zeit-schrift "Bote der Erziehung". 1878 organisierte er in Moskau die erste Ausstellung zum Thema "Körpererziehung der Kinder." 1884 veröffentlichte er eine Arbeit "Die Körpererziehung der Kinder bei verschiedenen Völkern, besonders in Rußland". Darin gab er erstmals eine Beschreibung russischer Volksspiele und Abhär-tungsmethoden. Das von wenig qualifizierten Lehrern erteilte Tur-nen in den Schulen befriedigte ihn nicht. Er empfahl Rudern, Schwimmen, Ski- und Eisschnellauf und Wettkämpfe in diesen Sportarten als Mittel der Erziehung.
Der berühmteste und erfolgreichste Erneuerer der Körpererzie-hung und Begründer der Sportwissenschaft in Rußland war der Anatom, Pädagoge und Humanist Lesgaft. Er nutzte die Ideen sei-ner Zeitgenossen im eigenen Lande und die Erfahrungen des Aus-landes, um ein System der Körpererziehung für die Bedürfnisse im eigenen Lande zu entwickeln. Geboren am 21. September 1837 in St. Petersburg als Sohn eines Juweliers, beendete er 1861 sein Studium der Medizin und Chirurgie an der Akademie mit einer Sil-bermedaille, promovierte 1865 zum Dr. der Medizin und 1868 zum Dr. der Chirurgie. Er versuchte, insbesondere die Jugend dafür zu gewinnen, auf ihre körperliche, geistige und moralische Entwick-lung selbst Einfluß zu nehmen. 1874 veröffentlichte er seinen ers-ten Aufsatz zu Grundlagen einer natürlichen Gymnastik und deren Einfluß auf den Organismus. 1876 folgte ein Beitrag, der von den Grundlagen seines Studiums in die Ambitionen seines künftigen Wirkens hinüberleitete: "Die Beziehung der Anatomie zur Körperer-ziehung und die Hauptaufgabe der körperlichen Bildung in der Schule"13)
1875/76 studierte Lesgaft in 26 Städten in 13 Staaten die euro-päischen Erfahrungen in der Organisation des Turnens, der schuli-schen Leibeserziehung und die Ausbildung der Lehrkräfte. Er be-suchte die königlichen zentralen Turnanstalten in Berlin und Mün-chen, die Landesturnanstalt in Dresden, die großherzogliche Turn-lehrerbildungsanstalt in Karlsruhe und die Turnlehrerbildungs- und Musterturnanstalt in Stuttgart sowie ähnliche Einrichtungen in Eng-land, Frankreich und anderen Staaten. 1876 veröffentlichte er ein Buch "Die Ausbildung von Gymnastiklehrern in den Staaten West-europas“.14) Aus dem Studium des deutschen Turnens, der schwe-dischen Gymnastik und seinen eigenen Erfahrungen des Unter-
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richts am Petersburger Militärgymnasium entwickelte er "Richtlinien für die körperliche Ausbildung der Schulkinder".15)
Lesgaft bemühte sich, die Geschichte der Körpererziehung dar-zustellen und periodisierte sie: Eine "empirische Periode" umfaßte Urgesellschaft und Sklaverei, eine "scholastische Periode" das Mit-telalter mit ritterlichen und städtebürgerlichen Übungen (mit einer Analyse theoretischer Ansichten früher Humanisten) sowie die "wissenschaftliche Periode". Hierin untersuchte er eingehend die theoretischen Ansichten der europäischen Pädagogen, Ärzte und Philosophen zur körperlichen umfassenden Bildung und Erziehung des Menschen. Dazu gehören auch die Darlegungen zu John Lo-cke, Jean-Jacques Rousseau, Pestalozzi, GutsMuths, Vieth, Jahn, Spieß und P.H.Ling. Seine Betrachtungen sind recht kritisch und münden in dem Versuch, ein eigenes theoretisch begründetes Sys-tem der körperlichen Bildung zu schaffen. Dazu gehören u.a. fol-gende Positionen:
Das Ziel der körperlichen wie der geistigen Bildung ist die Ent-wicklung der Liebe und Befähigung zur Arbeit, zum Wohle der Ge-sellschaft dienlich zu sein. Körperliche und geistige Bildung sind wechselseitig zu entwickeln.
Körperübungen vervollkommnen nicht nur den Organismus des Menschen, sondern wirken auch auf sein Bewußtsein, seine Emo-tionen und seinen Willen.
Eine wichtige Funktion der körperlichen Bildung besteht in der Befähi-gung, den Wert der eingesetzten Übungen und Methoden für die körper-liche und geistige Entwicklung zu analysieren, also sie gezielt für die schöpferische Aktivität der körperlichen und geistigen Tätigkeit auszu-wählen und einzusetzen.
Harmonische Entwicklung ist nur unter Beachtung des Prinzips der schrittweisen Erhöhung der Belastung und unter Berücksichti-gung der altersgerechten Voraussetzungen möglich.
Von diesen und anderen Grundsätzen ausgehend entwickelte er ein gestaffeltes System der in einzelnen Altersstufen einzusetzen-den Körperübungen in den Schulen. Dabei stützte er sich auf so-genannte natürliche Übungen, Gehen, Laufen Springen, Ringen, Werfen, einfache Spiele und Gymnastik, lehnte aber Wettkämpfe ab.
Eine Analyse seiner Positionen im Lichte moderner Erkenntnis-se der Sportpädagogik könnte einen interessanten Beitrag zur ge-
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planten internationalen wissenschaftlichen Konferenz anläßlich des Jubiläums 1996 ergeben.
Für seine Zeit muß man ihn als den hervorragenden Theoretiker der körperlichen Bildung in Rußland anerkennen. Theoretisch so ausgewiesen, wurde er nicht nur wissenschaftlicher Berater der Hauptverwaltung für militärische Lehranstalten in Fragen der Kör-pererziehung, sondern 1877 zum Leiter der zweijährigen Kurse für die Ausbildung von Turnlehrern für Militärschulen und darüber hin-aus 1893 zum Initiator der Petersburger Gesellschaft zur Förde-rung der körperlichen Entwicklung der Schuljugend. 1896 erhielt er die Erlaubnis, "Kurse für Erzieherinnen und Leiterinnen der physi-schen Bildung" zu beginnen.
Dies war die Geburtsstunde des Instituts für Körperkultur St. Pe-tersburg, das später seinen verdienstvollen Namen bekam. Die vom Mediziner geleitete Ausbildung der Körpererzieher basierte auf einer soliden anatomisch-physiologischen Grundlegung der Ausbildung mit vielseitiger körperlich-gymnastischer Befähigung zur organisatorischen und pädagogischen Umsetzung in und au-ßerhalb der Schulen.
Die Akademie für Körperkultur
Nach 20jähriger wissenschaftlicher Arbeit konnte Lesgaft 1896 beginnen, die in vielen Ländern Europas gesammelten Erfahrun-gen und seine selbst entwickelten Ideen in Lehre und Forschung in einem eigenen Institut weiterzuentwickeln und weiterzugeben, bis zu seinem Tode 1905. Zu den ersten Lektoren des Instituts zählten der Nobelpreisträger I.P. Pavlov, des Akademiemitglied V.L. Koma-rov, späterer Präsident der Akademie der Wissenschaften, sowie die Akademiemitglieder Joffe, Tarle, Uchtomsky , Orbelli und Mo-rosov.
Nach der Oktoberrevolution wurde das Institut 1919 - also ein Jahr nach dem Moskauer Institut für Körperkultur - in den Rang ei-ner Hochschule erhoben und mit der Verleihung des Namens sei-nes Gründers geehrt, 1935 wurde dem Institut für seine Verdienste in Forschung und Lehre der Leninorden verliehen und 1942 als einzigem zivilem Institut der Rotbannerorden für seine Verdienste während der faschistischen Okkupation. Während der 900 Tage
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der Blockade Leningrads nahmen die Lehrkräfte und Studenten an der Verteidigung der Heimatstadt teil. Nur wenige überlebten.
Struktur und personelle Besetzung der Akademie unterstreichen den großzügigen Charakter der Einrichtung. Es gibt sechs Fakultä-ten, je eine für Grundstudium, Fachstudium, Abend- und Fernstu-dium, ausländische Studenten und Aspiranten, Weiterbildung und die selbständige Fakultät für Wintersportarten mit der Außenstelle in Kawgolowo. Die Akademie hat 29 Lehrstühle mit rund 400 Lehr-kräften und wissenschaftlichen Mitarbeitern. 75 Prozent verfügen über wissenschaftliche Graduierungen und Titel. Unter ihnen sind mehr als 200 promovierte Doktoren (Kandidaten) eines Wissen-schaftszweiges, 43 habilitierte Doktoren der Wissenschaften, vier Akademiki - Begriff für Ordentliche Mitglieder der Akademie der Wissenschaften und der Künste und drei korrespondierende Mit-glieder der Zweige der Akademie der Wissenschaften und der Künste zu St. Petersburg, die wieder ihre Selbständigkeit ange-nommen hat und ihre 270-jährige Tradition als älteste Akademie Rußlands fortsetzt.
In traditioneller Verbundenheit und aktueller Problemsicht wird im Lehrstuhl Anatomie unter der Leitung von Professor Antonow Grundlagen- und angewandte Forschung betrieben und in Lehre und Praktika an Originalpräparaten sowie mit computersimulierten Modellen gearbeitet. Der Lehrstuhl befindet sich übrigens in jenem Teil der Akademie, in dem 1896 das Institut von Lesgaft gegründet wurde. Es ist dort auch ein Museum.
Die dialogwissenschaftlichen Lehrstühle wie Geschichte und Leitung der Körperkultur, Theorie und Methodik, Ethik und Ästhetik der Körperkultur, Sportpädagogik und Sportsoziologie sind sowohl auf die Analyse neuer Entwicklungsanforderungen als auch auf die vergleichende Interpretation internationaler Trends und die Weiter-entwicklung der Theorie orientiert. Dabei gibt es interessante eige-ne, die internationale Diskussion bereichernde Positionen.
Die nach Sportarten orientierten Lehrstühle sind vorwiegend auf die Weiterentwicklung des Leistungssports sowie die Nutzung der Sportarten für Schule, Gesundheits- und Massensport ausgerich-tet.
Kooperierend arbeiten die Lehrstühle an folgenden angewand-ten Problemen: Sport und Gesundheit; Sport und Rehabilitati-on/Invalidensport; Entwicklung der Bewegungsfertigkeit im Vor-
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schulalter; Sport und Jugend; Sport und aktuelle soziale Bedürfnis-se; Errichtung von Sportkomplexen in Wohngebieten; Curricula- und Wissenschaftsentwicklung/internationaler Vergleich; Curricula; Entwicklung der Studienprogramme aller Spezialisierungsrichtun-gen
In einer umfassenden Reform von Lehre und Studium werden seit 1989/90 alle Lehrstühle und Ausbildungswege weiterentwi-ckelt. Hauptrichtungen der Ausbildung sind Trainer für die einzel-nen Sportarten, Sportlehrer als 1-Fachlehrer für alle Schulstufen und den Hochschulsport,16), Leiter des Massen- und Gesund-heitssportes, eine Fachrichtung, die seit 1982 profiliert wurde und in besonderer Weise dem Lesgaftschen Vermächtnis entspricht,
Im vier-, fünf-, oder auch sechjährigen Direktstudiuin können Abschlüsse unterschiedlicher Graduierungen erreicht werden. Da das Studium straff organisiert ist, gibt es kaum Überschreitungen der Studienzeit. Prinzipiell können in der Praxis tätige Bewerber das Studium auch an der Abend- und Fernstudienfakultät ab-schließen. Die Fakultät für Weiterbildung ist seit 1968 verantwort-lich für die systematische Weiterbildung der Hochschulsportlehrer von 125 Hochschulen des Nordwestens der UdSSR und heute Rußlands, sowie für die Weiterbildung der Lehrkräfte an den Fakul-täten für Körpererziehung und den Sportfachschulen. Diese Wei-terbildung, zu der alle Trainer und Hochschulsportlehrer je einmal in fünf Jahren verpflichtet sind, erfolgt in Kursen von je acht Wo-chen für vier Gruppen zu 25 Teilnehmern. So konnten pro Jahr 400 bis 500 Teilnehmer betreut werden. An der Fakultät für Aus-länder waren zeitweise bis zu 100 Studenten und Aspiranten im-matrikuliert. Insgesamt hat die Akademie für Körperkultur mehr als 40 000 Spezialisten ausgebildet, darunter weit mehr als 1000 (vor allem Promovenden) für Länder Europas, Asiens, Afrikas und La-tein-Amerikas.
Das sportliche Können war stets ein Kriterium für Lehre und Studium. Sportliche Klassifizierungen gehören genauso zu den Examensanforderungen wie das Bestehen der Examina. Bei den Olympischen Sommer- und Winterspielen von Helsinki 1952 bis Barcelona 1992 haben Studenten und Aspiranten der Lesgaft-Akademie insgesamt 189 olympische Medaillen (84 goldene /58 silberne /47 bronzene) gewonnen.
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Nicht unerwähnt bleiben darf, daß die ehrwürdigen Bauten drin-gend einer großzügigen Rekonstruktion bedürfen. Akademie und Stadt haben umfangreiche Investitionen geplant, doch vermag niemand angesichts der jetzigen Wirtschaftslage zu garantieren, daß die Vorhaben in nächster Zeit realisiert werden können.
Die wissenschaftliche Arbeit wird von zwei "Wissenschaftlichen Räten" koordiniert, die zugleich für die Promotionen und Habilitati-onen zuständig sind. Rektor ist der Akademik Prof. Dr. habil. (nauk) Wladimir Uljanowitsch Ageevez, zugleich Doyen der Rekto-ren aller Universitäten und Fachschulen St. Petersburgs, Präsidi-umsmitglied der Akademie der Künste und der Wissenschaften zu St. Petersburg, Mitglied des NOK Rußlands, Präsident der Olympi-schen Gesellschaft St. Petersburgs. Die Lesgaft-Akademie pflegt vielfältige Verbindungen und vertragliche Beziehungen zu renom-mierten sportwissenschaftliche Einrichtungen in aller Welt. Dies wird sich auch in der internationalen Konferenz vom 12. bis 15. Ju-ni 1996 anläßlich des 100jährigen Jubiläums wiederspiegeln.
ANMERKUNGEN:
1) 50 russische Adlige hatte er bereits auf deren Rechnung nach Italien, Holland und Eng-land gesandt, den Schiffsbau zu erlernen. 1837 hat Albert Lortzing in seiner Oper "Zar und Zimmermann" Lebenslust und Vitalität dieses jungen Zaren in der europäischen Musik vere-wigt.
2) Vgl. Durant, W. u. A.: Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 12, "Europa im Zeitalter der Könige", S. 196.
3) Seinen Sohn Alexej hatte er 1708 zum Studium der Geometrie und des Festungsbaus nach Dresden geschickt. 1711 reiste er selbst nach Torgau, wo er Alexej mit Charlotte Chris-tine Sophie von Braunschweig-Wolfenbüttel vermählte. Alexej, Hoffnung des Klerus und der Zarengegner, wurde 1717 mit List und Erpressung zurückgeholt und starb 1718 an den Fol-gen der Folter. Vgl. Durant, A. u. W.: Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 121, S. 420-422.
4) Vgl. Grau, C.: Berühmte Wissenschaftsakademien, Leipzig 1988, S. 120. Die Akademie in Petersburg.
5) Grau, C. a.a.0.
6) Die Berliner und die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften im Briefwechsel Le-onhard Eulers, Teil 2, Berlin 1961, S. 182 (AdW Berlin 1958 f 278-3).
7) Lomonossow studierte 1736-41 in Marburg und Freiberg und entfaltete sich nach seiner Rückkehr zu einem Universalgelehrten und einem der bedeutendsten Wissenschaftler der Petersburger Akademie.
8) Vgl. Semen R. Mikulinskij: Die Entwicklung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwi-schen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und der DDR. In: Grau, C: Verbündete in der Wissenschaft, Akademieverlag Berlin 1976, S. 42-43.
9) Der russische Begriff fiziceskoje vospitanije wird oft mit körperlicher Bildung oder Leibes-erziehung übersetzt, ist aber nicht deckungsgleich. Vgl. Melchert, S.: Zur Diskussion um ei-ne Theorie der KK in der UdSSR. In: Theorie und Praxis der KK, 1977, Nr. 1 1, S. 334-343
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sowie: Sportlehrerbildung in der UdSSR. In: Potsdamer Forschungen Reihe A, Heft 70, 1985, S. 66-76.
10) Kabinettsorder König Wilhelm IV vom 6. Juni 1842 "...daß die Leibesübungen als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufgenommen werde", ehem. Deutsches Zent-ralarchiv/heute Bundesarchiv, Teil Merseburg, Rep. 77p Tit, 925, Nr. 1, Bd. 1 fol 162/63.
11) Vgl. Stolbov, V.V./Cudinow, 1.G.: Istoria fiziceskoj kultury, Moskwa 1970
12) Stolbov/Cudinov: Istoria fiziceskoj kultury
13) Vgl. Stolbov/Cudinov: Istorija fiziceskoj kultury. Vgl. auch Kulinkovic, K.A.: Das Werk von P.F. Lesgaft und das System der Körpererziehung in der UdSSR. In: Theorie und Pra-xis der Körperkultur, Berlin 1983/9/655-660, Lesgaft, P.F., Werke in 5 Bänden (Lesgaft-Akademie).
14) Lesgaft, P.F.: Die Ausbildung von Gymnastiklehrem in den Staaten Westeuropas, St. Petersburg 1876 (Bibliothek des Lesgaft-Instituts).
15) Lesgaft, P.F.: Richtlinien für die körperliche Ausbildung von Schulkindem, St. Petersburg 1876, ebenda.
16) In den Universitäten und Hochschulen Rußlands gibt es eine lange Tradition des wö-chentlich zweistündigen Studentensports für alle Studenten.
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Über Ideologie und Politik in der Entwick-lung des DDR-Leistungssports
Von Günter Erbach
Ideologie und Leistungssport für sich bergen schon genügend Brisanz in sich und wenn dann noch Politik und Sportpolitik hinzugefügt wer-den, so wird sicher verständlich, daß hier nur Ansätze und, was den DDR-Leistungssport betrifft, nur Konturen gekennzeichnet werden können. In einer Zeit großer geisteswissenschaftlicher Divergenzen im Betrachtungsspektrum von links bis konservativ und umgekehrt be-stehen nur wenig Möglichkeiten, objektive Sachverhalte zur Anerken-nung zu verhelfen, und das betrifft meines Erachtens auch die Be-wertungen der DDR- Leistungssportentwicklung. Dennoch soll ver-sucht werden, bewußten Falschaussagen, Klischeedeutungen und auch globalen Verurteilungen, die in diesen Jahren leider auch die Medien beherrschen, entgegenzuwirken. Es sei die These an den An-fang gestellt, daß es sich sowohl historisch-soziologisch als auch päda-gogisch-trainingsmethodisch für jeden unvoreingenommenen Sport- oder Sozialwissenschaftler durch-aus zu lohnen scheint, mit dem DDR- Sport ein System zu analysieren, das in der geschichtlich bewegten Zeit des Kalten Krieges - legt man die gebräuchlichen olympischen Medaillen-maßstäbe, aber nicht nur diese zugrunde - immerhin mehr als zwan-zig Jahre zu den ersten drei des Weltsports gehörte und angesichts der Bevölkerungszahl und Größe des Landes und seiner wirtschaftli-chen und sozialen Ausgangspositionen und Entwicklungen Fragen der Beziehung Gesellschaft, Staat und Sport weltweit provoziert hat, die heute allerorten noch nicht mit ausreichender Klarheit beantwor-tet sind.
Ideologieprobleme und Politik bestimmten nachhaltig den Aufstieg und die Wirksamkeit des DDR-Sportsystems und natürlich den Leis-tungssport als Teil davon; und das betrifft sowohl die Ursachen für die weltweit anerkannten und auch bewunderten Ergebnisse als auch seine inneren Widersprüche, Proportionen und Fehlentwicklungen.
Zur Begriffsorientierung
Da wir hier drei bedeutende Begriffe des Denkens und der gesell-schaftlichen Realität, nämlich Ideologie, Politik (einschließlich Sportpo-litik) und Sport vorwiegend in seiner Ausprägung als Leistungssport benutzen, scheint es angebracht, die Inhalte kurz zu skizzieren.
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Im Gegensatz zu so mancher manipulierenden Deutung in Medien ist festzustellen, daß Ideologie weder ein Schimpfwort noch eine Krank-heit ist und in ihrem Wesen zur unabdingbaren Normalität des menschlichen Denkens und Seins gehört. Eine bestimmte Anschau-ung von der Welt zu haben, von der Natur, dem Denken und dem in-dividuellen und gemeinschaftlichen sozi-alen Gegebenheiten des Menschen kennzeichnet wohl am einfachsten den wesentlichen In-halt einer Ideologie; und die ist für den Menschen so wichtig wie die Luft zum Atmen. Die Anschauungen über das Leben und von der Welt im Sinne der sozialen Gestaltung und Nutzung der ökonomi-schern Bedingungen sind bekanntlich unter den Menschen aufgrund ihres Seins und ihrer Geschichte sehr unterschiedlich. Es bestehen eine Vielfalt treffender aber auch verwirrender Aussagen, und die Phi-losophie hat beileibe keine dominante Definition hervorgebracht, wie sollte sie auch. Aber da wir den alten Griechen verpflichtet sind und den Franzosen glauben wollen, läßt sich wohl Ideologie mit Wissen oder auch Wissenschaft von den Ideen, einem System von Ideen und Anschauungen über die Welt erklären und deutlich machen. Bewußt-sein über die Gesellschaft und Interessenvertretung in der Gesell-schaft wird vielfach übereinstimmend mit Ideologie in Beziehung ge-setzt. In diesem Sinne drückt Ideologie eine Welt-Anschauung aus, und es sei hinzugefügt, daß ihre Geschichte so alt ist wie die Gesell-schaft und die geistigen Strömungen und Auseinandersetzungen in ihr.
Um auch die Beziehung Ideologie und Sport bzw. Leistungssport in einer konkreten historischen Epoche begreifbar zu machen , ist wohl ein ideologischer Standort unumgänglich. Es bleibt ein Verdienst von Karl Marx, der aufbauend auf Hegel und Feuerbach Bewußtsein, historische Notwendigkeit und Praxisbedeutung der Ideologie in der Realität der Gesellschaft verknüpft hat. Ideologie ist im Sinne von Marx das Denken, die Anschauungen und die Ziele einer bestimmten sozialen Gruppe (Klasse) auf der Grundlage der ökonomischen Ver-hältnisse. Die Anschauungen und die Ziele der ökonomisch mächtigs-ten Klasse werden zur dominierenden Ideologie, sie vermittelt die herrschende Weltsicht (Klassenideologie) und besitzt sowohl eine praktisch-stabilisierende, teilweise auch eine retardierende (verzö-gernde) Wirkung. Ideologie stellt an sich auch den Anspruch eines Wertesystems und gibt Orientierungen über die politischen Strukturen und Institutionen zum Handeln und auch zu Werteentscheidungen.1)
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In der Zeit des "realen Sozialimus" wurde als Postulat u.a. die histori-sche Führungsmission der Arbeiterklasse und ihrer Partei als Interes-senvertretung der ganzen Gesellschaft hinzugefügt und so entstand der Anspruch der sozialistischen Ideologie, die Anschauungen der Mehrheit des Volkes zu verkörpern. Der Marxismus-Leninismus wur-de als Ideologie der Arbeiterklasse und als Anleitung zum Handeln propagiert und galt als Grundlage für die Gestaltung aller gesellschaft-lichen Bereiche und damit auch die des Sports. Diese klassengebun-dene Wahrheitsüberzeugung hat im Leistungssport der DDR z.B. Zielsetzungen, gesellschaftliche und auch individuelle Motivationen und auch Freund- und Feindbilder begründet und auch Bewegungen der Leistungsentwicklung befördert.
Dazu bedurfte es aber gleichermaßen der Politik, der institutionalisier-ten oder auch zentralisierten Politik durch die Leitungsorgane der Partei der Arbeiter-klasse, die nach den Prinzipien des demokrati-schen Zentralismus2) ihren Führungsanspruch auch staatsrechtlich in der Verfassung fixierte. So erklärt sich auch die Einordnung und Wertebestimmung von Körperkultur und Sport als relativ selbststän-diger gesellschaftlicher Teilbereich und die konkrete Be-stimmung leistungssportlicher Zielsetzungen mit ideologisch-politischen Be-gründungen in den Parteibeschlüssen und als allgemeine Angelegen-heit der gesellschaftlichen Entwicklung.
Ideologische Zielsetzungen und Wertvorstellungen wurden über Poli-tikverständnis und Politikrealisierung gesellschaftlich wirksam. Wenn Ideologie aus der Klassenstruktur der Gesellschaft abgeleitet wird, geschieht das nach marxistisch-leninistischem Weltverständnis gleichermaßen und erst recht mit der Politik. Sie ist als soziale Er-scheinung, die mit ökonomischer Macht und Klassen verbunden ist, Ausdruck der Klassenauseinandersetzung, des Klassenkampfes, des Kampfes um die Macht und ihre Erhaltung. Sie ist vor allem auch "Teilnahme an den Staatsgeschäften, Richtung des Staates, Festle-gung der Formen, der Aufgaben, des Inhalts der staatlichen Tätigkeit " (nach Lenin ) sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik. Die-se Wechselbeziehungen sind häufig voller Widersprüche und Kon-flikte, die sich auch im Leistungssport auswirken.3)
Als gesellschaftliche Erscheinung und damit als sozialer Teilbereich , der mit anderen Bereichen (Ökonomie, Bildung, Kultur, Gesundheits-und Sozialpolitik usw.) vielfältig verknüpft ist, drückt der Leistungssport als Ganzes 4) spezifische körperliche Leistungen im Sinne der
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psycho-physischen Einheit des Menschen aus, die durch gezieltes Training, Bildung und Erziehung und sozi-ale Bedingungen, insbe-sondere durch freiwillig hohe persönliche Identifikation mit den erfor-derlichen Belastungsanforderungen und die Gestaltung der Lebens-bedingungen erreicht werden. Die innen- und außenpolitischen Wir-kungen und Wertschätzungen werden vor allem durch die in der Ge-sellschaft herrschende Ideologie und Politik bestimmt. Daß sie ir-gendwann dabei auch eine Eigengesetzlichkeit im Sinne einer Mas-senpopularität annehmen, kann als eine Folge davon angesehen werden.
Alles hat seine Geschichte, und auch die gesellschaftlich determinier-ten Syst-eme des Leistungssports sind nur aus den konkret-historischen Verhältnissen wirklich verständlich, aus denen sie ihre ideologischen, politischen oder auch ihre vorwiegend ökonomischen Antriebskräfte beziehen bzw. herleiten. Für eine gewisse Dominanz eines gesellschaftlichen Teilbereichs in einer konkreten historischen Periode ist meist das Wechselspiel von Ideologie und Politik entschei-dend. Die Hinwendung zu einer beschleunigten Entwicklung des Leis-tungssports mit Systemwirkung in der DDR war, wenn man die Er-eignisse und Begebenheiten in diesem Zusammenhang betrachtet, davon weitgehend geprägt.
Als Fixpunkt soll hier die These folgen: Der DDR-Leistungssport war in seinen Zielsetzungen und seiner Struktur bestimmt von der Ideolo-gie und Politik der herrschenden Arbeiterklasse und ihrer Partei, die im Bündnis mit der Bauernklasse und anderen sozialen Schichten die Macht ausübte. Die gesellschaftliche Funktion des Leistungssports, insbesondere des Hochleist-ungssports wurde darin gesehen, durch sportliche Spitzenleistungen das politische System des Sozialismus und den Staat zu vertreten und zu stärken. Das wurde weder ver-schwiegen noch verschleiert und als Leitlinie bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Wort und Schrift sowohl variationsreich wie auch ste-reotyp immer wieder vertreten.5)
Für den Leistungssport jedenfalls ergaben sich Entwicklungsbedin-gungen, die mehrere Jahrzehnte eine erfolgreiche Gestaltung ermög-lichten und die Wirkungen von Ideologie und Politik und damit auch von gesamtgesellschaftlichen sozialen Bedingungen her Erkenntnisse vermitteln, die offensichtlich noch nicht überlebt sind.
Leistungssport - Teil des ganzen Sportsystems
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Der Leistungssport war stets ein fester Bestandteil des gesamten Systems des Sports in der DDR, der herrschenden Aufassungen von Körperkultur und Sport in der Gesellschaft als Teil der Arbeits- und Lebensbedingungen, der allseitigen Bildung und Erziehung, der Kul-tur- und Gesundheitspolitik usf., und in die Strukturen des einheitli-chen Sportsystems eingebunden. Wenn er aufgrund der speziellen Trainingsanforderungen und Belastungen, der Regeln und Wettkämp-fe, der Sportstätten und Materialien und der spezifischen Anforderun-gen an den Ausbildungs-und Berufsverlauf und schließlich an die Le-bensgestaltung durch Sportler und Trainer und das gesamte Umfeld bis hin zu den Familien als relativ selbstständige Struktur existierte und geleitet wurde, so ändert das nichts an seinem integrativen Cha-rakter mit allen anderen Sportbereichen, den Wechselbeziehungen, ja den Bedingtheiten z.B. zum Schulsport und den organisierten Trai-nings- und Wettkampfformen in allen Sportarten, und er ist undenkbar ohne den Zuspruch von Millionen im Freizeit und Erholungssport.
Deshalb hier dazu noch einige Positionen, um diesen Zusammen-hang ganz eindeutig zu kennzeichen und einseitigen Interpretationen entgegenzuwirken.
I. In der marxistisch-leninistischen Weltanschauung wird die körperli-che Bildung und Erziehung als gleichberechtigter Bestandteil einer harmonischen (allseitigen) Gesamterziehung charakterisiert. Diese von K.Marx begründete Gleichstellung von geistiger, technischer und körperlicher Bildung und Erziehung6) ist als Bestandteil des Men-schenbildes ein theoretisch-philosophischer Ausgangspunkt sozialisti-scher Sportkonzeptionen und auch praktischer Sportpolitik der Arbei-terbewegung geworden. Bei einer machtausübenden Partei wie der SED (Sozialistische Einheitpartei Deutschlands) wurde das zum Pro-grammpunkt erhoben und damit zum Realisierungsfeld der Politik.
II. In den Kulturauffassungen der Arbeiterbewegung (sowohl der sozi-aldemokratischen als auch der kommunistischen) und der kulturellen Aneignung der Wirklichkeit spielte der Sport, besonders der Massen-sport stets eine beachtliche Rolle, er war teilweise Mittel, Inhalt und Bindeglied von Vereinigungen. In den Arbeiterturn- und Sportvereinen wurde die Pflege turnerisch-sportlicher Übungen ein Teil kultureller Selbstbetätigung und mit politischen Aktivitäten verbunden. Die Ge-schichte liefert dazu reichhaltiges Material, auch für objektive und sub-jektive Bezugsebenen. So haben viele führende Funktionäre der Ar-beiterparteien in den Arbeiterturnvereinen (bekannt ist das u.a. von
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Walter Ulbricht, Erich Honecker, Hans Jendretzki, Alfred Neumann, Karl Maron) nicht nur sportliche Übungen absolviert, sondern Ge-meinschaftsgeist und Solidarität kennengelernt und auch Formen der Gegenwehr gegen den bürgerlich-kapitalistischen Staat (z.B. gegen die Verbote der Turnhallenbenutzung durch Arbeiterturnvereine). Sie haben in ihrer Jugendzeit in den Turn-und Wandervereinen, Spiel-mannzügen und ähnlichen Zusammenschlüssen den untrennbaren Zusammenhang von Sport, Kultur und Kampf um soziale Rechte ken-nengelernt.Hier hat das subjektive Erleben die Theorie von der not-wendigen harmonischen Einheit von körperlicher und geistiger Erzie-hung in Verbindung mit dem Kampf um eine neue sozial gerechtere Gesellschaft begreifbar gemacht. Dazu kamen die sozialen Erfahrun-gen in den Jahren der Weimarer Republik, die auch in der Vielfalt und im Gegeneinander der Sportorganisationen den politischen Hinter- und Beweggrund erkennen ließen.
III. Die objektiv in der Gesellschaft bestehende Position des Sports wurde bewußt zum Gegenstand praktischer Partei-und Staatspolitik im Sinne einer gleichberechtigten Anerkennung als sozialer Bereich für die Gestaltung der Arbeits-und Lebensbedingungen der Men-schen.Die Ebenen für eine allgemeine Förderung von Körperkultur und Sport hatten sich historisch herausgebildet. Sie bestimmten die innenpolitischen und dann auch nuanciert die außenpolitischen Ziel-setzungen der Sportentwicklung, indem die nationalen bürgerlich-demokratischen und die proletarisch-revolutionären Traditionen der Turn- und Sportbewegung in Deutschland als kulturelles Erbe genutzt und gepflegt, der Massen- und Leistungssport in der Sowjetunion als Beispiel propagiert und die internationale Rolle des Sports (Olympi-sche Spiele, internationale Wettkämpfe und Meisterschaften) als reale Möglichkeit erkannt wurde, für die politische Anerkennung als gleich-berechtigter Staat einzutreten.
IV. In Einheit von theoretisch-ideologischen Ausgangsprämissen mit aktuell-politischen Anforderungen, die sich aus der zeitgeschichtli-chen Kräftekonstellation ergaben, wie es durch viele historische De-tails nachweisbar ist (dazu mehr im nachfolgenden Abschnitt ), wird das Primat der Politik zum tragenden Prinzip in der DDR-Sportentwicklung (und natürlich nicht nur dort) und be- stimmte nachhaltig die nationalen Proportionen und die Gewichtung der inter-nationalen Sportbeziehungen.
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V. Um die in Theorie und Praxis als geeignet und richtig erkannte Einheit von Kinder-und Jugendsport, Massensport (später Freizeit-und Erholungssport) und Leistungsport zu gewährleisten, entstand ein einheitliches gesellschaftlich-staatlich integriertes System von Körper-kultur und Sport, das über Jahrzehnte ständig vervollkommnet wurde und dabei natürlich in den Proportionen durch-aus nicht allen sozialis-tischen Idealen und den Erfordernissen gerecht werden konnte.
Wenn im folgenden vorwiegend leistungssportliche Aspekte darge-stellt werden, so sollte der Zusammenhang mit der Gesamtentwick-lung des Sportes stets beachtet werden.
Kleiner historischer Exkurs
Die politische Ausgangssituation Anfang der fünziger Jahre kann als Start-ebene der Leistungssportentwicklung in der DDR angesehen werden, da der damals eingeschlagene Weg generell nicht mehr ver-lassen wurde.
Nachdem das Grundgesetz der Bundesrepublik am 23.Mai 1949 in Kraft getreten und die Konstituierung des Bundestages am 7.9.erfolgt war und dar-aufhin am 7.Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik entstand, waren 1950-1952 in Vorbereitung der nach Hel-sinki vergebenen Spiele der XV. Olympiade sportpolitische und - wie sich bald auch herausstellte - staats-politische Entscheidungen im Verhältnis der beiden deutschen Staaten und ihrer Sportorganisatio-nen bzw. ihrer Sportverbände zu Internationalen Sportföderationen und zum Internationalen Olympischen Komitee fällig. Gleichberechtig-te Anerkennung der Sportverbände und der Nationalen Olympischen Komitees beider deutscher Staaten oder nicht, das war die Frage und diese erfolgte nicht, sondern die Forderung nach Einordnung der DDR-Sportverbände bzw. Sektionen in die bestehenden und größten-teils bereits in die internationalen Föderationen aufgenommenen BRD-Sportverbände, um damit die Startberechtigung für Helsinki zu verbinden. Es ist durchaus bemerkenswert, daß drei Jahre vor der of-fiziellen Verkündung der als Hallstein-Doktrin seit 1955 (Pariser Ver-träge) in die Geschichte eingegangene Begründung für einen Allein-vertretungsspruch aller Deutschen dieses weitrei- chende Grundprin-zip westdeutscher Staats-und Außenpolitik durch die BRD im Leis-tungssport bereits ab 1952 praktiziert wurde. Damit waren die sport-politischen Auseinandersetzungen für die nächsten Jahrzehnte vor-programmiert und man kann auch durchaus der These folgen, daß diese politische Konstellation die leistungssportliche Entwicklung
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maßgeblich beeinflußt hat. Nicht alle internationalen Föderationen richteten sich jedoch danach, und zeitlich vor bzw. in Helsinki wurden einige DDR-Sportverbände aufgenommen, so Basketball, Boxen, Fußball, Kegeln, Kanu, Ringen, Schwimmen, Schach, Segeln, Ski, Tischtennis und Volleyball. Die NOK-Anerkennung blieb jedoch ver-sagt. Und das war schon für beide deutsche Staaten keine alleinige Frage des Sports mehr, sondern bereits ein unübersehbares Zei-chen der sich immer deutlicher zeigenden Erscheinungsformen des Kalten Krieges. Diese Tatsachen und das weltweite Echo auf die erstmalige und sehr erfolgreiche Teilnahme der Sowjetunion an den olympischen Sommerspielen in Helsinki sowie die völlig unbefriedi-genden Resultate der jungen DDR-Sportbewegung bei den Weltfest-spielen der Jugend und Studenten 1951 in Berlin und zuvor 1949 in Budapest, bewirkten die politisch motivierte Hinwendung zu einem Konzept leistungssportlicher Entwicklung beim weiteren Aufbau der Demokratischen Sportbewegung, wie es ab 1951 stufenweise ausge-arbeitet wurde und 1954 mit der Bildung von Leistungsschwerpunkten (erste Sportclubs) und Kinder-und Jugend-Sportschulen sowie dem beschleunigten Ausbau der DHfK in Leipzig und Sportmedizinischen Beratungsstellen in den Bezirken praktiziert wurde.
Ein nicht zu unterschätzender Fakt bei diesen und späteren leistungs-sportlichen und anderen sportpolitischen Entscheidungen waren die persönlichen Erfahrungen und Übersichten des schon damals führen-den Politikers der DDR, Walter Ulbricht. Die Formierung einer einheit-lichen demokratischen Sportbewegung, die sowohl die Traditionslinien des Arbeitersports und der bürgerlich-demokratischen Turn- und Sportbewegung mit den Erfahrungen des sowjetischen Sports ver-band, sowie die ab Juli 1952 erfolgte Leitung des Sports durch das Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport nach dem Beispiel der Sowjetunion, gleichzeitig auch das Wirken gewerkschaftlicher Sport-vereinigungen und dann 1957 der Aufbau einer gesellschaftlichen Massenorganisation mit weitgehenden Vollmachten für den Massen-sport und den Leistungssport war neben dem Ausbau aller weiteren staatlichen und gesellschaftlichen Verantwortungsebenen das Resul-tat dieser Jahre und der Kern der von der SED initiierten Sportstruktu-ren. Mit der Gründung des DTSB als einheitliche soziali- stische Massenorganisation des Sports im April 1957 und damit zuständig und offen für das freiwillige Sporttreiben aller Bürger war zugleich eine Befugnisveränderung des Staatlichen Komitees für Körperkultur und
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Sport verbunden. Ab 17. Juni 1970 erfolgte die Weiterführung dieser Verantwortungsebene durch das neugebildete Staatssekretariat für Körperkultur und Sport beim Mininisterrat der DDR. Diese Grund-struktur bestand bis 1990. Sie wurde ausgebaut und ergänzt durch Beratungsgremien und Komitees.7)
Mit der Gründung des DTSB im April 1957 war auch die unmittelbare Verantwortung für den Leistungssport verbunden. Damit ging die bis-her staatliche in eine gesellschaftliche Verantwortung über.8) Kehren wir zu einigen historischen Fakten zurück. In der von Walter Ulbricht initiierten ZK-Entschließung vom 17. März 1951 und der vom Politbüro am 13.7. und ergänzend am 21.12.1954 beschlossenen Direktive "Zur weiteren raschen Aufwärts-entwicklung von Körperkultur und Sport in der DDR" wurden u.a. die Aufgaben gewiesen, ein höheres sportliches Leistungsniveau als die Bundesrepublik zu erreichen und über inter-nationale sportliche Erfolge zur politischen Anerkennung als völker-rechtlich gleichberechtigter Staat beizutragen. Die politische Entwick-lung dieser Jahre mit dem Beitritt der BRD zu den Pariser Verträgen (1955), die mehrmalige Ablehnung gesamtdeutscher Wahlen durch Konrad Adenauer, die Bewegung Deutsche an einen Tisch, die Zu-spitzung internationaler Beziehungen durch den Kalten Krieg (Aufrüs-tung, Kriegsgefahr) und der Mauerbau im August 1961 in Berlin mit den Folgen für den Sportaustausch und schließlich die Umstände bei der Aufstellung gesamtdeutscher Olympiamannschaften und nicht zu vergessen die Ergebnisse der Olympischen Spiele selbst (von 1956-1968) haben die Dominanz politischer Fragestellungen in der Leis-tungssportentwicklung besonders auch der DDR sehr befördert. Das setzte sich besonders in den siebziger und achtziger Jahren fort, und Ereignisse wie die Olympischen Spiele in München, der Grundlagen-vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten, Helsinki und schließ-lich die Raketenbeschlüsse und der Boykott der Spiele von Moskau und Los Angeles widerspiegelten zwei wesentliche Seiten der poli-tisch-ideologischen Auseinandersetzungen und Gegensätze in dieser Zeit des Kalten Krieges, zum einen die Klassenkampftheorie als be-stimmendes Merkmal leistungssportlicher Zielsetzungen in den sozia-listischen Ländern und zum anderen der Antikommunismus als ideo-logische Doktrin des Westens im Kampf gegen den Sozialismus. Den Bemühungen um eine friedliche Koexistenz zwischen Staaten unter-schiedlicher Gesellschaftsformen hat die Olympische Bewegung in
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diesen Jahren viel zu danken, sie hat aber auch selbst wesentlich zum Erhalt ihrer Prinzipien beigetragen.
Zwischen diesen Feldern jedenfalls hat sich die internationale Sport-politik der DDR bewegt, und ohne sie sind auch die spezifischen sportlichen Fragen, Konzentrations-und Ressourcenentscheidungen und so manch andere Sachzwänge, die sich aus den Erfordernissen des internationalen Lei- stungsvergleichs im Sinne von Chancen-gleichheit und Vorlauf ergaben, nicht zu verstehen. Wenn die DDR zur gleichen Zeit ein durchaus anspruchsvolles Programm des Sports für alle zu realisieren verstand und über 30 % der Bevölkerung in ver-schiedenen organisierten Formen des Sports unterschiedlicher Ver-antwortungsebenen tätig waren, so zeigt das auch ein sehr ansehnli-ches sportlich-kulturelles Niveau, das international jedem Vergleich durchaus standhielt. Im Beziehungsgefüge zwischen Ideal und Wirklich-keit bzw. Theorie und Praxis ist so mancher Fehler enthalten und si-cher auch so manche falsche Entscheidung gefallen, die letztendlich - neben den sicher nicht wenigen subjektiven Seiten - ihre Ursachen in dieser gewählten politischen Leitlinie des Sports und der gefestigten Strukturen hatten.
Die Wirkung der Olympischen Bewegung und der wissenschaft-lich-technischen Revolution auf den Leistungssport
Wenn man die nationalen Programme und Konzepte des Leistungs-sports richtigerweise in Beziehung zu internationalen Entwicklungs-tendenzen setzt, so können die relative Selbständigkeit und Eigenge-setzlichkeit des Olympismus als zusammenfassender theoretischer Ausdruck der Ideenwelt des olympischen Sports und die Olympische Bewegung als Strukturform sowie die Olympischen Spiele selbst als weltweit wirkende kulturell-sportliche Höhepunkte mit ihrer beeindru-ckenden Massenausstrahlung für das Beziehungsgeflecht von Ideolo-gie, Politik, Kultur und Sport angesehen werden. Leistungsmaßstäbe für sportliche Spitzenleistungen durch die Internationalen Sportfödera-tionen (die Olympianormen) gehören ebenso zu den Spielen wie ein Rahmenprogramm nach höchsten Ansprüchen im Sinne kultureller Botschaften.
Olympische Medaillen für den einzelnen und ihre Zählung nach Staa-ten und zugespitzt nach politischen Blöcken und Systemen und die damit verbundenen Identifikationszuordnungen waren in der Medien-welt sowohl zur gezielten Information als auch zur Massenmanipulati-on nicht nur üblich, sondern gewollt und auf bestimmte Zusammen-
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hänge gerichtet.9) Eine wichtige Rolle spielten in diesen sogenannten Überlegenheitsrechnungen, bei denen sich die sozialistischen Staaten und besonders auch die DDR durchaus nicht zurückhielten, die prak-tischen Resultate der in der Öffentlichkeit viel diskutierten Prozesse der wissenschaftlich-technischen Revolution und damit der Beherr-schung von Wissenschaft und Technik auch im Leistungssport. Hier seien die qualitativen Veränderungen beispielsweise beim Sportmate-rial erwähnt. Anstelle von Edelhölzern und Bambus kam z.B. Glasfiber und dann die Verarbeitung von Kohlefaser in allen Varianten zum Einsatz, und daß dieses Material dann auf die Embargoliste gesetzt wurde, hatte sicher keine olympischen Gründe. Anstelle von Stahl-rohrrahmen wurden superleichte Kunststoffrahmen bevorzugt, und auch im wissenschaftlichen Gerätebau gab es überraschende Neu-entwicklungen (Telemetrie). Alles das wirkte auf die Trainingsinhalte, auf Belastungsgestaltungen, auf die Technik in verschiedenen Sport-arten ein und machte den Trainingsprozess zunehmend zu einem in-teressanten wissenschaftlichen Experimentierfeld für den Erkenntnis-gewinn bei der Erreichung sportlicher Spitzenleistungen .Die möglich gewordene Objektivierung der spezifischen sportlichen Leistung im zeitlichen Verlauf brachte eine bessere Trainingsorganisation mit sich, und Trainingsumfang und Trainingsintensität konnten qualiativ ge-nauer bewertet werden.
Daß dann auch ernährungsphysiologische und pharmakologische Mittel eine Rolle einerseits bei der Leistungssteigerung und anderer-seits bei der schnellen Wiederherstellung nach hohen Trainingsbelas-tungen spielten , darf eigentlich nicht verwundern.
Das Problem der Energiegewinnung und -bereitstellung über den Muskel und im Muskel und die Anwendung verschiedener Verfahren dafür ist so alt wie der Leistungsgedanke und der sportliche Wett-kampf. Daß in der Zeit des Kalten Krieges der Zugriff zu Pharmaka immer häufiger erfolgte, gehörte zu den negativen Begleiterscheinun-gen des internationalen Leistungssports dieser Zeit. Die Sache be-gann sich zuerst dort auszuwirken, wo die fortgeschrittenste Pharma-industrie angesiedelt und der Professionalismus am weitesten entwi-ckelt war und die "Freiheit" der Persönlichkeit am lautstärksten pro-pagiert wurde, in den USA.
Anabole Steroide und Substanzen verschiedener Art mit leistungsun-terstützender Wirkung verbreiteten sich weltweit auf dem Markt, wur-den geheim gehandelt und genutzt, wie es ausreichend in der Litera-
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tur beschrieben wurde.10) Nachdem die Vorteile von USA-Athleten in bestimmten Disziplinen bei den Olympischen Spielen in Melbourne, Rom und Tokio und anderen internationalen Wettkämpfen offensicht-lich geworden waren, Athleten vieler Länder sich Zugang zu diesen Mitteln verschafft hatten, belebte sich die internationale Dopingdis-kussion, und 1968 begann die Medizinische Komission des IOC mit ersten Dopingkontrollen. Doch dieser Prozeß verlief langwierig und widerspruchsvoll, ehe Dopinglisten aufgestellt und Kontrollmechanis-men fixiert wurden und es ist - außer bei Olympischen Spielen und In-ternationalen Meisterschaften - noch immer kein gleichberechtigtes Kontrollsystem geschaffen worden. Die Anti-Doping-Diskussion und der Kampf gegen eine künstliche Beeinflussung der sportlichen Leis-tungsentwicklung dauert nun über Jahrzehnte mit durchaus unter-schiedlicher Intensität und Öffentlichkeit, offensichtlich so, wie es poli-tisch gebraucht wird. Waren es früher vorwiegend ideologische und sportpolitische Begründungen im Sinne der Chancengleichheit oder auch Rechtfertigungen, um damit einen Vorlauf zu erreichen, so ist es heute wohl das bare Geld, das die Chancengleichheit in das Reich der Träume verbannt, denn großes Geld gibt es nur für Sieger.
Besonders seit den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 mit dem bekannten Höheneffekt, der die medizinischen und trainingsmethodi-schen Wissenschaftsdisziplinen außerordentlich förderte und zu neu-en Trainingserkenntnissen und Anforderungen führte, und dann München 1972 mit der unmittelba- ren Ost-West-Auseinandersetzung auf deutschem Boden und dazu der unselige Überfall palästinensi-scher Freischäler auf das Olympiateam von Israel und dem Tod von Opfern und Tätern durch den zweifelhaften Polizeieinsatz und danach in Trauer darüber das doch weitsichtige Wort von IOC-Präsident Avery Brundage "The games must go on", hat dem Leistungssport eine weltweite Wirkung und Aufwertung im politischen Geschehen verschafft. Dem konnte sich kaum ein Land, das auf internationales Ansehen Wert legte, ent- ziehen. Aufgrund dieser außerordentlichen Popularität der olympischen Ereignisse führte das in vielen auch klei-neren und wirtschaftlich nicht so starken Ländern zu weiteren An-strengungen in der Leistungssportentwicklung, beispielsweise zur besseren finanziellen Unterstützung beim Bau von Sportanlagen, und es führte auch auch zu einer Erweiterung der internationalen Sport-wettkämpfe nicht nur bei Meisterschaften, sondern auch von Pokalen und regionalen Wettbewerben in relativ kurzen Abständen.
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Die DDR hat diese Entwicklung an der Nahtstelle der Systeme und nach den weltweit beachteten olympischen Erfolgen und der vollgülti-gen Aufnahme durch das IOC sowie die gleichberechtigte völkerrecht-liche Anerkennung durch die UNO mit besonderer Aufmerksamkeit und auch Sensibilität begleitet. Es sei aber auch nicht vergessen, daß es nach dem Medaillenerfolg über die BRD in München - denn so wirkte es ohne Zweifel in der Öffentlichkeit beider deutscher Staaten - nach Grundlagenvertrag und UNO-Aufnahme aller-
orten nicht wenig Diskussionen gab, ob u.a. der leistungssportliche Vergleich mit der BRD und anderen Staaten und die Teilnahme an den vielen kostenaufwendigen internationalen Wettbewerben nun nach der erfolgten politischen Anerkennung fortgesetzt werden sollte, ob es nicht ratsam sei, kürzer zu treten und mehr für den Massensport zu tun. Hier zeigte sich die Eigengesetzlichkeit von Politik und Leis-tungssport. Halbheiten und Kompromisse waren nicht gefragt und hät-ten auch keine weiteren Fortschritte gebracht. Warum sollten einmal erreichte internationale Positionen kampflos aufgegeben werden, das sei weder sportlich üblich noch politisch richtig, und kann man den Sportlern, die Jahre intensiv trainiert haben, zumuten, auf internatio-nale Vergleiche zu verzichten, sportlichen Ruhm für sich und ihr Land zu erringen, so und anders lauteten die Argumente. Unüberseh- und -hörbar bestätigte sich auch die Identität der Bevölkerung mit den Leistungssportlern, den Olympioniken. Ihre Leistungen, Siege und Medaillen wurden als Bestätigung des eigenen Lei- stungstrebens und der weltweiten Anerkennung der DDR angesehen.
Der Leistungssport war allerdings aufwendiger, teurer und auch politi-scher geworden. Das war auch ein Ergebnis der Systemauseinan-dersetzung, aber auch der wissenschaftlich-technischen und perso-nellen Erfordernisse, einer spezifischen Logistik dafür. Das betraf alle entscheidenden Wirkungsfaktoren leistungssportlicher Förderung wie die Sportwissenschaft und Sportmedizin, die Aus- und Weiterbildung der Fachkader, den Sportanlagenbau, die Sportgeräteentwicklung und schließlich den ganzen Komplex traingsmethodischer Erkenntnis-se und Verfahren, berufsfördernde und soziale Maßnahmen.
Wenn oft die Disproportionen zwischen Massen-und Leistungssport genannt und auch beklagt werden, so hat das neben der Berechti-gung vom Standpunkt der Chancengleichheit in der Gesellschaft auch eine andere Seite, nämlich die, daß der Breitensport und das indivi-duelle Sporttreiben mehr in das Zentrum der gesellschaftlichen Auf-
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merksamkeit und auch der allgemeinen Förderung rückte. Dispropor-tionen wird es wohl immer geben, weil es auch mit der politischen und wirtschaftlichen Intressenlage zusammenhängt, und sie verdienen es, kritisch bewertet zu werden. Daß sie nicht nur ein Problem der DDR waren, zeigen die gegenwärtigen Verhältnisse in vielen Ländern, wo die Disproportionen sehr zugenommen haben. Es läßt sich die Aus-sage treffen, daß mit der forcierten Leistungssportentwicklung eine gesellschaftliche Aufwertung des gesamten Sports einherging.
In den siebziger Jahren hatten sich weltweit zweckentsprechende Strukturen des Leistungssports herausgebildet. Die komplexen Fak-toren zur Erreichung hoher sportlicher Leistungen waren allgemein mehr oder minder gut bekannt, von den "Trainingsgeheimnissen" mal abgesehen, über die jedes Land zu verfügen glaubte. Es kam offen-sichtlich darauf an, wie alle leistungsbestimmenden Faktoren als Sys-tem beherrscht werden. Dieses System war in der DDR übersehbar und auch leitbar gestaltet worden und in das Ganze der sozialökono-mischen, bildungs- und gesundheitspolitischen sowie kulturellen Ent-wicklung integriert, was eine Mitverantwortung aller Organe von Ge-sellschaft und Staat auf allen Ebenen einschloß. In dieser System-wirksamkeit und Beherrschung aller leistungsbestimmenden und -beeinflußenden Faktoren lagen die Ursachen für den Erfolg begrün-det. Dazu bedurfte es richtiger Zielsetzungen und einer effektiven Struk-tur und Führungstätigkeit, die in der DDR durch die Autorität der Partei und ihrer Beschlüsse und den demokratischen Zentralismus als Füh-rungsprinzip unter Einschluß der Beschlußdisziplin in dem durchaus unterschiedlichem Gefüge von teilweise sich wider-sprechenden staatlichen und gesellschaftlich-strukturellen Verantwortlichkeiten be-wältigt wurde. Wie vollzog sich das ?
Zielsetzungen durch Leistungssportbeschlüsse
Politisch-ideologisch motivierende Zielstellungen, Inhaltsbestimmun-gen und Vorgaben für den Trainingsprozeß und seine Strukturen, konkrete Aufgaben für die Sportverbände, für die Sportwissenschaft und die sportmedizinische Betreuung und die Anforderungen an die materiell-technische Sicherung des Leistungssports wurden in spezi-ellen Beschlüssen des Politbüros des ZK der SED als der obersten politischen Führung der DDR festgelegt.
Diese Leistungssportbeschlüsse11) enthielten eine strategische Leitli-nie, die Ansprüche und die Aufgabenkomplexe für die Realisierung in bestimmten Zeiträumen. Nach den Erfahrungen von 1956 und 1960
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in den gemeinsamen deutschen Olympiamannschaften bot sich der Olympiazyklus grundsätzlich als Planungs-und Führungsgröße an und seitdem wurden regelmäßig in diesem Abstand und später in kür-zeren (zweijährigen) Abständen Zwischeneinschätzungen und auch längerfristige Orientierungen beschlossen.12)
Leistungssportbeschlüsse galten stets als verbindliche Richtlinie für alle Verantwortungs-und Führungsebenen von Gesellschaft und Staatsmacht und sie waren durch die Autorität des Politbüros legiti-miert. Immer ging es um das einheitliche und zielgerichtete Handeln aller Verantwortlichen und darin war bewußtes politisch-ideologisches Begreifen und Verständnis genauso eingeschlossen wie eine wir-kungsvolle Organisation und Kontrolle. Die systemfördernde Wirk-samkeit dieser Vorgehensweise bildete sich jedoch erst nach und nach und nicht im Selbstlauf heraus. Im Gegenteil, im Realisierungs-prozeß mußten mannigfache Widersprüche gelöst, Korrekturen vor-genommen werden und diese Beweglichkeit entsprach der Dynamik leistungssportlicher Entwicklung. Den Leitungsebenen des Sports bo-ten die Beschlüsse und Maßnahmepläne zu ihrer Realisierung den Handlungsspielraum für eine sowohl organisatorisch straffe Durchfüh-rung und Kontrolle als auch für eine den internationalen Entwicklun-gen entsprechend angepaßte ständige inhaltliche Erneuerung in der Vorgehensweise.
Bei der Beschlußvorbereitung nahm die Analyse des Entwicklungs-standes, von Trendberechnungen und Ergebnisprognosen durch wissenschaftliche Fachgruppen und Expertenberatungen der Sport-verbände einen wichtigen Platz ein. Das war eine fortlaufende Arbeit und sie wurde nur kurzzeitig während der Olympischen Spiele unter-brochen, eben um eine Bestätigung für die Richtigkeit oder von Feh-lern in den Aussagen zu erhalten. Das erzeugte eine kritische und auch selbstkritische Atmosphäre, da die Realität der sportlichen Er-gebnisse bekanntlich eine nicht zu verändernde Größe darstellt und Mogeln von vornherein sinnlos war. Der Leistungssport forderte stets konkrete Angaben, Genauigkeit bis ins Letzte und in den Ergebnis-sen war er öffentlich und so machte auch eine politische Schönfärbe-rei für den einen wie für den anderen keinen Sinn. Insofern hat sich der Leistungssport von anderen Ebenen der DDR-Wirklichkeit abge-hoben und so manche gegenwärtig leider immer noch üblichen Kli-schees treffen auf ihn einfach nicht zu.
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Die Ausarbeitung der Führungsdokumente war allein Sache der aus verschiedenen Institutionen und Organisationen kommenden kom-petenten Fachleute. Die Federführung lag beim Sekretariat des DTSB der DDR, und übergreifende Fragen wurden in der Leis-tungssportkommission der DDR beraten bzw. mit den zuständigen Leitern auf Ministerebene vor Beschlußeinbringung abgestimmt. Das war immer ein mehrmonatiger Prozeß intensiver Arbeit, der politi-schen und wissenschaftlichen Analyse und von Streitgesprächen und schließlich auch der Prüfung der ökonomischen und personellen Möglichkeiten .
Im Politbüro selbst wurden seit Jahrzehnten keine Veränderungen der Beschlußtexte vorgenommen, und das zeigt einerseits die nicht zu beanstandende Genauigkeit der vorgelegten Orientierungen und Ein-schätzungen und andererseits auch die Eigenverantwortung und den Spielraum der DTSB-Leitung und anderer Verantwortungsebenen.
Nach Beschlußfassung folgte eine Zeit intensiver Information und Er-läuterung von allen Gremien und Personen, die in irgendeiner Weise in diesem System leistungssportlicher Vorbereitung eingebunden wa-ren. Das war durchaus ein Prozeß schöpferischer Aneignung und der kritischen Analyse, aber auch ein selbstauferlegter Auftrag oder sogar Zwang zum Erfolg. Daß dies auch zu Frust und Härten führte, zu Un-verständnis und auch Abwehrhaltungen gegenüber dem Leistungs-sport sowohl innerhalb der Sportorganisation als auch in der Gesell-schaft soll hier nicht übersehen, darf aber auch im Sinne unüber-brückbarer Gegensätze nicht überbewertet werden. Dazu gehörte auch die strukturelle Gewichtung und damit verbundene besondere Förderung von Sportarten mit mehr Medaillenchancen. Schließlich reiften in den achtziger Jahren neue Fragen heran, die sowohl Ziel-setzungen, Proportionen und Effektivität und schließlich Aufwand und Nutzen betrafen. Eine Veränderung des bis dato erfolgreichen und sehr festgefügten Systems im Sinne der Erneuerung von Teilen und Wirkungsmechanismen war angedacht und not- wendig gewor-den, kam aber infolge der okonomischen und politischen Krise in der DDR nicht mehr zum Tragen.
Systemwirkung des Leistungssports war entscheidend für den Erfolg
Um es in übersichtlicher Kürze nochmals zu sagen, bestanden die wesent-lichsten Wirkungsfaktoren dieses Systems, wie es auf der Grundlage der in den Leistungssportbeschlüssen gewiesenen Zielset-
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zungen und den geschaffenen Strukturen funktionierte, in folgenden Positionen:
I. Grundlage war der Ausbau und die ständige Vervollkommnung der Förderstufen von der Talenterkennung und -auswahl über die ver-schiedenen Ausbildungsstufen bis hin zu Erzielung sportlicher Spit-zenleistungen. Das dreigeteilte Förderstufensystem erwies sich als ein für DDR-Verhältnisse (Größe, Bevölkerungszahl, Bildungssystem usw.) optimaler und zutreffender Weg. Die jährliche Testung und Auswahl von 25-30000 jungen Sportlern und ihre ge- zielte Grund-ausbildung mit sportartspezifischen Interessenausprägungen in einem dreijährigen Zyklus führte am Ende zu 65-70000 regelmäßig bis zu zehn Stunden trainierenden Kindern und Jugendlichen. Nach dem dritten Trainingsjahr wurden die besten jungen Sportler(innen) in die Clubs bzw. Kinder-und Jugendsportschulen delegiert und die übrigen wieder in ihre heimatlichen Sportgemeinschaften zurückgeführt, wo sie weiter am Sportleben teilnehmen konnten. Allerdings gab es da-bei nicht wenig Probleme und Härten und nicht immer waren die DTSB-Grundorganisationen in der Lage, den gewachsenen Ansprü-chen gerecht zu werden. Diesen Fragen hätte weit mehr Aufmerk-samkeit geschenkt werden müssen.
An den Kinder-und Jugendsportschulen lernten und trainierten in Ver-bindung mit den Sport-und Fußballclubs etwa 10-12000 Sport-ler(innen), aus denen sich die Nachwuchs- und Anschlußkader für die Auswahlmannschaften der Sportverbände und schließlich die ca 700-800 Sportler(innen) für die Olympiamannschaften qualifizierten.
II. Es erfolgte eine zielgerichtete Entwicklung der wissenschaftlichen Grundlagen und die Gewinnung von Erkenntnissen über den Trai-ningsaufbau und seine Gestaltung in einem mehrjährigen Zyklus durch komplex arbeitende Forschungsgruppen und trainingsbeglei-tende wissenschaftliche Maßnahmen bis hin zu aktuellen Zu-standsanalysen und der Trainingssteuerung. Dazu bedurfte es vieler Jahre Erfahrungen an den sportwissenschaftlichen Einrichtungen, wie der DHfK und dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig, anderen Wissenschaftseinrichtungen und Entwicklungsstellen für Sportgeräte (FES u.TZGA in Berlin und Leipzig) und den Wissen-schaftlichen Zentren der Sportverbände. Man kann davon ausgehen, daß vor den Olympischen Spielen in Mexiko damit begonnen wurde, eine stärkere Konzentration auf die Leistungssportforschung schritt-weise anzustreben, aber erst in den siebziger Jahren eine spürbare
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sportwissenschaftlich-sportmedizinische Fundierung der leistungs-sportlichen Prozesse erreicht und dann fortgeführt wurde.
III. Eine wesentliche Grundlage war die planmäßige Aus-und Weiter-bildung von Diplom-Sportlehrern mit vielseitigen Einsatzmöglichkei-ten, später die spezielle Qualifizierung für Sportbereiche und dann ab Anfang der siebziger Jahre als Fach-Trainerkader für eine Sportart sowie die Qualifizierung des sportwissenschaftlichen Nachwuchses. Gleichermaßen erfolgte auch die Qualifizierung von Fachärzten für Sportmedizin und die Einführung vieler spezifischer postgradueller Formen.
Die DHfK und das Forschungsinstitut in Leipzig und andere Einrich-tungen waren durch die Ansprüche und Maßstäbe des Leistungs-sports stets in hohem Maße gefordert, Spitzenleistungen in Lehre und Forschung anzustreben, und das bewirkte eine ständige kritische Prü-fung der Lehrinhalte und des Gesamtniveaus sportwissenschaftlicher Arbeit.
Die leistungssportlichen Entwicklungen im Weltmaßstab und das Streben nach neuesten Erkenntnissen haben zur Anerkennung der Sportwissenschaft als gleichberechtigter Wissenschaftsdisziplin au-ßerordentlich beigetragen.
IV. Von ganz wesentlicher Bedeutung für den Sport im allgemeinen und speziell den Leistungssport mit seinen zunehmenden Belastun-gen war der Ausbau eines Systems der sportmedizinischen Betreu-ung in allen Kreisen und Bezirksstädten in der Struktur eines speziel-len Sportmedizinischen Dienstes der DDR (SMD) über viele Jahre hinweg. Erklärtes Ziel der sportmedizinischen Betreuung war die Er-haltung und Stabilisierung der Gesundheit für alle Sportler(innen), die Vermeidung von Schäden und eine gezielte Prophylaxe und Metaphy-laxe und für die Leistungssportler aller Stufen eine sehr individuelle Betreuung, um die unterschiedlichen Belastungen z.B. im Ausdauer-bereich oder im Binde-und Stützgewebe zu mindern und eine schnelle Wie- derherstellung nach sportlichen Belastungen zu empfehlen oder auch zu sichern. Durch interdisziplinäre Forschungen konnten sehr aufschlußreiche Kenntnisse über die Belastungsgestaltung und Trai-nierbarkeit gewonnen werden, und sportmedizinische Wissenschaftler haben verantwortungsbewußt daran mitgewirkt, die Grenzprobleme leistungssportlichen Trainings zu erforschen. Im SMD einschließlich seines Zentralinstituts in Kreischa waren annähernd 2000 Fachkräfte, darunter ca. 650 Sportmediziner als Fachärzte tätig. Zweifellos hatte
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die DDR damit eines der effektivsten sportmedizinischen Betreuungs-systeme für alle Bürger geschaffen, und die globalen und politisch motivierten Dopinganschuldigungen werden die nachgewiesene all-gemeine Leistungsfähigkeit einer solchen Einrichtung auf Dauer nicht aus der Welt zu schaffen vermögen.
V. Mit dem leistungssportlichen Werdegang ist untrennbar die schuli-sche und berufliche Ausbildung und die soziale Sicherung sowie die berufliche Perspektive verbunden, die in der DDR für alle Leistungs-sportler(innen) weitestgehend nach individuellen Wünschen gestaltet wurde. Von der teilweise bereits in einigen speziell ausgewählten Kin-dergärten begonnenen vorschulischen ( z.B. im Eiskunstlauf, Tur-nen,Gymnastik) und später dann schulischen Ausbildung an den Kinder-und Jugendsportschulen bis zum Hochschulstudium oder einer anderen Berufsausbildung erstreckten sich die Formen der Betreu-ung, und wenn heute die mangelnde Selbständigkeit von einigen be-klagt wird, so steht das ja wohl in keinem Verhältnis zu der gegenwär-tig häufig unsicheren so- zialen Perspektive vieler Athleten(innen). Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß auch die Möglichkeiten des bewuß-ten Abtrainierens und die kostenlose und lebenslange medizinische Betreuung dazugehörten.
VI. Die optimale Nutzung einer modernen und allen Anforderungen des lei-stungssportlichen Trainings gerecht werdenden materiell-technischen Basis mit entsprechenden Trainings-und Wettkampfan-lagen, von Sportschulen mit wissenschaftlich-technischer Ausstattung und Erholungsmöglichkeiten sowie die Konstruktion und Fertigung von leistungsbeeinflussenden Sportgeräten und Material (wie z. B. Ruder-und Segelboote, Kanurennboote, Bobs, Schlitten, Skimaterial u.a.) erwies sich unter den konkreten DDR-Bedingungen als ein sehr effektiver Faktor in einem komplex wirkenden Bedingungsgefüge des Leistungssports.
VII. Schließlich muß hier die einheitliche zentrale Leitung der Gesamt-prozesse des Leistungssports, die eigentliche Logistik im Sinne einer klaren Zielorientierung, Analyse und organisatorische Bewältigung der Prozesse genannt werden. Sie erforderte zwar einen hohen Koordi-nierungs- und Kon-trollaufwand, war aber für diese Zeitverhältnisse dennoch sehr wirksam, wenn auch dabei Übertreibungen in der Er-fassung von allzu viel Trainingsdaten auftraten, die teilweise an der Basis in den Clubs als hemmend empfunden wurden.
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Entscheidend war, daß für alle Ebenen die gleichen Leistungssport-beschlüsse galten, alle die Führungs-und Kontrollmechanismen aner-kannten und diszipliniert zu erfüllen versuchten.
Da aber der Leistungssport ein sehr lebensnaher pädagogischer und spezifisch trainingsmethodischer Prozeß ist, hat es immer zwischen Zielvorstellung und Realisierung einen großen Spielraum schöpferi-scher Arbeit gegeben und es ist ganz abwegig, etwa davon auszuge-hen, dass sich dieser Prozeß allein durch Beschlüsse, Befehle und zentralistische Leitung dirigieren ließe.
Hieran anknüpfend möchte ich das umfangreiche Bemühen hervor-heben, für die Bewährung im leistungssportlichen Prozeß immer wieder neu Motive zu bilden und ideologische Grundüberzeugungen auszuprägen. Dazu diente die Erziehung zum sozialistischen Patrio-tismus und Internationalismus, verbunden mit solchen Idealen wie Achtung aller Menschen und Rassen, Freundschaft zu allen Völkern, Erhaltung und Sicherung des Friedens. Hierin waren auch die Aner-kennung und Verinnerlichung der olympischen Ideale eingeschlossen. Aber es wurde zugleich auch zum Haß gegen den Imperialismus als System erzogen und somit entstanden Freund-und Feindbilder, die in den Verhaltensnormen eher zwiespältig wirkten. Übersehen wir dabei nicht, daß es auch im antikommunistischen Westen Feindbilder gab und das nicht nur im Lei-stungssport und diese in Medien und in der öffentlichen Meinungsbildung noch heute eine bestimmte Rolle spie-len.
Die Wirkungsweise dieser gekennzeichneten Faktoren der Leistungs-sportentwicklung erforderte natürlich einen beträchtlichen gesell-schaftlichen Aufwand (aber nicht etwa gleichzusetzen mit dem finan-ziellen Aufwand, denn der bewegte sich 1988 bei etwa 0,24 % des Staatshaushaltsplanes und in diesem Falle war der Leistungssport ei-nes der rentabelsten "Unternehmen" der DDR) und ist nur realisierbar, wenn wissenschaftlich begründete Konzepte, ideelle wie personelle und Bedingungen sowie politische und soziale Anerkennung gegeben sind, eine stabsmäßige Leitung erfolgt und diese Entwicklung durch die schöpferische und hingebungsvolle Arbeit vieler mit dem Lei- stungssport verbundener Menschen - hauptamtlich wie ehrenamtlich tätig - getragen wird.
Dennoch geht nicht alles auf, kann es nicht, denn überall gibt es En-thusiasten und strebsame Menschen im Sport, die alles einsetzen und
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hart an sich arbei-ten, auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse andere sind und sie auch andere Ziele verfolgen.
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Hier wurde versucht, wesentliche Bestimmungsfaktoren des DDR-Leistungssportsystems in einer kurzgefaßten Übersicht darzustellen. Es war politisch-ideologisch begründet, pädagogisch durchdacht, sportwissenschaftlich fundiert, auf Förderung und Forderung gerichtet und wurde erfolgsorientiert geleitet. Es bedurfte vom Prinzipiellen her und aufgrund seiner zunehmenden Systemwirksamkeit keiner zu-sätzlichen Stimulanzien, wenn sie sie denn nicht in den internationa-len sportlichen Wettbewerben rigoros angewandt und die Chancen-gleichheit deutlich verletzt hätten. Wenn manche selbsternannte "Spezialisten" in Sachen DDR-Sport immer noch der Vorstellung fol-gen, daß der jahrzehntelange Erfolg der DDR-Sportler vorwiegend auf die Anwendung pharmazeutischer Mittel zurückzuführen sei, ver-kennen sie wohl absichtlich deren Wirksamkeit im Verhältnis zu den im Gesamtrahmen des Auswahl-und Trainingssystems angelegten Ausbildungsformen des physischen und psychischen Leistungsver-mögens und die im trainingsmethodischen Prozeß erworbenen Fä-higkeiten und Fertigkeiten. Dennoch soll das Problem nicht unerwähnt oder gar verkleinert werden, denn Pharmaka und anabole Steroide haben den internationalen Leistungssport der letzten Jahrzehnte be-gleitet und belastet und stellten eine Verletzung olympischer Regeln und auch der Sport-ethik dar, nachdem sie als solche klassifiziert und sowohl durch das IOC oder auch internationalen oder nationalen Sportverbänden mit Strafen geahndet wurden.
Zweifellos ist die Nutzung pharmakologischer Substanzen, die auf Dopingli- sten erfaßt sind, eine verwerfliche Seite des Leistungssports und man kann und muß ihre Verbreitung und Anwendung bedauern und beklagen, aber dennoch sollte man die Ursachen und die Zeit-punkte dieser Nutzung beachten und heute, da viele Gründe entfallen und exakte Kontrollmethoden vorliegen, weltweit den natürlichen Ge-sundheits-und Leistungsaspekt des Spitzensports in den Mittelpunkt stellen. Das erfordert natürlich auch den Ausbau der Kontrollmecha-nismen. Es ist bemerkenswert, daß die Diskussionen darüber und auch die Appelle gegen das Doping in und durch die internationalen Gremien des Sports zumeist sachlich, teilweise sogar verhalten und in den Schlußfolgerungen dem Gewicht dieses vielschichtigen Prob-lems angemessen sind, denn eine Gleichsetzung des internationalen
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Leistungssports mit Doping oder gar eine Kriminalisierung war und ist in jedem Falle nicht gerechtfertigt und löst offensichtlich kein Problem, wie es derzeitig die zunehmende Tendenz von Mißbrauch aus-weist.
Seit 1990 - etwa zeitgleich mit dem sich auflösenden sozialistischen Staatensystem - werden Leistungssport und nicht bewältigte Doping-praxis und Do-pingkontrolle hierzulande geradezu verteufelt und zu kriminalisieren versucht, und es soll wohl kein Ende nehmen, als ob erst jetzt Wahrheit und Recht eingekehrt seien und sie solcherart über die ganze Geschichte ausgebreitet werden müßten. Vielleicht ge-schieht es aber auch, um eine eigene schlechte Praxis zu verdrängen.
Es ist hinreichend bewiesen, daß die politischen Beweggründe für eine Nutzung von pharmakologischen Mitteln im internationalen Leistungs-sport durchaus ausgeprägt waren, es gab aber gleichzeitig auch das Problem des Suchens nach Leistungsreserven mit Hilfe von Substanzen, die für die Bewältigung von Grenz-belastungen im Leistungsport für er-forderlich gehalten und eingesetzt wurden. Hier ist W.Hollmann zu folgen (dpa-Interview vom 13.4.1994) der wiederholt gefordert hat, die medizi-nisch-biologischen Wirkungen der Substanzen, die auf den Dopinglis-ten stehen, exakt zu erforschen und die Grenzen und Gefahren im sportlichen Hochleistungsbereich noch genauer zu bestimmen. Da die Kontrollmechanismen in den verschiedenen Regionen der Welt nach wie vor unterschiedlich angewandt werden, wird die Chancengleicheit auch auf diesem Gebiet trotz des allgemeinen Wegfalls von Feindbil-dern wohl weiter nicht erreicht werden und der Professionalismus mit der Sucht nach Geld hat die Mißbrauchfunktion eingenommen.
Für die Zeit der Entwicklung des DDR-Leistungssports ist weiter fest-zustellen, daß vieles nicht erklär- und begreifbar ist ohne die Berück-sichtigung internationaler Tendenzen und Verhältnisse, der Blockbil-dungen und Formen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil und schließlich des ständigen Vergleichs mit der Bundesrepublik und den dort geübten Förderungen und Praktiken.
Schließlich darf bei aller formal anmutenden Strukturperfektion und auch dem vielfach unterstellten und nicht zu Unrecht entdeckten Diri-gismus, der solchem Systemen wohl eigen ist, keinesfalls übersehen werden, daß dieses Sy- stem ein wirkliches Geheimnis hatte: Es wurde mit Leben erfüllt durch die Ziele, Ideale und den unermüdlichen Einsatz vieler Sportlerinnen und Sportler, von Übungsleitern, Trai-nern, Sportlehrern, Wissenschaftlern, Ärzten und Schwestern, Boots-
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bauern, Gerätewerkern, Technikern und Spezialisten vieler Diszipli-nen und Berufe, von Sportfunktionären und vielen weiteren ehrenamt-lichen Helfern, die Sport trieben, ihre Sportart liebten und für den Er-folg mit großem Enthusiasmus arbeiteten. Nicht wenige aber hatten auch ihre Probleme, sie freuten sich und fluchten, trugen zwar den Kopf hoch, waren aber dennoch unzufrieden und manche waren auch verzweifelt, gaben auf oder suchten das Weite.
Dieses Leistungssportsystem existiert nicht mehr, es wurde im Ergeb-nis der Anschlußpolitik zerstört, aber es bleibt in der Geschichte, mit den Erkenntnissen und Erfahrungen, erfolgreichen Strukturen und Ar-beitsweisen und einem seltenen Archiv unausgewerter wissenschaft-licher Fakten. Natürlich auch mit den Erfahrungswerten von Fehlent-wicklungen und Widersprüchen, aus denen diejenigen Nutzen zie-hen könnten, die es denn wollten.
1988 weilte der damalige Sportminister von Großbritannien, Colin Moynihan , in Begleitung von Sebastian Coe zu einem Studienbe-such in der DDR, um "Geheimnisse" der Sporterfolge zu entdecken. Nach seiner Rückkehrr schrieb der "Independent":"Moynihan kehrt mit der ermutigenden Neuigkeit zurück -zumindest für seine Regierungs-kollegen - daß die Antwort nicht in mehr Geld, besseren Einrichtungen und moderneren Geräten zu liegen scheint. In allen drei Punkten ist Britannien voraus. Was er auf allen Ebenen fand, war, daß dieses kleine Land, das viel größeren Vorrang dem Sport gibt, eine zentrali- sierte, koordinierte Struktur hat, die sicherstellt, daß keine der be-grenzten Sportressourcen - personell oder materiell - vergeudet wer-den. ‘Der große Unterschied zwischen unseren Ländern liegt in der Struktur’, sagte Moynihan."
Und damit war er auf dem Wege der Wahrheit .
ANMERKUNGEN:
1) "Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht." K.Marx-F.Engels, Werke, Dietz-Verl. Berlin 1959. Bd. 3 S.46
2) Demokratischer Zentralismus war Hauptprinzip der Leitung der sozialistischen Gesellschaft, durch den von der Arbeiterklasse und ihrer Partei geführten Staat und bedeutet eine einheitliche straffe Leitung aller Prozesse von einem Zentrum aus, Unterordnung aller örtlichen Organe un-ter das Zentrum bei Wählbarkeit aller Machtorgane von unten nach oben, Beschlußdisziplin und Durchdringung von Zentralismus und Demokratie. Der demokratische Zentralismus wurde adä-quat auch im Sport, im DTSB der DDR und der GST , angewandt.
3) Hier nenne ich aus neuerer Zeit z.B. nur die zum Teil sehr rigorose Ausländerpolitik einerseits und die ständig zunehmende Zahl ausländischer Spitzensportler in namhaften bzw. wirtschaftlich ausreichend gesponserten Vereinen zur Reputation deutschen Sportruhms bzw. marktwirtschaft-licher Gewinnchancen durch Werbung andererseits, wobei damit sehr häufig eine auffallend
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schnelle Zuerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit einhergeht. In letzter Zeit scheint ein neuer Abschnitt im Sinne einer einschneidenden Zäsur in der rechtlichen Stellung von Sportclubs und Vereinen durch den Beschluß des Europäischen Gerichtshofes (EUGH) vom 15.12.1995 in Luxemburg -das Bosman-Urteil betreffend- eingeleitet worden zu sein. (Siehe dazu u.a.DFB-Journal 4/95 S.42 ff ),
4) Es ist in Fachzeitschriften und Trainerkreisen üblich geworden, zwischen Nachwuchslei- stungssport und Hochleistungssport zu unterscheiden und den Begriff des Leistungssports als übergreifend für das Ganze zu verwenden.
5) Ähnlich übrigens wie in der Alt-BRD früher und besonders häufig nach dem DDR-Anschluß , wo bei jeder sich bietenden Gelegenheit von freiheitlich-demokratischer Ordnung und sozialer Marktwirtschaft gesprochen wurde, wobei das soziale angesichts der Massenarbeitslosigkeit und des rapiden Sozialabbaus in letzter Zeit kaum noch der Erwähnung für wert gehalten wird.
6) K.Marx:Instruktionen für die Delegierten des provisorischen Zentralrates, in: Marx,K. u.Engels,F,Werke Bd 16, Berlin 1962 S.194
7) Das Staatliche Komitee und danach das Staatssekretariat waren verantwortlich für die rein staatlichen Belange von Verfassungs-und Gesetzesrealisierungen, der Einbeziehung des Sports in die staatlichen Planungen und damit in die Volkswirtschaftspläne, von Investitionen, Sportanla-gen, der Sportwissenschaft in Lehre und Forschung, der Aus-und Weiterbildung, der sportmedi- zinischen Betreuung sowie der Anleitung der Örtlichen Räte in Fragen des Sports.
Beim Staatssekretariat bestanden Zentrale Kommissionen für Skilehrer, für Schwimmeisterfragen, für das Sportabzeichenprogramm der DDR sowie seit der Komiteegründung der Wissenschaftli-che Rat für Körperkultur und Sport, der alle übergreifende Sportwissenschaftsfragen koordinierte und durch Arbeitstagungen, Kongresse und Seminare das sportwissenschaftliche Leben in der DDR förderte. Zu nennen wären hier weiter das Komitee für Körperkultur und Sport der DDR, das seit dem 12.8.1970 bestand und ein koordiniertes Zusammenwirken staatlicher Institutionen und gesellschaftlicher Organsiationen in Fragen der Gesamtentwicklung der Körperkultur beriet, so-wie die Ständigen Kommissionen Jugendfragen, Körperkultur und Sport bei den Örtlichen Räten, dann die Spartiadekomitees und Arbeitsgruppen bei den Leitern von Industriekombinaten oder im Bereich der Landwirtschaft und in Gemeindeverbänden. Die Übersicht der Verantwortungsebenen ist hier keineswegs vollständig, sie soll hier nur verdeutlichen, daß die Strukturen vielschichtig wa-ren und die Einheitlichkeit einen relativ hohen Koordinierungsaufwand erforderte.
8) In bestimmten besonders militärsportlichen Disziplinen, wie z. B. , Fallschirmsport, Seesport, Nachrichtensport , Sportschießen, Tauchsport u.a. wurde die Verantwortung von der Gesellschaft für Sport-und Technik (GST) wahrgenommen.
9) Die Ländertabellen sind auch weiter üblich, teilweise auch bei Welt-und Europameisterschaften und die Leitungen des Sportes können auf sie sowieso nicht verzichten, da der Anteil der Sport-arten im internationalen Vergleich wiedergespiegelt wird, und es lassen sich vielfältige Rück-schlüsse nicht nur über die Verbreitung der Sportarten, ihr Leistungsniveau in einem Land , son-dern auch über Niveau und Form der Förderbedingungen und auch von Wissenschaft und Be-treuungssystem ableiten.
10) Siehe u.a. David Miller:Die olympische Revolution. Die Biographie von Juan Antonio Sama-ranch, Bertelsmann 1.Aufl. 1992 S.213 ff
11) In einer gründlichen wie übersichtlichen Untersuchung hat Karsten Schumann in seiner Arbeit "Empirisch-theoretische Studie zu entwicklungsbestimmenden Bedingungen des Leistungssports der DDR, Versuch einer zeitgeschichtlichen Bilanz und kritischen Wertung vor allem aus der Sicht der Gesamtzielstellung, Dissertation, Universität Leipzig 1993, Beschlußvorbereitungen,Inhalte, Zielstellungen und Auswertungen beschrieben. Ich verweise darauf und habe deshalb nur kurz-gefaßte Charakteristiken eingefügt, die sich auf dieses hier behandelte Thema beziehen.
12) Schumann, ebenda
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KLARSTELLUNG EINES SACHVERHALTS
Von Georg Wieczisk
Wolfgang Nordwig erklärte gegenüber der "Super-Illu" (27. Mai 1993): "Vor Olympia 1972 in München war meine Form nicht optimal. Hinzu kam das Theater um einen neuen Stab aus Karbonfiber, den die Amis völlig überraschend kreierten. Niemand wußte, ob der noch vor den Spielen zugelassen wird oder nicht. Es war der reinste Psycho-Thriller. In dieser Situation ließen mich DTSB-Präsident Ewald, Leistungssport-Chef Röder und Leichtathletikpräsident Wieczisk allein. Ich war plötzlich keine Medaillen-Bank mehr. Sie rieten mir von einer Olympia-Teilnahme ab. Für ein Verbot war ich wohl zu bekannt. Als in München die große Eröffnungsshow lief, saß ich noch in Kienbaum auf gepackten Koffern. Erst spät durfte ich nachreisen." Prof. Dr. Wieczisk schrieb Nordwig daraufhin einen Brief, der allerdings nie an die Öffentlichkeit gelangte und auch von Nordwig nie beantwortet wurde. Wir halten sei-ne Veröffentlichung für einen Beitrag zur Zeitgeschichte.
Der geschuldete Respekt für Ihre Leistungen im Sport und im Beruf und für Ihre wiederholt bewiesene charakterliche Lauterkeit wird durch derartige Aussagen bei den 'insidern' des damaligen Ge-schehens zweifelsfrei geringer. Es war ein offenes Geheimnis, daß in den USA 1971/72 neue Stäbe entwickelt und von einigen leis-tungsstarken Athleten mit Erfolg getestet wurden. Ihre stärksten Konkurrenten trainierten mehrere Monate vor den Spielen mit die-sen Stäben und stellten neue Weltrekorde auf. Wir konnten erst im Mai oder Juni dank guter Verbindungen zu einer Sportartikelfirma (wie Sie wissen, standen auch Sprungstäbe auf der gegen die DDR gerichteten Embargoliste) einige dieser 'Wunderstäbe’ spezi-ell für Sie käuflich erwerben. Die Umstellung auf dieses neue Gerät gelang Ihnen vor den Spielen nicht mehr. Die Zeit war zu kurz. Der letzte Test dafür war der Länderkampf Frankreich-DDR im Juni in Paris. Zugegeben, der psychische Druck, der auf Ihnen lastete, war
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groß. Das IAAF-Council hatte auf seiner Frühjahrstagung 1972 für diese Geräte das Placet erteilt. Diese Entscheidung rückgängig zu machen, gehörte im Vorfeld der Olympischen Spiele zu einem der Hauptanliegen des Verbandes und meiner Person. Seit 1971 galt - auf Initiative des DVfL der DDR - in der IAAF die Ordnung, daß Sportartikel, die bei IAAF-Wettkämpfen benutzt wurden, mindes-tens ein Jahr vorher auf dem Markt zum Kauf angeboten werden mußten. Das war bei diesen Stäben nicht der Fall. Also mußten wir versuchen, diese Entscheidung des IAAF-Councils rückgängig zu machen. Das wurde versucht durch offizielle Schreiben und in Ge-sprächen mit den Präsidenten der IAAF und der EAA, dem Marqu-ess of Exeter und dem Niederländer Adrian Paulen und - obgleich die Tagesordnung des IAAF-Kongresses abgeschlossen war - durch eine Intervention meinerseits vor dem Eintritt in die Kongreß-Tagesordnung. Die Mehrheit des Kongresses entschied sich für den durch mich eingebrachten Antrag, wodurch die neuen Stäbe für die Wettkämpfe in München nicht zugelassen waren. Das war ein schwer erkämpfter Erfolg! Für Sie, Herr Nordwig, und natürlich auch für die DDR. Ernsthafte Erwägungen, auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen zu verzichten, gab es zu keiner Zeit. Im Rahmen allgemeiner Unterhaltungen mag dieser oder jener, viel-leicht auch Sie selbst geäußert haben, daß Sie gar nicht nach München fahren brauchten, wenn die neuen Stäbe zugelassen würden. Es ist deshalb eine gezielte Unwahrheit, den damals Ver-antwortlichen des DDR-Sports und des Verbandes anzulasten, Ihnen abgeraten zu haben, an den Spielen teilzunehmen.
Spornitzer Erfahrungen
Von Otto Jahnke
Am Rande der Lewitz liegt das Dorf Spornitz im Kreis Parchim. Vor fast 700 Jahren wurde es zum ersten Mal urkundlich erwähnt und war von jeher ein Bauerndorf. Ein Ort, der den Besucher beein-druckt durch saubere Straßen und Wege, die schmucken, gepfleg-ten Häuser strahlen Ruhe und Sicherheit aus.
Seit der Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossen-schaften gab es in Spornitz eine längere, nicht immer reibungslos verlaufene Entwicklung, die aber durch den Fleiß der über 400 Mit-glieder dazu führte, daß die LPG seit Jahren Gewinn erwirtschafte-te und dadurch das Dorf positiv mitgestalten konnte. So wurde das Leben der Einwohner leichter und angenehmer. Zeugnis dafür sind die zentrale Wasserversorgung, feste Straßen, neue Wohnhäuser, eine Bäckerei, Schlachterei, Kindergarten, Kinderkrippen, mehrere Sportanlagen, das Kulturhaus „Goldene Ähre", inzwischen "Traum-land-Disko“, mit einer großen Gaststätte, Saal und Kegelbahn - die größte Begegnungsstätte dieser Art im Kreisgebiet.
Mit der Verbesserung der Lebensqualität erlangte das Bedürfnis nach Sport und Kultur höhere Bedeutung. Das breite Angebot für sportliche Betätigung wurde von den 1500 Einwohnern gern ange-nommen. Jeder Dritte gehört der SV Spornitz 09/SV Dütschow (früher BSG Traktor) an - insgesamt 426 Mitglieder, davon 211 Schüler.
In zehn Sektionen (Leichtathletik, Fußball, Schwimmen, Volleyball, Turnen und Gymnastik, Reiten, Schach, Tischtennis, Boxen) wird ihnen eine bemerkenswerte Palette angeboten.
Die Ausstrahlung des Dorfes, die vielfältigen Aktivitäten und Erfol-ge der LPG - nach der Wende als Agrarvereinigung tätig - sorgten schon für manche Schlagzeilen in der Tagespresse. Großen Anteil am Medieninteresse hat seit eh und je das sportliche Geschehen.
Spornitzer Fußball - Damen sind Spitze
Für Aufsehen sorgen seit einigen Jahren die Fußballerinnen des Ortes, die in der Serie 1992/93 sogar Landesmeister von Mecklen-burg/Vorpommern wurden. Und das gegen so namhafte Gegner-
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schaft wie Nagema Neubrandenburg, 1. FSV Schwerin, FC Hansa Rostock und SV Hafen Rostock.
Angefangen hatte es mit einigen Mädchen, die nachmittags bei den Jungen mitspielten oder sich sehen ließen, wenn die Nachwuchs-mannschaft trainierte. Vorstandsmitglieder sprachen die Mädchen an und organisierten bald ein Spiel zwischen zwei Spornitzer Mannschaften. Da die jungen Spielerinnen mit Eifer dabei waren, nahm alles seinen Lauf, später fand sich auch ein Übungsleiter. Ei-nige Monate danach, im Jahre 1972, nahm die Mannschaft an den Punktspielen im Bezirk teil. Allerdings gab zu dieser Zeit noch vie-le, die von einem solchen Sport für Frauen nichts hielten, ihn belä-chelten. Trotzdem blieb man dabei, sammelte Erfahrungen. 1976 schied die Mannschaft aus dem Punktspielbetrieb wieder aus.
In den achtziger Jahren organisierte die Sportgemeinschaft jeweils an einem Sonntag im September ein großes Volkssportfest mit Vol-leyball, Kegeln, Reiten, Fußball der Betriebsmannschaften, Tisch-tennis, Torwandschießen, Sackhüpfen, Kugelstoßen und Kiderbe-lustigungen. Im September 1986 kam die BSG-Leitung auf die Idee, nach zehnjähriger Unterbrechung wieder ein Spiel Frauen gegen Mädchen zu organisieren. Das fand Zustimmung. Nach dem Spiel wurde bei Kaffee und Kuchen beschlossen: Neubeginn mit dem Frauenfußball. Nach einigen Monaten fiel der Startschuß mit einem Kleinfeldturnier mit Mannschaften aus Schwerin, Boizen-burg, Parchim. Das war am 31. Mai 1987, und im September 1987 begann die Punktspielrunde, auf Wunsch der Vereine auf Kleinfeld. Mit zunehmendem Training und dem Zugang von Spielerinnen aus Parchim, Neustadt-Glewe, Groß Laasch, Quelkhorn (bei Bremen) und Ratzeburg verbesserte sich der Leistungsstand. Nachdem schon in den vorangegangenen Jahren zweite und dritte Plätze in der Landesmeisterschaft erreicht worden waren, errangen die Da-men sogar den Titel und damit ihren bislang größten Erfolg.
Historisches Datum: 5. November 1909
Die Lust am sportlichen Wirken ist von Generation zu Generation gewachsen. Die Wurzeln des organisierten Sports reichen bis in die Jahrhundertwende. Am 5. November 1909 wurde der Turnver-ein "Frisch auf" gegründet, von zehn Männern, die namentlich in der Chronik "80 Jahre Sport in Spornitz" festgehalten sind. In der
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Gründungsversammlung wurden Beschlüsse gefaßt, die über Jahrzehnte das Verhalten bestimmten, fast an einen Ehrenkodex erinnern. Die Mitgliederversammlungen begannen spät, oft erst um 21.30 Uhr, damit jeder zuvor sein Vieh versorgen, und seine Arbei-ten zu Hause erledigen konnte. Als die ersten Turnabende festge-legt wurden, wurde auch beschlossen, daß jeder „einen Turnstab mitzubringen hat“. Weiter wurde beschlossen, ein eisernes Turn-reck zum Preise von 42 M und eine Kokosmatte für 16 M auf Ver-einskosten anzuschaffen "wofür sämtliche Mitglieder bis zur letzten Rate haftbar sind.“ Als Werbung zur Gewinnung neuer Mitglieder dienten Vereinsvergnügen.
Schon 1910 nahmen 12 Turner am Turnfest in Neustadt-Glewe teil. Ein Jahr später wurde der erste Maskenball veranstaltet, der bis heute über die Kreisgrenzen hinweg seinen Ruf genießt. Bei allen Zusammenkünften wurde für die Anschaffung einer Vereinsfahne gesammelt, die schließlich 1913 gekauft werden konnte und bis heute erhalten ist.
Sparsamkeit gehörte von Anfang an zu den bewährten Vereins-prinzipien und natürlich persönliches Engagement. So ist auch zu erklären, warum die Turngeräte 1914 bereits einen Wert von 700 M auswiesen. Damals gab es keine öffentliche Unterstützung oder Förderung. Das Sporttreiben war Sache jedes einzelnen, aber die Freude am Sport, am geselligen Beisammensein war ein starker gemeinsamer Antrieb. So trafen sich zum sportlichen Üben und turnerischen Wettstreit junge Bauern, Häusler, Einlieger und Handwerker, denen bald auch Mädchen und jüngere Frauen folg-ten. 1914 zählte der Turnverein 60, 1927 schon 102 Mitglieder.
Da den Fußballern im Turnverein keine Gelegenheit zum Ballspie-len gegeben wurde, bildeten sie 1923 ihren eigenen Verein: SSV Spornitz. Anfang der 20er Jahre erfolgte dann die Gründung des Arbeiterradfahrvereins "Solidarität"; er zählte anfangs 35 Mitglieder, von denen sich ein Teil im Kunstradfahren übte. Es waren vorwie-gend die Häusler, die neben ihrer Landwirtschaft in den Lederwer-ken Neustadt-Glewe arbeiteten und sich dem Verein anschlossen. Die Bildung der Vereine hat die Vielseitigkeit des Sportangebots und die Konkurrenz untereinander gefördert.
Die Entwicklung wurde durch wirtschaftliche Krisen und die Kriege unterbrochen. Zwanzig Spornitzer starben im Ersten Weltkrieg, vie-le kehrten mit gesundheitlichen Schäden zurück.
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Hans Esch (73), Lehrer für Geschichte und Deutsch und allseits geschätzter Direktor der Spornitzer Schule (1950-1956), war Vor-sitzender der BSG Traktor von 1955 bis 1981, danach und das bis zum heutigen Tag Sektionsleiter Fußball, Vorsitzender des Kreis-fußballverbandes, Kreisjugend-obmann, Staffelleiter. Woche für Woche begleitet, beobachtet, betreut er seine sechs bis sieben Fußballmannschaften. Ist er wieder daheim, erhalten Agenturen und Redaktionen Berichte und Meldungen, wie Spornitzer bestan-den haben. Dieser verdienstvolle Lehrer und Freund der Jugend, hat noch ein weiteres Amt inne, das ihm sehr am Herzen liegt: Er ist der Chronist des Dorfes mit den Ortsteilen Dütschow und Stein-beck. Auch dieser Aufgabe stellt er sich mit nie erlahmendem Eifer. So wurde er der Autor der 88 Seiten starken Chronik „80 Jahre Sport in Spornitz". In Berichten und Bildern aus acht Jahrzehnten wird Geschichte lebendig. Eine Broschüre, die eine Fundgrube ist, in jedem Spornitzer Haushalt vorliegen dürfte und von Besuchern gern durchgeblättert wird. Auf Seite 13 liest man: Als 1933 die Na-zidiktatur begann, trat ein, was viele Mitglieder befürchtet hatten. Der Verein "Solidarität" wurde verboten, sein auf der Bank befindli-ches Geld beschlagnahmt. Zeitzeugen erinnern sich, daß es schon zuvor bei Vereinsfesten Störungen gegeben hatte, daß man Ein-dringlinge handgreiflich des Saales verweisen mußte. Im Rahmen der "Gleichschaltung" der Vereine durch die Nazis erfolgte die Ver-einigung zum Turn- und Sportverein Spornitz. Danach wurde zwar weiter geturnt und Fußball gespielt, doch so mancher sah der Zu-kunft mit Bangen entgegen. Die letzte Mitgliederversammlung fand 1942 statt, bald kam im Inferno des Krieges der Sportbetrieb ganz zum Erliegen.
Nach der Zerschlagung des Faschismus galt es eine neue, die demokratische Sportbewegung aufzubauen, anfangs organisiert von den antifaschistischen Jugendausschüssen, dann von den Landes- und Kreissportausschüssen. Schon im Herbst 1945 erfreu-te die Jugendgruppe mit ihren "Bunten Abenden" die Einwohner, darunter viele Umsiedler aus den ehemaligen deutschen Ostgebie-ten. Nachdem 1946 das erste Fußballspiel wieder stattgefunden hatte, folgten bald weitere Freundschaftsspiele und Turniere. 1948 begannen die Kreismeisterschaften im Fußball der Männer mit sie-ben Mannschaften in der Staffel Nord und sechs in der Staffel Süd. Auch eine Spornitzer Jugendmannschaft trug erste Spiele aus.
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Tante aus Kanada schickte Fußball
Natürlich mußte in den Jahren des Neuanfangs so manche Hürde genommen werden, um überhaupt Sport treiben zu können. Es fehlte an allem. Auf der Suche nach einem brauchbaren Ball be-mühte ein Spornitzer Fußballer gar seine Tante in Kanada. Sie schickte ihm einen nagelneuen Ball, der natürlich wohl behütet wurde.Torwart Edelhart Maxion nahm ihn mit zum Turnier in Kieck-indemark. Beim anschließenden Sportlerball verließ er nur kurz seinen Platz, und schon waren Ball und Fußballschuhe ver-schwunden. Am nächsten Tag meldete er den Verlust. Nach ein paar Wochen - er hatte den Verlust schon abgeschrieben - erhielt er von der Volkspolizei Bescheid und konnte Schuhe und Ball ab-holen. Der Täter hatte beides in einem Schornstein versteckt bis die Ordnungshüter dahinterkamen.
Der Wunsch nach mehr Sport nahm zu. Kopfzerbrechen bereitete immer wieder die Fahrzeugbeschaffung für Fahrten zu den Punkt-spielen. Manche Strecke wurde mit dem Fahrrad bewältigt, andere mit Trecker und Anhänger - auch ohne Plane - oder mit dem LKW. Oft half die Gemeindeverwaltung, auch Betriebe unterstützten die Sportler.
1948 erfolgte die Gründung der SG Spornitz. Der Sport wurde von da an organisierter betrieben: an zwei Tagen in der Woche trainier-ten die Turner und die Fußballer. Die Schule veranstaltete im Sep-tember 1949 ein Leichtathletiksportfest. Die Turner imponierten im März 1950 bei einer Veranstaltung des Friedenskomitees, eine weitere im Juli fand große Begeisterung; der Saal konnte die Zu-schauer kaum fassen.
Die Turner, eine mobile Truppe, bildeten die stärkste Sektion der Sportgemeinschaft. Andere Sektionen brachten sich immer mehr ins Gespräch. Die Faustballer feierten in Parchim bei einem Turnier einen 2. Platz. Viel Anerkennung fand die Spornitzer Sportwerbe-gruppe, die oft in Nachbarorten des Kreisgebiets auftrat.
Der Wettkampfbetrieb hatte zu diesem Zeitpunkt erfreulich zuge-nommen. Im Herbst 1952 hatten die Fußballmannschaften der Männer den Punktspielbetrieb im Kreis unter 16 Mannschaften aufgenommen - 12 beendeten die Spielzeit, eine Folge des durch die Kreisreform kleiner gewordenen Kreises. Mit Tischtennis wurde
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eine weitere Sportart ins Leben gerufen. Anfangs wurde auf Be-helfsplatten gespielt, doch bald nach Anschaffung vorschriftsmäßi-ger Plattem erfolgte der Übungsbetrieb in größerem Umfang: vier Gruppen Anfänger und Fortgeschrittene (Mädchen und Jungen). Am Abend kamen Männer und Frauen hinzu. Das breitere Sport-angebot bewirkte auch, daß die Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten in ihrer neuen Umgebung schneller heimisch wurden.
Die Anziehungskraft der Sportgemeinschaft stieg von Jahr zu Jahr. Der Sport wirkte wie ein Magnet. Wenn der BSG-Vorstand zu frei-willigen Arbeitseinsätzen rief, fand das Anliegen bei den Spornit-zern Gehör. So entstand in freiwilliges Gemeinschaftsarbeit aus dem alten Gasthaussaal die Turnhalle. In der faktenreichen Chro-nik fand das gemeinschaftliche Wirken der Gemeinde zum Wohle des Sports und der Bürger des Ortes viel Anerkennung. So gab es in dem Dorf nur einen Sportplatz - zu wenig für sechs Fußball-mannschaften, Schul- und Volkssport. Durch gemeinsame Arbeit wurde er erweitert: eine 100-m-Laufbahn kam hinzu, die Umkleide-räume wurden erweitert, Duschen ausgebaut und eine Lichtanlage fürs Fußballtraining geschaffen.
Stark beansprucht war seit jeher die Kegelbahn der LPG-Pflanzenproduktion, die von der BSG genutzt wurde. In drei Grup-pen kegelten Männer, Frauen und Rentner. Großen Anklang fand nicht nur bei Kindern das Voltigierreiten. Pferde und Ausrüstung stellte die LPG Freiheit zur Verfügung. Die Übungsleiterin gehörte ebenfalls der LPG an.
Die Hauptsorge galt in dieser Zeit dem Schwimmbad. Seit 1932 in Betrieb, war es nach über 20 Jahren nicht mehr benutzbar, da die Holzwände morsch und zerfallen waren. Lehrer und Sportler ergrif-fen die Initiative zum Bau einer neuen Badeanstalt. Eine Kommis-sion wurde gebildet. Nachdem in einer Einwohnerversammlung über den Neubau, über die Bereitschaft der Bauern, Holz zu spen-den und über die freiwillige Arbeit Einverständnis erreicht worden war, beschloß die Gemeindevertretung am 30. März 1954 den Neubau des Schwimmbades. Der erste Spatenstich erfolgte am 16. Mai 1954. 21 Sportler gingen daran, die morschen Holzwände her-auszureißen und an ihrer Stelle die neuen Holzpfähle zu setzen. Fortan arbeiteten täglich Frauen und Männer mit Spaten und Schaufel und nachmittags beteiligten sich auch die Schüler an dem Gemeinschaftswerk. Der Abtransport der ausgehobenen Erde er-
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folgte am Anfang mit einer Lore, die von einem Pferd gezogen wurde. Danach hatte man einen LKW, der sie abtransportierte. Die Traktoristen der MTS und der LPG übernahmen den An- und Ab-transport zur Sägerei, wo das Holz zugeschnitten wurde. Nach nur einem Vierteljahr Bauzeit wurde das Bad am 15. August 1954 er-öffnet. Der Vorsitzende der Badeanstaltkommission, Hans Esch, würdigte das Engagement der Einwohner, die Bereitstellung von 7000 M aus dem Haushaltsplan und von 13000 M aus Fußballto-tomitteln. Dazu kamen 9300 freiwillig geleistete Arbeitsstunden. Zur Eröffnung fand ein Schwimmfest statt, dem allgemeines Baden für alle folgte. Vier Wochen später erlebte Spornitz sein erstes großes Schwimmfest, an dem 70 Aktive aus Parchim, Lübz, Wittenburg und Neustadt-Glewe teilnahmen. Die Rekordzahl von 700 Zu-schauern wurde gezählt. Sie waren begeistert von den Leistungen im Schwimmbecken, den Kunstspringern, einem Wasserballspiel und humoristischen Einlagen. Die Bezirksleitung der SV Traktor zollte für die vorbildliche Zusammenarbeit der Sportgemeinschaft mit den Gemeindevertretern, den Betrieben, der Schule, anderen Organisationen und allen Einwohnern ihre Anerkennung und über-reichte dem Vorstand der SG eine Prämie von 1000 M. Im selben Jahr gab sich die Sportgemeinschaft den Namen BSG Traktor und gehörte damit der Sportvereinigung Traktor an. Ihr Patenbetrieb wurde die BHG Spornitz.
In den folgenden Jahren wurden Umkleideräume, Toiletten, ein Dreimeter-Sprungturm, eine Rutschbahn und eine Terrasse, wieder mit zahlreichen freiwilligen Arbeitsstunden der Bevölkerung gebaut.
Die Sportler der BSG Traktor Spornitz prägten mit ihren Mitteln auch das kulturelle Leben in ihrem Heimatort und im Kreisgebiet. Auch in der Gegenwart ist die Sportwerbegruppe noch gefragt. Nach Sportfesten und zum Jahresende zählten bei öffentlichen Sportlerbällen die Auftritte der Sportwerbegruppe zu den Höhe-punkten. Die BSG arrangierte auch Winzerfeste mit eingerichteten Weinstuben, Theaterfahrten nach Parchim und einen Tanzkurs für junge Sportler. Karnevalsveranstaltungen wurden zur Tradition. Eintrittskarten sind im ganzen Kreisgebiet gefragt. Der Elferrat, die Prinzengarde bestand aus Sportlern. Hans Esch hatte auch dabei oft den Hut auf, fungierte neben anderen Vereinsmitgliedern als Büttenredner. Von den finanziellen Einnahmen und mit Unterstüt-zung der VdgB gründete die BSG ihre Schalmeienkapelle.
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Immer wieder wird gefragt, wer den Sport in der DDR und auf wel-che Weise unterstützte. Auch darauf gibt die Chronik Antwort. Die BSG finanzierte sich bis zur Wende 1989 aus eigenen Mitgliedsbei-trägen, aus einem Zuschuß der Gemeinde, über die Nutzungs- und Pflegeverträge für den Sportplatz und die Vergütung der ehrenamt-lichen Aufbaustunden der Sportler in Höhe von 2000 M bis 3000 M, Zuwendungen des örtlichen DTSB in Höhe von 1000 M und in ge-ringem Umfang durch die Einkünfte von Veranstaltungen und Sportfesten. Die LPG Spornitz leistete materielle Unterstützung, mähte zum Beispiel den Sportplatz und stellte jahrelang kostenlos einen Bus für den Transport der Mannschaften zu Auswärtsspielen zur Verfügung.
Nach der Wende finanziert sich die SV Spornitz/Dütschow aus ei-genen Mitgliedsbeiträgen. Die Beitragssätze blieben weiter normal, eben volkstümlich. Auch das wird als wichtig für die Zukunft des Volkssports erachtet. Die Beiträge betragen pro Jahr für aktive Sportler 48 DM, für passive Mitglieder 36 DM. Kinder, Jugendliche und Rentner zahlen 24. DM. Ermäßigungen werden gewährt für ei-nen Erwachsenen mit einem Kind (60 DM), für Ehepaare (64 DM), Eltern mit Kindern (80 DM) Unterstützung geben Sponsoren, die mehrere tausend Mark spenden. Spielkleidung wurde vom Verein nach 1990 nicht mehr gekauft, sie wurde von kleineren Betrieben gestiftet. Das Gemeindeamt unterstützt den Sport finanziell bei notwendigen Reparaturen von Sportanlagen. Der Landkreis gibt einen Zuschuß für Nachwuchsmannschaften, zuweilen auch für Nachwuchssportfeste. Die Beförderung der acht Fußballmann-schaften ist so geregelt: Die Spieler; der drei Männermannschaften fahren mit eigenem PKW und erhalten nur Geld für Kraftstoff. Die vier Nachwuchsmannschaften werden von Übungsleitern, Eltern oder sportinteressierten Freunden mit deren Privat-PKW gefahren, diese erhalten ebenfalls Geld für Treibstoff. Der Spornitzer Land-wirtschaftsbetrieb gibt in kleinerem Umfang materielle Unterstüt-zung. Die Spielerinnen der Damenmannschaft fahren ebenfalls mit eigenem PKW und erhalten vom Verein den Kraftstoff erstattet.
Fazit: Man kam früher finanziell zurecht, seit 1989 eben-falls.Oberstes Prinzip bleibt die Sparsamkeit und das wichtigste Kapital die Bereitschaft der Spornitzer zu ehrenamtlicher und frei-williger Mitarbeit.
REZENSIONEN:
Faszination Boxen
Die International Amateur Boxing Association (AIBA) hat anläßlich ihres 50jährigen Bestehens einen repräsentativen Bildband zur Würdigung des Amateurboxsports als Teil der olympischen Bewe-gung der Neuzeit vorgelegt. In Wort und Bild wird - ausgehend von den 5000 Jahre zurückreichenden Wurzeln dieses Kampfsports - seiner Faszination und seinen faszinierenden Möglichkeiten nach-gespürt und dabei das Problematische nicht ausgespart.
Die Autoren bemühen sich, das Erreichte würdigend darzustellen. Dabei besinnen sie sich auch auf jene Wirkungen und Werte des Amateurboxens, die bedeutenden Einfluß auf die Aktiven und Kon-sumenten des Boxsports nehmen und so seine Entwicklung und weitere Verbreitung gewährleisten. Es wird versucht, sich zu be-sinnen und zu bedenken, ob und inwieweit der beschrittene Weg fortgesetzt werden kann bzw. welchen Herausforderungen unserer Zeit - insbesondere der aggressiven Marktoffensive des Profibo-xens - künftig zu begegnen ist. In einer solchen Sicht offenbart sich, daß die Geschichte des Amateurboxsports und seiner welt-weiten Verbreitung eng verbunden ist mit der Geschichte der olym-pischen Bewegung und ihrer weltweiten Offensive, die humanisti-schen Ideale der olympischen Bewegung zu bewahren und sie entsprechend den wesentlich veränderten gesellschaftlichen Be-dingungen umzusetzen. Die darauf gerichtete Wirksamkeit des Amateurboxens wird in Wort und Bild eindrucksvoll belegt, so z.B. mit den Aktivitäten der AIBA im Rahmen der olympischen Solidari-tät.
Die außerordentliche Faszination des Boxsports wird nicht nur durch die Bildauswahl belegt, z.B. überzeugende fotographische Porträts von Athleten in unterschiedlichen Trainings- oder Wett-kampfsituationen, Aufnahmen der Interaktion von Trainer und Sportler in der Ringecke während der Kampfpause, sondern auch durch einen repräsentativen Überblick über die künstlerischen Re-flexionen, die dieser Sport bzw. Boxsportler in der Malerei und Graphik, in der Kunst der Bildhauer, der Literatur oder dem Film gefunden haben. Darin eingeschlossen ist eine Auswahl aus Prosa und Lyrik. Die Bildbeiträge deuten auch an, welchen Einfluß das
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Boxen auf Münzprägung und auf die graphische Gestaltung von Briefmarken hat. An Beispiele über das bildkünstlerische Schaffen der Karikaturisten konnte auf Grund der Fülle des Materials offen-bar gar nicht gedacht werden.
Auch wenn die Herausforderungen unserer Zeit keineswegs aus-gespart wurden, sind manche, wie die zunehmende Kommerziali-sierung, nur spür- und kaum ablesbar und wieder andere nur zu ahnen. Zu Recht wird - ohne es dauernd zu beschwören - der Box-sport als "noble Kunst" bezeichnet. Allerdings findet genau das, vor allem die noble Kunst des Verteidigens in den ausgewählten Bild-beiträgen keine ausreichende Entsprechung, obwohl die Faszinati-on, die heute, z.B. auch für Frauen, vom Boxsport ausgeht, mit dieser Seite der noblen Kunst des Angreifens und Verteidigens, ebenso verbunden ist wie mit den Werten dieser Sportart und viel weniger mit den vermeintlichen Risiken, wie sie vor allem als Aus-wirkung des Profiboxens in den Medien immer wieder prononciert beschrieben werden.
Die AIBA hat sich mit der Publikation des Bildbandes sehr ver-dienstvoll für die weitere Entwicklung des Amateurboxens als olympischer Sportart zu Wort gemeldet, ganz im Sinne der Gruß-botschaft des IOC Präsidenten Samaranch, der meint, dieses Buch "erzählt auch von den beträchtlichen Anstrengungen, welche ge-macht werden, um das Boxen als einen modernen Sport zu bewah-ren".
Heinz Schwidtmann
Mythos Diem
Es ist heutzutage Gewohnheit geworden, ältere Bücher hervorzu-holen und ihre aktuellen Bezüge transparent zu machen. Das gilt in diesem Fall für Heft 1 des ersten Jahrgangs der „Zeitschrift für So-zial-und Zeitgeschichte des Sports“, ein stattlicher 136-Seiten-Band, auf dessen Titelseite Bernett, Teichler und Pfeiffer als Auto-ren ausgewiesen werden. Titel: „Mythos Diem“. Die drei Autoren hatten 1987 versucht, ein halbwegs akzeptables Diem-Bild zu zeichnen. Wenn Bernett in seinem Beitrag hervorhob: „An Feinden hat es dem streitbaren Mann nie gefehlt,“ er “war häufig das Ziel der politischen Linken“ wurde damit allerdings auch schon eine Art
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„Feindbild“ montiert. Tatsächlich konnte Diem wohl nie mit der poli-tischen Rechten in Schwierigkeiten geraten, wofür Teichlers Zitate aus der Rede zur Reichsgründungsfeier der Deutschen Hochschu-le für Leibesübungen 1932 hinreichend Zeugnis ablegen: „Germa-nen können nur von Germanen besiegt werden“; „Deutschland ist im Grunde unbesieglich“; „Deutschland, Herzstück Europas, Ord-ner des Abendlandes“; „Erst als im Innern Deutschlands Feinde aufstanden, war der Krieg verloren.“ Man kann wohl kaum anders, als nach der Lektüre des Teichlerschen Beitrags - Bernett wird mir verzeihen, wenn ich kein Hehl daraus mache, eine Linke zu sein, aber es fällt schwer zu glauben, daß Nicht-Linke zu einer anderen Auffassung gelangen sollten - Diem schlicht und präzise einen Fa-schisten zu nennen. Natürlich war er das nicht von Geburt an, aber in den Jahren des Naziregimes erfüllten sich nicht nur viele seiner Thesen von der Verknüpfung zwischen Sport und Soldaten-tum - und wie vor allem seine diversen Festspielvarianten erken-nen lassen - von der Erfüllung des Sports im Opfertod. Lorenz Pfeiffer schrieb über Diems Rolle „in der Zeit des Nationalsozialis-mus“, doch fällt dieses Kapitel gegen die beiden anderen ab, viel-leicht, weil der Autor den größten Teil des Materials, das er hätte verwenden können, von seinen Partnern schon verbraucht sah. Ver-dienstvoll die Dokumentation. So das Referat Reinhard Appels aus dem Jahre 1984, der sich erinnerte: „Ich kann nicht vergessen, daß ein großer Mann der Olympischen Idee in Deutschland vor fast genau 39 Jahren hier in Berlin - es war Anfang März 45 - auf dem Gelände des Reichssportfeldes uns damals 18jährige von der so-genannten Hitler-Division (muß wohl heißen „Hitlerjugend-Division“? A.d.A.) ‘Großdeutschland’ in einer flammenden Rede, in der viel von Sparta und Opferbereitschaft vorkam, zum siegreichen Endkampf gegen die deutschen Feinde aufforderte.“ Oder der Brief, den Diem an den „Bevollmächtigten des Auswärtigen Amtes beim Militärbefehlshaber in Frankreich O. Abetz am 17. Oktober 1940 geschrieben hatte: „Wir bereiten die Neuordnung des Interna-tionalen Sports vor und werden dabei naturgemäß dafür sorgen, daß die bisherige, sportlich ganz unberechtigte Vorherrschaft Frankreichs in der internatio-nalen Sportverwaltung auf das richtige Maß zurückgeführt wird. Als Unterlage für diese Maßnahme benö-tigen wir eine Auskunft über zwei französische Sportführer: Herrn Jean Carnot... Herrn Parmentier... Nach Behauptung unserer unga-
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rischen Schützenkameraden sollen beide Juden sein, und wir wä-ren Ihnen dankbar, wenn Sie dies in geeigneter Weise feststellen lassen würden...“
Worin die aktuelle Bedeutung dieser Arbeiten liegt? Der Deutsche Leichtathletikverband hat auf seiner Präsidiumssitzung im Februar 1996 in Darmstadt beschlossen, ungeachtet aller Kritik auch künftig den Carl-Diem-Schild zu verleihen. „Die wissenschaftlichen, me-thodischen und sportfachlichen Leistungen von Carl Diem sollen damit auch weiterhin Würdigung erfahren. Gleichzeitig distanzierte sich das Präsidium von sportpolitischen und politischen Aussagen zum Nationalsozialismus, die Diem vorgenommen hat.“
So einfach wird derlei in der Bundesrepublik Deutschland gehand-habt. Wir aber sollen uns des „verordneten Antifaschismus“ in der DDR schämen? Das fällt mir als ehemaliger Leistungssportlerin und noch tätiger Histori- kerin sehr schwer. Offen gesagt: Ich kann und will es nicht.
Irene Salomon
DOKUMENTE:
Die Demokratie braucht Leistungseliten
auf allen Ebenen
Von Helmut Kohl
Bundeskanzler Helmut Kohl hat anläßlich der 25. Sitzung des Kura-toriums der Stiftung Deutsche Sporthiffe am 25. Oktober 1995 in Frankfurt am Main in seiner Jubiläumsrede das Wirken der Sporthil-fe gewürdigt und auch die Leistungen des organisierten Sports in der Gesellschaft insgesamt bewertet. Der DSB-Pressedienst Nr. 41 nahm Kohls Rede in seinen Dokumententeil auf.Die Redaktionfolgt mit dem Nachdruck den Intentionen des Deutschen Sportbundes, auch weil die sportpolitischen Grundlinien der Bundesregierung den Sport in der Vergangenheit nicht selten als „schönste Nebensache der Welt“ deklarierten und dem zweiten deutschen Staat die Förde-rung des Sports allein aus politischen Motiven vorwarfen. Diese Anklage wird bekanntlich bis heute von der sogenannten Enquete-kommission des Bundestages wiederholt.
Sportliche Höchstleistungen erfordern optimale Trainingsbedingun-gen und hervorragende fachliche wie medizinische Betreuung. Ge-nauso wichtig ist jedoch das menschliche und gesellschaftliche Umfeld. Nur wenn all diese Voraussetzungen stimmen, können un-sere Sportlerinnen und Sportler ihre Chancen bei internationalen Sportwettkämpfen auch optimal nutzen. Dazu trägt die Stiftung Deutsche Sporthiffe in vorbildlicher Weise bei. In unserem System der Sportförderung ergänzen sich die Leistungen der Sporthilfe und der öffentlichen Hand. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe unterstützt die Sportler direkt und individuell. Der Staat schafft die notwendi-gen Rahmenbedingungen, indem er die Sportfachverbände, die Stützpunkte und Leistungszentren sowie den Bau und den Betrieb von Sportanlagen fördert. Dieses System hat sich bewährt.
Ich freue mich, daß über die Konzeption zur Weiterentwicklung des Stützpunktsystems Einigkeit zwischen Sport, Bundestag und Bun-desregierung erzielt werden konnte. Die Stiftung Deutsche Sporthil-fe hat sich im Laufe der Jahre zu einer immer bedeutenderen Insti-tution der Sportförderung entwickelt. Sie ist damit eine der erfolg-reichsten Bürgerinitiativen in unserem Land. Wichtig ist auch das
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öffentliche Bekenntnis von Repräsentanten aus Wirtschaft, Gesell-schaft und Politik zur Stiftung. Ich möchte an dieser Stelle nicht nur die Großuntemehmen, sondem auch mittelständische Unternehmer ermuntern, sich für die Deutsche Sporthiffe zu engagieren.
Für die meisten Spitzenathleten ist die Unterstützung durch die Deutsche Sporthilfe unverzichtbar. Viele großartige Erfolge bei Olympischen Spielen, bei Welt- und Europameisterschaften wären ohne Unterstützung durch diese Institution nicht zustande gekom-men. Vor fünf Jahren haben wir die Wiedervereinigung unseres Va-terlandes in Frieden und Freiheit erreicht - mit Zustimmung all un-serer Nachbarn und Partner in der Welt. Heute ist die innere Ein-heit Deutschlands in vielen Bereichen bereits gelebte Wirklichkeit. Wir haben allen Grund, die anstehenden Aufgaben mit Optimismus anzupacken. Die Menschen in den neuen Ländern erlebten in den letzten Jahren dramatische Veränderungen in allen Lebensberei-chen. Aber sie haben Mut zur Zukunft bewiesen und den Neuan-fang gewagt. Auch auf dem Gebiet des Sportes fand ein tiefgrei-fender Umbruch statt. Nach der Wiedervereinigung galt es, mög-lichst viele hochqualifizierte Trainer in den neuen Bundesländern zu halten, um vorhandene Initiativen zu bewahren und eine Ab-wanderung der Aktiven zu verhindern.
Die Trainer haben auch unter den für sie neuen Bedingungen die ihnen anvertrauten Athletinnen und Athleten zu Spitzenleistungen geführt. Die für die Trainerfinanzierung vom Bund bereitgestellten Mittel haben sich ebenso ausgezahlt wie die Finanzierung des Sportstättenbaus für den Hochleistungssport. In den vergangenen vier Jahren hat der Bund hierfür insgesamt 230 Millionen DM be-reitgestellt. Beispielhaft möchte ich hier nur das Institut für Ange-wandte Trainingswissenschaften in Leipzig sowie das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin nennen.
Ganz erheblichen Nachholbedarf gibt es nach wie vor bei Sport-stätten des Vereins- und Breitensports. Hierfür ist der Bund jedoch nicht zuständig. Dies ist Sache der Länder. Bund und neue Länder haben deshalb ausdrücklich vereinbart, daß die allgemeine Sport-stättensanierung in das Investitionsfördergesetz Aufbau Ost einbe-zogen wird. Für die Umsetzung dieses Gesetzes stellt der Bund ab 1995 jährlich 6,6 Milliarden DM für investive Zwecke zur Verfü-gung. Es liegt nun an Ländern, Landkreisen und Gemeinden, ent-sprechende Mittel aus dem Programm für die Sportstättensanie-
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rung bereitzustellen. Um dies zu erreichen, habe ich die Minister-präsidenten nachdrücklich gebeten, den Sport im Rahmen des In-vestitionsfördergesetzes Aufbau Ost angemessen zu berücksichti-gen.
Unser Land braucht Eliten. Dies gilt für den Sport genauso wie für Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist unumstritten, daß der Breiten-sport den Spitzensport als Vorbild braucht. Aber in Wirtschaft und Gesellschaft umgibt den Elitebegriff der Ruch des Undemokrati-schen. Ich halte dies für falsch. Wir brauchen in unserer Demokra-tie ein klares Ja zu Eliten. Damit meine ich nicht Geburtseliten, sondern jene, die aus ihrer Überzeugung, aus ihrem Willen heraus etwas leisten. Wir brauchen solche Vorbilder. Wir brauchen überall Menschen, die mehr tun als das, zu dem sie vertraglich oder ge-setzlich verpflichtet sind. Wir brauchen solche Leistungsträger in Betrieben und in Instituten genauso wie in den Wettkampfarenen dieser Welt. Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die sich wäh-rend ihrer Freizeit in vorbildlicher Weise für andere engagieren. Ohne diese Männer und Frauen, die über das normale Maß hinaus etwas leisten, gibt es keine gute Zukunft für unser Land!
Deshalb müssen wir Front machen gegen die Unterstellung, daß Leistungseliten nicht zu einer Demokratie paßten. Das Gegenteil ist wahr: Die Demokratie braucht Leistungseliten mehr als jede andere Staatsform. Es ist gar nicht entscheidend, daß immer der erste Platz erreicht wird. Worauf es ankommt, ist vor allem die innere Haltung, die Kameradschaft und der Wille, sich selbst und die ei-gene Bequemlichkeit zu überwinden. Wenn der Erfolg errungen ist, dürfen die Sportlerinnen und Sportler zu Recht stolz sein. Sie ha-ben ihre Talente eben nicht vergraben, sondem etwas aus ihren Fähigkeiten gemacht. Der Sport ist gerade in diesem Punkt Vorbild für andere Bereiche. Zu den negativen Entwicklungen in unserer Gesellschaft gehört für mich der Rückgang an Bereitschaft, persön-liche Verantwortung zu übernehmen; statt dessen werden Ent-scheidungen anderen zugeschoben.
Der Sport mit seinen über 84 000 Vereinen und fast 25 Millionen Mitgliedern gehört zu den Institutionen unseres Landes, die den Menschen Halt und Orientierung geben und ihnen Werte vermit-teln. Der Sport und die ihn tragenden Organisationen leisten un-verzichtbare Beiträge zur Gesundheit, zur Identifikation mit der Heimat, zur Integration unterschiedlicher Gruppen und Schichten,
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zur Einübung sozialen Verhaltens und zur Anerkennung des Leis-tungsprinzips. In Sportvereinen lernen Kinder und Jugendliche, Rücksicht zu nehmen und sich trotzdem zu behaupten. Sie lernen mit Sieg und Niederlage umzugehen, fair zu kämpfen und den Gegner zu achten. Im Sport finden ausländische Mitbürger und Einheimische in vorbildlicher Weise zueinander. Sie erleben dort sportliches Miteinander und Gemeinschaft. Breitensport und Spit-zensport gehören zusammen. Sie gegeneinander auszuspielen, etwa wenn es darum geht, knappe Mittel zu verteilen, wäre völlig verfehlt. Beide ergänzen, ja bedingen einander. Ohne den Breiten-sport fehlte die Basis für den Spitzensport und ohne den Spitzen-sport fände der Breitensport weniger Anklang.
Wir müssen Mittel und Wege finden, den Spitzensport so zu för-dern, daß er international konkurrenzfähig bleibt, ohne darüber den Breitensport zu vernachlässigen. Dabei wächst die Bedeutung des Sponsoring als neue Form der Zusammenarbeit zwischen Wirt-schaft und Sport. Ich freue mich, daß Wirtschaft und Sport diese Zusammenarbeit suchen. Ich werde jeden sinnvollen Schrift auf diesem Weg unterstützen. Deshalb bin ich nach wie vor bereit, an einem Runden Tisch von Wirtschaft und Sport teilzunehmen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Viele Bürgerinnen und Bürger in unserem Land verstehen kaum, daß es im Sport an Geld mangelt. Sie hören von unvorstellbar großen Summen, die einzel-ne Sportler verdienen oder die für den „Einkauf“ von Sportlern ge-zahlt werden. Doch dies sind Einzelerscheinungen. Nur wenige Sportarten wie Tennis, Golf oder Fußball bieten außergewöhnliche Verdienstmöglichkeiten. Auch hier sind es nur wenige, die davon profitieren.
In den Vereinen vor Ort sieht das völlig anders aus. Öffentliche Gelder der Kommunen und Länder fließen eher spärlich; in Zeiten knapper Kassen wird hier besonders schnell der Rotstift angesetzt. Ich kann hier nur an alle Verantwortlichen mit Nachdruck appellie-ren, sich sehr genau die Folgen zu überlegen, wenn die Mittel im Jugend- und Sportbereich gekürzt werden und der Sport - eine der wichtigsten und sinnvollsten Freizeitbeschäftigungen - ausfällt oder an Bedeutung verliert. Die gesellschaftlichen Folgekosten müßten dann alle tragen. Unverhältnismäßige Kürzungen im Sportbereich oder überzogene Nutzungsgebühren für Sportstätten führen zu Entmutigung in den Vereinen, deren Kinder- und Jugendarbeit
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überwiegend ehrenamtlich geleistet wird. Ohne den Idealismus und das selbstlose Engagement der zweieinhalb Millionen ehren-amtlich tätigen Menschen in deutschen Sportvereinen wäre das Vereinsleben in Deutschland um vieles ärmer. Es gäbe keinen Breitensport und keine Talentförderung bei Kindern und Jugendli-chen, wie wir sie kennen. Wir müssen alles daran setzen, damit dieses vorbildliche, freiwillige Engagement erhalten bleibt. Dies war auch ein Beweggrund für mich, die Schirmherrschaft über die Kampagne des DSB "Sportvereine. Für alle ein Gewinn" zu über-nehmen.
Ich bin überzeugt, unsere Athletinnen und Athleten werden - wie 1992 in Barcelona und 1994 in Lillehammer - auch im kommenden Jahr in Atlanta unser Land erfolgreich vertreten. Meine besten Wünsche begleiten auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Paralympics in Atlanta. Ich finde es hervorragend, daß behin-derte Sportlerinnen und Sportler mit den Paralympics ein hochklas-siges Sportfest feiern können, das sich zunehmender Beliebtheit und wachsender öffentlicher Aufmerksamkeit erfreut. Eine noch stärkere Integration behinderter Sportler in unser Vereinsleben, aber auch in die Fördermechanismen des Hochleistungssports soll-te unser aller Anliegen sein.
Die Bundesregierung wird auch künftig den Sport unterstützen und seinen Verbänden ein verläßlicher Partner sein. Für die Erfüllung der umfassenden Aufgaben des Sports tragen aber neben Ländern und Gemeinden auch Wirtschaft und Medien Verantwortung. Ich richte von dieser Stelle aus an Unternehmer und Manager, an die Repräsentanten von Verbänden und wichtigen Gruppen unserer Gesellschaft die herzliche Bitte und den Appell, die Stiftung Deut-sche Sporthilfe in ihren vielfältigen und wichtigen Aufgaben nach-haltig zu unterstützen und zu fördern.
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Umgang mit Akten
Das Monatsmagazin „Der Sportjournalist“, herausgegeben vom Verband Deutscher Sportjournalisten e.V. publiziert seit längerem zeitgeschichtliche Untersuchungen, deren Zustandekommen in Nummer 6/95 begründet wurde: „Manfred von Richthofen, der Prä-sident des Deutschen Sportbundes, hat im vergangenen Jahr den VDJ Ehrenpräsidenten Günter Weise gebeten, Einsicht in die Ak-ten der Gauck-Behörde zu nehmen. Die Genehmigung dazu wurde offiziell für Veröffentlichungen in ‘Sport in Berlin’ beantragt, der Monats-Zeitschrift des Landessportbundes Berlin... Der Lan-dessportbund gab sein Einverständnis zum Abdruck in Auszügen in ‘Der Sportjournalist’“.
Autor Weise dürfte mit Vorbedacht für diese Aufgabe ausgewählt worden sein. Er betrieb auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges - weil ohne richtigen Sportjournalistenjob - eine Privatagentur, die Horrornachrichten aus der DDR verbreitete. Als die Agentur den Brand in einem Ostberliner U-Bahnhof als Folge eines unterirdi-schen Fluchtversuchs DDR-Jugendlicher mit einer gekaperten U-Bahn deutete, fielen sogar seriöse Zeitungen darauf herein.
Wie Weise solcher Tradition treu bleibend heute sein Gauck-Monopol nützt, soll an einem Beispiel demonstriert werden.
Originaltext Weise: „Im Überwachungssystem der DDR gehörte es zu den Selbstverständlichkeiten, allen Journalisten mit größter Sekpsis zu begegnen. Das galt nicht nur für Angehörige aus dem ‘nicht-sozialistischen’ Ausland. Auch Journalisten des eigenen Landes wurden mit kriminalistischer Schärfe beobachtet... Beim Buhlen um internationale Anerkennung hatte sich die DDR 1967 um den Kongreß der AIPS (Internationale Sportjournalisten-föderation. A.d.A.) beworben. Dafür nahm sie die Unbequemlich-keit in Kauf, einer Hundertschaft ausländischer Sportjournalisten die Einreise nach Ost-Berlin gewähren zu müssen. Ein Dorn im Auge der Organisatoren war der Vertreter der Bundesrepublik, ausgerechnet der Westberliner Günter Weise... Allen Ernstes ver-langte man von mir den ständigen Aufenthalt während der fünf Kongreßtage im Ost-Berliner ‘Sport-Hotel’, um die tägliche Ein- und Ausreise im eigenen PKW zu verhindern. Erst ein Machtwort des französischen AIPS-Präsidenten Felix Levitan schuf Abhilfe... Aus
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den Akten der Staatssicherheitsdienstes geht hervor, daß dieser Kongreß nach einer Entscheidung Manfred Ewalds allein vom Turn-und Sportbund finanziert wurde. Nach Abstimmung mit dem Zentralkomitee der DDR sollte der DTSB jedoch ‘offiziell nicht in Erscheinung treten.’“
Ich arrangierte damals den Kongreß - gemeinsam mit Hans-Heinrich Lehmann vom LPD-“Morgen“ und Walburga Dietrich von der DTSB-Pressestelle - und hat demzufolge wenig Mühe, die Qualität der in höchstem Richthofen-Auftrag von Weise ausgewer-teten Akten im nachhinein zu beurteilen. Zum Beispiel: Ein „Zent-ralkomitee der DDR“ gab es nirgends. Daß Weise täglich nach Hause fuhr, hat den damaligen AIPS-Präsidenten in keiner Weise interessiert. Es gehörte für uns Organisatoren nicht viel Phantasie dazu, die tägliche An- und Abfahrt schon bei der Nominierung Wei-ses in Rechnung zu stellen. Allerdings bedurfte es in anderer Hin-sicht eines Machtwortes von Levitan, das Weise in den Akten of-fensichtlich nicht gefunden hat. Schlampige Arbeit bei Weise oder beim MfS? Auf der Tagesordnung des Kongresses stand ein Auf-nahmeantrag Südvietnams und der - das verhehle ich nicht - störte uns. Also flog ich nach Paris und erörterte das Problem mit Levitan. Die Nordvietnamesen könnten eine solche Anerkennung ausge-rechnet in Berlin-Ost als Affront betrachten. Levitan dachte darüber nach und sprach dann sein Machtwort: Der Antrag wird auf 1968 verschoben.
Wenn Levitan sich überhaupt mit Weise befaßte, dann geschah das am Ende des vor dem Pergamon-Altar eröffneten Kongresses. Traditionell wurden die AIPS-Kongresse mit Danktelegrammen an die Staatsoberhäupter der Länder beendet, in denen der Kongreß stattgefunden hatte. Levitan wußte als erfahrener Journalist sehr gut, daß ein solches Telegramm der AIPS in der Regel Publicity verschaffte. In diesem Fall aber war zu befürchten, daß Weise we-gen eines Telegramms an den Staatsratvorsitzenden Walter Ul-bricht intervenieren würde. Man rechnete damit, daß er schon vor dem Ausklang des Kongresses im Ratskeller bei Levitan vorstellig würde. Aber er tat es nicht, sondern stimmte dem Dank an den Staatsratvorsitzenden Walter Ulbricht zu.
Kein Wort darüber in den Akten?
Nach diesem Auftaktreport von Weise stürzte sich „Der Sportjour-nalist“ mit beiden Fäusten ins Getümmel. Willi Ph. Knecht wurden
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zwei volle Seiten eingeräumt. Man sollte dankbar dafür sein. Der Ex-Rias-Abteilungsleiter hatte kurz zuvor in seiner wöchentlichen Kolumne in der „Sächsischen Zeitung“ das Thema „Stasi-Akten“ behandelt, die Beachtung einer von Hanna-Renate Laurin empfoh-lenen moderaten „Trennlinie“ bei der Beurteilung von Gauck-Papieren empfohlen und mit dem Satz geendet: „Von den Kopfjä-gern gewisser Massenmedien darf dies freilich nicht erwartet wer-den.“ In „Der Sportjournalist“ betätigte sich Knecht dann selbst als „Kopfjäger“. So versicherte er, daß er bei „Gesprächen mit Manfred Ewald, Günther Henze (gemeint ist vielleicht Günter Heinze. A.d.A.), dem widerlichen Agitpropchef Alfred Heil, Wolfgang Gitter, Klaus Huhn, Dieter Wales und Konsorten“ sehr vorsichtig gewesen sei und auch „Richtmikrofone, mit denen die Fensterscheiben akustisch abgetastet wurden“ bedachte.
Doch die Kopfjagd trug ihm wenig Lorbeer ein. In der nächsten Nummer von „Der Sportjournalist“ meldete sich Karl-Adolf Scherer aus Erzhausen zu Wort: Da Knecht „einige Namen nennt, muß die Frage gestellt werden, wo derjenige seines engsten Mitarbeiters im NOK-Report, der Name von Volker Kluge bleibt?“ Der Frage folg-ten die üblichen Details über die angebliche Stasi-Zuarbeit des Be-treffenden. Ein Anno Hecker aus Frankfurt (Main) warf Knecht ebenfalls vor, daß er die Stasi-Akte Kluges „verstecken“ wollte.
Knecht titelte seine Antwort mit „Wenn Neid zu Haß verkommt“ und ließ wissen, daß er am 22. 12. 1995 seinen Rechtsanwalt zur „Prü-fung privatrechtlicher Konsequenzen“ aufgefordert habe. Nun wird es endgültig ernst mit der Debatte um die Stasi-Akten. Gerichtsak-ten sind zu erwarten, und es erhebt sich die Frage, wen DSB-Präsident Manfred von Richthofen mit deren Auswertung beauf-tragt?
Klaus Huhn

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Beiträge zur Sportgeschichte
Heft 3 / 1996
INHALT:
100 Jahre Olympia - Gegen die „Geldmaschinen“
Germanos, Erzbischof von Ilia 5
Olympischer Geist wo bist du?
George Kosmopoulos 6
ZITATE 8
Nach den Spielen von Atlanta
ERGEBNISSE
Athen 1896 - Atlanta 1996 9
Atlanta und der deutsche Sport
Helmut Horatschke 35
Die geteilte Gemeinsamkeit der Deutschen
Karl Adolf Scherer 39
DISSERTATION
Empirisch-theoretische Studie zu entwicklungsbestimmenden Bedingungen des Leistungssports der DDR. (Auszüge Teil II)
Karsten Schumann/Rezension Heinz Schwidtmann 41
DOKUMENTATION
Ein neues Kapitel zum Thema Doping 64
Interview mit Peter Udelhoven 69
Briefwechsel des IOC-Mitglieds Pieter Wilhelmus Scharroo 72
REZENSIONEN
Interessant, informativ, widersprüchlich 74
Gerhard Oehmigen
Atlanta - ein wenig verzerrt 76
Klaus Huhn
Bemerkenswerte Erinnerung an 1936 77
Hans Simon
Beeindruckend - Gegenolympiade der Kunst 1936 82
Margot Budzisch
JAHRESTAG
2
Vor 200 Jahren - Erste pädagogisch begründete Spielsammlung
Johann Christoph Friedrich GutsMuths 85
Ein Kapitel Breitensport
Otto Jahnke 88
DISKUSSION
Antwort an sächsischen Minister
Günter Schneider 94
Bemerkungen zu einem Diem-Plädoyer
Klaus Huhn 97
GEDENKEN
Hajo Bernett
Günther Wonneberger 110
DIE AUTOREN
3
MARGOT BUDZISCH, Dr. sc. paed., geboren 1935, Prof. für Theorie der Körperkultur 1977 bis 1994 an der HumboldtUniversität zu Berlin.
GERMANOS, geboren 1935, Metropolit, Erzbischof der Provinz
Ilia, Griechenland.
JOHANN CHRISTOH FRIEDRICH GUTSMUTHS, 1759 bis 1839, letzter bedeutender Vertreter der philanthropischen Erziehungsbewegung.
HELMUT HORATSCHKE, geboren 1928, Dipl.-Sportlehrer.
KLAUS HUHN, Dr. paed., geboren 1928, Sportjournalist und
Sporthistoriker, Mitglied der DVS.
OTTO JAHNKE, geboren 1924, Redakteur des"Deutschen Sportecho" 1952 bis 1986.
GEORGE KOSMOPOULOS, geboren 1939, Rechtsanwalt, Mitglied des Vorstandes der Internationalen Olympischen Akademie.
GERHARD OEHMIGEN, Dr. sc. paed., geboren 1934, Prof. für Geschichte des Sports 1981 bis 1991 am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) Leipzig,
PIETER WILHELMUS SCHARROO, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 1924 bis 1957, Executivmitglied des IOC 1946 bis 1953.
KARL ADOLF SCHERER, geboren 1929, Sportjournalist.
GÜNTER SCHNEIDER, geboren 1924, Mitglied des Executivkomitees der Europäischen Union der Fußballverbände (UEFA) 1978 bis 1991, Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes (DFV) 1976 bis 1982, 1989 bis 1990, Vizepräsident des DFV 1961 bis 1968, Generalsekretär des DFV 1968 bis 1976.
KARSTEN SCHUMANN, Dr. paed., geboren 1963, Absolvent der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) Leipzig.
HEINZ SCHWIDTMANN, Dr. paed. habil., geboren 1926, Prof. für
Sportpädagogik 1970 bis 1990 an der Deutschen Hochschule für
Körperkultur (DHFK) und dem Forschungsinstitut für Körperkultur
und Sport (FKS) Leipzig, Rektor der DHFK 1963 bis 1965, Präsident des Deutschen Boxverbandes (DBV) 1974 bis 1990.
HANS SIMON, Dr. sc. paed., geboren 1928, Hochschullehrer für Sportgeschichte 1951 bis 1990 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) Leipzig, Mitglied der DVS.
4
LOTHAR SKORNING, Dr. paed., geboren 1925, Hochschullehrer für Geschichte der Körperkultur 1969 bis 1991 an der Humboldt-Universität zu Berlin.
PETER UDELHOVEN, Chefredakteur der "Therapiewoche".
GÜNTHER WONNEBERGER, Dr. phil., geboren 1926, Prof. für Geschichte der Körperkultur 1967 bis 1991 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) Leipzig, Rektor der DHFK 1967 bis 1972, Präsident des International Committee for History of Sport and Physical Education (ICOSH) 1971 bis 1983, Mitglied der DVS.
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Gegen die „Geld-Maschinen“
Das erste Jahrhundert Olympischer Spiele ging in Atlanta zu Ende. Wir widmen diesem Ereignis Texte und Zahlen. Die Beiträge stammen aus Griechenland, der Heimat der Spiele, Zitate aus Atlanta und die Ergebniszahlen erinnern an die Besten von 1896 und 1996.
Erklärung des Erzbischofs von Ilia, Germanos, anläßlich der
Entzündung des Olympischen Feuers am 30. März 1996
Als Erzbischof der Provinz Ilia, grüße ich alle, die im Hain des antiken Olympia zusammengekommen sind, um die symbolische Zeremonie der Entzündung des Feuers zu erleben, bevor es seinen Weg in die westliche Hemisphäre nimmt, in die Stadt, die einen antiken griechischen Namen trägt - Atlanta.
Olympia ist eine einzigartige Stätte. Der Schauplatz, an dem Jahrhunderte hindurch Olympische Spiele ausgetragen wurden, einzig und allein um faire Wettkämpfe zwischen den Athleten rivalisierender griechischer Städte auszutragen - Staaten, die während eines verabredeten Zeitraums Frieden bewahrten. Die Olympischen Spiele verkörperten den fundamentalen Ausdruck einer religiösen Pflicht gegenüber der moralischen und geistigen Förderung des Humanismus.
Ich möchte Ihnen einige meiner Gedanken als eine Geste guten Willens und der Liebe mitteilen. Ich bin überzeugt, daß die grundlegende religiöse Natur der antiken Spiele nicht im Widerspruch zu christlichen Tugenden stand, sondern sie ergänzte. Dazu zählten Humanismus, die Verwirklichung weltweiten Friedens und die harmonische Koexistenz der Menschen der Welt ohne rassische oder andere Diskriminierung.
Es ist bekannt, daß die Olympischen Spiele, bevor sie verboten wurden, degenerierten und die ursprünglichen Ideale verloren. Deshalb soll das Entzünden der olympischen Flamme seinen religiösen Inhalt behalten, denn der Weg der Fackel könnte Gedanken und Aktionen des Humanismus erhellen. Sie sollte die trennenden Mauern sozialer Ausgeschlossenheit, entstanden durch Diskriminierung und Ignoranz, erhellen und uns alle an den
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blutigen Abstieg der Menschen dieser Welt erinnern. Außerdem sollte das Feuer die Wahrheit über die menschlichen Wesen enthüllen - sie sind nicht nur Produzenten und Verbraucher von Gütern, sondern eher integrierte Gesamtheit von Körper und Geist, die vorwärtsstreben nach Vervollkommnung.
Die Organisatoren der Olympischen Spiele haben die Pflicht, die wirklichen Ziele und Absichten wiederherzustellen, die auf geistigem Gebiet liegen und nicht auf finanziellem, auf kulturellem und nicht kommerziellem, eine Gelegenheit, die weltweite Verständigung zu fördern und nicht den Nationalismus der Reichsten und Stärksten. Das sollte ihre unerläßliche Bedingung sein, ehe es zu spät ist.
Die teilnehmenden Athleten sollen wissen, daß sie auf redliche Weise geehrt werden, wenn sie aufrichtig an den Spielen teilnehmen. Sie sollten Vorbilder sein und sich nicht für den leichteren Schritt im Leben entscheiden, nämlich „Geldmaschinen“ zu sein oder Werkzeuge des Kommerz. Dann würden sie nicht Sklaven sein, sondern freie Menschen.
Im Auftrag der Erzdiözese der Provinz von Ilia grüße ich Sie nochmals und wünsche den Spielen des Jahres 1996 einen geistigen und athletischen Erfolg.
Olympischer Geist wo bist du?
Von George Kosmopoulos, Mitglied des Vorstandes der
Internationalen Olympischen Akademie
Die Spiele von Atlanta etablierten die Vergötterung der Kommerzialisierung des modernen Sports. Alles - bis hin zu den Prinzipien - wurde dem Geld geopfert. Wir kennen die aktuelle Situation im internationalen Sport, waren auch Zeugen vieler Ereignisse und wissen um viele unzulässige Verhaltensweisen von Athleten - womit ich Korruption, Doping und Gewalt meine - um behaupten zu können: bei allen unterschiedlichen Ansichten und Meinungen kennt die Gegenwart nur noch einen sportlichen Sieg - den, der Geld bringt.
So stellt sich die Frage: Hat die Realität der Gegenwart noch irgendeine Beziehung zu den Grundlagen körperlicher Übungen
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der Menschen und darüber hinaus zum Sport? Die Antwort lautet natürlich: Nein!
Bei den antiken Spielen hatten die Wettbewerbe eine intensive geistige Bedeutung, die weit hinausging über das Ziel körperlicher Verwirklichung und die der bestimmende Faktor jeder olympischen Manifestation war. Das gut bekannte Motto „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ war keine simple Redensart, sondern eine generelle Überzeugung und Maßstab für jegliche Aktivität.
Ich weiß, daß die Zeiten sich geändert haben und die Anforderungen des Lebens andere geworden sind, aber jetzt - ich kann nicht anders, als das mit Betroffenheit zu beobachten - nehmen die Dinge ihren Lauf. Selbst, wenn wir uns damit abfinden, daß Sportler ein „Beruf“ geworden ist, möchten wir wenigstens, daß es ein fairer Beruf sein soll. Ein ungesunder Geist ebnet den Weg zum ungesunden Körper, was nichts anderes bedeutet, als daß sich die Jugend mit großen Gefahren konfrontiert sieht.
Trotzdem ist das Problem nicht unlösbar. Ich gestatte mir als erstes darauf hinzuweisen, daß mit der Internationalen Olympischen Akademie ein Zentrum des modernen Olympismus existiert. Sie will eine Brücke sein zwischen den olympischen Ideen und ihren Herausforderungen, den Notwendigkeiten und der Entwicklung der Menschen in unserer Zeit. Diese Akademie hat eine enorme Arbeit geleistet, die man an ihrer internationalen Anerkennung ablesen kann. Wir wollen und müssen die Bemühungen dieser Akademie vervielfachen und stärken, denn bislang reichten sie nicht aus.
Ich persönlich glaube, daß es unumgänglich ist, olympische Erziehung als ein Fach an allen Schulen einzuführen. Die Jugend sollte die wahre olympische Geschichte kennenlernen und die olympischen Prinzipien, die später für ihre Entwicklung von Bedeutung sein könnten, und zwar nicht nur, wenn sie aktiv Sport treiben. Wenn wir von besseren Generationen träumen, wäre es ein nützlicher Weg, ihnen die olympische Ideologie zu vermitteln, die vielleicht besser als manch andere Erziehung zur Erziehung eines gesunden Charakters beitragen könnte. Statt all die unerfreulichen Dinge des Sports zu beklagen, ist es Zeit, aktiver zu werden, einiges zu tun, um die Situation zu ändern.
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Zitate nach Atlanta
„In Atlanta mußten sie auf jedem Quadratmeter Geld machen. Ich mag diese Form von Vergnügungsparks nicht. Das ist nicht akzeptabel.“
Guy Drut (Frankreich); Sportminister, 110-m-Hürdenolympiasieger 1976
„Unsere Vorstellungen von einer sogenannten Corporate identity, vom einheitlichen Erscheinunungsbild einer olympischen Stadt wie in Lilliehammer oder Barcelona, die sind hier bitter konterkariert worden.“
Thomas Bach (Deutschland) IOC-Mitglied, Fecht-Olympiasieger 1976
„Eine Menge der IOC-Mitglieder kommen aus ehemals sozialistischen Ländern. Ein Leben lang haben sie geglaubt, daß freies Unternehmertum gierig und selbstsüchtig macht. Aber nur freie Unternehmer können Chancen und Jobs kreieren und damit Olympia erst möglich machen.“
Andrew Young (USA); Ex-Bürgermeister von Atlanta und UNO-Botschafter
„IOC-Präsident Samaranch, ein ehemaliger Funktionär des Diktators Franco, beleidigte mit seinem Urteil eine Stadt, die ihr Herz der Olympischen Bewegung geopfert hat. In alten Tagen hätten wir ihn geteert und gefedert.“
„Atlanta Constitution“; in Atlanta erscheinende Zeitung
„Wenn es euch hier nicht gefällt, dann fahrt doch nach Hause!“
Atlantas Lokalsender Kicks 101,5
„Ohne Zweifel, die kitschigsten und am intensivsten vom Kommerz bestimmten Spiele.“
Miami Herald (USA)
9
ATHEN 1896
(6.-15. April)
Nach offiziellen Angaben 311 Teilnehmer (keine Frau) aus 13 Ländern am Start. Historiker neigen jedoch dazu, die Zahl mit cirka 245 anzugeben. Offiziell wurden nur den Siegern Silbermedaillen überreicht.
FECHTEN
Florett - Einzel
S: Eugène-Henri Gravelotte (FRA)
2. Henri Callot (FRA)
3. Pierrakos-Mavromichalis (GRE)
4.Poulos (GRE); Vouros (GRE); Komni-nos-Miliotis (GRE)
Florett - Fechtmeister (Profis)
S: Leonidas Pyrgos, (GRE)
2. Jean Perronnet (FRA)
Säbel - Einzel
S: Ioannis Georgiadis (GRE)
2. Telemachos Karakalos (GRE)
3. Holger Nielsen (DEN)
4. Schmal (AUT); 5.latridis (GRE)
GEWICHTHEBEN
Einarmig
S: Launceston Elliott, (GBR) 71,0 kg
2. Viggo Jensen (DEN) 57,2
3. Alexandros Nikolopoulos (GRE) 57,2
Beidarmig
S: Viggo Jensen, (DEN) 111,5 kg
2. Launceston Elliott, (GBR) 111,5
3. Sotirios Versis (GRE) 100,0; Schuhmann (GER) 100,0; 4. Tapavicza (HUN)
LEICHTATHLETIK
100 m
S: Thomas Burke (USA) 12,0s
2. Fritz Hofmann (GER) 12,2
3. Alajos Szokolyi (HUN)12,6
4. Lane (USA)12,6 s; 5. Chalkokondylis (GRE) 12,6
400 m
S: Thomas Burke (USA) 54,2 s
2. Herbert Jamison (USA) 55,2
3. Fritz Hofmann (GER) 55,6
4. Gmelin (GBR) 55,6
800 m
S: Edwin Flack (AUS)2:11,0 min
2. Nandor Dani (HUN) 2:11,8
3. Dimitrios Golemis, (GRE) 2:28,0
1500 m
S: Edwin Flack (AUS) 4:33,2 min
2. Arthur Blake (USA) 4:34,0
3. Albin Lermusiaux, (FRA) 4:36,0
4. Galle (GER) 4:39,0; 5. Phetsis (GRE); 6. Golemis (GRE)
Marathon (40 km)
S: Spiridon Louis (GRE) 2:58:50,0 h
2. Charilaos Vasilakos (GRE) 3:06:03,0
3. Gyula Kellner, (HUN) 3:09:35,0
4.Vrettos, (GRE); 5. Papasymeon, (GRE); 6.Deligiannis (GRE)
100 m Hürden
S: Thomas Curtis (USA) 17,6 s
2. Grantley Goulding (GBR) 18,0
Hochsprung
S: Ellery Clark (USA) 1,81 m
2. James Connolly (USA) 1,65
3. Robert Garrett, (USA) 1,65
4. Hofmann (GER) 1,625; Sjöberg, (SWE) 1,625
Weitsprung
S: Ellery Clark (USA) 6,35 m
2. Robert Garrett (USA) 6,18
3. James Connolly (USA) 6,11
4.Tuffère (FRA) 5,98; 5.Grisel (FRA) 5,83; 6. Chalkokondylis (GRE) 5,74
Stabhochsprung
S: William Hoyt (USA) 3,30 m
2. Albert Tyler (USA) 3,25
3. Angelos Damaskos (GRE) 2,75
4. Theodoropoulos (GRE) 2,72; 5. Xydas (GRE) 2,50
Dreisprung
S: James Connolly (USA)13,71 m
2. Alexandre Tuffère (FRA) 12,70
3. loannis Persakis (GRE) 12,52
4. Szokolyi (HUN) 12,30; 5. Zoumis (GRE) 6. Cholkokondylis (GRE)
Kugelstoßen
S: Robert Garrett (USA) 11,22 m
2. Miltiadis Gouskos (GRE) 11,20
3. Georgios Papasideris (GRE) 10,36
4. Robertson (GBR),9,95; 5.Adler (FRA)
5. Versis (GRE)
Diskuswerfen
S: Robert Garett (USA) 29,15 m
2. P. Paroskevopoulos (GRE) 28,95
3. Sotirios Versis (GRE) 28,78
4. Adler (FRA); 5. Papasideris (GRE) 6. Robertson (GBR)
RINGEN
S: Carl Schuhmann (GER) 2 Siege
2. Georgios Tsitas (GRE) 1Sieg
3. St. Christopoulos (GRE) 1Sieg
4.Elliott (GBR);5.Tapavicza(HUN)
10
RADFAHREN
Fliegerrennen - 3331/3 m
S: Paul Masson (FRA)
2. Stamatios Nikolopoulos (GRE)
3. Adolf Schmal (AUT)
2000 m
S: Paul Masson (FRA) 4:58, 2 min
2. Stamatios Nikolopoulos (GRE)
3. Léon Flameng (FRA)
4. Joseph Rosemayer (GER)
10 km
S: Paul Masson (FRA) 17:54, 2 min
2. Léon Flameng (FRA) 17:54,2
3. Adolf Schmal (AUT)
4. Joseph Rosemeyer (GER)
100 km
S: Léon Flameng, (FRA) 3:08:19,2
2. Georgios Kolettis (GRE) 2000 m zur.
Ausgeschieden: Rosemayer; Weizenbacher; Knübel (alle GER)
12 Stunden
S: Adolf Schmal (AUT) 314,997 km
2. F. Keeping (GBR) 314,664
3. Georgios Paraskevopoulos (GRE) 313,330
Ausgeschieden: Knübel, Bernhard (alle GER)
Marathon-Straßenradrennen (87 km)
S: Aristidis Konstantinidis (GRE)
3:22:31,0 h
2. August Goedrich (GER) 3:42:18,0
3. Frederick Battel (GBR)
4. Konstantinou; 5. Aspiotis; 6.latrou (alle GRE)
SCHIESSEN
Militärgewehr - 200 m
S: Pantelis Karasevdas (GRE) 2320 P
2. Paulos Pavlidis (GRE) 1978
3. Nicolaos Tricoupis (GRE) 1718 .
4. Metaxas (GRE); 5. Orphanidis (GRE) 6. Jensen (DEN) 40 P.
Militärgewehr - 300 m
S: Georgios Orphanidis (GRE) 1583 P
2. Ioannis Phrangoudis (GRE) 1312
3. Viggo Jensen (DEN) 1305
4. Metaxas (GRE)
Pistole - 25 m
S: Ioannis Phrangoudis (GRE) 344 P
2. Georgios Orphanidis (GRE) 249
3. Holger Nielsen (DEN)
Dienstrevolver - 25 m
S: John Paine (USA) 442 P
2. Sumner Paine (USA) 380
3. Nikolaos Morakis (GRE) 205
Revolver - 30 m
S: Sumner Paine (USA) 442 P
2. \/iggo Jensen (DEN) 285
3. Holger Nielsen (DEN)
4. Morakis, (GRE); 5.Phrangoudis (GRE)
SCHWIMMEN
100 m Freistil
S: Alfréd Hajós (HUN) 1:22,2 min
2. Efstathios Chorophas (GRE) 1:23,0
3. Otto Herschmann (AUT)
4. Anninos (GRE); 5. Williams (USA);
6. Chrysaphos (GRE)
500 m Freistil
S: Paul Neumann (AUT) 8:12,6 min
2. Antonios Pepanos (GRE) 30 m z.
3. Efstathios Chorophas (GRE)
1200 m Freistil
S: Alfred Hajòs (HUN) 18:22,2 min
2. Ioannis Andreou (GRE) 21:03,4
3. Efstathios Choraphas, (GRE)
4. Gardner Williams (USA)
100-m-Matrosenschwimmen
S: loannis Malonikis (GRE) 2:20,4
2. Spiridon Chasapis (GRE)
3. Dimitrios Drivas (GRE)
TENNIS
Herreneinzel
S: John Pius Boland (GBR/IRL)
2. Demis Kasdaglis (GRE)
Herrendoppel
S: GBR/GER (John Pius Boland; Friedrich Adolph Traun)
2. GRE (Demis Kasdaglis; Demetrios Petrokokkinos)
TURNEN
Barren - Einzel
S: Alfred Flatow (GER)
2. Louis Zutter (SUI)
3. Hermann Weingärtner (GER)
Barren - Mannschaft
S: GER(Fritz Hofmann; Conrad Böcker; Alfred Flatow; Gustav Felix Flatow; Georg Hilmar; Fritz Manteuffel; Karl Neukirch; Richard Röstel; Gustav Schuft; Carl Schuhmann; Hermann Weingärtner)
2. GRE (Sotirios Athanasopoulos;
Nicolaos Andriakopoulos; Petros Persakis; Thomas Xenakis;... )
3. GRE (loannis Chrysaphis; loannis Mitropoulos: Dimitrios Loundras; Phillippos Karvelas;...)
Reck - Einzel
S: Hermann Weingärtner (GER)
2. Alfred Flatow (GER)
3. Giorgios Petmezas (GRE)
11
Reck - Mannschaft
S: GER (Fritz Hofmann; Conrad Böcker; Alfred Flatow; Gustav Felix Flatow; Georg Hilmar; Fritz Manteuffel; Karl Neukirch; Richard Röstel; Gustav Schuft; Carl Schuhmann; Hermann Weingärtner)
Seitpferd
S: Louis Zutter (SUI)
2. Hermann Weingärtner (GER)
3. Gyula Kakas (HUN)
4. Petmezas (GRE); 5. Champov (BUL)
Ringe
S: loannis Mitropoulos (GRE)
2. Hermann Weingärtner (GER)
3. Petros Persakis (GRE)
Pferdsprung
S: Carl Schuhmann (GER)
2. Louis Zutter (SUI)
Hangeln
S: Nicolaos Andriakopoulos (GRE) 23,4s
2. Thomas Xenakis (GRE)
3. Fritz Hofmann (GER)
4. Viggo Jensen (DEN)
5. Launceston Elliott (GBR
Teilnehmende Länder
Australien (AUS), Bulgarien (BUL), Chile (CHI), Griechenland (GRE), Dänemark (DEN) Deutschland (GER), Frankreich (FRA), Großbritannien (GBR), Italien (ITA), Österreich (AUT), Ungarn (HUN), USA, Schweden (SWE), Schweiz (SUI),
Die Verteilung der Medaillen
S
2.
3.
USA
11
6
2
GRE
10
9
17
GER
7
5
3
FRA
5
4
2
GBR
3
3
1
HUN
2
1
3
AUT
2
-
3
AUS
2
-
-
DEN
1
2
4
SUI
1
2
-
ATLANTA 1996
(24. Juli - 4. August)
10360 (6581 Männer - 3779 Frauen) Teilnehmer aus 197 Ländern
BADMINTON
Männer - Einzel
G: Poul-Erik Hoyer-Larsen (DEN)
S: Dong Jiong (CHN)
B: Rashid Sidek (MAL)
4. Arbi (INA); 5. Kusumi (INA); Lee Kwang Jin (SKR)... Ausgeschieden: Pongratz (GER)
Männer - Doppel
G: Rexy Mainaky/Ricky Subagja (INA)
S:Cheah Sonn-Kit/Yap Kim-Hock (MAL)
B:Antonius Ariantho/Denny Kantono (INA)
4.Beng-Kiang/Kim-Her (MAL); 5. Huang/ Jiang (CHN); Archer/ Hunt (GBR); Ausgeschieden: Helber/ Keck (GER)
Frauen - Einzel
G: Bang Soo-Hyun (SKR)
S: Mia Audina (INA)
B: Susi Susanti (INA)
4. Ji-Hyun (SKR); 5. Jingna (CHN); Martin (DEN); Yao Yan (CHN); Zhaoying (CHN)... Ausgeschieden: Wagner (GER)
Frauen - Doppel
G: Ge Fei/ Gu Jun (CHN)
S: Gil Young-Ah/Jang Hye-Ock (SKR)
B: Qin Yiyuan/Tang Yongshu (CHN)
4. Kirkegaard/ R.Olsen (DEN); 5. L. Olsen/Jörgensen(DEN); Thomsen/ Stuer-Lau-ridsen (DEN); Xinyong/Ying (CHN); Zelin/Elyza (INA);Ausgeschieden: Schmidt/Ubben (GER)
Mixed
G: Kim Dong-Moon/Gil Young-Ah (SKR)
S: Park Joo-Bong/ Ra Kyung-Min (SKR)
B: Liu Jianjun/Sun Man (CHN)
4. Xingdong/Xinyong (CHN); 5. Heryanto/Timur (INA); Flandy/Riseu (INA) Xiaoqiang/Xiaoyuan (CHN); Sogaard/ R. Olsen (DEN); Ausgeschieden: Keck/ Stechmann (GER)
BASEBALL
G: G: CUB
· S: JPN
(D B: USA
4. NCA; 5. ITA; 6. AUS
BASKETBALL
MÄNNER
G: USA
S: YUG
B: LTU
4. AUS; 5. GRE; 6. BRA
FRAUEN
G: USA
S: BRA
B:AUS
4. UKR; 5.RUS; 6. CUB
BEACHVOLLEYBALL
MÄNNER
G: Kirch Kiraly/Kent Steffes (USA)
12
S: Mike Dodd/Todd Whitmarsh (USA)
B: John Child/Mark Heese (CAN)
4. Barbosa/Pereira (POR); 5. Smith/ Henkel (USA); Jimenez/Bosma (ESP)... 11. Ahmann/ Hager (GER)
FRAUEN
G: Jackie Silva/Sandra Pires (BRA)
S: Monica Rodrigues/Adriana Samuel Ramos (BRA)
B: Nathalie Cook/ Karri-Ann Pottharst (AUS)
4. Fontana/ Hanley (USA); 5. Reno/ McPeak (USA); Fujita/Takahashi (JPN); ...7. Bühler/ Müsch (GER)
BOGENSCHIESSEN
Männer - Einzel
G: Justin Hulsh (USA)
S: Magnus Petersson (SWE)
B: Oh Kyo-Moon (SKR)
4.Vermeiren (BEL); 5. Kim Bo-Ram (SKR); 6. Frangilli (ITA)
Männer - Mannschaft
G: USA (Justin Huish; Richard Johnson; Rod White)
S: SKR (Jang Yong-Ho; Kim Bo-Ram; Oh Kyo-Moon)
B: ITA (Matteo Bisiani; Michele Frangilli; Andrea Parenti)
4. AUS; 5. SLO; 6. SWE
Frauen-Einzel
G: Kim Kyung-Wook (SKR)
S: He Ying (CHN)
B: Jelena Sadownycha (UKR)
4. Altinkaynak (TUR); 5. Jakuschewa (BLR); 6. Kim Jo-Sun (SKR)
Frauen- Mannschaft
G: SKR (Jo-Sun Kim; Yoon Hye-Young; Kim Kyung-Wook)
S: GER (Barbara Mensing; Cornelia Pfohl; Sandra Wagner)
B: POL (lwona Dzieciol; Katarzyna Klata; Joanna Nowicka)
4. TUR; 5. UKR; 6. CHN
BOXEN
Halbfliegengewicht (bis 48 kg)
G: Daniel Petrov (BUL)
S: Mansueto Velasco (PHI)
B: Oleg Kirjukin (UKR);
Rafael Lozano (ESP)
5. Somluck (THA); Todorov (BUL)
Fliegengewicht (bis 51 kg)
G: Maik Romero (CUB)
S: Bolat Schumadilow (KAZ)
B: Zoltan Lunka (GER)
Albert Pakejew (RUS)
5. Assous (ALG); Reyes (COL); Recaido (PHI); Kelly (IRL)
Bantamgewicht (bis 54 kg)
G: Istvan Kovacs (HUN)
S: Arnaldo Mesa (CUB)
B: Raimkul Malachbekow (RUS)
Vichai Khadpo (THA)
5. Bouaita (FRA); Jamgan (MGL);
Nafil (MAR); Olteanu (RUM)
Federgewicht (bis 57 kg)
G: Kamsing Somluck´(THA)
S: Serafim Todorow (BUL)
B: Floyd Mayweather (USA)
Pablo Chacon (ARG)
5. Huste (GER); Paljani (RUS); Nagy (HUN); Aragon (CUB)
Leichtgewicht (bis 60 kg)
G:Hocine Soltani (ALG)
S:Tontscho Tontchev (BUL)
B:Terrance Cauthen (USA)
Leonhard Doroftei (ROM)
5. Strange (CAN); Phongsit (THA); Eun-Chui Shin (SKR); Gogoladze (GEO)
Halbweltergewicht (bis 63,5 kg)
G: Hector Vinent (CUB)
S: Oktay Urkal (GER)
B: Fathi Missaouri (TUN)
Bolat Niazymbetow (KAZ)
5.Mouchi (FRA); Allalou (ALG); Sacharow (RUS); Moghimi (IRI)
Weltergewicht (bis 67 kg)
G: Oleg Saitow (RUS)
S: Juan Hernandez (CUB)
B: Marian Simion (ROM)
Daniel Santos (PUR)
5. Hasan (DEN); Smanow (KAZ); Chater (TUN); Atajew (UZB)
Halbmittelgewicht (bis 71 kg)
G: David Reid (USA)
S: Alfredo Duvergel (CUB)
B: Karim Tulaganow (UZB)
Ermukjan Ibraimow (KAZ)
5. Beyer (GER); Cadeau (SEY); Marmouri (TUN); Perugino (ITA)
Mittelgewicht (bis 75 kg)
G: Ariel Hernandez (CUB)
S: Malik Beyleroglu (TUR)
B: Mohamed Bahari (ALG)
Rhoshii Wells (USA)
5. Borowski (POL); Magee (IRL) Jarbekow (UZB); Lebsjak (RUS)
13
Halbschwergewicht (bis 81 kg)
G: Wassili Schirow (KAZ)
S: Seung-Bae Lee (SKR)
B: Thomas Ulrich (GER)
Antonio Tarver (USA)
5. Bispo (BRA); Flores (PUR); Ross (CAN); Drvis (CRO)
Schwergewicht ( bis 81 kg)
G: Felix Savon (CUB)
S: David Defiagbon (CAN)
B: Luan Krasniqi (GER)
Nate Jones (USA)
5. Tao Jiang (CHN); Mendy (FRA); Dyt-schkow (BLR); Kandelaki (GEO)
Superschwergewicht (über 91 kg)
G: Wladimir Klitschko (UKR)
S: Paea Wolfgram (TGA)
B: Alexej Lezin (RUS)
Duncan Dokiwari (NGA)
5. Monse (GER); Levin (SWE); Rubalcaba (CUB); Mamedow (AZE)
FECHTEN
MÄNNER
Florett - Einzel
G: Alessandro Puccini (ITA)
S: Lionel Plumenail (FRA)
B: Frank Boidin (FRA)
4. Wienand (GER); 5.Tucker (CUB); 6. Golubitzki (UKR)... 11. Römer... 22. Koch (alle GER)
Florett - Mannschaft
G: RUS (Wladislaw Pawlowitsch; Dimitri Tschewtschenko; Ilja Mamedow)
S: POL (Ryszard Sobczak; Adam Krzesinski; Jaroslaw Rodzewicz)
B: CUB (Elvis Gregory; Rolando Tukker; Oscar Garcia)
4. AUT; 5. HUN; 6. GER (Römer; Koch; Wienand)
Degen - Einzel
G: Alexander Beketow (RUS)
S: Ivan Trevejo (CUB)
B: Geza Imre (HUN)
4.Kovacs (HUN); 5. Cuomo (ITA); 6. Henry (FRA) ...8.Strzalka ...10. Schmitt... 16. Borrmann (alle GER)
Degen - Mannschaft
G: ITA (Sandro Cuomo; Angelo Mazzoni; Maurizio Randazzo)
S: RUS (Alexander Beketow; Pawel Kolobkow; Waleri Zacharewitsch)
B: FRA (Jean-Michel Henry; Robert Leroux; Eric Srecki)
4. GER (Schmitt; Borrmann;Strzalka); 5. EST; 6. HUN
Säbel - Einzel
G: Stanislaw Posdnjakow (RUS)
S: Sergej Scharikow (RUS)
B: Damien Touya (FRA)
4.Navarrete (HUN); 5.Becker (GER); 6. Gutsait (UKR) ...8. Wiesinger ... 21. Bleckmann (alle GER)
Säbel-Mannschaft
G: RUS (Stanislaw Posdnjakow;
Grigori Kirijenko; Sergei Scharikow)
S: HUN (Csaba Koves; Jozsef Navarrete; Bence Szabo)
B: ITA (Raffaello Caserta; Luigi Tarantino; Toni Terenzi)
4.POL; 5. FRA; 6. ES... 8. GER (Becker; Bleckmann; Wiesinger).
FRAUEN
Florett - Einzel
G: Laura Badea (ROM)
S: Valentina Vezzali (ITA)
B: Giovanna Trillini (ITA)
4. Modaine-Cessak (FRA); 5. Weber (GER); 6. Xiao (CHN)... 10. Fichtel-Mauritz... 12. Bau (GER).
Florett - Mannschaft
G: ITA (Francesea Bortolozzi; Giovanna Trillini; Valentina Vezzali)
S: ROM (Laura Badea; Reka Szabo; Roxana Scarlett)
B: GER (Anja Fichtel-Mauritz; Monika Weber; Sabine Bau)
4.HUN; 5. FRA; 6. RUS
Degen - Einzel
G: Laura Flessel (FRA)
S: Valerie Barlois (FRA)
B: Gyöngyi Szalay (HUN)
4. Zalaffi (ITA); 5. Nagy (HUN); 6. Hormay (HUN) ...9. Bokel ...12. Nass (alle GER)
Degen - Mannschaft
G: FRA (Laura Flessel; Sophie Moresee-Pichot; Valerie Barlois)
S: ITA (Laura Chiesa; Elisa Uga; Marghe-rita Zalaffi)
B: RUS (Maria Mazina; Julia Garajewa; Karina Aznawurian)
4.HUN; 5. EST; 6. CUB... 7. GER (Nass; Bokel; Ittner)
FUSSBALL
MÄNNER
G: NGR
S: ARG
B: BRA
14
4.POR
FRAUEN
G: USA
S: CHN
B: NOR
4.BRA; Ausgeschieden: GER
GEWICHTHEBEN
Fliegengewicht (bis 54 kg)
G: Halil Mutlu (TUR) 287,5 kg (132,5 WR/155,0)
S: Xiangsen Zhang (CHN) 280,0 (130,0/ 150,0)
B: Sewdalin Mintchev (BUL) 277,5 (125,0/152,5)
4. Lan (CHN) 275,0; 5. Ciharean (ROM) 265,0; 6. Ivanov (BUL) 257,5
Bantamgewicht (bis 59 kg)
G: Ningsheng Tang (CHN) 307,5/WR (137,5/170,0)
S: Leonidas Sabanis (GRE) 305,0 (137,5/167,5)
B: Nikolai Peschalow (BUL) 302,5 (137,5/165,0)
4. lkehata (JPN) 297,5; 5. Vargas (CUB) 297,5; 6. Xu (CHN) 295,0
Federgewicht (bis 64 kg)
G: Naim Suleymanoglu (TUR) 335,0 WR (147,5/187,5 WR)
S: Valerios Leonidas (GRE) 332,5 (145,0/187,5 WR)
B: Jiangang Xiao (CHN) 322,5 (145,0/177,5)
4. Tzelilis (GRE) 322,5; 5. Popa (HUN) 307,5; 6. Iliev (BUL) 305,0
Leichtgewicht (bis 70 kg)
G: Xugang Zhang (CHN) 357,5 WR (162,5 WR/195,0 WR)
S: Myong-Nam Kim (PRK) 345,0 (160,0/185,0)
B: Attila Feri (HUN) 340,0 (152,5/187,5)
4.Sheljaskov (BUL) 335,0; 5. Yahiaoui (ALG) 335,0; 6. Militosjan (ARM) 335,0)... 10. Behm (GER) 327,5 (147,5/180,0)
Mittelgewicht (bis 76 kg)
G: Pablo Lara (CUB) 367,5 kg (162,5/205,0)
S: Joto Jotov (BUL) 360,0 (160,0/200,0)
B: Chol Jon (SKR) 357,5 (162,5/195,0)
4.Mitrou (GRE) 357,5; 5. Lin (CHN) 352,5; 6. Steinhöfel (GER) 347,5 (160,0/ 187,5)... 10. Poitschke (GER) 335,0 (155,0/ 180,0)
Leichtschwergewicht (bis 83 kg)
G: Pyrros Dimas (GRE) 392,5 kg WR (1 80,0 WR/212,5)
S:Marc Huster (GER) 382,5 (170,0/212,5)
B: Andrzej Cofalik (POL) 372,5 (170,0/202,5)
4.Kounev (AUS) 370,0; 5.Vacarciuc (MDA) 367,5; 6. Schachojan (ARM) 365,0
Mittelschwergewicht (bis 91 kg)
G: Alexej Petrow (RUS) 402,5
(187,5 WR/215,0)
S: Leonidas Kokas (GRE) 390,0 (175,0/215,0)
B: Oliver Caruso (GER) 390,0 (175,0/215,0)
4. Bulut (TUR) 390,0; 5. Alexejew (RUS) 387,5; 6.Hernandez (CUB) 382,5
1. Schwergewicht (bis 99 kg)
G: Kachi Kachiaschwili (GRE) 420,0 WR (185,0/235,0/WR)
S: Anatoli Chrapati (KAZ) 410,0 (187,5/222,5)
B: Denis Gotfrid (UKR) 402,5 (187,5/215,0)
4. Ribaltschenko (UKR) 395,0; 5. Rubin (RUS) 390,0; 6. Smirnow (RUS) 390,0... 7. Sadykow (GER) 385,0 (177,5/207,5)
2. Schwergewicht ( bis 108 kg)
G:Timur Taimazow (UKR) 430,0 (195,0/ 236,0 WR)
B: Sergej Sirzow (RUS) 420,0 (195,0/ 225,0)
B: Nicu Vlad (ROM) 420,0 (197,5/222,5)
4. Jemeljanow (BLR) 407,5; 5. Cui (CHN) 405,0; 6. Barnett (USA) 395,0... 9. Kalinke 390,0... 11. Prochorow (alle GER) 390,0 (175,0/ 215,0)
Superschwergewicht (über 108 kg)
G: Andrej Schemerkin (RUS) 457,5 (197,5/260,0 WR)
S: Ronny Weller (GER) 455,0 (200,0/255,0 DR)
B: Stefan Botev (AUS) 450,0 (200,0/250,0)
4.Tae-Hyun (SKR) 437,5; 5.Kurlowitsch (BLR) 425,0; 6. Nerlinger (GER) 422,5 (185,0/237,5)
HANDBALL
Männer
G: CRO
S: SWE
B: ESP
4. FRA; 5. RUS; 6. EGY... 7. GER
FRAUEN
G: DEN
S: SKR
B: HUN
4. NOR; 5. CHN; 6. GER
HOCKEY
15
Männer
G: NED
S: ESP
B: AUS
4. GER; 5. SKR; 6. PAK
FRAUEN
G: AUS
S: SKR
B: NED
4. GBR; 5. USA; 6. GER
JUDO
Männer
Extraleichtgewicht (60 kg)
G: Tadahiro Nomura (JPN)
S: Girolamo Giovinazzo (ITA)
B: Richard Trautmann (GER)
Dorjpalam Narmandakh (MGL)
5.Ojegin (RUS); Bagirow (BLR)
Halbleichtgewicht (bis 65 kg)
G: Udo Quellmalz (GER)
S: Yukimasa Nakamura (JPN)
B: Henrique Guimaraes (BRA)
Israel Hernandez (CUB)
5.Laats (BEL); Csak (HUN)
Leichtgewicht (bis 71 kg)
G: Kenzo Nakamura (JPN)
S: Sung-Dae Kwak (SKR)
B: James Pedro (USA)
Christophe Gagliano (FRA)
5.Pereira (BRA); Boldbaatar (MGL)... 7. Schmidt (GER)
Halbmittelgewicht (bis 78 kg)
G:Djamel Bouras (FRA)
S:Toshlhiko Koga (JPN)
B: In Chul Cho (SKR)
Soso Liparteliani (GEO)
5. Dott (GER); Garcia (ARG)
Mittelgewicht (bis 86 kg)
G: Ki Young Jeon (SKR)
S: Armen Bagdasarow (UZB)
B: Marko Spittka (GER)
Mark Huizinga (NED)
5. Croitoru (ROM); Yoshida (JPN)
Halbschwergewicht (bis 95 kg)
G: Pawel Nastula (POL)
S: Min-Soo Kim (SKR)
B: Stephane Traineau (FRA)
Aurelio Miguel (BRA)
5.Sonnemans (NED) Kovacs (HUN)
Ausgeschieden: Knorrek (GER)
Schwergewicht (über 95 kg)
G: David Douillet (FRA)
S: Ernesto Perez (ESP)
B: Frank Möller (GER)
Harry van Barneveld (NED)
5.Ogawa (JPN); Shenggang (CHN)
FRAUEN
Extraleichtgewicht (48 kg)
G: Sun Kye (PRK)
S: Ryoko Tamura (JPN)
B: Amarilis Savon (CUB)
Yolanda Soler (ESP)
5. Souakri (ALG); Nichilo (FRA) Aus-geschieden: Perlberg (GER)
Halbleichtgewicht (bis 52 kg)
G: Marie-Claire Restoux (FRA)
S: Sook-Hee Hyun (SKR)
B: Legna Verdecia (CUB)
Noriko Sugawar (JPN)
5.Krause (POL); Munoz (ESP)...
Ausgeschieden: von Schwichow (GER)
Leichtgewicht (bis 56 kg)
G: Driulis Gonzales (CUB)
S: Sun-Yong Jung (SKR)
B: Isabel Fernandez (ESP)
Marisabel Lomba (BEL)
5. Liu (CHN); Fairbrother (GBR)
Halbmittelgewicht (bis 61 kg)
G: Yuko Emoto (JPN)
S: Gella Vandecaveye (BEL)
B: Jenny Gal (NED)
Sung-Sook Jung (SKR)
5.Kobas (TUR); Arad (ISR)...Aus-geschieden: Singer (GER)
Mittelgewicht (bis 66 kg)
G: Min-Sun Cho (SKR)
S: Aneta Szczepanska (POL)
B: Claudia Zwiers (NED)
Xianbo Wang (CHN)
5. Dubois (FRA); Jimenez (CUB)... Ausgeschieden: von Rekowski (GER)
Halbschwergewicht (bis 72 kg)
G: Ulla Werbrouck (BEL)
S: Yoko Tanabe (JPN)
B: Diadenis Luna (CUB)
Ylenia Scapin (ITA)
5.Beljajewa (UKR); Essombe (FRA)...
7. Ertel (GER)
Schwergewicht (über 72 kg)
G: Sun Fuming (CHN)
S: Estrela Rodriguez (CUB)
B: Johanna Hagn (GER)
Christine Cicot (FRA)
5. Gundarenko (RUS); Maksymowa (POL)
KANU
MÄNNER
Kajak-Einer K 1 - 500 m
G: Antonio Rossi (ITA) 1:37,42 min
16
S: Knut Holmann (NOR) 1:38,33
B: Piotr Markiewicz (POL) 1:38,61
4. Magyar (ROM) 1:38,97; 5. Lutz Liwowski (GER) 1:39,30; 6. Garcia (ESP) 1:40,04
Kajak-Zweier K 2 - 500 m
G: Kay Bluhm/Torsten Gutsche (GER) 1:28,69 min
S: Beniamino Bonomi/Daniele Scarpa (ITA) 1:28,72
B: Danny Collins/Andrew Trim (AUS) 1:29,40
4.Gorobi/Tistschenko (RUS) 1:29,67; 5. Freimut/Wysocki (POL) 1:29,93; 6. Bartfai/Gyulay (HUN) 1:30,00
Kajak-Einer K 1 - 1000 m
G: Knut Holmann (NOR) 3:25,78 min
S: Beniamino Bonomi (ITA) 3:27,07
B: Clint Robinson (AUS) 3:29,71
4. Liwowski (GER) 3:30,02; 5. Calderon (ESP) 3:31,39; 6. Gajewski (POL) 3:32,52
Kajak-Zweier K 2 1000 m
G: Antonio Rossi/ Daniele Scarpa (ITA) 3:09,19 min
S: Kay Bluhm/Torsten Gutsche (GER) 3:10,51
B: Andrian Duschev/ Milko Kasanov (BUL) 3:11,20
4. Kotowicz/Bialkowski (POL) 3:11,26; 5. Lubac/ Lancereau (FRA) 3:11,40; 6. Nielsen/Staal (DEN) 3:12,05
Kajak-Vierer K 4 - 1000 m
G: GER (Thomas Reineck, Mark Zabel, Olaf Winter, Detlef Hofmann) 2:51,52 min
S: HUN (Ferenc Csipes, Gabor Horvath, Attila Adrovicz, Andras Rajna) 2:53,18
B: RUS (Anatoli Tistschenko, Oleg Go-robij, Sergej Werlin, Georgi Zybul-
nikow) 2:53,99
4.POL 2:54,77; 5. ESP 2:55,88; 6. SWE 2:55,90
Canadier-Einer C 1 - 500 m
G: Martin Doktor (CZE) 1:49,93 min
S: Slavomir Knazovicky (SVK) 1:50,51
B: Imre Pulai (HUN) 1:50,75
4. Sliwinski (UKR) 1:51,71; 5. Zereske (GER) 1:52,35; 6. Frederiksen (DEN) 1:52,84
Canadier-Zweier C 2 - 500 m
G:Csaba Horvath/György Kolonics
(HUN) 1:40,42 min
S: Nikolal Shurawski/Viktor Reneiski (MDA) 1:40,45
B:Gheorghe Andriev/Grigore Obreja (ROM) 1:41,33
4. Dittmer/ Kirchbach (GER) 1:41,76; 5. Marinov/Stojanov (BUL) 1:42,49; 6.Ka-banow/Konowalow (RUS) 1:42,20
Canadier-Einer C 1 - 1000 m
G: Martin Doktor (CZE) 3:54,41 min
S: lwan Klementiew (LAT) 3:54,95
B: György Zala (HUN) 3:56,36
4. Schulze (GER) 3:57,77; 5. Sylvoz (FRA) 3:59,01; 6. Partnoi (ROM) 3:59,85
Canadier-Zweier C 2 - 1000 m
G: Andreas Dittmer/Gunar Kirchbach
(GER) 3:31,87 min
S: Mareel Glavan/Antonel Borsan (ROM)
3:32,29
B:György Kolonics/Csaba Horvath
(HUN) 3:32,51
4.Marinov/Stojanov (BUL) 3:34,38; 5. Shu-rawski/Reneiski (MDA) 3:35,19; 6. A. Train/ St. Train (GBR) 3:36,69
FRAUEN
Frauen-Einer K 1 - 500 m
G: Rita Köban (HUN) 1:47,65 min
S: Caroline Brunet (CAN) 1:47,89
B: Josefa Idem (ITA) 1:48,73
4. Birgit Fischer (GER) 1:49.38; 5. Gunnar-sson (SWE) 1:49,59; 6. Profanter (AUT) 1:50,27
Kajak-Zweier K 2 - 500 m
G: Agneta Andersson/Susanne
Gunnarsson (SWE) 1:39,32 min
S: Ramona Portwich/ Birgit Fischer (GER) 1:39,68
B: Katrin Borchert/Anna Wood (AUS) 1:40,64
4. Köban/Mednyanszki (HUN)1:40,89; 5. Gibeau/Kennedy (CAN) 1:41,31; 6. Aramburu/Manchon (ESP) 1:42,62
Kajak-Vierer K 4 - 500 m
G: GER (Birgit Fischer, Anett Schuck, Ramona Portwich, Manuela Mucke)
1:31,07 min
S: SUI (Ingrid Haralamow, Daniela Baumer, Sabine Eichenberger, Gabi Müller) 1:32,70
B: SWE (Susanne Rosenqvist, Anna Olsson, Agneta Andersson, Ingela Ericsson) 1:32,91
4. CHN 1:33,08; 5. CAN 1:33,09; 6. ESP 1:33,57
SLALOM
Männer
Kajak-Einer K 1
17
G: Oliver Fix (GER) 141,22/0 s
S: Andrez Vehovar (SLO) 141,65/0
B: Thomas Becker (GER)142,79/0
4. Burtz (FRA) 144,33/5; 5. Wiley (IRL) 145,21/0; 6. Weiss (USA)... 8. Lettmann (GER) 145,99/0
Canadier-Einer C 1
G: Michal Martikan (SVK) 151,03/0 s
S: Lukas Pollert (CZE) 151,17/0
B: Patrice Estanguet (FRA) 152,84/0
4. Marriott (GBR) 15 5,83/0; 5. Delamarre (FRA) 155,98/0; 6. Brugvin (FRA) 156,71/5;... 7. Lang 159,91/5... 12. Husek 164,29/5;... 17.Kaufmann (alle GER) 168,43/10.
Canadier-Zweier C 2
G: Frank Adisson/Wilfrid Forgues (FRA) 158,82/0 s
S: Jiri Rohan/Miroslav Simek (CZE) 160,16/0
B: Andre Ehrenberg/Michael Senft
(GER) 163,72/5
4. Berro/Trummer (GER) 163,72/0; 5. del Rey/Saidi (FRA) 165,47/5. 6. Pavel Stercl/Peter Stercl (CZE) 168,45/5
FRAUEN
Kajak-Einer K 1
G: Stepanka Hilgertova (CZE) 169,49/5
S: Dana Chladek (USA)
169,49/5
B: Myriam Fox-Jerusalmi (FRA) 171,00/5
4. Pron (ITA) 171,84/5; 5. Broskova (SVK) 172,57/5; 6. Boixel (FRA) 172,79/10... 10. Micheler-Jones (GER) 176,56/5; 11. Striepecke (GER) 176,98/0
LEICHTATHLETIK
MÄNNER
100 m
G: Donovan Bailey (CAN) 9,84s (WR)
S: Frank Fredericks (NAM) 9,89
B: Ato Boldon (TRI) 9,90
4.Mitchell (USA) 9,99; 5. Marsh (USA) 10,00; 6. Ezinwa (NGR) 10,14... Ausge-schieden: 26. M. Blume (GER) 10,33
200 m
G: Michael Johnson (USA) 19,32 s (WR)
S: Frank Fredericks (NAM) 19,68
B: Ato Boldon (TRI) 19,80
4.Thompson (BAR) 20,14; 5. Williams (USA) 20,17; 6. Garcia (CUB) 20,21
400 m
G: Michael Johnson (USA) 43,49 s
S: Roger Black (GBR) 44,41
B: Davis Kamoga (UGA) 44,53
4.Harrison (USA) 44,62; 5. Thomas (GBR) 44,70; 6. Martin (JAM) 44,83
800 m
G: Vebjörn Rodal (NOR) 1:42,58 min
S: Hezekiel Sepeng (RSA) 1:42,74
B: Fred Onyancha (KEN) 1:42,79
4. Tellez (CUB) 1:42,85; 5. Motchebon (GER) 1:43,91; 6. Kiptoo (KEN) 1:44,19... Ausgeschieden: Dehmel (GER) 1:47,12
1500 m
G: Noureddine Morceli (ALG) 3:35,78
S: Fermin Cacho (ESP) 3:36,40
B: Stephen Kipkorir (KEN) 3:36.72
4.Rotich (KEN) 3:37,39; 5. Tanui (KEN) 3:37,42; 6. Bile (SOM) 3:38,03... Ausgeschieden: Gottschalk (GER) ?
5000 m
G: Venuste Niyongabo (BDI) 13:07,96
S: Paul Bitok (KEN) 13:08,16
B: Khalld Boulami (MAR) 13:08,37
4. Baumann (GER) 13:08.81; 5. Nyariki (KEN) 13:12,29; 6. Kennedy (USA) 13:12,35... 14. Franke (GER) 13:44,64
10000 m
G: Haile Gebrselassie (ETH) 27:07,34
S: Paul Tergat (KEN) 27:08,17
B: Salah Hissou (MAR) 27:28,59
4.Nizigama (BDI) 27:33,79; 5. Machuka (KEN) 27:35,08; 6. Koech (KEN) 27:35,19...9. Franke (GER) 27:59,08
Marathon
G: Josia Thugwane (RSA) 2:12:36 h
S: Lee Bong-Ju (SKR) 2:12:39
B: Eric Wainaina (KEN) 2:12:44
4.Fiz (ESP) 2:13:20; 5. Nerurkar (GBR) 2:13:39; 6.Silva (MEX) 2:14:29... 48. Dobler 2:21:12... Aufgegeben: Freigang (alle GER)
110 m Hürden
G: Allen Johnson (USA) 12,95 s
S: Mark McCrear (USA) 13,09
B: Florian Schwarthoff (GER) 13,17
4. Jackson (GBR) 13,19; 5. Valle (CUB) 13,20; 6. Swift (USA) 13,23... Ausgeschieden: Kaiser 13,59; Edorh (alle GER) 13,64
400 m Hürden
G. Derrick Adkins (USA) 47,54 s
S: Samuel Matete (ZAM) 47,78
B: Calvin Davis (USA) 47,96
4.Nylander (SWE) 47,98; 5. Robinson (AUS) 48,30; 6. Mori (ITA) 48,41
3000 m Hindernis
G: Joseph Keter (KEN) 8:07,12 min
S: Moses Kiptanui (KEN) 8:08,33
B: Alessandro Lambruschini (ITA)
18
8:11,28
4. Birir (KEN) 8:17,18; 5. Croghan (USA) 8:17,84; 6. Brand (GER) 8:18,52 ... Aus-geschieden: Bauermeister (GER) 8:51,83
4 x 100 m
G: CAN (Robert Esmie, Glenroy Gilbert, Bruny Surin, Donovan Bailey) 37,69 s
S: USA (Jon Drummond, Tim Harden,
Michael Marsh, Dennis Mitchell) 38,05
B: BRA (Arnaldo Silva, Robson da Si-
Iva, Edson Ribeiro, Andre Silva)38,41
4.UKR 38,55; 5. SWE 38,67; 6. CUB 39.39... Ausgeschieden: GER (Huke, M. Blume, H. Blume, Schwarthoff)
4 x 400 m
G: USA (LaMont Smith, Alvin Harrison, Derek Mills, Anthuan Maybank) 2:55,99 min
S: GBR (lwan Thomas, Jamie Baulch, Mark Richardson, Roger Black) 2:56,60 (ER)
B: JAM (Michael McDonald, Roxbert Martin, Greg Haughton, Davian Clarke) 2:59,42
4. SEN 3:00,64; 5. JPN 3:00,76; 6. POL 3:00.96... Ausgeschieden: GER (Hein, Karsten, Lieder, Schönlebe) 3:05,15
20 km Gehen
G: Jefferson Perez (ECU) 1:20:07 h
S: Ilya Markow (RUS) 1:20:16
B: Bernardo Segura (MEX) 1:20:23
4.A'hern (AUS) 1:20:31; 5. Shafikow (RUS) 1:20:41; 6. Fadejevs (LAT) 1:20:47... 15. Deimer (GER) 1:23:23; 18. Ihly (GER) 1:23:47; 24. Erm (GER) 1:25:08
50 km Gehen
G: Robert Korzeniowski (POL) 3:43:30
S: Michall Schtschennikow (RUS)
3:43:46
B: Valentin Massana (ESP) 3:44:19
4. di Mezza (ITA) 3:44:52; 5. Ginko (BLR) 3:45:27; 6. Zamudio (MEX) 3:46:07... 12. Noack (GER) 3:51:55; 15. Wallstab (GER) 3:54:48... Ausgeschieden: Weigel (GER)
Hochsprung
G: Charles Austin (USA) 2,39 m
S: Artur Partyka (POL) 2,37
B: Steve Smith (GBR) 2,35
4.Topic (YUG) 2,32; 5. Hoen (Nor) 2,32; 6. Papakostas (GRE) 2,32...
9. Kreißig (GER) 2,29
Weitsprung
G: Carl Lewis (USA) 8,50 m
S: James Beckford (JAM) 8,29
B: Joe Greene (USA) 8,24
4.Bangue (FRA) 8,19; 5. Powell (USA) 8,17; 6. Cankar (SLO) 8,11...
Ausgeschieden: Ackermann 7,86, Lott, kein gültiger Versuch (alle GER)
Dreisprung
G: Kenny Harrison (USA) 18,09 m
S: Jonathan Edwards (GBR) 17,88
B: Yoelvis Quesada (CUB) 17,44
4. Conley (USA) 17,40; 5. Martirosjan (ARM) 16.97; 6. Wellman (BER) 16,95... Ausgeschieden: Friedeck (GER) 16,71
Stabhochsprung
G: Jean Galfione (FRA) 5,92 m
S: Igor Trandenkow (RUS) 5,92
B: Andrej Tiwontschik (GER) 5,92 (DR)
4.Potapowitsch (KAZ) 5,86; 5. Botschkarjow (RUS) 5,86; 6. Markow (BLR) 5,86...7. Lobinger 5,80... 9. Stolle (alle GER) 5,70
Kugelstoßen
G: Randy Barnes (USA) 21,62 m
S: John Godina (USA) 20,79
B: Alexander Bagatsch (UKR) 20,75
4. Soglio (ITA) 20,74; 5. Buder (GER) 20,51; 6. Virastjuk (UKR) 20,45... Ausgeschieden: 13. Urban (GER) 19,37; 16. Mertens (GER) 19,07
Diskuswerfen
G: Lars Riedel (GER) 69,40 m
S: Wladimir Dubrowtschik (BLR) 66,60
B: Wassili Kaptych (BLR) 65,80
4. Washington (USA) 65,42; 5. Alekna (LTU) 65.30; 6. Schult (GER) 64,62
Hammerwerfen
G: Balazs Kiss (HUN) 81,24 m
S: Lance Deal (USA) 81,12
B: Oleksij Krykun (UKR) 80,02
4.Skwaruk (UKR) 79,92; 5. Weis (GER) 79,78; 6. Konowalow (RUS) 78,72... Ausgeschieden: 14. Dethloff (GER) 74,60; 17. Kobs (GER) 74,20
Speerwerfen
G: Jan Zelezny (CZE) 88,16 m
G: Steve Backley (GBR) 87,44
S: Seppo Räty (FIN) 86,98
4.Hecht 86,88; 5. Henry (beide GER) 85,68; 6. Makarow (RUS) 85,30
Zehnkampf
G: Dan O'Brien (USA) 8824 P (10,50 - 7,57 -15,66 - 2,07 - 46,82 - 13,87 - 48,78 - 5,00 - 66,90 -4:45,89)
S: Frank Busemann (GER) 8706
(10,60 - 8,07 - 13,60 - 2,04 - 48,34 -
19
13,47 - 45,04 - 4,80 -66,86 - 4:31,41)
B: Tomas Dvorak (CZE) 8664 (10,64 - 7,60 - 15,82 - 1,98 - 48,29 - 13,79 -46,28 - 4,70 - 70,16 - 4:31,25)
4. Fritz (USA) 8644; 5. Hämälainen (BLR) 8613; 6.Nool (EST) 8543... 14. Müller (GER) 8253; 20. Pajonk (GER) 8045
FRAUEN
100 m
G: Gail Devers (USA) 10,94 s
S: Merlene Ottey (JAM) 10,94
B: Gwen Torrence (USA) 10,96
4. Sturrup (BAH) 11,00; 5. Trandenkowa (RUS) 11,06; 6. Woronowa (RUS) 11,10... Ausgeschieden: Paschke 11,14... Philipp 11,38; Lichtenhagen (alle GER) 11,53
200 m
G: Marie-Jose Perec (FRA) 22,12 s
S: Merlene Ottey (JAM) 22,24
B: Mary Onyali (NGA) 22,38
4. Miller (USA) 22,41; 5. Maltschugina (RUS) 22,45; 6. Sturrup (BAH) 22,54... Ausgeschieden: Paschke (GER) 22,81
400 m
G: Marie-Jose Perec (FRA) 48,25 s
S: Cathy Freeman (AUS) 48,63
B: Falilat Ogunkoya (NGR) 49,10
4. Davis (BAH) 49,28; 5. Miles (USA) 49,55; 6. Yusuf (NGR) 49,77... 8. Breuer (GER) 50,71
800 m
G: Sw. Masterkowa (RUS) 1:57,73 min
S: Ana Fidelia Quirot (CUB) 1:58,11
B: Maria Mutola (MOZ) 1:58,71
4. Holmes (GBR) 1:58,81; 5. Afanasjewa (RUS) 1:59,57; 6. Djarte-Taillard (FRA) 1:59,61... Ausgeschieden: Kisabaka (GER) 1:59,23
1500 m
G: Swetlana Masterkowa (RUS) 4:00,83 min
S: Gabriela Szabo (ROM) 4:01,54
B: Theresia Kiesl (AUT) 4:03,02
4. Pells (CAN) 4:03,56;5. Crowley (AUS) 4:03,79; 6. Sacramento (POR) 4:03,91... Ausgeschieden: Wüstenhagen 4:11,47; Kühnemund (alle GER) 4:16,85
5000 m
G: Wang Junxia (CHN) 14:59,88 min
S: Pauline Konga (KEN) 15:03,49
B: Roberta Brunet (ITA) 15:07,52
4. Shimizu (JPN) 15:09,05; 5. Radcliffe (GBR) 15:13,11; 6. Romanowa (RUS) 15:14,09... Ausgeschieden: Wassiluk (GER) 15:37,73
10000 m
G: Fernanda Ribeiro (POR) 31:01,63 min
S: Junxia Wang (CHN) 31:02,58
B: Gete Wami(ETH) 31:06,65
4.Tulu (ETH) 31:10,46; 5. Chiba (JPN) 31:20,62; 6.Loroupe (KEN) 31:23,22... Ausgeschieden: Weßel (GER) 33:31.67
Marathon
G: Fatuma Roba (ETH) 2:26:05 h
S: Walentina Jegorowa (RUS) 2:28:05
B: Yuko Arimori (JPN) 2:28:39
4. Dörre-Heinig (GER) 2:28:45; 5. Rios (ESP) 2:30:50; 6. Simon (ROM) 2:31:05... 8. Krolik (GER) 2:31:16... Aufgegeben: Pippig (GER)
100 m Hürden
G: Ludmila Engqvist (SWE) 12,58 s
S: Brigita Bukovec (SLO) 12,59
B: Patricia Girard-Leno (FRA) 12,65
4. Devers (USA) 12,66; 5. Rose (JAM) 12,74; 6. Freeman (JAM) 12,76... Aus-geschieden: Patzwahl 13,05; Wolf (alle GER) 13,08
400 m Hürden
G: Dionne Hemmings (JAM) 52,82 s
S: Kim Batten (USA) 53,08
B: Tonja Buford-Bailey (USA) 53,22
4. Parris (JAM) 53,97; 5.Meißner (GER) 54,03; 6. Edeh (CAN) 54,39... 8. Rieger (GER) 54,57
4 x 100 m
G: USA (Chryste Gaines, Gail Devers, Inger Miller, Gwen Torrence) 41,95 s
S: BAH (Eldece Clarke, Chandra Sturrup, Sevatheda Flynes, Paufine Davis) 42,14
B: JAM (Michelle Freeman, Juhet Cuthbert, Nikole Mitchell, Merlene Ottey) 42,24
4. RUS 42,27; 5. NGA 42,56; 6. FRA 42,76... Ausgeschieden (Vorlauf nach Stabverlust): GER (Knoll, Lichtenhagen, Paschke, Philipp)
4 x 400 m
G: USA (Rochelle Stevens, Maicel Malone, Kim Graham, Jearl Miles) 3:20,91 min
S: NGA (Bisi Afolabi, Fatima Yusuf, Charity Opara, Falilat Ogunkoya) 3:21,04
B: GER (Uta Rohländer, Linda Kisabaka, Anja Rücker, Grit Breuer) 3:21,14
4.JAM 3:21,69; 5. RUS 3:22,22; 6. CUB 3:25,85
10 km Gehen
G: Jelena Nikolajewa (RUS) 41:49 min
S: Elisabetta Perrone (ITA) 42:12
B: Yan Wang (CHN) 42:19
20
4. Gu (CHN) 42:34; 5. Giordano (ITA) 42:43; 6. Kardapoltzewa (BLR) 43:02... 15.Boyde 44:50; Gummelt (alle GER) disqual.
Hochsprung
G: Stefka Kostadinowa (BUL) 2,05 m
S: Niki Bakogianni (GRE) 2,03
B: Ina Babakowa (UKR) 2,01
4. Bevilacqua (ITA) 1,99; 5. Guljajewa (RUS) 1,99; 6. Astafei (GER) und Motkowa (RUS) je 1,96
Weitsprung
G: Chioma Ajunwa (NGA) 7,12 m
S: Fiona May (ITA) 7,02
B: Jackie Joyner-Kersee (USA) 7,00
4. Xanthou (GRE) 6,97; 5. Tschechowzowa (UKR) 6,97; 6. Karczmarek (POL) 6,90
Dreisprung
G: Inessa Krawets (UKR) 15,33 m
S: Inna Lasowskaja (RUS) 14,98
B: Sarka Kasparkova (CZE) 14,98
4. Prandscheva (BUL) 14,92; 5. Hansen (GBR) 14,49; 6. Vasdeki (GRE) 14,44... Ausgeschieden: Lobinger (GER)
Kugelstoßen
G: Astrid Kumbernuss (GER) 20,56 m
S: Sui Xinmei (CHN) 19,88
B: Irina Chudoroschkina (RUS) 19,35
4. Pawlysh (UKR) 19,30; 5. Price-Smith (USA) 19,22; 6. Storp 19,06. 7. Neimke (alle GER) 18,92
Diskuswerfen
G: Ilke Wyludda (GER) 69,66 m
S: Natalja Sadowa (RUS) 66,48
B: Ellina Zwerewa (BLR) 65,64
4. Dietzsch (GER) 65,48; 5. Xiao (CHN) 64,72; 6. Tschernjawskaja (RUS) 64,70... 11. Gündler (GER) 61,16
Speerwerfen
G: Heli Rantanen (FIN) 67,94 m
S: Louise McPaul (AUS) 65,54
B: Trine Hattestad (NOR) 64,98
4. Lopez (CUB) 64.68; 5. Rivero (CUB) 64,48; 6. Forkel 64,18... 9. Nerius 60,20; Ausgeschieden: Renk (alle GER) 59,70
Siebenkampf
G: Ghada Shouaa (SYR) 6780 P
(13,72 - 1,86 - 15,95 - 23,85 - 6,26 - 55,70 - 2:15,43)
S: Natascha Sassanowitsch (BLR)
6563 (13,56 -1,80 -14,52 -23,72 -
6,70 -46,00 -2:17,92)
B: Denise Lewis (GBR) 6489
(13,45 -1,77 -13,92 -24,44 - 6,32 -
54,82 -2:17,41)
4.Wlodarczyk (POL) 6484; 5. Barber (SLE) 6342; 6. Inancsi (HUN) 6336; 7. Braun 6317... 11. Steigauf 6246... 13. Beer (alle GER) 6234
MODERNER FÜNFKAMPF
Männer-Einzel
G: Alexander Parygin (KAZ) 5551 P
S: Eduard Zenowka (RUS) 5530
B: Janos Martinek (HUN) 5501
4.Swatkowski (RUS) 5489; 5. Warabida (POL) 5452; 6. Hanzely (HUN) 5435
RADSPORT
Männer-Bahn
Sprint
G: Jens Fiedler (GER)
S: Marty Nothstein (USA)
B: Curtis Harnett (CAN)
4. Neiwand (AUS); 5. Hill (AUS); 6. Magne (FRA); 7. Pokorny (GER)
1000 m Zeitfahren
G: Florian Rousseau (FRA) 1:02,712
S: Erin Hartwell (USA) 1:02,940
B: Takanobu Jumonji (JPN) 1:03,261
4. Lausberg (GER) 1:03,514; 5. van Zyl (RSA) 1:04,214; 6. Krejner (POL) 1:04,697
4000 m Einzelverfolgung
G: Andrea Collinelli (ITA)
S: Philippe Ermenault (FRA)
B: Bradley McGee (AUS)
4. Markow (RUS); 5. Martinez (ESP); 6. Szonn (GER)
4000 m Mannschaftsverfolgung
G: FRA (Christophe Capelle, Philipp
Ermenault, Jean-Michel Monin, Francis Moreau) 4:05,930 min
S: RUS (Eduard Gritsun, Nikolai
Kusnezow, Alexej Markow, Anton
Chantyr) 4:07,730
B: AUS (Bret Aitken, Bradley McGee,
Stuart 0'Grady, Dean Woods) 4:07,570
4.ITA 4:08,317; 5. ESP 4:11,324; 6. USA 4:12,510... Ausgeschieden: 9. GER 4:15,140
Punktefahren
G:Silvio Martinello (ITA) 37 P
S: Brian Walton (CAN) 29
B: Stuart 0'Grady (AUS) 25
4. Jakowlew (UKR) 24; 5. Moreau (FRA) 21; 6. Llaneras (ESP) 17... 9. Fulst (GER)
FRAUEN
Sprint
G: Felicia Ballanger (FRA)
S: Michelle Ferris (AUS)
21
B: Ingrid Haringa (NED)
4. Neumann (GER); 5. Grischina (RUS); 6.Salumäe (EST)
3000 m Einzelverfolgung
G: Antonella Bellutti (ITA)
S: Marion Clignet (FRA)
B: Judith Arndt (GER)
4.McGregor (GBR); 5. Twigg (USA); 6. Mazeikyte (LTU)
Punktefahren
G: Nathalie Lancien (FRA) 24 P
S: Ingrid Haringa (NED) 23
B: Lucy Tyler-Sharman (AUS) 17
4.Samochwalowa (RUS) 14; 5. Vergara (ESA) 11; 6.Goroschanskaja (BLR) 11... 13. Arndt (GER)
Straße
MÄNNER
Einzelzeitfahren 52 km
G: Miguel Indurain (ESP) 1:04:05 h
S: Abraham Olano (ESP) 1:04:17
B: Chris Boardman (GBR) 1:04:36
4. Fondriest (ITA) 1:05,01; 5. Rominger (SUI) 1:06:05; 6. Armstrong (USA) 1:06:28... 10. Rich 1:07:08... 12. Peschel (alle GER) 1:07:33
Straßenrennen 221,8 km
G: Pascal Richard (SUI) 4:53:56 h
S: Rolf Sörensen (DEN) gl. Zeit
B: Maximilian Sciandri (GBR) 2 s zur.
4. Andreu (USA) 1:14 min z; 5. Virenque (FRA) gl.Z.; 6. Mauri (ESP) 1:15,7... 16. Ludwig 2:36 z; 20. Zabel 2:47; 28. Aldag 2:48; Ausgeschieden: Peschel, Rich (alle GER)
FRAUEN
Einzelzeitfahren 26 km
G: Sulfia Sabirowa (RUS) 36:40 min
S: Jeannie Longo-Ciprelli (FRA) 37:00
B: Clara Hughes (CAN) 37:13
4.Watt (AUS) 37:53; 5. Clignet (FRA) 38:14; 6.Vikstedt-Nyman (FIN) 38:24
Straßenrennen 102 km
G: Jeannie Longo-Ciprelli (FRA) 2:36:13 h
S: Imelda Chiappa (ITA) 2:36:38
B: Clara Hughes (CAN) 2:36:44
4. Hohlfeld (GER) 2:37:05; 5. Polikeviciute (LTU); 6. Sabirowa (RUS)
Mountain-Bike
Männer
G: Bart Jan Brentjes (NED) 2:17:38 h
S: Thomas Frischknecht (SUI) 2:35 z.
B: Miguel Martinez (ESP) 2:57
4. Dupouey (FRA) 7:25; 5. Pontoni (ITA) 7:28; 6. Brenes (CRC) 8:13... 10. Berner 10:07... Ausgeschieden: Kluge (alle GER)
FRAUEN
G:Paola Pezzo (ITA) 1:50:50 h
S: Alison Sydor (CAN) 1:06 z.
B: Susan DeMattei (USA) 1:44
4. Dahle (NOR) 2:58; 5. Vink (NED) 3:47; 6. Stropparo (ITA) 5:05...7. Marunde (GER) 6:29
REITEN
Dressur Einzel
G: Isabell Werth (GER)/ Gigolo - 235,09 P
S: Anky van Grunsven (NED) / Bonfire - 233,02
B: Sven Rothenberger (NED)/Weyden 224,94
4. Theodorescu (GER) /Grunox 224,56; 5. Gibson (USA)/ Peron 222,83; 6. Balkenhol / Goldstern 221,8...9. Schaudt / Durgo 212,75; Ausgeschieden: Uphoff-Becker (alle GER) / Rembrandt
Dressur Mannschaft
G: GER (Isabell Werth/Gigolo, Klaus Balkenhol / Goldstern, Theodorescu /Grunox, Schaudt/Durgo) 5553 P
S: NED (Tinke Bartels de Vries / Olympic Barbria, Sven Rothenberger / Weyden, Anky van Grunsven / Bonfire, Gonnelien Rothenberger / Olympic Dondolo) 5437
B: USA (Robert Dover / Metallic, Michelle Gibson / Peron, Steffen Peters / Udon, Guenter Seidel / Graf George) 5309
4. FRA 5045; 5. SWE 4996; 6. SUI 4893
Military Einzel
G: Blyth Tait (NZL) / Ready Teddy 56.80 P
S: Sally Clark (NZL) / Squirrel Hill 60,40
B: Kery Millikin (USA)/ Out an' About 73,20
4.Teulere (FRA) / Rodosto 77,20; 5. O'Connor (USA) / Otis 80,15; 6. Depuy (USA) / Hopper 85,00... 7. van Paepke / Amadeus 87,20 16. Blöcker / Kiwi Dream 160,10; Ausgeschieden Thomsen (alle GER) / White Girl
Military Mannschaft
G: AUS (Wendy Schaeffer / Sunburst, Phillip Dutton / True Blue Gl, Gillian Rolton / Peppermint G, Andrew Hoy / Darien Power) 203,85 P
S: USA (Karen O'Connor / Biko, David O'Connor / Giltedge, Bruce Davidson / Heyday, Jill Henneberg / Nir-vana) 261,10
B: NZL (Blyth Tait / Chesterfield, Andrew Nicholson / Jagermeister, Vicky Latta /
22
Broadcast News, Vaugh Jefferis / Bounce) 268,15
4. FRA 307,65; 5. GBR 312,90; 6. JPN 326,15... 9. GER (Battenberg / Sam the Man, Blum / Brownie McGee, Ehrenbrink / Connection, Overesch-Böker / Watermill Stream) 1204,15
Springreiten
G: Ulrich Kirchhoff (GER) / Jus de Pommes
S: Willi Mellinger (SUI) / Calvaro
B: Alexandra Ledermann (FRA) / Rochet
4.Simon (AUT) / ET; 5. Fach (SUI) / Jeremia; 6. Billington (GBR) / It's Otto... 20. Nieberg (GER) / For Pleasure 16,00; Ausgeschieden: Sloothaak (GEH) / Joly; Nicht angetreten: Beerbaum (GER) / Rati-na Z.
Springreiten Mannschaft
G: GER (Franke Sloothaak / Joly, Lars Nieberg / For Pleasure, Ulrich Kirchhoff / Jus de Pommes, Ludger Beerbaum / Ratina Z) 1,75 P
S: USA (Anne Kursinski / Eros,
Leslie Burr-Howard / Extreme,
Peter Leone / Legato, Michael
Matz / Rhum) 12,00
B: BRA (Alvaro Mirando Neto /
Aspen, Andre Johannpeter / Calei, Luiz Fehpe Azevedo / Cassiana, Rodrigo Pessoa / Tomboy) 17,25
4. FRA 20,25; 5. ESP 29,75; 6. SUI 32,00
RINGEN
Griechisch-Römischer Stil
Halbfliegengewicht (bis 48 kg)
G: Sim Kwon-Ho (SKR)
S: Alexander Pawlow (BLR)
B: Zafar Guljew (RUS)
4. Kang Yong (PRK); 5. Sanchez (CUB); 6. Papaschwili (GEO)... Ausgeschieden: Kutscherenko (GER)
Fliegengewicht (bis 52 kg)
G: Armen Nazarjan (ARM)
S: Brandon Paulson (USA)
B: Andrej Kalaschnikow (UKR)
4. Danielian (RUS); 5. Sculy (CUB); 6. Anev (BUL)... Ausgeschieden: Ter-Mkrtchyan (GER)
Bantamgewicht (bis 57 kg)
G: Juri Melnischenko (KAZ)
S: Dennis Hall (USA)
B: Sheng Zetiang (CHN)
4. Schakimow (UKR); 5. Yildiz (GER); 6. Sarmiento (CUB)
Federgewicht (bis 62 kg)
G: Wlodzimierz Zawadski (POL)
S: Juan-Luis Maren Delis (CUB)
B: Mehmet Pirim (TUR)
4. Guliaschwili (GEO); 5. Ivanov (BUL); 6. Kamuschenko (UKR)
Leichtgewicht (bis 68 kg)
G: Ryszard Wolny (POL)
S: Ghani Yolouz (FRA)
B: Alexander Tretjakow (RUS)
4. Madschidow (BLR); 5. Georgiev (BUL); 6. Puliajew (UZB)
Weltergewicht (bis 74 kg)
G: Feliberto Ascuy (CUB)
S: Marko Asell (FIN)
B: Josef Tracz (POL)
4. Hahn (GER); 5. Iskandarian (RUS); 6. Dschigasow (UKR)
Mittelgewicht (bis 82 kg)
G: Hamza Yerlikaya (TUR)
S: Thomas Zander (GER)
B: Waleri Tsilent (BLR)
4.Turlyschanow (KAZ); 5. Tsitzuaschwili (ISR); 6. Lidberg (SWE)
Halbschwergewicht (bis 90 kg)
G: Wjatscheslaw Olejnik (UKR)
S: Jacek Fafinski (POL)
B: Maik Bullmann (GER)
4. Sidorenko (BLR); 5. Basar (TUR); 6. Konstantinisi (GRI)
Schwergewicht (bis 100 kg)
G: Andrzej Wronski (POL)
S: Sergej Lischtwan (BLR)
B: Mikael Ljungberg (SWE)
4. Edischeraschwili (RUS); 5. Milian (CUB); 6. Grabowetski (MDA)
Superschwergewicht (bis 130 kg)
G: Alexander Karelin (RUS)
S: Mett Ghaffari (USA)
B: Sergej Mureiko (BUL)
4. Kotok (UKR); 5. Poikilidis (GRI); 6. Schieckel (GER)
Freistil
Halbfliegengewicht (bis 48 kg)
G: Kim Il (PRK)
S: Armen Mkrchjan (ARM)
B: Alexis Vila (CUB)
4. Orudschow (RUS); 5. Soon-Won Jung (SKR); 6. Railean (MDA)
Fliegengewicht (bis 52 kg)
G: Valentin Jordanov (BUL)
S: Namik Abdullajew (AZE)
B: Maulen Mamyrow (KAZ)
23
4.Mongusch (RUS); 5. Mohammadi (IRI); 6. Topaktas (TUR)
Bantamgewicht (bis 57 kg)
G: Kendall Cross (USA)
S: Gia Sissaouri (CAN)
B: Ri Yong Sam (PRK)
4. Dogan (TUR); 5. Trstena (MKD); 6. Talei (IRI)
Federgewicht (bis 62 kg)
G: Tom Brands(USA)
S: Jang Jae-Sung (SKR)
B: Elbrus Tedejew (UKR)
4. Wada (JPN); 5. Asisow (RUS); 6. Schillici (ITA)... Ausgeschieden: Scheibe (GER)
Leichtgewicht (bis 68 kg)
G: Wadim Bogijew (RUS)
S: Townsend Saunders (USA)
B: Sasa Sasirow (UKR)
4. Sanchez (CUB); 5. Geworgjan (ARM); 6. Hwang Sang-Ho (SKR)
Weltergewicht (bis 74 kg)
G: Buwassia Sajtijew (RUS)
S: Park Jang-Soon (SKR)
B: Takuya Ota (JPN)
4. Paskalev (BUL); 5. Alexander Leipold (GER); 6. Monday (USA)
Mittelgewicht (bis 82 kg)
G: Hadschimurad Magomedow (RUS)
S: Yang Hyun-Mo (SKR)
B: Amir Reza Khadem Atghadi (IRI)
4. Özturk (TUR); 5. Ibragimow (AZE); 6. Jabrailow (KAZ)
Halbschwergewicht (bis 90 kg)
G: Rasull Khadem Azghadi (IRI)
S: Macharbek Chadarzew (RUS)
B: Eldari Kurtanidse (GEO)
4. Lohyna (SVK); 5. Tedejew (UKR); 6. Kodel (NGA)... Ausgeschieden: Balz (GER)
Schwergewicht (bis 100 kg)
G: Kurt Angle (USA)
S: Abbas Jadidi (IRI)
B: Arawat Sabejew (GER)
4. Kowalewski (BLR); 5. Garmulewicz (POL); 6. Alexandrow (KGZ)
Superschwergewicht (bis 130 kg)
G: Mahmut Demir (TUR)
S: Alexej Medwedjew (BLR)
B: Bruce Baumgartner (USA)
4. Schumilin (RUS); 5. Kowalewski (KGZ); 6. Thiele (GER)
RUDERN
MÄNNER
Einer
G: Xeno Müller (SUI) 6:44,85 min
S: Derek Porter (CAN) 6:47,45
B: Thomas Lange (GER) 6:47,72
4. Cop (SLO) 6:51,71; 5. Chalupa (CZE) 6:55,65; 6.Bekken (NOR) 6:59,51
Doppelzweier
G: Davide Tizzano/Agostino Abbagnale (ITA) 6:16,98 min
S: Kjetil Undseth/Steffen Stoerseth
(NOR) 6:18,42
B: Frederic Kowal/Samuel Barat-
hay (FRA) 6:19,85
4. Christensen/Haldbo-Hansen (DEN) 6:24,77; 5. Jonke/Zerbst (AUT) 6:25.17, 6. Mayer/ Opfer (GER) 6:29,32
Doppelzweier - Leichtgewicht
G: Michael Gier/Markus Gier (SUI) 6:23,47 min
S: Maarten van der Linden/Pepijn Aardewijn (NED) 6:26,48
B: Anthony Edwards/Bruce Hick (AUS) 6:26,69
4.de Marco/Saez (ESP) 6:28,0; 5. Sigl/Rantasa (AUT) 6:30,85; 6. Tichy/ Christensson (SWE) 6:34,78... Ausgeschieden: Uhrig/ Euler (GER) 6:30,43
Zweier ohne
G: Steven Redgrave/Matthew Pinsent (GBR) 6:20,09 min
S: David Weightman/ Robert Scott (AUS) 6:21,02
B: Michel Andrieux/Jean-Christo-
phe Rolland (FRA) 6:22,15
4. Penna/Bottega (ITA) 6:28,61; 5. Dunlop/Schaper (NZL) 6:29,24; 6. Banovic/Saraga (CRO) 6:30,48... Ausgeschieden: von Ettingshausen/ Ungemach (GER)
Doppelvierer
G: GER (Andre Steiner, Stephan Volkert, Andreas Hajek, Andre Willms) 5:56,93 min
S: USA (Tim Young, Brian Jamieson, Eric Mueller, Jason Gailes) 5:59,10
B: AUS (Janusz Hooker, Duncan Free, Ronald Snook, Boden Hanson) 6:01,65
4. ITA 6:02,12; 5. SUI 6:04,52; 6. SWE 6:07,75
Vierer ohne
G: AUS (Drew Ginn, James Tomkins, Nikolas Green, Michael McKay) 6:06,37 min
S: FRA (Gilles Bosquet, Daniel Fauche, Bertrand Vecten, Olivier Moncelat) 6:07,03
B: GBR (Rupert Obholzer, Jonny Searle, Gregory Searle, Timothy Foster) 6:07,28
24
4. SLO 6:07,87; 5. ROM 6:08,97; 6. ITA 6:10,60... Ausgeschieden: GER (Forster, Landvoigt, Fischer, Scholz)
Vierer ohne - Leichtgewicht
G: DEN (Niels Henriksen, Thomas Poulsen, Eskild Ebbesen, Victor Feddersen) 6:09,58 min
S: CAN (Jeffrey Lay, Dave Boyes, Gavin Hassett, Brian Peaker) 6:10,13
B: USA (David Collins, Jeff Pfaendtner, Marc Schneider, William Car-
lucci) 6:12,29
4. IRL 6:13,51; 5. GER (Rose, Weis, Buchheit, Stomporowski) 6:14,79; 6. AUS 6:18,16
Achter
G: NED (Henk-Jan Zwolle, Diederik Simon, Michiel Bartman, Koos Maasdijk, Niels van der Zwan, Niels von Steenis, Ronald Florijn, Nico Rienks, Jeroen Duyster) 5:42,74 min
S: GER (Frank Richter, Mark Kleinschmidt, Wolfram Huhn, Marc Weber, Detlef Kirchhoff, Thorsten Streppelhoff, Ulrich Viefers, Roland Baar, Peter Thiede) 5:44,58
B: RUS (Anton Schermaschentjew, Andrej Gluchkow, Dimitri Rosinkewitsch, Wladimir Wolodenkow, Nikolai Aksjonow, Roman Montschenko, Pawel Melnikow, Sergej Matwejew, Alexander Lukjanow) 5:45,77
4. CAN 5:46,54; 5. USA 5:48,45; 6. AUS 5:58,82
FRAUEN
Einer
G: Jekaterina Chodotowitsch (BLR) 7:32,21 min
S: Silke Laumann (CAN) 7:35,15
B: Trine Hansen (DEN) 7:37,20
4. Brandin (SWE) 7:42,58; 5. Batten (GBR) 7:45,08; 6.Davidon (USA) 7:46,47... Aus-geschieden: Evers (GER)
Doppelzweier
G: Marnie McBean/ Kathleen Heddle (CAN) 6:56,84 min
S: Mian Ying Cao/ Xiu Yun Zhang (CHN) 6:58,35
B: Irene Eijs/ Eeke van Nes (NED) 6:58,72
4. Hatzakis/Roye (AUS) 7:01,26; 5. Thieme/ Lutze (GER) 7:04,14; 6. Ba-ker/Lawson (NZL) 7:09,92
Doppelzweier - Leichtgewicht
G: Constanta Burcica/Camelia Macovieiuc (ROM) 7:12,78 min
S: Teresa Bell/Lindsay Burns (USA) 7:14,65
B: Rebecca Joyce/Virginia Lee (AUS) 7:16,56
4. Bertini/Orzan (ITA) 7:16,83; 5. Christoffersen/Andersson (DEN) 7:18,20; 6. Vermulst/Meliesie (NED) 7:21... Ausgeschieden: Darvill/ Kaps (GER) 7:04,31
Zweier ohne
G: Megan Still/ Kate Slatter (AUS) 7:01,39 min
S: Missy Schwen/ Karen Kraft (USA) 7:01,78
B: Christine Gosse/ Helene Cortin (FRA)7:03,82
4. Haacker/ Werremeier (GER) 7:08,49; 5. Robinson/van der Kamp (CAN) 7:12,27; 6. Ligaschowa./Poschitajewa (RUS) 7:19,56
Doppelvierer
G: GER (Jana Sorgers, Katrin Rutschow, Kathrin Boron, Kerstin Köp-
pen) 6:27,44 min
S: UKR (Olena Ronchina, Inna Frolowa, Swetlana Masij, Diana Miftdachutdinowa) 6:30,36
B: CAN (Laryssa Biesenthal, Marnie McBean, Diane 0'Grady, Kathleen
Heddle) 6:30,38
4. DEN 6:30,92; 5. CHN 6:31,10; 6. NED 6:35,54
Achter
G: ROM (Anca Tanase, Vera Cochelea, Liliana Gafencu, Doina Spircu, loana Olteanu, Elisabeta Lipa, Marionara Popescu, Doina Ignat, Elena Georgescu) 6:19,73 min
S: CAN (Heather McDermid, Tosha Tsang, Maria Maunder, Ahson Korn, Emma Robinson, Anna van der Kamp, Jessica Monroe, Theresa Luke, 1,esley Thompson) 6:24,05
B: BLR (Natalja Lawrinenko, Alexandra Pankina, Natalja Wolschek, Tamara Dawidenko, Walentina Skrabatun, Jelena Mikulich, Natalja Stasiuk, Marina Snak, iaroslawa Pawlowitsch) 6:24,44
4.USA 6:26,19; 5. AUS 6:30,10; 6. NED 6:31,11... Ausgeschieden: GER (Justh, Rehaag, Naser, Gesch, A. Pyritz, Schmidt, D. Pyritz, Schell, Neunast)
SCHIESSEN
25
MÄNNER
Gewehr KK-Liegend
G: Christian Klees (GER)
704,8 (600/104,8) Ringe (WR)
S: Sergej Beljajew (KAZ) 703,3
B: Jozef Gonci (SVK) 701,9
4. Gonzalez (ESP) 701,7 ; 5. Mach (CZE) 700,9 ; 6. Martinow (BLR) 699,6 ... 11. Rücker (GER) 595
KK-Dreistellungskampf
G: Jean-Pierre Amat (FRA) 1273,9 (1175/98,9) Ringe
S: Sergej Beljajew (KAZ) 1272,3
B. Wolfram Waibel jun. (AUT) 1269,6
4. Maksimovic (YUG) 1268,8; 5. Gonci (SVK) 1267,7; 6. Harbison (USA) 1267,7 (1170/97,7)... Ausgeschieden: Eckhardt (GER) 1165,37; Klees (GER) 1155
Schnellfeuerpistole
G: Ralf Schumann (GER) 698,0 (596/102,0) Ringe
S: Emil Milev (BUL) 692,1
B: Wladimir Wochmjanin (KAZ) 691,5
4.Kucharczyk (POL) 690,5; 5. Meng (China) 687,1; 6. Lisoconi (MDA) 687,0... 8.Leonhard (GER)683,6
Freie Pistole
G: Boris Kokorew (RUS) 666,4 (570/96,4) Ringe
S: Igor Basinski (BLR) 662,0
B. Roberto di Donna (ITA) 661,8
4.Konstantin (BLR) 660,1; 5. Fait (ITA) 659,8; 6. Wang Yifu (CHN) 659,3... 35. Neumaier 549, 37. Gevorgian (alle GER) 548
Luftgewehr
G: Artem Kadschibekow (RUS) 695,7 (594/101,7) Ringe
S. Wolfram Waibel jun. (AUT) 695,2
B: Jean-Pierre Amat (FRA) 693,1
4. Aleinikow (RUS) 692,9; 5. Steinar Rolland (NOR) 692,5; 6. Debevec (SLO) 692,1... 9. Eckhardt 591; 18. Riederer (alle GER) 588
Luftpistole
G: Roberto di Donna (ITA) 684,2 (585/99,2) Ringe
S: Wang Yifu (CHN) 684,1
B: Tanu Kiriakov (BUL) 683,8
4. Pyshjanow (RUS) 683,5; 5. Pietrzak (POL) 682,7; 6. Tan Zongliang (CHN) 682,0... Ausgeschieden: Gevorgian; Neumaier (alle GER) je 580
Laufende Scheibe
G: Ling Yang (CHN) 685,8 (585/100,8) Ringe
S: Jun Xiao (CHN) 679,8
B: Miroslav Janus (CZE) 678,4
4. Sike (HUN) 677,1; 5. Likin (RUS) 676,7; 6. Holmberg (FIN) 672,4...
7. Zimmermann 672,2; 11. Jakosits (alle GER) 568
Trap
G: Michael Diamond (AUS) 149 Scheiben
S: Josh Lakatos (USA) 147
B: Lance Bade (USA) 147
4. Maxwell (AUS) 146; 5. Bing Zhang (CHN) 146; 6. Slamka (SVK) 145;...10. Bindrich 121; 20. Damme 119, 49. Möller (alle GER) 114
Doppel-Trap
G: Russell Mark (AUS) 189 Scheiben
S: Albana Pera (ITA) 183
B: Bing Zhang (CHN) 183
4. Chul-Sung Park (SKR) 183; 5. Faulds (GBR) 180; 6. I-Chien Huang (TPE) 178... 15. Bindrich 133... 22. Schanz (alle GER) 128
Skeet
G: Ennio Falco (ITA) 149 Scheiben
S: Miroslaw Rzepkowski (POL) 148
B: Andrea Benelli (ITA) 147
4.Rassmussen (DEN) 147; 5. Tiopli (RUS) 146; 6. Timofejevs (LAT) 145... Ausgeschieden: Hochwald 119; Heinrich; Wegner (alle GER) je 118.
FRAUEN
Dreistellungskampf
G: Aleksandra Ivosev (YUG) 686,1R.
S: Irina Gerasimenok (RUS) 680,1
B: Renata Mauer (POL) 679,8
4. Obel (GER) 679,2; 5. Matowa (BUL) 678,8; 6. Hyun-Ah Kong (SKR) 675,8... 9. Petra Horneber (GER) 579
Sportpistole
G: Duihong Li (CHN) 687,9 Ringe
S: Diana Jorgowa (BUL) 684,8
B: Marina Logwinenko (RUS) 684,2
4. Soon-Hee Boo (SKR) 683,9; 5. Otryad (MGL) 681,3; 6. Sekaric (YUG) 680,4... 23.Völker (GER) 573
Luftgewehr
G: Renata Mauer (POL) 497,6 Ringe
S: Petra Horneber (GER) 497,4
B: Aleksandra Ivosev (YUG) 497,2
4. Bellenoue (FRA) 496,6; 5. Po-
grebniak (BLR) 496,4; 6. Nedvedova (CZE) 495,1 (395/100,1)... Ausgeschieden: 36. Knells (GER) 386
Luftpistole
26
G: Olga Kloschnewa (RUS) 490,8 R.
S: Marina Logwinenko (RUS) 488,5
B: Mariya Grozdeva (BUL) 488,5
4. Sekaric (YUG) 487,1; 5. Saluk-
wadze (GEO) 484,0; 6. Beljajewa
(KAZ) 481,7... Ausgeschieden: 27. Völker (GER)
Doppeltrap
G: Kim Rhode (USA) 141 Scheiben
S: Susanne Kiermayer (GER) 139
B: Deserie Huddlestone (AUS) 139
4. Dewitt (USA) 137; 5. Murtonienen (FIN) 133; 6. Kira (JPN) 132
SCHWIMMEN
MÄNNER
50 m Freistil
G: Alexander Popow (RUS) 22,13 s
S: Gary Hall jun. (USA) 22,26
B: Fernando Scherer (BRA) 22,29
4. Chengji Jiang (CHN) 22,33; 5. Dedekind (RSA) 22,59; 6. Fox (USA) 22.68... Ausgeschieden: Lüderitz (GER) 23,06
100 m Freistil
G: Alexander Popow (RUS) 48,74 s
S:Gary Hall jun. (USA) 48,81
B: Gustavo Borges (BRA) 49,02
4. van den Hoogenband (NED) 49,13; 5. Scherer (BRA) 49,57; 6. Chnykin (UKR) 49.65...Ausgeschieden: Tröger 49,90; Zikarsky (alle GER) 49,91
200 m Freistil
G: Danyon Loader (NZL) 1:47,63 min.
S: Gustavo Borges (BRA) 1:48,08
B: Daniel Kowalski (AUS) 1:48,25
4. van den Hoogenband (NED) 1:48,36; 5. Holmertz (SWE) 1:48,42; 6. Rosolino (ITA) 1:48,50... Ausgeschieden: Heilmann (GER) 1:48,81
400 m Freistil
G: Danyon Loader (NZL) 3:47,97 min
S: Paul Palmer (GBR) 3:49,00
B: Daniel Kowalski (AUS) 3:49,39
4.Brembilla (ITA) 3:49,87; 5. Holmertz (SWE) 3:50.68; 6. Rosolino (ITA) 3:51,04... 7. Hoffmann (GER) 3:52,15... Ausgeschieden: Wiese (GER) 3:52,37
1500 m Freistil
G: Kieren Perkins (AUS) 14:56,40 min
S: Daniel Kowalski (AUS) 15:02,43
B: Graeme Smith (GBR) 15:02,48
4. Brembilla (ITA) 15:08,58; 5.Neethling (RSA) 15:14,63; 6. Hirano (JPN) 15:17,28... 7. Hoffmann (GER) 15:18,86... Ausgeschieden: Zesner (GER) 15:21,65
100 m Rücken
G: Jeff Rouse (USA) 54,10 s
S: R.Falcon Cabrera (CUB) 54,98
B: Bent Neisser (CUB) 55,02
4. Lopez-Zubero (ESP)55,16; 5. Schwenk (USA) 55,30; 6. Merisi (ITA) 55,53... 7. Braun (GER) 55,56; Ausgeschieden: Theloke (GER) 56,63
200 m Rücken
G: Brad Bridgewater (USA) 1:58,54 min
S: Tripp Schwenk (USA) 1:58,99
B: Emanuele Meresi (ITA) 1:59,18
4. Sikora (POL) 2:00,05; 5. Itoi (JPN) 2:00,10; 6. Lopez-Zubero (ESP) 2:00,74... Ausgeschieden: Braun (GER)
100 m Brust
G: Frederik Deburghgraeve (BEL) 1:00,65 min (Vorlauf. 1:00,60/WR)
S: Jeremy Linn (USA) 1:00,77
B: Mark Warnecke (GER) 1:01,33 (DR)
4. Güttler (HUN) 1:01,49; 5. Rogers (AUS) 1:01,64; 6. Grote (USA) 1:01,69
200 m Brust
G: Norbert Rosza (HUN) 2:12,57 min
S: Karoly Güttler (HUN) 2:13,03
B: Andrej Kornejew (RUS) 2:13,17
4. Gillingham (GBR) 2:14,37; 5. Rogers (AUS) 2:14,79; 6. Krawczyk (POL) 2:14,84
100 m Schmetterling
G: Denis Pankratow (RUS) 52,27 s (WR)
S: Scott Miller (AUS) 52,53
B: Wadislaw Kulikow (RUS) 53,13
4. Jiang (CHN) 53,20; 5. Szukala (POL) 53,29; 6. Klim (AUS) 53,30 Ausgeschieden: Lampe (GER) 54,56
200 m Schmetterling
G: Denis Pankratow (RUS) 1:56,51min
S: Tom Malchow (USA) 1:57,44
B: Scott Goodman (AUS) 1:57,48
4. Esposito (FRA) 1:58,10; 5. Miller (AUS) 1:58,28; 6. Sylantjew (UKR) 1:58,37... Augeschieden: Lampe 2:00,08; Bremer (alle GER) 2:01,62
200 m Lagen
G: Attila Czene (HUN) 1:59,91 min
S: Jani Sievinen (FIN) 2:00,13
B: Curtis Myden (CAN) 2:01,13
4. Wouda (NED) 2:01,45; 5. Dunn (AUS) 2:01,57; 6. Burgess (USA) 2:02,56... Aus-geschieden: Keller 2:02,90; Theloke (alle GER) 2:03,90
400 m Lagen
G: Tom Dolan (USA) 4:14,90 min
S: Eric Namesnik (USA) 4:15,25
27
B: Curtis Myden (CAN) 4:16,28
4. Dunn (AUS) 4:16,66; 5. Wouda (NED) 4:17,71; 6.Sacchi (ITA) 4:18,31
4 x 100 m Freistil
G: USA (Jon Olsen, Josh Davis, Bradley Schumacher, Gary Hall jun.) 3:15,41 min
S: RUS (Roman Jegorow, Alexander Popow, Wladimir Predkin, Wladimir Pyschnenko) 3:17,06 (ER)
B: GER (Christian Tröger, Bengt Zikarsky, Björn Zikarsky, Mark Pinger) 3:17,20 (DR) 4.BRA 3:18,30; 5. NED 3:19,02; 6. AUS 3:20,13
4 x 200 m Freistil
G: USA (Josh Davis, Joe Hudepohl, Bradley Schumacher, Ryan Berube) 7:14,84 min
S: SWE (Christer Wallin, Anders
Holmertz, Lars Frolander, Anders
Lyrbring) 7:17,56
B: GER (Aimo Heilmann, Christian
Keller, Christian Tröger, Steffen
Zesner) 7:17,71
4. AUS 7:18,47; 5. GBR 7:18.74; 6. ITA 7:19,92
4 x 100 m Lagen
G: USA (Jeff Rouse, Mark Henderson, Gary Hall jun., Jeremy Linn) 3:34,84 min (WR)
S: RUS (Wladimir Selkow, Stanislaw Lopuchow, Denis Pankratow, Alexander Popow) 3:37,55 (ER)
B: AUS (Philip Rogers, Michael Klimm, Scott Miller, Steven Dewick) 3:39,56
4. GER (Braun, Warnecke, Keller, Björn Zikarsky) 3:39,64 (DR); 5. JPN 3:40,51; 6. HUN 3:40,84
FRAUEN
50 m Freistil
G: Amy van Dyken (USA) 24,87 s
S: Jingyi Le (CHN) 24,90
B: Sandra Völker (GER) 25,14
4. Martino (USA) 25,31; 5. Martindale (BAR) 25,49; 6. Olofsson (SWE) 25,63... Ausgeschieden: Osygus 26,16 (GER)
100 m Freistil
G: Jingyi Le (CHN) 54,50 s
S: Sandra Völker (GER) 54,88
B: Angel Martino (USA) 54,93
4. van Dyken (USA) 55,11; 5. van Almsick (GER) 55,59; 6. Ryan (AUS) 55,85
200 m Freistil
G: Claudia Poll (CRC) 1:58,16 min
S: Franziska van Almsick (GER) 1:58,57
B: Dagmar Hase (GER) 1:59,56
4. Jackson (USA) 1:59,57; 5. O'Neill (AUS) 1:59,87; 6. Teuscher (USA) 2:00,79
400 m Freistil
G: Michelle Smith (IRL) 4:07,25 min
S: Dagmar Hase (GER) 4:08,30
B: Kirsten Vlieghuis (NED) 4:08,70
4. Kielgaß (GER) 4:09,83; 5. C. Poll (CRC) 4:10,00; 6. Geuris (NED) 4:10,06
800 m Freistil
G: Brooke Bennett (USA) 8:27,89 min
S: Dagmar Hase (GER) 8:29,91
B: Kirsten Vlieghuis (NED) 8:30,84
4. Kielgaß (GER) 8:31,06; 5. Dalby (Nor) 8:38,34; 6. Evans (USA) 8:38,91
100 m Rücken
G: Beth Botsford (USA) 1:01,19 min
S: Whitney Hedgepeth (USA)1:01,47
B: Marianne Kriel (SFA) 1:02,12
4. Nakamura (JPN) 1:02,33; 5. Yan Chen (CHN) 1:02,50; 6. Antje Buschschulte (GER) 1:02,52... Ausgeschieden: Scholz (GER) 1:02,85
200 m Rücken
G: Krisztina Egerszegi (HUN) 2:07,83 min
S: Whitney Hedgepeth (USA) 2:11,98
B: Cathleen Rund (GER) 2:12,06
4. Scholz (GER) 2:12,90; 5. Nakao (JPN) 2:13,57; 6. Simcic (NZL) 2:14,04
100 m Brust
G: Penelope Heyns (RSA) 1:07,73 min (Vorlauf. 1:07,02 WR)
S: Amanda Beard (USA) 1:08,09
B: Samantha Riley (AUS) 1:09,18
4. Bondarenko (UKR) 1:09,21; 5. Lischka (AUT) 1:09,24; 6. Clouthier (CAN) 1:09,40... Ausgeschieden: Dumitru (GER) 1:11,92
200 m Brust
G: Penelope Heyns (RSA) 2:25,41min
S: Amanda Beard (USA) 2:25,75
B: Agnes Kovacs (HUN) 2:26,57
4.Riley (AUS) 2:27,91; 5. Tanaka (JPN) 2:28,05; 6. Neumann (AUS) 2:28,34... Ausgeschieden: Dumitru (GER) 2:37,07
100 m Schmetterling
G: Amy van Dyken (USA) 59,13 s
S: Limin Liu (CHN) 59,14
B: Angel Martino (USA) 59,23
4. Kashima (JPN) 1:00,11; 5. O'Neill (AUS) 1:00,17; 6. Aoyama (JPN) 1:00,18... Ausgeschieden: Voitowitsch (GER) 1:01,14
200 m Schmetterling
G: Susan O'Neill (AUS) 2:07,76 min
28
S: Petria Thomas (AUS) 2:09,82
B: Michelle Smith (IRL) 2:09,91
4. Yun Que (CHN) 2:10,26; 5. Limin Liu (CHN) 2:10,70; 6. Deglau (CAN) 2:11,40... Ausgeschieden: Herbst (GER) 2:16,66
200 m Lagen
G: Michelle Smith (IRL) 2:13,93 min
S: Marianne Limpert (CAN) 2:14,35
B: Li Lin (CHN) 2:14,74
4. Malar (CAN) 2:15,30; 5. Overton (AUS) 2:16,04; 6. Wagner (USA) 2:16,43... Ausgeschieden: Herbst (GER) 2:16,68
400 m Lagen
G: Michelle Smith (IRL) 4:39,18 min
S: Allison Wagner (USA) 4:42,03
B: Krisztina Egerszegi (HUN) 4:42,53
4. Herbst (GER) 4:43,78; 5. Johnson (AUS) 4:44,02; 6. Coada (ROM) 4:44,91... Ausgeschieden: Rund (GER) 4:55,30
4 x 100 m Freistil
G: USA (Angel Martino, Amy van Dyken, Catherine Fox, Jenny Thompson) 3:39,29 min
S: CHN (Jingyi Le, Na Chao, Yun Nian, Ying Shan) 3:40,48
B: GER (Sandra Völker, Simone Osygus, Antje Buschschulte, Franziska
van Almsick) 3:41,48
4. NED 3:42,40; 5. SWE 3:44,91; 6. AUS 3:45,31
4 x 200 m Freistil
G: USA (Trina Jackson, Cristina Teuscher, Sheila Taormina, Jenny Thompson) 7:59,87 min
S: GER (Franziska van Almsick, Kerstin Kielgaß, Anke Scholz, Dagmar
Hase) 8:01,55
B: AUS (Julia Greville, Nicole Stevenson, Emma Johnson, Susan O'Neill) 8:05,47
4. JPN 8:07,46; 5. CAN 8:08,16; 6. NED 8:08,48
4 x 100 m Lagen
G: USA (Beth Botsford, Amanda Beard, Angel Martino, Amy van Dyken) 4:02,88 min
S: AUS (Nicol Stevenson, Samantha Riley, Susan O'Neifl, Sarah Ryan) 4:05,08
B: CHN (Yan Chen, Xue Han, Huijue Cai, Ying Han) 4:07,34
4. RSA 4:08,16; 5. CAN 4:08,29; 6. GER (Buschschulte, Dumitru, van Almsick, Völker) 4:09,22
WASSERSPRINGEN
MÄNNER
Kunstspringen (3 m)
G: Ni Xiong (CHN) 701,46 Pkt.
S: Zhuocheng Yu (CHN) 690,93
B: Mark Lenzi (USA) 686,49
4. Donie (USA) 666,93; 5. Sautin (RUS) 644,67; 6. Murphy (AUS) 640,95... 7. Hempel 622,32... 12. Wels (GER) 583,56
Turmspringen
G: Dimitri Sautin (RUS) 692,34 Pkt.
S: Jan Hempel (GER) 663,27
B: Xiao Hailiang (CHN) 658,20
4. Tian Liang (CHN) 648,18; 5. Timoschinin (RUS) 628,59; 6. Pichler (USA) 607,11... 8. Kühne (GER) 583,98
FRAUEN
Kunstpringen (3 m)
G: Fu Mingxia (CHN) 547,68 Pkt.
S: Irina Laschko (RUS) 512,19
B: Annie Pelletier (CAN) 509,64
4. Mosoes (USA) 507,99; 5. Schupina (UKR) 507,27; 6. Motobuchi (JPN ) 506,04... 11. Bockner 455,70, 16. Simona Koch (alle GER) 444,90
Turmspringen
G: Fu Mingxia (CHN) 521,58 Pkt.
S: Annika Walter (GER) 479,22
B: Mary Allen Clark (USA) 472,95
4. Ruehl (USA) 455,19; 5. Jingjing Guo (CHN) 447,21; 6. Schupina (UKR) 437,01 7...12. Wetzig (GER) 367,35
WASSERBALL
G: ESP
S: CRO
B: ITA
4. HUN; 5. RUS; 6. GRE... 9. GER
SYNCHRONSCHWIMMEN
Gruppe
G: USA (Suzannah Bianco, Tammy Cleland, Becky Dyroen-Lancer, Heather Pease, Jill Savery, Nathalie Schneyder, Heather SimmonsCarrasco, JiU Sudduth) 100,000 Pkt.
S: CAN (Lisa Alexander, Janice Bremner, Karen Clark, Karen Fünteyne, Sylvie Frechette, Christine
Larsen, Cari Read, Erin Woodley) 98,600
B: JPN (Raika Fujii, Rei Jimbo, Miho Kawabe, Akiko Kawase, Riho Nakaji-
ma, Miya Tachibana, Miho Takeda, Junko Tanaka) 97,800
4. RUS 97,400; 5. FRA 96,333; 6. ITA 94, 533
SEGELN
MÄNNER
29
470er
G: Jewgeni Braslawets/ Igor Matwijenko (UKR) 40 P
S: John Merricks/lan Walker (GBR) 61
B: Nuno Barreto/ Vitor Rocha (POR) 62
4. Leskinen/Aarnikka (FIN) 65; 5. Ber-joskin/ Burmatnow (RUS) 67; 6.J-F. Berthet/G. Berthet (FRA) 72...12. Rensch/ Haverland (GER) 105
Finn-Dinghy
G: Mateusz Kusznierewicz (POL)32 P.
S: Sebastien Godefroid (BEL) 45 45
B: Roy Heiner (NED) 50
4. Spitzauer (AUT) 54; 5. Loof (SWE) 57; 6. McKenzie (AUS) 67... 20. Fellmann (GER) 121
Mistral
G: Nikolaos Kaklamanakis (GRE) 17 P.
S: Carlos Espinola (ARG) 19
B: Gal Fridman (ISR) 21
4. McIntosh (NZL) 27; 5. de Chavigny (FRA) 37; 6.Gebhardt (USA) 41...10. Bornhäuser (GER) 60
FRAUEN
470er
G: Theresa ZabeIl/Begona via Dufresne (ESP) 25 Pkt.
S: Yumiko Shige/ Alicia Kinoshita (JPN) 36
B: Ruslana Taran/ Olena Pacholtschik (UKR) 38
4. Stookey/van Voorhis (USA) 47; 5. Bauckholt/ Adlkofer (GER) 49; 6. Ward/ Ward (DEN) 56
Europe
G: Kristine Roug (DEN) 24 Pkt.
S: Margriet Matthysse (NED) 30
B: Courtenay Becker-Dey (USA) 39
4. Robertson (GBR) 41; 5. Ferris (NZL) 73; 6. Sibylle Powarzynski (GER)
Mistral
G: Lai-Shan Lee (HGK) 16 Pkt.
S: Barbara Kendall (NZL) 24
B: Alessandra Sensini (ITA) 28
4. Ke Li (CHN) 29, 5. Horgen (NOR) 31; 6. Staszewska (POL) 38
Mix
Soling
G: GER (Jochen Schümann, Thomas Flach, Bernd Jäkel)
S: RUS (Georgi Schaiduko, Igor Skalin,Dimitri Schabanow)
B: USA (Jeff Madrigali, Jim Barton,
Kent Massey)
4. GBR, 5. DEN und CAN
Starboot
G: Torben Grael/ Marcelo Ferreira (BRA) 25 Pkt.
S: Hans Wallen/ Bobbie Lohse (SWE) 29
B: Colin Beahsel/ David Giles (AUS) 32
4. Bountouris/Boukis (GRE) 45; 5. Davis/Cowie (NZL) 46; 6. Chieffi/Sinibaldi (ITA) 52... 10. Butzmann/ Falkenthal (GER) 66
Laser
G: Robert Scheidt (BRA) 26 Pkt.
S: Ben Ainslee (GBR) 37
B: Peer Moberg (NOR) 46
4. Blackburn (AUS) 48, 5. Warkalla (GER) 54; 6. Harrysson (SWE) 55
Tornado
G: Fernando Leon/ Jose Luis Ballester (ESP) 30 Pkt.
S: Mitch Booth/ Andrew Landenberger (AUS) 42
B: Lars Grael/ Kiko Pellicano (BRA) 43
4. Hagara/Schneeberger (AUT) 44; 5. Pirinoli/ Pirinoli (ITA) 44; 6. le Peutrec/Citeau (FRA) 46... 7. Gäbler/ Parlow (GER) 48
SOFTBALL
G: USA
S: CHN
B: AUS
4. JPN, 5. CAN, 6. TPE
TENNIS
Männer - Einzel
G: Andre Agassi (USA)
S: Sergi Bruguera (ESP)
B: Leander Paes (IND)
4. Meligeni (BRA)
Ausgeschieden: Goellner (GER)
Männer - Doppel
G: Todd Woodbridge/
Mark Woodforde (AUS)
S: Neil Broad/ Tim Henman (GBR)
B: Marc-Kevin Goellner/ David Prinosil (GER)
4. Eltingh/Haarhuis (NED)
Frauen - Einzel
G: Lindsay Davenport (USA)
S: Arantxa Sanchez-Vicario (ESP)
B: Jana Novotna (CZE)
4. Mary Joe Fernandez (USA)
Frauen - Doppel
G: Gigi Fernandez/ Mary Fernandez (USA)
S: Jana Novotna/ Helena Sukova (CZE)
B: Conchita Martinez/ Arantxa Sanchez-Vicario (ESP)
4. Bollegraf/Schulz-McCarthy (NED)
30
TISCHTENNIS
Männer - Einzel
G: Liu Guoliang (CHN)
S: Wang Tao (CHN) ,
B: Jörg Roßkopf (GER)
4. Korbel (CZE); 5. Kim Taek Soo (SKR); 6. Huang (CAN), Saive (BEL) und Samsonow (BLR)...Ausgeschieden: Fetzner; Franz (alle GER)
Männer - Doppel
G: Kong Linghui/ Liu Guoliang (CHN)
S: Lu Lin/Wang Tao (CHN)
B: Lee Chul-Seung/ Yoo Nam-Kyu (SKR)
4. Roßkopf/Fetzner (GER); 5. Kang Hee-Chari/Kim Taek-Soo (SKR), Eloi/Gatien (FRA), Matsushita/Shibutani (JPN) und Persson/Waldner (SWE)
Frauen - Einzel
G: Deng Yaping (CHN)
S: Chen Jing (TPE)
B: Qiao Hong (CHN)
4. Liu Wei (CHN); 5. Nicole Struse (GER); Kim Hyon (PRK); Koyama (JPN); Chan Tan-Lui (HGK)
Frauen - Doppel
G: Deng Yaping/Qiao Hong (CHN)
S: Liu Wei/Qiao Yunping (CHN)
B: Park Hae-Jung/Ryu Ji-Hae (SKR)
4.Kim Moo Kyo/Park Kyoung Ae (SKR), 5. Chen Chiu Tan/Chen Jing (TPE), Chai Po Wa/Chan Tan Lui (HGK), Palina/Timina (RUS) und Koyama/Todo (JPN)
TURNEN
MÄNNER
Mehrkampf - Einzel
G: Li Xiaoshuang (CHN) 58,423 P
S: Alexej Nemow (RUS) 58,374
B: Witali Scherbo (BLR) 58,197
4. Zhang Jinjing (CHN) 58,148; 5. Shen Jian (CHN) 57,861; 6. Belenki (GER) 57,848... 13. Wecker 57,412; 23. Nikiferow (alle GER) 56,824
Mehrkampf - Mannschaft
G: RUS (Sergej Scharkow, Nikolai Krukow, Alexej Nemow, Eugeni Podgorni, Dimitri Trusch, Dimitri Wasilenko, Alexej Woropajew) 576,778 P.
S: CHN (Bin Fan, Hongbin Fan, Huadong Huang, Liping Huang, Li Xiaoshuang, Shen Jian, Zhang Jinging) 575,539
B: UKR (Igor Korobschinski, Oleg Kosiak, Grigori Misutin, Wladimir Schamenko, Rustam Scharipow, Alexander Swetlitschni, Juri Jermakow) 571,541
4. BLR 571,381; 5. USA 570,618; 6. BUL 567,567... 7. GER (Wecker, Belenki, Nikiferow, Walther, Billerbeck, Oelsch, Toba) 567,405
Boden
G: loannis Melissanidis (GRE) 9,850 P
S: Li Xiaoshuang (CHN) 9,837
B: Alexej Nemow (RUS) 9,800
4. Aymes (FRA); Ivanov (BUL) je 9,750, 6. Podgorny (RUS) 9,550
Seitpferd
G: Li Donghua (SUI) 9,875 P
S: Marius Urzica (ROM) 9,825
B: Alexej Nemow (RUS) 9,787
4. Casimir (FRA) 9,762; 5. Huadong Huang (CHN); Hatakeda (JPN) je 9,712
Ringe
G: Juri Chechi (ITA) 9,887 P
S: Dan Burinca (ROM) 9,812
B: Szilveszter Csollany (HUN) 9,812
4. Jovtchev (BUL) 9,800; 5. Wecker (GER); Hongbin Fan (CHN) je 9,762
Pferdsprung
G: Alexej Nemow (RUS) 9,787 P
S: Yeo Hong-Chul (SKR) 9,756
B: Witali Scherbo (BLR) 9,724
4. Ivanov (BUL); Li Xiaoshuang (CHN) je 9,643; 6. Woropajew (RUS) 9,618
Barren
G: Rustam Scharipow (UKR) 9,837 P
S: Jair Lynch (USA) 9,825
B: Witali Scherbo (BLR) 9,800
4. Nemow (RUS); Jingjing Zhang (CHN) je 9,750, 6.Huang Liping (CHN) 9,737
Reck
G: Andreas Wecker (GER) 9,850 P
S: Krasimir Dounev (BUL) 9,825
B: Witali Scherbo (BLR) 9,800
Fan Bin (CHN) 9,800
Alexej Nemow (RUS) 9,800
6. Woropajew (RUS) 9,712
FRAUEN
Mehrkampf-Einzel
G: Lilia Podkopajewa (UKR) 39,255 P
S: Gina Gogean (ROM) 39,075
B: Lavinia Milosovici (ROM) 39,067
Simona Amanar (ROM) 39,067
5. Mo Huilan (CHN) 39,049; 6. Koschet-kowa (RUS) 38,980
Mehrkampf-Mannschaft
G: USA (Amanda Borden, Jaycie Phelps, Amy Chow, Shannon Miller, Dominique Dawes, Dominique Moceanu, Kerri Strug) 389,225 P
31
S: RUS (Eugenia Kusnetsowa, Oksana Liapina, Elena Groschewa, Swetlana Schorkina, Elena Dolgopolowa, Dina Koschetkowa, Rozalia Galiewa) 388,404
B: ROM (lonela Loaies, Mirela Tugurlan, Gina Gogean, Alexandra Marinescu, Lavinia Milosovici, Simona Amanar) 388,246
4. CHN 385,867; 5. UKR 385,841; 6. BLR 381,263
Sprung
G: Simona Amanar (ROM) 9,825 P
S: Huilan Mo (CHN) 9,768
B: Gina Gogean (ROM) 9,759
4. Galiewa (RUS) 9,743; 5. Boginskaja (BLR) 9,712; 6. Dawes (USA) 9,649
Stufenbarren
G: Swetlana Schorkina (RUS) 9,850 P
S: Amy Chow (USA) 9,837
S: Wenjing Bi (CHN) 9,837
4.Dawes (USA) 9,800; 5. Podkopajewa (UKR); Koschetkowa (RUS); Amanar (ROM) je 9,787
Schwebebalken
G: Shanonn Miller (USA) 9,862 P
S: Lilia Podkopajewa (UKR) 9,825
B: Gina Gogean (ROM) 9,787
4. Koschetkowa (RUS) 9,737; 5. Teslenko (UKR) 9,625; 6. Moceanu (USA) 9,125
Boden
G: Lilia Podkopajewa (UKR)9,887 P
S: Simona Amanar (ROM) 9,850
B: Dominique Dawes (USA) 9,837
4. Moceanu (USA) 9,825; 5. Koschetkowa (RUS) 9,800, 6. Huilan Mo(CHN) 9,700
SPORTGYMNASTIK
Einzel
G: Jekaterina Serebrianskaja (UKR)
39,683 P
S: Janina Batirschina (RUS) 39,382
B: Jelena Witrischenko (UKR) 39,331
4. Zaripowa (RUS) 39,264; 5. Petrova (BUL) 38,999; 6. Serrano (FRA) 38,816... 10. Brzeska 38,315; Ausgeschieden: Sroka (alle GER) 37,133.
Mannschaft
G: ESP (Marta Baldo, Nuria Cabanillas, Esteia Girnenez, Lorena Gurendez, Tania Lamarca, Estibafiz Martinez) 38,933 P
S: BUL (Ina Deltscheva, Valentina Kevlian, Maria Koleva, Maja Tabakova, Ivalina Taleva, Vjara Vataschka) 38,866
B: RUS (Ewgenia Botschkarjowa, Olga Schtyrenko, Irina Dshuba, Angelina Juschkowa, Julia lwanowa, Elena Kriwoschei) 38,365
4. Fra 38,199; 5. CHN 37,999; 6. BLR 37,982... Ausgeschieden: GER (Bittner, Hoffmann, Jung, Schlitz, Stäblein, Wildermuth) 37,882.
VOLLEYBALL
MÄNNER
G: NED
S: ITA
B: YUG
4. RUS; 5.BRA; 6. CUB
FRAUEN
G: CUB
S: CHN
B: BRA
4. RUS; 5. NED; 6. SKR
Die teilnehmenden Länder
AFG Afghanistan
AHO Niederländische Antillen
ALB Albanien
ALG Algerien
AND Andorra
ANG Angola
ANT Antigua und Barbuda
ARG Argentinien
ARM Armenien
ARU Aruba
ASA Am.-Samoa
AUS Australien
AUT Österreich
AZE Aserbaidschan
BAH Bahamas
BAN Bangladesh
BAR Barbados
BDI Burundi
BEL Belgien
BEN Benin
BER Bermudas
BHU Bhutan
BIH Bosnien-Herzeg.
BIZ Belize
BLR Belorußland
BOL Bolivien
BOT Botswana
BRA Brasilien
BRN Bahrain
BRU Brunei
BUL Bulgarien
BUR Burkina Faso
CAF Zentralafrik.Rep.
CAM Kambodscha
CAN Kanada
CAY Cayman-Inseln
CGO VR Kongo
CHA Tschad
32
CHI Chile
CHN VR China
CIV Goldküste
CMR Kamerun
COK Cook-Inseln
COL Kolumbien
COM Komaren
CPV Kapv. Inseln
CRC Kostarica
CRO Kroatien
CUB Kuba
CYP Zypern
CZE Tschech.Republik
DEN Dänemark
DJI Dschibuti
DMA Dominica
DOM Dominik.Republik
ECU Ekuador
EGY Ägypten
ESA EI Salvador
ESP Spanien
EST Estland
ETH Äthiopien
FIJ Fidschi-Inseln
FIN Finnland
FRA Frankreich
GAB Gabun
GAM Gambia
GBR Großbritannien
GEO Georgien
GEQ Äquat.-Guinea
GER BR Deutschkland
GHA Ghana
GNB Guinea-Bissau
GRE Griechenland
GRN Grenada
GUA Guatemala
GUI Guinea
GUM Guam
GUY Guyana
HAI Haiti
HGK Hongkong
HON Honduras
HUN Ungarn
INA Indonesien
IND Indien
IRI Islam.Rep. Iran
IRL Irland
IRQ Irak
ISL Island
ISR Israel
ISV Jungfern-Inseln
ITA Italien
IVB Brit.Jungferninseln
JAM Jamaika
JOR Jordanien
JPN Japan
KAZ Kasachstan
KEN Kenia
KGZ Kirgisien
KSA Saudi-Arabien
KUW Kuweit
LAO Laotische VR
LAT Lettland
LBA Libysche A. Y.
LBR Liberia
LCA Saint Lucia
LES Lesotho
LIB Libanon
LIE Liechtenstein
LTU Litauen
LUX Luxemburg
MAD Madagaskar
MAR Marokko
MAL Malaysia
MAW Malawi
MDA Moldawien
MDV Malediven
MEX Mexiko
MGL Mongolei
MKD Früh. Mazedonien
MLI Mali
MLT Malta
MON Monaco
MOZ Mocambique
MRI Mauritius
MTN Mauretanien
MYA Myanmar
NAM Namibia
NCA Nikaragua
NED Niederlande
NEP Nepal
NGR Nigeria
NIG Niger
NOR Norwegen
NRU Nauru
NZL Neuseeland
OMA Oman
PAK Pakistan
PAN Panama
PAR Paraguay
PER Peru
PHI Philippinen
PLE Palästina*
PNG Papua-Neug.
POL Polen
POR Portugal
PRK Dem. VR Korea
33
PUR Puerto Rico
QAT Katar
ROM Rumänien
RSA Südafrika
RUS Russ. Föderation
RWA Ruanda
SAM Westsamoa
SEN Senegal
SEY Seychellen
SIN Singapur
SKN St. Kitts u. Nevis
SKO Südkorea
SLE Sierra Leone
SLO Slowenien
SMR San Marine
SOL Solomon-Inseln
SOM Somalia
SRI SriLanka
STP Sao Tome u.
Principe
SUD Sudan
SUI Schweiz
SUR Surinam
SVK Slowakei
SWE Schweden
SWZ Swaziland
SYR Syrische A. R.
TAN V. Rep.Tansania
TGA Tonga
THA Thailand
TJK Tadschikistan
TKM Turkmenien
TOG Togo
TPE Chin. Taipeh
TRI Trinidad u.Tob.
TUN Tunesien
TUR Türkei
UAE V. A. Emirate
UGA Uganda
UKR Ukraine
URU Uruguay
USA V. St.v. Amerika
UZB Usbekistan
VAN Vanuata
VEN Venezuela
VIE Vietnam
VIN St. Vincent und
die Grenadines
YEM Jemen
YUG Jugoslawien
ZAI Zaire
ZAM Sambia
ZIM Simbabwe
Die Verteilung der
Medaillen
USA 44 32 25
Rußland 26 21 16
Deutschland 20 18 27
China 16 22 12
Frankreich 15 7 15
Italien 13 10 12
Australien 9 9 23
Kuba 9 8 8
Ukraine 9 2 12
Südkorea 7 15 5
Polen 7 5 5
Ungarn 7 4 10
Spanien 5 6 6
Rumänien 4 7 9
Niederlande 4 5 10
Griechenland 4 4 0
Tschechien 4 3 4
Schweiz 4 3 0
Dänemark 4 1 1
Türkei 4 1 1
Kanada 3 11 8
Bulgarien 3 7 5
Japan 3 6 5
Kasachstan 3 4 4
Brasilien 3 3 9
Neuseeland 3 2 1
Südafrika 3 1 1
Irland 3 0 1
Schweden 2 4 2
Norwegen 2 2 3
Belgien 2 2 2
Nigeria 2 1 3
Nordkorea 2 1 2
Algerien 2 0 1
Äthopien 2 0 1
Großbritannien 1 8 6
Weißrußland 1 6 8
Kenia 1 4 3
Jamaika 1 3 2
Finnland 1 2 1
Indonesien 1 1 2
Jugoslawien 1 1 2
Iran 1 1 1
Slowakei 1 1 1
Armenien 1 1 0
Kroatien 1 1 0
Portugal 1 0 1
Thailand 1 0 1
Burundi 1 0 0
Costa Rica 1 0 0
Ekuador 1 0 0
Hongkong 1 0 0
34
Syrien 1 0 0
Argentien 0 2 1
Namibia 0 2 0
Slowenien 0 2 0
Österreich 0 1 2
Malaysia 0 1 1
Moldawien 0 1 1
Usbekistan 0 1 1
Aserbaidschan 0 1 0
Bahamas 0 1 0
Lettland 0 1 0
Philippinen 0 1 0
Sambia 0 1 0
Taiwan 0 1 0
Tonga 0 1 0
Georgien 0 0 2
Marokko 0 0 2
Trinidad u. Tobago 0 0 2
Indien 0 0 1
Israel 0 0 1
Litauen 0 0 1
Mexiko 0 0 1
Mongolei 0 0 1
Mosambik 0 0 1
Puerto Rico 0 0 1
Tunesien 0 0 1
Uganda 0 0 1
35
Atlanta und der deutsche Sport
Von Helmut Horatschke
Die deutsche Olympiamannschaft flog mit dem Ziel nach Atlanta, das Ergebnis von Barcelona zu wiederholen (NOK - Präsident Tröger). Mit dem dritten Platz in der Medaillenwertung der Länder lehnt man sich vielerorts befriedigt zurück. Die Akte über das Gesamtabschneiden der deutschen Olympiamannschaft scheint geschlossen.
Zum Ergebnis von Barcelona gehörte aber nicht nur dieser dritte Platz, sondern auch die deutsche Medaillenbilanz. Hier der Vergleich:
Gold Silber Bronze Medaillen gesamt
1988 Seoul DDR 37 35 30 102
BRD 11 14 15 40
1992 Barcelona 33 21 28 82
1996 Atlanta 20 18 27 65
Im Vergleich zum Ergebnis der DDR in Seoul verlor die deutsche Mannschaft in Barcelona bereits 19 Prozent des Leistungvermögens. In Atlanta kam ein weiterer Verlust von 20 Prozent der Medaillen, davon 40 Prozent der Goldmedaillen hinzu. Dieser Absturz um 13 Gold-, 3 Silber- und 1 Bronzemedaille ist olympischer Negativrekord von Atlanta!
Die Plätze 4 - 6 können außer Betracht bleiben, weil hier keine wesentlichen Veränderungen eingetreten sind. Unberücksichtigt bleibt auch, daß in Atlanta 14 Disziplinen mehr ausgetragen wurden als in Barcelona und damit 42 neue Möglichkeiten eines Medaillengewinns auch für die deutsche Mannschaft zusätzliche Chancen boten.
Zu kritischem Nachdenken müsste auch die Bilanz der einzelnen Sportarten anregen. Weltweit Spitzenpositionen belegten:
1988 1992 1996
Kanu (DDR) Kanu Kanu
Reiten (BRD) Reiten Reiten
Rudern (DDR) Rudern
36
Schwimmen (DDR) Radsport
Fechten (BRD) Hockey
Zurückgefallen sind: Rudern - auf Platz 2 - ,Hockey - auf Platz 5 -, Radsport - auf Platz 7 -, Fechten - auf Platz 8 - und Schwimmen auf Platz 11.
Leistungseinbußen verzeichnen auch die Sportarten Handball, Tennis, Boxen, Ringen, Gewichtheben und Tischtennis. Selbst im Kanu gingen 2 Goldmedaillen verloren. Die besseren Ergebnisse im Wasserspringen, Kanuslalom, Segeln, Judo, Schießen und Bogenschießen können den Absturz bisher führender Sportarten nicht annähernd ausgleichen.
Angesichts dieser Schwäche der deutschen Mannschaft und der Aufteilung der UdSSR in selbständige Länder war es den USA ohne große Mühe möglich) trotz eines Verlustes von 7 Medaillen 7 Goldmedaillen mehr zu gewinnen und den Platz an der Spitze wieder einzunehmen, von dem sie 1972 hinter die UdSSR und 1976 / 1988 auch noch hinter die DDR zurückgefallen war.
Daß es sich bei dieser negativen Bilanz um ein extrem deutsches Problem handelt, bewiesen
Italien mit einem Plus von 16 Medaillen davon 7 Goldmedaillen
Frankreich 8 7
Australien 14 2
Gemeinsam mit China dürften sie in Sidnev als ernsthafte Konkurrenten um den dritten Rang in der Länderwertung zu erwarten sein. Im Gegensatz zum deutschen Sport halten es diese Länder (wie übrigens auch Norwegen,die Schweiz und andere) für durchaus opportun, sich an Erfahrungen des DDR- Sportes zu orientieren, sich von seinen Fachleuten beraten zu lassen und die in der Bundesrepublik Deutschland "abgewickelten" DDR-Spitzentrainer zu verpflichten.
In Kommentaren zum deutschen Ergebnis konnte man lesen und hören, daß es sich um ein biologisch ganz natürliches „Aufbrauchen“ der personellen Hinterlassenschaft der DDR handelt.
Trifft das zu ?
In der deutschen Olympiamannschaft standen 477 Sportlerinnen und Sportler.
265 aus den alten Bundesländern
175 aus der ehemaligen DDR und
37
37 eingebürgerte ausländische Sportler.
Auf die ehemaligen DDR-Sportler entfielen 33 an der 65 deutschen Medaillen, auf die der alten Bundesländer 27 und auf eingebürgerte ausländische Sportler 5 Bronzemedaillen.
Im einzelnen gewannen 48 ehemalige DDR - Sportler
65 Prozent der Goldmedaillen
55 Prozent der Silbermedaillen und
35 Prozent der Bronzemedaillen
16 von 25 vierten Plätzen vervollständigen dieses Bild, während auf den 5. und 6. Plätzen Sportler der alten Bundesländer dominierten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß 250 deutsche Athleten keine Plazierung unter den ersten sechs erreichten. Der besonders empfindliche Verlust an Goldmedaillen gegenüber Barcelona ist auf einen Leistungsabfall bei
ehemaligen DDR - Sportlern um 26,2 Prozent und bei
Sportlern der alten Bundesländer um 44,7 Prozent zurückzuführen.
Bei einer getrennten Wertung würden die Sportler der DDR den sechsten Platz (Barcelona noch dritter ) in der Ländertabelle, die der alten Bundesländer einschließlich eingebürgerten ausländischen Sportlern den 11. Platz (Barcelona noch siebenter) belegen.
Sinn dieser Beweiaführung ist deutlich zu machen, daß es hier nicht nur um einen ersatzlosen Verbrauch von DDR-Hinterlassenschaft, sondern um eine handfeste Misere des heutigen deutschen Sportes in allen Bundesländern geht.
Bedenklich für das internationale Ausehen und das Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Sidney kann die Situation werden, wenn im deutschen Sport niemand den Mut findet, sich mit der von der Alt-BRD überkommenen Konzeption der Sportförderung kritisch auseinanderzusetzen und sie (auch mit Hilfe von DDR-Erfahrungen und deren Fachleuten) durch eine moderne Konzeption umgehend abzulösen. Allerdings müßte man sich dann von dem einfachen Erklärungsmuster verabschieden, daß DDR-Erfolge auf "flächendekkendem" Doping beruhten. Schließlich haben gerade in der DDR aufgewachsener Sportler inzwischen bei zwei Olympischen Spielen, bei Welt- und Europameisterschaften bewiesen, daß sie im vorgeblich dopingfreien deutschen Sport zu gleichen oder noch besseren Leistungen fähig sind. Hatte demnach der DDR - Sport nicht noch andere Qualitäten? Wer das
38
nicht anerkennen will müßte zwangsläufig bei der abwegigen Vermutung landen,daß auch im heutigen deutschen Sport "flächendeckend" gedopt wird...
Eines der größten Defizite in den Führungsetagen des deutschen Sportes scheint sportfachliohe Kompetenz auf der Grundlage einer soliden sportwissenschaftlichen Qualifikation zu sein. Beispiele aus dem Sohwimmen, Rudern und anderen Sportarten lassen vermuten, daß "Nieten in Nadelstreifen" - die Formulierung stammt nicht von mir, sondern bekanntlich von betroffenen Athleten -, sachkompetente Verantwortung mit persönlicher Imagepflege verwechseln.
Eine kleine Schar private Kassen füllender hochbezahlte Profis - das Gros der Olympiastarter waren wolgemerkt keine Profis - und eine große Schar Athleten im sportlichem Mittelmaß und im persönlichen finanziellen Notstand - soll so die Zukunft des deutschen Sportes aussehen? Will man weiter Sportler im Ausland kaufen, statt eigene Talente zu fördern?
Auch wenn man den Spitzen- oder Leistungssport nicht für das Wichtigste am Sport hält - in seinen olympischen Ergebnissen spiegelt sich wider, was in einem Land an Sportförderung geleistet oder unterlassen wird. Das wird auch in den deutschen Politik- und Sportzentralen nicht geleugnet.
39
Die geteilte Gemeinsamkeit der
Deutschen*)
Von Karl Adolf Scherer
Die einen polieren ihre Medaillen, die anderen lecken ihre Wunden. Auf vielen Ebenen wird die sportliche Bilanz von Atlanta gezogen. Wundersame Erkenntnisse kommen dabei heraus. Eine ist unter dem Aspekt der neuen deutschen Gemeinsamkeit seit 1989/90 so zu formulieren: Die sportpolitischen Führungskräfte aus dem Westen halten das Steuer des Luxuswagens Leistungssport in der Hand, für die gute Fahrt holen sie sich den Treibstoff aus dem Osten. Der "neue Deutsche", der weder aus dem Westen noch aus dem Osten kommt, sondern nur aus Deutschland, wird frühestens 2000 in Sydney an den olympischen Start gehen.
Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta hat die deutsche Mannschaft mit ihren 481 Teilnehmern 65 Medaillen gewonnen, 20 goldene, 18 silberne und 27 bronzene. An dieser Sammlung, mit der ein dritter Platz im Medaillenspiegel hinter den USA und Rußland aber vor China, Frankreich, Italien und Australien eingenommen werden konnte, waren insgesamt 103 Damen und Herren beteiligt. Es gab genug Rechner, die über den Daumen peilten und dabei eine klare Dominanz der ehemaligen DDR herausgefunden haben wollten und diese damit begründeten, daß der Spitzensport hierzulande zu einem erheblichen Teil immer noch von den Zöglingen der Kinder- und Jugendsportschulen des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates profitiert.
Eine Aufschlüsselung der Medaillengewinner ergibt folgendes Gruppenbild: . 50 Medaillengewinner kommen aus dem Gebiet der ehemaligen DDR, 46 aus dem Bereich der Bundesrepublik Deutschland, und sieben sind eingebürgerte Ausländer, die ihren Sport außerhalb der deutschen Grenzen begonnen haben...
Was das sportliche Kräfteverhältnis zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland angeht, so ist ein Griff in die Geschichte ein interessantes Lehrstück. Nach der Einführung der "doppelten Deutschen" 1968 durch die Auflösung der gesamtdeutschen Olympiamannschaft, die sechsmal in der Arena
40
erschien, war die DDR immer die erfolgreichere der völlig gegensätzlichen deutschen Sportmächte... Wenn man will, hat sich diese Führungsrolle bis heute nicht geändert. Sie wird erst dann sich auflösen und verschwinden, wenn die alten Rechnungen beglichen sind. Irn Sport kann es nicht anders sein als in der Politik. Je offener über die alten Strukturen gesprochen wird, die hier wie dort immer wieder zu Vorbehalten führen, um so besser für die Perspektive 2000.
*) Entnommen dem offiziellen DSB-Pressedienst Nr. 35 (27.8.1996)
41
DISSERTATION (Teil 2):
Empirisch-theoretische Studie zu
entwicklungsbestimmenden
Bedingungen des Leistungssports der DDR.
Von Karsten Schumann:
Rezension und Auszüge von Heinz Schwidtmann
Nachfolgend sollen - wie im Heft 2 der „Beiträge zur Sportgeschichte“ angekündigt (S. 43) - weitere Auszüge aus den von K. Schumann dargestellten Bedingungen des Leistungssports in der DDR veröffentlicht werden.
In diesem Teil der Auszüge wird noch deutlicher, daß der Autor sich in seiner Dissertation bemüht, Erfahrungen und Meinungen von Experten und Insidern verschiedener Verantwortungsebenen und -bereiche sowie ein gründliches Quellenstudium zu nutzen, um Aufschluß über das Problemfeld zu gewinnen. So gelingen unseres Erachtens zeitgeschichtliche Wertungen und Urteile aus einer relativ unbefangenen Sicht und ohne nostalgische Verklärungen, die verständlicherweise nicht frei von Ungenauigkeiten sind. Es ist aber besonders in dem Kapitel zu den Bedingungen abzusehen, daß er maßgebliche Ursachen der leistungssportlichen Entwicklung und des erreichten Leistungs-niveaus dargestellt und unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert hat, besonders den langfristigen Leistungsaufbau und das Wirken des Trainers in diesem Prozeß. Auch das Zusammenspiel der Bedingungen belegt er deutlicher als das in anderen Verlautbarungen geschah und geschieht. Insbesondere die von ihm gewählte Konzentration auf die hauptsächlichen Bedingungen , die für die leistungssportliche Entwicklung bedeutsam sind, läßt erkennen, daß er zum Wesen der Erfolge des DDR-Leistungssports vorgedrungen ist. Dabei ist sich der Autor durchaus bewußt,daß gesamtgesellschaftliche, ökonomische oder soziale und andere Rahmenbedingungen im Gesamtprozeß des langfristigen Leistungsaufbaus wirksam sind und auch die
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spezifischen Entwicklungsbedingungen beeinflussen, so daß davon eigentlich nicht oder kaum abstrahiert werden kann. Entsprechend dem Anliegen der Dissertation waren aber jene spezifischen Bedingungen zu untersuchen, welche die Systemreflexion des Leistungssports - unter den gegebenen Rahmenbedingungen - auf unterschiedlichen Ebenen ebenso ermöglichten wie jenes Maß an Lern- und Innovationsleistungen, Neuheit und Originalität, welche infolge der außerordentlichen Dynamisierung der Geschichtlichkeit von sportlichen Höchst-leistungen in unserer Zeit für ein dauerhaft international relevantes Leistungsniveau notwendig waren und ganz offensichtlich auch sind. Dabei spannt er den Bogen vom Kinder- und Jugendsport und von der Talenterkennung über den langfristigen Leistungsaufbau und das Förderstufensystem bis zur Forschung und zur praxisrelevanten Aneignung neuester Forschungsergebnisse durch den Trainer, ohne sich an der Wertung und Gewichtung einzelner Bedingungen zu versuchen bzw. der Gefahr, einseitiger Bewertungen und der Mißachtung der Komplexität zu erliegen. Wie das zum Nachteil der Nachwuchs- und der Leistungsentwicklung heute üblich zu sein scheint. Denn gerade das haben sowohl die von den verantwortlichen Funktionären für die Vorbereitung der Olympiamannschaft gemachten Prognosen und mehr noch die bisherigen Verlautbarungen über das Erreichte und seine Ursachen in geradezu bedrückender und für die Betreffenden in blamabler Weise bestätigt. Das gilt insbesondere für die Tatsache, daß ganz offensichtlich einzelne strukturelle Maßnahmen die fehlenden Konzepte ersetzen sollen, letztlich aber nur die eklatante Konzeptionslosigkeit - und vermutlich - die Unfähigkeit, verschleiern, konzeptionelle Lösungen für komplexe Entwicklungsprozesse, wie den Hochleistungssport bzw. den langfristigen Leistungsaufbau sportlicher Spitzenleistungen, überhaupt vorlegen zu können.
Das alles sollte auch jene beschämen, die sich an der Verdrängung und Ausgrenzung ostdeutscher Trainer, Wissenschaftler, Sportmediziner, Informatiker, Ingenieure u.a. aus dem Leistungssport und der für die interdisziplinäre Arbeit befähigten Wissenschaftler, einschließlich der Nachwuchswissenschaftler, von Hochschulen und Instituten mit
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dem Pathos der Heiligsprechung des, wenn auch noch so mittelmäßigen, Eigenen und der Verdammung des Fremden beteiligten und noch beteiligen.
Im Ergebnis all dessen zeichnet sich nun immer deutlicher ab, daß die Prophezeihung Edzard Reuter's, man könnte in absehbarer Zeit "viertklassig" werden, nicht mehr zu verbergende oder auch schön zu redende Realität ist.
AUSZÜGE AUS DER DISSERTATION
Bedingungen der Entwicklung des Leistungssports in der DDR
Im Mittelpunkt der nachfolgenden Erörterungen stehen jene Bedingungen, welche sowohl die Entwicklung des Leistungsports in der DDR als auch die Realisierung seiner Gesamtzielstellung zu den jeweiligen Wettkampfhöhepunkten maßgeblich und nachhaltig bestimmten. Eine übergreifende und zugleich bis ins Detail gehende Darstellung kann in diesem Kapitel allerdings nicht geleistet werden. Das muß weiteren Untersuchungen vorbehalten bleiben, die sich unmittelbar mit den einzelnen Bedingungen beschäftigen.
Grundlegend und entscheidend für die Leistungsentwicklung im Leistungssport der DDR war"die Anerkennung der primären Rolle des Trainings und des Trainers"368) in diesem Prozeß. Diesbezüglich ist RÖDER vorbehaltlos zuzustimmen. Das Gesamtsystem der Leistungsvorbereitung in den geförderten Sportverbänden diente der wissenschaftlich begründeten Gestaltung des Trainings der Athleten in seiner Gesamtheit, eingeordnet in den Prozeß der Lebensgestaltung der Athleten als Ganzes, und der Befähigung des Trainers, den komplexen Prozeß der Leistungsvorbereitung als pädagogischen Prozeß zu führen. Das hieß, der Trainer war zu unterstützen, den Gesamtprozeß zu analysieren und einzuschätzen, wissenschaftlich begründete Trainingsziele und -aufgaben abzuleiten und gemeinsam mit den Athleten festzulegen sowie die Trainingsmethoden und -mittel universell zu handhaben. Darauf waren alle nachfolgend erörterten Bedingungen und ihre Wirkungsmöglichkeiten gerichtet.
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Führung und Planung
Die Verwirklichung der Gesamtzielstellung des Leistungssports erforderte, das Handeln der im Leistungssport Tätigen zielbezogen zu organisieren. Die meisten der von uns befragten Experten sahen eine wesentliche Bedingung der dynamischen Entwicklung des Leistungssports der DDR darin, daß "zentral, straff und professionell geleitet wurde".369) EWALD hob besonders das "perspektivische Denken in längeren Zeiträumen" und die "Planmäßigkeit als Grundlage der gesamten Arbeit"370) hervor.
Die Pläne im Leistungssport waren entsprechend ihrem generellen Anspruch jeweils ein wissenschaftlich begründetes Konzept der sportlichen Leistungsentwicklung einzelner Athleten bzw. bestimmter Sportlergruppen für konkret festgelegte Zeiträume. Sie bildeten eine stabile Grundlage für die Tätigkeit im Leistungssport. Die Planung in diesem Bereich des Sports erstreckte sich über kurze Fristen (bis zu 1 Jahr), mittlere Fristen (bis 4 Jahre) und lange Fristen (über 4 Jahre). Maßgeblicher und entscheidender Planungszeitraum waren die Olympiazyklen. Die Sportverbände erarbeiteten dafür z.B. Trainingsmethodische Grundkonzeptionen (TMGK). Diese enthielten "Leistungsziele, die Leistungsentwicklung und die Grundmethodik zur Gestaltung des Erziehungs- und Ausbildungsprozesses der Sportler im Mehrjahresaufbau und in Etappen des langfristigen Leistungsaufbaus von Anfängern bis zu Weltklasseathleten".411) Die Erarbeitung dieser Grundkonzeption bedurfte zunächst einer intensiven wissenschaftlich prognostischen Arbeit, die vor allem und zunächst von den Forschungsgruppen zu leisten war.
In den Sportverbänden wurden außerdem Rahmentrainingspläne (RTP) erarbeitet, welche die verbindlichen Richtlinien für die Entwicklung der Sportler in den jeweiligen Etappen des Trainingsaufbaus eines Trainingsjahres enthielten.414) Da die Rahmentrainingspläne für einen größeren Kreis von Sportlern Vorgaben enthielten, gab es auch Jahrespläne für einzelne Sportler als Individuelle Trainingspläne (ITP) oder für eine Trainingsgruppe als Gruppentrainingsplan (GTP). 415)
Dieses planerische Vorgehen ermöglichte, die Gesamtzielstellung bis auf einzelne Sportler aufzuschlüsseln und sicherte, daß die
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Arbeit eines jeden im Leistungssport konkret bestimmt und damit kontrollier- und rückwirkend einschätzbar war.
Die Trainingsmethodischen Grundkonzeptionen, die Rahmen-trainingspläne und Gruppentrainingspläne bzw. individuellen Trainingspläne waren eigentlich Entwicklungkonzepte. Ihr Zweck war die sportliche Leistungsentwicklung von Athleten ganz bestimmter Leistungs- und Altersklassen in einem exakt definierten Zeitraum. Sie enthielten neben den Leistungszielen und einer untersetzenden Zielhierarchie, die grundlegenden Aufgaben und Bedingungen der Leistungsentwicklung in ihrer Komplexität sowie die wesentlichen Toleranzgrenzen für den entwicklungsfördernden Einsatz der Methoden und Mittel. Außerdem wurde versucht, jeweils die wesentlichen Entscheidungsprobleme zu definieren, die notwendigen Entscheidungsprämissen zu benennen und die komplexe Leistungsdiagnostik so zu organisieren, daß dem Trainer und den Sportlern auch die erforderlichen Informationen zur Verfügung standen, um im konkreten Prozeß der Leistungsausprägung (eines Trainingsjahres oder eines Olympiazyklus') optimale Entscheidungen treffen zu können. Diese Entwicklungskonzepte, besonders die Individuellen Trainingspläne, sollten also die Trainer und die Athleten auf die entscheidenden Ziele und Aufgaben orientieren, zweckgerichtete Entscheidungen erleichtern und den komplexen Prozeß der Leistungsvorbereitung organisieren helfen, und zwar als Teil der Lebensplanung des Athleten mit Blick auf dessen biographische Zukunft. Unabdingbares Prinzip der Planung und Kriterium ihrer Qualität aus der Sicht der Leistungsentwicklung waren die Ergebnisse der prozeßbegleitenden Analyse und die reflexive Einschätzung aller leistungsbestimmenden Faktoren. Das war wiederum Bedingung für die notwendige Offenheit, Lern- und Innovationsfähigkeit der Trainer und Sportler. Deshalb wurden stets auch die Aufgaben der komplexen Leistungsdiagnostik - wenn auch unterschiedlich in den Sportverbänden - zielbezogen und zu trainingsmethodisch relevanten Zeitpunkten geplant, die Bereitstellung der Analysedaten für die Trainer und Sportler sowie die fachkompetente Interpretation, z.B. durch Trainerräte, Steueraktive o.a. Fachgremien, organisiert.
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Langfristiger Leistungsaufbau und das Förderstufensystem
Die systematische Sichtung, Auswahl und Förderung von geeigneten und talentierten Kindern und Jugendlichen in einem mehrjährigen Ausbildungs- und Erziehungsprozeß erwies sich immer mehr als eine der entscheidenden Bedingungen für das Vorbereiten und Vollbringen von Weltspitzenleistungen im Hochleistungsalter. Deshalb waren zunächst möglichst viele Kinder und Jugendliche für eine sportliche Betätigung zu interessieren, damit sich vorhandene Anlagen entfalten konnten.416) Durch ein entsprechendes Wettkampfsystem, u.a. durch die seit 1966 auf Kreis-, Bezirks- und Republikebene durchgeführten Kinder- und Jugendspartakiaden, eine zielstrebige Sichtung und Auswahl, z.B. durch das System der einheitlichen Sichtung und Auswahl (ESA), sowie sich anschließendes Probetraining waren dann Talentierte herauszufinden und für ein systematisches Training zu interessieren. Alle in der Befragungsgruppe I zusammengefaßten Persönlichkeiten waren sich einig, daß in einer "planmäßigen, systematischen Talentesichtung und -förderung eine der wesentlichsten Grundlagen des DDR-Leistungssportsystems" bestand.417) Und ein "breit und gut organisierter Kinder- und Jugendsport"418) , und zwar für jeden nahezu kostenfrei, die Voraussetzung dafür war.419,420,421)
Der langfristige Leistungsaufbau vollzog sich in drei Förderstufen (FS).424) Sie bildeten die stabile strukturelle Grundlage für die langfristige Ausbildung und Erziehung unter Berücksichtigung der jeweiligen altersmäßigen Voraussetzungen. Dieses Stufensystem sicherte die organisatorische und inhaltliche Einheitlichkeit sowie eine differenzierte, den individuellen Möglichkeiten angemessene sportliche Ausbildung.
Die organisatorische Gliederung in die drei Förderstufen ist nicht in jedem Fall identisch mit der 1976 eingeführten Gliederung des langfristigen Trainingsprozesses in die Etappen Grundlagentraining (GLT), Aufbautraining (ABT), Anschlußtraining (AST) und Hochleistungstraining(HLT). Für diese Etappen waren vor allem die spezifischen Trainingsziele, einschließlich der persönlichkeitsbildenden Erfordernisse, bestimmend.
In der 1. Förderstufe trainierten etwa 70.000 ausgewählte Kinder und Jugendliche.425) Durch ein drei- bis fünfmaliges Training pro
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Woche sowie die regelmäßige Teilnahme an Wettkämfen wurde eine vielseitige sportartgerichtete Grundausbildung als stabile Basis für den kontinuierlichen Leistungsaufbau in der betreffenden Sportart geschaffen.426) In der Regel absolvierten die jungen Sportler ein dreijähriges Training in dieser Förderstufe.
Die grundlegende Organisationsform für das Training in der 1. Förderstufe waren die örtlichen Trainingszentren (TZ), deren Bildung 1964 begann.427) Ende der 80er Jahre existierten in der DDR etwa 1700 TZ. 428) In Gebieten, in denen keine Trainingszentren vorhanden waren, trainierten sportlich talentierte Kinder in Trainingsstützpunkten (TS), die seit 1974 aufgebaut wurden, bzw. in Schulsportgemeinschaften (SSG), von denen die ersten bereits 1956 entstanden waren und die dann in fast allen allgemeinbildenden Schulen vielfältige Übungs- und Trainingsmöglichkeiten anboten.
Bis 1976 wurden außerdem Bezirkstrainingszentren (BTZ) gebildet. Diese sollten eine gezieltere Vorbereitung der sportlich talentiertesten Kinder und Jugendlichen auf die nächste Förderstufe ermöglichen. Das erlaubte, jährlich ca. 26.000 geeignete Kinder, d.h. etwa jeden fünften Jungen und jedes elfte Mädchen, in die 1. Förderstufe aufzunehmen.429) Die wichtigste und effektivste Form der Sichtung und Auswahl sportlich geeigneter Kinder und Jugendlicher war das zwischen dem Ministerium für Volksbildung und dem Bundesvorstand des DTSB vereinbarte System der einheitlichen Sichtung und Auswahl (ESA).430) Dieses langjährig bewährte Vorgehen wurde stets weiter vervollkommnet und den Anforderungen entsprechend erneuert, damit möglichst viele Kinder und Jugendliche in der DDR an den Tests teilnehmen, sich erproben und wenn gewünscht, mit einem leistungssportlichen Training beginnen konnten.431)
Die organisatorische Basis der 2. Förderstufe bildeten die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) und die Sportklubs (SC) bzw. Fußballklubs (FC).433) Die Kinder- und Jugendsportschulen hatten sich seit ihrer Gründung außerordentlich bewährt.434)
In diesen Schulen, denen jeweils Internate angegliedert waren, wurden sportlich talentierte Kinder und Jugendliche ab dem für die jeweilige Sportart festgelegten Alter aufgenommen. Die Einzugsgebiete waren in der Regel die Bezirke. In einigen
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Sportarten sowie in der SV Dynamo und in der ASV Vorwärts erfolgte eine überbezirkliche Aufnahme.
Die besonderen Bedingungen der Kinder- und Jugendsportschulen als Spezialschulen ergaben sich aus den Möglichkeiten, eine hohe Anzahl wöchentlicher Trainingsstunden zu realisieren, hochqualifizierte Trainer einzusetzen, die Lehrpläne für die entsprechende Altersstufe aufgrund des Unterrichts mit kleinen Schülergruppen bzw. von Einzelunterricht nahezu in den dafür vorgesehenen Zeiträumen zu realisieren und zugunsten der umfangreichen sportlichen Trainingsanforderungen einen hausaufgabenfreien Unterricht zu erteilen.435)
Etwa 3.000 Sportler436) aus der 2. Förderstufe verfügten nach dem systematischen Aufbautraining über die notwendigen Voraussetzungen, um ein Anschlußtraining in einer Sportart bzw. einer speziellen Disziplin zu absolvieren.
In der 3. Förderstufe organisierten die Sportklubs das Training, und zwar in der Form des Heimtrainings am Heimatort des jeweiligen Sportklubs und des Lehrgangstrainings in spezifischen zentralen Trainingsstätten. Das Ziel der Ausbildung in dieser Förderstufe bestand darin, die Mitglieder der Nationalmannschaften und die unmittelbaren Anschlußkader zu erfassen und auf ein möglichst erfolgreiches Abschneiden bei Olympischen Spielen und internationalen Meisterschaften vorzubereiten. Die Sportler der 3. Förderstufe wurden wiederum in 3 Kaderkreisen zusammengefaßt.
Die durchschnittliche Anzahl der Athleten in den Förderstufen belegt, daß eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen aus den Trainingszentren auf dem Weg zu den Kinder- und Jugendsportschulen und zu den Sportklubs vorzeitig ausschieden bzw. ausdelegiert worden sind. In den 80er Jahren wurde allerdings versucht, solchen Tendenzen entgegenzuwirken sowie durch Nachsichtungen und Umdelegierungen ungerechtfertigte Ablehnungen zu verhindern. Für die Aufnahme bzw. den Verbleib der Sportler in den jeweiligen Förderstufen nennt KUTSCHKE u.a. folgende Kriterien:
- Erfüllung von sportmedizinischen und sportlichen Eignungskriterien für eine leistungssportliche Entwicklung,
- Zustimmung der Eltern für eine Aufnahme ihrer Kinder in das
Fördersystem,
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- Bereitschaft der Sportler, die leistungssportlichen Anforderungen in ihrer Komplexität zu erfüllen,
- gute schulische Leistungen,
- altersgemäße Reife der Persönlichkeit, ausgeprägte Individualität, besonders auch Einstellung zur DDR,
- Realisierung der Trainingsprogramme und -pläne, einschließlich der Normen in den einzelnen Ausbildungsetappen,
- Befürwortung durch ein sportmedizinisches Gutachten,
- Erfüllung von Wettkampfzielstellungen zu den nationalen bzw. internationalen Höhepunkten, besonders im Bereich der 3. Förderstufe.439)
Entscheidend, und das ist besonders zu betonen, war sowohl das System des Kinder- und Jugendsports als Ganzes als auch der auf Wettkampf und Leistung orientierte Teil, insbesondere das Fördersystem, welches selbst bereits zum Nachwuchsleistungssport gehörte. Das heißt, es war das Verständnis wichtig, Sport - nahezu kostenfrei - allen Kindern und Jugendlichen zugänglich zu machen, und zwar als Basis für die Entwicklung von Körperkultur und Sport in allen Bereichen, die Sportartenorientierung in den Lehrplänen der allgemeinbildenden Schulen oder das Verständnis für die Einheit von unterrichtlichem und außerunterrichtlichem bzw. außerschulischem Sport wie auch das Sichtungssystem, das ganzjährige Wettkampfsystem für Kinder und Jugendliche sowie das Spartakiadesystem mit seinen Möglichkeiten, sich in einer Einzeldisziplin oder auch einer Mannschaftssportart erproben zu können. Das System als Ganzes war u.E. wesentlich und nicht irgendeines seiner Elemente.
Zielorientierte Erziehung und schulisch-berufliche Ausbildung
Die Spezifik leistungssportlicher Tätigkeit erforderte, jeden Athleten als Subjekt zu begreifen und jeden zu befähigen, Subjekt der Leistungsvorbereitung und des Leistungsvollzugs sein zu können. Deshalb war von Beginn an das Bemühen spürbar, im Trainingsprozeß die Einheit von Bildung und Erziehung zu gewährleisten.440) Diese Auffassung wurde auch immer wieder durch die Erfahrung bestätigt, daß die Persönlichkeit der Athleten stets als Ganzes in den Prozessen der Leistungsvorbereitung, -realisierung und -bewertung gefordert ist und sich bewährt.442)
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Insbesondere die Weiterentwicklung des Trainings trug dazu bei, Erziehung und Erziehungsaufgaben zunehmend - verglichen mit der sportlichen Ausbildung - als gleichwertig zu erachten. Deshalb wurde die zielorientierte Erziehung als eine der Wirkbedingungen des Leistungssports der DDR angesehen, deren Wirkungsmöglichkeiten wesentlich bestimmt wurden durch ihre Ideologiebezogenheit, Subjektbezogenheit und Zielbezogenheit.
Die inhaltliche Orientierung des erzieherischen Wirkens im Leistungssport entsprach der von ideologischen Werten geprägten generellen Erziehungsauffassung in der DDR443) und den Intentionen, die mit der Gesamtzielstellung für den Leistungssport verbunden waren. Wichtige Impulse für solch eine ideologiezentrierte Erziehungsauffassung444) gingen von den Erfahrungen des DDR-Sports in den 50er und 60er Jahren aus. Gerade in dieser Zeit bewährten sich ideologisch fundierte Überzeugungen und Einstellungen445) als Basis einer dauerhaften und antriebsstarken Leistungsmotivation.446)
Die Subjekt- und Zielbezogenheit der Erziehungsauffassung war dem Tätigkeitsprinzip geschuldet und in erster Linie darauf gerichtet, jene psychischen Leistungsvoraussetzungen zu fördern, die zielbewußtes Tätigsein und Handeln im Training und Wettkampf ermöglichten. Das galt um so mehr, da wirksames und effizientes Training bzw. die volle Nutzung der psychischen Leistungsvoraussetzungen im Wettkampf ohne selbstbestimmten Einsatz der individuellen und kollektiven Möglichkeiten nicht denkbar war und ist.448)
Seit dem Olympiazyklus 1968-1972 vollzog sich das erzieherische Wirken auf der Grundlage eines für den jeweiligen Olympiazyklus gültigen Erziehungsprogramms, in dem die Ziele und Aufgaben für alle Förderstufen verbindlich festgelegt waren.449) Begleitbücher bzw. andere pädagogische Handreichungen ergänzten diese Programme.450) Sie sollten helfen, die Möglichkeiten der pädagogischen Einflußnahme zielstrebig zu nutzen und deren Grenzen erfassen zu können.
Selbstverständlich enthielten die verschiedenen Pläne, die Perspektivpläne und Trainingsmethodischen Grundkonzeptionen, die Rahmentrainingspläne, die Gruppen- und Individuellen Trainingspläne, die im jeweiligen Planzeitraum zu lösenden Erziehungsaufgaben bzw. wesentliche Methoden oder Mittel sowie
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wichtige Kontrollkriterien. Auch im Prozeß der komplexen Leistungsdiagnostik wurden entsprechende Parameter erfaßt. Zumeist solche, die es ermöglichten, die konkreten psychischen Leistungsvoraussetzungen einzuschätzen.451) Der entscheidende Leitgedanke war, solche Bedingungen und Herausforderungen zu schaffen bzw. zu gewährleisten, die es dem einzelnen ermöglichten, unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit die sportliche Leistungsfähigkeit zielstrebig auszubilden und in diesen Prozessen sich als Persönlichkeit zu vervollkommnen. Diese An-sprüche an Erziehung im Leistungssport schlossen ein, der latenten Gefahr entgegenzuwirken, Kinder und Jugendliche zu Objekten der erzieherischen Manipulation zu machen. Eingeordnet in die fortschreitendende Pädagogisierung der Gesellschaft waren solche Erscheinungen auch im Leistungssport mit der Konsequenz feststellbar, ein möglichst konformistisches Verhalten zum Maßstab des erzieherischen Einwirkens zu wählen. Weit verbreitet waren auch Erscheinungen der Indoktrination im Gefolge der gewollten Politisierung und der allgemeinen weltanschaulichen Intoleranz gegenüber Andersdenkenden.
Die pädagogische Verantwortung für die Zukunft der Leistungssportler schloß die leistungssportliche Perspektive ebenso ein wie die weiteren Lebensperspektiven, besonders die schulische und berufliche Ausbildung.
Entscheidungen über Ziele, Wege und Spezifika der schulischen bzw. beruflichen Ausbildung waren individuell zu treffen und zu verwirklichen. Dabei wurden die Athleten auf vielfältige Weise unterstützt und auch manches erleichtert, indem besondere Möglichkeiten und Bedingungen dafür geschaffen worden waren und wurden. Dazu gehörten die Kinder- und Jugendsportschulen ebenso wie die Bereitstellung von Studienplätzen, und zwar zusätzlich zu den jeweiligen Zulassungskontingenten der Universitäten bzw. Hoch- und Fachschulen, oder die vertragliche Vereinbarung der Sportklubs mit Produktions- oder anderen Betrieben in ihrem Einzugsbereich, die Berufsausbildung von Leistungssportlern zu gewährleisten.
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Leistungssportforschung
Eine Besonderheit des Leistungssports der DDR war zweifellos der schöpferische Prozeß der Gewinnung neuer Erkenntnisse und deren leistungsrelevante Überführung in die Praxis, was den notwendigen Leistungsvorlauf mit sicherte. Von der Mehrheit der Experten wurde auf den"hohen Stand der Wissenschaft“ 457), auf die hochentwickelte Leistungssportforschung458) als besondere Bedingung des Leistungssports der DDR verwiesen.
Im Prozeß der Forschung lassen sich zwei Arbeitsgrundlinien unterscheiden. Erstens war die Leistungssportforschung von Anfang an fast ausnahmslos angewandte Forschung, d.h. auf ganz konkret bestimmte Leistungen und Leistungsvoraussetzungen gerichtet. Zweitens war die Leistungssportforschung mit ihrer überwiegenden Kapazität sportartspezifische Forschung, die vielfach von multidisziplinär zusammengesetzten Forschungsgruppen realisiert wurde. Dieses Vorgehen ermöglichte es auch, bestimmte Grundlagenerkenntnisse bzw. verallgemeinerbare Erkenntnisse für alle Sportarten oder für einzelne Sportartengruppen zu gewinnen.
Die Forschungsarbeit für den Leistungssport der DDR wurde in entscheidendem Maße durch die dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport direkt unterstellten Einrichtungen geleistet,
- dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig (FKS),
- der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig (DHfK),
- der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte in Berlin (FES),
- dem Wissenschaftlich-technischen Zentrum für Sportbauten in
Leipzig (WTZ).
Es wurden auch Forschungskapazitäten der Sektionen Sportwissenschaft an den Universitäten Jena, Halle und Berlin für einzelne Sportarten und -disziplinen genutzt. 460)
Der Hauptträger der Leistungssportforschung war das 1969 geschaffene Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport. In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 wurde die 1956 eingerichtete Forschungsstelle der DHFK, welche bereits die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von 1960 bis 1968 in ausgewählten Sportarten bzw. -disziplinen unterstützt hatte, und das 1965 an der DHFK gegründete Institut für Sportmedizin zu
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einer selbständigen Forschungseinrichtung umgebildet.461) Im Forschungsinstitut wurden sowohl sportartspezifische als auch sportartübergreifende Forschungsaufgaben bearbeitet. Die 1950 gegründete DHFK übernahm in selbständiger Verantwortung die sportartspezifische Forschung im Kanusport und in den Sportspielarten. Neben der Forschung zum Hochleistungstraining in den genannten Sportarten war die Forschungsarbeit an der DHFK auf den Nachwuchsleistungssport in der 1. und 2. Förderstufe ausgerichtet.463) Die Forschungs- und Entwicklungsstelle (FES) sicherte die Entwicklung qualitativ hochwertiger Trainings- und Wettkampfgeräte, wie Ruder-, Kanu- und Segelboote, Rennschlitten oder Rennräder. Für die inhaltliche Orientierung des Sportgerätebaus waren allerdings die Fachbereiche des Forschungsinstituts für Körperkultur und Sport (FKS) bzw. die Forschungsgruppen verantwortlich. Im Wissenschaftlich-technischen Zentrum (WTZ) wurden die für den Leistungssport notwendigen Sportstätten entworfen und deren Einrichtung überwacht.
Für die sportartspezifische wissenschaftliche Arbeit, für eine effektive Übertragung von Forschungsergebnissen in die Praxis sowie für die Informationstätigkeit waren die Wissenschaftlichen Zentren (WZ) der Sportverbände von Bedeutung. Diese wurden Mitte der 60er Jahre aufgebaut und dem Präsidium der jeweiligen Sportverbände angegliedert sowie zu Leiteinrichtungen für die inhaltliche wissenschaftliche Arbeit zur betreffenden Sportart. Zu den Aufgaben der Wissenschaftlichen Zentren gehörte,
- die angewandte sportartspezifische Forschung mit dem Ziel, wesentliche Zusammenhänge zwischen der Leistungsentwicklung und der Trainingsgestaltung zu klären,
- die geregelte Weitergabe und Verbreitung von neuesten sportartspezifischen wissenschaftlichen Erkenntnissen mit Hilfe der Information und Dokumentation,
- die Organisierung und Mitwirkung an der Entwicklung neuer Trainings-, Wettkampf- und Meßgeräte in der jeweiligen Sportart.469)
Durch Kooperations- und Vertragsbeziehungen zu Forschungseinrichtungen außerhalb der Sportwissenschaft wurde das Forschungspotential für den Leistungssport z.T. noch beträchtlich erweitert. Wissenschaftsbeziehungen bestanden u.a.
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zur Ingenieurhochschule Warnemünde, zum Institut für Luftfahrtmedizin Königsbrück, zum Institut für Bioklimatologie Berlin-Buch, zum Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin, zur Ingenieurschule Leipzig, zur Technischen Universität Dresden oder zur Rundfunk- und Fernsehtechnik Leipzig.
Der leistungsfördernde Einfluß der Leistungssportforschung ist kaum bzw. wenig umstritten. Ihre Wirkungsmöglichkeiten ergaben sich,vor allem
- aufgrund der Interdisziplinarität und der auf die Realisierung der Leistungsprognosen orientierten Konzepte sowie dem Bemühen, keine Barrieren zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen bzw. den Technikwissenschaften zuzulassen,
- infolge der Komplexität und dem Streben nach komplexen bzw. Systemlösungen, so daß Einzelfragen bzw. Eingriffe an einzelnen Punkten in den komplexen Prozeß der Leistungsvorbereitung in ihrer Wirkung auf das Ganze bewertet und eingesetzt wurden,
- im Ergebnis des Bemühens, ausgehend von Leistungsprognosen und -trends möglichst den notwendigen wissenschaftlichen Vorlauf zu sichern, eingeschlossen den technologischen bzw. materiell-technischen und den Bildungsvorlauf für die zielstrebige Umsetzung neuer Erkenntnisse in die Praxis.
Von Vorteil war auch, daß die Wissenschaftler in den multidisziplinär zusammengesetzten Forschungsgruppen über die Grenzen ihrer Wissenschaftsdisziplinen hinaus zusammenarbeiteten und auch die jeweilige Sportpraxis gut kannten. Sie zeichneten sich oftmals durch ausgeprägte sportartspezifische Kompetenz aus, die aus viele Jahre andauernder gemeinsamer Arbeit mit Sportlern und Trainern resultierte. Hinsichtlich des Zusammenwirkens von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen ist die Leistungssportforschung der DDR zumindest erste Schritte in eine Richtung gegangen, die für die Wissenschaft insgesamt noch angemahnt wird. So fordert z.B. TEMBROCK "neue übergreifende Konzepte, die endlich diese Barriere zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überwinden".470)
Die Grenzen der Leistungssportforschung in der DDR wurden bestimmt durch
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- die zeitlimitierte Bearbeitung der Forschungsprojekte, infolgedessen grundlegende theoretische Fragestellungen weniger Chancen hatten und marginalisiert wurden,
- ihre sportartspezifische Ausrichtung, die z.T. die Verallgemeinerung der Ergebnisse behinderte und aufgrund des zwangsläufig schmalen Ausschnitts der Leistungssportpraxis z.T. auch zu erheblichen Fehleinschätzungen führte,
- den z.T. großen Umfang prozeßbegleitender wissenschaftlicher Arbeit, wodurch alternative Hypothesen oder solche zur grundsätzlichen Erneuerung des Trainings eigentlich oft schon aufgrund nicht ausreichender personeller Kapazitäten chancenlos waren.
Sportmedizinische Betreuung
Die Aufgaben der Sportmedizin erstreckten sich auf die Gesamtheit der Sporttreibenden, auf Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene aller Altersgruppen, auf Leistungssportler, normal Leistungsfähige und Leistungsgeminderte.471)
Ein besonderes Aufgabenfeld war zweifellos der Leistungssport. Diesbezüglich hebt neben BUGGEL aus der Befragungsgruppe I auch ERBACH das "umfassende System der Sportmedizin" und die sportmedizinische Betreuung "über den gesamten leistungssportlichen Entwicklungsweg" jedes Athleten als eine wesentliche Bedingung für die Entwicklung des Leistungssports der DDR hervor. 472)
Für die einheitliche und zentrale Führung der sportmedizinischen Betreuung im gesamten Sport der DDR war der Sportmedizinische Dienst (SMD) verantwortlich.474) Die am 01.09.1963 gegründete Einrichtung war zunächst dem Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport und später dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport unterstellt. Die sportmedizinische Betreuung war nach dem Territorial- und dem Leistungsprinzip organisiert. Die sportärztlichen Kreisberatungsstellen, die besonders sportmedizinische Aufgaben für den Massensport und den Kinder- und Jugendsport zu erfüllen hatten, betreuten die Sportler der 1. Förderstufe. 475)
Den sportärztlichen Hauptberatungsstellen in den Bezirken der DDR oblag es, die Leistungssportler der Sportklubs und der Kinder- und Jugendsportschulen sportmedizinisch zu versorgen. In
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diesen Hauptberatungsstellen waren auch Sektionsärzte tätig, die ganz speziell für einige Sektionen, d.h. für bestimmte Sportarten in den Sportklubs,verantwortlich waren.
Für die sportmedizinische Betreuung in den Sportverbänden des DTSB, insbesondere in den Nationalmannschaften, waren Verbandsärzte verantwortlich. Die Verbandsärzte leiteten Ärztekommissionen bzw. medizinische Kommissionen der jeweiligen Sportverbände, die ihnen zugleich zur Seite standen. Die Kommissionen waren die sportmedizinischen Organe der Sportverbände und setzten sich in der Regel nur aus Sportmedizinern zusammen. In den Ärztekommissionen wurden alle wesentlichen medizinischen Fragen für die Betreuung in den jeweiligen Sportarten beraten und in entsprechenden Plänen festgelegt, die jedoch der Zustimmung der jeweiligen Verbandsleitung bedurften. So wurden z.B. in den Sportverbänden in jedem Olympiazyklus (bzw. im Zweijahreszeitraum) sportartspezifische Programme erarbeitet, mit denen die gesamte sportartspezifische medizinische Betreuung planmäßig vorbereitet wurde. Sie waren die Grundlage dafür, um in individuellen Trainingsplänen für jeden Sportler, der einem Kaderkreis angehörte, die notwendigen medizinischen Maßnahmen individuell festzulegen.
Die Träger der sportmedizinischen Betreuung waren Fachärzte für Sportmedizin476) , die oft noch eine weitere Facharztausbildung absolviert hatten. 477)
Die sportmedizinischen Betreuungsaufgaben im Leistungssport der DDR umfaßten,
- die Feststellung und Beurteilung der gesundheitlichen und körperlichen Eignung von Kindern und Jugendlichen für den Leistungssport überhaupt sowie für bestimmte Sportarten bzw. -gruppen 478) ,
- die Ausarbeitung von Kriterien zur sportlichen Belastbarkeit der Leistungssportler unter Beachtung des Alters und der sportartspezifischen Belange,
- die regelmäßige sportmedizinische Betreuung der Sportler zur Sicherung der leistungssportlichen Tätigkeit im Training und Wettkampf,
- eine Einflußnahme auf die sportliche Belastungsgestaltung und -verträglichkeit durch unterstützende Maßnahmen zur
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Wiederherstellung nach hohen Trainings- und Wettkampfbelastungen und zur Erschließung und Mobilisierung spezifischer Leistungsreserven sowie zur Verhinderung von Mangelerscheinungen,
- Prophylaxe, Therapie und Rehabilitation bei Erkrankungen, Verletzungen, Überlastungsschäden usw.479)
Die Rehabilitation der Leistungssportler vollzog sich vor allem im Zentralinstitut des Sportmedizinischen Dienstes in Kreischa.
Für spezielle medizinische Fragen gab es außerdem Konsultanten, zu denen Spezialisten aus allen medizinischen Bereichen gehörten.
Die sportmedizinische Betreuung im Leistungssport der DDR wird vielfach mit dem Problem des Dopings in Verbindung gebracht. BERENDONK u.a. haben z.B. mit ihren"Dopingdokumenten" versucht, ein großes Ausmaß einer medizinisch-pharmakologischen Manipulation im Leistungssport der DDR zu belegen.480) Ohne solche Aufklärungsarbeiten kann das Dopingproblem im Leistungssport generell bzw. in dem der DDR nicht aufgearbeitet werden. Die Arbeit von BERENDONK belegt aber auch unzweifelhaft, daß dieses Problem nur von unmittelbar Beteiligten geklärt werden kann. Sie verweist wie andere wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen darauf, daß
- Doping ein Problem mit weltweiten Dimensionen ist, wie letzlich die Dopingfälle bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 erneut bewiesen haben 481)
- der Einsatz solcher Mittel keineswegs vorrangig oder gar ausschließlich das hohe Leistungsniveau des Leistungssports der DDR bestimmte und
- die Aufgaben der Sportmedizin im Leistungssport der DDR nicht auf Doping bzw. den Einsatz unterstützender Mittel reduziert werden können.
Das Hauptverdienst der Sportmedizin in der DDR bestand zweifellos darin, daß gesunde Menschen in ärztliche Betreuungsaufgaben einbezogen und auch im Leistungssport die wissenschaftliche und praktische Arbeit vor allem auf den vorbeugenden Gesundheitsschutz gerichtet war. Der Präsident des Weltverbandes der Sportmedizin und des Deutschen Sportärztebundes HOLLMANN hat, und das sei hier nur kurz angemerkt, eingeschätzt: "Der großangelegte Sportmedizinische
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Dienst wurde bis auf wenige Reste total zerschlagen. Es hätte in Deutschland die Chance bestanden, erstmals in der Welt ein flächendeckendes sportmedizinisches Instrumentarium für die Bevölkerung zu haben, das auch nach bundesdeutschem Recht Aufgabe der Gesundheitsämter ist."482)
Aus- und Weiterbildung der Trainer und Funktionäre
Die Aus- und Weiterbildung, vor allem der Trainer, wurde von den Experten der Befragungsgruppe I übereinstimmend als eine wesentliche Bedingung der erreichten Leistungsdynamik genannt. Für EICHLER ist "Ausbildung und Einsatz von Trainern, die in der Lage sind, sportwissenschaftliche, -methodische und -medizinische Erkenntnisse erfolgreich anzuwenden und mit pädagogischem Geschick Trainingsgruppen zu führen", eine verallgemeinerungswürdige Erfahrung des Leistungssports der DDR.483) Und BUGGEL unterstreicht, daß die "ständige Qualifizierung aller Kader mit den neuesten Erkenntnissen" ein charakteristisches Merkmal war.484)
Für die Aus- und Weiterbildung von Trainern bzw. Sportwissenschaftlern sowie Funktionären war in erster Linie die DHFK verantwortlich. Die Ausbildung wurde durch Studienangebote für das Direkt- und das Fernstudium realisiert, das in der Regel jeweils eine Spezialausbildung in vorrangig geförderten Sportarten einschloß.485) Seit Beginn der 70er Jahre beendeten jährlich ca. 100 Studenten ihre akademische Ausbildung als Diplomsportlehrer mit einem Einsatzziel im Leistungssport.486) Anfang der 80er Jahre verabschiedete die DHFK bereits jährlich etwa 240 Absolventen für eine Tätigkeit im Leistungssport.487)
Außerdem waren die DHFK ebenso wie das FKS und die Sektionen Sportwissenschaft an den Universitäten bzw. Pädagogischen Hochschulen für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses verantwortlich.
Personen, die im Leistungssport arbeiteten, mußten sich u.a. auszeichnen durch ein ausgeprägtes Berufsethos als Trainer bzw. Wissenschaftler, Befähigung und Bereitschaft zu effizienter gemeinschaftlicher Arbeit, Aneignung und Umsetzung neuer Erkenntnisse der Sportwissenschaft und anderer für die
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Leistungsentwicklung relevanter Wissenschaftsdisziplinen im Prozeß der Leistungsvorbereitung. Alle im Leistungssport Tätigen waren also verpflichtet, sich ständig weiterzubilden, vor allem im Prozeß ihrer Arbeit.488) Dafür hatten z.B. auch die Sportverbände entsprechende Voraussetzungen zu schaffen, u.a. durch jährliche Weiterbildungsveranstaltungen für Trainer oder durch periodische Trainerinformationen für das Selbststudium. Aber auch die Zusammenkünfte in den Trainerräten, den Steueraktiven bzw. die Auswertung des Trainingsjahres genügten wissenschaftlichen Ansprüchen und trugen zur Aneignung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse bei bzw. förderten deren Umsetzung. Diese prozeßimmanente Weiterbildung gehörte sicher mit zu den wirksamsten Formen.
Neben dieser, vor allem fachspezifischen Weiterbildung, existierte im Leistungssport der DDR ein zentral geleitetes und den gesamten Leistungssport umfassendes System der Weiterbildung. Das ermöglichte es, in mehrwöchigen Lehrgängen systematisch neue Erkenntnisse zu vermitteln und zu festigen.489) Die Verantwortung für diese Lehrgänge nahm die DHFK wahr. Sie hat die Weiterbildung stets als gleichrangige Aufgabe neben der Ausbildung aufgefaßt und realisiert.490) Inhaltlich wurden die Lehrgänge allerdings stark vom Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport getragen. In diesen Lehrgängen wurden für die entsprechenden Gebiete die neuesten Erkenntnisse von den besten Wissenschaftlern vorgestellt. Aufgrund der damit verbundenen Möglichkeiten erwies sich dieses Vorgehen als eine effektive Form postgradualer Weiterbildungsmaßnahmen. Als deren Hauptbestandteile bezeichneten FLORL/ROGALSKI sowie OPPEL die
- Vermittlung neuester Erkentnisse zu den Prozessen der Führung,
- Behandlung übergreifender Fragen der Trainingsgestaltung nach Sportartengruppen,
- praktische Unterweisung an neuesten Sportgeräten und Vertrautmachen mit neuen Methoden der Objektivierung der Trainingsprozesse,
- Möglichkeiten und Angebote zur Vervollkommnung weltanschaulicher Kenntnisse. 492)
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Materiell-technische Voraussetzungen und Konzentration der Mittel
Die Erfüllung der Gesamtzielstellung erforderte ein bestimmtes Niveau der materiell-technischen Voraussetzungen. Das galt für die vom Leistungssport genutzten Grundfonds, z.B. die Sportstätten, Sportschulen und Wissenschaftseinrichtungen, ebenso wie für Sportgeräte und Sportbekleidung bzw. für die finanziellen Fonds.
Die Güte der materiell-technischen Voraussetzungen beeinflußte ganz maßgeblich die Leistungsentwicklung in vielen Sportarten und zumeist auch die Qualität des Trainings. Außergewöhnlich war sicher der Umstand, daß der Leistungssport der DDR kaum über hochmoderne Sporteinrichtungen verfügte, aber durchaus aufgrund von innovativen wissenschaftlich-technischen Lösungen den Sportlern optimale Trainings- und Wettkampfgeräte zur Verfügung stellen konnte. Dazu gehörten Sportgeräte, die ihrerseits Spitzenentwicklungen darstellten. Die Sporteinrichtungen in den Sportklubs bzw. Fußballklubs und den Trainingszentren, die von den Leistungssportlern für das tägliche Training in den einzelnen Förderstufen genutzt wurden, wiesen ebenso wie die in den zentralen Sportschulen493), in denen Trainingslehrgänge durchgeführt wurden, gemessen an den Sporteinrichtungen in anderen leistungsstarken Ländern, keine höhere Qualität auf. Im Gegenteil, zentrale Trainingszentren, z.B. in den USA, Italien oder der BRD, verfügten über einen deutlich besseren Ausstattungsgrad. Durch den zielgerichteten Einsatz wissenschaftlich-technischer Potenzen wurden sportartspezifische Trainings- und Sportstätten bzw. -einrichtungen sowie Sportgeräte geschaffen, welche die Überwindung ungünstiger Bedingungen und ein ganzjähriges Training ermöglichten. Dazu zählen z.B. ein Schwimmkanal, Bob- und Schlittenbahnen, eine Anlage für das Höhentraining (Kienbaum II) oder Rennräder, Ruderboote, Bobs - allerdings in geringer Stückzahl - die welthöchsten Ansprüchen genügten.
Hinsichtlich der zur Verfügung stehenden finanziellen Fonds nannte EWALD für 1988 folgende Zahlen: Von den Gesamtausgaben des Staatshaushalts (etwa 266 Milliarden Mark) sind zur Sportförderung 1,22 Milliarden Mark (0,46 %) ausgegeben worden. Von dieser Summe gingen nach EWALD etwa 60 % in den Massensport und 40 % in den Leistungssport. Das würde bedeuten, daß der
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Leistungssport zwischen 400-520 Millionen Mark jährlich erhielt. Außerdem sind Finanzmittel, die z.B. in den Kinder- und Jugendsport flossen, letztlich auch dem Leistungssport zugute gekommen. In den genannten Zahlen nicht enthalten sind
- die Zuwendungen im Staatshaushalt für das Bildungswesen (Kinder- und Jugendsportschulen, Wissenschaftseinrichtungen) und das Gesundheitswesen (Sportmedizinischer Dienst),
- Gelder aus den Ministerien für Nationale Verteidigung, des Inneren und für Staatssicherheit für die von der Armeesportvereinigung Vorwärts und der Sportvereinigung Dynamo betreuten Leistungssporteinrichtungen,
- Lohn- und Gehaltszahlungen aus Produktions- und anderen Betrieben für im Leistungssport Tätige,
- Zuschüsse aus den Mitgliedsbeiträgen des FDGB,
- Finanzmittel der Betriebssportgemeinschaften, die vor allem aus dem Kultur- und Sozialfonds der jeweiligen Betriebe gezahlt wurden.494)
Bemerkenswert ist, daß keiner der von uns befragten Experten die materiell-technischen Voraussetzungen als wesentliche Bedingung oder als ein besonders charakteristisches Merkmal des Leistungssports in der DDR bewertete. Das scheint uns ein Indiz dafür zu sein, daß der Leistungssport diesbezüglich gegenüber anderen Ländern weder nennenswerte Vorteile besaß noch gravierende Nachteile hinnehmen mußte.
Die Ergebnisse der Expertenbefragung unterstreichen aber die unbedingte Notwendigkeit und den Wert einer Konzentration der Ressourcen und Mittel. Für BUGGEL hat die mit aller Konsequenz durchgehaltene Bündelung der Kräfte und die "damit verbundene Konzentration der Ressourcen... dazu geführt, daß der DDR-Leistungssport solche Erfolge erreichte".496) WEISKOPF aus der Befragungsgruppe II weist besonders darauf hin, daß die Sportförderung in der DDR die ökonomischen Grenzen erreicht hatte und die ökonomischen Mittel selbst im Leistungssport nur noch für ausgewählte Sportarten498) ausreichten, weil das unter den konkreten Bedingungen der DDR für den Leistungssport zur Verfügung stehende Gesamtpotential begrenzt war. Das betraf sowohl die Grundfonds und die finanziellen Fonds als auch die für manche Sportarten keineswegs hinreichenden natürlichen Bedingungen. Auch die personellen Möglichkeiten waren -
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gemessen an der Einwohnerzahl der DDR und im Vergleich zu anderen Ländern - eher spärlich. Infolgedessen war nicht mit einer grundsätzlichen Erweiterung der materiellen, finanziellen und personellen Voraussetzungen zu rechnen. Der Leistungssport mußte also mit nahezu gleichbleibenden Fonds das erreichte Leistungsniveau stabilisieren und in einzelnen Sportarten möglichst noch weiter erhöhen. Dadurch sollte in den weiterhin besonders geförderten Sportarten der notwendige Leistungszuwachs abgesichert und vor allem folgendes erreicht werden:
- Gewinnung der erforderlichen Anzahl von Nachwuchssportlern und deren Ausbildung auf zunehmend höherem Niveau in den verschiedenen Etappen des langfristigen Leistungsaufbaus,
- schwerpunktmäßiger Einsatz der personellen Ressourcen, insbesondere der Trainer, in den favorisierten Sportarten,
- Bündelung und Konzentration der wissenschaftlichen Kräfte, besonders der Forschungskapazitäten, auf bestimmte Sportarten mit dem Ziel, außerordentlich leistungsfähige Forschungsgruppen zu schaffen,
- Gewährleistung notwendiger materieller und technischer Voraussetzungen, um das Training wirksam zu gestalten und für die entscheidenden internationalen Wettkämpfe dem internationalen Standard entsprechende Sportgeräte bereitstellen zu können. 504)
Zusammenfassendes ist (nochmals) folgendes festzustellen:
Die - wenn auch partielle - systemtheoretische Betrachtung entwicklungsbestimmender Bedingungen des Leistungssports der DDR erhärtet und unterstützt die formulierten Hypothesen und verweist vor allem auf
- die Kausalität der erreichten sportlichen Leistungen mit solchen entwicklungsbestimmenden Bedingungen, wie der vorrangigen Konzentration auf den langfristigen Leistungsaufbau und das Training in diesem Prozeß, die Befähigung der Trainer, den pädagogischen Prozeß zu führen und dazu alle anderen entwicklungsbestimmenden Bedingungen einzusetzen, wie die interdisziplinäre Theoriebildung und Technologientwicklung, den Theorie- und Bildungsvorlauf, die systematische sportmedizinische Betreuung, eine entsprechend gerichtete Führung und Leitung sowie"Kausalität ... vorwiegend systemrelativ zu denken "516) und einzusetzen;
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- die Autonomie und Selbststeuerung der geförderten Sportverbände (besonders in sportfachlichen und relevanten wissenschaftlichen Fragen) infolge einer entsprechenden Institutionalisierung und der Schaffung von notwendigen Kontextbedingungen, z.B. der Wissenschaftlichen Zentren, der interdisziplinären Forschungsgruppen oder verbandsübergreifender Arbeitskreise für die Sportartengruppen;
- die dadurch begründete und infolge der Systemreflexion auf unterschiedlichen Ebenen (trotz aller Einschränkungen) mögliche Lern- und Innovationsleistung, die jenes Maß an Neuheit und Originalität gewährleistete, welche aufgrund der außerordentlichen Dynamisierung der Geschichtlichkeit von kulturellen - eingeschlossen von sportlichen - Leistungen notwendig war.
Die angegebenen Quellen sind in der Dissertation Kasten Schumann “Emirisch-theoretische Studie zu entwicklungsbestimmenden Bedingungen des Leistungssports der DDR. Versuch einer zgeitgeschichtlichen Bilanz und kritischen Wertung vor allem aus der Sicht der Gesamtzielstellung“ in der Universität Leipzig, Fakultät Sportwissenschenschaft 1993, S. 183ff zu finden.
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Neues Kapitel zum Thema Doping
Peter Udelhoven, Chefredakteur, der in Karlsruhe erscheinenden Fachzeitschrift „Therapiewoche“ hatte Anfang Mai einen alarmierenden Leitartikel unter der Überschrift „Ich klage an“ veröffentlicht. Er löste eine heftige Debatte aus. „Beiträge zur Sportgeschichte“ hielt es für angeraten, die Affäre zu dokumentieren, denn Doping gilt inzwischen als Bestandteil der Sportgeschichte.
THERAPIEWOCHE Nr. 12/1996 (Autor: Udelhoven):
Die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta werfen Schatten... Eine (traurige) Geschichte vorweg, die Geschichte von R., einem ehemaligen Athleten, zuletzt erfolgreicher Trainer von Olympiafinalisten... In seinen jungen Jahren ein ordentlicher Mehrkämpfer, mit 50 dann Kraftwerte, die weit über denen früherer Tagen lagen! Warum machst Du das? - meine unverhohlene Frage. Seine unverhohlene Antwort - weil ich wissen muß, wie es meinen Athleten geht, unterziehe ich mich den gleichen ‘Kuren’... Um ihn herum formierte sich mit aggresiver Grundstimmung eine Trainingsgruppe, die wie Pech und Schwefel zusammenhielt... Und wie diese Bande zusammenhielt. Als ein Athletenbetreuer Wind von einem Dopingnest in seinem näheren Umfeld bekam und begann, Fragen zu stellen, schließlich die Öffentlichkeit suchte, wurde er gnadenlos niedergemacht... So kam es nicht zum großen Outing. Aber, die Bande wurde vorsichtiger... Und man wurde kreativ. Im internationalen Spitzensport sind ja anabole Steroide schon lange nicht mehr der Wesiheit letzter Schluß.
R. stand unter Druck. Wollte er wirklich seinem Arbeitgeber belegen, daß er auch ohne illegalen Mitteleinsatz ein erfolgreicher Trainer sein konnte? Oder wollte er seine pharmakologischen Manipulationen an den derzeit üblichen Kontrollen vorbei aktualisieren, um für das entsprechende Leistungsprodukt zu sorgen? Da mußte der Trainer vorangehen und an sich ausprobieren, was groß und stark macht. Seine Leberwerte verschlechterten sich zunehmend... R... verlor innerhalb weniger Wochen 30 kg, mochte sich nicht mehr anschauen, wurde
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depressiv, selbstzerstörerisch. Ein erfolgreicher Trainer ist tot. Sein Arzt lebt noch. Ich klage an, wohl wissend, daß die dokumentierte Todesursache nichts von pharmakologischen Manipulationen zur Leistungssteigerung wissen will. Warum erzähle ich diese Geschichte hier...Weil nicht ein einzelner irregeleiteter Mediziner an den Pranger zu stellen ist, wiewohl es von diesen einige gibt. Nein, Schuld sind die Verhältnisse und deren Gestalter: Die Ideale eines Baron Pierre de Coubertin hielt noch ein Avery Brundage hoch. Die Samaranchs und Nebiolos stehen in der Nachfolge derer, die dem Volk Brot und Spiele gaben. Da ist die Mast der Gladiatoren vorgesehen. Und deren Tod. Ein Arzt muß das wissen.“
DEUTSCHER LEICHTATHLETIK-VERBAND 7. Mai 1996 (an Udelhoven):
Sehr geehrter Herr Udelhoven!
Ihr Editorial in der ‘Therapiewoche’ 12 (1996) mit der Überschrift ‘Ich klage an’ hat mich und das Präsidium des Deutschen Leichtathletikverbandes in mehrfacher Hinsicht betroffen gemacht. Zunächst und vor allem muß Betroffenheit hervorrufen, wenn Sie, die sich mit Ihrer Zeitschrift... durch die Etikette ‘kritischen Geistes’ auszeichnen möchten, Ihre Kritik nur in Andeutungen, Vermutungen und Verdächtigungen äußern. Wer anklagt, sich somit in die Rolle eines Staatsanwalts begibt, der hat Belege auf den Tisch zu legen. Zum zweiten muß Verwunderung hervorrufen, daß Sie die Dinge beim Namen nennen wollen, es aber dennoch nicht tun. Ohne Zweifel steht in Ihrem Editorial die Leichtathletik zur Diskussion, ohne Zweifel handelt es sich dabei um Dr. Rudi Hars und darüber hinaus vertreten Sie die Auffassung, daß der ehemalige Olympiastützpunktleiter Uli Eicke1) ‘gnadenlos niedergemacht wurde...’ Was die Person von Uli Eicke betrifft, so sollte darauf hingewiesen werden, daß dieser mittlerweile als Studienrat an einem westfälischen Gymnasium unterrichtet. Soll dies als Existenzvernichtung bezeichnet werden, so müßte man sich fragen, wie jenes zu bezeichnen ist, was mit all jenen Studierenden geschieht, die mit besten Noten Staatsexamen abschließen, jedoch keinen Arbeitsplatz im öffentllichen Dienst finden können2)...
Mit freundlichem Gruß
Deutscher Leichtathletik-Verband
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Der Präsident
Prof. Dr. Helmut Digel“
1) Eicke hatte (sid/19.1.1995) dem DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen, anderen hochrangigen Sportfunktionären und Journalisten anvertraut: „Wir haben ein Dopingproblem...“ Mitte März 1995 war er von einer Heidelberger Rechtsanwaltskanzlei aufgefordert worden „spätestens bis Freitag, den 17. 03. 1995, 12 h“ Erklärungen abzugeben, „aus denen sich ergibt, daß Sie keinerlei Anhaltspunkte haben, die einen Verdacht des Dopings durch die... drei Sportler der LG Bayer Leverkusen begründen könnten.“ Eicke war später von seiner Funktion als Olympia-Stützpunktleiter abgelöst worden.
2) Digel teilt hier zum ersten Mal in der Öffentlichkeit mit, daß Eicke als Studienrat unterrichtet und macht mit seinem Hinweis auf arbeitslose Universitäts-Absolventen „mit besten Noten“ deutlich, was er zugleich zu bestreiten trachtet: Eicke wurde „untergebracht“, nachdem man ihn gefeuert hatte.
KÖLNER STADT-ANZEIGER 10.Mai 1996 (Robert Hartmann):
„Plötzlich war der Leitartikel der... ‘Therapiewoche’ mit dem unmißverständlichen Titel ‘Ich klage an’ das große Thema der Jahrespressekonferenz des Bundesinstituts für Sportwissenschaft in Köln... Die Beschreibung der Person ist reich an Details. Kenner der Leichtathletik-Szene müßten sich schon gründlich irren, wollten sie in ihr nicht Rudi Hars mit seiner stets auffälligen Bodybuilderfigur wiedererkennen, der 16 Jahre lang der Wurftrainer der LG Bayer Leverkusen war, ehe er sich vor drei Wochen mit seiner Pistole erschoß. Die Ursache, hieß es damals, seien undefdinierbare, über Wochen rasende Schmerzen im Brustbereich gewesen. Am Mittwoch fiel der Name dann zum ersten Mal in dem fatalen Zusammenhang bei einer öffentlichen Veranstaltung...“
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 13. Mai 1996 (Jörg Stratmann):
„Die Leichtathleten des TSV Bayer 04 Leverkusen sehen sich wieder in die Ecke gedrängt, die sie längst verlassen zu haben glaubten. ‘Auf das Schärfste’ hat die Abteilung Vorwürfe zurückgewiesen, die indirekt im Leitartikel des Heftes 12 der Ärztezeitschrift ‘Therapiewoche’... erhoben wurden. Für die
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Leverkusener ist das ‘verantwortungslose Fortsetzung der Verleumdungskampagne’ gegen den Klub. ‘Zum Schutz seiner Trainer und Athleten und in Wahrung eines gebührenden Andenkens an einen verdienten Trainer’ erklärten sie deshalb, daß besonders die von Hars betreuten Kaderathleten aus den Wurfdisziplinen, darunter Hammerwerfer Heinz Weis1) oder Speerwerferin Steffi Nerius2) regelmäßig kontrolliert würden... Birgit Petsch, Hars’ hinterbliebene Lebensgefährtin, bestreitet, daß der Freitod in irgendeinem Zusammenhang mit Dopingmitteln gestanden habe... Was vor 1990 gewesen sei, ‘hat keine Relevanz für das, was geschehen ist.’... Die Vergangenheit möchten auch die Leverkusener Leichtathleten ruhen lassen. Aggresive Stimmung bei Athleten, ausgelöst durch leistungssteigernde Mittel, sei Merkmal der siebziger und achtziger Jahre gewesen, sagt Lauftraiuner Heinz Wellmann. Er habe lange geschwankt, deshalb den Beruf zu wechseln...“
1) Weis belegte in Atlanta Rang fünf
2) Nerius kam in Atlanta auf Platz neun
THERAPIEWOCHE Nr. 21 1996 (Autor: Peter Udelhoven):
Wer sich über Dopingsünder auslassen möchte, hat es nicht leicht! Ich kann zwischenzeitlich ein Lied davon singen: An dieser Stelle habe ich vor Wochen in anonymisierter Form den Tod eines Dopers beklagt. Der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, Herr Professor Digel, schäumte und forderte mich auf, ‘Roß und Reiter’ zu nennen. Letztlich erstattete er Anzeige gegen Unbekannt. In Briefen an mich sowie in Interviews mit Massenmedien stellte der Soziologe Digel fest, ordentliche Gerichte würden sich mit meiner Feststellung beschäftigen, ‘der Trainer vom Olympiafinalisten R. sei durch die Spätfolgen seines Spätdopings umgekommen.’ Ich sollte mein Wissen den Gerichten offenlegen. Wenig später verstieg sich der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes zu der Behauptung, das Landgericht Köln sei nun mit dem Vorgang beschäftigt. Entsprechende Rückfragen ergaben, daß dies nicht der Fall war. Da Digel diese Behauptung wiederholt vorgebracht hat, zuletzt in einem Interview mit Herrn Blume für SPORT-BILD, veröffentlicht am 4. Juni 1996, muß ich davon ausgehen, daß er die Öffentlichkeit bewußt täuschen will..
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Ich habe mich mit der Staatsanwaltschaft Köln in Verbindung gesetzt. Frau Oberstaatsanwältin Mösch erläuterte, daß ihr ein Schreiben des DLV zugegangen sei mit der Bitte um Prüfung, ob mit meinem Editorial ein Vorgang beschrieben werde, der strafrechtliche Konsequenzen habe. Sie könne mir bereits jetzt sagen, daß dies nicht der Fall sei und auch keine weitergehenden Ermittlungen erhoben würden. Ich bot der Oberstaatsanwältin an, nichtsdestotrotz eine Aussage machen zu wollen und mein Detailwissen im vorliegenden Fall offenzulegen, um es letztlich ihr anheimzustellen, ob nicht doch ein Verfahren zu eröffnen sei. Sie verneinte mit der Bemerkung, die ‘Staatsanwaltschaft sei nun mal nicht der Rächer der Gerechten, jeder könne seinem Leben ein Ende setzen, wie es ihm beliebe, ob mit oder ohne Doping.’ Ich habe diese Feststellung keineswegs als zynischen Kommentar zum Tode des Trainers R. verstanden, sondern als Zustandsbeschreibung der Jurisprudenz gegenüber einen Phänomen, das noch nicht von Strafgesetzen bewehrt ist.
Warum spricht aber Digel davon, daß das Landgericht Köln den Vorgang prüfe? Weil er nicht weiß, daß die Staatsanwaltschaft - und dies unter Zuhilfenahme polizeilicher Ermittler - erst einmal zu überprüfen hat, ob überhaupt ein Verfahren zu eröffnen ist? Nein, mir drängt sich der Eindruck auf, daß der zu erwartende Bescheid der Staatsanwaltschaft. daß die Ermittlungen der Sache abgeschlossen wurden und kein Verfahren zu eröffnen sei, für eine Meldung zu nutzen, daß die ‘vorgetragenen Dopingverdächtigungen haltlos sind.’... Als ich letztlich zu Detailaussagen bereit war, stellte er seine Strategie um und erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt. Mit mir als Zeugen? Er hätte, spätestens durch seinen Justitiar Prokop, von Hause aus Richter, wissen müssen, daß es für Doping-Katastrophen in unserem Land noch keine Gesetze gibt, die eine strafrechtliche Verfolgung so ohne weiteres möglich machen.
Fazit: eine Dopingdiskussion vor der sportlichen Klimax der Coca-Cola-Olympiade ist nicht gewünscht und unter allen Umstäden zu verhindern. Wenn es nicht eine Öffentlichkeit gäbe...“
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Interview mit Peter Udelhoven
„Beiträge zur Sportgeschichte“ bat den in der Dokumentation mehrfach zitierten Chefredakteur der „Therapiewoche“ um ein Interview. Er bat bei einer Frage um Verständnis dafür, daß er sie nicht beantwortet, weil er einige Wochen nach diesem Gespräch vor die Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes geladen war.
BzS: Könnten Sie sich unseren Lesern mit wenigen Worten vorstellen?
P.U.: Ich bin Medizinjournalist, u.a. als Autor und Hergusgeber von Patienteninformationen (u.a. DER GROSSE FAMILIENRATGE-BER DER GESUNDHEIT) hervorgetreten, aber primär Richtung Ärzteschaft tätig. So war ich Ressortleiter bei Zeitschriften wie MEDIZINISCHE WELT und KASSENARZT, bevor ich im vergangenen Jahr die Chefredaktion der THERAPIEWOCHE übernommen habe. Meine Zielgruppe ist also primär der Arzt, der niedergelassene Arzt.
BzS: Wie sind Sie mit Doping in"Berührung" gekommen?
P.U.: Ich habe als Leistungssportler vor 30 Jahren mit nationalen und internationalen Meistern zusammen trainiert.Dabei habe ich als ausgesprochen neugieriger Mensch den einen oder anderen Hinweis auf leistungsfördernde Begleitmaßnahmen bekommen. Kapiert habe ich das damals nicht, beispielsweise bei einem späteren Weltrekordler ein Arzneimittelgläschen mit Anabolika im Badezimmer zu finden. Nun ja, dergleichen war ja damals wohl noch nicht verboten.
Heute erfahre ich über meine beiden Söhne, die nationale Meister sind, so einiges von der aktuellen Front: beide sind ganz konkret, persönlich und wiederholt zum aktiven Doping „eingeladen“ worden.
BzS: Der Kampf gegen Doping wird seit Jahrzehnten geführt. Geben Sie ihm in dieser Phase der Hochkommerzialisierung des Sports überhaupt eine Chance?
P.U.: Nein! JedenfaIls nicht im Elitesport.
BzS: Wie würden Sie den Kampf gegen Doping organisieren, wenn man Sie morgen zum Welt-Anti-Doping-Chefinspektor berufen würde?
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P.U.: Entkommerzialisierung.
BzS: Der Kampf gegen Doping ist auch ein gnadenloser Wettlauf zwischen Pharma-Industrie und Dopingforschern. Sehen Sie das anders?
P.U.: Das sehe ich genau so: selbst die vermeintlichen Dopinggegner setzen hier und heute auf die Hilfe von von Medizin und Pharmazie nach dem Motto: „Wir haben die bestehenden (legalen) Möglichkeiten noch gar nicht ausgeschöpft! - soll heißen: es sind noch Möglichkeiten in den beiden „Hilfswissenschaften“ verborgen, die man gerne nutzen möchte, bevor sie dann verboten werden (müssen)....
BzS: Es ist unbestritten, daß man in Deutschland einiges tut, um Doping zu vereiteln - mehr zweifellos als in anderen Ländern -, aber es tauchen immer wieder Symptome auf, die fürchten lassen, daß dieser Kampf mehr mit Werbespots als mit energischen Maßnahmen geführt wird. Wie sehen Sie das?
P.U.: Ich bin ganz Ihrer Meinung. In dieser Warengesellschaft läßt sich alles verkaufen - die Athletentruppe, die sich freiwillig und mehrfach zu den bekannten Doping-Kontrollen melden möchte (wobei bekanntlich ja nur das Doping mit „Altsubstanzen“ kontrolliert wird) wie auch der Athlet, der nach abgelaufener Dopingsperre zurückkommt, das aktuelle Beispiel hierzu heißt Tiedtke-Greene.
BzS: In solchem Zusammenhang taucht der Name des Stützpunktleiter Eicke immer wieder auf, der jetzt in einem Gymnasium Schüler unterrichtet. Wie beurteilen Sie seinen "Wechsel" und wie würden Sie ihn einordnen.
P.U.: Eicke hatte sicherlich als ehemaliger Olympiasieger, Diplom-Sportlehrer und Olympiastützpunktleiter andere Perspektiven, als die sich ihm heute als Lehrer darstellenden. Nach meinem Dafürhalten ist er aufgrund seiner Einlassung über „Dopingnester“ in seinem verantwortungsbereich abgemahnt und anschließend in die Provinz geschickt worden.
BzS: Fast täglich tauchen neue Medikamente auf, die in der Dopingszene eine Rolle spielen. Halten Sie einen Mediziner für imstande, diese Woge zu kontrollieren?
P.U.: Nein, Zum einen sind Ärzte im Rahmen ihrer Ausbildung relativ schlecht in Sachen Arzneimittelwirkungen ausgebildet, zum anderen ist die Kreativität in der Dopingszene unglaublich
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phantasievoll und mit der in der Drogenszene vergleichbar. Da werden beispielsweise Arznemittel ausprobiert, die in der „Krankenszene“ längst abgelöst wurden von verträglicheren Medikamenten, sei es, um indirekte Effekte zu nutzen oder simples Hormondoping zu kaschieren. Dennoch möchte ich meinen Teil zur Dopingebkämpfung beitragen und meine Leserschaft, die Ärzte, weiterhin für das Thema sensibilisieren und - soweit mir das möglich ist - ins Bild setzen.
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DOKUMENTE:
Briefwechsel des IOC-Mitglieds Pieter Schaarroo mit Ritter von Halt (1942)
Unter dem Datum des 22. Juli 1942 schrieb der 1924 in das Internationale Olympische Komitee gewählte Niederländer Pieter Wilhelmus Scharroo auf einem vorgedruckten Formblatt „Kriegsgefangenenpost“ an „Herrn Dr. Karl Ritter von Halt, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Charlottenburg. Reichssportfeld.
Bester Karl, Die grosze Güte der Lagerleitung macht es mir möglich dir zu schreiben, dasz ich seit dem 15. mai d.J. in diesem Kriegsgefangenenlager verbleibe. Bitte, teile dies Edström mit, wegen der Korrespondenz des I.O.K. Es ist wohl traurig, dasz ich, nach allem, was ich für Deutschland in meinem tun möchte, diese Tage in deinem Vaterland durchmachen musz. Dazu kommt, dasz ich krank bin - Ischias, Rheuma, Körperschwäche - Durchhalten fällt schwer auf meinem Alter. Könntest du etwas tun um mich wieder nach Holland und unserer Arbeit zurück zu bringen, so wäre ich dir sehr erkenntlich. Hoffentlich geht es dir und der lieben Grete gut. Grüsze sie und Exz. Lewald herzlich von mir. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder in besseren Tagen. Mit herzlichen Sportgrüssen dein sehr ergebener Scharroo.
Unter dem Datum des 24. Juli 1942 schrieb ein gewisser Bischoff an Ritter von Halt:
Ihr w. Schreiben an den Kommandant des Kriegsgefangen-Lagers Nürnberg-Langwasser kam in meine Hände, nachdem ich Kommandant des Holländer-Lagers bin. Ich habe mich persönlich sehr gefreut, von Ihnen wieder mal ein persönliches Lebenszeichen erhalten zu haben und mich dabei an unsere gemeinsame SA-Dienstzeit in der Kampfzeit erinnert. Ich bin seit nahezu 10 Jahren wieder bei der Wehrmacht und habe viele Dienststellen absolviert, um nun als Kriegsgefangenen-Kommandant gelandet zu sein.
Gerne habe ich Ihrem Wunsch Rechnung getragen betr. des holländischen Oberst Scharroo. Ich habe ihn zu mir gebeten und ihm von Ihrem Briefe Kenntnis gegeben. Er hat sich ausserordentlich
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gefreut, dass Sie sich seiner erinnert haben. Er befindet sich in ausgezeichnetem Gesundheitszustand und es geht ihm auch, soweit man bei Kriegsgefangenen von gut sprechen kann, gut. Jedenfalls habe ich auch Anordnungen getroffen, daß die Verdienste des Oberst Scharro nicht vergessen werden. Zu einer Konsequenz hieraus, die Sie sich wohl als Freilassungsantrag denken dürften, bin ich leider nicht befugt. Solche Anträge müssen von den deutschen Stellen aus an den Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden, Den Haag, gerichtet werden. Sollte jedoch ich hier einen Auftrag erhalten, die ehrlichen Anhänger Deutschlands herauszuschälen, so würde ich nicht versäumen, den Oberst Scharroo in Vorschlag zu bringen.
In der Hoffnung, daß es Ihnen, sehr verehrter Herr Doktor, nach wie vor gut geht, begrüsse ich Sie in alter Kameradschaft herzlichst
Heil Hitler
Ihr sehr ergebener Bischoff
Major
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REZENSIONEN:
Interessant, informativ, widersprüchlich.
Karl Adolf Scherer, der sich seit vielen Jahren mit der olympischen Geschichte befaßt und bereits 1974 mit seinem Buch "Der Männerorden" eine kritische Geschichte des IOC vorlegte, meldete sich jetzt mit einem gewichtigen Buch zu Wort - "100 Jahre Olympische Spiele - Idee, Analyse und Bilanz". Gewichtig im wörtlichen Sinne nach Umfang und Gewicht, gewichtig aber auch von Inhalt und Form. Es besticht durch seine Übersichtlichkeit, seine lockere und gut lesbare Schreibweise, ist interessant durch die Darstellung vieler Anekdoten und vielfach wenig bekannter Begebenheiten aus der olympischen Geschichte und vermittelt dem sportinteressierten Leser mit dem übersichtlichen, reichhaltigen und gut gestalteten Statistikteil einen leicht zugänglichen Überblick zu den sportlichen Ergebnissen aller Olympischen Spiele der Neuzeit. Knappe, aber treffende Bildbeschreibungen erleichtern ihre zeitliche und inhaltliche Einordnung. Abgerundet wird der positive Gesamteindruck durch einen informativen und übersichtlichen Anhang zu allen bisherigen und aktuellen Mitgliedern des IOC, zu dessen Amtsträgern, den NOK sowie den internationalen olympisch anerkannten Sportföderationen. Insgesamt ein Buch, das die sporthistorische Literatur zum Thema erweitert und bereichert. Der Leser wird auf jeden Fall mit persönlichem Gewinn darin blättern.
Allerdings muß sich der Autor an dem von ihm im Buchtitel selbst gestellten und ebenso gewichtigen Anspruch messen lassen. Kann man diesem hinsichtlich der Bilanz der Olympischen Spiele sicher uneingeschränkt und der Darstellung ihrer Idee noch weitgehend zustimmen so drängt sich zum Anspruch einer Analyse doch beträchtlicher Widerspruch auf. Abgesehen von einzelnen Ungenauigkeiten im Medaillenspiegel - der Silbermedaillengewinner von Melbourne 1956 über 1500 m, Klaus Richtzenhain, wird beispielsweise unter GDR, alle anderen DDR-Starter der gemeinsamen Mannschaft aber unter GER geführt - bezieht sich das Unbehagen vor allem auf den Textteil. Hier erweist sich der zunächst verständliche konzeptionelle Ansatz, ohne Anspruch auf Vollständigkeit Begebenheiten aus der
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olympischen Geschichte auszuwählen und zu beschreiben, als ein unübersehbares Manko des Buches. Wirkt ein solches Herangehen auf den ersten Blick interessant, so erweckt es bei näherer Betrachtung den Eindruck des Willkürlichen. Das Weglassen wichtiger Fakten zu den geschilderten Sachverhalten trägt ebensowenig zum Verständnis der olympischen Geschichte als unlösbarem Bestandteil des historischen Gesamtprozesses bei wie allzu leicht dahingeschriebene Einschätzungen. Wenn schon beispielsweise durchaus berechtigt die überragenden Leistungen des Norwegers Birger Ruud bei den olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen so breit dargestellt werden,so gehört zur historischen Wahrheit über diesen Mann aber auch, daß der gefeierte Sportler wenige Jahre später während der deutschen Besetzung Norwegens ins KZ kam, weil er es ablehnte, mit den Besatzern zu kollaborieren. Eigenartigerweise spielt aber die Inhaftierung des letzten „Reichssportführers“, Ritter von Halt, durch die sowjetische Militäradministration nach dem Kriege dagegen im Text eine beträchtliche Rolle. Ebenso sucht man vergebens nach einem Hinweis, daß der in Athen 1896 gefeierte mehrmalige Olympiasieger und Medaillengewinner im Turnen, Gewichtheben und Ringen,Carl Schuhman, nach seiner Rückkehr in Deutschland wegen seiner Teilnahme an den Olympischen Spielen gesperrt wurde. Ebenso verdrießen beim Lesen immer wieder allzu lockere, teilweise oberflächliche Einschätzungen. Zur Bewertung der Olympischen Spiele 1936 wäre wohl mehr zu sagen, als das "Kommunisten und Sozialisten" die Spiele “beschimpften“, Berlin aber deshalb einen bedeutsamen Platz in der olympischen Geschichte einnahm, " ...weil bis heute niemand zu sagen weiß, ob Adolf Hitler Jesse Owens empfangen hätte, wenn es ihm noch erlaubt gewesen wäre." (S. 181/82) Oder, was soll eine ernstgemeinte Bemerkung, "die Sowjets" hätten 1952 vor der Tür gestanden, um “das IOC zu usurpieren".(S.9) Lassen wir es dabei bewenden. Es ist schade, daß es der Autor nicht vermochte, über seinen Schatten zu springen und Vorurteile außen vor zu lassen. Das Buch hätte noch deutlich an Wert gewonnen.
Karl Adolf Scherer; 100 Jahre Olympische Spiele - Idee, Analyse und Bilanz; Harenberg Kommunikation, Dortmund, 1995. 427 Seiten; 98 DM
Gerhard Oehmigen
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Atlanta - ein wenig verzerrt
Man kennt die Crux der Herausgeber von Olympiabänden: Im Wettlauf um den Käufer müssen Sprintrekorde erzielt werden. Der in Berlin beheimatete Sportverlag konnte früher auf allzu hurtige Produktionen verzichten und das schuf Maßstäbe, die inzwischen verlorengingen. Das Atlanta-Buch ist optisch brillant gestaltet, darf sich wohl rühmen in dieser Hinsicht - auch was die Qualität und Auswahl der Bilder betrifft - die Konkurrenz übertroffen zu haben, mußte sich aber mit Texten begnügen, die fast nirgendwo olympisches Format erreichten. Was ausgerechnet Harry Valerien als Herausgeber empfahl, bleibt unklar. Seine einführende Wertung der Spiele - darauf reduziert sich faktisch die Aufgabe populärer Editoren, von denen man sich hohe Kaufquoten erhofft - ist dünnblütig, stolpert von einem Zitat zum nächsten, verzichtet zum Beispiel bei der Würdigung Birgit Fischers auf die rund um Berlin Hunderttausende bewegende Tatsache, daß moderne Gesetze und „Alteigentümer“ ihr das Heim genommen haben. Die Reihenfolge der Sportarten - Schwimmen, Schießen, Turnen, Radsport, Schwerathletik... an 14. Stelle folgt die Leichtathletik - ist ohne erkennbares System.
Viele Autoren haben Mühe, ihr Fachwissen deutlich werden zu lassen. Daß der Verlag für die der Geschichte gewidmeten Kapitel keinen Fachmann gewinnen konnte, ist betrüblich, der dafür engagierte Thomas Kistner hat seine Ignoranz oft genug demonstriert, als daß es eines weiteren Beweises bedurfte. Eine Kostprobe über Athen 1896: „Groß waren auch Coubertins Vorbehalte gegenüber den Deutschen. Die griechischen Veranstalter aber luden Deutschland zu den Spielen.“ Es ist hinlänglich bekannt, daß Coubertin die Deutschen schon zu seinem Kongreß 1894 eingeladen hatte, die Sportführer aber eine Teilnahme als mit der Würde eines Deutschen unvereinbar bezeichneten. Derlei Oberflächlichkeiten prägen auch viele andere Texte. Klaus Weise zeichnete für ein „Tagebuch“ verantwortlich, das mit folgenden kapitalen Zeilen ausklingt: „Das waren sie, die Hundertjährigen. Stille Erinnerung. Lautes Aufatmen. Selten stimmt der Chronist mit Bundesministern überein. Doch als Volker Rühe, Gast der Spiele, seine Erlebnisse in Atlanta mit dem Satz resümiert, ‘Wenn es das alles nicht gäbe, dann wäre diese, unsere (!) Welt sehr
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viel ärmer’, da war dieser erfreulich kurzen Politiker-Rede nur Beifall zu klatschen und sie zu drucken.“
So bleiben die faszinierenden Bilder und die fast fehlerfreie und sogar nach dem Alphabet geordnete Statistik das größere Erlebnis beim Studium dieses Buches. Blättert man sich bis zum Impressum durch, stößt man auf eine medaillenverdächtige Fotomontage: Die fünf Ringe symbolisiert durch fünf Konzern-Markenzeichen unter der Zeile: „Wir rufen die Jugend der Welt“.
Harry Valerien; Atlanta - Das Olympiabuch 1996; Sportverlag Berlin 1996; 242 S.; 39,90 DM
Klaus Huhn
Bemerkenswerte Erinnerung an 1936
Nachdem die gescheiterte Olympiabewerbung für das Jahr 2000 das Thema 1936 einfach ausgeblendet hatte, wurde nun durch eine Ausstellung die ganze Brisanz dieser Problematik mit Akribie in die Öffentlichkeit gerollt.
Es gibt ja in der deutschen Geschichte kein sportliches und sportpolitisches Ereignis, das bis heute so konträre, breite und nachhaltige Debatten ausgelöst hat und den sporthistorischen Diskurs weiter begleitet, wie die Olympischen Spiele von 1936. Die Ausstellung „1936 - Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus“ wird im Zusammenhang mit dem Jahrhundertjubiläum der Olympischen Spiele und 60 Jahre nach den Spielen in Deutschland den geschichtlichen Dimensionen in bester Weise gerecht. Die Stiftung Topographie des Terrors unter der Leitung ihres Direktors Prof. Dr. Reinhard Rürup, hat unter Mitwirkung zahlreicher wissenschaftlicher Helfer für die breite Öffentlichkeit eigentlich erstmalig eine umfassende geschichtliche Aufarbeitung vorgestellt. 1936 war in mehrfacher Beziehung ein "Höhepunkt". Die Autoren der Exposition verliehen dem die Gestalt eines Riesenbilderbuches im positiven Sinne. Es gelingt ihnen, die ganze Ambivalenz der Veranstaltungen in Deutschland durchsichtig zu machen, die in der Gleichzeitigkeit von sportlichen Hochzeiten vor internationaler Öffentlichkeit und von direkter Vorbereitung des Weltkrieges Nr. 2 besteht.
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Was macht die Ausstellung eigentlich so eindrucksvoll?
Zunächst die Tatsache, daß man in den großformatigen Fotos spazierengehen kann und in deutsch (schwarze Schrift) und englisch (blaue Schrift ) kompetente Erläuterungen dazu erhält. Die ganze Problematik der Vorgeschichte und des Ablaufs der Spiele, eingebettet in die deutsche Sportgeschichte, wird dem Betrachter in den neun Ausstellungs-Komplexen durch Fotos, vergrößerte Faksimile-Dokumente überzeugend vor Augen geführt. Hier wird das Ergebnis umfangreicher und aufwendiger wissenschaftlicher Forschungsarbeit vorgestellt, die sowohl um Personen, (Brundage, von Halt, Diem, Edström) wie um Hintergründe (Demagogie der faschistischen Führung, Verhalten der IOC-Mitglieder, Verhaftung und Verjagung von Bettlern, Sinti und Roma, Überwachung der ausländischen Gäste, polizeiliche Sondermaßnahmen) keinen Bogen macht. So erhalten die Aussagen nachhaltiges Gewicht.
Im 1.Komplex der Ausstellung werden dem Besucher wesentliche Gesichtspunkte und Fakten aus der Geschichte der olympischen Bewegung, ihrer Repräsentanten zwischen 1896 und 1932 vermittelt. Auch für die deutsche Sportgeschichte werden nötige Informationen für das Gesamtverständnis dessen gereicht, was nach dem 30. Januar 1933 geschah. Die wichtigsten, bis dahin bestehenden Sportorganisationen werden vorgestellt. Dabei ist es ein Anliegen der Exposition, die Existenz einer eigenen jüdischen Sportbewegung zu betonen.
Der 2. Komplex dokumentiert die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie, die Errichtung der faschistischen Diktatur, einschließlich der schrittweisen rigorosen Abschafffung bisheriger sportlicher Organisationsstrukturen, die Beseitigung der Verbände des Arbeitersports, die Liquidierung der konfessionellen Verbände bzw. ihre „Gleichschaltung“ unter der zentralistischen Führung des Reichssportführers. Es entspricht der realistischen und nicht zu beschönigenden Wertung der ns-Herrschaft festzustellen, daß die Unterstützung der ns-Diktatur „durch die große Mehrheit der Bevölkerung" schon vor den Olympischen Spielen „einen ersten Höhepunkt" erreichte. Auch diese Aussage wird optisch beweiskräftig gemacht. Zugleich werden diesem Abschnitt einprägsam Dokumente (Montagen J.Heartfields) zur Entlarvung der Hitlerschen Kriegs- und Verschleierungspolitik beigefügt.
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Im 3. Komplex werden "Ideen und Interessen" der Veranstalter der Spiele dokumentiert und in einem gesonderten Teil wird die internationale Protest- und Boykottbewegung anschaulich gemacht. Die als Gegenveranstaltung in Barcelona vorbereitete Volksolympiade fällt dem Franco-Putsch zum Opfer. Das Foto der Litfaßsäule in Barcelona mit den Werbe- und Informationsplakaten zu den Wettkämpfen vor der schnell errichteten Barrikade bleibt besonders im Gedächtnis haften. Die internationale Vielfalt der Sportler und Organisationen, die sich dem Faschismus im olympischen Gewand verweigern, ist ein wesentlicher und umfassender Beitrag zur Verdinglichung des Antifaschismus. Diese Haltung wird in den Zeugnissen humanistischer Gesinnung von Sportlerinnen deutlich, die auf die olympische Teilnahme unter den gegebenen Umständen verzichten.
Der 4. Komplex befaßt sich mit den Vorbereitungen, darunter den Bauplänen, auf die Hitler und seine Paladine direkten Einfluß nahmen, und die am Ende die weiträumige und großzügige Gestaltung des „Reichssportfeldes" und seiner weiteren Umgebung zum Ergebnis hatten. Hieran schließt sich die Dokumentation zu den sportlichen Vorbereitungen mit zentralen Trainings- und Vorbereitungslagern, der politischen Auswahl und ideologischen Beeinflussung ihrer Teilnehmer an. Offiziell wurden auf Verlangen der internationalen Öffentlichkeit auch jüdische deutsche Sportler zugelassen, praktisch jedoch, bis auf wenige Ausnahmen, ausgeschlossen. Zu den Vorbereitungen gehörten auch die "Propaganda und Werbung". Von der Schaufensterdekoration mit den entsprechenden Hinweisen, über die Statistik zu Auflagenziffern der für die Auslandswerbung verteilten offiziellen Werbeplakate, Rundfunkansprachen und Zeitungsartikel bis zu Olympia-Heften und internen Anweisungen zur Beflaggung jüdischer Geschäfte reicht die Palette der politischen Absicherung. Ein Höhepunkt in diesem Programm war der erste olympische Fackellauf durch sieben Staaten von Olympia bis Berlin.
Im 5. Komplex finden die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen in ihrer "Organisation und Inszenierung" und ihren sportlichen Ereignissen Platz. Im Katalog ist zu lesen: "Die Winterspiele zeigten auf kleinstem Raum wichtige Merkmale der Spiele von 1936: Die Hilfs-, Ordnungs- und Arbeitsfunktionen von Wehrmacht, Polizei, SS, SA und Reichsarbeitsdienst traten ebenso hervor wie
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die Präsens der Prominenten aus Partei-, Staats- und Armeeführung und aus dem Ausland.Trotz einer Verordnung des Reichsinnenministers, wonach der ‘Reichssportführer’ und die Zuschauer sportliche Kleidung tragen sollten, bestimmten Uniformen das Bild. Selbst für Bildreporter war einheitliche Kleidung vorgeschrieben. Eine Mischung aus mondäner Welt, Skihüttenambiente und Improvisation bestimmte das Flair der Winterspiele." (S.89) Die Wettkämpfe und die erfolgreichen Sportler werden optisch und biographisch dokumentiert.
Im 6.Komplex wird das Olympische Dorf vorgestellt aber auch ein Flugblatt der Deutschen Volksfront gegen die faschistische Diktatur und die Kopie des Briefes von J.M.Lorraine aus Southampton an Jesse Owens, in dem er aufgefordert wird, aus Protest gegen die Rassenverfolgungen die Entgegennahme der Olympiamedaille zu verweigern. Es gelingt auch, die Ambivalenz der großen Feiern und Empfänge, der Massenveranstaltungen und des Kulturprogramms deutlich zu machen. Der Betrachter erfährt Konkretes über polizeiliche Maßnahmen gegen politische Widerstandsaktionen, aber auch gegen Prostitution gegen Bettler, Sinti und Roma. Ihre Ghettoisierung wurde praktisch in Marzahn eingeleitet. Rassistische Maßnahmen sind im Zusammenhang mit den Spielen kaschiert und zugleich verschärft worden, um möglichst "störungsfrei" über die Olympiawochen zu kommen. Die Wettkämpfe in Berlin, die Entscheidungen und Porträts von SportlerInnen enthält der 7. Komplex in angemessener Ausführlichkeit. Im 8.Komplex unter dem Titel "Rezeption und Manipulation" findet sich eine kritische Betrachtung des Riefenstahl-Films und ein Abschnitt über "'Olympischen Geist"' und Politik. Das Medienereignis übertraf noch das von 1932 in Los Angeles. So berichteten aus Berlin 1800 Pressevertreter aus 59 Ländern. Dazu kamen noch 42 Rundfunkgesellschaften, die allein 120 Berichterstatter beschäftigten. Erste Fernsehübertragungen in öffentliche Berliner Fernsehstuben waren technische Leistungen mit kalkulierten politischen Zielen.Zeitgenössische private Korrespondenzen lassen erkennen, wie widersprüchlich die Eindrücke von den Spielen bei Aktiven und Zuschauern gewesen sind. Im letzten Teil dieses Komplexes gehen Text und Dokumente darauf ein, wie sich in den folgenden Jahren bis zum Kriegsende die deutschen Repräsentanten das IOC untertan zu machen
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bemühten und die Erfolge von 1936 für die ns-Politik unmittelbar nutzten.
Der 9.Komplex ist "Tradition und Kritik“ getitelt. Hier stehen Schicksale von Olympiakämpfern im Mittelpunkt, unter ihnen jüdische Sportler, vor allem aus Ungarn, Deutschland, Holland und Polen. Zu den 0pfern des Holocaust zählten die erfolgreichen Turner bei den Athener Spielen von 1896 Alfred und Gustav Felix Flatow. Viele deutsche Olympioniken wurden Opfer des Weltkrieges, der Antifaschist Werner Seelenbinder muß auf das Schafott, andere wurden, wie Birger Ruud und Bronislav Czech, in den faschistischen KZ inhaftiert und verloren dort ihr Leben, nicht wenige polnische Sportler starben im Kampf gegen die Okkupation. Ritter von Halt und Carl Diem dagegen führten noch Ende April 1945 das Volkssturmbataillon "Reichssportfeld" an. Beide nahmen wenige Jahre später maßgeblichen Einfluß auf die Sportentwicklung in der BRD. Am 5.Oktober 1950 verfaßte der damalige IOC-Vizepräsident Avery Brundage einen "Persilschein" für v.Halt,dessen Wortlaut nachzulesen ist.
Im Beiprogramm stellten sich Autoren der Ausstellung zu speziellen Themen mit Vorträgen und Diskussionen. Eben, weil - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die meiste Literatur in der Bundesrepublik Deutschland und die sogenannte öffentliche Meinung - ganz im Gegensatz zu der in der DDR - auf der Diemschen Apologetik von 1960 fußte, die Spiele von 1936 seien, weil vom IOC gelobt, ganz im Sinne der olympischen Bewegung gewesen, wurde diese Ausstellung zu einem wichtigen Werk der historischen Wahrheitsfindung und der Korrektur solcher verbreiteten falschen Vorstellungen. Insofern hat das öffentliche Beweisen der Ambivalenz der Spiele von 1936 weitreichende Bedeutung.
1936 - DIE OLYMPISCHEN SPIELE UND DER NATIONAL-SOZIALISMUS. Die Ausstellung war vom 24. Mai bis 18. August in der ehemaligen Staatlichen Kunsthalle an der Berliner Gedächtniskirche, Budapester Str.42 (10787 Berlin) gezeigt worden und wird vom 15.November 1996 bis 26.Januar l997 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Museumsmeile, Adenauerallee 250 in 53113 Bonn, gezeigt.
Hans Simon
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Beeindruckend - Gegenolympiade der Kunst 1936
Am 1. August 1936, an dem Tag als mit bis dahin ungekanntem Propagandaaufwand die XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin begannen, wurde in Amsterdam die Ausstellung "De Olympiade Onder Dictatuur - D.0.0.D" (Tod) eröffnet.
Die vom Gemeentearchief Amsterdam verantwortete Rekonstruktion der Amsterdamer Gegenolympiade der Kunst, die durch eine umfangreiche Videodokumentation ergänzt wird, ist nun auch in Deutschland zu sehen. Obwohl von den damals gezeigten etwa 300 Arbeiten nur 120 wieder aufgefunden und erneut präsentiert werden konnten, lassen die vorhandenen Exponate und das Wissen um die verschollenen und vernichteten heute noch den besonderen Wert dieser Ausstellung erkennen. Und es ist nicht nur zu ahnen, wie bescheiden, ja dürftig sich die Kunstausstellung anläßlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin dagegen ausnahm.
Der niederländische "Künstlerbund zur Verteidigung kultureller Rechte" hatte damals gemeinsam mit dem niederländischen "Komitee zum Schutz des olympischen Gedankens" dazu aufgerufen, die Berliner Kunstausstellung zu boykottieren und sich stattdessen an der Amsterdamer Gegenolympiade der Kunst zu beteiligen. Etwa 150 Künstler reichten Arbeiten ein, die ohne jede Einschränkung ausgestellt wurden, als einzig mögliche Antwort auf die totalitäre Kunstpolitik im deutschen ns-Staat. Es beteiligten sich stilistisch völlig unterschiedlich arbeitende Künstler, Impressionisten, Expressionisten, Surrealisten, Realisten, Vertreter der neuen Sachlichkeit und Abstrakte, wodurch ein Überblick über die damalige breitgefächerte europäische Kunstszene entstand. Die Ausstellung war zugleich ein Beispiel für das breite Bündnis von Künstlern und Intellektuellen jener Zeit gegen Nationalsozialismus, Kriegsvorbereitung und Krieg sowie jeder geistigen Haltungen, die dem dienten. Diesem Anliegen entsprechend war der Exposition eine umfangreiche Dokumentation vorangestellt worden, die außerordentlich kenntnisreich und heute noch tief beeindruckend über die Machtergreifung durch Hitler und jene Gesetze informierte, welche die Grundrechte außer Kraft setzten, über die ns-Rassenpolitik, die
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Nazifizierung von Wissenschaft und Erziehung, die auf Ausrottung von Minderheiten und Andersdenkende zielende Bücherverbrennung, die Gleichschaltung von Theater, Film, Musik, bildende Kunst und Sport, über Vertreibung, Verfolgung und Tod.
In der sich anschließenden Kunstausstellung waren mit den Zeichnungen von Karl Schwesig (Drei Tage in der Folterkammer) und den Holzschnitten von Jan/Hanns Kralik (KZ Börgermoor) die ersten künstlerischen Zeugnisse selbst erlebter Greueltaten in ns-Deutschland zu sehen. Mancher nahm in seinen Arbeiten visionär spätere Geschehnisse voraus oder ließ das Kommende ahnen. Viel mehr vermittelten aber Alltagsszenen, Porträts, Landschaften, Stilleben oder Abstraktionen und viele Skulpturen den humanistischen Anspruch und die Solidarität im Kampf gegen den Faschismus, der von allen als die größte Bedrohung der Kultur empfunden wurde. Es stellten bekannte Künstler aus, wie Fernand Leger, Frans Masereel oder Max Ernst, und solche die in Deutschland als "entartet" galten. Es nahmen französische, belgische, englische, dänische und schwedische Künstler teil, Künstler aus den USA, der CSR und Ungarn, besonders aber aus den Niederlanden und Deutschland, zumeist deutsche Emigranten. Mancher von ihnen sollte Verfolgung und Deportation später selbst bzw. erneut erleben, wie Helen Ernst, Johan Wertheim oder Boris Taslitzky, und andere Deportation und KZ nicht überleben, wie Otto Freundlich, Chris Lebeau, Frits van Hall oder Moissi Kogan.
Bereits drei Wochen vor der Eröffnung wandte sich der deutsche Konsul unter Umgehung der niederländischen Regierung direkt an den Bürgermeister von Amsterdam und drängte, Schritte gegen die Ausstellung zu unternehmen. Über den Gesandten in Den Haag wurden das Auswärtige Amt in Deutschland informiert und Informationen über die Namen, den Beruf und die politische Gesinnung der Organisatoren sowie die teilnehmenden Künstler übergeben und diejenigen über deutsche Künstler im Exil an die Berliner Gestapo weitergeleitet. Bei der niederländischen Regierung wurde wegen eines Verbots vorgesprochen und als das nicht gelang, die Entfernung wichtiger Exponate durchgesetzt. Noch vor der Eröffnung entfernte die Behörde 19 Werke darunter das Gemälde "Zeitbild" von Harmen Meurs und Zeichnungen von Karl Schwesig, am 12.August Holzschnitte von Gerd Arntz (A. Dubois) und erneut Zeichnungen von Karl Schwesig und am 17.
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August nochmals Fotos, Karikaturen, Zeichnungen, Abbildungen und eine Bildunterschrift.
Trotz der staatlichen Zensur, die maßgeblich auf Drängen deutscher Behörden erfolgte, wie Originaldokumente belegen, war die Ausstellung "ein Erfolg" und die Reaktion von Künstlern in den Niederlanden und "beträchtlich". So die Einschätzung aus damaliger und heutiger Sicht. Um so mehr mußte befremden, daß in verschiedenen Rezensionen der, dem Stadtmuseum Berlin - Sportmuseum Berlin zu verdankenden, Kunst- und Geschichts-Ausstellung auch heute noch der künstlerische Anspruch der damaligen Exposition herabgesetzt oder ihr eine geringe Resonanz nachgesagt wird.
DIE OLYMPIADE UNTER DER DIKTATUR. Rekonstruktion der Amsterdamer Kunstolympiade 1936.
Margot Budzisch
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JAHRESTAG:
Vor 200 Jahren - Erste Spielsammlung
Johann Christoph Friedrich GutsMuths "Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes für die Jugend, ihre Erzieher und alle Freunde unschuldiger Jugendfreuden" erschienen erstmalig 1796 im Verlag der zur Erziehungsanstalt Schnepfenthal gehörenden Buchhandlung.
Diese Spielsammlung ergänzte GutsMuths’ Schrift "Gymnastik für die Jugend" und hatte eine ähnliche Wirkung wie diese. Mehr als 100 Jahre war sie ein Standardwerk, das viele Auflagen erlebte. Die ersten drei besorgte GutsMuths noch selbst. Die jüngste Ausgabe erschien - herausgegeben von der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) Leipzig - 1959 im Sportverlag Berlin in der Reihe "Quellenbücher der deutschen Körperkultur".
Zu den Verdiensten von GutsMuths gehört es, das erste pädagogisch begründete Spielbuch vorgelegt, die Bewegungsspiele wiederentdeckt und die Spieltheorie der Philanthropisten bereichert zu haben. Insbesondere dadurch war die nachhaltige Wirkung dieser Sammlung von Spielen bestimmt. Diese verdankte der Autor antiken wie zeitgenössischen Quellen oder er hatte sie selbst entdeckt und natürlich alle erprobt. Nicht wenige von diesen Spielen gehören noch heute zum Spielgut der körperlichen Bildung und Erziehung.
Das Anliegen des Spielbuches erörtert GutsMuths in der Einleitung:
"Ich muß hier einiges über den pädagogischen Nutzen und die Notwendigkeit der Spiele sagen.
(1.) Wenn das größte Geheimnis der Erziehung darin besteht, daß die Übungen des Geistes und des Körpers sich gegenseitig zur Erholung dienen, so sind Spiele, besonders Bewegungsspiele sowie Leibesübungen überhaupt, unentbehrliche Sachen. Stünde dieser Satz auch nicht im Emil, so würde ihn ja schon jeder Schulknabe verkündigen, wenn er nach der Lektion die Bücher wegwirft. Dergleichen allgemein von der Jugend geäußerte Triebe beweisen so scharf als das schärfste Vernunftschließen. Allein es gibt demungeachtet Leute, die auf obigen Satz durchaus nicht Rücksicht nehmen. 'Aber', sagen sie mit Cicero: 'ad severitatem
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poitus et ad studia quaedam graviora atque majora facti sumus.' Ich bin selbst herzlich davon überzeugt, glaube aber, daß es für jung und alt kein ernsteres Studium nach der Geistesbildung geben könne, als das, was auf Gesundheit, Ausbildung des Körpers und Heiterkeit des Geistes hinzielt, weil ohne diese die Geistesbildung wenig nützt, sondern als ein totes Kapital daliegt, an dem der Rost nagt. Und wer wirklich der Meinung ist, daß man die Stunden, wo es mit ernster Anstrengung des Geistes nicht mehr fort will, stets zu irgend etwas Nützlichem, z.B. zum Zeichnen, Klavierspielen, zum Ordnen der Insekten und Mineralien und dergleichen anwenden müsse, der hat von der Ökonomie sowohl des jugendlichen als erwachsenen menschlichen Körpers keine richtige Vorstellung, er weiß das Nützliche nicht gegen das Nützlichere gehörig abzuwägen; ...
Es ist freilich sehr gut möglich, alles eigentliche Spiel gänzlich zu vermeiden und sich durch bloße Abwechslung zwischen ernstlicher Anstrengung des Geistes und jenen spielenden Beschäftigungen hinzuhalten; allein ich glaube nicht, daß sich auf diese Art besonders bei der Jugend eine gewisse weibische Weichlichkeit, Untätigkeit und Schlaffheit des Körpers vermeiden lasse. Kurz, man beweise erst streng und redlich, daß die Bildung des Körpers eine Posse sei, die für uns nichts wert ist, daß unser Geist des Körpers nicht bedürfe, daß dieser auf unsere Tätigkeit, auf unseren Charakter und auf Belebung oder Erstickung des göttlichen Funkens, der in uns glimmt, gar keinen Einfluß habe; wenn man das getan, die Forderungen der Natur, der größten Ärzte und der denkendsten Männer widerlegt haben wird, dann will ich schweigen und einsehen lernen, daß ich Torheit gepredigt habe, dann will ich gern behaupten, daß man die Zeit zur Erholung wohl edler als zu Spielen und Leibesübungen verwenden könne. ...
Sollten aber junge oder alte Gelehrte und Jugendbildner einen Skandal darin finden, mit der Jugend zu spielen, so verweise ich sie auf Heraklit, der am Dianentempel zu Ephesus die Knabenspiele als Mitspieler ordnete; auf Sokrates, wie er mit der Jugend spielt, auf Scaevola, Julius Caesar und Octavius, die studiosissime Ball spielten, auf Cosmus von Medici, der seinem kleinen Enkel auf öffentlichem Platze die Pfeife verbesserte, auf Gustav Adolf, der mit seinen Offizieren Blindekuh spielte usw. Nur durch eine unbegreifliche Folgefalschheit ist es möglich, das
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Billard, die Kegelbahn und die Karten in öffentlichen Häusern für wohlanständig, öffentliches Spielen mit Kindern für unanständig zu halten. ...
(6.) Um die Herzen der Kinder zu gewinnen, spiele man mit ihnen; der immer ernste, ermahnende Ton kann wohl Hochachtung und Ehrfurcht erwecken, aber nicht so leicht das Herz für natürliche, unbefangene Freundschaft und Offenherzigkeit aufschließen. Am offensten ist man immer nur gegen seinesgleichen; die eigentüm-liche Gesinnung der Älteren und der höheren Klasse machen uns zurückhaltender, darum gesellt sich gleich so gern zu gleichem.
Durch Spiele nähert sich der Erzieher der Jugend, sie öffnet ihm ihr Herz um so mehr, je näher er kommt, sie handelt freier, wenn sie in ihm den Gespielen erblickt, und er findet Gelegenheit zu Erinnerungen, die beim Studieren nicht veranlaßt werden würden. Überdem aber sind Erinnerungen um so fruchtbringender, je gleicher an Alter und Stand der uns ist, welcher sie gibt. Wir hören dann in ihm die Stimme unserer eigenen ganzen Klasse, darum bessert die Ermahnung, die ein Zögling dem anderen im stillen und im Bunde der Freundschaft und Gleichheit gibt, gewöhnlich mehr als die des Lehrers; im Munde des letzteren klingt sie zu erwachsen, zu alt, in dem anderen just jung genug, um befolgt zu werden."
GutsMuths, J. C. F.: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes. Berlin: Sportverlag 1959, S. 14 ff
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Ein Kapitel Breitensport
Von Otto Jahnke
Die Rüdigerstraße 65 im Stadtbezirk Lichtenberg war früher eine gute Adresse. Dort war der Sitz des Berliner Wohnungsbaukombinats mit über 13 000 Beschäftigten. Von hier aus erfolgte die Leitung, Planung und der Einsatz der acht Betriebe des Kombinats, das im Jahre 1949 gegründet worden war. Und die Rüdigerstraße 65 war auch eine Top-Adresse im Berliner Sport. Dort wirkte auch die Leitung der populären Betriebssportgemeinschaft, von der eine starke Ausstrahlung ausging. 2 050 Mitglieder konnten in 22 Sektionen und drei selbständigen Sportabteilungen mit weiteren sieben Sektionen ihren sportlichen Neigungen nachgehen.
In Trümmern keimte neues Leben
Die Gründungsurkunde der BSG (damals Aufbau Zentrum) wurde am 6. Juni 1951 ausgestellt. Ein Datum, das Zeitzeugen an die riesigen Trümmerberge in Berlin erinnert. Über 20 Millionen Kubikmeter Schuttmassen, die beseitigt werden mußten. 180.000 Wohnungen waren dem Erdboden gleichgemacht, mehr als 400.000 beschädigt. Sportplätze, Turnhallen, befanden sich in den Trümmerwüsten der endlos scheinenden Ruinenfelder.
Das Datum aus dem Juni 51 erinnert auch an das Leben, das in den Ruinen keimte: 45 000 Berliner folgten dem Aufruf, die Karl-Marx-Allee zu enttrümmern. Nach dort getaner Arbeit trafen sich Sportfreunde beim Tischtennis. 45 Spieler waren es anfangs, die sich alle 14 Tage trafen, um ihrem Sport nachzugehen.
Die Gründung der BSG erfolgte, als die bauliche Neugestaltung Berlins in den Blickpunkt rückte und als erstes das Hochhaus an der Weberwiese entstand. Mitte der fünfziger Jahre begann die industrielle Bauweise. Seit 1966 wurden 135.000 Wohnungen gebaut. Im Gründungsjahr der BSG verfügte sie nicht über eine einzige Sportanlage. Oft mußte improvisiert werden, um das Training und die Wettkämpfe zu organisieren. Ideen waren gefragt und viel persönliches Engagement. Trotz der vielen Schwierigkeiten ging es voran.
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Hauptanliegen: Sport für alle!
Für die Förderurg des Sports stellte die Kombinatsleitung 9.000 Mark zur Verfügung - 30 Jahre später 60.000. Das Hauptanliegen der BSG bestand darin, den Sport für alle zu fördern. "Überall spürten wir das Interesse der Belegschaftsmitglieder nach mehr Sport. Das war für uns in all den Jahren die Triebkraft", erinnert sich noch heute der langjährige Vorsitzende der BSG Hasso Hettrich. Von Jahr zu Jahr verbesserten sich die Bedingungen für die Ausübung des Sports. Zahlreiche Objekte entstanden oft in ungezählten freiwilligen Arbeitsstunden. Die Betriebsleitung, stellte bei Bedarf Baumaterial zur Verfügung. Sportarten wie Segeln, Kanu, Tennis, Fußball, Reiten, Handball, Leichtathletik, Federball, Tischtennis, Gewichtheben, Bogenschießen sowie der gesamte Lehrlings- und Volkssport wurden auf eigenen Anlagen betrieben. „Diese Objekte erlangten einen Wert von über drei Millionen Mark", erinnert sich der frühere BSG-Vorsitzende. Darunter waren ein Heim für Kanuten, ein Fußballplatz mit Sportlerheim, eine Reitanlage und dazu 22 Pferde, Tennisplätze mit Sportlerheim, eine Turnhalle und zahlreiche kleinere Anlagen. Über 250 Mitglieder der BSG trafen sich regelmäßig in den Objekten "Neue Mühle" und “Wendenschloß".Kombinatseigene, der BSG gehörende Boote bestimmten das Panorama in beiden Objekten. Das Interesse am Segelsport war in allen Jahren groß, zumal die Sportart bis ins hohe Alter ausgeübt werden kann. Mit Unterstützung des Kombinats war es sogar möglich, selbst Segelboote zu bauen und zu reparieren. In Wendenschloß lagen 26 betriebseigene und 51 Boote, die den Sportlern gehörten. In "Neue Mühle" waren es 42 Sportboote, die das Kombinat für die Nutzung zur Verfügung stellte.
Beide Sektionen pflegten vor allem das Wasserwandern und beteiligten sich an Regatten auf Binnengewässern. Angemerkt sei auch, daß fast alle nationalen und internationale Bootsklassen zur Verfügung standen. So verfügten die Segler über Optimisten, Cadet-Jollen, Finn-Dinghis, Piraten, XY-, H- und P-Jollen. Hunderte Siege bei Regatten, Spartakiaden und Meisterschaften wurden errungen. Das Seglerheim „Neue Mühle“ entstand in kameradschaftlicher Zusammenarbeit und jährlich wurden rund
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15.000 freiwillige Arbeitsstunden, bei der Reparatur der Boote und Anlagen geleistet.
Andrang bei Kombinatsmeisterschaften
König Fußball spielte auch im Sportgeschehen des Wohnungsbaukombinats eine bedeutende Rolle. Davon zeugen die jährlich ausgetragenen Betriebsmeisterschaften und die Kombinatsspartakiaden. Rund 40 Mann-schaften beteiligten sich Jahr für Jahr an den Turnieren um die Meisterschaft. Ein vielbeachteter Wettbewerb war auch die Aufstiegsrunde der Kombinatsliga und -Klasse, die in vielen anderen Betrieben Nachahmung fand. Diese Rundenspiele glichen in ihrem Rhythmus der Fußball-Oberliga. Von Herbst bis Frühjahr kämpften zwölf Mannschaften um den Meistertitel und gegen den Abstieg. In der Kombinatsklasse konnten sich alle interessierten Mannschaften beteiligen. Die Besten hatten die Möglichkeit, in die Kombinatsliga aufzusteigen. Außerdem fanden Vergleiche mit Mannschaften anderer Baukombinate statt. Im Betonwerk, Werk 4, war das Interesse so groß, daß eine selbständige Abteilung der BSG gebildet wurde. Gerade aus heutiger Sicht beachtlich die jährlichen internationalen Fußball-Meisterschaften der Arbeiterwohnheime Berlins. Mannschaften aus Ungarn, Polen, Kuba und Mosambique beteiligten sich an den temperamentvoll ausgetragenen Turnieren.
Die Sektion Fußball, Initiator vieler Turniere und Veranstaltungen, bestand aus elf Mannschaften, die im regelmäßigen Wettspielbetrieb standen. Sie zählte 220 Mitglieder und war in Petershagen beheimatet. Dort entstand, auch vorwiegend durch freiwillige Arbeitsleistungen, ein gediegenes Sportlerheim - Ausschank und Saal für 120 Personen gehörten dazu - mit Umkleidekabinen und Sanitäranlagen.
Der Kegelsport stand bei den Bauleuten ebenfalls hoch im Kurs. In drei Sektionen wurde Woche für Woche gekegelt. Eine Sektion nahm am Wettkampfbetrieb teil, errang manchen Kreismeistertitel. In einer anderen trafen sich vorwiegend die Freizeitsportler und schoben ihre Kugeln auf der Kegelbahn "Zum Bauarbeiter". Die dritte Sektion entstand in der Sportabteilung Betonwerke, die ebenfalls am Wettkampfbetrieb teilnahm. Mehr als die Hälfte aller
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Brigaden des Kombinats veranstalteten auf den verschiedenen Kegelanlagen ihre eigenen Meisterschaftsrunden.
Im Handball beteiligten sich die Lehrlinge der Berufsschule des WBK an den Rundenspielen der Berliner Berufsschulen.
Buntes Sportprogramm am “Tag des Bauarbeiters“
Zu den erfolgreichsten und beliebtesten Sportarten zählte das Spiel am hohen Netz. Mehrfach wurde der Sektion die Auszeichnung als "Vorbildliche Sektion" des Volleyballverbandes der DDR verliehen. 13 Spielerinnen wurden zum Sportclub TSC Berlin delegiert, schafften den Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft oder gehörten anderen Auswahlmannschaften an. 23mal trugen sich die Damen in die Liste der Berliner Meister oder Pokalsieger ein. Zweimal wurden sie DDR-Meister in der Oberliga und viermal konnte der FDGB-Pokal errungen werden. Im Nachwuchsbereich standen die Jüngsten auf den Siegerpodesten bei Kinder- und Jugendspartakiaden. Die Volkssport-Volleyball-Sektion zählte über hundert Mitglieder.
Jedes Jahr im Juni, trafen sich Kollegen und Sportfreunde mit ihren Familienangehörigen zum "Tag des Bauarbeiters" bei der Kombinatssparta-kiade im Stadion Zachertstraße. 4.000 teilnehmende Freizeitsportler in zwanzig Sportarten waren da keine Seltenheit. Zum bunten Reigen dieses Festes gehörte auch ein Sportfest für Kinder, in dessen Verlauf die Jüngsten von Olympiasiegern und Meistern des Sports die begehrten Auto-gramme erhalten konnten.
Viele erinnern sich noch heute gern an die vielen Laufwettbewerbe. So an das von den Leichtathleten der BSG des WBK organisierte “Quer durch Lichtenberg". Daraus entstanden später der "Lauf der Bauarbeiter", und das populäre "Quer durch Berlin“. Die Laufgruppe der BSG, die noch heute existiert war beim Lauf in den Müggelbergen ebenso dabei wie beim Rennsteiglauf.
So gehörte die BSG auch zu den vielen Schrittmachern der von DDR-Sportjournalisten vor dem Turn- und Sportfest 1975 in Leipzig ins Leben gerufenen Laufbewegung “Eile mit Meile“. Die Distanz der Meilenstrecke entsprach der Zahl des jeweiligen Kalenderjahres und verlängerte sich demzufolge jährlich um einen Meter. So wurden 1974 also 1974 m gelaufen. Diese Meilenläufe
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waren außerordentlich populär. Es gab kaum ein Sportfest, bei dem “Eile mit Meile“ nicht auf dem Programm stand. 27 Millionen Meilen wurden von DDR-Bürgern laufend, wandernd und rudernd zurückgelegt. Selbst BRD-Sportjournalistem waren von dem attraktiven Motto "Eile mit Meile" angetan.
Im November 1974 fand das stimmungsvolle Meilen-Finale in der Rüdigerstraße 65 statt. Gastgeber war die BSG des WBK. Zündendes Motto: “Die letzte Meile wird getanzt!“
Die Anschrift in der Rüdigerstraße stimmt inzwischen so nicht mehr. Auf dem Gelände des einstigen Wohnungsbaukombinats entstand ein Gewerbezentrum. Das Kombinat wurde zum großen Teil von dem Baukonzern Phil. Holzmann übernommen. Dessen Motto: Sport sei ein privates Vergnügen. Gelder der Firma stünden nicht zur Verfügung, ließ man wissen.
Infolgedessen hat die einstige BSG einen anderen Namen, eine andere Adresse: SV Bau-Union e.V., Scheffelstraße 21, 10367 Berlin, “Stadion 1. Mai“, Parkaue Lichtenberg. So beschlossen von der Hauptversammlung der Mitglieder.
Der neue Verein zählt 1114 Mitglieder, 16 Sportabteilungen bestehen. In der Mehrzahl sind es gute Freunde, alte Bekannte, die Nähe zum Baugewerbe ist geblieben. Aber manches ist anders: Unter den Mitgliedern sind hundert Arbeitslose, viele Rentner, die Bauarbeiter waren. Die Sportanlagen wurden kommunales Eigentum oder gehören der Treuhand-Nachfolgerin.
Auch heute Volkssport
Das Sportangebot ist zwangsläufig kleiner geworden. Denn: Einige Sektionen wurden zu selbständigen Abteilungen. So die Fußballer in Petershagen, die Segler in “Neue Mühle“ und Wendenschloß, die Reit-sportler, die eigene Vereine bildeten. Eine der bitteren Konsequenzen: Die Mitgliedsbeiträge mußten durchweg erhöht werden. Hasso Hettrich, Vorsitzender des neuen Vereins, übt die Funktion ehrenamtlich aus, ohne Gehalt.
Der Verein lebt, gewinnt in seiner neuen Umgebung an Ausstrahlung, erhält Gelder von Sponsoren. Das „Motto Sport für alle“ ist weiterhin gefragt. Die Hälfte der Mitglieder nutzt das Volkssportangebot. Andere nehmen am Wettspielbetrieb teil, wie die starke Fußballabteilung mit 259 Mitgliedern. Erfolge stellten
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sich auch ein: Jubel gab es für die Nachwuchsbogenschützen, die den Titel Deutscher Meister errangen. Die Schachspieler haben in der zweiten Bundesliga beachtliche Erfolge aufzuweisen. Eine Tradition wurde gewahrt: Vor etwa zehn Jahren hatte die BSG begonnen "Sport für Mollige" anzubieten. Die Idee fand Zuspruch. „Uns wurden auch aus anderen Betrieben Übergewichtige geschickt“, erinnert sich Hasso Hettrich. Das Angebot für Mollige, das Schwimmen und Gymnastikstunden umfaßt, findet weiterhin Anklang. Die Bau-Unioner arbeiten eng mit dem Gesundheitszentrum Friedrichshain zusammen, (einer Nebenstelle der AOK), das einen Teil der Kosten übernimmt. Viele Leute kommen, sagt der Vereinsvorsitzende, und manche bleiben nach Erreichen des Ziels oder Beendigung einer Therapie dem Verein treu. Auch daraus darf abgeleitet werden, daß der Sportverein Bau-Union in der Öffentlichkeit anerkannt wird.
Es ist jetzt 25 Jahre her, daß sich der Maurer Hasso Hettrich (64) im Wohnungsbaukombinat um eine Anstellung bemühte. Das sei kein Problem, wurde ihm geantwortet, Arbeit gäbe es genug. Aus den Unterlagen war ersichtlich, daß es sich bei dem Bewerber urn einen engagierten Sportler handelte. Ob er sich nicht um die Entwicklung des Sports im Kombinat bemühen wolle, fragte man ihn. Hasso Hettrich sagte zu und der Sport im Kombinat nahm einen kaum geahnten Aufschwung.
Am 7. Juni 1996 trafen sich in der neuen Umgebung etwa 60 verdiente Übungsleiter, gestandene Schieds- und Kampfrichter, Betreuer von Mannschaften zu einem festlichen Beisammensein. Der Anlaß: Auf den Tag genau vor 45 Jahren war die Sportgemeinschaft der Bauarbeiter gegründet worden. Die Vereinsleitung dankte mit Ehrenurkunden und kleinen Geschenken allen, die jahrzehntelang im Sinne des Mottos "Sport für alle" so erfolgreich wirkten. Sie werde weiter aus dem Schatz ihrer Erfahrungen vergangener Jahre bei der Organisierung des Volkssports mitwirken.
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Antwort an einen sächsischen Minister
Von Günter Schneider
Der sächsische Umweltminister Arnold Vaatz schrieb am 2. März 1996 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Beitrag "Wie Helmut Schön leise für die Einheit wirkte". Das frühere UEFA-Exekutivmitglied Günter Schneider wandte sich mit folgenden Worten an den Minister:
Ich habe Ihren Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (2.März 1996, S. 10) über Helmut Schön mit Interesse gelesen. Sie würdigen das Wirken Helmut Schöns, den ich persönlich sehr gut kannte, und kommen dabei auch auf das für die 1. DDR-Fußballmeisterschaft entscheidende Spiel am 16. April 1950 zu sprechen. Als Mitglied der Zwickauer Meistermannschaft - ich habe in der Saison 1949/50 sechs Spiele für die ZSG Union Halle und 15 Spiele für die ZSG Horch Zwickau bestritten - kann ich mir natürlich ein Urteil über das Spiel erlauben. Ich habe mich - Sie werden mir das nicht verübeln - nach ihrem Geburtsjahr erkundigt, erfahren, daß Sie 1955 das Licht der Welt erblickten und demzufolge Ihr Wissen über das Spiel nur auf Hörensagen stützen können.
Beginnen wir beim Namen der BSG Dresden Friedrichstadt. Sie schrieben: "Dieser Club - 1898 gegründet - hatte eine große Sporttradition. 1944 wurde der DSC mit Helmut Schön letzter deutscher Meister vor dem Kriegsende. Danach - auf politischen Druck hin - mußte er seinen Namen ändern."
Das ist sachlich nicht richtig. Wenn auch Ihr Beitrag nicht in einer historischen Zeitschrift erschien, sollte man doch bemüht sein, bei der historischen Wahrheit zu bleiben. Am 19. Dezember 1945 hatte der Alliierte Kontrollrat seine Direktive zur Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland erlassen und am 30. Januar 1946 im Amtsblatt Nr. 3 des Kontrollrats auf Seite 49 veröffentlicht. Das Gesetz Nummer 2 des Alliierten Kontrollrats - erlassen am 10. Oktober 1945 und im Amtsblatt Nr. 2 veröffentlicht - regelte die "Auflösung und Liquidierung aller faschistischen Organisationen“. Dazu gehörte auch der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen (NSRL). Bis zum 1. Januar 1946 mußten alle Vereine aufgelöst werden. Erlaubt war die Bildung demokratischer Sportorganisationen und der Sportverkehr auf
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Kreisebene. Unter Aufsicht der sowjetischen Besatzungsmacht - in allen Kommandanturen waren Sportoffiziere eingesetzt - wurden diese Festlegungen der Alliierten durchgeführt. Unter Aufsicht des Kreissportamtes Dresden wurde demzufolge die Sportgemeinschaft (SG) Dresden-Friedrichstadt gegründet. Im Zwickauer Kreisgebiet entstand die SG Planitz - erster Ostzonenmeister -, die SG Zwickau-Mitte, die SG Cainsdorf und die SG Zwickau-Nord.
Um die ökonomische Basis zu sichern, heute würde man das mit dem Begriff "Sponsor suchen" umschreiben, schlossen sich in Zwickau die stärksten Mannschaften zusammen und spielten als ZSG Horch Zwickau. Trägerbetrieb war das volkseigene Kraftfahrzeugwerk Horch, später ein Betrieb der Industrievereinigung Fahrzeugbau IFA.
Sie schrieben: „Der angereiste Schiedsrichter Schmidt aus Schönebeck bekam vor dem Spiel die Order, den Dresdner Club scharf anzufassen und die Zwickauer nachsichtig zu beurteilen.“
Ich würde diese Behauptung zumindest fragwürdig nennen und habe meine Gründe dafür: Der Leiter der Sparte Fußball im Deutschen Sportausschuß war zu diesem Zeitpunkt der damals auch international anerkannte Dresdner Schiedsrichter Gerhard Schulz. Welches Interesse sollte ausgerechnet ein Dresdner an einer Manipulation dieses Spiels haben? Vor dem Spiel war es zu Meinungsverschiedenheiten wegen der Spielkleidung gekommen. Beide Mannschaften spielten normalerweise in rot-schwarz. Durch Helmut Schubert, der in den letzten Kriegsjahren beim DSC gespielt hatte und an jenem Tag in der Zwickauer Mannschaft, war uns bekannt, daß die Dresdner um keinen Preis auf ihren gewohnten Dress verzichten würden. Ich weiß nicht, ob Sie die in solchen Situationen übliche Regel im Fußball kennen: der Gastgeber wechselt seine Spielkleidung. Es gab einen heftigen Streit, den der Schiedsrichter beendete. Dresden mußte den Dress wechseln. Das war keineswegs ein „scharfes Anfassen“ der Dresdner, sondern nur die Beachtung der Regeln.
Die Zwickauer Mannschaft war in guter Verfassung. Sie hatte sich - ohne zu ahnen, daß alle Welt eines Tages nach Höhentrainingslagern streben würde - in Oberwiesentahl, der höchstgelegenen Stadt Deutschlands vorbereitet. Helmut Schön, der damals übrigens schon Cheftrainer der Sparte Fußball war,
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anerkannte hinterher: Zwickau „war unbestritten die bessere Mannschaft. Alle Spieler waren konditionsstärker, schneller, wendiger. Sie haben den Titel verdient gewonnen.“
Sie schrieben: „Nach einem raschen Führungstreffer der Dresdner wurde das Spiel überhart. Nach dem Zwickauer Ausgleich verließ der erste Dresdner verletzt den Platz.“
Es trifft zu, daß Walter Kreisch schon bald ausscheiden mußte und damals gab es bekanntlich noch keine Möglichkeit, einen verletzten Spieler zu ersetzen. Aber Walter Kreisch litt seit langem unter einer Knieverletzung. Sie brach ohne Einwirkung eines Gegenspielers wieder auf. Die Frage, ob es klug war, ihn aufzustellen, will ich nicht bewerten. Das gleiche gilt übrigens für Helmut Schön. Er war damals schon über 30 Jahre alt, faktisch Nationaltrainer und litt ebenfalls unter einer Knieverletzung. Noch einmal will ich betonen, daß sich keines meiner Worte gegen Helmut Schön richtet. Wir sind uns im Frühjahr 1942 das erste Mal begegnet, als die Dresdner die Planitzer im Kampf um die Sachsenmeisterschaft 3:0 schlugen. Als er Trainer der Ostzonen- und dann der DDR-Auswahl war, spielte ich mehrere Male in der Mannschaft. 1949 war Schön Mitglied des Deutschen Sportausschusses geworden und im Mai 1949 zum Auswahltrainer berufen. Auch als er dann DFB-Trainer war, hatten wir noch Kontakte. So bei den Olympia-Ausscheidungsspielen am 15. September 1963 in Karl-Marx-Stadt und am 22. September 1963 in Hannover. Er war Gast des UEFA-Turniers in Leipzig 1969 und auch während der Weltmeisterschaft 1974 in der BRD sind wir uns mehrmals begegnet. Ich habe ihn immer als einen Könner und Kenner des Fußballs geschätzt und achtete ihn auch als Mensch.
Zurück zu Ihrem Bericht über das Spiel. Es trifft nicht zu, daß das Spiel „überhart“ war oder wurde. Die Enttäuschung über die von niemandem erwartete, am Ende eindeutige 1:5-Niederlage war groß und so wurde eine Entschuldigung gesucht. Nie geklärt wurde die Frage, was hat sich vor und nach dem Spiel im April 1950 in Dresden und in der Dresdner Mannschaft tatsächlich zugetragen.
Ich habe Ihnen diesen Brief nur geschrieben, um auf diese Weise zu bekunden, daß uns allen daran liegen sollte, Geschichte - auch die des DDR-Sports - gewissenhaft und unter Mitwirkung sachkundiger Zeitzeugen aufzuarbeiten.
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Bemerkungen zu einem Diem-Plädoyer
Von Klaus Huhn
Die Deutsche Sporthochschule Köln hat sich unlängst ausgiebig mit der Vergangenheit ihres ersten Nachkriegsrektors Carl Diem befaßt. Die Notwendigkeit, den schon früher ausgiebig geführten Disput um die Rolle Diems im deutschen Sport wieder aufzugreifen, ergab sich aus aktuellen Anlässen. In Würzburg wollten Diem-Gegner die Sporthalle, die seinen Namen trägt, umbenennen und dem Vernehmen nach hatten Sportstudenten in Köln gefordert, dem Carl-Diem-Weg - offizielle Adresse der Deutschen Sporthochschule - einen anderen Namen zu geben. Der Rektor der Hochschule, Prof. Dr. Joachim Mester, war an einer sachlichen Debatte interessiert, gab ein Gutachten in Auftrag und stellte das Resümee im Rektorat zur Diskussion. Es wurde - wie ausdrücklich versichert - einstimmig gebilligt und danach eine Dokumentensammlung zusammengestellt. Sie war auch der Redaktion „Beiträge zur Sportgeschichte“ freundlicherweise übergeben worden.
Die einschließlich des Dokumentenanhangs 70 Seiten umfassende Schrift gibt Aufschluß über die Positionen renommierter Historiker zu Diem.
Daß der Deutsche Sportbund und der Deutsche Leichtathletikverband nach wie vor Diem-Preise als höchste Auszeichnungen verleihen und jüngst durch Erklärungen bekräftigten, sie empfänden keinen Handlungsbedarf zu Veränderungen, illustriert die vorherrschende Meinung.
Bedenkend, daß in den neuen Bundesländern jüngst Tausende Straßen umbenannt wurden - sogar Heinrich Heine wurde Opfer solcher Schilderstürmerei -, erscheint eingangs die Feststellung belangvoll, daß sich die aktuelle Diem-Diskussion demzufolge auf die alten Bundesländer beschränkt, denn in den neuen gab es weder Diem-Straßen noch Diem-Preise.
Erinnerung an „Klassenfeind“
In der von der Sporthochschule Köln verbreiteten Dokumentation kommt auch Prof. Dr. Clemens Menze mit seiner 1982
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erschienenen „Einführung in die ausgewählten Schriften Carl Diems“ zu Wort. Er hatte damals die aus seiner Sicht unqualifizierten Gegner Diems in jenen deutschen Regionen geoutet, wo mit „stereotypen Wortreihungen, mit denen der Klassenfeind bedacht wird, der in der Person Diems zum ‘spiritus rector des bürgerlich kapitalistischen Sports’ gerät und mit seinem ‘revanchistischen und militärischen Charakter’ den ‘Imperialismus’ unterstützt und die Jugend ‘auf einen dritten Weltkrieg’ vorbereitet hat. Manipulationen in Form von Zitatmontagen und Zitatfälschungen verbinden sich mit schierer Unkenntnis, der Unfähigkeit zu lesen, für den eigenen Status zu vermarktendem Opportunismus und jener strammen Ideologie, an der es in unserem Lande selbst in Zeiten schlimmster Not nie einen Mangel gegeben hat.“1)
Damit sollten zweifellos Unklarheiten über die Autoren beseitigt werden. Wie absurd - unbestritten zuweilen in der DDR geäußerte - Anwürfe gegen Diem wären, trachtete Menze mit einem Zitat aus einem Brief Diems zu beweisen, den der 1947 als "Offenen Brief" publiziert hatte: „Militarismus bedeutet eine Grundrichtung, die auf Gewaltanwendung und Machtausbreitung zielt, und sich insofern vom rein Militärischen deutlich abzuheben hat. Wer beides vermischt, ist meistens schlechten Willens. Mir den Militarismus nachzusagen, als einem Manne, der weder einem Kriegerverein, noch irgendeiner Wehrorganisation... angehört hat, noch jemals Annexionsziele auch nur angedeutet hat, sondern immer offen das Gegenteil und die Selbständigkeit der kleinen Völker Europas vertrat, sowie darum auch deren Vertrauen genoß und genießt, der Zeit seines Lebens und vor aller Welt für den Sport wirkte (und nicht ohne Erfolg), der seinen olympischen Lebensberuf nur in Friedenszeiten erfüllen konnte und dem Olympischen Gedanken auch in Kriegszeiten unentwegt treu blieb, geht mit dem guten Namen seines Mitmenschen leichtfertig um.“ (Schrift Köln S. 46 f)
Menze folgte Diems Verteidigung ohne Einschränkung.
1996 wurden allerdings solche keineswegs nur von Menze publizierten Freisprüche nach den Diskussionen in Köln erneut in Frage gestellt. Das belegt die Zusammenfassung des Gutachtens der Sporthochschule, die in dem Papier als „Gesamtbetrachtung“ bezeichnet wird:
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„Diems Werk und Weltbild fair, aber kritisch zu würdigen ist schwierig. Ambivalenzen und gravierende Widersprüche sind nicht zu bestreiten. Anlehnungen an zeitgenössische Strömungen stehen im Gegensatz zur national-konservativen Grundhaltung. Seine persönliche Lebenssituation, die seiner Familie und Freunde sowie seine Erfahrungen in den beiden Weltkriegen machen die Diskrepanz zwischen nationalem und internationalem Denken sichtbar. Der soeben veröffentlichte Briefwechsel zwischen Carl Diem und dem weltweit anerkannten Pädagogen Eduard Spranger macht deutlich, welche philosophischen, pädagogischen und kultur-wissenschaftlichen Wurzeln im Denken Diems vorhanden waren. Sie zeigen ein facettenreiches und komplexes Welt- und Wissenschaftsbild.
Der Historiker Hajo Bernett formuliert zusammenfassend zu Carl Diem: ‘Die geistige Beweglichkeit D. macht eine geschichtliche Einordnung zum Problem. In der Beurteilung der Person stehen sich Apologeten und Kritiker beziehungslos gegenüber. Umstritten sind D. Nationalismus und sein Verhältnis zu den politischen Mächten in vier Perioden deutscher Geschichte. Unbestritten sind seine Verdienste um die Olympische Bewegung, um die innere und äußere Gestalt des deutschen Sports, um Lehre und Wissenschaft’ (Bernett 1992).
Es muß zur Vermeidung von Legendenbildungen festgehalten werden, daß Diem trotz seiner Verwurzelung in einer ‘vaterländischen Tradition’ (Teichler 1996)
- kein Nationalsozialist,
- kein Antisemit,
- kein Rassist gewesen ist.
Vielmehr sind seine Internationalität, seine Verdienste um die Entwicklung der Olympischen Idee und die Sportwissenschaft zu würdigen. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Diem dem Sport und der Sportwissenschaft wichtige Impulse mitgegeben.
Diem fordert dennoch zur Kritik heraus, weil
- ‘er sich den jeweiligen Epochen angepaßt hat’ (Teichler 1996), - bisweilen politisch naiv bis opportunistisch blieb,
- ‘und extrem nationale und soldatische Wertschätzungen in beiden Weltkriegen veröffentlichte’ (Teichler 1996).
Auch Prof. Bernett hat jüngst in einer Äußerung seine eigene ‘Unsicherheit’ bei der Gesamtbewertung Diems zum Ausdruck
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gebracht. Dagegen sprach er im Zusammenhang mit möglichen Umbenennungen von Straßen, Plätzen, Sporthallen, Auszeichnungen u. ä. von einer ‘Herabwürdigung’, wenn nicht von einer ‘Entehrung’ Diems.
Hinsichtlich des Streits um die Umbenennung schließt sich die Deutsche Sporthochschule Köln der Kernaussage in dem Gutachten von Prof. Dr. Teichler ohne Einschränkung an:
‘Eine völkische oder antisemitisch-rassistische und damit nationalsozialistische Gesinnung kann Diem, der auch niemals Mitglied der NSDAP war, nicht unterstellt werden. Vieles von dem, was er - geprägt und geformt durch das Kaiserreich und die Kriegszeit geschrieben und formuliert hat, erscheint uns heute unverständlich, anmaßend und - bezogen auf seine Rede vom 18. 3. 1945 - auch als menschenverachtend.
Diems Lebenswerk darf aber nicht auf die Zeit des NS-Regimes reduziert werden. Seine Verdienste um die innere und äußere Gestalt des Sports, seiner wissenschaftlichen Durchdringung und seiner olympischen Ausprägung bleiben unbestritten. Daraus ist abzuleiten, daß mit dem Namen Carl Diem versehene Straßen, Plätze, Sporthallen, Auszeichnungen und Preise nicht umbenannt werden sollten. Eine derartige nachträgliche Umbenennung würde seinem Lebenswerk nicht gerecht und seine Aktivitäten in der NS-Zeit unhistorisch überhöhen.
Die vielfältigen Facetten des Lebenswerks von Carl Diem sollten jedoch als Verpflichtung verstanden werden, zukünftig zu einer größeren Sensibilisierung und Abwehr gegen politische und sonstige Vereinnahmungen des Sports zu gelangen. Aus diesem Grund sollten bei zukünftigen Benennungen in viel stärkerem Maße die Namen von solchen Personen des Sports berücksichtigt werden, die der NS-Diktatur zum Opfer fielen oder durch widerständiges Verhalten beispielgebend wurden.’
Die in der letzten Zeit stark zunehmende Radikalisierung der veröffentlichten und öffentlichen Diskussion im Zusammenhang mit der Umbenennung von Straßen, Plätzen u.ä. mit dem Namen Carl Diem muß auf eine sachliche und rationelle Ebene zurückgeführt werden. Nur eine derartige Form der Auseinandersetzung kann der Persönlichkeit Diems, seinem Schaffen und Wirken, zugleich seinen Schwächen und Verfehlungen in möglichst allen Facetten gerecht werden.
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Die Diskussion um Diem sollte wissenschaftlich ruhig, seriös, ernst, gewissenhaft, unpolemisch und verantwortungsbewußt geführt werden. Mediale Sensationslust sollte hier ebensowenig Platz finden wie politische Profilierungsversuche. Die deutsche Vergangenheit ist dafür zu ernst.
Von allen in den anstehenden Entscheidungsprozessen beteiligten Personen muß deshalb eingefordert werden, daß nur mit äußerster Sorgfalt und Sachkenntnis sowie unter Berücksichtigung der jeweiligen historischen Situation geurteilt wird.“
Diese Gesamtbetrachtung ist ein höchstens in Passagen eingeschränktes Plädoyer zugunsten Diems und fordert Widerspruch heraus. Um so mehr, da es sich ja um eine in gewisser Hinsicht abschließende Bewertung handeln soll, verbindlich auch für die Lehre.
Die in diesem Gesamtgutachten benutzten Formulierungen müssen wohl bei jedem den Eindruck entstehen lassen, daß gewisse Thesen Diems im Nachhinein gerechtfertigt werden sollen. Das könnte im Ausland böse Folgen haben. Die Irritation wird noch eskaliert durch die Personen der Hauptgutachter. Teichler und Bernett fungierten als offizielle Berater der exzellenten Ausstellung „1936 - Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus“ und auch des Katalogs. Diems Rolle wurde dort eindeutig behandelt. Hinzu kommt, daß sich Teichler und Bernett bei der Aufarbeitung der Geschichte des DDR-Sports engagierten und bei dieser Tätigkeit die von Teichler geforderten Maximen für die Beurteilung Diems - ‘wissenschaftlich ruhig, seriös, ernst, gewissenhaft, unpolemisch und verantwortungsbewußt’ - zuweilen vermissen ließen.
So präsentierte Teichler Akten, die ihm die Gauck-Behörde über Kurt Edel, erster Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, - in dem schon erwähnten Katalog seriös als solcher ausgewiesen -, zur Verfügung gestellt hatte, völlig unkontrolliert einer öffentlichen Historikerversammlung. Es handelte sich um Niederschriften, deren Echtheit niemand geprüft hatte. Von wissenschaftlichem Beleg kann also kaum die Rede sein. Hinzu kam, daß Teichler Verstorbene, Abwesende und vorher nicht Informierte wider alle bundesdeutschen Datenschutz-Prinzipien bei dieser Gelegenheit nannte. (Die Familie Edel geriet dadurch in beträchtliche persönliche Schwierigkeiten.) Daß ein betroffener
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angesehener Wissenschaftler aus den Altbundesländern in seiner Antwort an McCarthy erinnerte, war wohl kaum eine Übertreibung.
Teichler fordert für Diem moralischen Ehrenschutz: „Mediale Sensationslust sollte hier ebensowenig Platz finden wie politische Profilierungsversuche.“
War das der entscheidende Grund dafür, daß Teichler in seinem Kölner Gutachten überraschend viele Feststellungen zur Entlastung Diems formulierte? Die wohl Kapitalste muß wiederholt werden: „Es muß zur Vermeidung von Legendenbildungen festgehalten werden, daß Diem trotz seiner Verwurzelung in einer ‘vaterländischen Tradition’
- kein Nationalsozialist,
- kein Antisemit,
- kein Rassist gewesen ist.“
Die Formulierung: „Diem fordert dennoch zur Kritik heraus, weil ‘er sich den jeweiligen Epochen angepaßt hat’, bisweilen politisch naiv bis opportunistisch blieb,- ‘und extrem nationale und soldatische Wertschätzungen in beiden Weltkriegen veröffentlichte’“ könnte als Versuch gewertet werden, die zuvor getroffenen Feststellungen zu relativieren. Teichler gerät jedoch dabei in die Gefahr, vor allem aufzulisten, was Diem nicht war, gibt aber nur sparsam Auskunft, wer er denn tatsächlich war.
Ohne Zweifel war Diem ein Mann mit Ideen und Tatkraft, der im deutschen und internationalen Sport viel bewegte. Seine Initiativen aber waren stets politisch finalisiert im Sinne deutschen Großmachtstrebens. Wer diese Tatsache ignoriert, liefert sich dem Verdacht aus, die Geschichte des deutschen Imperialismus nicht konsequent aufgearbeitet zu haben und in der dadurch zwangsläufig bedingten Befangenheit Akteure eines alternativen Sports zu diffamieren.
Zum Beispiel: Diem hat sich den „Epochen angepaßt“ - war aber kein Nationalsozialist? Die an anderer Stelle hervorgehobene Tatsache, daß er nie Mitglied der NSDAP war, ist belanglos. Die Antwort auf die Frage, ob Diem Nationalsozialist war, liefert nicht eine Mitgliedsbuchnummer, sondern das Engagement für die Nationalsozialisten, zum Beispiel bei der Vorbereitung und Durchführung der Spiele 1936. Wer behaupten wollte, Diem sei möglicherweise nicht klar gewesen, daß Hitler die Spiele nutzte, um den Überfall auf Europa vorzubereiten, muß nur drei Sätze aus
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dem Nachruf Diems für den 1942 verstorbenen Generalfeldmarschall von Reichenau lesen: „Im Jahre 1931 wurde er als Oberst ... nach Königsberg versetzt, und damit trat er in die Geschichte Großdeutschlands ein. Ihm war die Aufgabe anvertraut, Ostpreußen kriegsfest zu machen... Es bedurfte einer stillen Mobilisierung aller Kräfte, und in dieser Zeit trat Reichenau in Beziehung zur NSDAP. Das dadurch entstandene gegenseitige Vertrauen brachte es mit sich, daß er nach der nationalen Revolution im Jahre 1933 als Chef des Ministeramtes ins Reichswehrministerium berufen wurde.“2)
Sehnen nach dem Führer
Daß Diem bereits 1923 an der Hochschule für Leibesübungen einen Vortrag „Sehnen nach einem Führer“ gehalten und den Studenten verkündet hatte: „Durch unser Volk geht das Sehnen nach einem Führer“ schien ihm bei der Herausgabe seiner gesammelten Werke 1942 wichtig genug, um diese Rede darin aufzunehmen. Er hatte dieses „Sehnen“ damit begründet, „daß in schwieriger Lage der einheitliche Wille einer zielbewußten Persönlichkeit mehr Erfolg verspricht, als das dauernde Abwägen der Belange, die der öffentlichen Meinung leicht faßbar, die kräftig oder rücksichtslos genug sind, sich ans Tageslicht durchzuringen. Die Führer wollen sich aber nicht zeigen. Wir sind arm an ihnen... Wenn wir heute nach Führern rufen, so gilt dies nicht dem Heerführer, dem militärischen Führergeist, sondern dem Führer schlechthin auf welchem Gebiete der Politik, der öffentlichen Verwaltung, des Gemeinwesens oder der freien Arbeit es auch sei.“3) 1925 frischte er diese Forderungen bei einer „Flammen-stoßrede“ vor der Jugend des Verbandes Brandenburgischer Athletikvereine auf: „Hört erst Eigennutz und Kleinstaaterei in Deutschland auf, fühlt sich nicht nur der Regierende, sondern jedes Glied des Volkes, so wie es einst der große Friedrich lehrte, als Diener des Staates. greift das deutsche Volk, so wie Ihr es sollt, mit sportgestählten Armen in den Wagen seines Geschicks, dann kann unsere Heimat, unser Vaterland wieder den Weg zur Höhe finden. Das sei unser Ziel: Deutschland, Deutschland über alles...“
Teichler ließ weitere Widersprüche folgen. "Eine völkische oder antisemitisch-rassistische und damit nationalsozialistische
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Gesinnung kann Diem... nicht unterstellt werden.“ Im nächsten Atemzug: „Vieles von dem, was er - geprägt und geformt durch das Kaiserreich und die Kriegszeit - geschrieben und formuliert hat, erscheint uns heute unverständlich, anmaßend und - bezogen auf seine Rede vom 18. 3. 1945 - auch als menschenverachtend.“
Hier droht die Verwendung des Begriffs „unverständlich“ zur Rechtfertigung Diems zu geraten.
Krieg - Sport par excellence
Was ist an solchen Texten nur „unverständlich und anmaßend“? Etwa die Rede , die er am 20. Oktober 1931 an der Heeresschule für Leibesübungen in Wünsdorf gehalten hatte? Einige Kernsätze daraus: „Am 21. März 1918, während der großen Schlacht von Frankreich im Verbande der 221. Division auf dem rechten Flügel bei Arras, fand ich beim Durchbruch durch die englische Infanteriestellung in einer englischen Batterie neben vieler Munition einen Fußball. Ich schenkte ihn der Jugendabteilung des BSC mit der Bemerkung: ‘Ihr seht, Krieg und Sport gehören zusammen.’... Der Krieg ist der vornehmste, ursprünglichste Sport, der Sport par excellence und die Quelle aller anderen Sportarten und doch: Irgend etwas wehrt sich in unserem Innern, den Krieg einen Sport zu nennen.“4) Den von dem Philosophen Maurice Maeterlinck (1862 - 1949) übernommenen Vergleich von der „Sportart“ Krieg vertiefte Diem noch: „Im Zeitalter des Wurfgeschosses hat man das Werfen des Sports erdacht, im Zeitalter des Laufkampfes den Lauf und mit dem Beginn der Bewaffnung den Waffenlauf. Mit dem Wandel der Technik wurde aus dem sportlichen Werfen der Wurfgeschosse der Schießsport und aus dem Waffenlauf der Gepäckmarsch.“5) Oder: „Ein solcher Sport ist gerade dem Soldaten von heute besonders notwendig, der im Gegensatz zu früher nicht mehr im Gleichtritt in die Schlacht marschiert, sondern auf sich selbst gestellt ist und alle seine Kräfte selbstverantwortlich regen muß, doppelt notwendig, für ein Volk wie das unsere, dessen Soldaten, wenn sie eingesetzt werden, gegen Übermacht und überlegene Waffen kämpfen.6)
Es fällt schwer zu vermuten, daß Teichler entgangen sein könnte, wann Diem diese „Prinzipien“ formulierte. Man schrieb das Jahr 1931 und in der Weimarer Republik kämpften viele - unter Einsatz
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ihres Lebens - gegen den Faschismus. Angesichts der Annexionspolitik Hitlers war Diem der geeignetste Akteur des bürgerlichen Sports in Deutschland, denn er stellte seine Tatkraft damit in den Dienst der Nutzung des Sports als Kriegspotential.
Diem hat viel dafür getan, die deutsche Jugend auf den zweiten Weltkrieg vorzubereiten! 1940 pries er im „NS-Sport“ den „Kriegsdichter der Spartaner, Tyrtaois mit den Zeilen:
‘Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger im vordersten Treffen
Für das Vaterland ficht, und für das Vaterland stirbt.’“7)
und im gleichen Jahr unterbreitete er einen „militärischen Vorschlag - Sportregimenter“ :“Es gilt also nicht nur, sportlichen Geist zu erzeugen, sondern auch solche sportlichen Leistungen zu entwickeln, die unmittelbar kriegsnützlich sind.“8) An Stelle der leichten Kavallerie wollte Diem eine „leichte Infanterie“ schaffen: „In einer solchen Spezialtruppe sollten die sportlich besonders hochtrainierten und leicht ausgerüsteten Soldaten zusammengefaßt werden, die imstande sind, den Panzerwagen in schnellerem Laufschritt und mit größerer Ausdauer als der gewöhnliche Infanterist zu folgen. Versuche würden ergeben, daß man hier die Leistung noch unerwartet zu steigern vermag... In der Ausbildung einer solchen Sondertruppe kämen die sportlichen Methoden und Erfahrungen zu ihrem vollen Recht.“9) Teichler in seinem Gutachten: „1940 scheiterte er mit seinem Vorschlag, Sportregimenter für die neue Blitzkriegskonzeption aufzustellen am Widerstand der SA“ und in einer Fußnote ergänzt er: „Der entscheidende Widerstand gegen diesen sogar im Führer-Hauptquartier erörterten Vorschlag kam von der SA, die ihr Monopol in allen Fragen der ‘vor- und nachmilitärischen Wehrerziehung’ nicht mit dem Sport teilen wollte.“ 10) Auch Teichler kommt nicht umhin, einzuräumen, daß Diem sich engagierte.
Nicht zurückbleiben
Die Rede, die Diem am 18. März 1945 vor Volkssturmkämpfern hielt, ist für die Bewerter Diems die ärgste Hürde bei den Bemühungen, ihn zu verteidigen. Teichler bemüht als - allerdings nicht sehr überzeugenden - „Entlastungszeugen“ den Staatssekretär im hitlerschen Außenministerium von Bülow: Diem „handelte nach dem patriotischen Motto: ‘Man läßt sein Land nicht
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im Stich, weil es eine schlechte Regierung hat.’ Und stellte sich auch dann noch zur Verfügung, wenn er besser geschwiegen, sich zurückgezogen oder verweigert hätte.“11) In jenem schon erwähnten Katalog der Ausstellung sind sowohl die Notizen Diems für diesen „Volkssturmlehrgang“, als auch einige Sätze aus den Aufzeichnungen des damals 17jährigen Reinhard Appel wiedergegeben, kaum zu vermuten, daß Teichler sie überlesen hätte.12)
Hinlänglich bekannt sind auch Diems Notizen jenes Tages, als er loszog, um Berlin zu retten: „Meine Frau beschwor mich, diese Dummheit nicht mitzumachen, aber welcher Mann würde in solcher Stunde zurückbleiben?“13)
Die Opfertod-Legende hatte er schon während der Olympischen Spiele in Berlin präsentiert. Im Programmheft für die Eröffnung der Spiele 1936 findet man das von Diem geschriebene Epos: „Heldenkampf und Totenklage“:
„Allen Spiels/heil’ger Sinn:/Vaterlandes Hochgewinn./Vaterlandes höchstes Gebot/in der Not:/Opfertod!“
Und dem darauf folgenden Waffentanz (mit Schwerttod endend) - von Harald Kreutzberg getanzt - folgten die Diem-Verse:
„Denkt der Toten,/ dankt den Toten, / die vollendet/ ihren Kreis./Ihnen aller Ehren/allerhöchsten Siegespreis.“ 14)
Das wurde den Besuchern der olympischen Eröffnungszeremonie am Abend des 1. August 1936 im Olympiastadion (21 Uhr) vorgeführt.
Noch einmal zum Thema Olympische Spiele 1936. Teichler: „Die mit Rücksicht auf das IOC erfolgte Entscheidung, Lewald und Diem in ihren Ämtern als Präsident bzw. Generalsekretär des OK zu belassen, erwies sich in der Folge als personalpolitischer Glückstreffer der neuen Machthaber: Die ‘Olympia-Besessenheit’ von Lewald und Diem, ihre patriotische Staatstreue und ihre internationale Reputation trugen entscheidend zum Gelingen der Spiele bei.“15) Wie kann man logisch und guten Gewissens den - siehe Aussstellung - Mißbrauch der Spiele mit dem Wort „Gelingen“ kombinieren?
Im Beschluß des Kölner Rektorats wird auch festgestellt: „Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Diem dem Sport und der Sportwissenschaft wichtige Impulse mitgegeben.“ Wer immer das formuliert haben mag, Diem hat zum Beispiel als Historiker keine
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Hemmungen gezeigt, geschichtliche Ereignisse so darzustellen, wie sie ihm nützlich erschienen. So beschrieb er in seiner von Teichler nur am Rande erwähnten Schrift “Der olympische Gedanke im neuen Europa“, - ein Vortrag, den er 1941 im besetzten Frankreich gehalten hatte -: „So stehen die Wettkämpfer der Olympischen Spiele des Altertums als Soldaten vor unseren Augen. Es waren die Stadionläufer, die Waffenläufer des Stadions, die unter Führung des Miltiades in der Schlacht von Marathon den Hügel hinab auf die zehnfache Übermacht der Perser einstürmten und diese durch die Wucht des Laufes überraschten und zusammenhieben.“16) Es existiert nirgendwo eine Quelle, daß es sich bei den Soldaten des Miltiades um in Olympia oder bei anderen Festen trainierte Athleten gehandelt hatte. Fest steht dagegen - und in Athen hat man im Kriegsmuseum dieser Tatsache einen besonderen Saal gewidmet -, daß Miltiades in Marathon eine der ersten „modernen“ Schlachten der Kriegsgeschichte führte. Er verbarg den größten Teil seiner Truppen hinter Hügeln und ließ die Perser glauben, sie stießen nur auf eine denkbar dürftige Armee, die auch sogleich in die Tiefe der Ebene von Marathon zurückwich. Die nachsetzenden Perser entblößten ihre Flanken und als Miltiades seinen im Flankenhinterhalt lauernden Truppen den Befehl zum Angriff gab, erwies sich die Frontlinie der Perser als nicht mehr imstande, dem Druck zu widerstehen. Dadurch wurde die Schlacht von Marathon bei zahlenmäßiger Unterlegenheit der Griechen entschieden. Ausschlaggebend war der Plan des Miltiades auf die damals übliche Frontalschlacht zu verzichten und keineswegs die „Wucht des Laufes“ der Athleten. Das mag ein nicht sonderlich wichtiger Fakt sein, aber er macht transparent wie behutsam man auch bei den sporthistorischen Darstellungen Diems mit dem Urteil sein sollte.
...wächst der Deutsche von heute
Nicht wegzubeurteilen ist, daß Diem den Sport wie kaum ein anderer als Mittel psychischer und physischer Aufrüstung mißbrauchte. Der „Nicht-Nationalsozialist“ Diem im „Reichssportblatt“ vom 25. Januar 1940: „Sturmlauf durch Frankreich, wie schlägt uns alten Soldaten, die wir nicht mehr
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dabei sein können, das Herz, wie haben wir mit atemloser Spannung und steigender Bewunderung diesen Sturmlauf, diesen Siegeslauf verfolgt! Die fröhliche Begeisterung, die wir in friedlichen Zeiten bei einem kühnen kämpferischen sportlichen Wettstreit empfanden, ist in die Höhenlage des kriegerischen Ernstes hinaufgestiegen, und in Ehrfurcht, und mit einem inneren Herzbeben, in das etwas von jener fröhlichen Begeisterung hineinklingt, stehen wir staunend vor den Taten des Heeres. In ihnen zeigt sich, was der Deutsche kann, in ihnen wächst der Deutsche von heute über alles Frühere und über sich selbst hinaus.
Vielerlei sind die Gründe. Eine der Ursachen aber - das dürfen wir stolz verkünden ist der sportliche Geist, in dem Deutschlands Jungmannschaft aufgewachsen ist. Da gab es nichts mehr von jener schlaffen Anstrengungsscheu und platten Begehrlichkeit weichlicher Zeiten. Das Ideal eines gefahrlosen, von Versicherungsschutz gegen alle Unfälle des Lebens eingebettetes Dasein, des gut gemachten Bettes, des wohlbesetzten Tisches und des pensionsfähigen Lebensabends ist in der deutschen Volksseele verschwunden. Statt dessen Freude am Kampf, Freude an Entbehrung, Freude an der Gefahr. Nur in solcher Lebenshaltung kann Norwegen erobert, Frankreich durchstürmt werden... Die Frauen haben zwar am Sturmlauf durch Frankreich nicht unmittelbar teilgenommen, aber sie haben das Lebensgefühl mitbestimmt, das zu diesem Sturmlauf führte. Sie haben diese Generation als Mütter, Schwestern und Bräute mitgeschaffen, mitgehämmert.
Uns Daheimgebliebenen klingen die Marschlieder dieser Soldaten des Sturmschritts wie eine alte vertraute Melodie in den Ohren. Im Geiste marschieren wir mit und suchen uns die Erlebnisse der jungen Kriegsmannschaft vorzustellen. Die Tornister sind zwar etwas leichter geworden, dafür sind die Marschweiten länger und die Marschtritte schneller. Und so sehen wir sie hinter den motorisierten Einheiten herhasten, denn darauf kommt es entscheidend an, daß die marschierende Infanterie nicht allzu lange nach den Kampfwagen und den motorisierten Einheiten das Schlachtfeld erreicht... So war es und so kam es, daß die deutsche Streitmacht in unvorstellbarem Tempo siegte, und daß, wenn die Franzosen sich gegen die pfeilartig vorgestoßenen motorisierten
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Truppen im Flankenangriff zu wehren suchten, die deutsche Infanterie eben im Sturmlauf zur Stelle war und auch da den Sturmlauf zum Siegeslauf wandelte. Wer wollte schließlich daran vorbeigehen, daß in den Leistungen der Fallschirmtruppen ein Stück sportlich-turnerischen Wagemutes steckt, und wir wissen, daß es kein Zufall war, wenn unter den mit höchster Auszeichnung Bedachten sich der Olympiasieger Schwarzmann befand. Das ist wie ein Symbol für das junge Geschlecht: Olympiasieger und Held im ernsten Kampfe zugleich... So kam es zum Sturmlauf durch Polen, Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich, zum Siegeslauf in ein besseres Europa.“15)
Die offizielle Adresse der Deutschen Sporthochschule Köln lautet: Carl-Diem-Weg 6.“ Man hat Mühe sich vorzustellen, was das Rektorat wohl jungen Polen, Norwegern, Niederländern, Belgiern oder Franzosen antwortet, wenn sie nach Köln kommen, um dort zu studieren und die Frage stellen: „Wer war eigentlich Carl Diem?“
1) Alle nicht mit Quellenangaben gekennzeichneten Zitate sind der im Wortlaut wiedergegebenen Dokumentation der Deutschen Sporthochschule entnommen.
2) Olympische Flamme; Das Buch vom Sport; Berlin 1942; S. 477f
3) Ebenda S. 44f
4) Ebenda S. 86
5) Ebenda S. 88
6) Ebenda S. 93
7) Ebenda S. 987
8) Ebenda S. 1200
9) Ebenda
10) Dokumentation der Deutschen Sporthochschule S. 25
11) Ebenda S. 27
12) Katalog zur Ausstellung 1936 - Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus; Berlin 1996, S. 218 f
13) L.Diem, Fliehen oder bleiben, Freiburg 1982 S. 47
14) Olympische Jugend Festspiel - Programmheft, Berlin 1936, S. 11
15) Dokumentation der Deutschen Sporthochschule S. 22
16) Der olympische Gedanke im neuen Europa, Terramare-Schriften, S. 13 f
17) Olympische Flamme; Das Buch vom Sport; Berlin 1942; S. 124 f
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GEDENKEN:
HAJO BERNETT
Völlig unerwartet verstarb am 29. August 1996 Prof. Dr. Hajo Bernett im 76. Lebensjahr an den Folgen einer Knieoperation. Mit ihm verliert die gegenwärtige deutsche Sportwissenschaft einen ihrer profiliertesten und produktivsten Sporthistoriker.
1959 promovierte er mit einer Arbeit "Die pädagogische Neugestaltung der bürgerlichen Leibesübungen durch die Philanthropen". Später übernahm er als Nachfolger von Dr. Clemens Wildt die Leitung des Instituts für Leibesübungen der Universität Bonn, die er bis zu seiner Emeritiertung im Jahre 1986 innehatte. Er wirkte viele Jahre in mehreren bundesdeutschen Fachredaktionen und Beratungsgremien prägend mit. Einem größeren Kreis und über die Staatsgrenzen hinaus wurde er vor allem durch seine Veröffentlichungen bekannt; seine Publikationsliste enthält ca. 200 Titel von Aufsätzen, Vorträgen und Büchern.
Terminologischen und methodischen Problemen der Leibeserziehung folgten historische Arbeiten, zunehmend zur Zeitgeschichte des Sports, darunter mehrere größere Arbeiten zum NS-Sport, mit denen er gegen bundesdeutsche Tabus anging. Dabei blieb er nicht im sportpolitischen und organisationsgeschichtlichen Bereich stehen, sondern erfaßte mehr und mehr auch alltagsgeschichtliche Erscheinungen und Prozesse, z.B. der schulischen Leibeserziehung und des sogenannten KdF-Sports. Seine Veröffentlichungen enthielten viele Anregungen und erzeugten manche Aufregung infolge ihrer diffizilen Themen und gezielten Wertungen.
So war es auch in der sporthistorischen Diskussion zwischen West und Ost, wo die von ihm praktizierte Anwendung der Totalitarismustheorie auf den DDR-Sport als unangemessen und seine Vergleiche mit dem NS-Sport als Gleichsetzung beider Systeme und deshalb als Diskriminierung empfunden wurden. Das betraf auch Passagen in seinen „Prolegomena zur historischen Aufarbeitung des Systems von Sport und Körperkultur in der DDR" und in nachfolgenden Artikeln, die 1990 bis 1992 sowohl Anstöße für Diskussion auf dvs-Tagungen als auch für den Rückzug
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mehrerer ostdeutscher Fachkollegen aus den Streitgesprächen waren. Dabei zeigen gerade die Prolegomena, daß ihr Autor über Polemik hinaus zur sachbezogenen und sachlichen Diskussion strebte, schlägt er doch vor, eine „integrierte Gesamtgeschichte des deutschen Sports" der Zeit nach 1945 anzustreben. Vorhandene Forschungsergebnisse sollten sachlich gewertet und genutzt werden. Dazu sei das "gemeinsame Gespräch", nicht aber die "Abstempelung von Personen" erforderlich. Der Ansatz solle umfassend und komplex sein und sowohl durch Makro- als auch Mikrountersuchungen gestützt werden. Die Einengung auf Sportpolitik und damit auf Leistungssport, Sportverkehr und Olympische Spiele müssen vermieden werden; stattdessen sollten "Alltagsgeschichte" und "Geschichte von unten" ebenso wie die Zeitzeugenbefragungen stark beachtet werden. Ubergreifende Probleme, beispielsweise das Traditionsverständnis und die Herkunft des Personalbestandes im Sport von Ost und West sollten ganz grundsätzlich erörtert werden. Nicht alle seine danach verfaßten Äußerungen folgten solchen Anliegen konsequent, daß er aber diesen Weg weitergehen wollte, kann auch daraus gefolgert werden, daß die Herausgabe der umfassenden GuthMuths-Biographie durch einen ostdeutschen Fachkollegen von ihm gutachterlich unterstützt wurde.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Sports und der deutsch-deutschen Sportbeziehungen wird noch viel Mühe machen und Bemühungen verlangen, wie sie vom Verstorbenen in seinen Prolegomena angesprochen wurden. Dazu werden ständig neue Anstöße gebraucht. Hajo Bernett hätte sie bestimmt gegeben. Auch deshalb ist sein Tod ein Verlust für die Sportgeschichte.
Günter Wonneberger
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Beiträge zur Sportgeschichte
Heft 4 / 1997
INHALT:
Philosophische Wurzeln der Theorie und Praxis
Carl Diems in den Beziehungen zwischen
Krieg und Sport
Helmuth Westphal 5
Eine weiße Spur in über 3000 Exponaten
Roland Sänger 19
Turnplätze in Mecklenburg-Strelitz
Dietrich Grünwald 26
DISKUSSION
Quellen und Betrachtungen
Hans Simon 39
Für das Profilager geparkt
Heinz Schwidtmann 41
DOKUMENTATION
Die Situation 1956
Willi Daume 45
JAHRESTAGE
40 Jahre ADMV
Horst Scholtz und Harald Täger 67
Paavo Nurmi 80 Bernhard Almstadt 82
Hermann Tops 84
50. Friedensfahrt
Vico Rigassi 85
REZENSION
Die erste vollständige GutsMuths-Biographie
Günther Wonneberger 88
LITERATUR
Die elliptische Tretmühle
Egon Erwin Kisch 91
ZITATE 96
2
„Sportmedaillen sind ein nationales Anliegen“
Auskünfte von Manfred Kanther
Zu Dopingforschungen in der BRD 1968
Manfred Steinbach
Wo gehobelt wird, geschieht mit Stasi-Akten nicht nur Objektives
Willi Ph. Knecht
21 Mannschaften auf einem Platz
Georg Moldenhauser
Die Nazis brachten Nationalspieler Hirsch um
Peter Mast
GEDENKEN
Hugo Döbler
Eberhard Schramm 106
3
DIE AUTOREN
DIETRICH GRÜNWALD; Dr. paed., geboren 1932, Hochschullehrer am Institut für Lehrerbildung (IfL) Templin und an der Pädagogischen Hochschule Neubrandenburg von 1987 bis 1992, Mitglied der AG Sportgeschichte des LSB Mecklenburg-Vorpommern.
EGON ERWIN KISCH, 1885 - 1948, tschechischer Journalist und Schriftsteller.
ROLAND SÄNGER, geboren 1935, Sportjournalist, Pressechef des Deutschen Skiläufer-Verbandes (DSLV) von 1979 bis 1990.
HORST SCHOLTZ, geboren 1924, Dipl.-Ing. für Kraftfahrzeugtechnick, Vizepräsident des Allgemeinen Deutschen MotorsportVerbandes e.V. (ADMV).
EBERHARD SCHRAMM, Dr. paed. habil., geboren 1927, Prof. für Theorie und Methodik des Schwimmens an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) und an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig von 1981 bis 1992.
HEINZ SCHWIDTMANN, Dr. paed. habil., geboren 1926, Prof. für Sportpädagogik 1970 bis 1990 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) und dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) Leipzig, Rektor der DHfK 1963 bis 1965, Präsident des Deutschen Boxverbandes (DBV) 1974 bis 1990.
HANS SIMON, Dr. sc. paed., geboren 1928, Hochschullehrer für Sportgeschichte 1951 bis 1990 an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) Leipzig, Mitglied der DVS.
HARALD TÄGER, geboren 1952, Dipl.-Ing. für Elektrotechnik,
Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Motorsport-
Verbandes e.V. (ADMV).
HELMUTH WESTPHAL, Dr. paed. habil., geboren 1928, Prof für Theorie der Körperkultur und Sportgeschichte an der Pädagogischen Hochschule Potsdam von 1958 bis 1988.
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GÜNTHER WONNEBERGER, Dr. phil., geboren 1926, Prof. für Geschichte der Körperkultur 1967 bis 1991 an der DeutschenHochschule für Körperkultur (DHfK) Leipzig, Rektor der DHfK 1967 bis 1972, Präsident des ICOSH 1971 bis 1983, Mitglied der DVS.
Philosophische Wurzeln der Theorie und Praxis Carl Diems in den Beziehungen
zwischen Krieg und Sport
Von HELMUTH WESTPHAL
Der Apologetik des Diemschen Lebenswerkes bereiten insbesondere die Bekenntnisse des früheren und langjährigen Rektors der Kölner Sporthochschule zum Hegemonialstreben des deutschen Imperialismus ebenso Verlegenheiten wie die Auslassungen über die Relationen zwischen Krieg und Sport. Auch sie kann dieses Gedankengut nicht ignorieren, setzt aber seine übrigen wissenschaftlichen Arbeiten, seine Tatkraft als Sportfunktionär und seine Hartnäckigkeit im Ringen um die Stärkung des staatlichen Engagements zur Förderung des Sportes dazu ins Verhältnis, bescheinigt seinem Gesamtwerk Widersprüchlichkeiten, die seine Leistungen zwar schmälern, jedoch nach ihrer Version keinen Anlaß geben, den derzeitigen Diem-Kult zu liquidieren, wie es in deutschen Landen gefordert wird.1) Unwissenheit, Parteinahme und Opportunismus werden sichtbar, wenn es um die Frage geht, wodurch es Diem gelang, allen bourgeoisen Machtsystemen adäquat gewesen zu sein. Ohne Zweifel bedarf es weiterer Untersuchungen darüber, wie sich Carl Diem in die deutschen Hierarchien einpassen konnte, wie er sich anbot, herangezogen wurde, Kompromisse machen mußte und welches Persönlichkeitsprofil ihm dabei zustatten kam. Es müßte beispielsweise stärker als bisher der Frage nachgegangen werden, ob gerade die Militarisierung der deutschen Körperkultur am Vorabend des Ersten Weltkrieges 2) den Aufstieg Carl Diems zur Folge hatte. Archivalisch unterbelichtet sind auch die vielen Initiativen Carl Diems in der Zeit der Weimarer Republik und ihre Bezüge zur verdeckten Wiederherstellung des deutschen Kriegspotentials sowie zur Mehrung des internationalen Einflusses deutscher Politik. Gleiches gilt für sein Wirken in der faschistischen Ära und in der Bundesrepublik Deutschland. Solche Untersuchungen würden weitere Aufschlüsse darüber liefern, welches Verständnis er von der Olympischen Idee hatte, welchen unausweichlichen Zwängen er ausgeliefert war, wo er sich in vorauseilendem Gehorsam geübt und wann er sich als Eiferer im
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Sinne imperialistischer Erwartungen bewährt hat, ausgestattet mit Wissen, taktischen Erfahrungen, Selbstbewußtsein, vielleicht aber auch mit Servilität, Zynismus und Verschlagenheit. Scheinbar erübrigt sich die Frage, warum er sich nach dem Zweiten Weltkrieg den Aufbruch in eine qualitativ neue politische Ära versagte. Der Vollständigkeit wegen sollte darauf nicht verzichtet werden.
Übereinstimmung herrscht zwischen Verteidigern und Kritikern, daß Diems Werk weltanschaulich orientiert gewesen ist. Zu widersprüchlich sind die Motivationen und Antriebe historischer Persönlichkeiten, als daß ausnahmsweise Carl Diem a priori eine philosophisch eindimensionale Ableitung seines Handelns nachgesagt werden sollte. Dennoch läßt sich die Relevanz seiner weltanschaulichen Orientierung, so heterogen sie auch sein mag, für seine Stellung zur Politik der jeweiligen Machtstruktur nicht leugnen, vor allem dann nicht, wenn ihre Aneignung den Zwängen dieser Politik folgt und eine Kausalität zwischen politischer Realität, Weltanschauung und praktischem Handeln sichtbar war. Es kann dahingestellt bleiben, ob Diem ein geschlossenes Weltbild besessen hat, zumal die Antwort kontrovers ausfallen muß, je nach den Kriterien, die den Anforderungen einer philosophischen Geschlossenheit innewohnen. Letztendlich muß auch dem eine geschlossene Weltanschauung zugebilligt werden, der sich alles aus einem simplen Religionsverständnis heraus erklärt. Gleichsam bedarf es nicht des Nachweises, bei wem Diem in die Schule der Philosophie gegangen ist. Sein Briefwechsel mit dem Philosophen und Psychologen Eduard Spranger reicht als Beweis seines philosophischen Werdeganges nicht, weil Spranger nicht in einem weltanschaulichen Vakuum sein theoretisches Profil gefunden hat, sondern, wie Carl Diem auch, sich in dem ideologischen Verbund seiner Zeit befand und daran partizipierte.
Deshalb soll darauf verzichtet werden, Diemsche Orientierungen zum Verhältnis von Krieg und Sport in ihrem theoretischen Ursprung bei einem Philosophen zu suchen. Vielmehr werden solche philosophischen Richtungen genannt, mit denen Diemsche Theoreme korrespondieren und denen sie unter Umständen auch entlehnt sein könnten.
Hinreichend bewiesen ist, daß Diems Überlegungen nicht kontemplative Theorien eines Stubengelehrten waren, die sich zu
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Disputationen in den Salons und als Denkübungen für Studenten in Seminaren eigneten. Sie waren stets eine Anleitung zum praktischen Handeln für politische, militärische und sportliche Strukturen und somit auch für ihn selbst. Damit verbunden ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob Diem einer bestimmten politischen Richtung und einem davon abhängigen Verantwortungsniveau zugeordnet werden kann. Nur vordergründig ließe sich diese Frage mit der Zugehörigkeit zu einer politischen Organisation beantworten. Immer muß die historische Rolle einer Persönlichkeit im jeweiligen politischen Geschehen konkret untersucht werden, wodurch sich beispielsweise nicht widerlegen läßt, daß viele einfache Mitglieder der NSDAP und militanter Wehrorganisationen weniger Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges tragen als hohe Militärs, Industrielle und Diplomaten, die als Würdenträger nicht solchen Organisationen angehörten und verschiedentlich erst nach den militärischen Niederlagen Hitler-Deutschlands an den Fronten zur Bewegung des 20. Juli stießen. Entscheidend ist, mit welchem politischen Profil und Einfluß eine Persönlichkeit im Sinne konkreter politischer Ziele etwas bewegte.
Carl Diem wirkte in einem Halbjahrhundert, das durch die Vorbereitung, Führung und Auswirkungen von zwei Weltkriegen gekennzeichnet ist. Wie nie zuvor spielte die Frage nach dem Sinn von Kriegen im politisch-geistigen Leben insbesondere europäischer Völker eine herausragende Rolle. Exponenten der internationalen Arbeiterbewegung deckten immer wieder die wahren Ursachen und Ziele der verschiedenen Kriegspläne auf. Auch geistreiche und friedliebende Kräfte des aufgeklärten Bürgertums wandten sich beherzt gegen Aggressionsvorbereitungen und deren chauvinistische Rechtfertigung. Dieses Friedenspotential richtete sich bewußt gegen jene Führungseliten verschiedener Länder, die permanent Strategien zur kriegerischen Verteidigung, Erweiterung oder Neuaufteilung politischer und ökonomischer Einflußsphären entwarfen und umzusetzen versuchten. Philosophisch reflektierte sich diese Strategie in Spencers Sozialdarwinismus, dessen biologistischer Determinismus den Kampf jeder gegen jeden und somit auch Kriege der Länder und Völker untereinander als angebliches ewiges Naturgesetz scheinwissenschaftlich rechtfertigte. In Deutschland waren es Gumplovicz, Ratzenhofer,
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Woltmann und andere, die den Sozialdarwinismus als konservative Ideologie verbreiteten. Ebenso leistete die Lebensphilosophie Nietzsches sowie die Existenzphilosophie Heideggers und auch von Jaspers der Verbreitung des biologistischen Determinismus Vorschub, womit die Aussichtslosigkeit des Kampfes um den Frieden begründet werden sollte.
So gab es in Deutschland in dem genannten Halbjahrhundert in der Frage Krieg oder Frieden zwei antagonistisch gegenüberstehende politisch-geistige Lager, nämlich die Gegner von Völkerverhetzung und Kriegen auf der einen Seite und die Befürworter militärischer Auseinandersetzungen und chauvinistischer Manipulierung der Volksmassen auf der anderen Seite.
Bekanntlich ergriff auch der Initiator des ersten deutschen Olympiakomitees, Dr. Willibald Gebhardt, für die Gegner des Krieges und hegemonialer Strategien Partei. Wofür aber entschied sich Carl Diem? Diem machte aus seiner Parteinahme kein Hehl, wenn es um die außenpolitischen Machtansprüche Deutschlands ging. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als noch die Vorbereitungen für die Durchführung der Olympischen Spiele 1916 in Berlin liefen, verwarf Carl Diem vor der nationalen und internationalen Öffentlichkeit die Olympische Idee der Völkerverständigung und der Friedensförderung mit Hilfe des internationalen sportlichen Vergleichs, wie sie zu jener Zeit nicht nur von Gebhardt in der deutschen bürgerlichen Sportbewegung verteidigt wurde, indem er gemäß den Erwartungen des Kabinetts von Bethmann-Hollweg3) die Durchführung der Olympischen Spiele in den Dienst der Hegemonialpolitik des deutschen Kaiserreiches stellte. In der von ihm verfaßten prinzipiellen Orientierung für den bürgerlichen deutschen Sport heißt es bekanntlich:
"Wir sind uns bewußt, im Ausland nicht so gewürdigt zu werden, wie wir es verdienen. Nicht schnell und eindringlich genug kann sich die Kunde von der Bedeutung des deutschen Wirtschaftslebens und der deutschen Industrie aber auch von Deutschlands kriegerischer Macht verbreiten. Die Spiele des Jahres 1916 werden und sollen mit ein Mittel sein, um die Völker von unserer Weltmachtstellung zu überzeugen...“4)
Wenn Diem in seinem Olympiakonzept Deutschlands Weltmachtanspruch bejaht, dann entspringt dieses Bekenntnis
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zunächst der Politik, in deren Dienst er sich gestellt hatte zugleich aber auch jener Geisteshaltung, für die der Alldeutsche Verband mit seinen chauvinistischen Kampagnen sorgte und die weltanschaulich von dem englischen Philosophen Chamberlain untermauert wurden, indem dieser das sogenannte deutsche Wesen in den Rang einer Menschheitsorientierung erhob.5) Der philosophisch irrationalistisch begründete Führungsanspruch eines nebulösen Deutschtums förderte den nationalistischen Größenwahn als Manipulierungsinhalt der ideologischen Vorbereitung des deutschen Volkes auf den Ersten Weltkrieg. In den Führungseliten der deutschen Monarchie fehlte es gewiß nicht an machthungrigen Männern, die sich eines intellektuell anspruchsvollen Motivationsstils befleißigten und ihr Sendungsbewußtsein nicht nur aus den profanen Weltmachtansprüchen der Junker und Großindustriellen, sondern auch aus philosophischen Quellen speisten. Es muß einstweilen dahingestellt bleiben, ob Diem allein den Intentionen der damaligen Politik und der allgemeinen chauvinistischen Geisteshaltung erlag oder seine Überzeugungen auch mit Chamberlain legitimierte.
Jedenfalls lag es Diem fern, sich von den Weltmachtansprüchen des deutschen Imperialismus loszusagen, geschweige denn, auf Konfrontation
zu gehen. Die Identifikation mit solchen politischen Ansprüchen verbot ihm die Unterstützung des von Gebhardt entworfenen Planes, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die olympische Bewegung konsequenter im Sinne der Völkerverständigung und der Festigung des Friedens zu nutzen, sie zu einer Art Friedensbewegung zu profilieren. Bekanntlich konspirierte Diem dagegen. Und nachdem Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaune gebrochen hatte, nahm Diem keine Rücksicht mehr auf seine internationale Reputation, verzichtete auf den letzten Rest diplomatischer Zungenfertigkeit und eröffnete seine Überlegungen über das Verhältnis von Welt- und Europa-Spielen mit der Losung "Die Welt für Deutschland fordern!"6) Diesem Ziel sollten nach seiner Meinung auch die Olympischen Spiele dienen, denn in einem Vortrag, den er im Jahre 1941 in Paris hielt, plädierte er für die Beibehaltung der Olympischen Spiele mit dem Argument: „Weltweite Pläne der Nation verlangen weltoffene Kämpfe des Sportes"7) Eine solche verbal scheinbar harmlose Aussage war in
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ihrer abstrakten Form kaum von der Hand zu weisen. Sie mußte aber im Kontext realer faschistischer Annexionspolitik verstanden werden. Für Diem gab es keinen Spielraum außerhalb dieser Politik. Damit ist aber die Frage noch nicht beantwortet, ob Diem das Weltmachtstreben der deutschen Faschisten nur mit friedlichen Mitteln, wozu die internationalen sportlichen Wettkämpfe gerechnet werden können, oder auch die Methoden der Gewalt bejahte, wozu vor allem der Krieg gehörte. Es ist für die Beantwortung dieser Frage nicht unerheblich, ob Diem die Triebkräfte des von den deutschen Faschisten geplanten Krieges kannte. Seine Zusammenarbeit mit den Führungseliten der Weimarer Republik und des sogenannten Dritten Reiches spricht dafür. Diese Annahme wird auch dadurch gestützt, daß Carl Diem schon im Olympiajahr 1936 im Opfertod des Soldaten8) die Erfüllung menschlichen Daseins sieht und als Orientierung sportlichen Lebens anbietet. Eine solche Sinngebung läßt sich nur als eine militaristische Reflexion des Überfalls der Legion Condor auf die spanische Republik und anderer aggressiver militärischer Vorhaben Hitler-Deutschlands erklären, deren Funktion darin bestand, die sporttreibende Jugend moralisch zur Preisgabe von Leben und Gesundheit für imperiale Ziele des hinter Hitler stehenden Großkapitals zu bewegen. Der Anstoß zu dieser Sentenz kam eindeutig aus der realen Politik Hitlers. Eine weltanschauliche Untermauerung lieferte Heidegger, nach dessen Philosophie der Verlust des Lebens nicht im Widerspruch zum kulturellen Auftrag des Menschen steht, weil sich ohnehin das "Sein des Daseins im Tode" erschließt.9) Zwangsläufig gelangt der soldatische Opfertod in den Rang höchster Werteorientierung, wodurch sich das Individuum vor allem in solchen Persönlichkeitseigenschaften verwirklichen kann, die gemäß dem Daseinssinn finalisiert sind. Beifallheischend läßt Diem fünf Jahre später verlauten, welchen Beitrag der von ihm aufgebaute Sport zur Herausbildung solcher Eigenschaften unter der deutschen Jugend geleistet hat, indem er schrieb:
"Im Sturmlauf durch Frankreich.... zeigt sich, was der Deutsche kann.... Eine der Ursachen aber, das dürfen wir stolz verkünden, ist der sportliche Geist, in dem Deutschlands Jungmannschaft aufgewachsen ist. Da gibt es nichts mehr von jener schlaffen Anstrengungsscheu und platten Begehrlichkeit weichlicher
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Zeiten.... Statt dessen Freude am Kampf, Freude an der Entbehrung, Freude an der Gefahr."10)
Es läßt sich nicht belegen, ob bei dieser Analyse unterschwellig die mythische Affektation Spenglers mit im Spiele war, indem dieser nämlich den stahlharten Rassemenschen für den „letzten Kampf" verlangte.11) Diems Schwärmerei für Persönlichkeitseigenschaften, die im Kriege gefordert waren, spiegelte einerseits eine Realität wider, war als solche aber nicht eine kontemplative Äußerung, sondern ein konkretes Programm für die praktische Arbeit unter der Sportjugend. Während die Ableitung von Spengler nicht zu belegen ist, kann Diems Rückgriff auf ein Denkmuster der konservativen bürgerlichen Soziologie jener Zeit zur Synchronisierung von Krieg und Sport nicht geleugnet werden. Ein solches wurde von dem Soziologen Maeterlinck bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges publiziert. In einer speziellen Schrift über die Beziehungen zwischen Krieg und Sport äußerte er im Jahre 1907:
"Der Krieg ist... der Sport par exellence und die Quelle aller anderen Sportarten, die er einbegreift und selbst pflegt, wenn diese nicht überhaupt die Kräfte, deren er sich selbst bedient, vorbereiten und stählen."12)
Später wurde dieses geistige Konstrukt von Diem ohne Quellenangabe unter seinem Namen veröffentlicht, wodurch nicht nur die Frage nach seiner wissenschaftlichen Redlichkeit Beantwortung verlangt, sondern auch die Annahme nicht abwegig ist, sich mit diesem Plagiat bei jenen Mächtigen aufzuwerten, um deren Gunst er stets bemüht war. Eine solche prinzipielle Orientierung war geeignet, die anfänglichen Vorbehalte der deutschen Militaristen gegenüber dem Sport zu zerstreuen. Allmählich nahm die Zahl hochrangiger Militärs zu, die die Zusammenarbeit mit den Sportorganisationen suchten und den Sport als Ausbildungskomplex der verschiedenen militärischen Strukturen sanktionierten. Diese Symbiose kostete den Sport einen hohen Preis, denn indem er dazu beitrug, das deutsche Kriegspotential zu steigern, wuchs stets die Gefahr zur Anzettelung von Kriegen und damit des Niedergangs der Sportbewegung.
Im Gegensatz zu den Diemschen Optionen gab es auch andere weltanschauliche Orientierungen des deutschen Sportes, die das Streben nach physischer Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Sozialisation, Bewegungs- und Naturerlebnissen mit den Zielen
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nach sozialer Gerechtigkeit, Völkerfreundschaft und Erhaltung des Friedens verbanden. Eine solche humanistische Ideologie war nicht auf die Arbeitersportbewegung begrenzt, sondern entsprach auch dem ethischen Profil des progressiven Liberalismus und fortschrittlicher religiöser Richtungen. Ihnen war gemeinsam, den Krieg als Totengräber des Sportes zu begreifen, also keine schöpferische Verwandtschaft zwischen Krieg und Sport13), sondern den Gegensatz herauszustellen und den Mißbrauch des Sportes für kriegerische Zwecke zu bekämpfen. Mit dieser Richtung kokettierte Diem nicht einmal.
Diem bekannte sich nicht nur theoretisch in seinen Schriften zur deutschen Kriegspartei. So, wie er es vor und während des Ersten Weltkrieges als junger Ehrgeizling gehalten hatte, arbeitete er auch praktisch in der Zeit der Weimarer Republik mit der Reichswehr und später mit der Wehrmacht zusammen. Nicht einmal in den letzten Tagen der Hitlerdiktatur kündigte er den politischen und militärischen Abenteurern die Treue, indem er, auf seine existentialistische Opfertodtheorie zurückgreifend, Junge und Greise aufforderte, in den Krieg zu ziehen.14) Sein Appell läßt sich nur dann mit einer Art von Nilbelungentreue erklären, wenn ein irrationales Vaterlandsverständnis keine kritische Hinterfragung erwarten läßt. In jenen Tagen diente dieser Appell eindeutig nicht dem Vaterland, sondern der Vernichtung seiner kulturellen, physischen und wirtschaftlichen Restsubstanz. Im Kampf um Berlin hatten sogar Offiziere faschistischer Eliteeinheiten die Unvermeidbarkeit des Zusammenbruchs Hitler-Deutschlands begriffen und durch eine taktisch kluge Befehlsgebung unnötiges Blutvergießen so weit wie möglich verhindert. Andererseits fehlte es nicht an fanatischen Selbstmördern. Ihnen trieb Diem mit seinem Charisma die letzten Menschenreserven Deutschlands in die Arme, ohne sich selbst zu opfern, obwohl es dazu genügend Gelegenheiten gab. Somit läßt sich hinter diesem Aufruf kaum vaterländische Gesinnung, eher schon ein makabres Theorem der faschistischen Mythologie suchen, wonach ein Volk, das nicht fähig war, Hitlers Weltherrschaftspläne zu verwirklichen, den Untergang verdient habe.
Nach dem Kriege wandte sich Diem dagegen, als Anhänger und Aktivist des Militarismus klassifiziert zu werden15), indem er darauf verwies, zwar stets ein positives Verhältnis zum Militär, nie aber
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zum Militarismus gehabt zu haben, weil dieser auf Gewaltanwendung und Annexion abzielt. Was von Diems Anspruch zu halten ist, wird deutlich, wenn die Frage beantwortet wird, ob es zu jener Zeit in Deutschland ein militärisches Potential ohne annexionistische Optionen gab. Im Ersten Weltkrieg strebte die Monarchie nach der Neuaufteilung der internationalen Einflußsphären zugunsten Deutschlands und seiner Verbündeten mit den Mitteln militärischer Gewalt. In der Weimarer Republik war das Militär stets eine Stütze der konservativen Restauration und der Basis zum Aufbau eines revanchistischen Machtinstrumentes. Und der Faschismus pervertierte die Wehrmachtsteile zur Vollstreckung von Annexionen und Versklavung anderer Völker. Gegen eine solche Instrumentalisierung wehrten sich die hohen Militärs nicht oder nur vereinzelt und dann noch widersprüchlich. Vielmehr setzten sie im Sinne dieser Instrumentalisierung die Rechtlosigkeit der einfachen Soldaten, auch der Wehrwilligen, durch und praktizierten im Umgang mit den Untergebenen den Stil der Arroganz, Willkür, Verachtung und Verhöhnung, wobei zum Typischen auch Ausnahmen gehörten. Gelegentlich wurde auch die Hoffnung geäußert, daß die Verbreitung des Sportes im deutschen Militär dazu beitragen werde, die Umgangsformen zwischen den Vorgesetzten und den Untergebenen zu harmonisieren.
Solange Diem Beziehungen zum deutschen Militär unterhielt, war im Heer der Monarchie, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches der Militarismus dominant. Nicht anders verhielt es sich in den paramilitärischen Organisationen, die von konservativen bürgerlichen Parteien ausgehalten wurden. Diem mied die Nähe jener Persönlichkeiten und Bewegungen, die sich demonstrativ gegen den Militarismus wandten. Vielmehr bot er sich den Repräsentanten des deutschen Militarismus an, wodurch er nie mit ihm kollidierte, wohl aber kollaborierte und stets in seinem Sinne Initiativen entwickelte. Auch wenn zuweilen nicht immer einige von ihnen Anklang fanden, wie beispielsweise sein Vorschlag zur Aufstellung von Sportregimentern16) - gemeint ist eine Eliteinfanterie -, dann geriet er deshalb nicht in den Gegensatz zum faschistischen Militarismus. Er hatte vielmehr das Gewicht der hinter ihm stehenden militärischen Lobby falsch eingeschätzt.
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Auch sein Hinweis auf seine Sympathien für die Selbständigkeit der kleinen europäischen Nationen ist ungeeignet, seine Rolle im Dienste des deutschen Militarismus zu relativieren oder abzuschwächen. Als nämlich die faschistische Sportführung mit von Tschammer und Osten sowie Ritter von Halt im Auftrage Hitlers Pläne zur "Neuordnung des Sportes in Europa" in Angriff nahmen, ging es um die Faschisierung des Sportes der kleinen Nationen, um die Beseitigung ihrer nationaldemokratischen Identität und die Unterordnung unter die Ziele der faschistischen Sportführung in Berlin. Auf diese Weise sollte die nationaldemokratische Souveränität dieser Nationen liquidiert werden. Diem hat die Okkupation europäischer Länder durch Hitler bejaht und sich daran begeistert.17) Nachgegangen werden muß der Frage, ob die Idee faschistischer Europaspiele gar von Diem stammt. Er hat sie jedenfalls maßgeblich unterstützt, lediglich daran die Forderung geknüpft, nicht auf die Olympischen Spiele zu verzichten, wie es vielleicht einigen Repräsentanten des damaligen deutschen Sportes vorschwebte.18) Bezeichnend aber war die Begründung, mit der Diem diese Olympischen Spiele verteidigte, indem er im Sinne der faschistischen Ideologie permanent den Kampf der Völker untereinander beschwor und dagegen die Funktion des Sportes als ein Mittel der Völkerverständigung und der Stabilisierung des Friedens unterschlug.19) Wenn er es dennoch wagte, auf so anspruchslose Weise sich zu rechtfertigen, so rechnete er entweder mit der Unwissenheit oder der Gutgläubigkeit der deutschen und internationalen Sportöffentlichkeit oder verließ sich auf die Akrobatik solipzistischer Verdrängungsdialektik für den Fall, daß Insiderwissen andere Erklärungen verlangten.
Zur Realität des deutschen Sportes unserer Tage gehört aber auch, daß Carl Diem trotz seiner verhängnisvollen historischen Rolle in vielen Organisationen ein hohes Ansehen genießt. Zweifellos hängt dieses Ansehen davon ab, in welcher Weise der Charakter und die Erscheinungsformen des deutschen Militarismus aufgearbeitet worden sind. Wenn der deutsche Militarsimus gerechtfertigt, verharmlost oder seine Existenz negiert wird, gibt es keinen Grund, Diems Rolle im deutschen Sport zu disqualifizieren. Eine solche Ignoranz dominiert zwar nicht, ist aber existent und
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nimmt deshalb Einfluß auf die konsequente Analyse Diemschen Schaffens.
Unter den Sporthistorikern der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik existierte eine solche Ignoranz nicht, sondern eine „stramme Ideologie" des Antimilitarismus, wie es im antikommunistischen Sprachgebrauch heißt. Diese Grundposition war einerseits durch das marxistische Geschichtsverständnis aber auch durch die eigenen Erfahrungen gestützt. Einer von ihnen gehörte zu jenen jungen "Vaterlandsverteidigern", von denen Diem in Berlin den Opfertod verlangte, der aber mit Verwundungen davonkam und das Glück hatte, die erlittenen Körperschäden mit Hilfe des Sportes zu kompensieren. Sie haben abfällige Marginalien von Antagonisten nur insofern ernst zu nehmen, als die sich dahinter verbergende Inkonsequenz zur Aufarbeitung des deutschen Militarismus erneut dem Mißbrauch der deutschen Körperkultur für militärische Zwecke Vorschub leistet und die Glaubwürdigkeit des deutschen Sportes bezüglich seiner Treue zur Olympischen Idee nicht grundlos bezweifelt wird. Gelassenheit hingegen ist angebracht, sofern anstelle von seriösen und sachlich begründeten Nachweisen, wie es die klassische deutsche Historiografie verlangt, leere Worthülsen und Klischeeurteile als Mittel dogmatischer Pflichtübungen oder anspruchsloser akademischer Profilierungsgelüste oder -zwänge herhalten müssen. Einige Autoren, die sich neuerdings zu Diems Leistungen geäußert haben26), leugnen nicht generell das militaristische Engagement Carl Diems., erteilen aber seiner konzeptionellen Kreativität, seinem Organisationstalent und seiner wissenschaftlichen Breite hervorragende Noten. Tatsächlich ist in der heutigen nationalen und internationalen Sportbewegung manches aufgehoben, was von Carl Diem stammt und was sich nicht aus seinem Engagement im Dienste des deutschen Militarismus allein erklären läßt. Die Gegenwart erlaubt es aber der deutschen Sportbewegung nicht, deshalb die verhängnisvolle Rolle Carl Diems im Prozeß der Militarisierung der deutschen Körperkultur zu relativieren oder gar zu ignorieren.
Es ist kein Gnadengeschenk des politischen Zufalls, wenn dem deutschen Volk in den verflossenen fünzig Jahren ein Krieg erspart geblieben ist. Internationale und nationale Konstellationen gaben den verborgen oder zuweilen auch offen angedeuteten
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Weltmachtansprüchen deutscher "Vordenker" keine Realisierungschancen, wodurch die Ergebnisse des Sporttreibens in Deutschland nach 1945 nicht militärischen Abenteuern zum Opfer fielen. Damit ist aber die Gefahr noch nicht endgültig beseitigt. Führungseliten der Bundesrepublik Deutschland arbeiten daran, die militärische Rolle ihrer Streitkräfte im internationalen Maßstab neu zu definieren. Gegenwärtig macht die Bundesrepublik eine Zitterpartie bezüglich ihres künftigen Engagements auf dem Balkan durch. Geklärt ist bereits der Kampfeinsatz deutscher Verbände im Rahmen von sogenannten Befriedungsaktionen. Verschwommen bleibt, wodurch die kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien wirklich ausgelöst wurden und vielleicht wieder aufflammen werden. Käme es zu Kampfeinsätzen, ließe sich der sogenannte Opfertod nicht mehr ausschließen, wie ihn Diem von sporttreibenden Staatsbürgern verlangte. Zwei Weltkriege und viele andere begrenzte militärische Auseinandersetzungen lehren aber, daß der sogenannte Opfertod nie einem imaginären Vaterlandsinteresse, sondern immer denen diente, die sich in Mark und Pfennig ausrechneten, wieviel sich an der Vorbereitung, Anzettelung und Führung von Kriegen, am Wiederaufbau einer Region und an ihrer Ausbeutung verdienen läßt. Weil sich diese Wahrheit trotz perfektionierter Verschleierungsmethoden einer kommerzialisierten Auftragsjournalistik immer stärker Bahn bricht und die vaterländische Opfertoddemagogie einer Verschleißtendenz unterliegt, obwohl Karl Jaspers kraft seiner philosophischen Autorität sie zu retten trachtete21), kommen die Söldnerheere in Form der Berufsarmeen wieder in Mode. Deren Rekrutierung kann sich die berufliche Ausweglosigkeit und die tägliche Manipulierung junger Menschen im Sinne der Killerideologie zu nutze machen. Nunmehr haben diese die Möglichkeit der Wahl zwischen dem Schicksal der zivilberuflichen Ausgrenzung und dem honorierten Lebensrisiko militärischer Profis, zu deren Job es gehört, sich nicht nur die Söldnermoral, Gefechtskenntnisse, den Umgang mit Waffensystemen, sondern auch ein hohes physisches Leistungsvermögen anzueignen. In Vorbereitung auf diesen Job als auch im Prozeß seiner Ausübung werden sportliche Trainingsmethoden unerläßlich sein. Auf diese Weise scheint es so, als müßte der Sport im Sinne einer Gesetzmäßigkeit ewig ein
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Knecht des Krieges sein. Eine solche Gesetzmäßigkeit kann aber außer Kraft gesetzt oder ihre Gültigkeit begrenzt werden, indem die Menschen aller sozialer Schichten jedwede Wehrpolitik kritischer denn je hinterfragen, sich nicht nur verweigern, sondern im Rahmen von Antikriegsaktionen22) jene Manager zur Verantwortung ziehen, die als geheime Drahtzieher militärischer Konflikte im Verborgenen agieren. Unbedingt muß verhindert werden, daß im Rahmen einer neuen deutschen Militärdoktrin der soldatische Opfertod als Leitidee in die Ethik der deutschen Körperkultur Eingang findet oder partiell geduldet wird. Andernfalls würde sich die größte deutsche Kulturbewegung der Gegenwart einem degenerativen Prinzip ausliefern und von ihrer ursprünglichen Sinngebung verabschieden, nämlich Leben, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude als Daseinserfüllung zu verwirklichen.
1) vgl. Huhn, Klaus: Bemerkungen zu einem Diem-Plädoyer, in: BEITRÄGE ZUR SPORTGESCHICHTE, Heft 3, Jg. 1996, S.113
2) An der Gründung des militaristischen Jungdeutschlandbundes unter der Führung des Generalfeldmarschalls von der Goltz war Carl Diem als damaliger Vorsitzender der "Sportbe-hörde für Athletik“ maßgeblich beteiligt, wodurch sich von der Goltz veranlaßt sah, dem Königlichen Geheimen Zivilkabinett vorzuschlagen, Diem mit einem "königlichen Gnadenbeweis“ auszuzeichnen. (vgl. DZA Merseburg, Königliches Geheimes Zivilkabinett, Jugendpflege, Rep.89 H, Bd.2, Bl. 68.)
3) Nachdem Wilhelm II. und seine Anhänger das Kabinett Hohenlohe-Schillingfürst per Staatsstreich durch die Regierung von Bülows abgelöst hatten, wurde die deutsche Weltmachtpolitik permanent aggressiver, die unter der Führung des 1909 eingesetzten Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg in den Ersten Weltkrieg mündete.
4) Fußball und Leichtathletik, Jg. 1913, S.465
5) vgl. Chamberlain, Briefe 1882-1924, BD. II, München 1928, S.241
6) Diem, Carl: Olympische Flamme, Bd. I, Berlin 1942, S.245
7) Diem,Carl: Der Olympische Gedanke im neuen Europa, Berlin 1942, S.50
8) vgl. Olympisches Jugend-Festspiel-Programm-Heft, Berlin 1938. S.11. Der Opfertodgedanke kommt auch in der Fotomontage des Olympiakalenders zum Ausdruck, die die Olympiaglocke über den Stahlhelmengefallener Soldaten darstellt, aber nicht als Mahnung zum Schutz des menschlichen Lebens vor dem Krieg interpretiert wird. vgl. Westphal, Helmuth: Der Militarismus, der Todfeind des deutschen Sports, Berlin 1958, S.54.
9) Heidegger M.: Sein und Zeit, Halle 1927, S.263
l0) Diem,Carl:Sturmlauf durch Frankreich, in: Reichssportblatt vom 25.6.1940
11) vgl. Spengler 0.: Der Untergang des Abendlandes, München 1923, BD.II, S.628
12) Maeterlinck M.: Gedanken über Sport und Krieg, Leipzig-Berlin, 1907, S. 67
13) vgl. Westphal, Helmuth: Die Politik der herrschenden Klassen zur Militarisierung der deutschen Körperkultur am Vorabend des I. Weltkrieges, Potsdam 1963, S.133-155
14) Tatsächlich leisteten die sportlichsten Jungen, darunter vor allem Napola- und Adolf-Hitler-Schüler, diesem Aufruf Folge, indem sie sich mit Nebelhandgranaten, T-Minen und Panzerfäusten den sowjetischen Panzern aussichtslos entgegenwarfen, ihr Leben verloren, verwundet wurden oder in die sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten.
15) vgl. Huhn, ebenda, S. 114
16) vgl. ebenda, S.119
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17) vgl. Diem,C : Sturmlauf ..., ebenda
18) vgl. Westphal, Helmuth:Die Konzeption des deutschen Faschismus zur Durchführung von Europaspielen in: Theorie und Praxis der Körperkultur, Jg. 1973, Heft 3, S.218
19) Diem,Carl: Der Olympische Gedanke im neuen Europa, Berlin 1942, S. 50
20) vgl. Huhn, Klaus, ebenda, S.114 - 116
21) Karl Jaspers heroisierte bereits 13 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg den Opfertod des Soldaten. Vgl. Jaspers, K.:Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, München 1958, S. 73
22) Korrespondierend mit einem solchen Engagement wäre es an der Zeit, daß Sporthistoriker verschiedener politischer Couleur als Bestandteil eines umfassenden Forschungsprojektes die Rolle deutscher Sportfunktionäre in der Zeit des Faschismus vermittels vertiefter Aktenstudien untersuchen würden.
Nach der derzeitigen Dokumentenlage gibt es keinen Grund, dem zumeist als geistreich gekennzeichneten Carl Diem politische Naivität oder Opportunismus einzuräumen, sowie seine Äußerungen über Sport und Krieg als Lapsus linguae abzutun und ihm auf diese Weise Generalabsolution zu erteilen. Dabei geht es weniger um das Diembild der Gegenwart als vielmehr um die Stellung des deutschen Sportes zu Krieg und Frieden in der Zukunft.
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Eine weiße Spur in über 3000 Exponaten
Von ROLAND SÄNGER
"Wir kommen aus Witten, aber ohne Schlitten", so lautet ein besonders launiger Eintrag vom 29. Juni 1996 im Gästebuch des Oberhofer Wintersportmuseums, das sein Initiator und Leiter Jan Knapp bescheiden "Thüringer Wintersport-Ausstellung" nennt. Es ist immerhin Deutschlands größte und facettenreichste Exposition zur Geschichte des weißen Sports. Und zugleich die jüngste, denn sie öffnete erst am 6. Mai 1995 ihre Pforten in einer ehemaligen Turnhalle, die zwischendurch zu einem Supermarkt herabgesunken war, der dann jedoch wohl nicht genug Revenue abwarf, um von einer bekannten Kaufhaus-Kette weiterbetrieben zu werden. Die einst den ASK- und anderen Athleten dienende und nun nutzlose Trainingshalle ging über in die Rechtsträgerschaft des Thüringer Sportbundes, der sie sodann dem Knapp'schen Vorhaben zur Verfügung stellte.
Der Ausstellungs-Vorläufer allerdings hatte schon ab 1993 im Gaststättenkomplex "Oberer Hof" campiert, ehe auch diese bei Oberhofer Sportereignissen einst so beliebte gastronomische Oase im Januar 1995 den marktwirtschaftstypischen Weg vieler Unternehmen in die Pleite antrat. In den zwei Jahren zuvor war der engagierte Jan Knapp mit seinem anspruchsvollen Museums-Vorhaben ziemlich auf sich allein gestellt. Der ehemalige NVA-Offizier hatte nach Monaten der Arbeitslosigkeit zum Touristik-Assistenten umgeschult und das sogenannte Harzburger Diplom erworben. "Ich bin also nicht unqualifiziert", spöttelt Jan Knapp, der sich noch genau an die Reportage Ludwig Schröders vom olympischen Sprunglauf 1960 in Squaw Valley erinnert, als die NATO auf Betreiben der BRD den DDR-Berichterstattern die Einreise in die USA verweigert hatte und der damalige DSLV-Generalsekretär das spannende Geschehen um den Olympiasieg von Helmut Recknagel schilderte. Als einen Insider des Wintersports mochte er sich - zu Anfang - trotzdem nicht halten. Mit umso größerem Eifer drang er nach seiner Umschulung in das Innenleben dieser Materie ein.
Bei der Kurverwaltung Oberhof bekam Jan Knapp 1992 eine ABM-Stelle mit der Aufgabe, den Fremdenverkehr im einstigen Kurort
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der Werktätigen, dessen Heime und Pensionen nach 1989 nicht mehr gefragt waren, wieder mit anzukurbeln. Die Idee mit dem Wintersportmuseum, so gesteht er freimütig, stamme nicht von ihm, sondern von Helmut Recknagel. Mit der Leiterin der Kurverwaltung setzte sie Jan Knapp nun Schritt für Schrit um. Schon zu DDR-Zeiten hatte im Schanzentisch der Thüringenschanze eine kleine Wintersport-Ausstellung existiert, aber die wurde 1990 ausgeräumt und damit ausgelöscht - eine der unzähligen Abwicklungen in aller Stille. Pokale, Diplome und Sportgeräte verschwanden (es genügte, daß sie DDR-Sportgeschichte dokumentierten), und nur eine Handvoll Stücke trieb Jan Knapp später mit Mühe wieder auf.
In geduldiger und gründlicher Arbeit trug der Initiator vieles wieder zusammen, besuchte mehr als 120 Veteranen und Veteraninnen des weißen Sports wie Heinz Holland, Kuno Werner, Hugo Forkel und Verwandte von Hans Marr, Oskar Weisheit und Erich Keller, die im Thüringer und deutschen Skisport einst zur Spitze gezählt hatten. Von ihnen stammen viele einmalige und wertvolle Sachzeugen. Die Witwe von Rittmeister Bobby Griebel, der in den zwanziger Jahren zu den weltbesten Bobfahrern gehört hatte, war ebenso unter den Sponsoren wie viele unbekannte und ungenannte Helfer. Selbst von der Tochter des Norwegers Rolf Wiborg Thune, der um die Jahrhundertwende zu den Pionieren des Skisports im Thüringer Wald gezählt hatte, bekam er gegenständliche Hilfe.
Die Ausstellung umfaßt nun über 3000 Exponate in 23 Vitrinen und 12 Schaukästen sowie 36 Schautafeln, alles auf einer Fläche von 12 mal 26 Metern. Schneeschuhe, Schlitten und Ausrüstungen aus den Anfangsjahren des weißen Sports in Thüringen stehen neben den primitiven Brettern, mit denen Kuno Werner, Heinz Holland und Hugo Forkel vor fünf Jahrzehnten ihre Meistertitel errangen. Daneben sind jene Musiktruhen zu bewundern, die Holland und Forkel damals für ihre Leistungen als Ehrenpreise empfingen. Ein Glanzstück ist der Fünferbob aus dem Jahre 1904, gebaut von einem Schmied und einem Stellmacher, der als "Langer Tom" 1907 bei der Deutschen Meisterschaft in Oberhof am Start war. Noch älter ist ein Silberlöffel von 1898, den Rolf Wiborg Thune, der in Oberhof seine zweite Heimat fand, als Preis erhielt. Selbstverständlich sind auch Helmut Recknagel, Werner Lesser,
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Gerhard Grimmer, Wolfgang Hoppe, Klaus Bonsack, Karl-Heinz Luck und viele andere DDR-Wintersport-Asse mit Preisen und Pokalen vertreten, die ihre unvergeßlichen Erfolge dokumentieren.
Eine ausschließlich dem Hochleistungssport vorbehaltene Schau ist diese Ausstellung jedoch nicht. Sie zeigt mit regionalem Ambiente Rolle und Impulse von Oberhof und dem Thüringer Wald für den Wintersport in der Geschichte insgesamt. Zur Ausstellung gehören eine Bibliothek mit rund 2000 Bänden sporthistorischer und sportwissenschaftlicher Literatur sowie Zeitungen und Zeitschriften, Medaillen, Sportabzeichen, Fahnen, Wimpel (mit ca. 3500 Stücken), eine Sammlung von über 1000 Dokumenten und an die 4000 Fotos und Negative sowie Doku-Filme, Wochenschauen und Rundfunk-Reportagen.
Wenn auch Ereignisse wie die Friedensfahrt, die auch in Oberhof Station machte, in der Ausstellung mit Exponaten vertreten sind, so nimmt natürlich der Thüringer Wintersport und seine Geschichte, die 1904 mit ersten Vereinsgründungen begann, den Löwenanteil des Ausstellungs-Platzes ein. Ein besonderer Schwerpunkt sind die Wintersportmeisterschaften von 1949 bis 1956, die (bis auf Schierke 1950) ausschließlich in Oberhof stattfanden. "Nie wieder gab es eine solche Sportbegeisterung wie in jener Zeit, als die Zuschauer zu Zehntausenden nach Oberhof strömten", urteilt Jan Knapp. 125.000 Sportbegeisterte kamen 1951 zum Abschlußtag der DDR-Meisterschaften in die Rennsteig-Metropole - 80 000 standen an der Thüringenschanze, 45 000 säumten die Wadeberg-Bobbahn!
Das Anliegen dieser Exposition kennzeichnet Jan Knapp mit den Worten: "Sie ist regional angelegt und sagt zugleich etwas aus über die Wirkungen, die von Thüringen und Oberhof für den deutschen und internationalen Sport ausgingen. Historische Persönlichkeiten, die in Oberhof präsent waren, werden daran gemessen, welche Leistungen sie für den Sport vollbracht haben. Deshalb wird Walter Ulbricht neben dem Hohenzollern-Kronprinzen, dem Herzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, dem Rittmeister Bobby Griebel und mancher anderen historischen Figur nicht nur genannt, er nimmt auch einen Ehrenplatz ein."
Die Zukunft der "Thüringer Wintersport-Ausstellung in Oberhof" scheint nunmehr gesichert, nachdem sich der Thüringer
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Landessportbund, die Kommune sowie die beiden Oberhofer Klubs WSV und BSR"Rennsteig", die jeweils Ski/ Biathlon und Bob/Schlitten repräsentieren, als Träger engagieren. Die Ausstellung - längst im Range eines attraktiven Museums - hat Partner in den Sportmuseen von Leipzig und Berlin und im Sportverlag Berlin, von dem der Großteil der Literatur gespendet wurde. In der Person von Harro Esmarch aus Schönau am Königsee erwuchs der Oberhofer Ausstellung ein kameradschaftlicher Partner und Mentor bei der Erforschung der Geschichte von Bob und Rodeln. In Gestalt von Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst von Verbundnetz GASAG Leipzig, der seit 1993 ein beständiger Helfer ist, möchte Jan Knapp dem Kreis der Gönner und Förderer Dank sagen.
Seit Mai 1995 besuchten im Durchchnitt 500 Interessierte pro Monat die Ausstellung, und es werden derer immer mehr. Längst ist das erste Gästebuch gefüllt mit meist anerkennenden, oft fachkundigen, selten kritischen und zuweilen auch humorvollen Einträgen - siehe "Witten ohne Schlitten". Beim Großteil des Ausstellungs-Publikums fand er mit seinem Werk Zustimmung; zuweilen freilich hat auch mal der eine oder andere aus dem neuen Oberhofer Establishment oder aus der sogenannten Aufarbeitungsszene geäußert, da hingen zu viele rote Fahnen von der Decke. Sie meinten damit wohl die Klub-Farben von DTSB oder ASK oder SKDA, mit deren Namen der Aufstieg von Oberhof zu einem Weltzentrum des weißen Sports verbunden ist. Die Ausstellung nähert sich - dank ihres Schöpfers Jan Knapp - der Geschichte ohne Tabus; ihre Fahnen kann sie deshalb nicht nach dem Winde hängen. Was Amerikaner, Niederländer, Japaner, Norweger, Schweden, Liechtensteiner und natürlich auch die überwiegende Zahl der Deutschen beim Besuch dieser attraktiven Schau anerkennend festgestellt haben.
Aus dem Gästebuch
Sehr gute Ausstellung
11.7.95 Hans Z., Zürich, Schweiz
Eine ausgezeichnete Ausstellung. Vor etwa 30 Jahren ärgerte es uns Jugendliche (damals!) in Österreich, daß uns die
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Wintersportler aus der DDR nahezu bei allen Wintersportveranstaltungen im nord. Bereich um die Ohren fuhren bzw. auf und davon sprangen. Es war uns nicht bewußt, daß einerseits nur in einer solchen Landschaft und bei derartigen (für die damalige Zeit) modernen Trainingsmethoden solche Erfolge reifen konnten. Die Sportler, deren Erfolge hier dargestellt sind, hatten (abgesehen vom politischen Druck, der selbstverständlich auf sie ausgeübt wurde) noch Ideale und waren keine so geldgierigen und pressegeilen Monster wie die heutige Sportlergeneration, die im inflationären Titel- und Medienrausch in einer ganz anderen Welt lebt. Man wird leider sehen, daß die Erfolge der Oberhofer Wintersportler in den nächsten Jahren stark zurückgehen werden, da das heutige wirtschaftliche und politische System und die miserable Sportförderung (im Vergleich zu DDR-Zeiten!) nur noch wenige Stars, dafür aber umso mehr Mitläufer bringen wird, deren charakterliche Eigenschaften nicht ausreichen werden, um Spitzenleistungen zu vollbringen. Sehr schade! Insgesamt gratuliere ich der Stadt Oberhof zu dieser schönen Ausstellung.
12.07.1995 Reinfried K., Salzburg, Österreich
Aufrichtige Anerkennung, vor allem für die Liebe zum Detail!
9.8.95 Horst Sch. Journalist
Ich als alter Brotteroder, von Kindheit an mit dem Sport verbunden, finde diese Ausstellung, ich kann es nicht in Worte kleiden; denn Worte sind zu schwach dazu, ich bin tief beeindruckt. Allen, die dieses Museum aufgebaut haben, ein ganz herzliches "Dankeschön", dass ich dies noch erleben durfte. Ich wünsche allen Mitarbeitern noch viel Erfolg u. den Verantwortlichen von Oberhof rufe ich zu, tut mehr für den Sport in Oberhof.
9. 8. 1995 M .
Jan! Große Klasse für Deine Bemühungen. Es fällt einem manches ein, was schon teilweise in Vergessenheit geraten war. Und Dank für die Einladung zum heutigen Tag. Dank auch den Oberhofer Mitstreitern
13.9.95 Heinz Holland, Schmiedefeld
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Die Ausstellung ist ein beeindruckendes Zeugnis des Wintersports in Thüringen. Unendlich viel Mühe stecken in der Aufarbeitung erfolgreicher Jahrzehnte. Herzlichen Glückwunsch zu dem gelungenen Ergebnis.
13.9.95 Freia Hahn (geb. Aschermann), Rennrodlerin in den 50er Jahren; Ute Oberhoffner (geb. Weiß), Rennrodlerin in den 80er Jahren
Mit Freude und großem Interesse habe ich die Ausstellung besucht. Ich hoffe, daß viele Besucher in diese Räume finden !
21.9.95 Manfred von Richthofen
Mit einer kleinen Delegation kamen wir aus Rheinland-Pfalz zum internationalen Mattenspringen nach Oberhof. Wir nahmen dies auch zum Anlass eines Besuches hier in diesem Wintersportmuseum. Wir sind, gelinde gesagt, unheimlich beeindruckt. Wir werden immer wieder gerne nach Oberhof zurückkommen.
24.9.95 In freundschaftlicher Verbundenheit die
Kameraden des Landessportbundes Rheinland-Pfalz
Ein interessantes Kapitel von Erinnerungen, die uns gleichzeitig wichtige Impulse für unsere Trainingsbemühungen gaben. Vielleicht können auch wir einmal mit unseren zukünftigen Erfolgen ein weiteres Kapitel der Ausstellung mitgestalten helfen. Sie muß deshalb immer fortbestehen. Den Initiatoren alles Gute und viele gute Ideen bei der weiteren Ausgestaltung der Ausstellung.
8.2.1996 Die Mitglieder des Skitrainingslagers des SV 1883 aus Rudolstadt
Große Anerkennung und Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Wintersportausstellung an den Initiator Jan Knapp!
17.2.96 Josef Fendt, FIL - Präsident
Nach einem hochinteressanten Besuch im Wintersportmuseum Oberhof wünsche ich dem weiteren Ausbau alles Gute.
8.3.96 Prof. Dr. Norbert M., Univ. Mainz
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Ich möchte hiermit Herrn Jan Knapp meinen herzlichsten Dank aussprechen, dass ich diese schöne Ausstellung über den Wintersport in Oberhof sehen durfte.
Die Ausstellung ist interessant und hat mir Freude bereitet. Herrn Knapps Information muss ich bewundern - und ich will mich bemühen - wenn ich wieder zu Hause in Akkershaugen, Telemark, Norwegen bin, Bilder zu finden und hierher zu schicken zur Vervollständigung dieser wunderschönen Winter-
sportausstellung.
28.4.96 Frl. Ingeborg W. T., Akkershaugen, Telemark
Wir hatten viel zu wenig Zeit für diese interessante Wintersportausstellung! Man könnte ja einen ganzen Tag hier verbringen. Vielen Dank.
30.4.96 Volkshochschule Münster
Ich bin begeistert! Ein Fundus für jeden begeisterten Sportsmann.
7.7.96 E. E., Bundestrainer, Deutscher Leichtathletik-Verband
Äußerst beeindruckend! Und das sagt ein Sportmuffel, der nur wegen seiner Tochter reinkam und nun mit verklärtem Blick wieder rausgeht...
Peter H.
Eine wertvolle Ausstellung, die offen die sportliche Bedeutung des Wintersports hervorhebt! 1952 wurde u.a. auch schon die Einheit als erstrebenswertes Ziel formuliert, eine Forderung, die Jahre der Zeit vorausgeht!
18. 9. 96 CDU-Senioren-Union des Kreises Unna
Herzlichen Glückwunsch für die umfangreiche und übersichtliche Thüringer Wintersportausstellung. ... Mögen viele Besucher die Schau sehen und sich selbst ein Bild von den Leistungen Thüringer und Oberhofer Wintersportler machen. Zudem hatte ich heute das Glück, das Video vom Oberhofer Wintersport zu sehen. Eine schöne Erinnerung an große Oberhofer Feste, die ich meist selbst miterlebt habe.
23. 6. 96 Dr. Oskar P., Luisenthaler SV
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TURNPLÄTZE IN
MECKLENBURG-STRELITZ
Von DIETRICH GRÜNWALD
Mit dem Vaterländischen Turnen, das Jahn, Fichte, Scharnhorst und weitere Reformer als Teil eines umfassenden nationalen Erziehungsplans verstanden, in dem Körperübungen als Bestandteil einer breiten Volkserziehung Vorarbeit für eine künftige Vaterlandsverteidigung leisten sollten, setzte ab 1810 auf der Hasenheide bei Berlin eine Entwicklung ein, die zunächst auf diesen Ort beschränkt blieb, dann aber nach den Befreiungskriegen weit über Preußens Grenzen hinweg eine beispiellose Entwicklung nahm. Zu den frühen Verbreitungsregionen des Turnens gehörte das damalige Herzogtum Mecklenburg-Strelitz.
Friedrich Ludwig Jahn, Schöpfer des Vaterländischen Turnens, begann zunächst mit zwanglosen Körperübungen und Spielen, wie er sie bereits während der Hauslehrerjahre in Neubrandenburg mit Jugendlichen dieser Stadt betrieben hatte. Schrittweise organisierte er in seiner „Turngesellschaft“ den Turnbetrieb in der Weise, daß eine Turnordnung erlassen, eine Turnmarke ausgegeben sowie eine einheitliche leinene Turnkleidung festgelegt wurden. Der Turnplatz auf der Hasenheide war mit hohen Klettergerüsten, Schwebebaum sowie Recken und Barren ausgestattet. Bei der Auswahl des Übungsstoffes und der methodischen Gestaltung orientierten sich Jahn und seine Mitstreiter - vor allem Ernst Eiselen und Friedrich Friesen - zunächst an der Gymnastik von GutsMuths. Über die Grenzen des Turnplatzes hinaus wurden Geländespiele, Schwimmen und Fechten betrieben.
Bis 1812 hatte sich auf der Hasenheide die Teilnehmerzahl auf ca. 500 Turner erhöht. Nach Jahns Rückkehr aus dem Befreiungskrieg Anfang 1814 nahm das Turnen an diesem Ort, genährt durch den vorbildlichen Einsatz der Turner während des Krieges, einen enormen Aufschwung, das stärker als vorher mit einer gesellschaftlichen Anerkennung verbunden war. Mit 1074 eingetragenen Turnern war dann im Jahr 1817 fast die Kapazitätsgrenze erreicht1), obwohl die Anlage ständig mit
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Geräten ergänzt und erweitert wurde. Sie stellte in ihrer Gesamtanlage und -austattung, die weitgehend den von Jahn in der Deutschen Turnkunst empfohlenen Kriterien entsprach, die allerdings auf ca. 400 Turner bezogen war, die Grundlage für weitere entstehende Turnplätze dar.
Parallel zum Wirken auf der Hasenheide richteten Jahn und seine Mitstreiter ihr Augenmerk auf eine Verbreitung des Turnwesens in Preußen und in anderen deutschen Ländern, darunter in Mecklenburg-Strelitz. Offenbar hat sich Jahn, der in Neubrandenburg und Torgelow zweieinhalb Jahre als Hauslehrer tätig war, für die Turnentwicklung im Stargarder Land besonders eingesetzt, denn nirgendwo sonst hat er so nachhaltig seine Spuren hinterlassen und direkt oder über seine Vorturner, darunter Dürre, Maßmann und Eiselen, Hilfe bei der Errichtung von Turnplätzen gegeben und die Gestaltung des Turnbetriebs unterstützt.
Der kleine, nördlich von Berlin gelegene deutsche Kleinstaat Mecklenburg- Strelitz bestand zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus zwei Landesteilen, der Herrschaft Stargard - etwa mit dem heutigen Kreis Mecklenburg- Strelitz gleichzusetzen - und dem Fürstentum Ratzeburg, bestehend aus der Domhalbinsel und dem Gebiet östlich des Schaalsees. Die Wiener Beschlüsse erhoben den Regenten dieses Landes, Herzog Carl, 1816 zum Großherzog, ohne damit den inneren Zustand beeinflussen zu können. Das zweigeteilte Land, absolut regiert und von der heimischen Ritterschaft dominiert, war in dieser Zeit eines der ärmsten und rückständigsten deutschen Länder. Neben der Landeshauptstadt Neustrelitz hatten die Vorderstadt Neubrandenburg2), die Grenzstadt Friedland sowie der Teilregierungssitz auf der Domhalbinsel in Ratzeburg eine gewisse wirtschaftliche und bildungspolitische Bedeutung. In allen drei Orten befanden sich Gelehrtenschulen, und Gymnasien, die in den Jahren von 1815 bis 1819 zu Zentren des sich entwickelnden Turnwesens wurden und es zu einer beachtlichen Blüte brachten.
In Friedland begann bereits im Frühjahr 1814 der organisierte Turnbetrieb. Der Prorektor an der Gelehrtenschule, Carl Leuschner, hatte am 18. Oktober 1814 an den Feierlichkeiten in Berlin teilgenommen. Jahn besuchte unmittelbar danach die Turner der Kleinstadt, die noch auf einer provisorischen Turnanlage übten
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und bewirkte mit seinem Auftreten eine Forcierung des Turngeschehens. Die Erwähnung im Preußischen Correspondenten3) belegt den sehr frühen Beginn des Turnens in diesem Ort. Mit dem am 23. April 1815 eingeweihten Turnplatz an der Schwanbecker Landstraße verfügte Friedland Ort danach über Bedingungen, die eine ununterbrochene, relativ konstante Turntätigkeit ermöglichten. Die Stadt kann demzufolge auf eine sehr alte Turntradition, vielleicht die älteste in ganz Deutschland, verweisen. Mehrere Besuche Jahns und seiner Vorturner, ein nimmermüder Leuschner, der von seinem Rektor und einigen Kollegen aktiv unterstützt wurde, sowie ein wohlwollender Magistrat trugen dazu bei, daß das Turnen einen sichtbaren Aufschwung nahm und die Stadt in den Jahren 1815 bis 1817 zu einem Wallfahrtsort für Turninteressierte der umliegenden Orte wurde, die sich vom Aufbau des Turnplatzes und vom Funktionieren des Turnbetriebs überzeugen wollten. Zum festen Bestandteil der Turnerei in Friedland gehörten Turnvergleiche mit den Turnern der Nachbarorte, Turnfeste, wie jedes Jahr am 18. Oktober, und Turnfahrten in die nähere Umgebung. Die Verbundenheit der Friedländer zu dem von ihnen sehr verehrten Turnvater zeigte sich u.a. darin, daß Leuschner regelmäßig Turnberichte nach Berlin schickte, die abschriftlich im „Friedländer Turnalbum“4) vorliegen.
In Neubrandenburg begann Professor Ferdinand Milarch, bis 1810 Hauslehrer bei Baron Le Fort, Jahns früherem Arbeitgeber, später Rektor der Gelehrtenschule, unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Befreiungskrieg noch im Herbst 1814 mit Arbeiten am Turnplatzgelände auf den Kuhwiesen vor den Toren der Stadt. Bei der Anlage des Platzes, der Ausstattung mit Geräten und auch bei der Gestaltung des Turnbetriebs, der im Sommer des nachfolgenden Jahres einsetzte, orientierte sich der Initiator weitgehend am Friedländer Beispiel. Höhepunkte im Turngeschehen jener Jahre waren im Juni 1816 der Besuch des Großherzogs, der mit einem großen Schauturnen gefeiert wurde, und ein Vergleich mit den Berliner Turnern ein Jahr später. Anläßlich dieses Besuches legten die Berliner Turner an Jahns frühem Wirkungsort auf dem Krähenberg im Brodaer Holz eine Rasenbank an und benannten ihn in “Jahns Horst“ um. Milarch war weitgehend auf sich selbst gestellt, fand nur zu Anfang
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Unterstützung beim Lehrkörper und beim Magistrat, so daß im Gegensatz zu Friedland und Neustrelitz der Turnplatz nach und nach verkam und ab 1823 nur noch gelegentlich Körperübungen betrieben wurden.
In der Residenzstadt Neustrelitz sorgte der Großherzog persönlich dafür, daß ein, wie Timm formuliert, „mit großer Munificenz“5) ausgestatteter Turnplatz errichtet wurde. Am Zustandekommen und an der Ausführung des Projekts hatte Jahn auf Bitte des Großherzogs persönlichen Anteil, was er später in einem Brief zum Ausdruck brachte.6) Der Platz wurde am 2. September 1816 im Beisein des Großherzogs und seines Hofstaates eingeweiht und erlebte unter der Leitung von Professor Kämpffer, Lehrer am Gymnasium Carolinum, und dem wohl ersten fest angestellten und besoldeten „Turnlehrer“ Deutschlands, Manger, den Jahn empfohlen hatte, bis 1819 eine äußerst progressive Entwicklung. Kämpffer sorgte mit dem von ihm berufenen Turnerrat gemeinsam mit Manger für einen gut organisierten, auf hohem Niveau stehenden Turnbetrieb. Die regelmäßige Teilnahme von 120 bis 140 Turnern am Übungsbetrieb belegt die Aussage ebenso wie die Ergebnisse eines Turnvergleichs mit den Berliner Turnern im Sommer 1817. Jahn, der auf der Turnfahrt nach Rügen die Neustrelitzer besuchte, forderte sie zu Vergleichen im Tauziehen und Ringen heraus und war erstaunt und verärgert zugleich, daß die Neustrelitzer die Nase vorn hatten. Von den Niederlagen betroffen, ließ er sich zu negativen Äußerungen über die Kleidung der Neustrelitzer und ihre „unturnerischen Gesänge“ hinreißen, die fast zu handgreiflichen Auseinandersetzungen geführt hätten. Der Turnbetrieb wurde in Neustrelitz, wie auch in Friedland, während der Jahre des Turnverbots in Preußen - allerdings mit Höhen und Tiefen - fortgesetzt.
Unter ungleich schwierigeren Bedingungen wurde 1816 in Ratzeburg, wo die Domschule unter mecklenburg-strelitzscher Verwaltung stand, ein zunächst privat geführter Turnplatz auf städtischem, also ausländischem Gebiet errichtet. Erst zwei oder drei Jahre später entstand gegenüber der Domhalbinsel im Römnitzer Holz, jetzt im Mecklenburgischen, eine neue Anlage. Initiator der Turnbewegung in der Domstadt war Carl Friedrich Ludwig Arndt, der von seinem Schwager Heinrich Riemann, dem Kampfgefährten Jahns, späteren Burschenschafter, schließlich
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selbst Turnvorsteher in Eutin und Friedland, zum Turnen angeregt wurde. Gemeinsam mit dem von Jahn geschickten Vorturner Sonntag organisierte Arndt den Turnbetrieb. Der interessante Briefwechsel Jahns mit diesem verdienstvollen Pädagogen und Theologen zeigt anschaulich, wie sehr Jahn die Turnerei außerhalb Berlins am Herzen lag und unter welch schwierigen Bedingungen er zu helfen versuchte.7) Über die Ausstattung des Turnplatzes und die Gestaltung des Turnbetriebs ist wenig bekannt. Immerhin zeugt ein 1831 herausgegebenes Turnliederbuch davon, daß offenbar bis zu diesem Zeitpunkt in Ratzeburg aktiv geturnt wurde.
Die bis hierher kurz skizzierte Entstehungsgeschichte von vier Turnplätzen im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, einem sehr kleinen und unbedeutenden deutschen Kleinstaat, der in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht vom mächtigen Preußen und dem größeren mecklenburgischen Nachbarstaat abhängig war, verdeutlicht, daß mit viel Initiative einzelner Männer unter dem Einfluß Jahns und unter der euphorischen Nachwirkung der Befreiungskriege eine etwa fünf Jahre währende Turn-entwicklung erfolgte, die außerhalb des Ursprungslandes des Vaterländischen Turnens als beachtlich eingestuft werden muß. Im weiteren soll anhand von vorliegenden Unterlagen der beiden Turnplätze in Friedland und Neustrelitz versucht werden, einen Vergleich zu der Turnanlage auf der Hasenheide anzustellen und den Nachweis zu erbringen, daß auf dem „platten Lande“ durchaus günstige Bedingungen für einen gut organisierten Turnbetrieb gegeben waren.
Der Friedländer Turnplatz
Der Initiator der Turnbewegung in Friedland, Leuschner, mußte seinen 1814 eingerichteten Turnplatz kurzfristig wieder räumen. Bereits im Herbst 1814 hatte der Magistrat der Stadt jedoch bereits ein neues Gelände östlich des alten Turnplatzes bewilligt und bekundete mit dieser Maßnahme, wie auch mit der Bereitstellung des Holzes, der finanziellen Unterstützung durch Spenden und der fortgesetzten aktiven Anteilnahme auch in den Folgejahren seine aufgeschlossene Haltung zum Turngeschehen. Leuschner begann trotz eines gewissen Bedauerns über die nicht unerheblichen Kosten, die er z.T. selbst trug, und die umsonst aufgewendeten
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Arbeiten beim Bau des ersten Platzes bereits Ende des Jahres 1814 mit der Errichtung der neuen Turnstätte.
Zunächst umpflanzte er die unmittelbar an der Landwehr rechteckig angelegte Anlage mit schnellwachsenden Pappeln, vor denen Holzbänke für die Zuschauer aufgestellt waren. Der Tie wurde mit Eichen umsäumt, von denen heute noch drei diese Stelle markieren. Weitere Bäume lockerten die mit Schleeten (Holzstangen/ A.d.A.) umzäunte Gesamtanlage auf und dienten als Schattenspender für die Turnenden. Im weiteren folgte Leuschner, die eingeschränkten räumlichen Bedingungen und finanziellen Möglichkeiten nutzend, seinem Grundprinzip, alles überschaubar und gradlinig zu gestalten. Das zeigt sich bei den parallel zur Laufbahn und Springgrube angelegten Recken und Springeln auf der einen sowie der unmittelbaren Aufeinanderfolge von Barren, Steinstoß- und Gerwurfanlage auf der anderen Seite. Der direkt vor dem Tie gelegene Spielplatz und die Konzentration der Gerüste dahinter unterstreichen die durchgängige Beachtung des genannten Prinzips. Der nach exakten Angaben Leuschners gefertigte Grundriß führt deutlich vor Augen, daß der Turnplatz mit all seinen Teilbereichen in sehr konzentrierter und relativ enger Form, dabei aber sehr übersichtlich angelegt war. Die Größe der Berliner Anlage war nicht angestrebt, zumal sich 1815 insgesamt lediglich 73 Turner, fast ausschließlich Schüler der Gelehrtenschule, eingeschrieben hatten. Diese Turnerzahl blieb lange Jahre konstant und war Orientierung für die solide und gründlich durchdachte Anlage, die den Anforderungen an einen Turnbetrieb unter den Kleinstadtbedingungen in hervorragender Weise gerecht wurde. Die Weitläufigkeit der Neustrelitzer Anlage war wahrscheinlich aus finanziellen Gründen und wegen der nicht gegebenen räumlichen Bedingungen umsetzbar. Ratschläge der Berliner Vorturner berücksichtigte Leuschner z. T. noch nach der Eröffnung des Turnbetriebs.
Auf einige Besonderheiten des Friedländer Turnplatzes, die weder die Deutsche Turnkunst noch der Grundriß vom Turnplatz auf der Hasenheide enthalten, weist Leuschner in seinem zweiten Turnbericht an Jahn hin. Er schreibt:
„Um diese Zeit (Sommer 1815/ A.d.A.) wurde auf dem Turnplatze eine Anstalt zum Stoßen (Stoßbalken, einem sich umdrehenden Wegekreuze nicht unähnlich) und zum Heben/
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Wagebalken auf einer dreikantigen Unterlage ruhend eingerichtet.“8)
Im weiteren beschreibt er diese beiden Anlagen:
1 Stoßbalken
Ein schwerer Balken, der sich auf einem Gestell um einen hölzernen Nagel dreht. Zwei Pfosten zum Anschließen des Balkens.
1 Waagebalken
Ein schwerer Balken auf dreikantiger Unterlage. Auf dieser kann er nach rechts oder links verschoben werden. 2 Hilfsgestelle zur Ablage des Balkens. Höhe etwa 1,50 m, 6 m lang.“
Vor allem bei den jährlichen Turnfesten anläßlich des Tages der Völkerschlacht bei Leipzig, am 18. Oktober, wurden das „Carousselspiel“ und ein Figurenspiel, genannt „Napoleonstechen“ betrieben. Beim Figurenspiel war ein auf die auf eine Platte aufgemalte Figur - den Eroberer Napoleon darstellend -, die eine Hand zu einer Landkarte, auf der die deutschen Länder aufgezeichnet waren, ausstreckt, mit einer Pike zu werfen.
Am 23. April 1815 erfolgte, nachdem die vorbereitenden Arbeiten abgeschlossen waren und die meisten Geräte ihren Platz gefunden hatten, in eindrucksvoller Weise die Inbetriebnahme des neuen Friedländer Turnplatzes. An der feierlichen Weihe nahmen die Honoratioren und zahlreiche Bürger der Stadt sowie Bewohner der umliegenden Ortschaften teil. In seinem Turnbericht an Jahn gibt Leuschner ca. 1500 Teilnehmer und Zuschauer an. Eröffnet wurde das Fest mit einem von Rektor Wegner verfaßten Weihelied, das dem Anlaß dieses bedeutenden Tages gerecht wurde. Nach der Eröffnungsansprache von Leuschner mit einem Aufruf an die vaterländische Jugend, den Körper zu kräftigen und fleißig zu üben, damit dem deutschen Vaterland eine gesunde und widerstandsfähige Jugend heranwachse, und von Turnern mehrstimmig vorgetragenen Liedern begann das öffentliche Turnen, das allgemeines Staunen hervorrief und großen Anklang fand.
Der in den Folgejahren ständig vervollständigte Turnplatz, der wohl erst 1817 seine im Grundriß dargestellte Form erreichte, stellte die Grundlage für das über Jahrzehnte an dieser Stelle betriebene Turnen dar. Er überstand die Jahre des Turnverbots in Preußen,
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diente in dieser Zeit auch den Turnern des benachbarten Schwerinsburg in Pommern als Übungsort und wurde 1876 auf den Hagedorn verlegt. Die drei am Tie gepflanzten Eichen und ein markierter Findling kennzeichen den historischen Ort heute und künden von einer andauernden Traditionspflege in dieser mecklenburgischen Kleinstadt.
Der Neustrelitzer Turnplatz
Völlig anders als in Friedland gestalteten sich Baubeginn und -verlauf sowie die Inbetriebnahme des Neustrelitzer Turnplatzes. Auslöser war wahrscheinlich ein von Friedländer Leuschner angeführter Besucher im Sommer 1815. Im Turnalbum vermerkt er: "Unter diese (Besucher A.d.A.) gehörte besonders der erste Geistliche unseres Landes, der Superint. Dr. Glaser aus Neustrelitz, der so wie die meisten, die ich darüber gesprochen, die Sache von der rechten Seite ansah, u. also auch dafür war."
So wird dieser die Idee eines Turnplatzbaus in die Residenzstadt getragen haben. Gestützt worden ist das Vorhaben wohl auch durch den sich schnell verbreitenden Ruf über das turnerische Treiben in den Nachbarstädten Friedland und inzwischen auch Neubrandenburg. Den Auftakt für den Turnplatzbau gab Staatsminister von Oertzen, wahrscheinlich im Auftrage des weltoffenen und dem Turnwesen aufgeschlossenen (Groß) Herzog Carl. Er schickte eine offiziell berufene dreiköpfige Commission mit dem Bau-Conducteur Wolff nach Friedland und Neubrandenburg, um vor Ort Vermessungen auf dem Turnplatzgelände vorzunehmen. In das Vorhaben schaltete sich auch Jahn ein, der dem Fürsten die „Deutsche Turnkunst“ zugeschickt und ihm von den bestehenden Turnanstalten in Friedland und Neubrandenburg berichtet hatte. In einem Brief an Conrektor Arndt in Ratzeburg schreibt Jahn, der Großherzog habe ihm geantwortet: “Im gegenwärtigen Augenblick wird der Turnplatz für Neustrelitz eingerichtet, und ich behalte mir in bezug auf denselben die Bitte an Sie vor, daß Sie mir auf kürzere oder längere Zeit einen jungen Mann zusenden, welcher geeigenschaftet ist, den gründlichen Unterricht praktisch einzuleiten."9) Jahn reagierte auf diese Bitte und schickte die Vorturner Bergius, Manger und Bauer im Sommer 1816 nach Neustrelitz. Sie
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unterstützten in dieser Zeit vor allem den Bau des am Rande der Stadt in der Nähe des Glambecker Sees gelegenen Turnplatzes, begannen aber bereits vor der offiziellen Eröffnung mit der Turnerei. Bergius blieb bis zum 11. Oktober, der Aufenthalt der beiden anderen war kurzzeitiger. Manger kehrte ein Jahr später zurück und wurde ab Ostern 1817 als Turnlehrer fest angestellt. Jahns spätere Behauptung, daß der Neustrelitzer Turnplatz sein Werk gewesen10) sei, läßt vermuten, daß er über die Vermittlung von Vorturnern hinaus auch auf die Baupläne und den Bauverlauf direkt Einfluß genommen hat.
Der zügige Bauverlauf wurde vom Hofbaumeister Wolff straff geleitet und im wesentlichen nach drei Monaten abgeschlossen. Bereits die Errichtung eines aus Steinen gefertigten Turnhauses und das Verlegen des Rasens wie auch die gesamte Anlage und Ausstattung verdeutlichen, daß sehr großzügig verfahren wurde und die Erfahrungen der Nachbarstädte, die ihre Anlagen ohne staatliche Hilfe errichtet hatten, nur bedingt verwendet wurden. Die vollständig vorliegenden Rechnungen, die Abschlußrechnung datiert allerdings weit nach der Übergabe des Platzes, vom 1. Januar 1817, ergeben die nicht unbeträchtliche Gesamtsumme von 2.499 Talern. Die Eröffnung des Turnplatzes erfolgte trotz nicht abgeschlossener Arbeiten am 2. September 1816. Der erste Turntag, der wohl die eigentliche Weihe war, fand einen Monat später anläßlich des Geburtstages des Großherzogs statt. Das Zeremoniell beschreibt Timm folgendermaßen: “Vierstimmige Gesänge waren dazu eingeübt, und ein Vorturner hielt eine Rede. Der Großherzog selbst, so wie der damalige Minister von Oertzen und der jetzige von Dewitz erfreuten den Turnplatz durch ihre Gegenwart; zahllose Zuschauer standen außerhalb der Barrieren und an den Eingängen. Der hochbejahrte Großherzog fuhr auf dem Turnplatze umher, verweilte bei den einzelnen Riegen während der Übungen, und am Fuße des Tie, auf welchem gesungen wurde."11)
Der (wahrscheinlich) vom Hofbaumeister Wolff gefertige Grundriß des Turnplatzes verdeutlicht zunächst, daß fachmännisch vorgegangen wurde und offenbar Kosten keine Rolle spielten. Eindrucksvoll ist die gesamte Anlage, die wie in Friedland, von Schleeten umgeben war, in den sie umgebenden Wald - z.T. zwischen einzelnen Bäumen - eingeordnet. Im Gegensatz zur
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Friedländer Anlage fällt der gelockerte und weitläufige Grundaufbau ins Auge, der die einzelnen Bereiche voneinander trennt. Beeindruckend ist die halbrunde Gestaltung des Tie in zentraler Postion mit direkter Orientierung zum Spielplatz. Aber auch alle anderen Übungsstätten haben günstigen Kontakt zu diesem in der Mitte angelegten Versammlungs- und Ruheplatz... In seiner unmittelbaren Nähe sind sinnvollerweise auch die Vorübungsplätze angeordnet. Direkt nebeneinander liegen die Laufanlagen und ebenso die Klettergerüste und Turngeräte. Die Trennung von Ring- und Spielplatz sowie von Gerwurf- und Schockbahn - auf dem Friedländer Platz miteinander verbunden - wurde vertretbar gelöst. Eine gradlinige oder parallele Anordnung einzelner Bereiche sucht man vergebens. Trotzdem macht die gesamte Anlage einen geschlossenen Eindruck. Als einzige Besonderheit enthält der Grundriß eine Schneelaufbahn. Über ihre Nutzung kann jedoch nichts ausgesagt werden.
Die Neustrelitzer Anlage war wohl für gut hundert Teilnehmer ausgelegt; sie hätte ohne große Probleme der doppelten Anzahl von Turnern gute Übungsmöglichkeiten geboten. In den Jahren von 1816 bis 1819 turnten hier 120 bis 140 Aktive, die in vier Abteilungen mit jeweils zwei Riegen übten. Der von Kämpffer berufene Turnrat und der Berliner Manger sorgten in dieser Zeit für einen gut organisierten, straff geführten und methodisch vorbildlich gestalteten Turnbetrieb. Wie die Friedländer, schickten auch die Neustrelitzer regelmäßig Turnberichte an Jahn. Mit wechselnder Führung und sicher auch unter dem Einfluß des Turnverbots in Preußen ging der Besuch des Turnplatzes zurück, ohne jedoch ganz aufzuhören. Nach zwischenzeitlicher Mitnutzung durch das in Neustrelitz stationierte Militär mußte der Turnplatz im Jahr 1872 im Zuge des Baus der Eisenbahnstrecke nach Stralsund verlegt werden.
In der natürlichen Anlage gleichen sich nach Ansicht des Verfassers vor allem die beiden Turnplätze auf der Hasenheide und in Neustrelitz. In die mit Bäumen bestandene Fläche wurden sehr sinnvoll und in aufgelockerter Form die einzelnen Plätze, Turngerüste und -geräte eingeordnet. Hof-baumeister Wolff folgte, in Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen, offenbar den Jahn´schen Hinweisen mehr als dem in den Nachbarstädten
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Gesehenen. Die äußere Form des Friedländer Turnplatzes weicht in etwas beengeteren Ausdehnung davon ab.
Legt man die in der Übersicht ausgewiesenen Kriterien, wie sie von Jahn/ Eiselen in der „Deutschen Turnkunst“12) angegeben wurden, zugrunde, so ergibt sich bei allen drei vorgestellten Anlagen eine große Übereinstimmung. Zunächst betrifft das die Umzäunung und Umpflanzung mit Bäumen. Sie wurde in Friedland wie auch auf der Hasenheide mit der Einordnung in das vorhandene Gelände in hervorragender Weise gelöst. In Friedland mußten im Gegensatz dazu erst umfangreiche Pflanzungen, die Leuschner mit den Turnern selbst vornahm, erfolgen. Deutlich sichtbar wird in allen drei Grundrissen, daß der Tie aufgrund seiner Funktion als Rast-, Versammlungs- und Informationsplatz - in Mecklenburg diente er offenbar mehr als in Berlin auch zu mehrstimmigen Gesängen - zentral angelegt war und von da auch eine Steuerung des Übungsbetriebs erfolgen konnte. Auch die dritte Grundforderung der Verfasser, die Übungsstätten einer Gattung nebeneinander anzulegen, fand auf allen drei Anlagen Berücksichtigung. Gleiches trifft auf die unmittelbare Aufeinanderfolge der Turngeräte, wie Barren, Reck oder Schwingel zu. Lediglich die vorgeschlagenen Maße für die Plätze und Bahnen wichen offenbar voneinander ab. Hier hatte Jahn jedoch ausdrücklich zugestanden, daß die unterschiedlichen räumlichen Möglichkeiten und finanziellen Bedingungen, wie auch die zu erwartende Teilnehmerzahl Spielräume gestatten sollten. Der Aufbau, die Höhe und die Gestaltung der einzelnen Klettergerüste und Turngeräte entsprachen, soweit die Unterlagen Aussagen zulassen, ebenfalls den in der „Deutschen Turnkunst“ ausgewiesenen Vorgaben.
Zusammenfassend ist festzustellen, daß die drei Turnplätze in der Herrschaft Stargard des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz, Friedland, Neustrelitz und Neubrandenburg (dieser entsprach weitgehend dem Friedländer Vorbild) gut in die sie umgebende Landschaft eingeordnet waren, in ihrem Grundaufbau und in ihrer Ausstattung den Vorgaben entsprachen und damit, stellt man die in der „Deutschen Turnkunst“ genannte Teilnehmerzahl von 400 den tatsächlichen Teilnehmern auf den drei Turnplätzen gegenüber, einen zügigen und exakten Ablauf des Übungsnachmittags gestatteten. Einen Vergleich mit dem Turnplatz auf der Hasenheide brauchten zumindest die beiden
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vorgestellten Anlagen in Friedland und Neustrelitz nicht zu scheuen. Damit waren in vielleicht optimalerer Weise als auf der Hasenheide alle Voraussetzungen gegeben, um einen abwechslungsreichen, vielseitigen und methodisch durchdachten Turnbetrieb zu gestalten. Bis 1818 war das Niveau, nimmt man die Vergleiche mit den Berliner Turnern als Maßstab, offenbar auch tatsächlich sehr hoch und führte damit zu soliden turnerischen Leistungen.
Verwendete Literatur:
Barthel, W.: 175 Jahre Turnen in Friedland. Hrs.: Vorstand der BSG “Max Leistner“; Sonderdruck, Friedland 1989
Boll, E. Geschichte Mecklenburgs mit besonderer Berücksichtigung der Culturgeschichte. Neubrandenburg 1855 - 1858
Bosselmann, H; Lunderstedt, R.: Geschichte des Turnplatzes zu Friedland. In: Festschrift zur 500-Jahrfeier S. 51 - 80, Friedland 1929
Gasch, R.: Handbuch des gesamten Turnwesens. Verlag von A. Pichlers Witwe & Sohn, Wien und Leipzig 1928
Großherzogliches Gymnasium Carolinum zu Neustrelitz. Festschrift zur hundertjährigen Jubelfeier am 10. Oktober 1906. H. Pohl, Neustrelitz 1906
Grundriß vom Neustrelitzer Turnplatz des Jahres 1816. Im Bestand des Stadtarchivs Neustrelitz
Grünwald, D.: Friedrich Ludwig Jahn und das Turnen in Mecklenburg- Strelitz. In: Neubrandenburger Mosaik, o. J. (1993) Nr 17. S. 40 - 56
Jahn, F.L.; Eiselen, E.: Die Deutsche Turnkunst. Sportverlag, Berlin 1960
Meyer, W.: Die Briefe Friedrich Ludwig Jahns. Verlag von Paul Eberhard, Leipzig 1913
Mitteilung über die Eröffnung eines Turnplatzes und den Turnbetrieb in Friedland. In: Preußischer Correspondent 1814, Nr.166 (19. Okt.), S. 3
Neuendorff, E.: Turnvater Jahn - sein Leben und Werk, Eugen Dietrichs- Verlag, Jena 1828
Offizielle Angaben zur Anlage des Neustrelitzer Turnplatzes 1816. Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, V Generalia
Timm, H.: Das Turnen mit besonderer Beziehung auf Meklenburg. Verlag Barnewitz, Neustrelitz 1848
Turnalbum des Gymnasii zu Friedland, angefangen im Jahr 1814, eingerichtet von Carl Leuschner. Im Bestand des Heimatmuseums Friedland
Ueberhorst, H.: Geschichte der Leibesübungen, Bd. 3/ 1. Verlag Bartels & Wernitz KG, Berlin - München - Fankfurt a.M. 1980
1) S. grafische Darstellung bei Neuendorff. S. 308
2) Als Vorderstadt vertrat Neubrandenburg die anderen meckl. strel. Städte auf dem mecklenburgischen Landtag und war gleichzeitig Verwaltungszentrum des Landes.
3) Die Notiz im Preußischen Correspondenten beschreibt und würdigt das Turngeschehen in einer mecklenburgischen Kleinstadt in positiver Weise.
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4) Das „Friedländer Turnalbum“, ein bedeutsames turnhistorisches Dokument, beschreibt exakt den Beginn des Turnwesens in Friedland und gibt aufschlußreiche Informationen über den Gerätebestand, die Gestaltung des Turnbetriebs, die Anzahl und Namen der Vorturner u.a.m.
5) Dr. Hans Timm, Philologe und Theologe, hat als erster und einziger eine Geschichte des
Turnens in Mecklenburg, allerdings nur bis zum Jahr 1848, geschrieben. S. S. 101
6) Im Jahr 1844 schrieb Jahn aus Freyburg einen Brief an die mecklenburg- strelitzschen Turner und bezog sich darin auf sein frühes Wirken in der Region. Abschrift im Regionalmuseum Nbg.
7) Die Briefe sind bei Meyer abgedruckt und einsehbar. S. S. 78 - 84
8) Die Angaben sind dem „Friedländer Turnalbum“ entnommen.
9) S. Meyer, S. 82
10) S. den bereits zitierten Brief an die meckl.- strel. Turner
11) S. Timm S. 101
12) S. „Deutsche Turnkunst“, S. 143 - 158
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DISKUSSION:
Quellen und Betrachtungen
Von HANS SIMON
Zum 100. Jubiläum der Olympischen Spiele widmete die von der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn herausgegebene Wochenzeitung "Das Parlament" in ihrer 38-Seiten-Beilage (B 29/96 vom 12.Juli 1996) diesem Ereignis zwei historische und zwei aktuelle Beiträge. Hier soll, dem Gegenstand der Zeitschrift entsprechend, nur von der sporthistorischen Thematik die Rede sein. Dem historisch ausgewogenen Resüme von Andreas Höfer "...Ein Olympisches Jahrhundert" schließt sich Hans Joachim Teichlers "Die Olympischen Spiele 1936 - eine Bilanz nach 60 Jahren" an. Selbige erscheint in einigen Aspekten "bemerkenswert" im Sinne von Fragen und Ergänzungen. Sie sollen weder das Thema Teichlers noch sein Anliegen, noch die Notwendigkeit der historischen Darstellung der Zusammenhänge um Olympia 1936 zur Ausformung des Zeitgeistes infrage stellen. Teichler hat durch seine Mitwirkung an der Ausstellung "1936 - Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus" die in Heft 3 der „BEITRÄGE...“ gewürdigt worden war, seine Position bekräftigt.
Es geht vielmehr um gewisse methodologische Feinheiten mit politischen Hintergründen, wenn Teichler eingangs wiederholend und pauschalisierend behauptet: "Die DDR-Sportgeschichtsschreibung, der ja das Olympia-Archiv und Potsdam und deren Reisekadern im Gegensatz zur Aussperrung westdeutscher Forscher aus DDR-Archiven auch die West-Archive offenstanden, hat hier eine große Chance verpaßt und sich in relativ billig gestrickte Mißbrauchspolemiken für den tagespolitischen Hausgebrauch erschöpft" und verweist ausschließlich auf die Broschüre von Koch/Wales (u.a.) „München 1972 - Schicksalsspiele?“ aus dem Jahre 1969.
Nun geht es nicht darum, über politische Kalte-Kriegspraktiken zu streiten, vor denen Höfer warnt. Die gab es zur Genüge, beiderseits der Elbe.
Natürlich haben Sportwissenschaftler der DDR das Potsdamer Archiv benutzt, darüber gearbeitet, und auch publiziert, -
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wenngleich mit geringeren Möglichkeiten und unter anderen Konzepten.
Tatsächlich sind Jahre vor der genannten Broschüre wenigstens zwei Dissertationen von Hanns-Peter Neugebauer 1957 in Leipzig und Horst Wetzel 1965 in Potsdam - wo Teichler heute wirkt - verteidigt worden, die ausgiebig dieses Archiv genutzt hatten. Wetzels Thema bezieht sich direkt auf die internationalen Aktionen gegen die Durchführung der Spiele in Hitler-Deutschland. Des weiteren sind zum in Rede stehenden Gegenstand in der DDR zahlreiche wissenschaftliche Artikel in der „Theorie und Praxis der Körperkultur“, „Körpererziehung“ in wissenschaftlichen Zeitschriften der Universitäten und Hochschulen u.a.m. erschienen. Im Band III. der „Körperkultur in Deutschland“ aus dem Jahre 1969 werden aus dem Archiv die Notizen Theodor Lewalds über das Gespräch bei Hitler im Frühjahr 1933 zitiert, das genauer den Zeitpunkt der taktischen Wende in den Auffassungen der NSDAP zu olympischen Fragen markiert. Karl Heinz Jahncke hat über den Mißbrauch der Olympischen Idee 1936 im Jahre 1972 in Frankfurt am Main publiziert. Der Autor wirkte an der Universität Rostock. Weitere Titel sind in den bibliographischen Arbeiten von Ursula Weidig und Wolfgang Pahncke enthalten.
Warum sollen diese Arbeiten eigentlich nicht existiert haben? (Es sei denn, Teichler las sie nicht...) Was unterscheidet eigentlich - nach Teichler - die "kritische Sicht" auf die Olympischen Spiele 1936 seit den 70er und 80er Jahren in der BRD grundsätzlich von den Auffassungen die schon in den 50er Jahren und danach in der DDR von Sporthistorikern vertreten wurden?
Und: Wenn Teichler sich kritisch zum Verhalten Theodor Lewalds äußert, so fragt man sich, wie sich denn das andere deutsche IOC-Mitglied, Karl Ritter von Halt, geäußert und verhalten hat? Der Name taucht auf den zehn Druckseiten nicht auf.
ANMERKUNGEN:
Neugebauer, Hanns-Peter: Zu den Beziehungen zwischen Sport und Politik. - Diss. - Leipzig 1957
Wetzel, Horst: Der Kampf der Anti-Olympiade-Bewegung gegen den Mißbrauch der Olympischen Spiele 1936. - Diss. Potsdam 1964
Simon, Hans u.a.: Geschichte der Körperkultur in Deutschland von 1917 - 1945. Band III. - Berlin: Sportverlag 1964
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Für das Profilager geparkt
Von Heinz Schwidtmann
Der langjährige Präsident des Deutschen Boxverbandes (DBV), Prof. Dr. Heinz Schwidtmann, hat kritische Gedanken zur Kooperation des Deutschen Amateur-Boxverbandes (DABV) mit Profiboxställen und deren Manager geäußert. Das Organ des Verbandes "Boxsport" forderte ihn auf, Kürzungen vorzunehmen. Das geschah, aber dann wurde die Veröffentlichung endgültig abgelehnt. So erklärt sich, daß bislang keine einzige kritische Meinung zu diesem einschneidenden Schritt erschien. Wir haben uns entschieden, den gekürzten Beitrag Prof. Dr. Schwidtmanns zu publizieren, auch weil er unbestritten ein belangvolles Kapitel Sportgeschichte behandelt.
Äußerungen von Kurt Maurath in einem Interview in „Neues Deutschland“ vom 29.10.1996 fordern zu Widerspruch heraus. Maurath behauptet - zur Relation zwischen Amateur- und Profiboxen - lakonisch: "Boxen ist gleich boxen". Man sollte vermuten, daß es dieser langjährige Funktionär des deutschen Amateurboxsports besser weiß. Maßgebliche Unterschiede zwischen Amateur- und Profiboxen beginnen beim Reglement und enden bei der Präsentation der Leistung im Rahmen spektakulärer, vor allem an ihrer Vermarktungsfähigkeit orientierter Veranstaltungen. Insider des Berufssports leugnen nicht, daß es sich beim Profiboxen nur um eine vermeintlich mit dem Amateurboxen verwandte sportliche Tätigkeit handelt. Es muß deshalb beunruhigen, wenn ein Fachmann, wie Maurath diese Tatsache leugnet.
Gefragt, ob die maßgeblichen Leute im Berufsboxerlager wissen, daß die Profis davon profitieren, wenn Amateurboxer ihr hohes Niveau halten, verweist Maurath auf sein Gefühl, daß sie das "immer mehr einsehen... und deshalb auch etwas dafür tun müssen". Es ist jedoch ein Irrtum anzunehmen, das Profiboxen sei
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immer auf das Amateurboxen angewiesen. Der professionelle Fußballsport unserer Zeit beweist, daß Nachwuchs auch im Profibereich ausgebildet werden kann.
Das Profiboxen in Deutschland „bedient“ sich allerdings gegenwärtig ausnahmslos aus dem Reservoir langjährig gut ausgebildeter und erfolgreicher Amateurboxer. Angesichts dieser unumstrittenen Tatsache wegen einer erhofften finanziellen Hilfe - gemessen am Aufwand der landesweiten Bemühungen von Trainern und Übungsleitern minimal - eine Liaison mit dem Profiboxsport einzugehen, scheint mir eine drohende Gefahr für das Fortbestehen des Amateurboxsports in Deutschland zu sein. Vor allem gibt es auf diesem Weg kein Zurück.
Obendrein begibt sich Maurath dabei in die Rolle eines hilflosen Bittstellers. Verständlicher wäre, daß sich die Profis bittend an das Amateurlager wenden würden, denn ihr augenblicklicher Boom ist nur durch weiteren Zulauf von kampfstarken Amateuren zu sichern. (Bislang sorgten fast ausschließlich Ex-DDR-Boxer mit ihrer exzellenten Ausbildung für diesen Boom.) Die Konsequenz dieser Bittgänge: die Amateur-Boxnationalmannschaft wirbt auf dem Nationaltrikot für einen Profistall. Die großen Männer des deutschen Amateurboxsports würden sich im Grabe umdrehen, bekämen sie dieses Bild zu Gesicht. Nach vollzogenenem Ausverkauf hätte kein Boxpromoter mehr Motive, den Amateurboxsport zu unterstützen. Oder geht Maurath davon aus, daß gerade in diesem Fall die Gesetze der Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt werden?
Im Punkt 3 der "Leitlinien zur Zusammenarbeit des DABV mit den Profimanagern" ist zu lesen: "Zwischen den Vertragspartnern werden Ablösesummen vereinbart. Das bedeutet: Zahlung eines festgelegten Betrages des jeweiligen Profimanagers für einen Amateurboxer an den bisherigen Ausbildungsverein, evtl. den Landesverband und den DABV, der die Fortbildung des Kämpfers durch Bereitstellung von Trainingslagern, Trainingszentren und vor allem von Bundestrainern forciert hat." Im Punkt 2 wird zudem festgelegt: "Auf dieser Basis können Patenschaften von Profimanagern - wiederum nach Absprache ... - bereits mit Amateurboxern in jungen Jahren geschlossen werden. Der jeweilige Boxer trainiert bei seinem bisherigen Verein oder in einem Profiboxstall, boxt weiterhin als Amateur. Der Profimanager/ Pate
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hat sich durch Vertrag eine Rechtssicherheit auf die spätere Profikarriere erworben." Man wird es einem Zufall zuschreiben, daß in diesem Zusammenhang in dieser Vereinbarung der Begriff „Pate“ auftaucht, aber da diese Vokabel den Mafia-Gepflogenheiten entlehnt ist, muß sie nicht als Zufall akzeptiert werden.
Praxis wird durch diese Optionsklausel, daß Amateure bereits im jugendlichen Alter an einen Profistall verkauft werden. Dem Boxer bleibt faktisch nicht einmal mehr die Wahl, den künftigen Profistall zu wählen. Ein Fall für das Arbeitsgericht? Erhärtet wird dieser Verdacht durch die Vertragsklausel, die sich im "Entwurf einer Vereinbarung zwischen dem DABV... sowie Herrn Peter Kohl..." findet. Dort heißt es unter "2. Kämpferwechsel: Der Promoter ist berechtigt, mit jedem Athleten seiner Wahl einen Vertrag auch bereits zu der Zeit, zu der der Athlet noch Amateur ist, abzuschließen, in welchem sich der Amateur verpflichtet, nach Erreichen des 24. Lebensjahres bzw. nach Einsatz bei einem der vorgenannten Sportereignisse für den Promoter tätig zu sein. Der Verband wird seine Athleten auf die Möglichkeit eines derartigen Vertragsabschlusses hinweisen und Empfehlungen für die Promoter aussprechen, mit denen eine vertragliche Vereinbarung wie vorstehend besteht."
Um Irrtümern vorzubeugen: Ich verstehe jeden Amateurboxer, der angesichts der katastrophalen Arbeitsmarktlage versucht, seine Existenz bei den Profis zu sichern. Ich verstehe auch Amateurboxtrainer, die zu den Profis wechseln. Die Vereinbarung zwischen DABV und Profis muß sie in der Ansicht bestärken, daß sie im Amateurverband faktisch nur noch als Jugendtrainer fungieren.
Wer um die eklatanten Unterschiede zwischen Amateur- und Profiboxen weiß, der wird die Folgen des Punktes 4 der "Leitlinien..." für das Amateurboxen und seine Entwicklung mühelos einschätzen können. Dort wird das „Fangnetz“ für die im Profiboxen Gescheiterten gespannt: "Reamateurisierung von Profiboxern nach Vereinbarung: Ohne Beschränkung auf Alter oder Zahl der Profikämpfe. Nach der Reamateurisierung Möglichkeit als Amateur weiterzukämpfen (auch in einem Ligaverein), mit dem Startrecht für folgende Deutsche Amateurmeisterschaften":
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Fragt man sich: Worum geht es Maurath und der Leitung des DABV? Hauptanliegen müßten nach Statuten und Tradition wissenschaftlich fundierte Konzeptionen für die weitere Entwicklung dieser Sportart und nicht die "Vermarktung" einiger Spitzenboxer sein. Wer das Amateurboxen als Parkplatz für Profiställe zur Verfügung stellen will, wird Mühe haben, glaubhaft zu machen, daß ihm die Perspektive des Amateurboxens am Herzen liegt.
Das Amateurboxen könnte sich nach meiner Überzeugung ohne derartige "Geschäftsbeziehungen" mit dem Profiboxen vernünftig weiterentwickeln und auch eine Zukunft als olympische Sportart haben, wenn man sich strikt an das gültige Amateurreglement hält. Mit präzisen Konzeptionen sollten Kinder und Jugendliche für die sportliche Tätigkeit im Amateurboxen gewonnen werden. Das ist eine umso berechtigtere Forderung, da das Amateurboxen für die Jugend auch eine bedeutende sozial-erzieherische Funktion zu übernehmen hat. Was wollte der DABV wohl auf die Frage antworten, was er aus seiner Sicht dazu beiträgt, die Jugendkriminalität zu bekämpfen? Was bleibt auf dem jetzt eingeschlagenen Weg dem jungen Boxer, der sich nicht vermarkten läßt und von den Profimanagern zu den Amateuren „zurückgereicht“ wird? Zum Beispiel der Versuch, sein boxerisches Können in der kriminellen Szene anzudienen...
Wer das verantworten will, sollte sich nicht eines Tages darauf berufen, daß er das Ausmaß seiner Schritte nicht übersehen habe!
DOKUMENTE:
DIE SITUATION 1956
Ein Brief Willi Daumes
Bei der Aufarbeitung der Geschichte des Sports in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg und insbesondere der Beziehungen zwischen den Sportorganisationen beider deutscher Staaten wurden BRD-Dokumente bislang nur sehr sparsam verwendet. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (Register 604/472) lagert die Abschrift eines vom damaligen DSB-Präsidenten Willi Daume als „aide memoire“ deklarierten Dokuments, das er am 26. Januar 1956 an den Bonner Innenminister Dr. Gerhard Schröder per Einschreiben und mit dem ausdrücklichen Hinweis „Streng vertraulich“ geschickt hatte. Dieses Dokument, das wir auszugsweise wiedergeben, illustriert überzeugend die damalige Situation und die Haltung der westdeutschen Sportführung.
Sehr verehrter Herr Minister Dr. Schröder,
Ihr Schreiben vom 28.11.55 war, wie Ihnen bekannt sein wird, inzwischen Gegenstand von verschiedenen Besprechungen, die ich mit Herren des Bundeskabinetts führte. Nun soll, nach den Olympischen Winterspielen eine gemeinsame Aussprache in ihrem Hause stattfinden. Ich glaube Veranlassung zu der Annahme zu haben, dass in Kreisen der Bundesregierung die mit dem Sport zusammenhängenden West-Ost-Probleme nicht in allen Teilen bekannt sind und vollständig übersehen werden. Diese Tatsache lässt es mir geraten erscheinen, den ganzen anstehenden Fragenkomplex in Form eines aide memoire zu umreissen. Damit erfährt zwar Ihr Brief eine ziemlich ausführliche Beantwortung. Ich darf Sie aber höflichst bitten, diese längere Beanspruchung Ihrer Zeit in Anbetracht der ausserordentlichen Bedeutung der Materie in Kauf zu nehmen. Der besseren Übersicht wegen möchte ich meine Ausführungen in zwei Abschnitte unterteilen:
Abschnitt 1: Die Olympischen Spiele und die internationale Lage,
Abschnitt 2: Die Lage im innerdeutschen Sport und der Sportverkehr mit der Sowjetischen Besatzungszone.
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Abschnitt 1: Die Olympischen Spiele und die internationale Lage
Nach den Satzungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) kann für jedes Land nur ein Nationales Olympisched Komitee (NOK) anerkannt werden. Von dieser Bestimmung sind aber zur Vermeidung von menschlichen Härten mehrfach Ausnahmen gemacht worden. So waren z.B. vor dem ersten Weltkrieg das finnische und das tschechische NOK vollberechtigte Mitglieder des IOK, obwohl damals Finnland bekanntlich staatsrechtlich zu Rußland und die Tschechei zu Österreich gehörten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde je ein NOK für Nord- und Südkorea, für Nationalchina und die Chinesische Volksrepublik anerkannt, ja sogar das Saarland als selbständiges NOK zugelassen. Die Universalität der Spiele ist für das IOK zur Zeit der alle anderen Umstände überragende Gesichtspunkt. Von den Spielen 1952 waren als einzige Bevölkerungsgruppe in der Welt die deutschen Sportler der Sowjetischen Besatzungszone ausgeschlossen, weil das NOK der sogenannten DDR vom IOK noch nicht anerkannt war und weil die politischen Gewalthaber der Sowjetischen Besatzungszone eine Einreihung der ostzonalen Aktiven in die westdeutsche Mannschaft nicht gestatteten. Eine Sinnesänderung der politischen Gewalthaber der Sowjetischen Besatzungszone hat das IOK mit Recht nicht für möglich gehalten. So blieb nur die Alternative, auf das Prinzip der Universalität der Spiele zu verzichten und die ostzonalen Sportler abermals von den Spielen auszuschliessen, oder den „Härtefall" als gegeben anzusehen, sich auf die vorgenannten Präzedenzfälle zu besinnen und das NOK der sogenannten DDR vorläufig anzuerkennen und ins IOK aufzunehmen.
Die treibenden Kräfte für diesen Beschluß waren die Vertreter der Ostblockstaaten, und zwar aus politischen Gründen. Die Tatsache der Aufnahme des NOK der sogenannten DDR sollte im weltweiten Ausmass der olympischen Bewegung und im Bewußtsein der hunderte Millionen umfassenden Weltsportbewegung den Zustand zweier souveräner deutscher Staaten dokumentieren. Das war die grösstmögliche public relation für die Gewöhnung der Weltöffentlichkeit an diesen Zustand.
Ich darf wohl Ihr Wissen um die Tatsache voraussetzen, dass die Sportdelegierten aller Ostblockstaaten ohne Ausnahme in erster Linie politische Funktionäre ihrer Staaten sind und dass sie ihre
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Entscheidungen nach der vorher genau koordinierten Staatsraison des Ostblocks fällen. Sie erledigen im Sport ihre politischen Aufträge. Das gilt natürlich im gleichen Umfang auch für die Sportfunktionäre der sogenannten DDR.
Die den demokratischen Ländern entstammenden IOK-Mitglieder denken natürlich bei Ihren Entscheidungen nicht an politische Geschäfte; sie urteilen wie sie als sportliche Idealisten glauben, urteilen zu müssen, und haben alles andere als eine einheitliche Meinung. Sie haben sich ohne Zweifel in bestem Glauben zu der Aufnahme des NOK der sogenannten DDR entschlossen. So ist es zu dem Pariser Beschluss des IOK gekommen. Gegen die Aufnahme des NOK der sogenannten DDR hat Dr. von Halt als deutsches Mitglied des IOK gestimmt. Diese Haltung von Herrn von Halt ist in der deutschen Presse fast einhellig als undeutsch und unsportlich und von einem Teil der Auslandspresse als befremdend bezeichnet worden. Der IOK-Kongress hat gestern in Cortina die gesamtdeutsche Mannschaft als einen „Sieg des Sports über die Politik gefeiert“. Wir mögen hier über solche törichten Redensarten lachen. Je weiter man jedoch vom Kommunismus entfernt ist, um so harmloser sieht man die Zusammenhänge. Ich glaube, das manchmal schon bei gewissen westlichen Politikern beobachten zu können, um so mehr ist dies bei den ach so unpolitischen Sportführern der westlichen Welt der Fall. Von massgebender amerikanischer Seite wurde uns ganz einfach erklärt, dass es in den USA praktisch auch zwei Sportbewegungen gäbe, die der Universitäten und die der freien Vereinigungen; man könne sich dort leicht einigen, und genau so müsste das hier zwischen West- und Ost-Deutschland möglich sein. Diese Tatsachen muss man kennen, um die Stellung der Bundesrepublik im internationalen Sport, im IOK und die Möglichkeiten der Einwirkung zu verstehen.
...
Meine Kameraden und ich haben von Beginn der Verhandlungen an unter diesem schweren Handicap gestanden. Von uns wurde fest erwartet, dass wir in dieser doch so "völlig unpolitischen“ und sporttechnisch und menschlich doch so einfach zu lösenden Frage einer gesamtdeutschen Mannschaft ohne kleinliche Bedenken mit unseren „ostzonalen Sportkameraden“ schnell klarkommen würden.
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Aber wir verhandeln gar nicht mit "ostzonalen Sportkameraden". Unsere alten Freunde aus der Sowjetischen Besatzungszone werden gar nicht zu den Verhandlungen mitgenommen.Wir verhandeln mit Politikern und mit Leuten, die nichts als ihre politischen Aufträge zu erledigen haben. Ihnen geht es darum:
a) die Gleichberechtigung und Souveränität der DDR in "innerdeutschen Sportverträgen" durchzusetzen, um damit Präzedenzfälle zu schaffen und die Öffentlichkeit der Bundesrepublik durch das sehr volkstümliche Mittel des Sports an die Existenz zweier deutscher Staaten zu gewöhnen,
b) die endgültige Aufnahme des NOK der DDR in das IOK sicherzustellen und damit auch international den Präzedenzfall des Vorhandenseins zweier souveräner deutscher Staaten zu schaffen,
c) trotz alledem "gesamtdeutsche Gespräche und Sportbegegnungen" in Gang zu halten zum Zwecke der Infiltration kommunistischer Ideen und Sportprinzipien nach Westdeutschland.
Die Vertreter des NOK der Bundesrepublik verhandeln also unter einem vierfachen Handicap:
a) der Erwartung des Internationalen Olympischen Komitees und der internationalen öffentlichen Meinung (!), dass sich die Deutschen in dieser doch so unpolitischen und rein menschlichen Frage leicht verständigen müssten,
b) der gleichen Erwartung der öffentlichen Meinung in Deutschland,
c) der verschlagenen Haltung der ostzonalen politischen Sportfunktionäre,
d) unter dem Druck alles tun zu müssen, um zu verhindern, dass die aktiven Sportler der Sowjetischen Besatzungszone noch einmal als einzige in der ganzen Welt an den Olympischen Spielen nicht teilnehmen können ... und dass die Schuld hieran der Sportführung der Bundesrepublik in die Schuhe geschoben wird.
Auf Grund dieser Tatsachen ist die Delegation der Bundesrepublik bewusst bis an die Grenze des noch Zumutbaren gegangen. Die wesentlichen Punkte der getroffenen Vereinbarungen sind folgende:
1. Die Fahne der „gesamtdeutschen Mannschaft" ist schwarz-rot-gold,
2. Das offizielle Emblem auf Kleidung und Wettkampfdress ist schwarz-rot-gold, unterlegt mit den 5 Olympischen Ringen,
3. Die Auswahl der Aktiven erfolgt nach dem Leistungsprinzip,
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(Es gibt hier also keine Parität zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetischen Besatzungszone),
4. Hymne: Bei Einzelsiegen wird die Hymne der Bundesrepublik gespielt, wenn der Sieger Staatsangehöriger der Bundesrepublik ist, andernfalls die "Becher-Hymne".
Siegt eine "gemischte deutsche Mannschaft", wird keine Hymne gespielt.
5. Bei allen anderen Regelungen, insbesondere bei solchen, die Kriterien für eine wirklich „gemeinsame“ deutsche Mannschaft gewesen wären, bestand die „DDR“ auf eigener Zuständigkeit. So kam es zu folgender Abmachung:
"Verantwortlich für alle Angelegenheiten der westdeutschen Teilnehmer ist der Präsident das NOK der Bundesrepublik, verantwortlich für alle Angelegenheiten der ostdeutschen Sportler ist der Präsident des NOK der DDR."
Demzufolge stellt jede Seite
eigene Ärzte, eigene Trainer, eigene Mannschaftsführer. Die Anreise erfolgt getrennt,
Die Bedingungen des Internationalen Olympischen Komitees werden also vom NOK der SBZ nur formell und nur dem äusseren Anschein nach erfüllt. In Wirklichkeit hat die DDR den Zustand von zwei völlig selbständigen Mannschaften verlangt, die nur einheitlich gekleidet sind und unter der gleichen Fahne einmarschieren.
Die Vertreter des NOK der Bundesrepublik haben trotz schwerer Bedenken schließlich vornehmlich aus folgenden Gründen in diese Abmachungen eingewilligt:
a) aus der schon mehrfach angeführten Einstellung der öffentlichen Meinung. („Warum sollten die Leute denn nicht auch ihre Ärzte, Masseure und Trainer mitnehmen. Es ist doch lächerlich, sich wegen so etwas zu streiten!")
b) Das Bundespresseamt hat, wie fast alle Ressorts der Bundesregierung, kein Gefühl für die eminente politische Wirkung sportlich-emotioneller Volksempfindungen. Es hat infolgedessen nichts zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Hintergünde dieser „unpolitischen Sportfragen" getan.,
c) weil die jetzt getroffene Regelung mit ihrer streng getrennten Zuständigkeit eine gewisse Gewähr dafür gibt, dass sich die westdeutschen Teilnehmer nicht gegen sportliche Politruks zur
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Wehr setzen müssen, wodurch das Klima in der Expedition gefährdet wäre.
d) weil das NOK der Bundesrepublik unter allen Umständen auch den Schein einer Schuld am Scheitern der Verhandlungen aus den vorgenannten Gründen vermeiden muss.
6. Nicht geeinigt haben sich beide Seiten über die entscheidende Frage des „Chefs de mission“.
Nach dem olympischen Statut muss jede teilnehmende Nation für ihre Gesamt-Mannschaft einen Chef de Mission stellen, der dem IOK gegenüber der Gesamtverantwortliche ist. Das Statut lässt natürlich nur einen "Chef de mission“ zu.
Die DDR verlangte, dass für die Sportler der Bundesrepublik und für die Sportler der „DDR“ je ein "Chef de mission" benannt werden sollte. Das haben die Vertreter des NOK der Bundesrepublik mit dem Hinweis auf die Satzung des IOK klar abweisen können. Diese Ablehnung konnte nicht in eine innerdeutsche Streitigkeit und mangelndes Entgegenkommen umgefälscht werden. Wir haben aber auch nicht ohne besondere Überlegung so taktiert. Dem sowjetzonalen NOK blieb nämlich nun kein anderer Weg als das IOK um Entscheidung zu ersuchen. Dort wiederum hatten wir vorgebaut, indem das IOK dahingehend entscheiden würde, dass der „Chef de Mission“ von dem NOK mit den zahlenmäßig meisten Aktiven gestellt würde - also in jedem Fall vom NOK der Bundesrepublik. So ist dann auch die Entscheidung ergangen, und so wird es zur Zeit in Cortina gehandhabt. Unser Chef de Mission konnte dann auch dort wieder die Anordnung treffen, dass die Bundesrepublik den Fahnenträger stellt. Es ist zwar für uns unbehaglich, diesen Äußerlichkeiten, die mit dem Sinn des Sports oder gar der Olympischen Spiele nur sehr wenig zu tun haben, eine solche Bedeutung beizumessen. Andererseits wissen wir aber um das Wesen der Symbolkraft, und so nehmen wir eben solche Rücksichten.
Nach diesen ausführlichen Darlegungen glaube ich nun mit Recht aussprechen zu dürfen, daß die Sportvertreter der Bundesrepublik in klarer Erkenntnis der gegebenen Tatsachen und in voller staatsbürgerlicher Verantwortung ge- und verhandelt haben. Das gilt auch für die Frage der Hymne. Es gibt keine Gabe der Überzeugung und keine Härte im Verhandeln, die gross genug wäre, politische Funktionäre der sogenannten DDR dazuzubringen,
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auf „ihre“ Hymne oder andere „Hoheitsrechte“ zu verzichten. Denn ein solcher Verzicht wäre für diese Leute mindestens gleichbedeutend mit politischem Selbstmord - von den anderen Folgen ganz zu schweigen.
Über solche und andere Tatsachen hat man sich vor Beginn von Verhandlungen klar zu sein, und man hat sich von vornherein zu entscheiden, ob man die Verhandlungen gar nicht erst beginnen oder gegebenenfalls an einer solchen Frage scheitern lassen soll, oder ob eine scheinbar nachgiebige Haltung den deutschen Interessen nicht weit mehr entspricht.
Eine Ablehnung von Verhandlungen hätte das NOK der Bundesrepublik gröblichst ins Unrecht gesetzt und die endgültige Aufnahme des „NOK der DDR“ bewirkt. Das Scheitern der Verhandlungen an der Frage der Hymne hätte die gleiche Wirkung gehabt. Sogar die öffentliche Meinung in Deutschland hätte hierfür nicht das geringste Verständnis gezeigt.
So weit, so gut, - das heißt, was die Wintersiele angeht, wo die Dinge nun offenbar befriedigend laufen. An den Olympischen Reiterspielen in Stockholm, die im Juni dieses Jahren stattfinden, ist die Sowjetzone aus sportlichen Gründen überhaupt nicht beteiligt. Aber dann kommen die Hauptspiele in Melbourne gegen Ende des Jahres. Zweifellos wird die Sowjetzone in der Zwischenzeit versuchen, eine eigene Mannschaft durchzusetzen. Nach der Bescheinigung der sogenannten Souveränität durch Moskau und nach der letzten Genfer Konferenz ist die eigenstaaatliche Anerkennung der DDR für diese Leute das Problem Nr. 1. Es heißt jetzt nicht mehr „deutsche Sportler an einen Tisch“ oder "in eine Mannschaft“, sondern „wir sind ein souveräner Staat“! Wenn ein Leistungssportler von drüben in die Bundesrepublik emigriert, wird er, wie kürzlich geschehen, wegen "Landesverrats“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Propagandawalze für die Olympische Eigenständigkeit ist schon sehr hörbar angelaufen.
Sie wird auch von allen Ostblock-Staaten gedreht. Wir werden das Unsere tun und bisher haben wir auch immer den längeren Arm gehabt. Aber die Verhältnisse im internationalen Sport sind labil. Die Sicherstellung der Universalität der Spiele rangiert vor unseren nationalen Problemen. Wir müssen zumindest mit der wenn auch vielleicht unwahrscheinlichen Möglichkeit rechnen, dass nicht alles
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nach unserem Willen geht. Nun sind Sie, verehrter Herr Minister der Ansicht, dass die Bundesrepublik das Fernbleiben von den Olympischen Spielen ins Auge fassen sollte, falls das IOK dem sowjetzonalen NOK in irgendeiner Form den Status eines „souveränen Staates“ zuerkennen würde, sei es beispielsweise auch nur in Form eines eigenen Chefs de mission. Ich bin, offengestanden g a n z anderer Meinung. Es hat mich betroffen, und ich habe es auch nicht verstanden, dass - nach Ihrer Darstellung - die Bundesregierung diese so wichtige Sache vom Kriterium der finanziellen Förderung aus sieht. Aber der deutsche Sport würde sich keinen schlechteren Dienst tun können, als sich aus einem solchen Anlass von den Olympischen Spielen selbst auszuschliessen. Genau so wenig Zweck hat es, dem IOK mit einem Fernbleiben von den Spielen zu drohen, falls man in dieser Frage nicht nach unseren Wünschen entscheidet. Das würde nicht nur von der sportlichen, sondern auch von der ganzen westlichen Welt, die ja unerschütterlich an ihrer Vorstellung vom unpolitischen Sport festhält, als eine ungehörige nationalistische und politische Demonstration in der Olympischen Sphäre abgelehnt werden.
Vielleicht denkt man innerhalb des Bundeskabinetts an gewisse Parallelen zur Haltung der Bundesregierung, die den Abbruch der diplomatischen Beziehungen all den Ländern angekündigt hat, die die sogenannte DDR anerkennen. Das kann sich die Bundesregierung im politischen Raum vielleicht erlauben. Sie hat in der NATO festverpflichtete Bündnispartner, stützt sich auf gemeinsame Abwehr-Interessen und ist die drittgrösste Wirtschaftsmacht der westlichen Welt. Der sportliche Status Deutschlands ist damit überhaupt nicht zu vergleichen. Hier gibt es noch mancherlei Ressentiments aus der Zeit des Dritten Reiches, und auch die westlichen Länder sind in gar keiner Weise geneigt, sich durch innerdeutsche Zwistigkeiten den sportlichen, insbesondere den olympischen Frieden stören zu lassen.
...
Es kommt dann noch folgendes hinzu:
Aus dem Sport ist nun einmal das Leistungsprinzip nicht zu entfernen. Jede grosse Leistung wird anerkannt, einerlei, von wem sie vollbracht wurde. Die Ostblock-Staaten, an der Spitze Russland, aber auch Ungarn und in steigendem Masse die übrigen Ostblock-Staaten, haben in den letzten Jahren faszinierende
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Leistungen gezeigt. Sie sind deshalb überall in der ganzen Welt hochwillkommene Gäste, und es gibt keine mir bekannte Nation von einiger sportlicher Bedeutung, deren Regierung irgendwelche Schwierigkeiten bei der Abwicklung des Ost-West-Sportverkehrs macht.
...
Die vorgenannten Folgerungen wären aber nicht einmal die schlimmsten. Weit gefährlicher wäre die Tatsache, dass die sog. DDR in dem gleichen Augenblick, wo die Bundesrepublik sich von den Olympischen Spielen oder auch vom internationalen Sportverkehr zurückzöge, sofort deren Stelle einnehmen würde. Man könnte den Herren in der sogenannten DDR überhaupt keinen grösseren Gefallen tun, als von den Spielen fernzubleiben. Dann würden die sowjetzonalen Propagandamühlen auf Hochtouren laufen, und man würde sich sofort bereit erklären, alle westdeutschen Sportler in ihre Mannschaft aufzunehmen. Und Sie können versichert sein, Herr Minister, dass eine ganze Reihe der westdeutschen Sportler dieser Aufforderung folgen würde, weil die jungen Menschen einfach nicht begreifen würden, warum denn die Sportler der Bundesrepublik als einzige in der ganzen Welt an den Olympischen Spielen nicht teilnehmen dürfen. Und Ihre Polizei, sehr geehrter Herr Minister, wäre nicht in der Lage, diese Sportler zu hindern, nach Berlin zu fahren und von dort in den Ostsektor zu gehen, um gleichsam triumphierend in Melbourne doch zu erscheinen. Diese ganze Aktion würde von unserer Presse mit einem Hohngelächter begleitet werden, und kein Hund würde von der Sportführung der Bundesrepublik, die sich zu einer solchen Massnahme hergäbe, noch einen Bissen annehmen. Das wäre vielleicht nicht so tragisch; aber es lässt sich mit aller Sicherheit voraussagen, dass sich ein Sturm der Entrüstung in der öffentlichen Meinung gegen Sie erheben würde, wenn Sie etwa eine solche Haltung durch irgendeine Massnahme zu erzwingen versuchen würden. Ich kann nur als guter Staatsbürger und als ein Mensch, der sich verpflichtet fühlt, der Bundesregierung ihr schweres Amt tunlichst zu erleichtern, mit allem Ernst vor solchen Schritten warnen.
Was nun den gesamten West-Ost-Sportverkehr anlangt, so hat der Deutsche Sportbund schon am 4. Januar 1955 eine eingehende
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Erklärung an all seine Mitgliedsorganisationen herausgegeben. Diese Erklärung lege ich in der Anlage zu Ihrer Kenntnis bei.
Im Mitglieder-Rundschreiben vom 10. Mai 1955 haben wir unsere Mitgliedsverbände erneut auf den West-Ost-Sportverkehr aufmerksam gemacht. Der wesentliche Inhalt dieses Rundschreibens ist als Anlage 2 beigefügt. Ich darf insbesondere auf den einen Satz in dieser Mitteilung hinweisen:
„Bei privaten Startverpflichtungen wird das Ministerium von Fall zu Fall den sachverständigen Rat des zuständigen Fachverbandes und ggf. des DSB einholen."
Dieses Verfahren ist mit Ihrem Ministerium ausdrücklich abgesprochen worden. Sinngemäss wurde es in der Zwischenzeit auch in Zweifelsfällen angewandt. Im allgemeinen schien das jedoch nicht erforderlich zu sein, weil ja unsere Fachverbände, die für die sportliche Genehmigung des Spiels zuständig sind, schon eine Vorprüfung vornehmen. In den Richtlinien für die Spielgenehmigung heisst es bei all unseren Verbänden, dass Abschlüsse nur auf sportlicher Basis, keinesfalls über irgendwelche meist zweifelhafte Vermittler o.ä. erfolgen dürfen. Wie gesagt, wickelten sich die Dinge auch glatt ab, bis der in der Öffentlichkeit so lebhaft diskutierte und in der gesamten Presse heftig kritisierte abrupte Fall kurz vor Neujahr eintrat. Ich darf zunächst einmal feststellen, dass der Rat des DSB vor dem ausgesprochenen Einreiseverbot nicht eingeholt wurde. Als ich, von den beteiligten Verbänden aufmerksam gemacht, mich einzuschalten versuchte, wurde mir bedeutet, es sei nun zu spät, und man könne die Dinge nicht rückgängig machen. So eindringlich wie nur irgend möglich habe ich gebeten, das Visum in diesem Falle doch noch zu erteilen. Ich habe auch auf das bedenkliche Echo in der Öffentlichkeit des Sports, aber nur des Sports aufmerksam gemacht. Es ist doch ein sehr merkwürdiges Verfahren, eine monatelang unbeanstandet durchgeführte Praxis ohne jede verständigung ausser acht zu lassen. Meine Mitarbeiter und ich sind bestimmt die letzten, die tatenlos zusehen wollen, wie wir hier durch östliche Propagandamassnahmen überspielt werden; aber so, wie das in diesem Fall geschehen ist, kann man die Dinge nicht handhaben. Vollkommen unnötigerweise wurde so eine Menge Staub aufgewirbelt, und der Eindruck einer launischen oder nervösen Maßnahme hat uns allen nicht nur in der Öffentlichkeit
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sehr geschadet, sondern für den deutschen Sport im Ausland geradezu eine Blamage bedeutet. Die formellen Gründe der Ablehnung - unvollständige Personalangaben - waren, wie mir am Telefon versichert wurde, auch durchaus nicht die massgebenden. Mit auch nur einem bisschen Fingerspitzengefühl seitens des Sachbearbeiters hätte der ganze Ärger, der keinem etwas nutzt, vermieden werden können, ganz abgesehen davon, dass in aller Öffentlichkeit der östlichen Ideologie eine Stärke und uns eine Anfälligkeit bescheinigt wird, die gar nicht vorhanden ist. Ich habe angeboten, die in Rede stehenden Spiele nochmals zu genehmigen und sofort anschliessend mit den beteiligten Verbänden eine Absprache für zukünftige Regelungen im Sinne Ihres Hauses zu treffen. Nichts hatte Erfolg. Angeblich war keine weisungsbefugte Persönlichkeit mehr im Hause, obwohl mir nachher bekannt wurde, dass das doch der Fall war. Wenn ich in aller Form gegen eine solche Behandlung Einspruch erhebe, so tue ich das insbesondere mit folgendem Hinweis der das Groteske an der ganzen Sache sichtbar macht:
Zweien unserer angesehensten Fachverbände, dem Deutschen Fußball-Bund und dem Deutschen Handball-Bund, deren grundsätzliche Haltung in diesen Fragen über alle Diskussion erhaben ist, erfuhren trotz dringender Interventionen auch des Deutschen Sportbundes eine abrupte Zurückweisung und damit gleichzeitig eine Brüskierung gegenüber ihren internationalen Spitzenorganisationen. Dagegen wurden laufend Veranstaltungen mit Ostblock-Teilnehmern von Ihrem Haus durch Visa-Erteilung genehmigt, die von kommunistischen Tarnorganisationen, z.B. vom sogenannten „Komitee für Einheit und Freiheit im deutschen Sport" u.a., vorbereitet waren. Ihnen den vielfachen Beweis für die letzten Tatsachen anzutreten, bin ich bereit.
So werden Sie verstehen, sehr geehrter Herr Minister, dass ich den zuständigen Dienststellen Ihres Hauses nicht zutrauen kann, für jeden Einzelfall der Startgenehmigung für östliche Sportler urteilsfähig zu sein. Sie haben, sehr geehrter Herr Minister, zu dieser Frage im Bundestag Stellung genommen, nachdem es sich offenbar nicht vermeiden liess, das Problem auch dort noch zu diskutieren. Gestatten Sie mir bitte, daß ich Ihnen auch hierzu freimütig meine Meinung sage:
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Ich glaube, dass Sie mit der angekündigten Handhabung sich selbst, bzw. die Sicherheits-Abteilung Ihres Hauses vor eine m.E. unlösbare Aufgabe stellen. Die Auswahl der ministeriellerseits dann genehmigten und nichtgenehmigten Starts müsste so vom sportlichen Gesichtspunkt in jedem Falle willkürlich erfolgen. Es würde der Öffentlichkeit immer unverständlich bleiben, warum in dem einen Fall die Einreise genehmigt und in dem anderen Fall versagt wird. Das Ministerium begründet die Notwendigkeit der Von-Fall-zu-Fall-Entscheidung mit der Staatssicherheit. Es ist möglich, dass ich eine sehr laienhafte Vorstellung von der Tätigkeit fremder Agenten habe; aber ich bin bis zum Beweis des Gegenteils der Überzeugung, dass man eine einreisende Sportgruppe, deren Zusammensetzung man ja durch das Erteilen der Visa genau kennt, doch eigentlich sehr leicht überwachen könnte. Ich bin ferner der Auffassung, dass es besser wäre, anstatt mit Verboten, für die die Öffentliche Meinung immer schwer zu gewinnen ist, mit einer positiven Abwehr zu reagieren. Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass es durchaus zweckmäßig wäre, eine Sportlergruppe, bei der sich ein den staatlichen Sicherheitsbehörden bekannter Agent befindet, ruhig einreisen zu lassen und dann hier die in solchen Fällen notwendigen Abwehrmassnahmen zu treffen. Ich weiss nämlich genau, wie unangenehm es den Ostblock-Staaten wäre, wenn einmal ein Fall von Agententätigkeit durch eine Sportlergruppe nachgewiesen werden könnte. Denn in solch einem Fall würde umgekehrt die ganze westliche Welt das Prinzip der sportlichen Integrität und politischen Neutralität als verletzt ansehen, was dem sportlichen Prestige der Ostblock-Staaten sehr schaden würde. Das wissen die Ostblock-Staaten genau, und sie sind politisch klug genug, dieses Risiko, wenn ich vorsichtig sein darf, nur in äusserst beschränktem Masse auf sich zu nehmen.
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Lassen Sie mich nun, sehr verehrter Herr Minister, noch auf folgendes hinweisen, nachdem mir das Protokoll von der 125. Sitzung des Bundestages vorliegt. Danach haben Sie vor dem Plenum u.a. erklärt, „dass bereits in mehreren Fällen als Sportler getarnte Agenten festgestellt werden konnten“. Hier ergibt sich nun doch die Frage, warum uns das nicht eher mitgeteilt wurde, am besten doch wohl unmittelbar nach den einzelnen Feststellungen? Vertraut man dem Sport nichts und warum nicht? Wäre es nicht
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besser und den gemeinsamen Interessen dienlicher, wenn Regierung und sportliche Selbstverwaltung in dieser Frage zusammenarbeiten würden? Wir haben im übrigen auch unsere Augen auf, und uns ist niemals ein solcher Fall bekannt geworden. Jedenfalls hätten wir ihm mit drastischen Massnahmen begegnen können. Meine Mitarbeiter setzen im übrigen nach wie vor Zweifel in diese Feststellung, und es wird angenommen, dass Sie, Herr Minister, vielleicht doch unzutreffend unterrichtet wurden. Auf jeden Fall richte ich die Bitte an Sie, mir einige Einzelheiten bekanntzugeben. Aus naheliegenden Gründen sind diese natürlich von ganz besonderer Wichtigkeit, für uns. Für möglichst baldige Erledigung wäre ich Ihnen deswegen sehr verbunden.
Dagegen muss nun mit ganz besonderem Ernst die Tatsache erwähnt werden, dass der Nachrichtendienst der Bundesrepublik, die Organisation Gehlen, versucht, sich des Sports für ihre Zwecke zu bedienen. Mit meinem Briefe vom 20.9.55, gerichtet an Herrn Staatssekretär Bleek, habe ich diese Bemühungen zurückgewiesen. Der Sport wird nie und nimmer seine Zustimmung dazu geben; dies zunächst mal aus grundsätzlicher Einstellung und dann auch, weil wir international in eine völlig unmögliche Lage kommen würden, wenn irgendeine Verbindung mit dem Nachrichtendienst einmal nachgewiesen würde. Das wiederum wäre dann sehr naheliegend, denn es ist bezeichnend für die Exaktheit, mit der der Nachrichtendienst der Bundesrepublik arbeitet, dass er eine falsche Deckadresse aufgab, die dann kurz darauf als Irrtum berichtigt wurde. Herr Staatssekretär Ritter von Lex beantwortete am 31.10. 55 meinen Brief dahingehend, dass die mit der Organisation Gehlen zusammenhängenden Angelegenheiten ausschliesslich vom Bundeskanzleramt bearbeitet würden; mein Brief sei nach dort weitergegeben worden, und die Antwort würde auch von dort erfolgen. Eine solche ist aber bisher nicht eingegangen. Nachdem nun ein Vierteljahr vergangen ist, bitte ich Sie, doch einmal energisch bei der zuständigen Stelle des Bundeskanzleramtes daran erinnern zu lassen.
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Niemand, auch keine Regierung, hat das Monopol für Weisheit und für Tugend, - sonst wäre uns z.B. die Peinlichkeit erspart geblieben, dass bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Cortina die deutsche diplomatische Mission als einzige der in Rom
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akkreditierten keinen Vertreter entsandt hatte (es bestand keine Gefahr, dass die sowjetzonale Hymne ertönen würde).
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Abschnitt 2: Die Lage im innerdeutschen Sport und der Sportverkehr mit der Sowjetischen Besatzungszone.
In diesem Abschnitt kann ich mich kürzer fassen, denn die SBZ ist, mit dem Masstab der sportlichen Praxis gemessen, leider tatsächlich schon ein souveräner Staat und ebenso ganz zweifellos ein Satellitenstaat Russlands.
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Es ist ein echtes Anliegen des deutschen Sports, die Verbindung zu seinen Freunden, Kameraden und namentlich zu den jungen Aktiven in der SBZ nicht zu verlieren. Der Sport ist eine der wenigen Möglichkeiten, den Verkehr von Mensch zu Mensch über die Zonengrenze hinweg zu pflegen. Ich glaube sogar, daß, wenn man einmal von der Veranstaltung des Kirchentages oder ähnlichen, einzelnen Großveranstaltungen absieht, der Sportverkehr in seiner Bedeutung bei weitem an der Spitze der menschlichen Begegnungen zwischen Ost- und West-Deutschland steht. Die politische Wirkung der Tatsache, daß eine große Anzahl namentlich junger Aktiver durch den Sportverkehr in die Bundesrepublik kommt und hier eine unmittelbare Anschauung vom Leben im freien Westen gewinnt, ist kaum zu unterschätzen. Es wäre deshalb m.E. unverantwortbar, diesen Sportverkehr zu drosseln und Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Wenn die westliche Art zu leben, der westliche Begriff der Freiheit und der Menschenwürde als Idee nicht mehr stark genug sind, um sich auch bei einem Besuch junger Deutscher aus der Bundesrepublik in der sogenannten DDR zu behaupten, dann, sehr geehrter Herr Minister, ist es m.E. nur noch eine Frage der Zeit, wann der Osten die Bundesrepublik eingemeindet.
Natürlich bedarf es der Aufmerksamkeit. Es gilt, was Startgenehmigungen usw. angeht, bei uns die gleiche Regelung wie beim Sportverkehr mit den Ostblock-Staaten. Unsere Fachverbände müssen nach jeweiliger Prüfung der Unterlagen die Spiele und sonstigen Begegnungen genehmigen. Dabei wird streng darauf geachtet, daß kein politischer Mißbrauch mit solchen Veranstaltungen verbunden ist. Gerade diese kleinen Wettkämpfe und Begegnungen auf der untersten Ebene der Vereine, in den
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Dörfern usw., sind wohl für die Wachhaltung der Idee der Wiedervereinigung von besonderem Wert. Sie werden im übrigen, wie wir immer wieder feststellen, von den Sportführern der Sowjetzone nicht gern gesehen. Dort propagiert man sogenannte "vorbereitete“ Veranstaltungen größeren Stils. Vor allem dann, wenn in den betreffenden Sportarten Erfolge für die Spitzenkönner der Sowjetzone zu erwarten sind. Diese Absichten haben aber kaum Erfolg gehabt, und es gibt inzwischen überhaupt keine sogenannten „gesamtdeutschen Meisterschaften" mehr. Wir erkennen auch die sowjetzonalen Gremien nicht für die Bildung gesamtdeutscher Arbeitsausschüsse oder sonstiger Führungsorgane an. Der Sport der Bundesrepublik hält hier durchaus Linie. Wie gesagt, soll der Sportverkehr mit der SBZ außerhalb von Politik und Propaganda die menschlichen Beziehungen aufrechterhalten, das ist allein seine Aufgabe, wie wir sie sehen.
Trotzdem wird natürlich der Sportverkehr mit den Deutschen jenseits der östlichen Zonengrenze immer mit der Hypothek belastet sein, daß die politischen Sportfunktionäre der SBZ den Versuch nicht aufgeben, mit dem Sport politische Geschäfte zu machen. Ich darf aber in genauer Kenntnis aller Umstände sagen, daß sie hierbei bisher kaum nennenswerte Erfolge gehabt haben. Allerdings darf ich auch nicht verschweigen, daß sich eine sehr gefährliche Entwicklung anzubahnen beginnt, die aber ganz andere Ursachen hat. In der SBZ findet der Sport eine so starke Unterstützung, er ist so sehr Gegenstand und Inhalt auch der Erziehung in der Schule, daß eine sprunghafte Steigerung der sportlichen Leistungen der SBZ festzustellen ist. Demgegenüber muß ich darauf hinweisen, daß die Leibeserziehung in der deutschen Schule und die Förderung, die der Sport in der Bundesrepublik erfährt, die geringste ist, die dem Sport von den Regierungen nahezu der ganzen Welt zuteil wird. Sie mögen, sehr geehrter Herr Minister, es für töricht finden, aber es ist so, daß die sportliche Leistungsfähigkeit heute in der Welt ein Kriterium für die Tüchtigkeit und das Ansehen eines Volkes ist. Von Nurmi hat der finnische Staatspräsident einmal folgendes festgestellt:
Er hat den Namen Finnlands in die Atlanten der Welt gerannt und dem amerikanischen Volk das Vertrauen gegeben,
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Finnland die Anleihe zu geben, die es zum Aufbau seines Staates benötigte.
Ich weiß, daß man in Kreisen der Bundesregierung über solche Bemerkungen mit Achselzucken hinweggeht, aber es bleibt nichtsdestotrotz eine Tatsache, daß sich nahezu alle Regierungen in der Welt der eminenten politischen Bedeutung des Sports bewußt sind und daß der Bundesregierung hierfür leider das Organ fast vollständig fehlt. Wenn die Förderung des Sports hüben und drüben der Zonengrenze noch einige Jahre so weiter geht, dann wird der sportlich bedeutendere Teil Deutschlands jenseits der Elbe liegen, und dann werden national und international die durchaus unvermeidbaren Folgen eintreten, daß man die sogenannte DDR auf jeden Fall im Sport ernster nimmt als die Bundesrepublik und daß sie auch international ein begehrterer Partner wird, als wir es sind. Ich kenne den Einwand genau, daß der Sport Sache der Länder sei und nicht zur Zuständigkeit der Bundesregierung gehört. Aber mit dieser zwar verfassungsrechtlich richtigen Feststellung kann sich die Bundesregierung nicht der Verantwortung entziehen für das, was im deutschen Sport national und international unterbleibt.
In diesen Zusammenhang muß ich nun nochmals auf das auf unserem Sektor vollständige Versagen des Bundespresseamtes hinweisen. Man befindet sich dort im Zustande völliger Ahnungslosigkeit, was z.B. aus der grotesken Selbstüberschätzung hervorgeht, die sich aus einer mir gegenüber kürzlich gemachten Aussage ergibt: "Wenn dem Wunsch der Bundesregierung auf Fernbleiben von den Olympischen Spielen Rechnung getragen wird, dann werden wir das pressemässig so vorbereiten, daß die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik mit einer solchen Maßnahme einverstanden ist". So weit ein Vertreter des Bundespresseamtes. Ich darf dagegen nur an folgendes Beispiel erinnern. Vor nicht allzu langer Zeit sah sich der Deutsche Sportbund veranlaßt, in Gemeinsamkeit mit seinen Fachverbänden einen Beschluß auf vorübergehende Einstellung allen Sportverkehrs mit den Gemeinschaften der Sowjetzone zu fassen. Dieser Beschluß war notwendig, um eine gewisse politische Neutralität dieses Gesamtdeutschen Sportverkehrs zu erzwingen und das planmäßige Unterdrucksetzen des West-Berliner Sportes abzuwenden. Dieses Ziel wurde auch erreicht, so daß nach
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einigen Monaten der Sportverkehr wieder freigegeben werden konnte. Unnötig zu sagen, daß diese unsere wohlgelungene Aktion mit den wüstesten Schmähungen von der sowjetzonalen und der kommunistischen West-Presse begleitet wurde. Aber auch die freie Presse unserer Bundesrepublik hat in Unkenntnis der Zusammenhänge die sogenannten "Oberweseler Beschlüsse“ nicht immer richtig verstanden. Wir können weiterhin nicht voraussetzen, daß bei den über fünf Millionen Mitgliedern unserer Verbände überall Verständnis für eine derart weitgehende Maßnahme vorhanden ist, zumal auf unsere Organisationen mit Tausenden und aber Tausenden von Postsendungen ein Propagandafeuer aus dem Osten losgelassen wurde. Natürlich haben wir auch das unsere an Aufklärung getan und unsere Meinung auch durchgesetzt. Ich habe aber wiederholt und dringend über das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen um pressemäßige Unterstützung nachgesucht. Geschehen ist gar nichts; geblieben ist das Gefühl, daß man den Sport bei solchen Aktionen verantwortungslos, wenn nicht sogar schadenfroh in Stich läßt, ohne dabei zu bedenken, daß gerade unsere Sache sich an so wichtiger Stelle in den Freiheitskampf für die westliche Demokratie einordnen muß. Gleichermaßen unzulänglich sind die Äußerungen über den Sport, die man dann und wann im Bulletin der Bundesregierung liest. Was sich aber die eigentliche deutsche Presse an Instinktlosigkeiten im Sport und insbesondere in Bezug auf die politischen Rückwirkungen im Sport leistete ist einfach unfaßbar. Ich habe eingangs meines Schreibens schon darauf aufmerksam gemacht, daß die deutsche Sportführung so stark unter dem Druck der öffentlichen Meinung steht, daß sie praktisch diese immer gegen sich aufbringt, wenn sie z.B. in der Frage gesamtdeutscher Mannschaften oder den gesamtdeutschen Sportverkehrs einmal glaubt, dem Osten überhaupt nur eine Bedingung stellen zu müssen. Es wäre m.E. die Aufgabe des Bundespresseamtes, der eminenten politischen Bedeutung des Sports endlich Rechnung zu tragen.
Wenn die Ostblock-Staaten mit dem Sport große politische Geschäfte machen, so gehört diese Tatsache in die politischen Spalten der deutschen Tageszeitungen. Wenn die staatsgelenkte Presse der SBZ in Leitartikeln und in den wichtigen Abhandlungen auf der ersten Seite diese „nationalen Sportprobleme“ behandelt,
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dann müßte schließlich auch einmal dem schlafenden Bürger in der Bundesrepublik klargemacht werden, um was es hierbei geht. Der Deutsche Sportbund hat weder die materiellen Mittel noch die technische Möglichkeit, in genügendem Umfange aufklärend auf die Presse einzuwirken. Und die in der Sparte des Sports tätigen Redakteure haben oft genug für die politischen Imponderabilien überhaupt kein Gefühl; sie verstehen sie einfach nicht, aber sie wiegeln die öffentliche Meinung immer gegen die Bundesregierung und z.T. auch gegen die deutsche Sportführung auf. Auch hier ist festzustellen, daß die geistig führende Schicht in Deutschland sich mit den modernen Massenphänomen des Sports nicht auseinandersetzt, sehr zum Nachteil des Deutschen Volkes.
...
Ich habe schon vorstehend dargelegt, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann durch die systematische Förderung des Sports in der SBZ die sportlichen Leistungen diejenigen der Bundesrepublik übertreffen werden. Und ich habe ebenso darauf aufmerksam gemacht, welche Propagandawirkung dies haben wird. Herr Ulbricht hat vor tausend Sportfunktionären der SBZ es als eindeutige Aufgabe des Sports der SBZ in den kommenden Jahren bezeichnet, durch die Überlegenheit der sportlichen Einrichtungen und sportlichen Leistungen die Überlegenheit der Gesellschaftsverfassung der SBZ unter Beweis zu stellen. In der Tat erhalten die Schulen der sogenannten DDR hervorragende Sportanlagen und Einrichtungen, und in Leipzig geht der Bau der "Deutschen Sporthochschule“ der Vollendung entgegen. Damit aber nicht genug. In Leipzig an der "Sporthochschule" wird in den großartig eingerichteten wissenschaftlichen Iinstituten der beste wissenschaftliche Nachwuchs Deutschlands auf dem Gebiet der Sportwissenschaft gesammelt. Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß auch geistig in der Sportwissenschaft in wenigen Jahren die SBZ alles in den Schatten stellen wird, was in der Bundesrepublik vorhanden ist. Gegen diese Tatsachen kann man sich propagandistisch nicht mehr mit dem besser gefüllten Magen und mit den großartig gefüllten Schaufenstern zur Wehr setzen. Die jungen Leute, die aus der SBZ in die Bundesrepublik kommen und die selbstverständlich geschult sind, auf die entscheidenden Faktoren zu achten, können im Sport schon nicht mehr durch die besseren Einrichtungen in der Bundesrepublik überzeugt werden.
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Sie kehren vielmehr in die SBZ mit dem Bewußtsein zurück, daß dort für sie und ihre Belange weit mehr geschieht.
Ich glaube, daß es keinen Zweck hat, sehr verehrter Herr Minister, die Tatsachen noch weiter zu bagatellisieren; ich glaube vielmehr, daß es richtiger ist, die Tatsachen zu erkennen und zu überlegen, ob es nicht erforderlich ist, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
...
Kommentar
Dieses Dokument umfaßt im Orginal 25 Schreibmaschinenseiten. Daume empfahl am Ende in der Zeit zwischen dem 20. und 24. Februar 1956 - also nach den Winterspielen in Cortina - eine Beratung zwischen der Führung des Sports und den zuständigen Ministerien durchzuführen. Diese Konferenz fand am 20. Februar im Büro des Staatssekretärs des Bundesministeriums des Innern, Bleek, statt. Anwesend waren: Staatssekretär Ritter von Lex (Bundesministerium des Inneren), Staatssekretär Thedieck (Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen), „einige Herren des BMI (Polizeireferat, Verfassungsschutz, Sportreferat)“, Daume, Bauwens, Vorsitzender des Deutschen Fußballbundes, Ministerialdirigent Dr. von Trützschler, Müller Horn (beide Auswärtiges Amt), Ministerialrat von Dellinghausen (Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen), Ritter von Halt, Präsident des NOK der BRD „und weitere Herren der Sportverbände“. So die Anwesenheitsliste, mit der das Protokoll eingeleitet wird.
Man wurde sich in allen Punkten einig und bestätigte faktisch Daumes Bekenntnis: „Der Sport der Bundesrepublik hält durchaus Linie.“
Zu Daumes „aide memoire“ sind einige den professionellen Historikern durchaus bekannte Fakten zu ergänzen.
Seine Aussage „Wenn ein Leistungssportler von drüben in die Bundesrepublik emigriert, wird er, wie kürzlich geschehen, wegen ‘Landesverrats’ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Diese Passage kann sich nur auf den 1955 verurteilten Udo Lehnert
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beziehen, der im Auftrag westdeutscher Vereine versucht hatte, DDR-Boxer abzuwerben. Er wurde vom 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Magdeburg wegen „Menschenhandels“ zu acht Jahren verurteilt.
Der „in der Öffentlichkeit so lebhaft diskutierte und in der gesamten Presse heftig kritisierte abrupte Fall“ von Visaverweigerungen bezieht sich auf die Einreiseverweigerung der ungarischen Fußballmannschaft von Vörös Lobogo, die ein Spiel gegen den 1. FC Nürnberg austragen wollte. Auch der Handballauswahl Prags wurde die Einreise verweigert.
Wenn Daume Vorwürfe erhob: „Aber auch die freie Presse unserer Bundesrepublik hat in Unkenntnis der Zusammenhänge die sogenannten ‘Oberweseler Beschlüsse’ nicht immer richtig verstanden“ spekulierte er möglicherweise auf die von ihm an anderer Stelle gerügte „Unwissenheit“ der Bundesregierung.
Die Fakten: Am 21. September 1952 hatte der DSB in Oberwesel den Beschluß gefaßt, den Sportverkehr zu allen Sportverbänden der DDR abzubrechen. Wortlaut des Protokolls: „Die Sportorganisationen der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands und des sowjetisch besetzten Sektors von Berlin“... „haben den Sportverkehr mit Westberlin davon abhängig gemacht, daß die Sportler aus dem Westsektor einen Fragebogen auszufüllen hätten, der eine Reihe von Fragen zweckpolitischer Art enthält. U.a. wird gefragt, ob der betreffenden Sportmannschaft oder dem Verein politische Flüchtlinge angehörten und ob Adressen von geflüchteten Sportlern aus dem Osten bekannt seien. Darüber hinaus werden Angaben über Lohnverhältnisse und Arbeitgeber der Westsportler verlangt.“1)
Der DSB hat nie einen solchen Fragebogen vorlegen können. Am 12. Dezember 1952 wurde der Abbruchbeschluß aufgehoben. Im Protokoll der Zusammenkunft zwischen DSB und DSA heißt es: „Eine eingehende Aussprache... hat ergeben, daß Mißverständnisse bestanden haben.“2)
Vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ wurde dieses Kapitel der deutsch-deutschen Sportbeziehungen 1995 so dargestellt: „Die offenkundigste Instrumentalisierung des Sports als Speerspitze der Deutschlandpolitik vollzog sich im steten Bemühen, West-Berlin mit
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unterschiedlichen Argumenten und Maßnahmen vom Sport der Bundesrepublik Deutschland abzutrennen. Die Schikanen gegen Sportler aus West-Berlin begannen 1952 mit einer ‘kleinen Blockade’34), die zum (ersten) Abbruch der Beziehungen durch den DSB führte, ein Schlag gegen die Wiedervereinigungs-Propaganda der DDR. Nach Auswechslung der Sportführung, wobei Ewald das Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport übernahm, wurden im bereits genannten ‘Berliner Abkommen’ die Beziehungen wiederaufgenommen.“ Der vor der Enquete-Kommission als „Sachverständiger“ vortragende Hans Dieter Krebs hatte in seinem Fußnotenregister unter 34) einen Verweis auf Seite 180 des Buches „Sport - Medium der Politik“ von Ulrich Pabst aufgeführt, verschwieg aber, daß Pabst auf Seite 198 dieses Buches in der Fußnote 212 vermerkt hatte: „Für die Existenz dieses ‘politischen Fragebogens’ und des Reverses ist von westdeutscher Seite kein Beweis erbracht worden.“ Dafür ergänzte Krebs den Verweis auf Pabst durch die Bemerkung „als beispielhaftes Dokument im ZK-Archiv ‘Vorbereitung auf die (Handball)Weltmeisterschaft und Konzeption über das Verhalten der Mannschaft bei der Eröffnung der Weltmeisterschaft in Westberlin’ 1961.“ Was immer in diesem Beschluß stehen mag, er gibt mit keiner Silbe Aufschluß über den Verbleib des von niemandem gesehenen aber als Grund für den Abbruch der Sportbeziehungen zwischen beiden Staaten benutzten Fragebogens.“ Dies nur als ein Hinweis darauf, wie Sportgeschichte heute von einigen „aufgearbeitet“ wird.
Aufschlußreich in dem Daume aide-memoire auch die Hinweise auf die Funktion der Presse. Vor allem bei den Verhandlungen mit dem Internationalen Olympischen Komitee waren von bundesdeutscher Seite immer wieder Artikel der DDR-Presse als „belastendes Material“ dafür vorgelegt worden, wie die DDR-Führung ihre Politik durchzusetzen versucht. Daume selbst aber: „Ich habe aber wiederholt und dringend über das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen um pressemäßige Unterstützung nachgesucht.“ Er zitiert auch die mit Pressefreiheit nur mühsam in Einklang zu bringende Erklärung eines Bundesministeriums: „Wenn dem Wunsch der Bundesregierung auf Fernbleiben von den Olympischen Spielen Rechnung getragen wird, dann werden wir das pressemässig so vorbereiten, daß die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik mit einer solchen Maßnahme einverstanden ist".
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So bietet dieses Dokument eine günstige Gelegenheit für seriös arbeitende Historiker zumindest das Kapitel der Beziehungen in den Jahren 1950 bis 1956 auf beiden Seiten zu überarbeiten und eine akzeptable Lösung vorzuschlagen.
1) Lemke; Sport und Politik, Ahrensburg 1971, S. 78
2) Ebenda, S. 78f.
JAHRESTAGE:
40 Jahre ADMV
Von HORST SCHOLTZ und HARALD TÄGER
Der Allgemeine Deutsche Motorsport Verband e.V. (ADMV) wurde am 2. Juni 1957 gegründet und feiert in diesem Jahr sein vierzigjähriges Bestehen. Aus diesem Grund lohnt ein Blick zurück.
Vom schweren Anfang
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der bedingungslosen Kapitulation wurden entsprechend dem Potsdamer Abkommen und dem Kontrollratsgesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrats vom 10. Oktober 1945 alle faschistischen Organisationen und Einrichtungen aufgelöst und liquidiert.1) Dazu gehörten auch der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) und alle seine Untergliederungen und das NS-Kraftfahrerkorps (NSKK), die staatliche Aufsichtsorganisation für alle Veranstaltungen und Tätigkeiten des deutschen Kraftfahrsports, die diesen auch international vertreten hatte. Die Kontrollratsdirektive Nr. 23 vom 17. Dezember 1945 über die "Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland" legte außerdem fest: "Allen vor der Kapitulation in Deutschland bestehenden sportlichen, militärischen oder paramilitärischen athletischen Organisationen (Klubs, Vereinigungen, Anstalten und anderen Organisationen) wird jede Betätigung untersagt, und sie sind bis zum 1. Januar 1946 spätestens aufzulösen."2) Es wurden also auch die Oberste Nationale Sportbehörde für die deutsche Kraftfahrt und alle Vereine und Klubs aufgelöst und jede sportliche Betätigung verboten, die militärisch hätte bedeutsam werden können.3) Gestattet waren lediglich "nichtmilitärische Sportorganisationen örtlichen Charakters", die "das Niveau eines Kreises nicht übersteigen"4) durften. Deren Tätigkeit wurde in allen Besatzungszonen von der örtlichen Besatzungsbehörde genehmigt und beaufsichtigt.5)
Diese Bedingungen, die allgemeine Lebenssituation - zunächst war für das Lebensnotwendigste zu sorgen - und die Tatsache, daß Anfang 1948 die Begrenzung des Wettkampfbetriebes auf das jeweilige Kreisgebiet in der damaligen Ostzone entfiel, hatte zur Folge, daß erst 1948 und 1949 die Motoren wieder dröhnen konnten. Die ersten Rennen fanden 1948 statt, am 11. Juli auf der
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kleinen Avus in Berlin oder das 1. Wittenberger Motorradrennen. Im Jahr darauf eröffneten die Rennsportenthusiasten am 24. Juni 1949 auf dem Stralsunder Bäderkurs und am 4. September 1949 mit dem 1. Dessauer Wagen- und Motorradrennen die Rennsportsaison in Deutschland. Die Koordinierung oblag der neu gebildeten Sportkommission, die 1951 in die Sektion Motorrennsport überging. Ihr erster Präsident war Egbert von Frankenberg und Proschlitz.
Es fanden wieder Automobil- und Motorradrennen statt, ab 1950 Motorbootrennen und Wettbewerbe im Sandbahnsport, das heißt, in den klassischen Disziplinen des Motorsports, in denen 1951 auch die ersten Meisterschaften ausgetragen wurden. Grundlage dafür war das am 3. September 1951 verabschiedete Motorsportgesetz. Ab 1952 wurden dann Wettbewerbe im Motorradgeländesport ausgeschrieben und auch die ersten Meister ermittelt, ab 1955 im Tourenwagensport (Meisterschaften ab 1958), 1956 im Moto-Cross und Speedway (Meisterschaften ab 1962), 1957 im Trial (Meisterschaften ab 1961), Wasserski (Meisterschaften ab 1960), Motorboottouristik und Automobilturniersport (Meisterschaften ab 1961). Selbstverständlich unterstützte die ebenfalls im Wiederaufbau begriffene Kraftfahrzeug- und Zubehörindustrie den sich entwickelnden Motorsport. In Zschopau wurden Rennmaschinen (125 ccm, 250 ccm) gefertigt und bei Straßenrennen eingesetzt.
In Berlin-Johannisthal wurde das erste Rennkollektiv beim DAMW - einer Unterabteilung des Deutschen Amtes für Meßwesen der DDR - gegründet und 1953 nach Eisenach verlegt, wo es mit dem 1,5-Liter-Rennsportwagen außerordentliche Erfolge erzielte. DDR-Geländefahrer starteten 1956 erstmals bei einer Sechstagefahrt mit Motorrädern vom Typ RT und BK und die Motorbootrennsportler setzten erfolgreich das von der Yachtwerft Berlin entwickelte und gebaute Rennboot ein.6) Die ersten Erfahrungen wurden bei internationalen Wettbewerben gewonnen und erste internationale Erfolge stellten sich als Lohn der Bemühungen bereits in der Zeit des zunächst gemeinsamen Beginns der Motorsportler aller Besatzungszonen ein. Ihr Streben und der Geist ihres Zusammenwirkens in dieser Zeit wird im Programm für die Rennen auf der "Dresdener Autobahnspinne“ 1953 deutlich. Darin heißt es: "Gerade wir Motorrennsportler wissen, daß wir unseren Sport nur
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im Frieden durchführen und weiterentwickeln können. Deshalb stehen wir gemeinsam im Kampf um die Schaffung eines einheitlichen Vaterlandes." Wie sehr die Motorsportler in Ost und West sich diesem Anliegen verbunden fühlten, beweist auch das am 22. November 1951 anläßlich der Mannheimer Sportkonferenz gegründete "Komitee für Einheit und Freiheit im deutschen Sport", dem Manfred von Brauchitsch als Präsident vorstand. Natürlich wirkte sich die politische Situation in den unterschiedlichen Besatzungszonen von Anbeginn auf die sportliche7) Entwicklung aus. Schon die separate Währungsreform am 20. Juni 1948 in den Westzonen ließ das die Motorsportler nachhaltig spüren.
Die Entwicklung des Sports in der DDR im allgemeinen und des Motorsports im besonderen erforderte ab Mitte der 50er Jahre eine den Aufgaben angemessene Organisation. Dem wurde mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Motorsport Verbandes (ADMV) am 2. Juni 1957 in Berlin entsprochen. Zum ersten Präsidenten wählten die Delegierten der Gründungskonferenz Dr. Egbert von Frankenberg und Proschlitz. Sportpräsident wurde der ehemalige Automobilrennfahrer Manfred von Brauchitsch.
Der Verband war entsprechend dem Prinzip von juristisch selbständigen, betrieblichen und örtlichen Motorsport-Clubs (MC) aufgebaut und kooperativ dem Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) angeschlossen. Die auf zentraler, bezirklicher und örtlicher Ebene gewählten Leitungsorgane wurden durch spezielle Fachkommissionen beraten und unterstützt. Grundlage des Wirkens war das Statut und das neue Motorsportgesetz des ADMV vom 1. Juli 1957, das den internationalen Sportgesetzen entsprach. Hauptanliegen des neu gegründeten Verbandes war es, für den Motorsport noch günstigere Bedingungen zu schaffen - für den Leistungssport ebenso wie für den Breitensport -, im und durch den Sport für friedliches Miteinander und Gleichbehandlung aller und "für die Wiedervereinigung Deutschlands auf friedlicher und demokratischer Grundlage" zu wirken, wie in der Gründungsurkunde des ADMV ausdrücklich formuliert worden war. Die internationalen Föderationen brachten ihre Wertschätzung des bis dahin Geleisteten durch die Anerkennung des ADMV als selbständiges und gleichberechtigtes Mitglied zum Ausdruck. Noch im Gründungsjahr des ADMV - also 1957 - nahmen die Internationale Automobil-Föderation (FIA) während ihrer Tagung in
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Paris sowie die Internationale Motorwassersport-Union(UIM) während ihrer Beratung in Brüssel den ADMV auf. Ein Jahr später erkannte die Internationale Motorradsport-Föderation (FIM) und 1965 die Weltunion für Wasserski (UMSN) den ADMV als souveränes Mitglied an.
Das außerordentliche Jahrzehnt
Dieses auch aus heutiger Sicht außerordentliche Jahrzehnt prägte vor allem eine stürmische Entwicklung des Motorsports, die von einem kaum zu beschreibenden Enthusiasmus getragen wurde. Es bildeten sich immer mehr Motorsport-Clubs und die Zahl der ausgeschriebenen Rennen - in einer größer werdenden Zahl von Disziplinen - nahm enorm zu. Ab 1959 organisierte der ADMV Wettbewerbe im Moto-Ball (Meisterschaften ab 1971) und für Motorradrallye (Meisterschaften ab 1972). 1961 folgten K-Wagenrennen (Kart-Sport, Meisterschaften ab 1964), KFZ-Veteranensport (Meisterschaften ab 1986), der Rennsport mit historischen Fahrzeugen oder die Touristikmeisterschaft, aus der 1973 der Orientierungssport hervorging. Das Sportprogramm umfaßte nun schon 16 Disziplinen. Und die zunehmende Motorisierung sowie die wachsenden Bedürfnisse, mit dem Fahrzeug zu reisen, äußerten sich in Touristentreffen, touristischen Ausfahrten und Langstreckenfahrten für Motorräder.
Außerdem wurde der ADMV im Prozeß der Erhöhung der Verkehrssicherheit und der Förderung vorbildlichen Verhaltens im Straßenverkehr wirksam. Gemeinsam mit der staatlichen Versicherung initiierte er die Aktion "Unfallfreies Fahren" und zeichnete im Laufe der Jahre hunderttausende Kraftfahrer für jahrzehntelanges unfallfreies Fahren aus.
Das Zuschauerinteresse bei den Motorsportereignissen stieg immens an. So kamen zum 1. Weltmeisterschaftslauf im Motorradrennsport 1961 auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal mehr als 200 000 Zuschauer. Auch andere traditionsreiche Strecken erreichten Zuschauerrekorde, wie das Schleizer Dreieck oder der Teterower Bergring, denn in der Regel feierte die ganze Region ein Rennen oder einen Wettbewerb mit. Grundlage dafür war natürlich die Leistungsentwicklung der Motorsportler.
Im Automobilrennsport hatte sich die Industrie 1957 offiziell aus der Formel 3 zurückgezogen aber zugleich in Eisenach die
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Sportabteilung geschaffen, die aus dem Rennkollektiv des AWE hervorging. Erklärte Ziele waren, Serienfahrzeuge im Rallyesport zu erproben, neue Erkenntnisse aus Härtetests zu gewinnen und natürlich die Identifikation mit den Serienfahrzeugen zu erreichen. Wenn auch nie ein Welt- oder Europameistertitel mit einem "Wartburg" Typ 311, 312, 353 oder einem "Trabant" Typ 500, 600, 601 errungen werden konnte, so wiesen die Fahrzeuge mit ihren Teams über drei Jahrzehnte nach, wie interessant, zuverlässig und gut sie in ihren Wertungsklassen waren. Zweifellos hat das mit zu der damals unvorstellbaren Identifikation mit dem "Trabant" beigetragen, die Jochen Knoblach heute folgendermaßen beschreibt: "Niemand sagte: Ich fahre einen Trabant, sondern 'Ich habe einen Trabi!’ Haben Sie schon mal jemanden von seinem 'Golfi' oder 'Käfi' sprechen hören? Selbst 'Manti’ hinterläßt einen gekünstelten Nachgeschmack. Beim Trabant war das echt."
Die Sportkommission des ADMV war gemeinsam mit der VVB Automobilbau darum bemüht, den Automobilrennsport mit der "Formel Junior" weiterzuentwickeln. Besonderen Anteil daran hatten die Firma Melkus in Dresden und die Werkstatt des ADMV in Leipzig, die von Siegfried Leutert geleitet wurde. In Eigenentwicklung oder in Kleinserie entstanden Melkus-Sportwagen RS 1000, Formel-C9-Rennwagen, B8-Rennwagen der "freien Formel" E 1300/1600 ccm, mit denen infolge ständiger anerkennenswerter Innovationen über drei Jahrzehnte der Automobilsport fortgeführt werden konnte.
Im Motorradrennsport waren im Grand-Prix-Sport die Rennsport-Motorräder aus Zschopau für alle Marken eine ernst zu nehmende Konkurrenz. In der Halbliterklasse wurde MZ 1964 als schnellster Zweitakter der Welt bezeichnet. Horst Fügner hatte 1958 den Vizeweltmeistertitel gewonnen und 1961 schickte sich Ernst Degner in der 125-ccm-Klasse an, den Weltmeistertitel zu erringen. Er hatte auf dem Sachsenring mit einer Zschopauer Rennmaschine den Weltmeisterschaftslauf gewonnen. Wenige Wochen später hätte in Schweden ein Sieg für den Welttitel gereicht. Doch dazu sollte es nicht kommen, da Degner das Rennen abbrach und MZ verließ. Die von ihm gefahrene Maschine, die dem Werk gehörte, wurde nicht aufgefunden. Die Enttäuschung in Zschopau, beim ADMV und bei den Fans war groß.
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Ebenso hart betroffen fühlten sich - aus ganz anderen Gründen - am Beginn der 60er Jahre zunächst die Motorrad-Geländesportler (Enduro). Ihnen war 1961 und 1962 die Teilnahme an den Internationalen Sechstagefahrten (Six Days) durch das Allied Travel Office in Berlin (West) oder durch die zuständigen Behörden in der BRD verwehrt worden, so daß sich die FIM zu einer Denkschrift genötigt sah, die sowohl an alle Mitgliedsverbände als auch an die anderen Sportorganisationen gesandt wurde mit der Bitte, diese Schrift auch den Regierungen zugänglich zu machen.10) Das Jahr 1963 war also ein Wiederbeginn nach einer Zwangspause bei den Internationalen Sechstagefahrten und der erste Trophy-Sieg für MZ in Spindleruv Mlyn (CSSR) der Beginn einer - damals nicht vorauszuahnenden - Erfolgsserie. Die Trophywertungen wurden außerdem 1964 in Erfurt, 1965, 1966, 1967 und 1969 (jeweils auf MZ) gewonnen, 1964 und 1965 auch der Wettbewerb um die Silbervase (1964 auf Simson GS und 1965 auf MZ). Zahllose Siege und Goldmedaillen in den verschiedenen Wertungsklassen komplettierten diese Erfolgsserie bei den Six Days.
Weitere Höhepunkte waren die EM-Titel bei den Enduro-Europameisterschaften. Die Siegesserie bei den EM leiteten 1968 Werner Salevsky (MZ 250 ccm) und Peter Uhlig (MZ 175 ccm) ein. Sie wurde fortgesetzt durch Fred Willamowski, Jens Scheffler, Harald Sturm (alle auf MZ) sowie Dieter Salevsky, Ewald Schneidewind oder Rolf Hübler (alle auf Simson).
Im Motorbootrennsport hatte Raymund Kappner den ersten Titel 1957 bei den Europameisterschaften in der Klasse 0 bis 175 ccm für den ADMV gewonnen und damit eine bis 1971 nahezu ununterbrochene Serie von Erfolgen und Rekorden der Motorbootrennsportler eröffnet. Herbert Leide distanzierte 1958 als erster mit einem Wartburg-Motor des Automobilwerkes Eisenach (AWE) alle Kontrahenten und errang den EM-Titel in der Klasse C bis 500 ccm. Bernd Beckhusen gewann 1969 den ersten Titel bei Weltmeisterschaften in der Klasse 0 bis 250 ccm und Rudolf Königer in der Klasse LX bis 1000 ccm. Gleiches gelang 1970 Peter Rosenow (0 bis 250 ccm) und Konrad von Freyburg (LX bis 1000 ccm).
Man kann nicht alles und alle aus diesem so außerordentlichen Jahrzehnt nennen. Die Aufzählung wäre aber unvollständig würde man die Leistungen von Jochen Dinse vergessen. Er nahm 1967
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im Speedway am Weltfinale teil. Zu nennen sind auch die Motorsportler beim ASK Vorwärts, bei der Sportvereinigung Dynamo, in den Werksportabteilungen Eisenach, Suhl, Zschopau, Zwickau oder Ludwigsfelde und die vielen fleißigen Mitglieder und Helfer in den Ortsclubs des ADMV. Der Veranstaltungsplan des ADMV umfaßte zum Beispiel 1967 mehr als 1000 Veranstaltungen, davon allein 200 K-Wagenrennen, 120 Rallyes für Jedermann oder 80 Trial-Veranstaltungen.11) Alles wäre ohne das Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer ebenso unmöglich gewesen wie ohne die Hilfe und Unterstützung der Industrie.
Ein zentralistischer Beschluß und seine Folgen
In Auswertung der Olympischen Spiele 1968, an denen erstmalig selbständige Olympiamannschaften aus der DDR teilnehmen konnten, und der am 1. November 1968 erfolgten Zuerkennung aller souveränen Rechte des NOK der DDR durch das Internationale Olympische Komitee (IOC), beschloß das Sekretariat des ZK der SED am 19. März 1969 die "Grundlinie zur Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980". Nun galten nur noch bestimmte, vor allem medaillen- und punktintensive olympische Sportarten als förderungswürdig.12)
Die Förderung der nichtolympischen Sportarten wurde, wie auch der ADMV erfahren mußte, schrittweise eingestellt. Der DTSB beschloss zudem Maßnahmen, die eine weitere Teilnahme an internationalen Meisterschaften - selbst in so einer erfolgreichen Disziplin, wie dem Motorbootrennsport, - unmöglich machten. Der Motorsport erhielt infolgedessen ab 1973 keinen Leistungsauftrag und sollte von nun an keine leistungssportlichen Aufgaben lösen. Es wurden auch keine Förderstellen bestätigt, der Start im nichtsozialistischen Ausland untersagt und die internationalen Beziehungen auf die Partner in den sozialistischen Ländern beschränkt. Zugleich waren die Ende 1979 gefaßten "Woltersdorfer Beschlüsse“ einzuhalten und lediglich Technik und Material aus den Ländern des RGW bei nationalen und internationalen Starts zu verwenden.
Natürlich haben die Mitglieder und die Leitungen des ADMV diesen, uns völlig unverständlichen und einschneidenden, Beschluß nicht widerspruchslos hingenommen. Und es wurde dann auch - als einzige Ausnahme - der weitere internationale Einsatz von Aktiven aus Zschopau, Suhl, Zwickau und Eisenach erreicht,
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da wirtschaftliche und wirtschaftsstrategische Interessen das erforderten und nicht mißachtet werden konnten. Der Widerstand hatte aber auch zur Folge, daß ein neuer Generalsekretär in der exekutiven Funktion im ADMV den Beschluß ab 1973 durchzusetzen hatte und Initiativen, die diesem Beschluß entgegenwirkten, geahndet wurden. Der Moto-Cross-Sport hatte besonders unter den Festlegungen zu leiden. Das einstige Spitzenfabrikat CZ war längst von solchen Fabrikaten, wie Yamaha, Husquarna oder KTM überholt worden. Und unsere Fahrer, Hoppe, Stein, Kraul, Schadenberg oder Schuhmann, riskierten Kopf und Kragen, um im Pokal einigermaßen mithalten zu können. Deshalb versuchten der ADMV-Generalsekretär Thom, der Minister für Erzbergbau, Metallurgie und Kali, Singhuber, und der Kommissionsvorsitzende, Necke, Motorräder der Marke KTM zu beschaffen. Das gelang. Aber diese Maschinen sollten nur international gefahren werden. Sie wurden allerdings, sozusagen "regelwidrig", auch bei DDR-Meisterschaften an den Start gebracht. Den verantwortlichen Funktionären wurde dann eine "Funktionspause" auferlegt.
Die Aktiven waren durch den Abbruch der Leistungsentwicklung "hart getroffen", enttäuscht und wütend. Sie steckten aber trotzdem nicht auf. Bernd Beckhusen hat die Wirkung dieses Beschlusses auf die Leistungsbesten jener Zeit treffend charakterisiert: "Blicke ich auf mein sportliches Leben zurück, so kann ich ohne weiteres sagen: Es war eine schöne, komplizierte, aber auch eine schwere Zeit. Jeder Sportler strebte nach Spitzenleistungen; das war bis 1972 möglich... Ab 1973 verbot uns Sportlern, die in einer nichtolympischen Sportart aktiv waren, die Sportleitung die Teilnahme an Titelwettkämpfen der Motorbootweltföderation. Diese Entscheidung hatte mich hart getroffen und ist mir heute noch unverständlich. An einem Beispiel möchte ich aufzeigen, wie paradox diese Entscheidung war. Der mehrmalige polnische Meister, Marszalek, gewann 1979 in Poznan seinen ersten Titel. 1980 und 1981 errang er diesen Titel erneut. In diesen drei Jahren gewann ich bis auf eine Ausnahme alle internationalen Rennen gegen Marszalek! Wie mein Vizeweltmeistertitel 1990 beweist, habe ich 20 Jahre lang zur Weltspitze in meiner Klasse gehört. Die Titel nicht verteidigen oder erringen zu dürfen, war für mich in all den Jahren sehr schmerzlich. In dem Bestreben, gegen diesen
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sportfeindlichen Beschluß anzugehen, habe ich nie aufgesteckt und mit anderen Sportfreunden den Motorbootrennsport weiter betrieben und auch weiterentwickelt. Die 1989 eingeleiteten Maßnahmen zur Veränderung dieses Beschlusses kamen leider für viele Sportler zu spät. Ich hatte zwar die Möglichkeit, im selben Jahr an der Weltmeisterschaft teilzunehmen und mußte spüren, wie schwer es war, nach fast 20 Jahren Nichtteilnahme wieder den Anschluß zu finden. Der vierte Platz war der Lohn meines Einsatzes. Der Gewinn des Weltpokals 1990 hat mich noch einmal stimuliert. Ich schreibe diese Worte nieder, um zu verhindern, daß sich so etwas in der Geschichte des Sports wiederholt."14)
Aus heutiger Sicht muß man feststellen, daß noch nach mehr als 25 Jahren die Auswirkungen dieses Beschlusses im Prozeß der Vorbereitung von Weltspitzenleistungen zu spüren sind. Wir können und dürfen aber auch nicht übersehen und vergessen, daß dadurch der Breitensport und der Sport mit Serienfahrzeugen forciert worden ist. Neben den Lizenzklassen entstanden Ausweisklassen. Die große Beteiligung machte das möglich. Die Nachwuchsentwicklung war gesichert und neue Disziplinen wurden eingeführt. Seit 1976 entwickelte sich der Auto-Cross-Sport und 10 Jahre später konnte die 19. Disziplin im Angebot des ADMV, der Rennsport mit historischen Fahrzeugen, aufgenommen werden. Der Motorsport im ADMV war finanzierbar, attraktiv, spannend und mitreißend trotz der Einschränkungen im Leistungsbereich.
Mit der Wende - nach der Wende
Die neue Situation und die Veränderungen in der Sportpolitik wurden für den ADMV ab 1988 spürbar. Viele hatten daran ihren Anteil, auch der damalige Präsident des DTSB, Klaus Eichler. Es war vor allem möglich, wieder an Welt- und Europameisterschaften teilzunehmen, 1989 beginnend mit Moto-Cross, Motorbootrennsport und Wasserski. Allerdings sind wohlüberlegte Initiativen auch wieder annulliert worden, zum Beispiel die Bewerbung des ADMV bei der FIM um einen Europameisterschaftslauf im Enduro, die vier Wochen später wieder zurückgezogen worden war. Nach einer erneuten Bewerbung16) - ein Jahr später - wurde die WM im Enduro nach Zschopau vergeben. Trotz alledem blieb aber ein Problem bestehen. Die Mark der DDR war als Binnenwährung nicht frei konvertierbar. Für den Start der Aktiven des ADMV bei
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Wettbewerben in Österreich, der BRD oder Italien waren die Kosten jeweils in frei konvertierbarer Währung zu begleichen. Und für die Übernahme eines WM-Laufes mit Startgeldverpflichtungen des Veranstalters gegenüber den Aktiven wären pro Start 18 000 bis 25 000 DM zu zahlen gewesen. Ein damals unmögliches Unterfangen. Besonderer Dank gilt deshalb dem in Hamburg ansässigen Unternehmen Burmah-Oil "Castrol", das mittels Werbevertrag maßgeblich half, allen Motorsportlern des ADMV, die Chancen hatten, vordere Plätze zu erreichen, 1989 den Start bei Europa- und Weltmeisterschaften zu ermöglichen. Dieses Unternehmen unterstützt die Aktiven des ADMV schon seit vielen Jahren. Ohne dieses Engagement wären die Erfolge der Enduro-Fahrer der ehemaligen Sportabteilungen aus Suhl und Zschopau sowie der Rallyefahrer aus Eisenach und Zwickau undenkbar gewesen.
Der außerordentliche Verbandstag des ADMV im März 1990 leitete die entscheidende Phase seiner radikalen Erneuerung ein. Während alle Sportverbände des DTSB sich dem jeweiligen Fachverband im DSB anschlossen, erhielt das neugewählte Präsidium des ADMV von den Delegierten des außerordentlichen Verbandstags den Auftrag, die Selbständigkeit zu bewahren und den Verband zu erneuern. Ein Initiativprogramm bahnte den Weg, um den ADMV zu einem modernen Motorsportverband mit einem breiten Leistungsangebot für seine Mitglieder umzugestalten.
In diesem Prozeß schlossen sich als erste die Wasserskisportler des ADMV dem Deutschen Wasserskiverband (DWSV) an. Die meisten Motorwassersport-Clubs traten dem Deutschen Motor-Yacht-Verband (DMYV) bei. Für den Automobil- und Motorradsport sollten vom ADMV 1990 nochmals, und zwar letztmalig, eigene Meisterschaften ausgeschrieben werden. Diesbezüglich waren sich alle, die Fachverbände und die Sportbehörden, die Oberste Nationale Sportkommission für den Automobilsport in Deutschland (ONS) und die Oberste Motorradsportkommission (OMK) sowie die internationalen Föderationen, FIA und FIM, einig. Als unlösbares Problem erwies sich jedoch, die Sporthoheit für die Mitglieder des ADMV selbst wahrnehmen zu können. Unter den gegebenen Bedingungen war ein Entgegenkommen - diesbezüglich bestanden keine Zweifel - nicht zu erwarten und die Weltföderationen FIA und FIM erklärten mit Bestimmtheit: "In das innerdeutsche Problem
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mischen wir uns nicht ein!" Der ADMV mußte also seinen Austritt aus den internationalen Föderationen, denen er seit 1957 beziehungsweise 1958 angehört hatte, erklären. Ab 1991 wurden dann die Sportgesetze der ONS und OMK übernommen.
Heute bietet der ADMV als eingetragener Verein (e.V.) die Leistungen eines nationalen Automobilclubs und organisiert Motorsport in den neuen Bundesländern. Im ADMV-Kalender standen 1996 insgesamt 140 Wettbewerbe, davon rund 50 mit nationalen und internationalen Prädikaten, wie Weltmeisterschaftsläufen im Moto-Cross, im Speedway und auf der Langbahn, Meisterschaftsläufen im Rallyesport, im Auto-Cross, im Kart-Sport und Trial. Der ADMV richtete das Finale zur Deutschen Speedway-Meisterschaft 1996 in Stralsund aus. Speedwayrennen in Güstrow und die Langbahn-WM-Revanche in Parchim zählten zu den bestbesuchten Bahnsportveranstaltungen in Deutschland. Mehr als 10 000 Zuschauer hatten jeweils teilgenommen. Das ADMV-Programm umfaßte auch traditionsgemäß solche Disziplinen, wie Motoball und Orientierungssport, Breiten- und Tourensport. Außerdem wurden Zweiradrallye und Geländewagentrial ausgeschrieben.
Dem ADMV gehören mehr als 10 000 Mitglieder und 170 Ortsclubs an. Allein im vergangenen Jahr wurden 800 neue Mitglieder gewonnen und sechs neue Ortsclubs gegründet. Der Verband vermittelte im Motorrad-, Wagen- und Kart-Sport etwa 950 Fahrerlizenzen und 250 Sportwartlizenzen.
Selbstverständlich bietet der ADMV mit seinen Partnern, dem Versicherungsunternehmen DAS, der FSP-Sachverständigenorganisation und dem Touristikunternehmen tuk-International einen attraktiven Service. Dieser reicht vom DAS-Euro-Schutzbrief und dem Familienschutzbrief, Leistungen des Verkehrsschutzes im Vertrags- und Sachenrecht über Serviceleistungen (einschließlich 24-Stunden-Servicetelefon), Schadensbeihilfen und der Ausstellung des AvD Camping-carnet bis zur Reisevermittlung, vielfältigen Informationen sowie dem kostenlosen Veranstaltungsticket und ermäßigten Eintrittspreisen. Neben der bisherigen Standardmitgliedschaft (Vollmitglieder 75 DM, Rentner 50 DM) kann ab 1997 außerdem zwischen der Spezialmitgliedschaft, der Euromitgliedschaft und der Supermitgliedschaft gewählt werden.
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Der ADMV ist allerdings kein autonomer Träger der ONS und OMK. Kooperationsverträge bestehen deshalb mit dem Deutschen Motorsport-Verband (DMV) und dem Automobilclub von Deutschland (AvD). Beide Vertragspartner vertreten den ADMV in der ONS und OMK, die wiederum den ADMV und die anderen Automobil- und Motorsport-Verbände in Deutschland in den internationalen Föderationen (FIA und FIM) vertreten. Sie haben also die Sporthoheit inne. Das heißt, ein direktes Mitspracherecht des ADMV fehlt. Sehr große Nachteile für unsere Mitglieder sind aber bisher nicht entstanden, wenn man von den Kosten, die der ADMV dadurch hat, einmal absieht.
Der ADMV ist also heute ein Verband, der sich vor allem der Jugend und dem Nachwuchs in den neuen Bundesländern widmet, Clubsport und regionale Wettbewerbe für seine Mitglieder anbietet, die Alltagsaufgaben und -sorgen der Automobil- und Motorradbesitzer mit ihrem Fahrzeug bewältigen hilft und die Freizeitgestaltung mit dem Fahrzeug auf vielfältige Weise unterstützt. Unter den Motorsportverbänden in der BRD zählt er neben dem ADAC, dem AvD und dem DMV mit zu den größten Verbänden. Als regionalem Verband sagen uns allerdings manche Entwicklungsschwierigkeiten voraus.17)
Diese regionale Verankerung kann - so unsere bisherige Erfahrung - durchaus eine Chance sein, wie unser mitreißendes und publikumswirksames 3. Hallen-Moto-Cross unlängst in Leipzig erneut bestätigte. Zweifellos wird das auch unsere Ausstellung anläßlich der Auto Mobil International vom 5. bis 13. April 1997 in Leipzig nachweisen, zu der wir uns mit Technik aus 40 Jahren Motorsport präsentieren werden.
ANMERKUNGEN
1) Gesetz Nr. 2, Auflösung und Liquidierung der Naziorganisationen vom 10.10.1945. - In: Amtsblatt des Kontrollrates in Deutschland Nr. 1, 29.10.1945, S. 19 -21
2) Direktive Nr. 23, Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland, vom 17.12.1945 - In: Amtsblatt des Kontrollrates in Deutschland Nr.3, 31.01.1946, S. 49
3) Vgl. ebenda
4) Ebenda
5) Vgl. ebenda
6) Vgl. Täger, H./Thom, G./ Heymann, H.: ADMV - Chronik 1957 - 1992. - Berlin 1992. - S. 9
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7) Vgl. Weißpfennig, G.: Der Neuaufbau des Sports in Westdeutschland bis zur Gründung des Deutschen Sportbundes. - In: Horst Ueberhorst (Hrsg.), Geschichte der Leibesübungen, Band 3/2. Berlin u.a.: Bartels u. Wernitz 1982. - S. 766 f.
Vgl. Nitsch, F.: Dreißig Jahre DSB - Eine kritische Bestandsaufnahme. - In: Horst Ueberhorst (Hrsg.), a.a.O., S. 843 f.
8) Vgl. Täger, H, u.a.: A.a.O., S.42 f.
9) Vgl. Ebenda, S. 17
10) Vgl. Pester, E./ Baumann, H.D.: Six Days. Chronik eines vierfachen Triumphes. - Berlin: Sportverlag 1967. - S. 28 f.
11) Vgl. Täger, H. u.a.: A.a.O., S.17 f.
12) Schumann, K.: Empirisch-theoretische Studie zu entwicklungsbestimmenden Bedingungen des Leistungssports der DDR. - Diss. Leipzig 1993, S. 232
13) Vgl Täger, H. u.a.: A.a.O., S. 22 f.
14) Beckhusen, B.: Vorwort. - In: Täger, H. u.a., a.a.O., S. 4
15) Vgl. Übersicht und Inhalt aller ADMV-Mitgliederleistungen. - In: mobil. ADMV-Zeitschrift, Heft 5-6 / 96, S. 14 - 15
16) Vgl. Antrag zur Bewerbung und Durchführung einer Weltmeisterschaftsveranstaltung im Endurosport 1990 in der DDR. - Archiv des ADMV
17) Vgl. Lindner, J.:... Der DMV ist keine Veranstalterkonkurrenz. - BSA Januar 1997, S. 30 f.
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PAAVO NURMI
Geboren am 13. Juni 1897 - gestorben am 2. Oktober 1973
Nur die Schnellebigkeit unserer Zeit erklärt, daß der legendäre Finne, der im dritten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts alle Weltrekorde von der Meilendistanz bis zum Stundenlauf hielt, im letzten Jahrzehnt fast in Vergessenheit geraten ist. Nurmis Gegner waren selten die Rivalen, aber immer die Uhr. Die Finnen waren entsetzt, als der Leichtathletik-Zeitplan für die Olympischen Spiele 1924 in Paris veröffentlicht wurde. Zwischen dem 1500-m-Finale und dem über 5000 m lagen nur 30 Minuten. Sie protestierten und erreichten, daß es dann 55 Minuten waren. Drei Wochen vor dem olympischen Finaltag, am 19. Juni, startete Nurmi einen Test. Er lief die 1500 m in der Weltrekordzeit von 3:52,6 min, eine Stunde später ließ er über 5000 m einen weiteren Weltrekord folgen: 14:28,2 min. Den olympischen Endlauf über 1500 m kontrollierte er nach Belieben, bot dem ihm als einziger folgenden USA-Läufer Raymond Watson keine Chance, zu ihm aufzuschließen, sah auf die Uhr, die er ständig in der Hand hielt, drosselte sein Tempo und beschleunigte erst ganz am Ende wieder. 55 Minuten später stand er seinem Landsmann Vilho Ritola gegenüber, der ihm den 10 000-m-Weltrekord entrissen hatte. Ritola legte ein höllisches Tempo vor, darauf spekulierend, daß Nurmi dem nicht zu folgen vermochte. Die 1000-m-Marke passierten sie nach 2:46,4 min - die gleiche Zeit, wie sie die Finalisten 1972 in München liefen -, aber Nurmi folgte ihnen wie ein Schatten. Nach der Hälfte der Strecke ging er an die Spitze. 500 m vor dem Ziel sah er ein letztes Mal auf die Uhr, warf sie dann weg und stürmte los. Ritola folgte ihm, griff ihn 15 m vor dem Ziel an, kam aber nicht vorbei. Nurmi gewann mit zwei Zehntelsekunden Vorsprung. Wie später Jesse Owens und Carl Lewis brachte er es in einem olympischen Jahr auf vier Goldmedaillen, insgesamt auf neun Gold- und drei Silbermedaillen. Der Mann, den man nicht zufällig den „großen Schweiger“ nannte, wollte seine Laufbahn mit dem Marathonsieg 1932 in Los Angeles krönen und wurde kurz vor den Spielen das Opfer einer Intrige, in der Ritter von Halt eine maßgebliche Rolle spielte. Er ließ in Deutschland untersuchen, ob der Finne für seine Starts Geld
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genommen hatte. Der in Danzig ansässige „Baltische Sportverband“ lieferte schließlich das „Belastungsmaterial“, in dem es jedoch an Widersprüchen wimmelte. Am 5. Januar 1932 erschien - so das nur im Brundage-Archiv vorhandene einzige Exemplar der „Vernehmung“ im Büro des Baltischen Sportverbands - „der vorgeladene Hugo Arndt, Vorsitzender des Kreises II Danzig und macht zu den Vorgängen - Angelegenheit Nurmi - folgende Angaben:
1/ Mir ist nur bekannt, dass Herr Nurmi die Kosten seines Aufenthalts im Centralhotel nicht beglichen hat, trotzdem er Spesen in Höhe von 8:- Dollar als Diäten für seinen Aufenthalt in Danzig erhalten hat. Erschwerend fällt ins Gewicht, daß Herr Nurmi sich zur Begleichung nicht verstand, obwohl der Wirt dringend um Bezahlung ersuchte. Herr Nurmi reiste ab, ohne den Wirt zu befriedigen,
2/ Ich habe Herrn Nurmi persönlich vom Bahnhof abgeholt. Finnische Begleitung habe ich nicht festgestellt. Auch dann nicht, als wir uns im Hotel mit Nurmi zum Frühstück hinsetzten, erschien kein finnischer Begleiter. Herr Nurmi ist also zweifellos ohne Begleitung in Danzig gewesen.“
Am 3. April 1932 tagte das Council der IAAF in Berlin und beschloß die Disqualifikation Nurmis, weil er gegen den Amateurparagraphen verstoßen habe. Die konkreten Vorwürfe: er habe sein Zimmer in Danzig nicht bezahlt und vorher auch für den ihn begleitenden Masseur, Begleiter und eine Sekretärin Diäten gefordert.
So endete die sportliche Karriere des wohl erfolgreichsten Leichtathleten der Geschichte, so behutsam man mit solchen Attributen auch umgehen soll.
Finnland „revanchierte“ sich zwanzig Jahre nach der Disqualifikation beim IOC, als es Nurmi das Olympische Feuer der XV. Spiele in Helsinki entzünden ließ.
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BERNHARD ALMSTADT
Geboren 23. August 1897 - hingerichtet 6. November 1944
Sein Traum war, Lehrer zu werden, aber der erfüllte sich nicht. Das dreizehnte Kind eines hannoverschen Schuhmachers mußte als Hilfsarbeiter helfen, die Familie zu ernähren. Schon mit jungen Jahren fand er zur sozialistischen Jugendbewegung.
1916 mußte er an die Front, desertierte im August 1918 an der Somme und lebte mehrere Monate illegal in seiner Heimatstadt. Er schloß sich der Spartakusgruppe an und wurde während der Novemberrevolution in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Der begeisterte Sportler - Mitglied der KPD seit ihrer Gründung - erwies sich schon bald als geschickter Organisator. 1924 betraute man ihn mit der Geschäftsführung der Magdeburger Zeitung "Tribüne", 1930 rief man ihn zum Essener "Ruhr-Echo". Später übernahm Bernhard Almstadt die Leitung des Arbeiter-Sport-Verlages Berlin und wurde Mitglied der Reichsleitung der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit. Nach der Errichtung der Hitlerdiktatur war er einer der führenden Organisatoren des Widerstandes der Arbeitersportler. Er wurde im Oktober 1933 verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung setzte er den antifaschistischen Kampf fort.
Im Herbst 1942 bemühte sich Anton Saefkow, nachdem ein großer Teil seiner Widerstandsgruppe von der Gestapo verhaftet und hingerichtet worden war, die Leitung der Berliner KPD wieder aufzubauen und fand in Bernhard Almstadt einen bewährten Helfer. Seine Erfahrung und seine Umsicht trugen entscheidend dazu bei, daß Widerstandsgruppen in Berliner Großbetrieben geschaffen werden konnten. Im August 1943 hatten Franz Jacob und Anton Saefkow gemeinsam mit Bernhard Almstadt Kontakt zu Ernst Thälmann in Bautzen aufnehmen können und es entstand der Plan, Thälmann zu befreien. Man knüpfte Kontakt zu einem Hilfspolizisten in Bautzen und bereitete in Irbersdorf bei Frankenberg ein illegales Quartier vor. Das Unternehmen konnte jedoch nicht in Angriff genommen werden, nachdem die Gestapo den größten Teil der Saefkow-Gruppe verhaftet hatte. Im Juli 1944 wurde auch Bernhard Almstadt eingekerkert. Am 19. September
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wurde das Todesurteil gegen den Arbeitersportler verhängt, am 6. November wurde es vollstreckt.
Das war sein letztzer Brief, den er am Morgen des Hinrichtungstages schrieb: „Meine liebe Erna, liebste Susi!
Es ist soweit. Es heißt Abschied nehmen! Die Fesseln hindern sehr. Trotzdem einige Worte.
Ich habe Euch großen Kummer gemacht, und Ihr habt mir nur Liebe und Zuneigung geschenkt. Seid mir deshalb nicht böse, ich wollte nur das Gute. Vergeht auch nicht in Trauer. Euer Leben muß weitergehen, und ich wünsche Euch für die Zukunft viel Glück und Freude. Der Tod kann auch ein Erlöser sein. Ich sehe in ihm keinen Feind, sondern einen guten Mann, der einen furchtbaren Zustand beendet.
Grüßt alle Verwandten und Freunde von mir.
Euch gilt mein letzter Atemzug, er ist erfüllt voller Dankbarkeit für Dich. Lebt wohl! Kopf hoch!
Euer Bernd“
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HERMANN TOPS
Geboren am 18. Juli 1897 - hingerichtet am 14. August 1944
Der begeisterte Turner war 1923 Mitglied der KPD geworden und vertrat sie längere Zeit als Stadtbezirksverordneter im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Sein größtes Interesse aber galt der Arbeitersportbewegung. 1931 wurde er Mitglied der Reichsleitung der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit. Nach der Machtübernahme der Faschisten half er, eine illegale Reichsleitung zu organisieren. Im Oktober 1933 wurde er das erste Mal verhaftet. Er wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt und danach entlassen. Als Anton Saefkow 1939 begann, neue illegale Gruppen in Berliner Rüstungsbetrieben zu organisieren, stellte „Männe“ Tops die Verbindung zu Robert Uhrig her und hielt sie danach aufrecht. Der Arbeitersportler galt als besonders zuverlässig und auch gewandt. Im Spätsommer 1941 gelang es der Gestapo, zwei Spitzel in die Organisation einzuschleusen. Im Februar 1942 wurde Tops verhaftet, zum Tode verurteilt und am 14. August 1944 im Zuchthaus Brandenburg mit dem Fallbeil hingerichtet.
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50. Friedensfahrt
Im Mai 1997 findet die Internationale Friedensfahrt zum 50. Mal statt. Das über vier Jahrzehnte größte und härteste Amateur-Etappenrennen der Welt ist ein Kapitel Radsportgeschichte. Obwohl oft als „Politveranstaltung“ stigmatisiert, kann ihm niemand den Ruf eines einzigartigen Rennens absprechen. Wir publizieren zur 50. Fahrt einen Beitrag des legendären Schweizer Rundfunkjournalisten Vico RIGASSI1) aus dem Jahre 1957 - also auch ein „Jahrestag“: :
Es war am 7. Januar 1957 im Sekretariat der "Union Cycliste Suisse" in Genf. Mit dem verdienten Verbandspräsidenten Dr. Marcel Castellino, der vor 50 Jahren seine erste Radrennfahrer-Lizenz gelöst hatte, unterhielt ich mich über aktuelle Radsportprobleme, als der junge Lausannner Straßenfahrer Ramon Armen gemeldet wurde, der seine neue Lizenz als "Unabhängiger"2) abholen wollte. Zur Erläuterung sei beigefügt, daß sich die Schweiz in diesem Jahr zu diesem Schritt entschlossen hat, um den vielen Nachwuchsfahrern die Möglichkeit zu geben, an französischen, italienischen und belgischen Straßenrennen teilzunehmen, die eben nur für "Unabhängige“ ausgeschrieben werden. Da sah der junge Mann den schönen Wimpel der Sektion Radsport der DDR, (der im vergangenen Oktober vom Sektionspräsidenten - Werner Scharch - anläßlich seines Besuches in Genf als Geschenk übergeben worden war und nun einen Ehrenplatz im Büro des Präsidenten gefunden hat) und spontan rief er aus: "Das Einzige, was ich bedaure, ist, daß ich nunmehr als ‘Unabhängiger' nicht mehr an der Internationalen Friedensfahrt teilnehmen kann, denn sie war für meine Kameraden und mich ein unvergeßliches Erlebnis.’“
Jawohl, der brave Maurer aus Lausanne hatte ganz recht: die Friedensfahrt ist auch für mich ein unvergeßliches Erlebnis, und wenn ich alle Gelegenheiten aufzählen müßte, bei denen ich in Freundeskreisen von der Friedensfahrt 1956 berichten mußte, so würde eine vierstellige Zahl kaum genügen.
Mit Generaldirektor Jacques Goddet in Paris, mit Direktor Dr. Giuseppe Ambrosini in Mailand. (Schöpfer der Italienrundfahrt), mit
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Direktor Dr. Bruno Roghi in Rom, den Chefredakteuren der größten europäischen Tagessportzeitungen, mit weiteren Kollegen aus allen Ländern, mit führenden Persönlichkeiten der U.C.I., mit dem mir sehr befreundeten Kanzler des lnternationalen Olympischen Komitees in Lausanne, Herrn Otto Mayer, mit dem Friseur, mit dem Straßenbahnschaffner, mit dem Briefträger, mit älteren und jüngeren Fahrern (Ferdi Kübler3) zeigte großes Interesse über alle Einzelheiten der Friedensfahrt), habe ich unzählige Male von den unvergeßlichen Eindrücken der Fahrt von Warschau über Berlin nach Prag erzählen müssen. Es ist unglaublich, welchen enormen Widerhall die Friedensfahrt in allen Ländern gefunden hat. Als in Genf der vom DDR-Fernsehen gedrehte Filmstreifen über die Friedensfahrt vom Fernsehen der Westschweiz ausgestrahlt wurde, war die Begeisterung groß. Man sagte: "Ja, der Sylvére Maés4) war auch dabei? Und der Proietti5) auch? Und die Ägypter? Und der Schur? Kann es überhaupt solche Menschenmassen geben, die in den Stadien sitzen?" Die bejahende Beantwortung dieser Fragen durch lebendige Tatsachen machte überall den besten Eindruck.
Ich will auf Einzelheiten nicht eingehen, ich will nicht wiederholen, was ich schon oft vom hohen sportlichen, völkerverbindenden und freundschaftlichen Wert der Friedensfahrt geschrieben habe, aber ich möchte einige Tatsachen anführen.
Dank der internationalen Friedensfahrt fand der Italiener Aurelio Cestari seine seit einigen Jahren vermißte liebe Schwester in Brno wieder, dank der Friedensfahrt konnte ich meinen Freunden in Annemasse in Hochsavoyen melden, daß "Capitaine Louis" (unter diesem Namen versteckte sich ein polnischer Offizier), der ein Held der französischen Widerstandsbewegung war und den ich in Lodz als Ingenieur wieder traf, immer noch lebt. Dank der Friedensfahrt traf mein Landsmann D'Agostino in Prag seinen Onkel wieder. Zwei Begebenheiten aber bleiben für mich besonders unvergeßlich. Als unser Pressewagen kurz vor Stalinogrod anhielt, sagte mir ein polnischer Knabe mit Stolz: „zehn Kilometer von hier, in meinem Heimatdorf, liegt das Grab von Chopin." Und in Görlitz vertraute mir ein 14jähriger Bursche, dem ich den Zugang zum offiziellen Hotel ermöglichte, an: "Ein Autogramm von "Täve" wünsche ich mir." Jawohl, die Internationale Friedensfahrt verdient
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den Namen einer "edlen" Sportveranstaltung, denn sie wirbt für die Freundschaft unter der Jugend der ganzen Welt.
1) Vico Rigassi war über Jahrzehnte der populärste Schweizer Rundfunkreporter und außerdem offizieller Sprecher des Weltradsportverbandes UCI bei allen Kongressen und Weltmeisterschaften.
2) In den fünfziger Jahren führte die UCI neben den Kategorien Amateur und Berufsfahrer die des Unabhängigen, der faktisch an den Rennen beider anderer Kategorien teilnehmen durfte, wenn nicht Sonderregelungen in den Ausschreibungen getroffen waren. Die Friedensfahrt hatte sich darauf eingestellt, in dem sie allen nationalen Verbänden gestattete, je drei Amateure und drei Unabhängige zu nominieren. Die einzige Ausnahme wurde 1960 gemacht, als Monaco mit fünf Unabhängigen und einem Amateur erschien.
3) Ferdi Kübler (*1919), Schweizer Radrennfahrer, 1950 Sieger der Tour de France, 1951 Straßen-Weltmeister, 1942, 1948 und 1951 Sieger der Tour de Suisse.
4) Der belgische Rennfahrer Silvere Maes (*1909) hatte 1936 und 1939 die Tour de France gewonnen.
5) Giovanni Proietti, einer der erfolgreichsten italienischen Radsporttrainer.
REZENSIONEN:
Die erste vollständige
GutsMuths-Biographie
Willi Schröders Arbeit zu Leben und Wirken des bekannten Schnepfenthaler Pädagogen wurde vom Verlag als „erste umfassende, wissenschaftlich fundierte" GutsMuths-Biographie angekündigt. Das war kein Werbetrick, sondern schlichte Wahrheit, wenn es auch manchem erstaunlich erscheinen mag, verzeichnen die Fachbibliographien doch eine große Zahl von Titeln, die GutsMuths und sein Wirken betreffen; eine alle Seiten seines Schaffens und wissenschaftlichen Anforderungen entsprechende Biographie ist nicht darunter.
Das Buch ist das Ergebnis zielgerichteter Forschungsarbeit, die vor Jahren mit der inhaltlichen Vorbereitung eines Memorialmuseums im Dachgeschoß des Schnepfenthaler Schulgebäudes begonnen und von Jahr zu Jahr vertieft und erweitert wurde, wie mehrere Einzelveröffentlichungen des Autors bezeugen. Von Anfang an waren Ansätze der Konzeption zu erkennen, die nun in ausgereifter Form realisiert worden ist: Das Leben und Wirken GutsMuths im persönlichen und gesellschaftlichen Umfeld und allseitig darzustellen; nicht nur bezogen auf seine bedeutenden Leistungen in Theorie und Praxis einer neuzeitlichen Körpererziehung, sondern auch auf sein Tun als zuverlässiger Mitarbeiter Salz-manns, der das Schnepfenthaler Philanthropinum auf- und ausbaute sowie auf alle seine anderen bedeutenden Aktivitäten und Leistungen. Die Überschriften der 10 Textkapitel spiegeln die komplexe Konzeption eindrucksvoll wider:
1. Quedlinburg - Halle - Schnepfenthal. Stationen eines erfüllten Lebens.
2. Christian Gotthilf Salzmann und sein Schnepfenthal-Projekt.
3. Alltag und Epochenbewußtsein in Schnepfenthal.
4. Johann Christoph Friedrich GutsMuths als Forscher in der Praxis bei der theoretischen Begründung seines Schnepfentheler Gym-nastiksystems.
5. Gesundheitserziehung und Persönlichkeitsbildung als vorrangige Aufgabe am Schnepfenthaler Philanthropinum.
6. Johann Christoph Friedrich GutsMuths als Reiseschriftsteller.
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7. GutsMuths als Herausgeber der "Bibliothek der Pädagogischen Literatur“.
8. Johann Christoph Friedrich GutsMuths’ geographisches Werk.
9. Zur Wirkungsgeschichte der Schnepfenthaler Gymnastik Johann Christoph Friedrich GutsMuths.
10. Das GutsMuths-Bild in der Geschichtsschreibung und in der Traditionspflege.
Angefügt sind Anmerkungen (Quellen)/ Daten zu Leben und Werk sowie eine Liste ausgewählter Literatur.
Mit Schröders Buch wird auch ein Versäumnis bisheriger sport-historischer Darstellungen - auch seiner eigenen - überwunden: die ungenügende Beachtung der Leistungen Salzmanns für die Integration der Körperbildung in das Erziehungssystem der Schnepfenthaler Anstalt, die - im Gegensatz zu anderen zeit-genössischen Einrichtungen - nicht kurzlebig war, sondern bis heute besteht. Hervorzuheben ist auch der vielfache konkrete Nachweis der historischen und sozialen Wurzeln der Schnepfen-thaler Praxis. Das Buch macht deutlich, wie fruchtbar der Ansatz des Autors ist, historische Ereignisse, Prozesse und Personen aus ihrer Zeit heraus sowie in ihrer Komplexität zu Erfassen und sie nicht mit vorgefertigten Schablonen nach passenden Fakten abzusuchen.
Für die aktuelle Diskussion von Problemen der Sportgeschichts-schreibung setzt das 10. Kapitel Maßstäbe. Eine Fülle älterer und neuerer Literatur wird sachkundig zum Thema in bezug gesetzt, und zwar unabhängig vom Erscheinungsort und vom Standort des Verfassers, was Quellenkritik und auch Selbstkritik des Autors einschließt. Wobei anzumerken ist, daß Willi Schröder seinen eigenen Beitrag zur Erschließung des Schnepfenthaler Erbes nur andeutet. In Wirklichkeit ist dieser Beitrag bedeutend gewesen - auch im Hinblick auf die Überwindung von Einengungen und Einseitigkeiten in der Erberezeption des DDR-Sports, die sich im wissenschaftlichen Meinungsstreit im Laufe der Zeit vertieft und verbreitert hat, ohne die wissenschaftliche Souveränität zu erreichen, die notwendig gewesen wäre, um ohne prinzipielle Selbstkritik zurückblicken zu können.
Der wissenschaftliche Apparat (Quellennachweise und ausgewählte Literatur) enthält das wissenschaftlich Notwendige. Der Spezialist, der sich sicher mehr davon gewünscht hätte, findet
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in den Anmerkungen viele Hinweise, die ihm helfen können, Einzel-heiten nachzugehen.
Es ist zu hoffen., daß Schröders Buch - neben der großen fach-lichen Bereicherung und dem Lesevergnügen - auch bewirkt, daß frühere DDR-Fachkollegen - trotz "Abwicklung", Entlassung oder anderer "Beitritts"-Diskriminierungen - angeregt werden, vor-handene oder neu gewonnene Forschungsergebnisse in geeigneter Form einem größeren Kreis zugängig zu machen, und zwar auch dann, wenn es nicht in Form eines Standardwerkes geschehen kann wie die hier vorgestellte Biographie.
Neben dem Autor ist auch dem Verlag und allen, die der Veröffent-lichung dienlich waren, ausdrücklich zu danken.
SCHRÖDER, Willi: Johann Christoph Friedrich GutsMuths: Leben und Wirken des Schnepfenthaler Pädagogen. -
Sankt Augustin: Academia-Verlag, 1996. 192 Seiten, 14 Abb. 48,00 DM - ISBN 3 - 88345 - 447 - 8
Günther Wonneberger
LITERATUR:
Elliptische Tretmühle
Von Egon Erwin Kisch
In der neuen Berliner Radsporthalle an der Landsberger Allee fand im Januar 1997 ein Sechstagerennen statt, das als 86. an der Spree ausgegeben wurde, bei Berücksichtigung der in der Werner-Seelenbinder-Halle ausgetragenen Amateurrennen aber bereits das 100. war. Egon Erwin Kisch war 1923 zum 10. Berliner Sechstagerennen nach Berlin gekommen und schrieb danach seine literarische Reportage „Elliptische Tretmühle“, die an die Zeiten erinnert, in denen die Rennfahrer noch pausenlos sechs Tage und sechs Nächte auf der Bahn waren. Kischs Sprache macht die Wortarmut der Sportjournalistik unserer Tage in erschreckendem Maße deutlich.
„Zum zehnten Male, Jubiläum also, wütet im Sportpalast in der Potsdamer Straße das Sechstagerennen. Dreizehn Radrennfahrer, jeder zu einem Paar gehörend, begannen am Freitag um neun Uhr abends die Pedale zu treten, siebentausend Menschen nahmen ihre teuer bezahlten Plätze ein, und seither tobt Tag und Nacht, Nacht und Tag das wahnwitzige Karussell. An siebenhundert Kilometer legen die Fahrer binnen vierundzwanzig Stunden zurück, man hofft, sie werden den Weltrekord drücken, jenen historischen Weltrekord, als in sechs nächtelosen Tagen von 1914 zu Berlin die Kleinigkeit von 4260,960 Kilometern zurückgelegt wurde, worauf der Weltkrieg ausbrach.
Sechs Tage und sechs Nächte lang schauen die dreizehn Fahrer nicht nach rechts und nicht nach links, sondern nur nach vorn, sie streben vorwärts, aber sie sind immer auf dem gleichen Fleck, immer in dem Oval der Rennbahn, auf den Längsseiten oder auf den fast senkrecht aufsteigenden Kurven, unheimlich übereinander, manchmal an der Spitze des Schwarmes, manchmal an der Queue und manchmal - und dann brüllt das Publikum: ‘Hipp,
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hipp!’ - um einige Meter weiter; wenn aber einer eine Runde oder zwei voraus hat, ist er wieder dort, wo er war, er klebt wieder in dem Schwarm der Dreizehn. So bleiben alle auf demselben Platz, während sie vorwärtshasten, während sie in rasanter Geschwindigkeit Strecken zurücklegen, die ebensolang sind wie die Diagonalen Europas, wie von Konstantinopel nach London und von Madrid nach Moskau. Aber sie kriegen keinen Bosporus zu sehen und keinen Lloyd George, keinen Eskurial und keinen Lenin, nichts von einem Harem und nichts von einer Lady, die auf der Rotten-Row im Hydepark reitet, und keine Carmen, die einen Don José verführt, und keine Sozialistin mit kurzem, schwarzem Haar und Marxens ‘Lehre vom Mehrwert’ im Paletot. Sie bleiben auf derselben Stelle, im selben Rund, bei denselben Menschen, - ein todernstes, mörderisches Ringelspiel. Und wenn es zu Ende, die hundertvierundvierzigste Stunde abgeläutet ist, dann hat der Erste, der, dem Delirium tremens nahe, lallend vom Rade sinkt, den Sieg erfochten, ein Beispiel der Ertüchtigung.
Sechs Tage und sechs Nächte drücken dreizehn Paar Beine auf die Pedale, das rechte Bein aufs rechte Pedal, das linke Bein auf das linke Pedal, sind dreizehn Rücken abwärts gebogen, während der Kopf ununterbrochen nickt, einmal nach rechts, einmal nach links, je nachdem welcher Fuß gerade tritt, und dreizehn Paar Hände tun nichts, als die Lenkstange halten; manchmal holt ein Fahrer unter dem Sitz eine Flasche Limonade hervor und führt sie an den Mund, ohne mit dem Treten aufzuhören, rechts, links, rechts, links. Ihre dreizehn Partner liegen inzwischen erschöpft in unterirdischen Boxes und werden massiert. Sechs Tage und sechs Nächte. Draußen schleppen Austrägerinnen die Morgenblätter aus der Expedition, fahren die ersten Waggons der Straßenbahnen aus der Remise, Arbeiter gehen in die Fabriken, ein Ehemann gibt der jungen Frau den Morgenkuß, ein Polizist löst den anderen an der Straßenecke ab, ins Café kommen Gäste, jemand überlegt, ob er heute die grauschwarz gestreifte Krawatte umbinden soll oder die braungestrickte, der Dollar steigt, ein Verbrecher entschließt sich endlich zum Geständnis, eine Mutter prügelt ihren Knaben, Schreibmaschinen klappern, Fabriksirenen tuten die Mittagspause, im Deutschen Theater wird ein Stück von Georg Kaiser gegeben, das beim Sechstagerennen spielt, der Kellner bringt das Beefsteak nicht, ein Chef entläßt einen Angestellten, der vier Kinder hat, vor
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der Kinokasse drängen sich hundert Menschen, ein Lebegreis verführt ein Mädchen, eine Dame läßt sich das Haar färben, ein Schuljunge macht seine Rechenaufgaben, im Reichstag gibt es Sturmszenen, in den Sälen der Philharmonie ein indisches Fest, in den Häusern sitzen Leute auf dem Klosett und lesen die Zeitung, jemand träumt, bloß mit Hemd und Unterhose bekleidet, in einen Ballsaal geraten zu sein, ein Gymnasiast kann nicht schlafen, denn er wird morgen den Pythagoräischen Lehrsatz nicht beweisen können, ein Arzt amputiert ein Bein, Menschen werden geboren und Menschen sterben, eine Knospe erblüht und eine Blüte verwelkt, ein Stern fällt und ein Fassadenkletterer steigt eine Häuserwand hinauf, die Sonne leuchtet und Rekruten lernen schießen, es donnert und Bankdirektoren amtieren, im Zoologischen Garten werden Raubtiere gefüttert und eine Hochzeit findet statt, Mond strahlt und die Botschafterkonferenz faßt Beschlüsse, ein Mühlenrad klappert und Unschuldige sitzen im Kerker, der Mensch ist gut und der Mensch ist schlecht, - während die Dreizehn, ihren Hintern auf ein sphärisches Dreieck aus Leder gepreßt, unausgesetzt rundherum fahren, unaufhörlich rundherum, immerfort mit kahlgeschorenem Kopf und behaarten Beinen nicken, rechts, links, rechts, links.
Gleichmäßig dreht sich die Erde, um von der Sonne Licht zu empfangen, gleichmäßig dreht sich der Mond, um der Erde Nachtlicht zu sein, gleichmäßig drehen sich die Räder, um Werte zu schaffen, - nur der Mensch dreht sich sinnlos und unregelmäßig beschleunigt in seiner willkürlichen, vollkommen willkürlichen Ekliptik, um nichts, sechs Tage und sechs Nächte lang. Der Autor von Sonne, Erde, Mond und Mensch schaut aus seinem himmlischen Atelier herab auf das Glanzstück seines Oeuvres, auf sein beabsichtigtes Selbstporträt, und stellt fest, daß der Mensch - so lange wie die Herstellung des Weltalls dauerte - einhertritt auf der eig'nen Spur, rechts, links, rechts, links, - Gott denkt, aber der Mensch lenkt, lenkt unaufhörlich im gleichen Rund, wurmwärts geneigt das Rückgrat und den Kopf, um so wütender angestrengt, je schwächer seine Kräfte werden und am wütendsten am Geburtstage, dem sechsten der Schöpfung, da des Amokfahrers Organismus zu Ende ist, und hipp, hipp, der Endspurt beginnt. Das hat Poe nicht auszudenken vermocht: daß am Rand seines fürchterlichen Mahlstroms eine angenehm erregte
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Zuschauermenge steht, die die vernichtende Rotation mit Rufen anfeuert, mit Hipp-Hipp! Hier geschieht es, und hier erzeugen sich zweimal dreizehn Opfer den Mahlstrom selbst, auf dem sie in den Orkus fahren.
Ein Inquisitor, der solche Tortur, etwa ‘elliptische Tretmühle’ benamst, ausgeheckt hätte, wäre im finstersten Mittelalter selbst aufs Rad geflochten worden, - ach, auf welch ein altfränkisches, idyllisches Einrad! Aber im zwanzigsten Jahrhundert muß es Sechstage-Rennen geben. Muß! Denn das Volk verlangt es. Die Rennbahn mit den dreizehn strampelnden Trikots ist Manometerskala einer Menschheit, die mit Wünschen nach äußerlichen Sensationen geheizt ist, mit dem ekstatischen Willen zum Protest gegen Zweckhaftigkeit und Mechanisierung. Und dieser Protest erhebt sich mit der gleichen fanatischen Sinnlosigkeit, wie der Erwerbstrieb, gegen den er gerichtet ist. ... Ist es ein Unfall, wenn der Holländer Vermeer in der zweiten Nacht in steiler Parabel vom Rad saust, mitten ins Publikum? Nein: out. Ändert es etwas, daß Tietz liegenbleibt? Nein, es ändert nichts, wenn die Roulettekugel aus dem Spiel schnellt. Man nimmt eine andere. Wenn Einer den Rekord bricht, so wirst du Beifall brüllen, wenn einer den Hals bricht - was geht's dich an? Hm, ein Zwischenfall. Oskar Tietz war Outsider vom Start an. Das Rennen dauert fort. Die lebenden Roulettebälle rollen. ‘Hipp, Huschke! Los Adolf!’ - ‘Gib ihm Saures!’ ‘Schiebung!’
Von morgens bis mitternachts ist das Haus voll, und von mitternachts bis morgens ist der Betrieb noch toller... Im Innenraum sind zwei Bars mit Jazzbands, ein Glas Champagner kostet dreitausend Papiermark, eine Flasche zwanzigtausend Papier-mark. Nackte Damen in Abendtoilette sitzen da, Verbrecher im Berufsanzug (Frack und Ballschuhe), Chauffeure, Neger, Aus-länder, Offiziere und Juden. Man stiftet Preise. Wenn der Spurt vorbei ist, verwendet man die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Kurve, sondern auf die Nachbarin, die auch eine bildet. Sie lehnt sich in schöner Pose an die Barriere, die Kavaliere schauen ins Decolleté, rechts, links, rechts, links. Das Sechstagerennen des Nachtlebens ist es. Im Parkett und auf den Tribünen drängt sich das werktätige Volk von Berlin, Deutschvölkische, Sozialdemokraten, rechts, links, rechts, links, alle Plätze des Sportpalastes sind seit vierzehn Tagen ausverkauft, Logen und
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Galerien lückenlos besetzt, rechts, links, rechts, links, Bezirke im Norden und Süden müssen entvölkert sein, Häuser leerstehen, oben und unten, rechts und links... Es gehört zur Ausnahme, daß das Vergnügen vorzeitig unterbrochen wird, wie zum Beispiel das des sportfreudigen Herrn Wilhelm Hahnke, aus dem Hause Nr. 39 der Schönhauser Straße. Am dritten Renntage verkündete nämlich der Sprecher durch das Megaphon rechts, links, rechts, links, den siebentausend Zuschauern: ‘Herr Wilhelm Hahnke, Schönhauser Straße 39, soll nach Hause kommen, seine Frau ist gestorben.’“
ZITATE:
„Sportmedaillen sind ein nationales Anliegen“
Bundesinnenminister Manfred Kanther gab im Deutschlandfunk ein aufschlußreiches Interview. Aufschlußreich sowohl was die Intentionen der Bundesregierung gegenüber dem Sport betrifft als auch was die Methoden betrifft, mit denen die Bundesregierung diese Intentionen durchsetzt. Unser Auszug umfaßt etwa ein Achtel des Interviews.
DEUTSCHLANDFUNK: Das neue Konzept der Leistungsstützpunkte im deutschen Sport - Sie haben's gefordert und Sie haben's bekommen. Die Koordinierung der Sportwissenschaft hatten Sie verlangt - und nach einer Haushaltssperre ist auch dies durchgesetzt worden. Und jetzt als jüngstes Beispiel das Trainerkonzept: Es wurde geliefert, - die angedrohte 5 Millionen-Sperre mußte gar nicht erst beigezogen werden. Was sagt denn die Führung des Deutschen Sportbundes zu dieser Art politischer Vorgabe?
Manfred Kanther: Na, das nenne ich nicht politische Vorgabe, wäre auch nicht mein Verständnis von der Subsidiarität, der Nachrangigkeit des Staates in diesen Fragen. Etwas anderes ist geschehen: Mit dem Druckmittel der Haushaltssperre haben die Haushälter das Verfahren beschleunigt. Große Institutionen mit langen Übungen haben es oft auch an sich, daß die Besitzstände geheiligt sind. Wenn sich nichts ändert, beschwert sich auch niemand ...
DEUTSCHLANDFUNK: ... Sie meinen den unbeweglichen Tanker Deutscher Sportbund?
Manfred Kanther: "Es gibt viele große Tanker in unserem Lande, denen wir im Augenblick ein bißchen mehr Fahrt beibringen müssen... Und wenn das Geld knapp wird, dann ist es die Aufgabe der Regierung, dafür zu sorgen, daß es so effizient wie möglich ausgegeben wird... die Steuerbürger
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wollen dieses Geld umgewandelt sehen in große, erstklassige, sportliche Leistungen...
DEUTSCHLANDFUNK: Stichwort Effektivität und damit zu einem anderen aktuellen Ereignis, zu einer anderen aktuellen Frage: Ist dieses Nebeneinander von Deutschem Sportbund, Nationalem Olympischen Komitee, Stiftung Deutsche Sporthilfe, auch noch ein bißchen Deutsche Olympische Gesellschaft - ist das nach Ihrer Auffassung noch zeitgemäß?
Manfred Kanther: Das ist eine Frage, über die viel philosophiert wird und zum Beispiel ein Punkt, in dem ich derzeit nicht glaube, daß der Staat die Vorgaben machen sollte. Die Beteiligten atmen den gleichen Geist, wir wollen den deutschen Sport in der Welt vorzeigen können. Wir wollen im Wettkampf gewinnen...
DEUTSCHLANDFUNK: ... Sind Sportmedaillen ein wichtiges, ein sehr wichtiges nationales Anliegen?
Manfred Kanther: Ja, sie sind ein nationales Anliegen. Sie sind in einem Teilaspekt Ausweis des Leistungsvermögens eines Volkes. Und daß Siege dann das Volk begeistern, finde ich ganz natürlich...
DEUTSCHLANDFUNK: Nun erleben im Augenblick die Kinder- und Jugend-Sportschulen der DDR eine gewisse Renaissance...
Manfred Kanther: Dieses Vorbild finde ich nicht gut. Denn Sport, auch Spitzensport und Medaillen, sind in meinen Augen nichts, was krampfhaft herbeigeführt werden darf. Dann gelingt auch nichts. Ich kann nicht erkennen, daß die Dressurakte gegenüber Kindern, mit denen sich zehn Jahre später der Staat im Systemvergleich schmücken will, ein humaner Ansatz für den Sport ist. Etwas ganz anderes ist es, Kindern kindgerecht, frühzeitig Gelegenheit zum Training zu geben, sie gut zu leiten, dieses auch in besonderen Schulen zu tun, und an den Schulen zum Beispiel Leistungskurse in Sport anzubieten...
DEUTSCHLANDFUNK: Nun hat sich ja die Welt seit 1989 spätestens verändert, den Wettkampf der Systeme von Ost und
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West gibt es nicht mehr. Tut der Sport nicht so im internationalen Vergleich, als ob es diese Veränderung nie gegeben habe?
Manfred Kanther: Nein, das finde ich eigentlich nicht. Wir haben ja mit dem Aufdecken der Karten nach 1989, was die östlichen Sportsysteme angeht, viele höchst unerfreuliche Einblicke erfahren. Die Dopingseite oder die Dressur von Kindern zu sportlichen Höchstleistungen, die dann zurückbleiben im Grunde genommen in menschlich und körperlich betrüblicher Verfassung. Das alles ist ja nie unsere Sportwelt gewesen, darf es auch nicht werden...
DEUTSCHKLANDFUNK: Also, die von Ihnen beschriebene Gradlinigkeit wird ja nicht von jedem gesehen. Nach wie vor gibt es ja doch eine Vielzahl von Stasi-Mitarbeitern und Doping-Verabreichern, die im deutschen Sport tätig sind... Hat man nicht gelegentlich den Eindruck, daß Bonn in diesem Punkt ein bißchen resigniert hat, was die Vergan-genheitsbewältigung betrifft?
Manfred Kanther: Nein, wissen Sie, wir haben Gottseidank eine unblutige Revolution hinter uns. Wir haben an der einen oder anderen Stelle PDS-Bürgermeister und betrübliches Wahlabschneiden der Ex-Kommunisten. Und nun wäre es ein Wunder, wenn es an der einen oder anderen Stelle solche Erscheinungen auch im deutschen Sport gäbe, wo es sie in der Politik oder in der Wirtschaft oder in der Kultur auch gibt...
Zu Dopingforschungen in der BRD 1968
Wie aktuellen Zeitungsmeldungen zu entnehmen war, soll demnächst ein Doping-Prozeß gegen Ärzte, Trainer und Funktionäre des DDR-Sports in Gang gesetzt werden. Diesen Nachrichten zufolge, stützt sich die Anklage vornehmlich auf Akten, die ihr die Gauck-Behörde zur Verfügung stellte. Deren fachliche Qualifikation in diesen Fragen wird gemeinhin angezweifelt. Wir zitieren eine wissenschaftliche Arbeit,
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veröffentlicht im November 1968 im Offiziellen Organ des „Deutschen Sportärztebundes e.V.“(11/1968) mit dem Hinweis: „Aus der Sportmedizinischen Abteilung des Staatlichen Hochschulinstituts für Leibeserziehung Mainz (Direktor: Prof. Dr. B. Wischmann)“ Der Autor der mit „Über den Einfluß anaboler Wirkstoffe auf Körpergewicht, Muskelkraft und Muskeltraining“ überschriebenen Untersuchung ist Manfred Steinbach. Der in den fünfziger Jahren in der DDR- und in den sechziger Jahren in der BRD-Nationalmannschaft startende Leichtathlet promovierte und habilitierte als Sportmediziner und wurde später hochrangiger Regierungsbeamter in Bonn.
Seit erdenklichen Zeiten bemüht sich der Mensch um einen wohlgeformten Körper und um optimale Körperfunktionen. Beim Manne spielen dabei Muskelprofil und Muskelkraft eine hervorstechende Rolle... Heute wissen wir, daß Wachstum und Differenzierung der Gewebe, hier speziell der Muskulatur im Rahmen der erblich abgesteckten Möglichkeiten (Nöcker) durch die androgenen Hormone stattfinden. Als deren biologisch wirksamstes hat sich das in den Leydigschen Zellen des Hodens entstehende Steroid Testosteron erwiesen, dessen Stoffwechsel unter anderem zum Auftreten von Andosteron (Butenandt) im Harn führt. Neben den Hoden sind aber auch die Nebennierenrinden zur Produktion androgener Steroide in der Lage, allerdings sind diese der biologischen Wirksamkeit des Steroids Testosteron unterlegen... Der Leistungssportler unserer Tage ist nun auf diese Sachverhalte gestoßen und dabei, sich in steigendem Maße diese Chance zunutze zu machen, um eventuell mit geringerem Training gleiches oder bei gleich intensivem Training mehr zu erreichen. Es steht außer Zweifel, daß wir es hier mit einer Variante des Dopings zu tun haben, nicht ohne Grund finden sich die zitierten Ergebnisse Hettingers in
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einem „Doping“ genannten Sammelwerk... Viele der besten Sportler glauben ziemlich fest daran, daß manche aufsehenerregende Leistung unserer Tage unter Beteiligung entsprechender Präparate erfolgt ist, zumal in Einzelfällen auch schier unfaßbare Aufbesserungen im Körperbau imponieren. In erklärlicher Sorge, nun ins Hintertreffen zu geraten, wird der Sportarzt ständig mit entsprechenden Wünschen von den Athleten angegangen... Diese Tendenzen im Verein mit einer gewissen Unsicherheit, inwieweit die vorwiegend gebrauchten und verlangten Substanzen überhaupt geeignet sind, den gewünschten Effekt hervorzurufen, gaben den Anstoß zur vorliegenden Untersuchung. Unangestastet bleibt dabei die Tatsache, daß nach unseren derzeitigen Bestimmungen jede Applikation derartiger Substanzen ebenfalls als Doping gelten muß, wenngleich andererseits erhebliche Schwierigkeiten entstehen dürften, wenn es darum geht, etwa in der Sommersaison die Anwendung von Hormonen in der winterlichen Vorbereitungsphase nachzuweisen... In einer 1959 veröffentlichten experimentellen Untersuchung stellen Desaulles und Mitarbeiter mehrere Anabolica vor. Dabei handelt es sich um 17-alpha-Methyl-17-beta-hydroxy-androsta-1-4-dien-3-on (Dianabol), 17-alpha-Aethyl-19-nor-testosteron, 19-nor-testosteron-phenylpropionat und 4-chlor-testosteronacetat. Es war in der Tat gelungen, bei den einzelnen Substanzen zwar recht unterschiedlich, immerhin aber einheitlich auf den Anabolismus ausgerichtete Medikamente zu erstellen... Wir hatten uns vorgenommen, die Wirkung von 17-alpha-Methyl-17-beta-hydroxy-androsta-1-4-dien-3-on (Dianabol) auf das Körpergewicht und die Muskelkraft bei gesunden Jugendlichen festzustellen. Darüber hinaus galt es, Trainingseffekte auf die Arm- und Beinkraft mit und ohne das Präparat zu ermitteln. Zu diesem Zweck wurden 125 Jungen im Alter von 17 - 19 Jahren 3,5 Monate lang in einer Untersuchungsreihe erfaßt... Jeweils 13
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Probanden der Gruppen C und D beschränkten sich dabei auf das Beintraining, die restlichen 12 auf ein Armtraining... Wir halten fest, daß das verabfolgte Anabolicum die Zunahme des Körpergewichts deutlich heraufsetzt... Bedeutsam aber ist die Tatsache einer einwandfreien Erhöhung der Armkraft-Zuwachsrate bei ebenfalls nur 40prozentiger Belastung und gleichzeitiger Dianabolgabe... Abgesehen von einem Fall mit leichter Akne und 2-3 Fällen mit leichten vegetativen Störungen, deren Verursachung durch das Anabolicum keinesfalls als erwiesen anzusehen ist, waren keine Nebenwirkungen zu beobachten. Sichtbare Veränderungen oder Funktionsbeeinflussungen im Sexualbereich traten nicht in Erscheinung... gelingt es tatsächlich, bei verminderter Trainingsbelastung die Ergebnisse zu erreichen, die sonst erst bei stärkerem Training auftreten. Durch gezieltes Training eines Organes, etwa des rechten Armes, wodurch dieser isoliert zu kärftigen ist, kann auch der Dianaboleffekt dorthin verlagert werden, dem zufolge eine Potenzierung der reinen Trainingswirkung möglich wird... Nach bisherigen Beobachtungen erweist sich das Anabolicum als ziemlich ungefährlich, dennoch ist es, falls Indikationen gegeben sind, nur unter strenger ärztlicher Aufsicht zu verordnen.
Sportarzt und Sportmedizin; Köln, 11/1968
Wo gehobelt wird, geschieht mit
Stasi-Akten nicht nur Objektives
Der Sport war seit der Gründung der Gauck-Behörde 1990 von den Folgen der Sensationslust der Medien häufig betroffen und wird es immer wieder, meist rigoroser als politische, wissenschaftliche oder kulturelle Gesellschaftsbereiche. Die allgemeine Popularität des Sports und die Schnelligkeit, mit der dessen Akteure im guten wie im schlechten einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen können, beförderten den Sport zu einer bevorzugten Bühne für Stasi- und damit korrespondierende Doping-Bezichtigungen. Bei annähernd allen diesbezüglichen Recherchen dienten die Stasi-Akten als Alibi
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für die Verletzung des Objektivitätsprinzips, neben belastenden auch entlastende Fakten zu suchen. Öffentliche Beschuldigungen und Verurteilungen früherer Spitzensportler, Trainer, Mediziner und Wissenschaftler des DDR-Sports erfolgten in den Medien meist ohne Wertung der individuellen Sachverhalte, ohne Berücksichtigung der vom damaligen Machtapparat ausgeübten Zwänge und ohne hinreichende Unterscheidung zwischen den verantwortlichen Schuldigen, und ihren mehr oder minder freiwillig tätigen Handlungsgehilfen. Die im Einzelfall daraus resultierenden Ansehensbeschädigungen und beruflichen Konsequenzen sprechen nicht generell gegen die Gauck-Behörde, mindern jedoch die Zufriedenheit mit ihren Verfahrensweisen. Wieder bewahrheitet sich die Richtigkeit eines Sprichworts: Wo gehobelt wird fallen Späne. Aber längst nicht jeder, der den Hobel führt, ist ein Humanist im Dienst des Rechtsfriedens.
Willi Ph. Knecht
Sächsische Zeitung, Dresden, 26./27. Oktober 1996
21 Mannschaften auf einem Platz
...Wer ist denn die öffentliche Hand? Das ist doch ein System zur Organisation unseres gesellschaftlichen Lebens. Dafür zahlen wir unsere Steuern. Nach wie vor sind wir eins der reichsten Länder der Erde. Es geht um die Prioritäten bei der Verwendung der Steuermittel. Und es ist ja nicht so, daß der Sportstättenbau nur die Kommunen angeht, die im Geld schwimmen. Soweit Anlagen des Schulsports betroffen sind, handelt es sich um eine staatliche Pflichtaufgabe. Solche Anlagen werden nach Schulschluß auch von Sportvereinen frequentiert. Diese Mehrfachvergabe ist vorbildhaft und zeigt, wie effektiv öffentliche Infrastruktur genutzt werden kann.
Gerade in den neuen Ländern muß darauf hingewiesen werden, daß Sportstätten häufig das einzige sinnvolle Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche ermöglichen. Hier ist nicht Sparen angesagt, sondern eine Verstärkung der Anstrengungen zur Schaffüng eines zeitgemäßen Angebots, auch im Interesse einer sparsamen Haushaltspolitik. Denn andernfalls drohen ungeplante Ausgaben durch Desorientierung und Langeweile der Jugendlichen bis hin zu Vandalismus und Kriminalität. Eine neue Offensive im
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Sportstättenbau hat also nicht zuletzt auch eine sozial- und jugendpolitische Begründung... Das Sprichwort „Not macht erfinderisch" wird hier erneut bestätigt. Die Sportlerinnen und Sportler in den neuen Bundesländern haben ja nicht etwa klagend die Hände in den Schoß gelegt, sondern sie haben tatkräftig und kreativ versucht, das Beste aus einer schlechten Situation zu machen. Ich kenne Beispiele, wo auf einem einzigen Fußballfeld 21 Mannschaften trainieren und spielen, beim Training vier gleichzeitig.
Dr. Hans-Georg Moldenhauer, Vizepräsident des DSB, zuständig für die neuen Bundesländer
DSB PRESSEDIENST 21.Januar 1997
Die Nazis brachten
Nationalspieler Hirsch um
Olympische Spiele 1912 in Stockholm: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trifft auf Rußland. Es wird das Spiel zweier Rekorde: das 16:0 ist bis heute der höchste Länderspielsieg einer deutschen Mannschaft und zehn Tore, wie sie damals der Karlsruher Gottfried Fuchs schoß, hat kein deutscher Spieler mehr in einer Partie erzielt.
Der am 3. Mai 1889 in Karlsruhe geborene Fuchs zählte zu den besten deutschen Fußballern vor dem Ersten Weltkrieg. Mit Fritz Förderer und Julius Hirsch bildete er das seinerzeit berühmte Karlsruher Sturmtrio, das 1910 mit dem KFV deutscher Meister wurde. In der Nationalelf hatte Fuchs es mit starken Konkurrenten zu tun; so kam er nur auf elf Länderspiele, das letzte am 23. November 1913. Nach dem Krieg wechselte Fuchs zum Düsseldorfer SC.
Neben Fuchs war sein damaliger Karlsruher Kollege Hirsch Deutschlands zweiter und bis heute letzter Nationalspieler jüdischen Glaubens. Der 1892 ebenfalls in Karlsruhe geborene Hirsch gab 1911 bei der 1:4-Niederlage gegen Ungarn sein Debüt im Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 1913 schloß sich der Außenstürmer der Spielvereinigung Fürth an, mit der er 1914 Deutscher Meister wurde. Nach dem Krieg wechselte Hirsch wieder zum KFV und blieb dort bis 1925.
Der Leidensweg für Gottfried Fuchs und Julius Hirsch begann mit der Herrschaft der Nazis. Am 10. April 1933 reichte Hirsch sein
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Austrittsgesuch beim Karlsruher FV ein: „Ich lese heute, daß der KFV einen Entschluß gefaßt hat, daß die Juden aus den Sportvereinen zu entfernen seien“, begründete er „bewegten Herzens“ seinen Austritt und wies darauf hin, „daß es in dem heute so gehaßten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden“ gibt. 1918 war sein Bruder Leopold im Weltkrieg für Deutschland gestorben.Zwar versuchten die KFV-Verantwortlichen, Hirsch zu halten, sie beugten sich aber schließlich höheren Anweisungen: Hirsch mußte den KFV verlassen. Kurz darauf verlor er auch seinen Arbeitsplatz. 1933/34 arbeitete er kurzzeitig als Trainer im Elsaß. Bewerbungen um Trainerstellen in Colmar und Charleville wurden allerdings negativ beschieden. 1937 entschloß Fuchs sich zur Flucht; es gelang ihm, nach Kanada zu emigrieren. Sein Torrekord wurde aus den Ranglisten des deutschen Fußballs gestrichen, er selbst wurde zur Unperson erklärt.
Hirsch blieb in Deutschland und arbeitete zwischen 1937 und 1938 als Hilfslohnbuchhalter für eine jüdische Firma in Ettlingen-Maxau. Im Juli 1938 sprang Hirsch nach einem Verwandtenbesuch in Frankreich aus dem fahrenden Zug und wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Als er wenige Tage später von den Ereignissen der Reichsprogromnacht erfährt, verschlimmerte sich seine psychische Situation weiter. Um seine evangelische Frau zu schützen, reichte er 1939 die Scheidung ein. Aber er vereinsamte noch mehr...
Im Februar 1943 wurde Julius Hirsch mitgeteilt, daß er sich zu einem „Arbeitseinsatztransport“ einzufinden habe. In der Überzeugung, daß die Gerüchte über den Massenmord an den Juden nicht der Wahrheit entsprachen und ihm nichts passieren könne, schlug er das Angebot eines befreundeten Lokführers, ihn aus Deutschland rauszubringen, aus. Am 1. März 1943 wurde Hirsch abgeholt und nach Auschwitz abtransportiert. Zwei Tage später verschickte er sein letztes Lebenszeichen: eine Postkarte an seine Tochter Esther. Danach verlieren sich alle Spuren; es ist nicht einmal bekannt, ob Hirsch in Auschwitz ankam. Seine Kinder Heinold und Esther, die als „Mischlinge 1. Grades" am 14. Februar 1945 ins KZ Theresienstadt deponiert wurden, überlebten. 1950 erklärte das Amtsgericht Karlsruhe Hirsch mit Datum vom 8. Mai 1945 für tot und verfügte eine „Entschädigung“ von 3450 Mark.
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Erst in den späten 50er Jahren erinnerte man sich in Deutschland wieder an die Karlsruher, und die Statistiken des DFB wurden berichtigt. Sepp Herberger persönlich hatte sich für den vergessenen Torjäger Gottfried Fuchs eingesetzt. Als 1955 zum ersten Mal eine deutsche Nationalelf in der Sowjetunion antrat, ließ er zur Erinnerung an den zehnfachen Torschützen von 1912 eine Grußkarte nach Kanada unterschreiben. Doch Fuchs kam nicht mehr zurück in das Land, in dem er erst gefeiert und dann verfolgt wurde. Er starb 1972 in Montreal. Im Nachruf der lokalen Karlsruher Zeitung hieß es: „Politische Ereignisse zwangen ihn dazu, seine Heimat zu verlassen.“
Peter Mast
Frankfurter Rundschau, Frankfurt/Main 26.2.97
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GEDENKEN:
Hugo Döbler
Am 29. September 1996 verstarb im Alter von 70 Jahren der verdienstvolle Hochschullehrer und international anerkannte Sportwissenschaftler Prof. Dr. Hugo Döbler infolge eines Herzversagens.
Er gehörte zu den ersten Sportstudenten der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK). Nachdem er das Studium aktiv-schöpferisch mitgestaltete und als einer der Besten mit dem Diplom 1952 abschloß, wurde in einer dreijährigen wissenschaftlichen Aspirantur die Qualifizierung fortgesetzt. Dabei nahm er auch bereits Lehraufträge wahr. In der Aspirantur erarbeitete er seine Dissertationsschrift beim Altvater der Bewegungslehre in Leipzig, Prof. Dr. Kurt Meinel. Das Thema "Die Kombinationsmotorik im Sportspiel" zeigte bereits, welche Richtung in der Sportwissenschaft ihn besonders interessierte. Sein ständig eng mit der DHfK verbundenes Berufsleben war der Theorie und Methodik der Sportspiele gewidmet.
Auch in der eigenen Sportpraxis wandte er sich den Sportspielen zu. Er bewies dabei Können und Vielfalt, was den theoretischen Leistungen zugute kam. Die gesuchte enge Verbindung von Theorie und Praxis kam auch durch die frühzeitig aufgenommene und vielseitige Trainertätigkeit zum Ausdruck. Sie begann in der Sektion Rugby der Hochschulsportgemeinschaft der DHfK, führte über die Trainertätigkeit in der Eishockeynationalmannschaft und ging hin bis zur Cheftrainertätigkeit im Fußballverband der DDR. So hatte er auch Anteil am Olympiasieg der DDR-Fußball-Nationalelf in Montreal (1976).
Ständige aktive Betätigung und Übernahme von Aufgaben in den Spielsportverbänden brachten ihm Freude, Erfolge, Ehrungen - aber vor allem einen Erfahrungsschatz, der eine tragfähige Grundlage für seine Theoriebildung und Lehre sowie seine umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten war.
Gemeinsam mit seinem hohen Selbstanspruch, der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sowie seiner beispielgebenden Kommunikationsfähigkeit ergab sich folgerichtig eine
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beeindruckende Laufbahn als Hochschullehrer und Wissenschaftler.
An der Leipziger Sporthochschule hatte er bereits in den Jahren 1956/57 die Leitung des Instituts Bewegungslehre inne, ab 1957 leitete er langjährig das Institut und den Wissenschaftsbereich Sportspiele sowie die Forschungsgruppe Sportspiele. In dieser Zeit erfolgten die Berufungen zum Hochschuldozenten 1961 und 1969 zum Professor für Theorie und Methodik der Sportspiele. Mit der Gründung von Sektionen an der DHfK übernahm er die Sektion, in der neben den Sportspielen die Kampfsportarten sowie Gymnastik und Turnen angesiedelt waren. Die übergreifende sportwissenschaftliche Arbeit wurde fortgesetzt in der erfolgreichen Tätigkeit als Dekan der Fakultät für Sportmethodik sowie als Prorektor für Wissenschaftsentwicklung.
Sein eigener Beitrag zur Wissenschaftsentwicklung war bedeutend. Es entstanden Ergebnisse aus seiner umfangreichen konzeptionellen und Forschungsarbeit. Er brachte sich mit ein bei der Betreuung von über 30 A- und B-Promoventen, die ohne Ausnahme voller Dank und Hochachtung ihres Betreuers gedenken.
An die 100 Veröffentlichungen stammen aus seiner Feder, davon 20 Buchveröffentlichungen als Haupt- oder Mitautor.
Der "Abriß einer Theorie der Sportspiele" (1969) ist als Beispiel einer gefragten Veröffentlichung zu nennen. Erarbeitet und erschienen war sie zunächst als Anleitung für das Fernstudium der DHfK 1969. Nachgedruckt wurde sie als grundsätzliches Studienmaterial zum Lehrgebiet Sportspiele. Sie diente zur Ausbildung nicht nur im nationalen Rahmen. Ein Hochschullehrbuch "Sportspiele" (1988) wurde von ihm in Zusammenarbeit mit G. Stiehler und I.Konzag erarbeitet, das als ein grundlegendes Werk für die Ausbildung von Sportlehrern und Trainern zählt. Er war als Mitautor für Lexika, viele Fachbücher und Sammelbände zur Sportwissenschaft gefragt.
Wenn Prof. Dr. Döbler sich auch den großen Sportspielen hauptsächlich zuwandte, so bezog seine Theoriebildung die Gesamtheit der Spiele ein, und er diente durch Veröffentlichungen auch dem Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport. Hier ist das Handbuch "Kleine Spiele" hervorzuheben. Das Buch, welches er zusammen mit seiner Frau Erika Döbler erarbeitete, erfuhr kurz vor seinem 70. Geburtstag die 20. Auflage. Es wurde auch in andere
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Sprachen übersetzt, u.a. ins Japanische. Durch herausragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Theorie und Methodik der Kleinen Spiele und der Sportspiele hat er im In- und Ausland hohe Anerkennung erworben.
Das Urteil von Prof. Dr. Döbler war in Fachkreisen gesucht. Er fertigte z.B. 70 Gutachten für Doktoranden an. Prof. Dr. Döbler fühlte sich mit einem großen Teil der Arbeitskollegen eng verbunden. Seine Aufrichtigkeit, das sich entwickelnde Vertrauen, seine Toleranz und sein Taktgefühl führten häufig dazu, daß aus Kollegen, Nachwuchswissenschaftlern, Mitstreitern in Theorie und Praxis oder anderweitigen Weggefährten Freunde wurden.
Sein Freundeskreis war groß und seine Ausstrahlung auf die Freunde war stark. Für seine Freunde waren Begegnungen mit ihm eine Bereicherung für Herz und Verstand. Wie er humanistische Bildung und feinfühliges Verhalten bewies, das war und ist beispielhaft. Gewürzt war das mit einem Schuß Humor, der aus der Tiefe seiner positiven Lebenseinstellung kam. Alle, die Prof. Dr. Döbler erleben durften, zollen ihm Hochachtung und spüren mit Betroffenheit den großen Verlust. Das Lebenswerk und die Verdienste von Prof. Dr. Döbler werden ebenso in steter Erinnerung bleiben wie seine außerordentlichen menschlichen Qualitäten.
Eberhard Schramm

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Beiträge zur Sportgeschichte
Heft 5 / 1997
INHALT:
DISKUSSION / DOKUMENTATION
Olympische Spiele 1956 in Melbourne und die Deutschen
Gerhard Oehmigen 4
DOKUMENT
Bericht der BRD-Botschaft zur Olympiamannschaft 1956
(Auszüge) 10
DOKUMENT
Bericht des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR über die Teilnahme von DDR-Sportlern an den Olympischen Spielen 1956
(Auszüge) 22
Operation Friedensfahrt
Klaus Huhn 34
Fragen und Fragwürdiges
Margot Budzisch und Heinz Schwidtmann 43
Olympische Erinnerung Ost
Peter Frenkel 53
Olympische Erinnerung West
Hildegard Kimmich-Falck 55
INTERVIEW
Olympische Zukunft untersuchen
Sven Güldenpfennig 56
REPORT
"Verhör" eines Zeitzeugen
Roland Sänger 60
JAHRESTAGE
Gedanken eines Scheidenden
Baron Pierre de Coubertin 64
Bilder eines Lebens - Ernst Jokl
Kurt Franke 68
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Glückwunsch und Schatten - Georg Wieczisk
Klaus Eichler 72
Die furchtbare Münchner Nacht
Klaus Huhn 76
REZENSIONEN
Sport - eine Kulturgeschichte im Spiegel der Kunst
Günter Witt 82
Sportgeschichte in Zahlen
Helmut Horatschke 88
Sächsiche Bergsteiger Geschichte
Vom Nudeltopp zur Ufo-Halle
Klaus Huhn 90
Thüringer Sportgeschichte
Roland Sänger 90
Goldkinder
Klaus Huhn 95
Die Brücke - Sonderausgabe einer Schulzeitung
Wolfgang Helfritsch 96
Nurmi oder die Reise zu den Forellen
Kurt Graßhoff 97
Die Anfänge des Turnens in Friedland
Gerhard Grasmann 99
Volleyball in Deutschland
Jörg Lölke 100
ZITATE
Botschafter unseres Landes 103
Schulsport
Muskel-Turbo
Rachefeldzug
Jan Ullrich
Sprüche
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DIE AUTOREN
MARGOT BUDZISCH, Dr. sc. paed., geboren 1935, Prof. für Theo-rie der Körperkultur an der Humboldt-Universität zu Berlin 1977 bis 1994.
KLAUS EICHLER, geboren 1939, Chemie-Ingenieur, Vizepräsident des DTSB 1984 bis 1988, Präsident des DTSB 1988 bis 1990.
KURT FRANKE, Dr. sc. med., geboren 1926, Prof. für Chirur-gie/Traumatologie an der Akademie für ärztliche Fortbildung der DDR 1977 bis 1990, Chefredakteur der Zeitschrift "Medizin und Sport" 1961 bis 1980.
GERHARD GRASMANN, Dr. paed., geboren 1948, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Turn- und Sportgeschichte beim LSB Meck-lenburg-Vorpommern.
KURT GRAßHOFF, geboren 1911, Studiendirektor i.R., Turn- und Sportlehrer.
SVEN GÜLDENPFENNIG, Dr. phil. habil., geboren 1943, Wissen-schaftlicher Leiter des Deutschen Olympischen Institutes (DOI).
WOLFGANG HELFRITSCH, Dr. paed., geboren 1935, Lehrer und Sportwissenschaftler.
HELMUT HORATSCHKE, geboren 1928, Dipl.-Sportlehrer.
KLAUS HUHN, Dr. paed., geboren 1928, Sportjournalist und Sporthistoriker, Mitglied der DVS.
JÖRG LÖLKE, Dr. phil., geboren 1955, Mitglied im Ausschuß für Bildung und Wissenschaft des LSB Thüringen.
ROLAND SÄNGER, geboren 1935, Sportjournalist, Pressechef des Deutschen Skiläufer-Verbandes (DSLV) 1979 bis 1990.
HEINZ SCHWIDTMANN, Dr. paed. habil., geboren 1926, Prof. für Sportpädagogik an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) und dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) Leipzig 1970 bis 1990, Rektor der DHfK 1963 bis 1965.
HANS SIMON, Dr. sc. paed., geboren 1928, Hochschullehrer für Sportgeschichte an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) Leipzig 1951 bis 1990, Mitglied der DVS.
GÜNTER WITT, Dr. phil. habil., geboren 1925, Prof. für Kulturtheo-rie und Ästhetik an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) Leipzig 1982 bis 1990.
DISKUSSSION/DOKUMENTATION
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Die Olympischen Spiele 1956 in Melbourne und die Deutschen
Von GERHARD OEHMIGEN
Mit der Entsendung einer gemeinsamen Olympiamannschaft von Sportlern beider deutscher Staaten zu den XVI. Olympischen Spie-len vom 22. November bis zum 8. Dezember 1956 in Melbour-ne/Australien war - nachdem bereits an den VII. Olympischen Win-terspielen in Cortina d'Ampezzo/Italien eine solche Mannschaft teilgenommen hatte - ein Tatbestand geschaffen worden, der bis Mitte der 60er Jahre Bestand hatte und erst mit den Olympischen Spielen 1968 überwunden war. Es war ein Tatbestand, - von au-ßen erzwungen - mit dem beide Seiten leben mußten, mit dem aber ebenso gewiß weder die DDR noch die BRD glücklich werden konnten. Wie beide deutsche NOK im Rahmen der politischen Doktrinen ihrer gesellschaftlichen Systeme in den Olympiajahren bis 1964 mit den gemeinsamen Mannschaften umgingen und wel-che taktischen Varianten im Prozeß ihrer Bildung jeweils zum Ein-satz kamen, steht auf einem anderen Blatt und soll nicht Gegen-stand dieser Darlegung sein, die sich ausschließlich auf die Olym-pischen Spiele in Melbourne und drei in direktem Bezug zu diesen stehenden offiziellen Dokumenten - einem Bericht des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR vom 23.1.1957 sowie zwei Berichten der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Canberra an das Auswärtige Amt der BRD vom 16. November 1956 und vom 12. Dezember 1956 mit Anlagen1) bezie-hen. Fest steht jedenfalls, der Beschluß des 50. IOC - Kongresses vom 18.6.1955 zur Bildung gemeinsamer Olympiamannschaften für die Olympischen Spiele 1956 und gar das Festhalten daran bis Mitte der 60er Jahre war angesichts der entstandenen politischen Realitäten ein Anachronismus, ignoriert er doch das Bestehen zweier selbständiger, von den Alliierten abgesegneter deutscher Staaten ebenso wie die eigenständige Entwicklung des Sports in diesen Staaten. Zustande kam er, weil die überwiegende Mehrheit der IOC-Mitglieder einerseits aus verschiedenen Gründen nicht gewillt war, diese Realitäten zu akzeptieren - oder sie auch nicht richtig einschätzte -, andererseits aber auch ein Ausgrenzen der Sportler der DDR von den Olympischen Spielen nicht länger mit-
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tragen wollte. Damit war der Sport in den Beziehungen zwischen BRD und DDR in eine Rolle gedrängt worden, mit der er von An-fang an und vor allem auf Dauer hoffnungslos überfordert sein mußte, die er jedoch zumindest zeitweilig mehr schlecht als recht tatsächlich ausfüllte. Auf keinem anderen gesellschaftlichen Gebiet - weder in der Kultur noch in der Wirtschaft und Politik - gab es zu dieser Zeit trotz eindeutig gegenläufiger politischer Entwicklungen derartig massive äußere Zwänge, scheinbare und mitunter auch reale Gemeinsamkeiten zu schaffen und zu demonstrieren wie im Sport. Immerhin war auf diese Weise ein Kompromiß gegeben, der beiden Seiten Möglichkeiten zur Durchsetzung ihrer Ziele beließ, aber auch beide Seiten in ihren weitgehenden politischen Intentio-nen begrenzte. Der DDR war damit die einzige Möglichkeit eröff-net, mit leistungsstarken Sportlern an den Olympischen Spielen, die zu dieser Zeit die bedeutendste internationale Sportveranstal-tung und ein erstrangiges gesellschaftliches Ereignis waren, teilzu-nehmen und sich in diesem Rahmen darzustellen. Das Maximal-ziel, einer souveränen selbständigen Olympiamannschaft, über die internationale Akzeptanz und staatliche Anerkennung vorangetrie-ben werden konnte, war nicht erreicht worden. Für die BRD, deren Olympiateilnahme ja von vornherein feststand, bestand zumindest die Möglichkeit, als leistungsstärkerer Partner die Führung der Mannschaft zu beanspruchen und damit dem politischen Grundan-liegen auf Alleinvertretung wenigstens teilweise zu entsprechen. Darüber hinaus bestand immer noch die geringe Hoffnung, daß angestrebte Ziel, die Teilnahme des DDR-Sports an den Olympi-schen Spielen überhaupt zu verhindern oder bestenfalls DDR-Sportler in die Olympiamannschaft der BRD einzureihen, über eine Hintertür zu erreichen. War doch im offiziellen Protokoll der 50sten IOC-Session die Möglichkeit offen gelassen, daß beim Nichtzu-standekommen einer gemeinsamen Mannschaft für Melbourne die provisorische Anerkennung des NOK der DDR automatisch ge-löscht werden könnte. Damit war die Position der Vertreter des NOK der DDR in den Verhandlungen um die Aufstellung der Mannschaft deutlich geschwächt und sie waren zur Zurückhaltung und zu Zugeständnissen gezwungen, zumal vorsichtig ausge-drückt, vieles darauf hindeutet, daß die Vertreter des NOK der BRD, vor allem dessen Präsident Ritter von Halt, durchaus bereit waren, diese Karte zu spielen. Als schließlich Anfang November
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1956 in mehreren Flügen die gemeinsame Olympiamannschaft mit 218 Personen, davon 169 aktiven Sportlern - 132 aus der BRD und 37 aus der DDR - nach Melbourne reiste, war das Ausdruck eines nach langen, zähen und harten Verhandlungen erreichten Kon-sens’, der letztlich zunehmend erreichter Einsicht und gutem Willen aller Beteiligten entsprach.
Man mag es Ausdruck politischer Wertschätzung nennen oder, wie es heute oftmals üblich ist, Ausdruck des Grades politischer Einmi-schung, daß der Mannschaftsteil der DDR vor der Abreise von Staatspräsident Wilhelm Pieck empfangen und vom damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht, verabschie-det wurde. Daß dagegen beim Abflug des Mannschaftsteils der BRD lediglich ein Mitglied des Hamburger Senats anwesend war, ist sicher Ausdruck von Mißtrauen und Unbehagen der Regierung der BRD gegenüber den Vertretern des Sports. Keinesfalls ist dar-aus zu schließen, daß dieser die politischen Vorkommnisse im Vor-feld und im Umfeld der gemeinsamen Olympiamannschaft gleich-gültig gewesen wäre. Im Gegenteil. Die Berichte des Botschafters der BRD an das Auswärtige Amt in Bonn geben deutlich Auskunft über die Grundhaltung regierungsamtlicher Stellen der BRD zu dieser vom IOC erzwungenen gemeinsamen Olympiamannschaft. Der Botschafter der BRD in Australien, Dr. Hess, schreibt in sei-nem Bericht vom 12. Dezember 1956: "V. Ich fürchte, daß die ge-samtdeutsche Olympiamannschaft des Jahres 1956 geradezu als ein klassisches Beispiel dafür angesehen werden kann, wie die Dinge politisch nicht gehen. Es ist reine Utopie, wenn auf west-deutscher Seite die Fiktion aufrechterhalten wurde, daß es - in Be-rührung mit dem Osten - noch wesentliche Lebensgebiete wie den Sport gibt, die man politisch ausklammern kann. Es ist bedauerlich, daß dies mit ziemlicher Naivität seitens des Nationalen Olympi-schen Komitees der Bundesrepublik versucht worden ist"2) Damit werden allerdings nur vielfach publizierte ähnlich lautende Äuße-rungen von Vertretern der Regierung Adenauer aus dem Vorfelde der Olympischen Spiele bestätigt. Die Brisanz des Berichts, vor al-lem der von Konsul Dr. Sarrazin und dem Attaché, Herrn von Groll verfaßten Anlagen, liegt weniger in solchen kurzgefaßten Gesamt-einschätzungen als vielmehr in den zahlreichen pikanten Details, die über Verhaltensweisen und Äußerungen der Verantwortlichen des westdeutschen Mannschaftsteils mitgeteilt werden. Es drängt
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sich nachgerade der Verdacht auf, daß die Botschaft der BRD in Canberra ihre Aufgabe weniger darin sah, die Mannschaftsleitung der BRD zu unterstützen, als vielmehr sie zu gängeln und zu ob-servieren. Möglich, daß sich damit einige besonders eifrige Bot-schaftsmitarbeiter neue Sporen verdienen wollten, am Tatbestand ändert das nichts. Praktisch entging niemand aus der Mannschafts-leitung der BRD der intensiven Beobachtung und den entspre-chenden oft sehr detaillierten, immer jedoch kompromittierenden Mitteilungen an das Auswärtige Amt. Nicht selten waren diese ver-bunden mit der direkten Empfehlung zur weiteren Beobachtung. Dem NOK- Präsidenten Ritter von Halt sowie dem Chef de Mission Gerhard Stöck wurde bescheinigt, sich nicht „...durch besondere Stehfestigkeit den sowjetzonalen Funktionären gegenüber auszu-zeichnen."3) und daß es den Vertretern des NOK der Bundesrepub-lik „...an Solidaritätsgefühl gegenüber der Bundesrepublik mange-le."4) Besonders übel wurde dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), Dr. Max Danz mitgespielt. Über diesen heißt es: „Herr Dr. Danz, Präsident des Deutschen Leicht-athletikVerbandes, ein dem Vernehmen nach unter seinen Kolle-gen im NOK wegen seiner eigenwilligen und egoistischen Hand-lungsweise nicht geschätzter Herr, hat sich mit verschiedenen Ost-funktionären in wenig würdiger Weise angebiedert. Anläßlich eines Balls des hiesigen Deutschen Clubs hat man ihn hauptsächlich mit diesen Herren zusammen stehen sehen. Er soll nach der gleichen Quelle mit Herrn Schöbel, dem Präsidenten des NOK der sowje-tisch besetzten Zone, sogar Brüderschaft getrunken haben. Wie mir Herr von Halt wörtlich sagte, soll Herr Dr. Danz ziemlich links stehen. Er soll in der Organisation des Deutschen Sports erhebli-che Ambitionen haben. Es mag daher vielleicht von Interesse sein, seine künftige Aktivität von dort aus etwas im Auge zu behalten."5) Das alles entstammt keinen ehrabschneiderischen Aufzeichnungen eines übereifrigen bezahlten Spitzels, sondern offiziellen, an das Auswärtige Amt der BRD gerichteten Dokumenten der Botschaft der BRD in Australien.
Es mag aus heutiger Sicht verblüffen, aber völlig anders liest sich der offizielle Bericht des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR. Überwiegend sachlich, auf das Wesentliche, nämlich die Belange der Auswahl der Mannschaft, das Training vor Ort, die Ergebnisse der Wettkämpfe und deren
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Auswertung bezogen. Natürlich wird auch in diesem Bericht auf Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen in der Leitung der gemeinsamen Olympiamannschaft verwiesen und natürlich versu-chen sich auch die Vertreter des NOK der DDR, in ihren Aktionen und deren Ergebnissen so positiv wie möglich darzustellen. Etwa bei der Diskussion um die Einmarschordnung zur Eröffnung der Spiele. Da heißt es, in der „...Frage der Einmarschordnung... ver-trat Herr von Halt, wie er sich ausdrückte, den unumstößlichen Standpunkt, daß bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in der Mitte der drei Offiziellen Deutschlands der Chef de Mission mar-schieren müsse. Dieser Führungsanspruch, der einem Diktat gleichkam und in Anwesenheit der NOK-Mitglieder der Bundesre-publik mitgeteilt wurde, mußte befremden. Herr von Halt wurde deshalb von Herrn Schöbel gebeten, zur Kenntnis zu nehmen, daß es der unumstößliche Entschluß des NOK der DDR sei, daß in der Mitte der drei Offiziellen der Präsident des NOK der DDR zu mar-schieren habe."6) Insgesamt aber ist der Bericht unter Berücksichti-gung des damaligen Erkenntnisstandes eine vorzügliche Analyse der sportlichen Wettkämpfe, der Ergebnisse und der zu ziehenden Schlußfolgerungen aus trainingsmethodischer, sportmedizinischer und leitungspolitischer Sicht.
Es ist in der Vergangenheit - sowohl von Sporthistorikern der DDR wie auch der BRD - viel über die Olympischen Spiele von 1956 sowie die Problematik der gemeinsamen Olympiamannschaften publiziert worden. Manches wird Bestand haben, manches weni-ger. Warum also jetzt diese Darlegungen zu einer mehr oder weni-ger begrenzten Problematik und warum die Dokumentation dieser Berichte? Wolfgang Buss schreibt in seinem Beitrag auf dem Workshop des BISP zur Geschichte des DDR-Sports am 18. April 1997: „Hierbei konnte die Tatsache der besonderen Involviertheit des Sports im Rahmen der Deutschlandpolitik jener Jahre nicht mehr überraschen - gleiches gilt auch für den Schaden, den der Sport an sich und im besonderen die Sportler dieser Zeit durch die Instrumentalisierung für übergeordnete politische Auseinanderset-zungen erfuhren... Deutlich relativiert werden kann aber die vor al-lem in der westlichen Literatur fixierte einseitige Verantwortlichkeit für diese Entwicklung. Auf beiden Seiten gab es „Opfer", auf beiden Seiten aber auch „Täter“,...7)
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Wenn Aufarbeitung der Geschichte des Sports ernstgenommen, seriös betrieben und kein bloßes Schlagwort für die Sicherung ge-genwärtiger Machtverhältnisse bleiben soll, kann an dieser Tatsa-che nicht vorübergegangen werden. Leider sind heute in die Sport-geschichtsschreibung - vor allem auch zur Sportgeschichte der DDR - soweit sie institutionell organisiert und staatlich gefördert be-trieben wird, nahezu ausschließlich Kollegen aus den alten Bun-desländern einbezogen. Und leider wird sie überwiegend sehr ein-äugig betrieben. Einseitige Schuldzuweisungen sind häufig und die vielfach postulierte Absicht zur Verifizierung von Aussagen mit Zeitzeugen und Sporthistorikern aus der ehemaligen DDR zusam-menzuarbeiten, zumindest zu diskutieren, wird genauso vielfach durch Vorverurteilung erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.
Die hier zitierten Dokumente zeigen aber erneut, daß Geschichte immer konkret und vielschichtig ist und Geschichtsschreibung die-se Vielschichtigkeit beachten muß, wenn sie mit ihren Aussagen der Wahrheit nahekommen will. Es ist nicht wegzudiskutieren, daß jede Entwicklung im Sport der DDR wie der BRD auch und nicht zuletzt Aktion oder Reaktion auf Entwicklungen der anderen Seite war.
Teilweise mit Recht wird uns Sporthistorikern aus der DDR vorge-worfen, genau dies nicht genügend beachtet, einseitige politische Schlüsse gezogen und damit herrschende politische Auffassungen begründet zu haben. Die heutige institutionalisierte Sportge-schichtsschreibung in Deutschland läuft begründet Gefahr, sich eben diesem Vorwurf auszusetzen.
1) Alle drei Dokumente werden in dieser Ausgabe - höchstwahrscheinlich erstma-lig - in längeren Auszügen veröffentlicht. (Die Dokumente wurden wegen der teil-weise mangelhaften Qualität der vorliegenden Kopien nicht im Original publiziert.)
2) Bericht des Botschafters der BRD vom 12.Dezember 1956, Seite 3.
3) Bericht des Botschafters der BRD vom 16.November 1956, Seite 2.
4) Anlage zum Bericht der Botschaft der BRD vom 16.November 1956, Seite 3
5) Bericht des Konsulats der BRD in Melbourne vom 12.Dezember 1956, Seite 3.
6) Bericht des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR vom 25.Januar 1957, Seite 10/1 1.
7) Dr. Wolfgang Buss: Der Sport im Spannungsfeld der frühen Deutschlandpolitik - die erste Phase der Anerkennung - und Abgrenzungsbemühungen im deutsch-deutschen Beziehungsgeflecht, 1950 - 1955, Seite 15.
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BERICHT DER BRD-BOTSCHAFT ZUR
OLYMPIAMANNSCHAFT 1956 (AUSZÜGE)
BOTSCHAFT DER Canberra, 16.November 1956
BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
Mit Luftpost !
Canberra
472-00/1440/56 II
An das Auswärtige Amt
B o n n
Betr.: Olympische Spiele in Melbourne
Bezug: Bericht vom 27.September d.Js. - 472-00/1440/56 -
Erlass v.16.Oktober d.Js . - 604/472-00/5752a/56 -
Die politischen Ereignisse der letzten Wochen in den Satellitenstaa-ten und im Vorderen Orient haben sich naturgemäss auch bereits auf die am 22.November in Melbourne beginnende Olympiade aus-gewirkt. Bis heute haben sechs Länder ihre Meldung für die Olympi-ade zurückgezogen: Rotchina als Protest gegen die Teilnahme For-mosas, - Ägypten, Libanon und Irak wegen des englisch-ägyptischen Konflikts, bei dem Australien vorbehaltlos auf der Seite Großbritanniens steht, - Holland und Spanien, weil sie es ablehnen im augenblicklichen Zeitpunkt mit Sowjetrussen in den Spielen in Wettbewerb zu treten...
Die deutsche Olympia-Mannschaft einschliesslich des Präsidenten des deutschen NOK Dr.Ritter von Halt ist nunmehr vollzählig in Mel-bourne versammelt, nicht ohne dass sich bereits für uns die ersten Schwierigkeiten zeigen. Nach den mir bisher von unserem Konsulat in Melbourne vorliegenden Nachrichten scheinen sich weder Herr von Halt noch der Chef de Mission der deutschen Mannschaft, Herr Gerhard Stöck, durch besondere Stehfestigkeit den sowjetzonalen Funktionären gegenüber auszuzeichnen. Ich darf diesbezüglich auf die in der Anlage abschriftlich beigefügte Aufzeichnung, von Konsul Dr. Sarrazin vom 12.ds. verweisen, der nur hinzuzufügen wäre, dass Herr v.Halt es bisher nicht für notwendig gehalten hat, mir auch nur Mitteilung von seiner veränderten Haltung zu machen...
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Anlage zum Bericht der Botschaft
Canberra vom 16.11.56 Nr. 1440/56
Abschrift
A u f z e i c h n u n g
über meine Besprechungen mit den Herren Gerhard STÖCK, Chef de Mission der deutschen Mannschaft, und Walter KÖNIG, Ge-schäftsführer des NOK der Bundesrepublik über die Frage der Ein-ladung der deutschen Mannschaft durch Herrn Botschafter DR.HESS zu einem Empfang am 2.Dezember d.J.
Am Montag, den 5. November rief Herr ELTON, der hiesige Gehilfe des deutschen Olympischen Attachés... auf dem Konsulat an und teilte mit, dass Herr König ihn nach seinem Eintreffen in Melbourne am Sonnabend, den 3. November von folgendem unterrichtet habe:
Während der Schlussverhandlungen der beiden deutschen NOK's in Köln Mitte Oktober habe ein aus drei Vertretern des westdeutschen NOK bestehendes Gremium, nämlich die Herren Ritter von Halt, Dr. Bauwens und Dr. Daume, nachdem die Vertreter des sowjetzonalen NOK eine Reihe Konzessionen gemacht hätten, sich auf Verlangen ebenfalls zu einer Konzession veranlasst gesehen. Diese habe in der Versicherung des Herrn von Halt bestanden, sich in Melbourne dafür einzusetzen (sich dafür „stark" zu machen, wie Herr Elton wört-lich sagte) dass der von Herrn Botschafter Dr.Hess geplante Emp-fang für die gesamte deutsche Mannschaft nicht stattfindet. Er mein-te, damit müsste wohl nun der beabsichtigte Empfang unterbleiben. Herr Elton wollte weiter wissen, ob Herr von Halt Herrn Botschafter Dr.Hess bereits entsprechend schriftlich unterrichtet habe. Er habe sich gegenüber Herrn KÖNIG vor dessen Abflug nach Melbourne Ende Oktober jedenfalls in diesem Sinne geäussert...
...Zwei Tage später traf in Melbourne der Chef de Mission der deut-schen Mannschaft, Herr Gerhard STÖCK, ein. Am Freitag, den 9.November bat Herr König Herrn von Groll um eine Unterredung im Olympischen Dorf. Dort eröffnete er Herrn von Groll..., dass sie mit Rücksicht auf die Halt'sche Erklärung keine Möglichkeit sähen, eine an die gesamte deutsche Mannschaft gerichtete Einladung... den Teilnehmern auch bekanntzugeben...
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...Angesichts dieser neuen Lage habe ich nochmals einen Versuch unternommen, zu einer vernünftigen Lösung dieser ganzen Frage zu kommen und habe daher die Herren Stöck und König am Samstag, den 10.11. zum Abendessen eingeladen, um in Ruhe mit ihnen sprechen zu können. Ich habe ihnen unverblümt zu verstehen gege-ben, dass das Verhalten der Vertreter des NOK der Bundesrepublik für den deutschen Botschafter in Australien nicht akzeptabel sei. Für ihn käme ausschliesslich eine Einladung an die deutsche Mann-schaft infrage. Unzumutbar sei es für ihn, sich gewissermassen vor-schreiben zu lassen, wie und wen er einladen solle. Dies käme einer Brüskierung gleich. Herr von Halt, der sich gegenüber Herrn Bot-schafter Dr. Hess schriftlich mit dem geplanten Empfang einverstan-den erklärt habe, sei umgefallen und habe es noch nicht einmal für nötig befunden, seine Sinnesänderung brieflich nach Canberra mit-zuteilen. All das zeige, dass die Vertreter des NOK der Bundesre-publik sich gegenüber der Handvoll Funktionäre der Sowjetzone viel zu weich zeigten, sich offensichtlich von ihnen diktieren liessen und es ihnen an Solidaritätsgefühl gegenüber der Bundesrepublik man-gele...
Melbourne, den 12. November 1956
gez. Sarrazin
Canberra, den 12.Dezember 1956
472-00/1674/56
An das
Auswärtige Amt
B o n n
Betr: XVI.Olympiade in Melbourne
Bezug: Bericht v.16.v.Mts. - 472-00/1440/56 II...
I. Die XVI. Olympischen Spiele, die am 22.November in Melbourne durch den Herzog von Edinburgh feierlich eröffnet wurden, sind am 8. ds. mit einer Schlußzeremonie im Melbourner Hauptstadion zu Ende gegangen. Die Olympiade hätte wohl schwerlich zu einem politisch ungünstigeren Zeitpunkt stattfinden können als in diesem Spätjahr 1956, - man hätte aber andererseits zu diesem Zeitpunkt die Olympiade in keinem geeigneteren Land abhalten können als in Australien, das durch seine Lage und Entfernung von den akuten politisch-geographischen Gefahrenzonen die politischen Spannun-gen stärker auszugleichen vermochte, als dies in einem anderen
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Land und auf einem anderen Kontinent möglich gewesen wäre. So ist die Olympiade des Jahres 1956 ohne wesentliche politische Zwischenfälle über die Bühne gegangen. Nachdem die ungarische Mannschaft ihre ursprüngliche Absicht, mit umflorter Fahne in das Stadion einzuziehen, in letzter Minute aufgegeben hatte, erschien selbst das ungarisch-sowjetische Verhältnis während der Spiele nach außen hin - von einzelnen Zusammenstössen abgesehen - unbelasteter, als es innerlich war...
II. Auf den politischen Beobachter mußte das olympische Bild eines sportlichen Weltfriedens im augenblicklichen Zeitpunkt allerdings eher gespenstisch wirken. Man gewann nicht den Eindruck, als ob unter den Männern des Internationalen Olympischen Komitees auch nur ein leiser Zweifel daran aufgedämmert wäre, dass an ih-rer Idee vielleicht nicht mehr alles in Ordnung sei. Und dass die olympische Wirklichkeit des Jahres 1956 bestenfalls noch römisch-byzantinischer Zirkus war, aber bestimmt nicht mehr griechisches Olympia. Dass der Kampf der Gladiatoren die Szene beherrschte, und nicht der Kampf um den friedlichen olympischen Lorbeer. Dass kurz gesagt auch der Kampf um die olympischen Medaillen ein po-litischer Kampf war. Auf diesem Hintergrund muss auch die Beteili-gung der gesamtdeutschen Mannschaft bei den Melbourner Spie-len gesehen werden...
IV. Wenn man davon ausgeht, dass wir politisch bei der Olympiade nicht staatliche Zerrissenheit sondern völkische Zusammengehö-rigkeit demonstrieren wollten (das Gegenteil wäre vom hiesigen Gesichtspunkt aus eindeutig falsch gewesen, weil es im sportbe-geisterten Australien auf keinerlei Verständnis gestoßen wäre), so kann nach aussen hin das Auftreten einer gesamtdeutschen Mannschaft als ein Erfolg bezeichnet werden. Die Spannungen in-nerhalb der Mannschaft traten nach aussen nicht in Erscheinung, die Mannschaft wirkte als eine Einheit, und auch „Freude schöner Götterfunken“ als gesamtdeutscher Nationalhymnen-Ersatz hinter-liess keinen ungünstigen Eindruck. Anders sieht es allerdings aus, wenn man sich die Frage stellt, ob unter innerdeutschem d.h. sozusagen gesamtdeutschem Gesichtspunkt das Auftreten unserer Mannschaft ein Erfolg war. Diese Frage muss leider mit einem ein-deutigen Nein beantwortet werden. Doch liegt der Grund für diesen Mißerfolg m. E. stärker im Persönlichen als im Sachlichen.
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V. Ich fürchte, dass die gesamtdeutsche Olympiamannschaft des Jahres 1956 gradezu als ein klassisches Beispiel dafür angesehen werden kann, wie die Dinge politisch nicht gehen. Es ist reine Uto-pie, wenn auf westdeutscher Seite die Fiktion aufrechterhalten wurde, dass es - in Berührung mit dem Osten - noch wesentliche Lebensgebiete wie den Sport gibt, die man politisch ausklammern kann. Es ist bedauerlich, dass dies mit ziemlicher Naivität seitens des Nationalen Olympischen Komitees der Bundesrepublik ver-sucht worden ist. Die selbstverständliche Konsequenz dieser Hal-tung war, dass die westdeutschen Sportsmanager den sowjetzona-len Funktionären gegenüber hoffnungslos am kürzeren Hebel sas-sen, was zu einigen recht unerfreulichen Situationen und entspre-chend deutlichen Aussprachen zwischen mir und dem Präsidenten des NOK der Bundesrepublik, Dr.Ritter v.Halt, sowie dem "Chef de Mission“ der gesamtdeutschen Olympiamannschaft, Herrn Gerhard Stöck, führte...
gez. Hess
Anlage zum Bericht der Botschaft
Canberra vom 12.12.56 Nr. 674/56
Aufzeichnung
Betrifft: Olympische Spiele in Melbourne
1.) Die XVI. Olympischen Spiele fanden vom 22.November bis 8. Dezember 1956 in Melbourne statt. Deutschland, das bei den XV. Olympischen Spielen in Helsinki 1952 durch Sportler der Bundes-republik und Westberlins vertreten war, nahm diesmal mit einer ge-samtdeutschen Mannschaft teil...
Die internen Verhandlungen über die Aufstellung der gesamtdeut-schen Mannschaft zwischen dem NOK der Bundesrepublik (Präsi-dent: Dr. Karl Ritter von Halt) und dem NOK-Ost (Präsident: Heinz Schöbel) gestalteten sich bei der starken Gegensätzlichkeit der Ansichten über die Stärke und Zusammensetzungen der deut-schen Mannschaft, ihre Kleidung, Unterbringung, den „Chefs de Mission" und vor allem die Hymnenfrage äusserst schwierig. Erst bei der letzten Sitzung am 15. Oktober 1956 in Köln einigten sich die beiden NOK's, als Hymne für die Siegerehrung das „Lied an die Freude" (Beethoven) spielen zu lassen - gegenüber der unglückli-chen Regelung von Cortina (bei Einzelsiegen: Deutschlandlied bezw. „Eis-Becher-Hymne“, beim Sieg einer gemischten Mann-
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schaft: Schweigeminute) wohl die bessere Lösung -, als Chef de Mission Gerhard Stöck, Direktor des Hamburger Sportamtes (0lympiasieger 1936 im Speerwerfen), zu wählen und eine Mann-schaft von 169 Aktiven und 49 Begleitern nach Melbourne zu ent-senden...
5.) Die Tagung des Internationalen Olympischen Komitees in Mel-bourne in der Woche vor den Spielen stand ganz im Banne der weltpolitischen Ereignisse. Der Beschluß einiger Nationen, den Olympischen Spielen fernzubleiben, wurde vom IOC als unverein-bar mit dem Olympischen Gedanken scharf kritisiert, und der Ver-such der arabischen Staaten, den Ausschluß Großbritanniens und Frankreichs von den Spielen zu erwirken, sowie der Antrag ungari-scher Exilverbände auf Ausschluß der Sowjetunion wurde ener-gisch zurückgewiesen.
Die Tagung war für die Bundesrepublik von besonderem Interesse, da nach Rücktritt das Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg die Neuwahl eines deutschen IOC-Mitglieds notwendig wurde. Es ist zweifellos dem persönlichen Einfluß des Präsidenten des NOK der Bundesrepublik, Dr.Karl Ritter von Halt (IOC-Mitglied seit 1929) zu-zuschreiben, dass der sowjetische Antrag, einen sowjetzonalen Vertreter in das IOC zu wählen, zurückgezogen und der Präsident des Deutschen Sportbundes, Willi Daume (Dortmund) einstimmig auf Lebzeiten als zweites deutsches Mitglied in das Internationale Olympische Komitee gewählt wurde.
Die Aufnahme der Sektion Leichtathletik der sowjetischen Besat-zungszone in den Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) und die Abgabe eines der sieben ständigen deutschen Sitze an einen sowjetzonalen Vertreter wiegt dagegen wohl nicht allzu schwer, nachdem die meisten sowjetzonalen Sportsektionen bereits früher in die jeweiligen internationalen Fachverbände aufgenommen wor-den sind.
6.) Sportlicher Erfolg der gesamtdeutschen Mannschaft: Vom sportlichen Gesichtspunkt kann man der gesamtdeutschen Olym-piamannschaft einen Erfolg nicht absprechen. Die Erkämpfung des vierten Platzes in der inoffiziellen Gesamtwertung hinter der Sow-jetunion, den Vereinigten Staaten und Australien scheint die Ent-sendung der unerwartet grossen Mannschaft von 218 Personen (von den 169 Aktiven waren 37 aus der sowjetischen Besatzungs-zone), mit der Deutschland unter den anwesenden 67 Mannschaf-
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ten mit einer Gesamtstärke von ca. 4500 Personen hinter der Sow-jetunion (510), den Vereinigten Staaten (427), Australien (360) und Großbritannien (239) an fünfter Stelle stand, zu rechtfertigen. 4 Gold-, 10 Silber- und 6 Bronze-Medaillen wurden von den deut-schen Sportlern in Melbourne errungen. Nicht uninteressant ist die Verteilung der Medaillen auf Sportler der Bundesrepublik und der sowjetischen Besatzungszone (3 goldene, 6 silberne und 5 bron-zene gegenüber 1 goldenen, 4 silbernen und 1 bronzenen - siehe Anlage), die etwa dem jeweiligen Anteil an der Gesamtmannschaft entspricht, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass mehrere Me-daillen der westdeutschen Sportler durch Mannschaftssiege errun-gen wurden. Damit war der sowjetzonalen Propaganda die Mög-lichkeit genommen, durch arithmetische Spiegelfechtereien an Hand der Medaillenverteilung die Überlegenheit der volksdemokra-tischen Gesellschaftsordnung nachzuweisen...
7.) Auftreten der gesamtdeutschen Mannschaft: Auch nach aussen hat die gesamtdeutsche Mannschaft einen recht guten Eindruck gemacht und sich mit ihrer einheitlichen Kleidung, Flagge und Hymne durch Nichts von den homogenen Mannschaften anderer Nationen unterschieden. Hierauf sowie auf die weltpolitische Lage ist es wohl auch zurückzuführen, dass die Problematik der ge-samtdeutschen Mannschaft, die vor den Ereignissen in Ungarn und Ägypten in Australien einiges Interesse erregt hatte, während der Spiele von der Öffentlichkeit fast völlig ignoriert wurde....
8.) Während die gesamtdeutsche Mannschaft nach aussen als eine homogene Gemeinschaft wirkte, waren die internen Schwierigkei-ten doch recht erheblich.
Sie begannen mit dem Fall der „Vier deutschen Olympia-Attachés“. Dem „eigentlichen“ Olympia-Attaché Baron von Nordegg-Rabenau wurde, da er in Sydney ansässig war, als Gehilfe der Melbourner Mr. Elton beigegeben, der schliesslich die Hauptarbeit leistete. Der urspüngliche Saar-Attaché, Herr Seyler, wurde nach der Angliede-rung der Saarmannschaft an die gesamtdeutsche Mannschaft ar-beitslos und mit der Betreuung der Ruderer im fernen Ballarat be-auftragt. Mit Herrn Walter Kaufmann stellte sich schließlich kurz vor Beginn der Spiele der für die Betreuung der sowjetzonalen Sportler zuständige „Assistant Attaché“ vor. Kaufmann, ein hochintelligen-ter, gründlich geschulter australischer Kommunist deutsch-jüdischer Abstammung, soll bei einem Deutschlandbesuch im ver-
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gangenen Jahr vom NOK-Ost angeworben und auf seine bevor-stehende Aufgabe eingeschult worden sein.
Das späte Eintreffen der Mitglieder des NOK’s der Bundesrepublik hatte die nachteilige Folge, dass der Chef de Mission der gesamt-deutschen Mannschaft, Gerhard Stöck, Hamburg, anfänglich völlig in den Einfluß so gewiegter sowjetzonaler Funktionäre wie Rudi Reichert, Vorsitzender des „Deutschen Sportausschusses“, der für die Unterwanderung des westdeutschen Sports verantwortlich zeichnen soll, Günther Heinze, Stellvertretender Staatssekretär für Sport und Körperkultur, Heinz Schöbel, Heinz Schlosser, Ge-schäftsführer des NOK-Ost, und nicht zuletzt Walter Kaufmann ge-riet, die ständig sein Zimmer im Olympischen Dorf belagerten und ihn für ihre Absichten zu gewinnen suchten. Im Verkehr Stöcks mit amtlichen Vertretern der Bundesregierung machte sich dies an-fangs recht unliebsam bemerkbar. Stöck weigerte sich z.B., eine Einladung des deutschen Botschafters an die Olympiamannschaft weiterzugeben; er forderte den Präsidenten des Deutschen Vereins in Melbourne auf, in einem Brief an die Mannschaft die Stelle zu streichen, in der dieser Empfang erwähnt wurde; er verlangte schliesslich anlässlich eines Balles des gleichen Vereins, zu dem auch ostdeutsche Sportler und Funktionäre geladen waren, das sonst bei solchen Gelegenheiten übliche Deutschlandlied nicht zu spielen. Mit Eintreffen Ritter von Halts, der Mitglieder des NOK’s der Bundesrepublik und vor allem des mit ihm persönlich befreun-deten Sportreferenten im Innenministerium, Regierungsdirektor Dr. Hans Heinz Sievert, korrigierte Stöck später seine Haltung und be-gann, sich über seine undankbare Position und Bespitzelungen sei-tens der sowjetzonalen Funktionäre zu beklagen.
Unerfreulich und dem deutschen Ansehen wenig förderlich waren auch die Spannungen und Rivalitäten unter den Mitgliedern des NOK der Bundesrepublik, die es den sowjetzonalen Funktionären gestatteten, im Trüben zu fischen. Besonders unangenehm wirkten sich die Divergenzen zwischen dem ehrgeizigen Präsidenten des deutschen Leichtathletikverbandes, Dr. Max Danz, und Dr.Karl Rit-ter von Halt aus, den Dr.Danz, wie er sich wiederholt Journalisten gegenüber äußerte, möglichst bald als NOK-Präsident und deut-sches Mitglied des IOC ablösen möchte. Dr.Danz scheint zur Errei-chung dieses Zieles jedes Mittel recht zu sein, wie zum Beispiel Anbiederung an sowjetzonale Funktionäre und Konzessionen an
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das NOK-Ost. Wie mir ein glaubwürdiger Augenzeuge versicherte, scheute sich Dr. Danz z.B. nicht, bei dem Schlußball des deut-schen Vereins in aller Öffentlichkeit mit dem Präsidenten des NOK-Ost, Heinz Schöbel, Brüderschaft zu trinken und sich von diesem oft unterschätzten geschulten Kommunisten für alle Umstehenden gut hörbar belehren zu lassen, dass, wenn die Politiker es den Sportlern nachmachen würden, bald ein gesamtdeutsches Ge-spräch in Gang kommen könnte und sich dann in fruchtbarem Ne-beneinander nach Beseitigung der beiderseitigen Fehler heraus-stellen würde, welches gesellschaftliche System das bessere sei. Diese Episode ist zwar nicht an die australische Öffentlichkeit ge-langt, hat aber im deutschen Club in Melbourne gewiss keinen günstigen Eindruck hinterlassen. Den Sowjetzonalen Offiziellen und ihrem Pressekollektiv, das sich einzig durch Sprechchöre zur Anfeuerung sowjetzonaler Sportler im Hauptstadion gelegentlich unliebsam bemerkbar machte, ist in Melbourne gewiss klargewor-den, dass es ihnen nicht gelungen ist, in der stark antikommunisti-schen australischen Öffentlichkeit ein Echo zu finden. Doch fragt es sich, ob dies überhaupt ihre Absicht gewesen ist. Ihr zahlreiches Auftreten bei allen Veranstaltungen der deutschen Kolonie und ihr Fernbleiben von den meisten offiziellen Veranstaltungen legen die Vermutung nahe, dass die Beteiligung der sowjetischen Besat-zungszone an den Olympischen Spielen eher den Zweck verfolgte, unter den deutschen Einwanderern in Melbourne Kontakte zu ge-winnen, die dann allmählich zu kommunistischen Zellen ausgebaut werden könnten, vor allem, da ein so vorzüglich geschulter Verbin-dungsmann wie Walter Kaufmann zur Verfügung steht...
Für Deutschland und insbesondere für die Bundesrepublik schei-nen die Spiele auf den ersten Blick erfolgreich verlaufen und das Experiment der gesamtdeutschen Mannschaft scheint über Erwar-ten gut gelungen zu sein. Wenn man aber näher hinsieht, wird ei-nem die Zweischneidigkeit des ganzen Unternehmens deutlich: Es hat sich in Melbourne wieder einmal mit aller Eindringlichkeit ge-zeigt, dass „volksdemokratische" Sportfunktionäre, seien sie nun sowjetische oder sowjetzonale Kommunisten, den Sport stets als Mittel der Politik betrachten und nur darauf warten, mit gutgläubi-gen Enthusiasten bzw. Ehrgeizlingen unter den Sportführern der westlichen Demokratien zusammenzukommen, um diese rück-sichtslos für ihre Zwecke zu missbrauchen. Es ist nur zu hoffen,
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dass auch die Sportführer der Bundesrepublik diese Gefahr erken-nen und künftig dementsprechend handeln werden.
Canberra, den 12.Dezember 1956 gez. G.v.Groll
KONSULAT DER
BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
MELBOURNE
RK 472 00 Tgb. Nr. 1272/56
Ber. Nr. 318/56
Vertraulich
Betr.: Olympische Spiele in Melbourne
Auftreten der Gesamtdeutschen Mannschaft.
Die XVI. Olympischen Spiele in Melbourne haben am 8.12. 56 ih-ren Abschluss gefunden.
Die Teilnahme einer Gesamtdeutschen Mannschaft hat das deut-sche Interesse an den Spielen diesmal nicht nur auf das Sportliche allein beschränkt. An dieser Tatsache konnte auch der Präsident des IOC, der Amerikaner Avery Brundage, der ein Gegner jeder Verquickung von Sport und Politik ist, nichts ändern, da von Anfang an kein Zweifel darüber bestehen konnte, dass durch die Teilnah-me von Funktionären der sowjetisch besetzten Zone im Rahmen einer Gesamtdeutschen Mannschaft von dieser Seite her der Sport als politisches Propagandamittel eingesetzt werden würde.
Rückblickend kann gesagt werden, dass das Experiment „Gesamt-deutsche Mannschaft" in sportlicher Hinsicht ein Erfolg gewesen ist. Dies bezieht sich nicht nur auf die unerwartet hohe Anzahl von errungenen Medaillen, sondern auch auf die Tatsache, dass unse-re Sportler in Melbourne stets als „The Germans" bezeichnet wur-den. Bis auf eine kleine Panne bei Hissung der Flagge im Olympi-schen Dorf, bei welcher ich eine irreführende Zeitungsnotiz über das Vorhandensein zweier deutscher Flaggen sofort richtigstellen konnte, ist in der Presse, in den Kampfbahnen und bei Siegereh-rungen im Fall der Beteiligung deutscher Sportler als Herkunftsland stets Germany genannt worden...
Ich bin der Ansicht, dass die sowjetzonale Gruppe die hiesige At-mosphäre von Anfang an richtig eingeschätzt und deshalb erst kei-nen Versuch unternommen hat, selbständig aufzutreten wie in Cor-
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tina. In dieser Hinsicht ist sie sicherlich von Herrn Kaufmann, dem Assistant Attaché, entsprechend beraten worden (siehe meinen Bericht vom 31.10. 56 - 472-00 Tgb. Nr.1144/56)...
Wenn auch in Melbourne aus den angeführten Gründen nach aus-sen hin die Fassade gewahrt werden konnte, so hat sich doch un-ter der Oberfläche gezeigt, dass die Ostfunktionäre es nicht lassen koennen, überall die Politik hineinzubringen. Herr von Halt, mit dem ich mehrfach hierüber sprach, letztmalig noch kurz vor seiner Ab-reise, sagte mir, dass die genannte Gruppe führungsmässig dau-ernd Schwierigkeiten gemacht hätte. Dies träfe vor allem auf die erste Zeit zu, d.h. solange die Ostfunktionäre noch in der Überzahl gewesen seien, also vor Eintreffen der westdeutschen Offiziellen.
Nach meiner Kenntnis entspricht dies durchaus den Tatsachen. Ich darf in diesem Zusammenhang auf meine Aufzeichnungen vom 12.11.56 verweisen, welche dem Bericht der Botschaft vom 16.11.56 - 472-00 Tgb.Nr.1440/56 II - beilagen. Hier ist aber auch ausgeführt, dass sich unsere Offiziellen seinerzeit durch einen er-heblichen Mangel an Festigkeit gegenüber den Funktionären der sowjetisch besetzten Zone und an Loyalität gegenüber der Bun-desrepublik ausgezeichnet haben...
Mangelnde Stehfestigkeit unserer Offiziellen gegenüber den Ost-funktionären wird immer nur für diese von Vorteil sein.
Um ein Beispiel zu nennen:
Herr Dr. Danz, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ein dem Vernehmen nach unter seinen Kollegen im NOK wegen seiner eigenwilligen und egoistischen Handlungsweise nicht ge-schätzter Herr, hat sich mit verschiedenen Ostfunktionären in we-nig würdiger Weise angebiedert. Anlässlich eines Balls des hiesi-gen Deutschen Clubs hat man ihn hauptsächlich mit diesen Herren zusammen stehen sehen. Er soll nach der gleichen Quelle mit Herrn Schöbel, dem Präsidenten des NOK der sowjetisch besetz-ten Zone, sogar Brüderschaft getrunken haben. Wie mir Herr von Halt wörtlich sagte, soll Herr Dr. Danz ziemlich links stehen. Er soll in der Organisation des deutschen Sports erhebliche Ambitionen haben. Es mag daher vielleicht von Interesse sein, seine künftige Aktivität von dort aus etwas im Auge zu behalten.
Als Fazit des Auftretens der Gesamtdeutschen Mannschaft in Mel-bourne ist meines Erachtens folgendes festzustellen:
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Die Mannschaft hatte ein zu lockeres Gefüge, und zwar sowohl im organisatorischen Sinne wie auch in Bezug auf die Ausrichtung der Ostfunktionäre einerseits und die labile Haltung einiger unserer Of-fiziellen andererseits. Um in einer künftigen Gesamtdeutschen Mannschaft den zu erwartenden Selbständigkeitsbestrebungen der östlichen Gruppe in einer für sie günstigeren Umgebung wirksam begegnen zu können, wäre erforderlich, dass für unsere Seite bes-sere organisatorische und sicherere personelle Voraussetzungen geschaffen werden.
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Bericht über die Teilnahme von DDR-Sportlern an den Olympischen Spielen 1956 (Auszüge)
STAATLICHES KOMITEE Berlin C2, den 23.1.1957
FÜR KÖRPERKULTUR UND SPORT
beim Ministerrat
der Deutschen Demokratischen Republik
Der Vorsitzende
B e r i c h t
über die Teilnahme von Sportlern der Deutschen Demokratischen Republik an den XVI. Olympischen Sommerspielen im Rahmen ei-ner gesamtdeutschen Mannschaft
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Einleitung
Die Teilnahme der besten Sportler der Deutschen Demokratischen Republik im Rahmen einer gesamtdeutschen Mannschaft an den XVI. Olympischen Sommerspielen in Melbourne war richtig und er-folgreich. Das Auftreten unserer Aktiven und Funktionäre hatte zur Folge, daß international
a) die Autorität der Deutschen Demokratischen Republik gefestigt und das Ansehen unter den Sportlern aus aller Welt gehoben wur-de,
b) unsere Position im Internationalen Olympischen Komitee ge-stärkt wurde,
c) der Einfluß unserer Fachverbände in den internationalen Föde-rationen stärker geworden ist,
und daß national
a) das NOK und die Fachverbände der Bundesrepublik unsere Selbständigkeit anerkennen und respektieren mußten.
b) unsere Leistungen große Teile der westdeutschen Bevölkerung beeindruckten.
c) der Kontakt eines Teils der westdeutschen Sportler und Funktio-näre zu uns hergestellt und vertieft werden konnte, so daß wir oft-mals als Interessenvertreter des ganzen deutschen Sports auftra-ten.
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Danach wurden die Bemühungen der Bonner Regierungskreise durchkreuzt, die nach unseren Erfolgen in Cortina versuchten, eine gesamtdeutsche Mannschaft für Melbourne zu verhindern und, als ihnen das nicht gelang, bemüht waren, die gesamtdeutsche Mann-schaft unter ihren Einfluß und ihre Führung zu bekommen, um dadurch die Existenz der DDR und ihrer selbständigen Sportver-bände zu verschleiern...
Zur Aufstellung einer gesamtdeutschen Olympiamannschaft fanden zwischen den Sektionen Leichtathletik, Schwimmen, Boxen, Rin-gen, Gewichtheben, Segeln und Radsport und den entsprechen-den Fachverbänden der Bundesrepublik Verhandlungen statt. Zum Teil wurden Ausscheidungskämpfe durchgeführt.
Im Fußball konnte keine Einigung über die Entsendung einer ge-samtdeutschen Mannschaft erzielt werden, so daß die Fußball-mannschaft ausschließlich von der Bundesrepublik gestellt wurde.
Im Basketball einigte man sich, keine 'Mannschaft zu entsenden, da die Leistungen nicht dem internationalen Niveau entsprechen.
Im Fechten wurde der Teilnahme eines einzigen Vertreters und im Schießen der Entsendung von zwei Schützen der Bundesrepublik zugestimmt, weil von den Sektionen der DDR keine Sportler nomi-niert werden konnten.
In Gymnastik/Turnen verzichtete die Sektion der DDR auf die Ent-sendung einer Frauenmannschaft, da der derzeitige Leistungs-stand nach dem Ausfall der beiden Spitzenturnerinnen nicht dem internationalen Niveau entsprach und stimmte der Entsendung ei-ner Männermannschaft der Bundesrepublik zu. Auf Ausschei-dungskämpfe bei den Männern wurde verzichtet, da die Sektion nicht mit gleichen Leistungen aufwarten kann. Desgleichen wurden im Hockey keine Ausscheidungskämpfe durchgeführt, da die Leis-tungen der westdeutschen Hockeyspieler besser sind.
Im Kanu und Wasserball wurden die Leistungen unserer Sportler von den verantwortlichen Funktionären der Sektionen überschätzt, so daß die DDR in diesen Sportarten bei gesamtdeutschen Aus-scheidungskämpfen empfindliche Niederlagen einstecken mußte.
Im Rudern dienten die Europameisterschaften in Jugoslawien als Klassifikation. Da sich keine Boote der Sektion Rudern unter den ersten placieren konnten, wurde auf eine Entsendung zu den Olympischen Spielen verzichtet...
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I. Vorbereitung
1. Auswahl der Sportler
Alle Sektionen der demokratischen Sportbewegung, deren Sportar-ten zum olympischen Programm gehören, beschäftigten sich un-mittelbar nach der Anerkennung des NOK der DDR durch das In-ternationale Olympische Komitee, 1955 in Paris, mit den olympi-schen Vorbereitungen.
Ein bestimmter entwicklungsfähiger Personenkreis wurde ausge-wählt. Auf der Grundlage einer langfristigen Trainingsplanung, die vor allem die zeitliche Saisonverschiebung berücksichtigte, wurde im Jahre 1955 mit der individuellen Vorbereitung dieses kleinen Kreises von Aktiven begonnen. Die Starts der Leichtathleten und Schwimmer Dezember 1955/Januar 1956 in der Volksrepublik Chi-na brachten wichtige Hinweise für die Verbesserung des Trai-ningsaufbaues für das Jahr 1956...
...Um allen Sektionen die notwendige Hilfe geben zu können bzw. von seiten des NOK eine straffe Führung zu garantieren, wurde am 12. März 1956 der Sommersportausschuß der DDR konstituiert.
Er befaßte sich in seiner Arbeit mit der inhaltlichen Gestaltung der Vorbereitung für Melbourne, mit der Erarbeitung von Vorschlägen über spezielle Fragen, die die Vorbereitung, den Transport, den Aufenthalt usw. betrafen und war für die Koordinierung der Aufga-ben der einzelnen Sportsektionen und die einheitliche Anleitung derselben verantwortlich...
2. Vorbereitung der Sportler
Die auf der Grundlage der Wettkampfergebnisse des Jahres 1955 und der zu erkennenden Entwicklungsmöglichkeiten ausgewählten Sportlerinnen und Sportler wurden unter Anleitung ihres Heimtrai-ners in den Clubs vorbereitet.
Auf die Durchführung längerer Lehrgänge wurde verzichtet, da die Mitglieder der Olympia-Kommission den kleinen Kreis der in der Vorbereitung befindlichen Aktiven gut überblicken, anleiten und kontrollieren konnten...
In einigen Fällen, wo in den Heimatorten ungenügende Vorausset-zungen für eine gute Trainingsarbeit gegeben waren (zu niedrige Wassertemperaturen, schlechte Segelmöglichkeiten usw.) wurden die nötigen Ausweichmöglichkeiten geschaffen...
In Kienbaum übergaben die Heimtrainer ihre Sportler an die Olym-piatrainer und sprachen mit ihnen die weitere Vorbereitung ab.
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Die tägliche Arbeit in Kienbaum begann mit dem Morgenappell, der abwechselnd von den einzelnen Mannschaften vorbereitet und durchgeführt wurde... Großen Anklang fand ein Lichtbildervortrag Sportfreund Schlossers über seine Augustreise nach Melbourne...
Am 26. und 27. wurde die Einkleidung vorgenommen. Die Herstel-lung der Bekleidung für die gesamtdeutsche Mannschaft war au-ßerordentlich kompliziert, da durch die späte Nominierung der Mannschaft die Maße erst im September und Oktober gegeben werden konnten. Wenn trotzdem die Einkleidung termingemäß vollzogen werden konnte, dann gebührt den Kollegen Tischer und Drozd vom Staatlichen Komitee, dem Kollegen Kriechbaum vom VEB „Elegant" und den Werktätigen in der Produktion Dank und Anerkennung. Unsererseits wurde alles getan, um die Einkleidung der gesamtdeutschen Mannschaft sicherzustellen. Wenn in Mel-bourne trotz unserer termingemäßen Auslieferung an das NOK der Bundesrepublik vieles für die westdeutschen Sportler fehlte, dann lag das an der Unfähigkeit der westdeutschen Funktionäre, ihre Einkleidung richtig zu organisieren.
Der Empfang bei unserem Staatspräsidenten Wilhelm Pieck auf Schloß Hohenschönhausen sowie die Verabschiedung vor der Ber-liner Bevölkerung in der Deutschen Sporthalle, wo der Erste Stell-vertreter des Ministerpräsidenten, Walter Ulbricht, die letzten ver-pflichtenden Worte an unsere Mannschaft richtete, waren für alle Olympiateilnehmer ein großes Erlebnis. Der Empfang beim Staats-präsidenten und die Verabschiedung durch Walter Ulbricht bedeu-teten für die demokratische Sportbewegung sowie für alle Teilneh-mer eine hohe Ehre und brachten gleichzeitig das enge Verhältnis und die Fürsorge unserer Regierung zu den Sportlern klar zum Ausdruck.
Die Regierung der Bundesrepublik nahm vor den Olympischen Spielen wenig Notiz von den Olympiakämpfern. Die westdeutschen Sportler wurden lediglich vor ihrem Abflug nach Melbourne in Hamburg jeweils von einem Vertreter des Senats und einem Mit-glied des NOK der Bundesrepublik oder der Olympischen Gesell-schaft verabschiedet...
III. Tätigkeit der Leitung
1. Zusammenarbeit der Präsidenten
Durch eine Venenentzündung, die Herrn von Halt bis zum Beginn des IOC-Kongresses ans Bett fesselte, war die erste Fühlungnah-
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me mit ihm erst am 19. November möglich. Bei dieser Aussprache, in der es um die Frage der Einmarschordnung ging, vertrat Herr von Halt, wie er sich ausdrückte den unumstößlichen Standpunkt, daß bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in der Mitte der drei Offiziellen Deutschlands der Chef de Mission, Herr Stoeck, mar-schieren müsse.
Dieser Führungsanspruch, der einem Diktat gleichkam und in An-wesenheit der NOK-Mitglieder der Bundesrepublik mitgeteilt wurde, mußte befremden. Herr von Halt wurde deshalb von Herrn Schö-bel gebeten, zur Kenntnis zu nehmen, daß es der unumstößliche Entschluß des NOK der DDR sei, daß in der Mitte der drei Offiziel-len der Präsident des NOK der DDR zu marschieren habe.
In einer weiteren Beratung am anderen Tag wurde in Anwesenheit Herrn von Halt’s von Herrn Stoeck der gleiche Standpunkt vertre-ten. Herr Schöbel wies im Beisein von NOK-Mitgliedern der Bun-desrepublik nochmals darauf hin, daß die gesamtdeutsche Mann-schaft lt. Beschluß der beiden Komitees von beiden Präsidenten geführt werde, und daß Herr Stoeck demzufolge nur Beauftragter beider Präsidenten sein könne. Nach längerer Diskussion und ei-ner Rücksprache der NOK-Mitglieder der Bundesrepublik mit Herrn von Halt einigte man sich, daß der Chef de Mission mit einigen Me-tern Abstand hinter den Offiziellen der beiden NOK in das Stadion einzumarschieren habe...
2. Zusammenarbeit der beiden Chef de Mission
In der Zusammenarbeit der beiden Chef de Mission im Olympi-schen Dorf ging es entsprechend den Vereinbarungen der beiden NOK um die Verwirklichung der gleichberechtigten Führung der gesamtdeutschen Mannschaft. Entgegen den Festlegungen der beiden NOK versuchte Herr Stoeck, aus dem Chef de Mission als dem Beauftragten der beiden NOK den Mannschaftsleiter zu ma-chen.
Obwohl Herr Stoeck bereits vor der Abreise der gesamtdeutschen Olympiamannschaft Erklärungen abgegeben hatte, daß er bereit sei, in enger Zusammenarbeit mit den Funktionären der DDR die Aufgabe des Chef de Mission zu übernehmen, zeigte die weitere Zusammenarbeit, daß Herr Stoeck bestrebt war, die von der Bon-ner Regierung herausgegebene Direktive auf das genaueste zu be-folgen, die Mannschaftsführung der DDR von ihren Sportlern zu isolieren, um einen größeren Einfluß auf dieselben ausüben zu
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können und zu versuchen, sie enger an die westdeutsche Mann-schaftsführung zu binden. Zu diesem Zweck arbeitete er unmittel-bar mit dem Vertreter des Bonner Innenministeriums, Herrn Sie-vert, zusammen. So versuchte Herr Stoeck die Leitung der ge-samtdeutschen Mannschaft an sich zu reißen und seinen Stellver-treter Heinze von der Arbeit fernzuhalten...
Auch in den Sitzungen der Mannschaftsleitungen versuchte Herr Stoeck ohne vorherige Rücksprache mit Herrn Heinze, seine An-weisungen auch für die Mannschaft der DDR zu geben. Das mußte als Einmischung in die Angelegenheiten des NOK der DDR zu-rückgewiesen werden. In einer gemeinsamen Aussprache wurde festgelegt, daß die Anweisungen an die Sportler der DDR nur durch die Mannschaftsleitung der DDR und keine Anordnungen für die gesamtdeutsche Mannschaft gegeben werden können, die nicht zwischen den Chef’s de Mission abgesprochen wurden...
6. Arbeit der Mannschaftsleiter und Trainer
Die Trainer und Mannschaftsleiter waren für die Tätigkeit ihrer Sportler, für die Vorbereitung zum Training, für die Freizeitgestal-tung und den notwendigen Ausgleich voll verantwortlich. Alle Mannschaftsleiter und Trainer haben in Melbourne ihre Aufgaben voll und ganz erfüllt und die Sportler in einen guten Trainingszu-stand gebracht, der später auch zu Erfolgen bei den Wettkämpfen führte.
Positiv wirkte sich aus, daß unsere Mannschaftsleiter gleichzeitig Trainer waren, was beim NOK der Bundesrepublik nicht der Fall war. Es muß auch betont werden, daß alle Trainer bereit waren, jederzeit die Anweisungen der Delegationsleitung durchzuführen. In den Mannschaften selbst herrschte eine gute Disziplin, die auf den Einfluß von Trainer und Mannschaftsleiter zurückzuführen war.
Die Ausfälle bei den Wettkämpfen sind nicht auf spezielle Fehler in der Trainingsarbeit in Melbourne, sondern auf die schlechten Trai-ningsbedingungen auf dem Sportplatz des olympischen Dorfes, auf Formschwankungen, ungenügende Wettkampferfahrung und auf Verletzungen zurückzuführen.
7. Arbeit der Attaché’s
Die Berufung eines eigenen Attaché’s, der die Belange der DDR-Sportler vertrat, hat sich als außerordentlich gut und notwendig er-wiesen. Der für die gesamtdeutsche Mannschaft ernannte Attaché, Herr Baron von Nordegg-Rabenau, sah seine Aufgabe in der
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Hauptsache auf repräsentativem Gebiet und wälzte die wichtige Kleinarbeit auf seinen Gehilfen, Mr. Elton aus Melbourne oder auf unseren Attaché, Walter Kaufmann, ab. Mr. Elton konnte sich ge-gen die Anweisungen des Barons nur ungenügend zur Wehr set-zen, wurde deshalb mit Arbeit überhäuft, fing alles an - zumal er auch Aufträge von Herrn König bekam - aber führte nur Weniges zu Ende.
Herr Kaufmann bemühte sich vom ersten Tage an, einen engen Kontakt zum Organisationskomitee herzustellen und bei der Lö-sung der Fragen der gesamtdeutschen Mannschaft die Interessen der DDR-Sportler zu berücksichtigen. Er war von den bei den meis-ten verantwortlichen Mitarbeitern des Organisationskomitees, die mit der praktischen Arbeit etwas zu tun hatten, der Bekannteste...
IV. Unterkunft...
2. Aufteilung der Unterkünfte
Seitens des NOK der Bundesrepublik, deren Geschäftsführer, Herr König, vor uns in Melbourne war, wurde versucht, die Einteilung der Quartiere so vorzunehmen, daß die Teilnehmer der DDR im viel größeren Kontingent untergehen. Einer solchen Einteilung wurde unsererseits nicht zugestimmt und erreicht, daß unsere Mannschaftsteile gemeinsam mit ihren Trainern wohnten. Diese Regelung wirkte sich in der Praxis noch günstiger aus, als wenn unsere Mannschaft insgesamt zusammengewohnt hätte.
Durch die engen Berührungspunkte, die unsere Sportler und Trai-ner mit den westdeutschen Athleten bekamen, entwickelte sich teilweise ein guter Kontakt, der vielfach so weit ging, daß sich die westdeutschen Athleten bei unseren Betreuern Rat und Hilfe hol-ten...
VI. Ärztlicher Bericht
Für die ärztliche Betreuung während der Vorbereitungsperiode und des Aufenthalts in Melbourne war Herr Prof. Dr. Nöcker verantwort-lich. Sämtliche Olympiakandidaten wurden in Leipzig einer gründli-chen Untersuchung unterzogen und entsprechend den vorge-schriebenen Bedingungen geimpft. In diesen Untersuchungen wur-de festgestellt, daß unsere Sportlich sich in einem ausgezeichne-ten Trainingszustand befanden...
Sorge bereitete in der Vorbereitung das Ausmaß der Rückwirkung der Umstellung auf den Tag-Nacht-Rythmus. Nach der Ankunft wurde das Training bereits am 2. Tag voll aufgenommen und auf
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diese Weise die Rythmus-Umstellung beschleunigt. Es kann ge-sagt werden, daß auch die Rythmus-Umstellung bei weitem nicht die Rolle gespielt hat, die man ihr vorher zuzuschreiben geneigt war...
Bereits im Rahmen der gesamten Vorbereitung in Melbourne gab es bei vielen Ländern eine verhältnismäßig hohe Verletzungsquote. Vor allem bei den europäischen Nationen, weil hier die Athleten über ein halbes Jahr hoher und höchster Wettkampfbelastung aus-gesetzt waren. Aufgrund dieser langen Höchstbelastung durch Training und Wettkampf ist die Gefahr der Schädigung der Kreis-lauf- und Atmungsorgane viel geringer als die Schädigung des Bin-degewebes. So ist es auch kein Zufall, daß bei allen europäischen Mannschaften eine abnorme Häufung von Achillessehnenentzün-dungen auftraten, daß man von einer neuen „Olympia-Krankheit“ sprach...
VII. Trainingsvorbereitungen in Melbourne ...
2. Allgemeine Trainingsprobleme
Durch die in Berlin bereits gegebenen Hinweise über die physiolo-gischen Auswirkungen der neuen klimatologischen Bedingungen sowie die Veränderung des Tageszeitrythmus sahen wir der Trai-ningsarbeit in Melbourne verhältnismäßig skeptisch entgegen. Wir waren bemüht, Wege zu finden, auch unter den neuen Bedingun-gen den Nachtschlaf unserer Sportlerinnen und Sportler zu garan-tieren. Aus diesem Grunde wurde bereits am Morgen nach unserer Ankunft, ebenso am Nachmittag, mit einem harten und intensiven Training begonnen...
Grundlage für die Trainingsarbeit waren die zu Hause aufgestellten individuellen Trainingspläne. Je nach dem Befinden der Aktiven wurde die Dosierung vermindert oder erhöht. Durch diese Methode wurde in 75 % aller Fälle erreicht, daß unsere Jungen und Mädel ihre Höchstform bei den Wettkämpfen hatten...
3. Training in Mount Macedon
60 Meilen von Melbourne entfernt in ca 6 - 700 m Höhe, hatte un-sere Leitung ein Ausweichquartier gemietet. In herrlicher Land-schaft und wunderbarer Ruhe nahmen unsere Leichtathleten (Mit-tel- und Langstreckler) sowie unsere Straßenfahrer Gelegenheit zur Vorbereitung. Es war dort möglich, auf einem Kricket-Platz und einer Pferderennbahn zu trainieren, während sich unsere Rad-sportler dem olympischen Kurs ähnelnde Strecken zum Training
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heraussuchten. Alle Sportler fühlten sich dort oben sehr wohl und kamen nervlich erholt und auch physisch gestärkt ins olympische Dorf zurück. ...
IX. Kurze Berichte der einzelnen Sportarten
1. Leichtathletik...
Einige Schlußfolgerungen, die z.T. für alle Sportarten zutreffen:
a) Nur der Athlet, der über Jahre hinaus bei hoher Trainingsbelas-tung und Intensität kontinuierlich aufgebaut ist und zur Selbstän-digkeit erzogen wurde, konnte im Olympischen Wettkampf beste-hen.
b)Um die in Melbourne errungenen Erfolge unserer Sektion fundie-ren, festigen und ausbauen zu können, ist eine generelle Orientie-rung auf die Entwicklung unserer Jugend erforderlich.
c) Das Prinzip der Vielseitigkeit muß in unserer Jugendarbeit ziel-strebiger und folgerichtiger Anwendung finden...
e) Unsere Leistungsplanung sollte jeweils für den Zeitraum einer Olympiade (4 Jahre) aufgestellt werden. Die zwischen den Spielen stattfindenden Europameisterschaften sollten jeweils Prüfstein für die Richtigkeit des methodisch eingeschlagenen Weges in der sportlichen Ausbildung sein.
f) Internationale Erfahrung muß unseren Athleten systematisch an-erzogen werden. Nachdem wir Mitglied der Internationalen Födera-tion geworden sind, dürfen wir nicht mehr blind jeder internationa-len Einladung mit unseren Spitzenathleten folgen...
Auf die gesamtmethodische Auswertung wird an dieser Stelle be-wußt nicht eingegangen, da die... DDR-Trainer nach Fertigstellung der 1000 m Filmmaterial (16 mm) ... diese Auswertung vornehmen werden...
6 a) Bahnradsport
Nachteilig war, daß von der Vierermannschaft die drei DDR-Sportler rund 12 Tage allein trainieren mußten, da der westdeutsche Sport-freund Gieseler erst sehr spät in Melbourne ankam... Während Ma-litz, Nitsche und Köhler auf 725 Trainings-km. kamen, konnte Giese-ler nur 210 km zurücklegen...
6 b Radsport (Straße)
... Hätte der westdeutsche Sportfreund Pommer nach seinem Her-anfahren in der letzten Runde nicht den Fehler begangen, einen Vorstoß zu unternehmen, wäre Schur’s Vorhaben auf Grund seiner guten Form gelungen, am letzten Berg seinen überraschenden
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Vorstoß zu unternehmen. Damit wäre im Einzelfahren die Silberne Medaille noch zu gewinnen gewesen...
X. Berichte über Kongresse...
5. Kongreß der FIH (Hockey)
Auf diesem Kongreß wurde die endgültige Anerkennung der Sekti-on Hockey beraten. Bisher war die Sektion nur provisorisches Mit-glied... Der Antrag... wurde von Herrn Frank (Generalsekretär) und den Vertretern Indiens und Pakistans unterstützt. Auch nach der Begründung des Antrages durch Herrn Staake sprach niemand dagegen. Wieder wurde vom indischen Vertreter offene Abstim-mung gefordert, während Herr Reinberg... Präsident des westdeut-schen Hockey-Verbandes... die geheime Wahl wünschte. Die Sek-tion wurde mit 13 zu 6 Stimmen als Vollmitglied in die Internationa-le Föderation aufgenommen...
6. Kongreß der FIHC (Gewichtheben)
Im Kongreß der FIHC stand die Wahl des Präsidenten im Mittel-punkt. Bei der Diskussion ging es ziemlich erregt zu. Entsprechend den Statuten war Herr Nyberg (Finnland) als einziger für die Wie-derwahl vorgeschlagen worden... Durch ein abgestimmtes Manö-ver zwischen USA, Trinidad, Malaia und Südkorea wurde versucht, den von den USA vorgesehenen Kandidaten Johnson als Gegen-kandidat aufzustellen. Nach dreistündiger heftig geführter Diskus-sion, wo den Delegierten der USA seitens des französischen Ge-neralsekretärs schwere Vorwürfe über Wahlbeeinflussung und ein-seitige zweckgerichtete politische Propaganda gemacht wurde, kam es zur geheimen Abstimmung, ob Johnson kandidieren dürfe. Mit 18 zu 15 Stimmen wurde für Johnsons Kandidatur gestimmt. Vor der Abstimmung gab es eine Diskussion über die Stimmbe-rechtigung der DDR. Von einigen Präsidiumsmitgliedern wurde dieselbe abgelehnt, vom Präsidenten, dem Generalsekretär jedoch zugebilligt. Der als Mitglied des IOC anwesende Baron von Frenkel setzte sich ebenfalls für die Stimmberechtigung der DDR ein. In ei-ner spannungsgeladenen Kampfabstimmung... wurde Präsident Nyberg mit unserer Stimme im Gesamtergebnis 17 zu 16 für weite-re vier Jahre wieder gewählt...
2. Unser Zusammenwirken mit den befreundeten Ländern
Die Mannschaftsleitung der DDR-Delegation hatte mit den Vertre-tern der befreundeten Länder einen guten Kontakt. Beim Eintreffen
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des sowjetischen Delegationsleiters Romanow waren Vertreter der befreundeten Länder auf dem Flugplatz...
Die ungarischen Emigranten in Australien waren bemüht, Unsi-cherheit in die Mannschaft zu tragen, Falschmeldungen zu verbrei-ten, die Sportler von der Rückreise in die Heimat abzuhalten und die Tätigkeit der schiedenen Agenten- und Spionage-Organisationen in Australien zu unterstützen... Nachdem bekannt war, daß die Flug-Gesellschaft einen Tag vor dem Abflug der unga-rischen Delegation die Forderung nach Bezahlung stellte und eine entsprechende Deckung bei der Australischen Bank für die ungari-schen Sportler nicht vorhanden war, sollte die Australische Regie-rung als „Retter in der Not“ auftreten. Die befreundeten Länder ent-schieden sich für die Übernahme der Kosten. Die DDR-Delegation gab 6000 Pfund = 12 000 Dollar von insgesamt 40 - 50000 Dollar...
XII. Ausflüge und Freizeitgestaltung...
Um den Sportlern die Möglichkeit zu geben, in ihrer Freizeit die Umgebung Melbournes kennenzulernen, wurde auf Anregungen zurückgegriffen, die durch den Deutschen Club in Melbourne ge-macht wurden. So war es möglich, daß zu jeweils vereinbarten Zei-ten Vertreter des Deutschen Clubs mit ihren Kraftfahrzeugen be-reitstanden, um den Sportlern in kleineren und größeren Gruppen die Umgebung von Melbourne zu zeigen. Des weiteren wurden vom Deutschen Club zwei Bälle zu Ehren der gesamtdeutschen Olympiamannschaft organisiert, an denen auch eine Reihe Sportler der DDR teilnahm...
Eine Gepflogenheit hatte sich in der Mannschaft der DDR während der Zeit der Olympischen Spiele herausgebildet, daß alle die Sportarten, die mit ihrem Wettkampf zu Ende waren, eine kleine Feier gaben, wo die erfolgreichsten Sportler mit kleinen persönli-chen Geschenken geehrt wurden... Vor allem wurden gerade bei diesen Zusammentreffen die guten Verbindungen mit den west-deutschen Sportlern, die teilweise an diesen Feiern teilgenommen haben, hergestellt...
XIV. Zusammenfassung
Zusammenfassend muß gesagt werden, daß das Auftreten der DDR-Sportler im Rahmen einer gesamtdeutschen Delegation er-folgreich war. Unsere Beteiligung an den Olympischen Spielen trug dazu bei, das Ansehen der Deutschen Demokratischen Republik zu stärken...
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Auch leistungsmäßig hat die Sportdelegation unserer Republik die in sie gestellten Anforderungen erfüllt und sich im Gesamtklasse-ment unter 67 Nationen einen achtbaren 15. Platz erkämpft...
Die im Bericht aufgezeigten während der Vorbereitung und der Spiele aufgetretenen Mängel und Schwächen müssen Anlaß sein, schon jetzt die entscheidenden Schlußfolgerungen für die Weiter-führung der olympischen Arbeit und die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 1960 zu ziehen. Die Hauptschlußfolgerungen sind:...
3. Die bestehenden Kontakte zum Nationalen Olympischen Komi-tee der Bundesrepublik müssen weiter aufrechterhalten werden. Das kann in der Hauptsache in schriftlicher Form erfolgen.
4. Das Nationale Olympische Komitee der DDR muß sich bemü-hen, in den kommenden Jahren die volle Anerkennung des IOC zu erhalten, da die in Paris gestellte Forderung - mit einer gesamt-deutschen Mannschaft in Melbourne teilzunehmen - erfüllt wurde.
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OPERATION FRIEDENSFAHRT
Von KLAUS HUHN
I. Briefwechsel mit einem Lektor
Sachverhalt:
Im Frühjahr 1997 erschien im Berliner Sportverlag das Buch „100 Highlights Friedensfahrt“. Als Autoren wurden Manfred Hönel und Olaf Ludwig genannt. Im Innentitel: „Redaktion: Michael Horn“.
„BEITRÄGE ZUR SPORTGESCHICHTE“ publizierte ein Sonder-heft zur 50. Friedensfahrt, herausgegeben von dem Mitglied des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Rolf Kutzmutz, und Klaus Huhn. Das Sonderheft enthielt auch ein Interview mit Klaus Huhn.
Zitat:
„KLAUS HUHN: ...die ganze Geschichte des Rennens wurde schlicht umgeschrieben... Ein Redakteur von „Bild“ und ein Redak-teur der „Welt“ taten sich zusammen und gewannen Olaf Ludwig als Co-Autor... Daß das Kapitel ‘Prolog’ wie ein billiger Krimi be-ginnt, ist Sache des Verlages, aber eben typisch für das ganze Produkt: ‘Über Warschau liegt leichter Nebel. Es ist, als wolle je-mand ein Tuch über die Stadt werfen, damit man die ungeheuren Trümmerberge nicht sieht. Zygmunt Weiss, Sportjournalist der ‘Trybuna Ludu’ schaut an diesem Herbsttag des Jahres 1947 mit starrem Blick aus dem Fenster. Angestrengt denkt er nach: Was kann ich nur tun, um diese bedrückend graue Erbschaft eines fürchterlichen Krieges aufzuhellen? Vor seinen Augen rollt das bunte Fahrerfeld der Tour de France vorbei, wie er es in den drei-ßiger Jahren gesehen hatte... Plötzlich ein schrilles Klingeln. Das Telefon. Am anderen Ende eine unbekannte Stimme. In einem Kauderwelsch aus Polnisch und Tschechisch versteht Weiss den Namen der Prager Zeitung ‘Rude Pravo’. ‘Es muß Gedankenüber-tragung gewesen sein. Weiß der Teufel, wer zuerst auf die Idee gekommen ist. Aber wahrscheinlich Karel, aber zumindest hatte er die Initiative ergriffen und mich angerufen. Beide, Weiss und sein Prager Kollege Karel Tocl, werden sich schnell einig. Jawohl, wir veranstalten ein Radrennen. Im Mai 1948 von Prag nach War-schau.’
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Mein Kommentar zu dieser Darstellung der Geschichte: Hollywood läßt grüßen. Tatsache ist: Zygmunt Weiss war nie Redakteur bei ‘Trybuna Ludu’, die damals auch gar nicht ‘Trybuna Ludu’, sondern ‘Glos Ludu’ hieß. Der ehemalige tschechische Mittelstreckenläufer Tocl war in Prag nie auch nur einen Tag in der Redaktion der ‘Ru-de Pravo’ tätig gewesen - er fertigte Überland-Omnibusse ab, war also auch nie Kollege von Weiss. Sie haben auch im Herbst 1947 nie miteinander telefoniert, auch nicht kauderwelschend...
BEITRÄGE: Ist es so wichtig zu erfahren, wie es zur ersten Fahrt kam?
KLAUS HUHN: Für ‘Bild’ sicher nicht. Es mag auch Wichtigeres geben, als der Geburtsstunde der Friedensfahrt nachzuspüren, aber es muß doch Gründe geben, allgemein Bekanntes hem-mungslos auf den Kopf zu stellen. Und nach diesen Gründen muß man nicht lange forschen. Die Weiss-Tocl-Story macht die Tour de France endlich unwiderruflich zur Patin der Friedensfahrt. Und da-mit sind die geschichtlichen Zusammenhänge endlich in den ‘neu-en’ Bahnen. Daß der gleiche Verlag, der dieses Buch herausbrach-te, früher zahlreiche Friedensfahrtpublikationen präsentiert hatte, die sich auf verbürgte Quellen stützten, stört niemanden... Zwei kommunistische Zeitungen hatten dieses Rennen gegründet. Und das mißfiel.“
1.Brief:
(Absender: Michael Horn auf Kopfbogen des Sportverlages am 14.5.1997) Sehr geehrter Herr Huhn,
Ihre Ein- und Auslassungen zum Friedensfahrt-Buch des Sportver-lags habe ich als betreuender Lektor mit Interesse zur Kenntnis genommen. Daß Sie als d e r Chronist der Fahrt zumindest bis 1989 gewisse historische Details besser kennen, davon war aus-zugehen; insofern dürfen Sie auch die Aufzählung Ihrer Bücher im Impressum als Würdigung Ihrer Arbeit verstehen.
Ich freue mich, daß Sie die Frage nach der Empfehlbarkeit des Bu-ches bejahen. Nicht nur Täve Schur, Wolfram Lindner, Otto Fried-rich etc. halten allein die Tatsache für bemerkenswert, daß sich in diesem Land ein Verlag findet, der das Risiko eingeht, in einem re-präsentativen Text-Bild-Band eine große Fahrt zu würdigen, die zwei Drittel der Bevölkerung höchstens vom Hörensagen kennen. Aber das nur nebenbei. Daß hier samt und sonders einstige DDR-
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Journalisten (mich einbegriffen) am Werk waren, halte ich für wich-tig, um Authentizität zu wahren und gleichzeitig der "FF" ihren Glo-rienschein zu nehmen, der tatsächlich Geschehenes hinter "perfek-ter Organisation - Völkerverständigung - Friedenserhaltung - rasan-tem Sport" auch mit beleuchtet. Sie haben also völlig recht, wenn Sie eine "umgedeutete" oder umgeschriebene" Geschichte ausma-chen. Wann erfuhr der geneigte Leser aus früheren DDR-Publikationen schon etwas über Dieter Wiedemann, Wolfgang Lötzsch, Siegbert Schmeißer oder Bernd Knispel? Oder über di-verse "Gefechte", wie sie jüngst im ORB Olaf Ludwig zum besten gab? Leider konnten wir diesbezüglich in alten "FF"-Büchern nicht fündig werden. Vermutlich wurde auch etwas umgeschrieben und umgedeutet. Aber, na gut, das ist Schnee von gestern. Wir vom Sportverlag freuen uns jedenfalls über das Wiedererblühen der Friedensfahrt, und auch in dieser Hinsicht sind wir ja einer Mei-nung!
Michael Horn
2. Brief
(Absender: Klaus Huhn a, 16. 5.1997)
Sehr geehrter Herr Horn!
Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief, den ich vor allem amüsiert gelesen habe. Mir fehlte für die Oktober-Ausgabe der von uns her-ausgegebenen „Beiträge zur Sportgeschichte“ für den Beitrag „Operation Friedensfahrt“ ein guter Aufhänger. Den habe ich nun und deshalb ist der Dank durchaus ernst gemeint. In diesem Heft werde ich mich ausführlich mit der umgeschriebenen Geschichte befassen. Deshalb wäre es auch müßig, jetzt darauf einzugehen, was Ihr „geneigter Leser aus früheren DDR-Publikationen“ nicht er-fuhr. Besonders amüsant empfand ich Ihren Hinweis auf das Risiko „eine Fahrt zu würdigen, die zwei Drittel der Bevölkerung höchs-tens vom Hörensagen kennt.“ Ich las in dem von Ihnen lektorierten Buch keinen Hinweis darauf, wie sich das jahrzehntelange - gelin-de formuliert - Mediendesinteresse an der Fahrt in dem Wohnge-biet der zwei Drittel wohl erklären lassen könnte. Das hätte den „geneigten Leser“ in dem einen Drittel vielleicht auch interessiert...
Dr. Klaus Huhn
3. Brief
(Absender: Michael Horn auf Kopfbogen des Sportverlages am 21.5.1997)
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Sehr geehrter Herr Huhn,
ich bestätige den Erhalt Ihres Briefes vom 16. Mai. Das Amüse-ment war ganz auf meiner Seite, aber vielleicht kommt die selbst-gefällige Art, mit der Sie sich selbst huldigen, bei den Lesern Ihrer Produkte besser an als bei mir.
Doch Sie haben eine Frage gestellt, deren Antwort ich nicht schul-dig bleiben will: Mit dem Medieninteresse im "Wohngebiet der zwei Drittel" (West) wird es sich wohl so verhalten haben, wie mit dem "Interesse" des ND unter Ihrer Ägide an der "Tour de France". Der Unterschied war allerdings der, daß Sie sich zusätzlich die Macht nahmen, Journalisten, die nicht so wollten wie Sie, das Leben schwer zu machen. Sie hatten 40 Jahre Zeit, Ihre Meinung zur Friedensfahrt mitzuteilen. Jetzt sind auch mal andere dran!
Bitte vergessen Sie nicht in Ihrem nächsten Beitrag in der Oktober-Ausgabe der "Beiträge zur Sportgeschichte", diese meine Zeilen in vollem Wortlaut zu zitieren.
Ich habe diesbezüglich allerdings leider nur geringe Erwartungen.
Michael Horn
KOMMENTAR
Der zuweilen Haß tangierende Ton - „ Sie hatten 40 Jahre Zeit, Ih-re Meinung zur Friedensfahrt mitzuteilen. Jetzt sind auch mal ande-re dran!“ - soll ebensowenig Gegenstand eines Disputs sein, wie Unterstellungen, die mit meiner früheren Tätigkeit zu tun haben und schon gar nicht die vagen Verdächtigungen, die Herr Horn mit dem Hinweis auf „Schwierigkeiten“ umschreibt, die ich anderen be-reitet hätte. Es ließe sich allenfalls als Symptom für den Stil der Auseinandersetzungen werten, die heute geführt werden.
Zu den Fakten:
1. Daß die Autoren des Buches die hinlänglich bekannten Fakten über die Entstehung der Fahrt verfälschten, wurde von niemandem bestritten. Im Gegenteil, Lektor Horn bekannte: „Sie haben also völlig recht, wenn Sie eine ‘umgedeutete’ oder ‘umgeschriebene’ Geschichte ausmachen.“
2. Zu der auch von ORB-Reporter Boßdorf in einer Fernsehrunde immer wieder strapazierte Frage nach den Prügeleien der Renn-fahrer unterwegs, speziell der Fahrer der DDR und der UdSSR. Herr Horn: „Wann erfuhr der geneigte Leser aus früheren DDR-Publikationen schon etwas über... diverse "Gefechte", wie sie
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jüngst im ORB Olaf Ludwig zum besten gab? Leider konnten wir diesbezüglich in alten ‘FF’-Büchern nicht fündig werden.“
Bedauerlich für Herrn Horn. In früheren Publikationen, aber auch in dem 1995 von Täve Schur im Spotless-Verlag herausgegebenen Taschenbuch „Friedensfahrt“ findet sich zum Beispiel folgender Text aus dem Jahre 1965: „Der kubanische Winzling Herr hatte sich inzwischen an die rauhe Luft des Rennens gewöhnt. Als ihn bei einer harten Jagd auf dem Weg nach Poznan ein Däne von der Straßenkante drängte, langte er nach seiner Luftpumpe und hieb kräftig auf den Rücken des Mannes im roten Trikot. In der wilden Hatz blieb keine Zeit, den Fall zu klären, aber beim Abendessen vertrugen sich beide wieder und ein am Nebentisch sitzender Bel-gier meinte grinsend: ‘Vorsicht mit den Kubanern!’“
Nie war behauptet worden, daß die Versammlung von Rennfahrern auf den Straßen mit dem Ausflug eines Mädchenpensionats zu vergleichen wäre. Es wurde oft gedrängelt, zur Luftpumpe gelangt und auch schon mal ein Hieb ausgeteilt. Sahen es die Schiedsrich-ter fand man das geahndete Delikt abends im Resultat vermerkt, die Zahl der verhängten Strafsekunden ebenfalls.
3. Horn: „Wann erfuhr der geneigte Leser aus früheren DDR-Publikationen schon etwas über Dieter Wiedemann, Wolfgang Lötzsch, Siegbert Schmeißer oder Bernd Knispel?“
In dem 1987 vom Sportverlag herausgegebenen Friedensfahrtbuch „Jedesmal im Mai“ erfuhr man auf Seite 260, daß Dieter Wiede-mann in der Gesamtwertung Dritter der 17. Friedensfahrt geworden war. Das war sein einziger Friedensfahrtstart. Daß er einige Mona-te später am Morgen der Olympiaausscheidung in Gießen nicht am Start erschien, hat mit der Friedensfahrt erkennbar nichts zu tun.
Siegbert Schmeißer und Bernd Knispel waren 1978 in eine Affäre verwickelt, die in dem von Herrn Horn lektorierten Buch so darge-stellt wird: „Der Wunsch nach einer Stereoanlage bringt Siegbert Schmeißer den Karriereknick. Bei einem Trainingsaufenthalt im winterlichen Zakopane entdecken die Radasse Hifi-Geräte, die in der DDR nicht zu haben sind. Die Jungen zögern nicht lange und tauschen auf dem Schwarzmarkt DDR-Mark gegen Zloty. Die An-lagen werden im Kleinbus von Trainer Dr. Bernd Knispel verstaut. Doch da gerade im exklusiven Zakopane die Überwachungsme-chanismen bestens funktionieren, erwarten die Zöllner an der Nei-ße bereits die Trainingsgruppe. Der Bus wird auseinandergenom-
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men, die Mitbringsel beschlagnahmt. Es folgt das Übliche: Meldung an den DTSB. Siegbert Schmeißer, Peter Koch und der Frankfurter Tilo Fuhrmann fliegen nicht nur aus dem Nationalkader, sondern gleich noch aus ihren Sportclubs raus.“ Der geneigte Leser mag sich selbst sein Urteil bilden und entscheiden, was jener Fall von Schmuggel mit der Friedensfahrt zu tun hat?
Herr Horn sollte sich vielleicht die Frage stellen, wo man in seinem Buch etwas von den beiden BRD-Nationalfahrern Grupe und Reineke erfährt, die mit einer spektakulären politischen Erklärung von der BRD in die DDR gewechselt waren und 1955 in der DDR-Friedensfahrtmannschaft starteten? Das wurde in früheren Frie-densfahrtpublikationen nicht hervorgehoben aber wenn die Ge-schichte nun „umgedeutet“ wird, sollte man diesen Fakt nicht un-terschlagen.
4. Tour de France. Hier genügen zwei Sätze. Herr Horn konstruiert: „Mit dem Medieninteresse im ‘Wohngebiet der zwei Drittel’ (West) wird es sich wohl so verhalten haben, wie mit dem ‘Interesse’ des ND unter Ihrer Ägide an der ‘Tour de France’“. Der simple Unter-schied: An der Tour war die DDR nicht beteiligt. Dennoch berichte-te „Neues Deutschland“ etwa so auführlich wie „Bild“ 1997 über die Friedensfahrt.
II. Das Stasigespenst
Die Nachricht
Am 7. Mai war die Friedensfahrt in Potsdam gestartet worden - üb-rigens im Gegensatz zu DDR-Zeiten a) von einem Politiker (Minis-terpräsident Stolpe) und b) mit einer Pistole statt mit einer Start-flagge. 72 Stunden nach dem von Zehntausenden umjubelten Auf-takt verbreitete die Nachrichtenagentur sid folgende Nachricht:
„Sa./So., 10./11. Mai 1997
Staatssicherheit fuhr mit
Friedensfahrt-Direktor Klaus Huhn Stasi-Spitzel
Täve Schurs Fluchtversuch/
Rad-Fernfahrt Klassenkampf-Instrument
Köln (sid) Die internationale Rad-Friedensfahrt war für die Staats- und Sportführung der DDR offenbar ein Instrument des Klassen-kampfes. Die DDR-Staatssicherheit observierte Teilnehmer und Journalisten aus Belgien und Frankreich, wo mit der "Tour de France für Amateure" ein Konkurrenzrennen zu entstehen drohte. Wie aus dem Deutschlandfunk vorliegenden Unterlagen hervor-
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geht, soll zudem der letzte Tour-Direktor vor der Wende ein lang-jähriger Stasi-Spitzel gewesen sein: 'Klaus Huhn (Deckname ‘Heinz Mohr’), der als Sportchef des Mitveranstalter-Parteiorgans Neues Deutschland jahrelang Rundfahrt-Direktor war.
Den Dokumenten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu-folge wurde die Absage der Belgier für die Friedensfahrt im Jahr des Mauerbaus 1961 von der DDR als ‘ein Erfolg für die reaktionä-ren katholischen Kräfte im belgischen Radsportverband’ gewertet. Im selben Jahr organisierte die französische Sportzeitung L'Equipe erstmals eine ‘Tour de France’ für Amateure.
Die Teilnahme der Polen hätten sich die Franzosen durch eine Zahlung von 1.000 Francs an die polnischen Friedensfahrt-Akteure erkauft, so das MfS. Die Stasi habe daraufhin verfügt, L'Equipe-Journalisten ins Visier zu nehmen ‘und festzustellen, welche neuen Verbindungen sie knüpfen’. Huhn soll es übernommen haben, ‘die Vertreter des kapitalistischen Auslandes’ zu beobachten.
In den Stasi-Akten dokumentiert ist auch die Ausbootung des Rad-sportlers und Trainers Klaus Ampler vor der Weltmeisterschaft 1961 in der Schweiz. Der Vater des Telekom-Profis Uwe Ampler soll demnach von seinem Sportkollegen Gustav ‘Täve’ Schur, Frie-densfahrt-Sieger 1955 und 1959, der DDR-Flucht verdächtigt wor-den sein.
DDR-Staatstrainer Weissbrodt habe darauf folgenden Plan entwi-ckelt: Ampler wird für die DDR offiziell nominiert, danach werde ‘organisiert, daß Ampler zwei bis drei Tage vor der Abfahrt der Mannschaft leicht erkrankt und aus diesem Grunde nicht mitfahren kann’. Am 11. September 1961 habe Klaus Huhn in Berlin-Schönefeld berichtet: ‘In der DDR-Mannschaft gab es zu den ge-gen Ampler eingeleiteten Maßnahmen keinerlei negative Stimmun-gen.’
Während die Internationalität der Friedensfahrt in der DDR-Propa-ganda stets betont wurde, trafen sich die sozialistischen Staaten zu eigenen ‘Friedensfahrt-Konferenzen’, bei denen es in der Diskussi-on um Änderungen an der Rundfahrt-Konzeption vor allem Ausei-nandersetzungen zwischen Vertretern der DDR und der UdSSR gab.
Zugleich spiegeln die Dokumente der Friedensfahrt die Zustände im DDR-Sport: Ausdelegierungen von Fahrern wegen politischer Unzuverlässigkeit, Streit ums Geld zwischen Dachverband DTSB
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und Radsportverband der DDR sowie Vorwürfe menschlichen Fehlverhaltens.
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Kommentar
Interessanterweise ließ der Deutschlandfunk mehrere Bitten, Hö-rern den Originaltext oder wenigstens den Mitschnitt zu überlassen, unbeantwortet. Obendrein scheint die Material-Lieferung aus der Gauck-Behörde dritte Wahl gewesen zu sein.
Möglicherweise hatte niemand mit einem so enormen Zuschauer-zuspruch bei der durch Täve Schurs Energie wiederbelebten Fahrt gerechnet - Fachleute konstatierten über eine Million am Straßen-rand in den neuen Bundesländern. Also wurde eine Nachricht be-nötigt, die den Ruf des Rennens beschädigen sollte. In der Eile fiel die angeforderte „Enthüllung“ höchst oberflächlich aus.
1. Es gab nie eine „Tour de France für Amateure“. Gemeint sein könnte die „Tour de l’Avenir“. Sollte das MfS trotz „Mitfahren“ die-sen Unterschied nicht wahrgenommen haben, würde das entweder gegen das MfS oder die Verfasser der ihm zugeschriebenen Do-kumente sprechen.
2. Die Behauptungen über Klaus Huhn waren bereits 1996 von „Focus“ verbreitet worden und gewannen durch die Wiederholung nicht an Beweiskraft.
3. Die Absage der Belgier zur Friedensfahrt mit dem Mauerbau in Verbindung zu bringen ist ein weiterer schlüssiger Beweis gegen die Glaubwürdigkeit der „Akten“: Die Friedensfahrt fand im Mai, der Mauerbau im August statt. Das MfS sollte das wahrgenommen ha-ben.
4. Das MfS dürfte auch gewußt haben, daß es bei der Fahrt keinen Vertreter der „L’Equipe“ gab und sich eher damit befaßt haben, wie man der auch in der DDR unüberhörbaren Pfeifkonzerte gegen sowjetische Fahrer beikommen könnte. In Leipzig wurde zum Bei-spiel ein FDJ-Orchester aufgeboten, das die Pfiffe übertönen sollte. Das Problem: bei der Ankunft der Fahrer legten die FDJler die In-strumente beiseite und pfiffen. Keine Zeile darüber in den Stasi-Akten?
5. Für die „Qualität“ der Dokumentation zeugt auch die Unterzeile der Nachricht: „Täve Schurs Fluchtversuch“...
6. „Während die Internationalität der Friedensfahrt in der DDR-Propaganda stets betont wurde, trafen sich die sozialistischen
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Staaten zu eigenen ‘Friedensfahrt-Konferenzen’, bei denen es in der Diskussion um Änderungen an der Rundfahrt-Konzeption vor allem Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der DDR und der UdSSR gab.“ Die Internationalität kann durch besagte Konferenzen nicht beschädigt worden sein. Gemeint sind die alljährlichen Zusammenkünfte der Sportleitungen der sozialistischen Länder, in denen wohl auch über die Friedensfahrt geredet wurde. Zum Bei-spiel forderten UdSSR-Sportfunktionäre mehrmals, die Strecke durch die Sowjetunion zu führen. Das wurde von den Veranstaltern immer wieder abgelehnt und erst 1985 - zum 40. Jahrestag der Be-freiung - mit dem Auftakt in Moskau akzeptiert.
Zu konstatieren bliebe, daß man bei der „Operation Friedensfahrt“ gewissen in den letzten Jahren im Hinblick auf den DDR-Sport praktizierten Prinzipien treu blieb. Geraten Geschichtsschreiber (genauer: Geschichtenschreiber) in Not, hilft die Gauck-Behörde aus. (Partiell, denn im Falle Stolpe - Starter der 50. Fahrt - verzich-tete man in diesem Fall auf die Erwähnung von Vorkommnissen.)
Es gäbe keinen hinlänglichen Grund dieser Methode soviel Auf-merksamkeit zu schenken, wäre da nicht die Gefahr, daß die Wahrheit in einigen Jahren in den Hintergrund gerät.
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Fragen und Fragwürdiges
Von MARGOT BUDZISCH und HEINZ SCHWIDTMANN
Die folgenden Zeilen sollen als Anmerkungen zu einem Workshop des Bundesinstituts für Sportwissenschaften in Köln zur Geschich-te des DDR-Sports verstanden werden, dessen Beiträge uns schriftlich erreichten. Das Institut verdient Achtung dafür, einem solchen Gedankenaustausch nicht nur sein Dach geliehen, son-dern ihn auch engagiert realisiert zu haben.
Die dargebotenen Inhalte offenbaren aber Widersprüchliches und sind Anlaß, Fragen aufzuwerfen. Schon in der kurzen Information zur Entstehung dieses Forschungsprojektes erfuhr man am Beginn des Workshops am 18. April diesen Jahres nur, daß es dafür zwei Beweggründe gab. Einmal die Arbeit und Aussagen der „Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung von Geschichte von Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ und zum anderen ein Bericht auf der Grundlage der Unterlagen des Staats-sicherheitsdienstes der DDR zu den Verflechtungen des Sports mit der Stasi. Es wird auch festgestellt, daß der deutsche Sport großes Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte der DDR zeigt. Man kann also in der kurzen Information keinerlei sachbezogene und an zeitgeschichtlichen Entwicklungstatsachen orientierte wissen-schaftliche Begründungen für diese Forschungsprojekte erkennen. Insofern und aufgrund mancher der vorgetragenen Ergebnisse drängen sich einige ganz grundsätzliche Fragen auf:
1. Es hat bis 1990 zwei völkerrechtlich anerkannte deutsche Staa-ten gegeben, die seit ihrer Existenz besonders aufeinander bezo-gen waren. Und das nicht nur in den zwei Jahrzehnten des Bemü-hens um die internationale Anerkennung der DDR1) in denen es Ziel der BRD, insbesondere ihrer Außenpolitik, war, diese Aner-kennung zu verhindern, und zwar auf allen Ebenen und in allen Be-reichen, auch in den internationalen Organisationen des Sports. Wer diese Tatsachen berücksichtigend für sich in Anspruch nimmt, Historiker zu sein und eine wissenschaftlich begründete Arbeits-weise zu praktizieren, muß zunächst einmal fragen: Ist es nicht notwendig, Forschungsprojekte zur Geschichte des deutschen Sports als Ganzes von 1945 bis 1990 vorzusehen und darin einge-schlossen die Geschichte des Sports in der BRD und der DDR zu
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untersuchen in ihrem Aufeinanderbezogensein und mit ihren sys-temspezifischen Besonderheiten? Zumal - will man JESSEN und seinen Mitautoren glauben - die konzeptionellen Überlegungen der zeithistorischen Forschung „nicht auf eine isolierte 'nachholende' DDR-Historiographie, eingezwängt zwischen den 7. Oktober l949 und den 3. Oktober 1990, sondern auf eine Geschichte in Zusam-menhängen“2) zielen. Historiker und unvoreingenommene Zeitzeu-gen werden wohl nicht bestreiten, daß die Sportgeschichtsschrei-bungen beider deutscher Staaten Korrekturen, veränderte Sicht-weisen u.a. notwendig haben, wie HUHN3) und BUSS4) exempla-risch nachweisen konnten. Wer mehr beziehungsweise am meis-ten davon braucht, bleibt abzuwarten. Das DAUME-aide-memoire von 1956 läßt das nicht nur vermuten5). LANGENFELD stellte au-ßerdem für die Sportgeschichtsschreibung der BRD bereits 1989 fest: „Die Ermittlung von neuen Quellenbeständen, die eine kriti-sche Überprüfung traditioneller Geschichtsauffassungen unter an-derem Blickwinkel und vergleichende Quellenanalysen gestattet hätten, wurde vernachlässigt.“6) Beide Geschichtsschreibungen wa-ren in starkem Maße durch den Kalten Krieg bestimmt, durch mehr oder weniger richtige oder falsche Feindbilder, durch gewollte und ungewollte ideologische Orientierungen und gewiß auch durch mancherlei Unwissenschaftlichkeiten. Dabei sind uns solche Un-terstellungen fremd - wie bezogen auf die DDR auch zu lesen ist -, ob die vorhandenen wissenschaftlichen Ergebnisse durch die Sporthistoriker im Streben um Vorteilsnahme, wegen der Karriere oder aus Überzeugung entstanden sind.
2. Während BUSS die in seinem Vortrag behandelte Problematik in den komplexen Zusammenhang einer in großen Teilen systemati-schen Entwicklung der Zeit vom Ende des Krieges 1945 bis 1965 einordnet, die angestrebten Zusammenhangerkenntnisse charakte-risiert, die Untersuchungsthese nennt und die Untersuchungshypo-thesen seinen Ausführungen voranstellt7), fehlt das alles bei SPITZER8) ebenso wie bei REINARTZ9) und TEICHLER10). Das ist um so erstaunlicher, da SPITZER 1994 in „Aktuelle Konzepte zur Zeitgeschichte des Sports" nachdrücklich konstatiert: "...sportgeschichtliche Ergebnisse werden nur dann von der mo-dernen Historiographie abgefragt und zur Theoriebildung benutzt, wenn die Forschungen auf der Basis anerkannter Methoden und relevanter Fragestellungen beruhen."11) Trotzdem werden von ihm
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selbst in seinem Beitrag zum Workshop die wissenschaftlichen Problem- und Fragestellungen oder die wissenschaftlichen Ar-beitshypothesen nicht genannt, so daß sie weder überprüft noch diskutiert werden können. Es fehlt auch ein Verweis, um sie zu-gänglich zu machen. Das ist bedeutsam, da die spezifische Frage-stellung sowohl die Quellenauswahl, die Ausschöpfung des Quel-lenpotentials, die Formulierung des Erkenntniswertes der Quellen für die spezifische Fragestellung, die Quellenkritik und über diese die historische Erkenntnis bestimmt. SCHULZ hebt aus zeitge-schichtlicher Sicht hervor: "Es ist also die jeweils spezifische Fra-gestellung des Historikers, die eine bestimmte Auswahl von 'Zeug-nissen' der Vergangenheit zu Quellen historischer Erkenntnis wer-den läßt.“12) Und LANGENFELD erklärt aus forschungsmethodolo-gischer Sicht der Sportgeschichte, daß „der Sporthistoriker sich et-wa stets von neuem seiner forschungsleitenden Interessen zu ver-gewissern hat, daß er die Grundüberzeugungen, auf denen seine Interpretationen basieren, selbst klar erkennen und anderen offen-legen muß, daß ihn uneingestandene oder erklärte didaktische Ab-sichten nicht zu unreflektierten Werturteilen verführen dürfen, ver-steht sich von selbst aus den Grundsätzen wissenschaftlichen Ar-beitens."13) Wie die Beiträge von SPITZER14) und REINARTZ15) zeigen, versteht sich das wohl doch nicht so von selbst.
3. Es drängt sich nach der zumindest nicht ausreichenden Offenle-gung der Einordnung der, zum Beispiel in Potsdam zu bearbeiten-den Projekte, und der wissenschaftlichen Fragestellungen dafür sowie nach den nun vorliegenden ersten Arbeitsergebnissen - im-mer nachdrücklicher - die Frage auf: Wird tatsächlich historische Zusammenhangerkenntnis angestrebt und soll eine der Grundre-geln geschichtswissenschaftlichen Arbeitens eingehalten werden, "seinerzeit divergierende Perspektiven gegeneinanderzuhalten o-der aus einer möglichst umfassenden heutigen Perspektive die damalige Situation in ihrer Vieldeutigkeit zu begreifen"?16) Oder soll die historische Zusammenhangerkenntnis in einzelne Bruch-stücke aufgelöst werden, in Miniaturen und insulare Darstellungen? Geht es um Geschichten und Mythen statt Geschichte, um Insze-nierung statt Erklärung, soll - so wäre mit KOCKA bezogen auf die Geschichte des DDR-Sports - weiter zu fragen, "historische Zu-sammenhangerkenntnis als entweder überflüssig oder unmöglich... denunziert"17) werden mit dem Ziel, Zusammenhänge weder aufzu-
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decken noch begreifbar und erklärbar zu machen? Es wird bei-spielsweise von REINARTZ die Zweiteilung des DDR-Sports - trotz aller Belege aus dem DTSB-Bundesvorstand und dem ZK der SED18) nur höchst einseitig dargestellt, wenn nicht grundsätzliche Bedingungen, wie die soziale Sicherung oder der Stellenwert des Sports und die für alle Bürger der DDR geltenden Förderbedingun-gen des Sporttreibens wenigstens zur Kenntnis genommen wer-den. Das gilt - um einige dieser Bedingungen zu erwähnen - für die geringen Mitgliedsbeiträge in allen Sportvereinen (bis 1,35 M) ebenso wie für die versicherungsrechtliche Sicherung, für die eine Mitgliedschaft in einem Sportverein nicht erforderlich war, durch die Gleichstellung des Sportunfalls mit dem Arbeitsunfall, die generell kostenlose sportmedizinische Versorgung, die kostenlose Nutzung der Sportstätten und die kostenfreie Materialbereitstellung durch die Vereine (einschließlich solcher kostenaufwendigen Vorausset-zungen, wie Segelboote). Wie notwendig es ist, nicht nur den re-pressiv-autoritären Grundzug der Kultur- und Sportpolitik in der DDR wahrzunehmen, sondern auch die spezifischen Freiheiten, die mit der selbstverständlichen generellen sozialen Sicherung verbunden waren19), belegt unseres Erachtens die Antwort von Ma-rianne BUGGENHAGEN als sie gefragt wurde, ob es heute für Be-hinderte insgesamt schwieriger geworden ist, Leistungssport zu be-treiben: "Ich bin die Ausnahme. Es gibt viele, durchaus internatio-nal erfolgreiche Sportler, die zuzahlen müssen. Das war in der DDR nicht der Fall, der Versehrtensport war für jeden durchführbar, weil er für jeden bezahlbar war. Jetzt zahlt man für jeden Wett-kampf Fahrkarten, Hotelunterbringung. Viele können sich das nicht leisten. Das ist bitter."20)
Und ihr Trainer Bodo HEINEMANN fügt hinzu: "Von denen, die frü-her Leistungssport getrieben haben, sind ganz wenige übrig ge-blieben. Die meisten haben aus finanziellen Gründen aufgege-ben."21)
So zwei sicher unverdächtige Zeugen des zweigeteilten Sports in der DDR, denen Kenntnis der übergreifenden Zusammenhänge in ihrer Komplexität zweifelsfrei zugestanden werden muß.
4. Die Abhängigkeit dessen, was von den Spuren der Vergangen-heit als Quelle genutzt wird, von der historischen Fragestellung be-deutet "auch, daß die vorherrschende Beschränkung auf die schriftlichen Zeugnisse nicht das Quellenpotential ausschöpft." 22)
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Außerdem ist seitens des DDR-Sports alles offen, sämtliche Archi-ve, Internes und öffentliches, Akten und oft auch Persönliches, das in die Archive aufgenommen wurde. Es existiert eine „ungewöhnli-che Zugänglichkeit."23) Und im Zwange der Stasi-Hysterie müssen nun also auch die Stasi-Akten herangeholt werden, um „richtige" DDR-Sportgeschichte zu schreiben. Seitens des Sports der BRD liegt - daran gemessen - kaum etwas vor. Alles unterliegt den ge-setzlichen Sperrfristen. Angesichts dieser Tatsachen spricht WEBER von „archivalischer Asymmetrie". Zudem sprechen Quel-len, welcher Art auch immer, nicht für sich. Sie haben lediglich In-dizien- aber keinen Beweiswert. Das gilt insbesondere für Urkun-den und Akten, vor allem für Akten eines Geheimdienstes, zum Beispiel von der Staatssicherheit, und erst recht für sogenannte Treffberichte, die Geheimdienstangehörige nach gesprächsweise übermittelten Informationen anfertigten.24) Ihr Aussage- und Wahr-heitsgehalt bleibt begrenzt.25) Es kann auch kein Bearbeiter davon ausgehen, „daß die Quellenarbeit eindeutige Antworten erbringen könne."26) Insofern ist nicht nur die Quellenlage unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Ausgangsfrage einzuschätzen. Es ist Quel-lenkritik und Quelleninterpretation vonnöten und - so SCHULZ - „die Bestimmung des Erkenntniswertes für die eigene Fragestel-lung muß als Ergebnis der Quellenarbeit ausdrücklich formuliert werden."27) Die Quellenkritik zum Beispiel fehlt aber - ob bei SPITZER28), REINARTZ29) oder TEICHLER - eigentlich völlig, ob-wohl nicht nur die archivalische Asymmetrie oder die westdeutsch dominierte Bearbeitung und Diskussion der Sportgeschichte der DDR auf ein komplexes asymmetrisches Gefüge hinweisen, son-dern - bekanntlich allein bei der vorhandenen Quellenfülle „der 'Ideologieverdacht' sowohl für den Interpreten wie für die von ihm ausgewählten Quellenstücke untersucht werden muß.“31) Nach der von LANGENFELD 1989 vorgenommenen Einschätzung ist in „der Sportgeschichtsschreibung... die Quellenkritik bislang häufig nicht mit der erforderlichen Umsicht geübt worden"32), so daß die Sport-geschichtsschreibung dazu eigentlich besonders verpflichtet wäre, damit die „historische Sinnbildung... als vielschichtiger, komplexer Vorgang deutlich gemacht werden (kann), indem Rückbezüge auf die Auseinandersetzung mit den einschlägigen Theorien aufge-zeigt, Quellenprobleme und Wissenslücken nicht verschwiegen,
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ggf. die Wahrheitsgrade wichtiger Aussagen zusätzlich explizit be-nannt werden."33)
5. Im Schlußteil seines Vortrages hebt SPITZER hervor: „Die wis-senschaftliche Auseinandersetzung mit Herrschaftsmechanismen in der DDR, einer 'modernen Diktatur', wie die Formel des Sozial-kritikers KOCKA lautet, muß von großer Sachlichkeit geprägt sein".34) Dem steht aber nicht nur der Grundtenor des eigenen Bei-trages im Workshop entgegen, sondern auch der keineswegs im-mer vorurteilsfreie Umgang mit den in den Quellen aufgefundenen Informationen und der offensichtliche Mangel, „komplexe Vorgänge soweit wie möglich aufzuklären, ihre Mehrdimensionalität zu er-kennen und in differenzierter Abwägung der Argumente zur Dar-stellung zu bringen."35) Die Gefühle werden - wie KOCKA fordert gedanklich nicht eingeholt.36) Und es wird erneut deutlich und konk-ret nachvollziehbar, was daraus werden wird, sollten Zeitzeugen ihr unbestreitbar ehrliches Bemühen bekunden, einen anderen deut-schen Sport als den im Kapitalismus und Faschismus erlebten beim Neubeginn nach dem zweiten Weltkrieg gewollt und nach besten Kräften angestrebt zu haben. Man wird vermutlich früher oder später in der Gauck-Behörde irgendeine - von den Betroffe-nen nicht einmal nachprüfbare - Information aufspüren, mit der man sie an den Pranger stellen kann. Und schon ist das von ihnen Gesagte, vielleicht früher schon einmal Geschriebene, unwahr, un-richtig, ideologisch tendenziös, eben eine Handlangerei für die SED-Diktatur und den „Unrechtsstaat DDR". Das könnte dazu ver-leiten, allen zu raten, die Zeitzeugenschaft zu unterlassen. Zumal man ohnehin sieht, daß die Neuschaffung der DDR-Sportgeschichte von anderen geleistet wird als von jenen, die diese Geschichte getragen, gestaltet und/oder erlebt haben. Angesichts dessen und der auch bei westdeutschen Historikern nicht zu über-sehenden ereignisbedingten Befangenheit dürfte es unerläßlich sein, die Sportgeschichte der Nachkriegszeit in der SBZ und DDR - eingeordnet in ihre Kulturgeschichte - auch mit ostdeutschem Blick und Sachverstand zu prüfen. Das würde eigentlich der für offene Gesellschaften reklamierte "Pluralismus der Lesarten“38) ohnehin erfordern.
Resümierend wäre hier zusammenzufassen: Eine wissenschaftli-che Untersuchung und Darstellung der Geschichte des ostdeut-schen Sports muß von der Entstehung her und komplex erfolgen.
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Es sind - so WONNEBERGER - vor allem der „Gegenstand mit den klassischen Instrumenten der Geschichtswissenschaft (Literatur-analyse, Aktenstudium, Zeitzeugenbefragung) anzugehen und die historischen Ereignisse und Prozesse sowie die agierenden und reagierenden Personen und nicht zuletzt die Wechselwirkungen zwischen Ost und West zu erfassen. Vorgefaßte Theoreme sind dazu kontraproduktiv."38)
Die zunächst allein aus methodologischen Erwägungen gestellten Fragen wären darüber hinaus zu ergänzen durch solche, die sich aus der Forschungslage ergeben. Die Historiographie zur DDR in den alten Bundesländern war zum Beispiel "fast ausschließlich Po-litikgeschichte“39, während Zeitgeschichte als Sozialgeschichte noch entsprechenden Nachholebedarf hat.40) Diese Forschungsla-ge legt nahe zu fragen, wie sollen politikzentrierte Verengungen vermieden und die gängigen Klischees von der ostdeutschen Ge-sellschaft nicht weiterhin bedient und kolportiert werden? Damit im Prozeß sporthistorischer Forschung die von GAUS bereits 1995 aufgeworfene Frage - „Müssen wir die ostdeutsche Vergangenheit verfälschen, um sie aufarbeiten zu können?"41) schließlich nicht zur bitteren Wahrheit wird. Oder: Wie soll es gelingen, daß das Politi-sche in der ostdeutschen Sportgeschichte nicht auf das Ethische reduziert und kurzschlüssig moralisiert wird? Solche Fragen drän-gen sich angesichts der Darlegungen von REINARTZ zum Leis-tungssport der DDR und den leistungssportlich geförderten und nicht geförderten Sportarten auf, weil das für die Urteilsbildung er-forderliche Phänomen des Zielkonflikts nicht ausdrücklich bewußt gemacht, nicht einmal in den Blick genommen wird. Es wird weder die damalige Situation noch ihre Problemstruktur und ihr Konflikt-charakter dargestellt.42) Obwohl die politische Urteilsbildung als zentrale Aufgabe gebietet, die gegebenen Zielkonflikte wahrzu-nehmen und zu erörtern und die Analyse der Problemsituation und der Möglichkeiten zur Problemlösung nicht übersprungen werden dürfen.43) Solche und andere Fragen stellen sich auch unter der Bedingung, daß es bisweilen dringlicher ist, nach den politischen Bedingungen sozialer Prozesse zu fragen und „Sozialgeschichte... als separate Teildisziplin (in Absetzung zur Politikgeschichte) bei der Untersuchung der DDR noch weniger möglich als sonst“44) ist. Solche Fragen aus dem Blickwinkel eines einzigen - exemplarisch genannten - Aspekts der Forschungslage sind auch keinesfalls al-
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lein der Tatsache geschuldet, daß gegenwärtig in der Sportge-schichtsschreibung wie in der DDR-Geschichtsschreibung generell noch die materialreiche, materialgesättigte Detailstudie im Vorder-grund steht und die vereinigenden Fragestellungen und Begriffe noch nicht klar hervortreten.45) Es geht um grundsätzliche Fragen des Umgangs mit Geschichte, um wissenschaftlich exakte Analyse, um Zusammenhangeinbettung und Zusammenhangerkenntnis so-wie um Klarheit und Distanz im Prozeß der Abwägung, Wertung und Kritik, weil Geschichtsschreibung - so KOCKA - „nun einmal nicht primär in Anklage und Verteidigung, in Entrüstung oder Nos-talgie, auch nicht in eilfertiger Enthüllungshistorie oder in Betrof-fenheitspflege bestehen"46)kann. Selbst legitime wissenschaftliche Fragestellungen führen dann allenfalls zu Fragwürdigem.
1) Vgl. u.a. Joas, H./ Kohli, M.: Fragen und Thesen.-In: Joas,H./ Kohli,M. (Hg): Der Zusammenbruch der DDR. Soziologische Analysen.-Frankfurt a.M. 1993, S. 25
2) Jessen, R. u.a.: Geschichtsschreibung in der Möglichkeitsform. Frankfurter Rundschau Nr. 124, 31.5.1994, S. 12
3) Vgl. Huhn, K.: Kommentar (zum Schreiben des DSB-Präsidenten Willi Daume vom 26. Januar 1956 an den Innenminister Dr. Gerhard Schröder). - Beiträge zur Sportgeschichte, Berlin 4/1997, S. 77
4) Vgl. Buss, W.: Der Sport im Spannungsfeld der frühen Deutschlandpolitik - Die erste Phase der Anerkennungs- und Abgrenzungsbemühungen im deutsch-deutschen Beziehungsgeflecht, 1950 1955. - BISp-Workshop 18.4.1997, S. 16
5) Daume, W.: Schreiben an den Innenminister Dr. Gerhard Schröder vom 26. Januar 1956 (Auszüge). - Beiträge zur Sportgeschichte, Berlin 4/1997, S. 61 - 75
6) Langenfeld, H.: Sportgeschichte. - In: Haag, H. u.a. (Red.): Theorie- und The-menfelder der Sportwissenschaft.- Schorndorf 1989, S. 89
7) Vgl. Buss, W.: A.a.0.
8) Vgl. Spitzer, G.: Die Aggressivität der Kontrolle des MfS über den Sport nach innen und außen. Das Scheitern der internationalen Diskretitierung Willi Daumes sowie der Abschaffung des Dopings. - BISp-Workshop 18.4.1997
9) Vgl. Reinartz, K.: Die Zweiteilung des DDR-Sports: Leistungssport in nicht ge-förderten Sportarten. - BISp-Workshop 18.4. 1997
10) Vgl. Teichler, H.J.: Die Leistungssportförderung der DDR unter den Bedin-gungen der ökonomischen Krise in den 80er Jahren unter besonderer Berücksich-tigung des Sportstättenbaus. - BISp-Workshop 18.4.1997
11) Spitzer, G.: Aktuelle Konzepte zur Zeitgeschichte des Sports unter besonderer Berücksichtigung der Diskussion in der Geschichtswissenschaft.- Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 8 (1994) 3, S. 70 f.
12) Schulz, G.: Einführung in die Zeitgeschichte.-Darmstadt 1992, S. 120
13) Langenfeld, H.: A.a.O., S. 87
14) Vgl. Spitzer, G.: Die Aggressivität .... A.a.0.
15) Vgl. Reinartz, K.: A.a.0.
16) Kocka, J.: Geschichte und Aufklärung. - Göttingen 1989, S. 149
17) Ebenda, S. 156
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18) Vgl. Reinartz, K.: A.a.0.
19) Vgl. Mühlberg, D.: Die DDR als Gegenstand kulturhistorischer Forschung. - MKF Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 16 (1993) 8, S. 41 f.
20) Buggenhagen, M./Heinemann, B.: Unsere Auftritte hatten Seltenheitswert.-In: Hartmann, G.: Goldkinder. Die DDR im Spiegel des Spitzensports. - Leipzig 1997, S.256 f.
21) Ebenda, S. 257
22) Schulz, G.: A.a.O., S. 120
23) Kocka, J.: Ein deutscher Sonderweg. Überlegungen zur Sozial-Geschichte der DDR.-Aus Politik und Zeitgeschichte: Beilage zur Wohenzeitung Das Parlament B 40/94, S. 34
24) Vgl. Fricke, K.W.: Kein Recht gebrochen? Das MfS und die politische Straf-justiz der DDR. - Aus Politik und Zeitgeschichtel Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 40/94, S. 33; Vgl. Vorländer, H.: Mündliches Erfragen von Geschich-te.- In: Vorländer H. (Hg): Oral History: mündlich erfragte Geschichte.-Göttingen 1990, S.7ff. Vgl. Strate, G.: Wenn Opfer über Täter richten. ...über den Umgang mit Stasi-Akten.-Der Spiegel 46. Jg./ Nr.1 vom 30 Dezember 1991, S. 26 ff. Beim Umgang mit Urkunden und Akten ist auch der juristische Aspekt zu beachten. Auch aus juristischer Sicht gilt uneingeschränkt, "Papier alleine... führt keinen Be-weis." (Strate, S. 27). Urkunden und Akten vermögen allenfalls Hinweise zu ge-ben. Für Schuldfestellungen ist laut § 250 der deutschen Strafprozeßordnung das Gebot der Mündlichkeit und Unmittelbarkeit der Beweisführung zu befolgen. Al-lerdings gilt dieses Gebot trotz der Festlegungen in der deutschen Strafprozeß-ordnung nicht für die Verwendung von Stasi-Akten in Deutschland. Ein Verfahren, welches die legitimen Rechte der Betroffenen wahrt, ist nicht vorgesehen. Das wi-derspricht rechtsstaatlichem Vorgehen. Insofern folgert Strate: "Die Stasi-Vergangenheit hunderttausender Bürger wird durchleuchtet und bewertet mit den Beweismitteln und Maßstäben des Inquisitionsprozesses." (S. 27) Diese Beson-derheit des juristischen Umgangs mit den Stasi-Akten schränkt die wissenschaftli-chen Prinzipien der Quellenarbeit in keiner Hinsicht ein. Es wäre u.E. eher noch größere Sorgfalt geboten.
25) Vgl. Fricke, K.W.: A.a.0.
26) Schulz, G.: A.a.O., S. 174
27) Ebenda, S. 173
28) Vgl. Spitzer, G.: Die Aggressivität der Kontrolle des MfS über den Sport ...-A.a.0.
29) Vgl. Reinartz, K.: Die Zweiteilung des DDR-Sports.- A.a.0.
30) Vgl. Teichler, H.J.: A.a.0.
31) Schulz, G.: A.a.O., S. 121
32) Langenfeld, H.: A.a.O., S. 89
33) Ebenda
34) Spitzer, G.: Die Aggressivität der Kontrolle des MfS über den Sport ... .-A.a.O., S. 14
35) Schulz, G.: A.a.O., S. 174
36) Vgl. Kocka, J.: Geschichte und Aufklärung.- A.a.O., S. 152
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37) Habermas, J.: Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung.-In: „Historikerstreit“ - München 1987, S. 74
38) Wonneberger, G.: Besprechung.-Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 11 (1997) 1, S. 84
39) Jessen, R. u.a.: A.a.0.
40) Vgl. ebenda
41) Gaus, G.: Infizierte Sieger.-Freitag Nr. 40 vom 29. September 1995, S. 1
42) Vgl. Reinartz, K.: A.a.0.
43) Vgl. Sutor, B.: Kategorien politischer Urteilsbildung.-Aus Politik und Zeitge-schichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 32 / 97, S. 16 ff.
44) Kocka, J.: Ein deutscher Sonderweg.-A.a.O.,'S. 37
45) Vgl. ebenda, S. 35
46) Ebenda, S. 34
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Olympische Erinnerung Ost
Von PETER FRENKEL
Das Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland hatte im Spätsommer 1997 deutsche Medaillen-gewinner der Olympischen Spiele 1972 aus der BRD und aus der DDR zu einem Treffen eingeladen. Dort wurden zwei Re-den gehalten, die wir geringfügig gekürzt wiedergeben.
Namens der deutschen Olympiamedaillengewinner von Sapporo und München 1972 möchte ich mich beim Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland und der Stadt München sehr herzlich für die Einladung zum Wiedersehenstreffen bedanken. Ich denke ich spreche im Namen aller, wenn ich meiner tiefen Genugtuung Aus-druck verleihe, daß ein solcher Tag wie heute möglich wurde, denn - wie bekannt - errangen wir unsere Medaillen in verschiedenen Mannschaften. Durch die Unterschiedlichkeit unserer politischen Systeme, denen wir entstammen, waren wir damals sportliche Ri-valen. Doch aus den Konkurrenten von einst sind heute oft Freun-de geworden, und ich bin sicher, daß dieses Treffen dazu beitra-gen wird, daß wir uns künftig noch besser verstehen werden.
Wenn ich von mir ausgehe, so habe ich an München '72 vor allem angenehme Erinnerungen. Ganz oben steht das Glücksgefühl, eine Goldmedaille im 20-km-Gehen gewonnen zu haben, was der Lohn für elf Jahre Anstrengungen war. Empfangen wurde ich an jenem 31. August 1972 von einem freundlichen, sachkundigen Publikum, so daß ich mir wie bei einem „Heimspiel" vorkam. Das war nicht immer so. In dankbarer Erinnerung möchte ich deshalb auf jene verweisen, die damals - wie Bundeskanzler Willy Brandt - mit ihrer Politik überhaupt erst die Grundlagen für diese wichtige Phase der Entspannung schufen, was sich auch auf das Verhalten der Men-schen übertrug.
Zu meiner Reminiszenz gehört auch die Nacht nach meinem Olympiasieg, die ich mit unserem Masseur, der einen beträchtli-chen Anteil an meiner Goldmedaille hatte, beim Wein in Schwabing verbrachte. Nicht vergessen werde ich auch den aufgeregten Manf-red Ewald, dem ich am nächsten Morgen beim Betreten des Olym-pischen Dorfes geradezu in die Arme lief, als dieser von Willi Dau-
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me zurückkehrte, um die bayerische Polizei um Amtshilfe für einen angeblich spurlos verschwundenen Olympiasieger der DDR zu bit-ten.
Leider gibt es - auch im Sport - noch viele Defizite. Kein Beitrag zur Versöhnung ist für mich und andere Medaillengewinner der DDR die Tatsache, daß zur gleichen Zeit, in der wir unser Wiedersehen feiern, von staatlicher Seite gegen Trainer, Wissenschaftler, Medi-ziner und Funktionäre, denen wir oftmals viel zu verdanken haben, ermittelt wird bis hin zu Versuchen, uns als Zeugen der Anklage gegen unsere eigenen Trainer zu gewinnen. Das ist bitter. Um nicht mißverstanden zu werden. Wer schuldig ist, soll dafür einste-hen müssen, in Ost und West.
Ich möchte Sie bitten, mit Ihren Möglichkeiten dazu beizutragen, daß auch die deutsche Sportgeschichte, die nicht eindimensional verlaufen ist, möglichst sachlich und objektiv gesehen wird. Ich stimme Herrn Tröger zu, der aus Anlaß der Feier des 100jährigen Jubiläums des Deutschen Olympischen Komitees am 13. Dezem-ber 1995 in Berlin erklärte, daß die bedeutsame Rolle, die Sportle-rinnen und Sportler der DDR in gesamtdeutschen und eigenständi-gen Mannschaften spielten, „auch nach der deutschen Einheit we-der abgewertet noch nostalgisch verklärt" werden darf...
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Olympische Erinnerung West
Von HILDEGARD KIMMICH-FALCK
In einigen Wochen ist es 25 Jahre her, daß wir mit klopfenden Her-zen und auch zittrigen Beinen erwartungsvoll und spannungsgela-den nach München kamen, um an den Olympischen Spielen 1972 in dieser schönen Stadt teilzunehmen. Diese Tage sind für mich ein unvergeßliches Erlebnis. Alle, die mit mir heute Abend hier sind, konnten als Krönung für den enormen Trainingsaufwand eine oder mehrere Medaillen mit nach Hause nehmen.
Damals starteten wir noch in zwei verschiedenen Mannschaften, Ost und West. Unser Wiedersehenstreffen ist sicher eines der be-sonderen Art: 25 Jahre - bei so vielen, wie wir hier heute sind, ist das mehr, als eine Silberhochzeit feiern. Manche Menschen haben sich nach 25 Jahren nicht mehr viel zu sagen. Bei uns allen habe ich den Eindruck, es ist gerade das Gegenteil. Der gestrige Abend und auch der heutige Tag haben gezeigt, daß das Wochenende viel zu kurz sein wird, um all die Gespräche zu führen, die jeder führen möchte.
So viel Muße und Entspanntheit hatten wir während unserer Akti-venzeit nicht, und durch die Teilung Deutschlands waren viele Kon-takte nicht möglich. Deshalb genießen wir alle diese Tage sehr. Diese Art von Silberhochzeit ist aber nur möglich, weil ihr eine ganz besondere Hochzeit vorausging, die Zusammenführung der beiden Länder, der beiden Mannschaften von Ost und West. Dafür sind wir dankbar.
In den vergangenen 25 Jahren hat sich vieles verändert. Der Schritt vom Amateur zum Profitum hat viel verwandelt. Ich wün-sche den jungen Athletinnen und Athleten der heutigen Generation, daß sie es schaffen, über ihre Wettkämpfe hinaus auch vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation zu finden. Viele Kontakte und Freundschaften, die während der Aktivenzeit entstehen, können auch darüber hinaus das weitere Leben bereichern...
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INTERVIEW
Olympische Zukunft untersuchen
Gespräch mit SVEN GÜLDENPFENNIG
Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Olympischen Instituts (DOI)
BEITRÄGE: Uns geht es auch um die Vergangenheit, aber die des Instituts. Es gab in Deutschland schon mal ein Olympisches Insti-tut, das sich allerdings „Internationales Institut“ nannte und aus dem uns ein Buch des Direktors Carl Diem aus dem Jahre 1942 „Der olympische Gedanke im neuen Europa“ überliefert ist. Wie sehen Sie jenes Institut heute?
SVEN GÜLDENPFENNIG: Es gibt, außer dem gemeinsamen Ort, keinerlei Kontinuitäts- oder Verbindungslinien zwischen dem dama-ligen Internationalen und dem heutigen Deutschen Olympischen Institut: Das DOI arbeitet nicht im Auftrag des IOC. Das DOI arbei-tet nicht auf dem Boden und unter den Bedingungen eines faschis-tisch verfaßten und regierten, verbrecherischen Staates. Das DOI arbeitet auf der inhaltlichen Grundlage einer Programmatik, die sich nirgends auf Carl Diem beruft. Insofern sieht sich das DOI in keiner Weise aufgefordert, sich für einen „Vorgänger" zu rechtferti-gen. Es gehört aber selbstverständlich grundsätzlich zu seinen Aufgaben, im Rahmen seiner (zur Zeit äußerst engen!) Arbeitska-pazitäten auch die frühere Tätigkeit eines Olympischen Instituts auf deutschem Boden kritisch zu untersuchen.
BEITRÄGE: Der so strapazierte „olympische Gedanke“ scheint in der rauhen See der Kommerzialisierung der Spiele über Bord ge-gangen zu sein. Sehen Sie heute noch einen realen Sinn darin, sich mit der olympischen „Ideologie“ zu befassen?
SVEN GÜLDENPFENNIG: Wenn ich in der Beschäftigung mit Fragen der Olympischen Idee und olympischer Realität keinen Sinn mehr sehen könnte, hätte ich die Tätigkeit am DOI nicht auf-zunehmen brauchen. Mein Engagement hier ist keine Frage des Broterwerbs. Den könnte ich mir woanders bequemer vorstellen. Nein. Der Sinn liegt genau darin, daß die Olympische Idee natürlich noch längst nicht, wie Sie annehmen, „in der rauhen See der Kommerzialisierung der Spiele untergegangen" ist. Daß von au-ßersportlichen und sportunverträglichen wirtschaftlichen Interessen
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Gefahren für den Olympismus und den Sport insgesamt ausgehen, ist unbestreitbar. Und diese Gefahren stehen auch nicht mehr an einem entfernten Horizont, sondern wirken bereits mitten in der Olympischen Bewegung und sind mit Händen zu greifen. Aber, und das ist das Entscheidende: Bisher haben diese Gefahren den Kern der Olympischen Idee nicht beschädigen oder gar aufheben kön-nen. Diese Idee erweist sich als außerordentlich robust: Wir erle-ben weiterhin Olympische Spiele als herausragende sportliche und kulturelle Ereignisse, mit Erfolgen von Athletinnen und Athleten aus immer mehr Nationen, als Begegnung aller Nationen der Weltge-sellschaft vergleichbar der UNO, mit einer ungebrochenen Reso-nanz und grundsätzlichen Akzeptanz in der weltweiten Öffentlich-keit. Primäre Aufgabe eines Olympischen Instituts ist es, bei aller berechtigten Skepsis gegenüber den Risiken den Blick dafür offen-zuhalten bzw. wieder zu öffnen, daß und wie diese Olympische Bewegung „lebt", sich gegen massive Gefährdungen behauptet und weiterentwickelt. Das Institut hat dies sichtbar zu machen, um damit die Zukunftsfähigkeit des Olympismus zu unterstützen und nicht einfach zerreden zu lassen, wie es vielfach versucht wird. Danach aber ist es selbstverständlich nicht weniger wichtig, jene Risiken, Gefährdungen und Fehlentwicklungen kritisch und genau unter die Lupe zu nehmen und Wege zu ihrer Beherrschung aufzu-zeigen.
BEITRÄGE: Außer der Olympischen Akademie in Olympia gibt es kaum eine Institution, die sich überhaupt diesen Fragen zuwenden könnte. Welche Wege sehen Sie angesichts dieser Situation, vor allem aber: wo sehen Sie Schwerpunkte? Welchen Fragen müßte man zu Leibe rücken?
SVEN GÜLDENPFENNIG: Die Methoden und Wege müssen, wenn sie über die Grenzen und falschen Stereotype pragmatischen Alltagshandelns, -denkens und -redens hinausführen sollen, wis-senschaftlicher Natur sein. Dieser Anspruch ist angesichts der ge-ringen personellen Ausstattung des Instituts nicht einfach zu reali-sieren. Außerdem wirft wissenschaftliche Praxisberatung stets Probleme von gegenseitigen Erwartungsunterschieden und Ver-ständigungshindernissen auf beiden beteiligten Seiten auf. Trotz-dem kann die Arbeit nur auf kritisch-wissenschaftlicher Grundlage fruchtbar sein. In diesem Rahmen wird es um die Initiierung von Forschungsvorhaben, von fachlichem Erfahrungsaustausch und
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von institutionalisiertem Streitgespräch gehen. Zur inhaltlich-thema-tischen Seite haben wir ein sogenanntes „50-Punkte-Programm" ausgearbeitet, das die Arbeit des Instituts in den kommenden Jah-ren strukturieren und inspirieren wird. Es umfaßt alle wichtigen Probleme, vor denen der Olympismus steht, und das ist wesentlich differenzierter, detaillierter und bisweilen auch subtiler als solche Fragen, die aktuell besonders brisant sind und stets ganz oben auf jeder Krisenliste stehen, wie Doping, Kommerzialisierung, Politisie-rung, Medien u.ä. Es würde an dieser Stelle sicherlich zu weit füh-ren, in Einzelheiten zu gehen. Aber ich denke, es wird dem DOI ge-lingen, seine Arbeit auch im einzelnen in der Öffentlichkeit sichtbar und seine Stimme hörbar und verständlich zu machen. Ob die Er-gebnisse dieser Arbeit dann allerdings auf den verschiedenen Ebenen der Öffentlichkeit auch die erhofften Wirkungen erzielen und berücksichtigt werden, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.
BEITRÄGE: Halten Sie für denkbar, daß Ihr Institut zu Ergebnissen gelangt, die das bekanntlich sehr sensible und von sich fast wie der Vatikan überzeugte Internationale Olympische Komitee beunruhi-gen könnte?
SVEN GÜLDENPFENNIG: Eine akademische Einrichtung wie das DOI hat keine Macht, und sie strebt solche Macht auch nicht an. Sie hat nur Argumente. Ob sportpolitisch mächtige Institutionen sich von Ergebnissen unserer Arbeit beunruhigen lassen, hängt al-so davon ab, wieweit sie sich in der Wahrnehmung ihrer Verant-wortung auch tatsächlich von Prinzipien leiten und von begründe-ten Argumenten beeinflussen lassen wollen. Das DOI aber wird von seiner Seite aus das tun, was „in seiner Macht steht" - nämlich von einer unabhängig-kritischen Position des wissenschaftlichen Beobachters aus die Entwicklung des Olympismus in allen seinen wesentlichen Facetten begleiten und dabei dann das, was sich als überzeugend zeigt, „überzeugend" nennen und das, was sich als nicht überzeugend, als Irrweg oder gar als verwerflich zeigt, "Fehl-entwicklung" nennen. Dabei wird sich das DOI nicht davon beein-drucken lassen, wenn seine Stellungnahmen nicht gern oder gar vielleicht überhaupt nicht gehört werden sollten.
BEITRÄGE: Sehen Sie eventuell die Gefahr, zu einem Rufer in der Wüste zu werden?
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SVEN GÜLDENPFENNIG: Gegen diese Gefahr kann die Stimme der Wissenschaft - siehe oben - grundsätzlich nie gefeit sein. Aber ich baue darauf, daß es in der Olympischen Bewegung eine Viel-zahl von zukunftsverantwortlich denkenden Menschen und Ver-antwortungsträgern gibt, die ein dringendes Interesse daran haben, ihre Arbeit durch seriös verfahrende wissenschaftliche Beobach-tung, Beschreibung und Kommentierung begleitet, bereichert und unterstützt zu sehen. Zum Beispiel das NOK für Deutschland und der Senat von Berlin als die finanziellen Hauptträger des DOI un-terstreichen durch ihr Engagement, daß dieser Optimismus nicht unbegründet ist. Und der Trägerverein des DOI, dem alle deut-schen olympischen Fachverbände angehören, hat mich berufen, ob-wohl - oder, wie ich hoffe, weil - ich unmißverständlich erklärt habe: Eine solche Einrichtung macht dann, aber auch nur dann Sinn, wenn sie den klaren Auftrag zu unabhängig-kritischer Analyse und Stel-lungnahme hat. Also: Wir rufen nicht in eine Wüste hinein, und wir versuchen unsere Rufe so zu formulieren, daß sie auch gehört, ver-standen und aufgenommen werden können.
BEITRÄGE: Sie haben Ihren Standpunkt zwar schon erläutert, doch wären wir Ihnen dennoch für eine knappe Erklärung dankbar: Wie sehen Sie an der Schwelle dieses Jahrhunderts den Olympis-mus?
SVEN GÜLDENPFENNIG: Voller Zuversicht, daß diejenigen Kräfte im Olympismus, die sich ernsthaft um seine Glaubwürdigkeit, seine Ausstrahlungskraft und Zukunftsfähigkeit bemühen, die Oberhand behalten werden gegenüber den Gefahren, die von außen von ökonomischer und politischer Instrumentalisierung des Sports und von innen von fehlgeleiteten Sportverständnissen und Lei-stungsmanipulationen ausgehen. Berechtigt ist diese Zuversicht al-lerdings nur unter der Voraussetzung, daß diese Gefahren ernst-genommen, gründlich analysiert und durch angemessenes und konsequentes politisches Handeln beantwortet werden. Hieran will das Deutsche Olympische Institut mitwirken.
BEITRÄGE: Vielen Dank und die Versicherung, daß wir Ihnen für Ihr wichtiges wohl aber auch gewagtes Vorhaben alles Gute wün-schen.
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REPORTAGE
„Verhör“ eines Zeitzeugen
Von ROLAND SÄNGER
Fast 76 Jahre, manchmal - freilich - ein bißchen müde und den-noch entschlossen, nicht aufzugeben: Kurt Lauterbach in Suhl leitet die Abteilung Basketball beim 1. Suhler SV 06 mit immerhin 140 überwiegend jungen Mitgliedern, nachdem er diese Sportart vor zehn Jahren aus dem Nichts mit aufgebaut hatte.
Der hagere, hochgewachsene Mann stand in jungen Jahren im Fußballtor der Thüringerwald-Gemeinde Schnett, mußte wie die meisten jener Jahrgänge in den faschistischen Krieg und kam 1944 in sowjetische Gefangenschaft. In Kiew besuchte er eine Antifa-Schule, kam im Dezember 1949 nach Hause und wurde 1950 für den Vorbereitungslehrgang zum Studium an der eben entstehen-den DHfK ausgewählt, den er erfolgreich abschloß. Im Oktober des gleichen Jahres wurde er mit 95 Kommilitonen an der DHfK immat-rikuliert. Er bestand das Jahr mit solchem Erfolg, daß er 1951 mit sechs weiteren Sportfreunden ans Institut für Körperkultur in Mos-kau (IfK) delegiert wurde.
Als Zeuge und Gestalter einer Sportbewegung, die in der objektiv urteilenden Fachwelt viel Anerkennung erntete, beurteilt Kurt Lau-terbach im folgenden Gespräch Wege und Irrwege, Vergangenheit und Gegenwart des Sports, dem er auch als 76jähriger seine gan-ze Freizeit widmet.
FRAGE: Basketball verlor wie manche andere Sportart 1968 durch Beschluß des DTSB-Bundesvorstandes seinen „Olympiastatus“ und damit die uneingeschränkte Förderung. Wie nahmen Sie diese Ent-scheidung auf?
KURT LAUTERBACH: Mit jenem Beschluß wurde Basketball zum sogenannten Freizeit- und Erholungssport, was Einschränkungen nicht nur finanzieller Art zur Folge hatte. So wurden nur noch ein-zelne hauptamtliche Trainer, beispielsweise in Halle und Berlin, beschäftigt.
Ich habe darunter sehr gelitten, weil mit diesem Einschnitt dem Sport insgesamt Schaden zugefügt wurde. Basketball kann auch in kleinen Hallen gespielt werden, und wir waren damals leistungs-mäßig auf dem Weg nach oben. In Begegnungen mit Mannschaf-
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ten der Bundesrepublik Deutschland erwiesen wir uns auch in den Ausscheidungsspielen für die Olympischen Spielen 1960 in Rom als besser.
Andererseits diktierten die ökonomische Vernunft und die nicht un-begrenzt vorhandenen finanziellen Mittel, vor allem der leidige De-visenmangel der DDR, die Konzentration auf bestimmte Sportar-ten. Nicht alles war eben in der DDR machbar. Ich habe jedenfalls auch unter den neuen Bedingungen als Trainer weiter ehrenamtlich mit Jugendmannschaften gearbeitet.
Als ich 1987 als Rentner von Leipzig nach Suhl übersiedelte, weil ich halt ein Wäldler geblieben bin, gründete ich eine Sektion Bas-ketball bei Motor Suhl. In den meisten Hallen hingen Körbe an der Wand, und die wurden fortan erobert. Die Förderung in der DDR war zwar nicht berauschend, aber konstant. Heute muß ich um je-den Pfennig betteln, und die Zukunft unserer Abteilung ist keines-wegs sicher.
FRAGE: Überall in diesem Land wird Geschichte "aufgearbeitet" und meist stützt man sich dabei auf Akten. Wurden Sie nur nach Moskau geschickt, um zu lernen, wie man für die DDR Medaillen erkämpft?
KURT LAUTERBACH: Die neugegründete DDR brauchte Fach-kräfte auf allen Gebieten, auch für die Entwicklung des Sports. Deshalb wurden wir sieben 1951 über Nacht nach Moskau zum Studium geschickt. Wir waren übrigens die ersten deutschen Stu-denten überhaupt in der UdSSR.
Wir haben uns mit der Spezialisierung auf unterschiedliche Sportarten Wissen und Kenntnisse angeeignet, mit denen der Sport in der DDR generell entwickelt werden konnte. Unser „Fähnlein der sieben Auf-rechten" hat mit vielen anderen dazu beigetragen, die Grundlagen der Körperkultur zu schaffen, und dazu gehörte selbstverständlich auch der Leistungssport. Schließlich führte der Weg zur sportlichen Aner-kennung in der Welt über Spitzenleistungen, an denen keine internati-onale Föderation vorbeigehen konnte.
FRAGE: Der Krieg war noch in böser Erinnerung. Wie war - ohne Beschönigung - das Verhältnis zu den sowjetischen Studenten?
KURT LAUTERBACH: Von 1944 bis 1949 war ich in sowjetischer Gefangenschaft gewesen. Schon damals hatte ich die Menschen dort schätzen gelernt. Mit vielen habe ich zusammengearbeitet. Nicht um Rache ging es, sondern - um das heute so gängige und
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Wort zu gebrauchen - um ehrliche Aufarbeitung der Geschichte zwi-schen uns.
Es ging im Dezember 1951 von heute auf morgen los, das Studien-jahr hatte in Moskau längst begonnen. Wir waren natürlich nicht die einzigen ausländischen Studenten. Mit uns lernten Tschechen, Slowaken, Polen, Spanier, Ungarn und andere. Der Internationa-lismus war stark ausgeprägt und die Hilfe uneigennützig. Bis in die Nacht hinein haben die sowjetischen Freunde Schularbeiten mit uns gemacht, denn wir hatten ja ein halbes Jahr „aufzuholen“. Noch heute korrespondiere ich mit Freunden, die ich in jener Zeit am Moskauer Institut für Körperkultur kennengelernt habe. Der letzte Brief aus Moskau kam im Juli dieses Jahres. Die Freund-schaft hat also mehr als vier Jahrzehnte und die Wende überstan-den.
FRAGE: Welche Aufgaben übernahmen Sie nach der Rückkehr?
KURT LAUTERBACH: Nach den Festlegungen der damaligen Sportführung kümmerten sich nach dem Studien-Ende Lothar Oelmann ums Schwimmen, Sepp Breitschaft um die Leichtathletik, und Karl-Heinz Zschocke wirkte im Turnverband. Gerade diese drei wurden in den Jahrzehnten ihres Wirkens international hochgeachte-te Fachleute. Ebenso wie Gerda Enke und Alfons Lehnert, die sich um Gymnastik und Fußball verdient machten. Nachdem ich mein Diplom mit der Arbeit „Der schnelle Angriff im Basketball" erworben hatte, arbeitete ich als Basketballtrainer an der DHfK bis 1968 und war ab 1957 zugleich ehrenamtlicher Verbandstrainer. Ab 1968 wirkte ich am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, wobei ich mich speziell mit den Auswirkungen des Höhentrainings befaß-te. In den letzten Jahre vor der Rente habe ich im Zentrum für Wis-senschafts-Organisation gearbeitet. Wissen und Erfahrungen aus der ganzen Welt haben wir dort zusammengetragen, vermittelt und genutzt. Eines der vielen „Geheimnisse“ der DDR-Erfolge im Sport. Meine Liebe zum Thüringer Wald ließen mich mit meiner Frau Margot 1987 nach Suhl zurückkehren, wo ich sofort mit einem Basketball-Lehrgang für Sportlehrer begann. In Suhl war dieses Spiel kaum verbreitet und so formierten wir die erste Sektion 1988 mit sieben Mädchen und zwei Jungen.
FRAGE: Ein heißes Thema der „Aufarbeiter" ist das angeblich flä-chendeckende Doping in der DDR.
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KURT LAUTERBACH: Was nach der Eingliederung der DDR in die BRD ablief, war die Kriminalisierung der DDR und ihres Sportes. Ich habe nichts gegen eine weltumfassende Aufarbeitung des Miß-brauchs im Sport, bin aber gegen tendenziöse und politisch moti-vierte „Vergangenheitsbewältigung", mit der Erfolge von Athleten und das Wirken von Trainern und Wissenschaftlern in der DDR zu Straftaten herabgewürdigt werden sollen.
FRAGE: Wie sehen Sie die Situation im deutschen Sport heute, vornehmlich in Ihrer heimatlichen Umgebung?
KURT LAUTERBACH: Nach der Wende hatten wir die aufrichtige Erwartung, daß in den neuen Bundesländern neue Wege in Wirt-schaft, Kultur und Sport beschritten würden - mit weiter demokrati-scher Öffnung. Bonner Politiker versprachen, die DDR in ein blü-hendes Land zu verwandeln. Diese Hoffnungen erfüllten sich be-kanntlich nicht. Im Gegenteil, der Niedergang in Wirtschaft, Kultur und Sport ist heute offensichtlich. Im Leistungssport wurden die Strukturen trotz ernsthafter Mahnungen einzelner Vertreter der al-ten Länder zerschlagen, die Kinder- und Jugendsportschulen auf-gelöst, die Sportklubs geschlossen, die Auswahlsysteme negiert und erfolgreiche Trainer entlassen. Besondere Hoffnungen hegten Breiten- und Freizeitsport. Trotz vielfältiger Initiativen ehemaliger Sportler, Trainer und Übungsleiter der DDR können sich die zahl-reichen neugegründeten Vereine mit ihren Mitgliedsbeiträgen und geringen Sponsorenzuschüssen kaum über Wasser halten. Es fehlt das Engagement der Politiker auf allen Ebenen, es fehlt das Geld für die Erhaltung der Sportstätten, für Sportgeräte und für die oh-nehin magere Bezahlung der Trainer, Kampfrichter und für Fahrten zu Wettkämpfen. Konkretes Beispiel: unsere Abteilung Basketball im 1. Suhler SV 06 kann aus finanziellen Gründen keine weiteren Mitglieder aufnehmen, und dabei gehören unsere Teams in Thü-ringen zur Spitze im Basketball. Nicht ein Beschluß sorgte dafür, sondern die Realität der Marktwirtschaft.
Nur der Star gilt heute etwas und die Show - dafür ist Geld haufen-weise da. Die Talente aus dem Osten werden von reichen Vereinen im Westen abgeworben. So wachsen auch keine Vorbilder mehr in den östlichen Regionen heran, was wiederum Auswirkungen auf die Breitenentwicklung hat. Wenn sich das soziale Umfeld nicht ändert, geht der einst so blühende Kinder- und Jugendsport kaputt. Von Al-mosen kann man auf die Dauer nicht leben.
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JAHRESTAGE
Gedanken eines Scheidenden
Von PIERRE BARON DE COUBERTIN
Am 2. September 1937, entschlief Baron Pierre de Coubertin, Begründer der modernen Olympischen Spiele, in Genf auf einer Parkbank, auf der er während seines täglichen Spa-ziergangs rasten wollte. Aus seinem umfangreichen Werk zi-tieren wir die Rede, die er 1925 während der IOC-Session in Prag gehalten hatte, nachdem er zuvor mitgeteilt hatte, nicht mehr für das Amt des IOC-Präsidenten zu kandidieren. Cou-bertin besuchte danach nie wieder Olympische Spiele.
Wer sich von dem fruchtbringenden Acker zurückzieht, über den er jahrzehntelang geherrscht hat, den er eigenhändig bestellte und auf dem für ihn Erfolg und Freundschaft zur Blüte gediehen, der möchte zum Abschluß noch einmal den Hügel besteigen, von dem aus der Blick sich bis zum Horizont weitet. Und dort oben denkt er an die Zukunft, an die ungelösten Aufgaben, an mögliche Weiter-entwicklungen und an Maßnahmen, die es gegen eventuelle Ge-fahren zu treffen gilt...
...Zur Zeit ist Sport in Mode gekommen, eine zwar unwiderstehli-che, aber auch schnell wieder erschöpfte Macht. Man muß wirklich nichts von Geschichte verstehen, wollte man sich einbilden, die Schwärmerei der Massen heute würde unbegrenzt andauern. Vor vierzig Jahren haben meine Freunde und ich nach Kräften dazu beigetragen, diese Schwärmerei auszulösen, weil sie uns einen geeigneten Hebel abgeben sollte. Sie wird vergehen, wie sie ge-kommen ist. Die Sattheit wird sie abtöten. Und was bleibt dann noch an diesem Tage? Gibt es beim Menschen das B e d ü r f- n i s zum Sport? Nein. Der lärmende Aufwand, der um einzelne Spit-zensportler entfaltet wird, ist nicht imstande, das Bedürfnis zu we-cken. Es wird sich erst dann durchsetzen, wenn der Spitzensportler selbst nicht mehr darauf sieht, ob man auf ihn schaut oder nicht. Für den echten Sportler existiert der Zuschauer nur als Zufalls-erscheinung. Ja, von dieser Seite betrachtet, wie viele Sportler die-ser Art gibt es dann in Europa? ... Nur sehr wenige.
In dieser Richtung muß mithin gearbeitet werden. Weniger Rum-mel, weniger Reklame, weniger einengende Organisationen, weni-
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ger intolerante Verbandsgruppierungen, weniger schwerfällige hie-rarchische Strukturen. Aber die einzelnen Formen des Sports - al-ler Sportarten einschließlich des Reitens - im höchstmöglichen Maße kostenlos zur Verfügung a l l e r Bürger, das ist eine der Auf-gaben moderner Kommunalpolitik. Aus diesem Grunde fordere ich die Wiedereinführung des städtischen Gymnasiums der Antike, zu dem alle ohne Unterschied von Anschauung, Glauben oder gesell-schaftlicher Stellung Zutritt haben und das der unmittelbaren, allei-nigen Aufsicht der kommunalen Gesellschaft unterstellt ist. In die-ser Form, und nur in dieser, wird man eine gesunde und umfas-send sportliche Generation heranbilden können.
Eine weitere Utopie besteht in der Vorstellung, der Sport gehöre im Namen der Wissenschaft automatisch zum Maßhalten und müsse zwangsläufig mit ihm zusammengehen. Das wäre eine ungeheuer-liche Verbindung. Wird dem Sport Zurückhaltung und Vorsicht ein-geimpft, dann wird auch seine Lebenskraft beeinträchtigt. Er braucht die Freiheit des Übermaßes. Darin liegt sein Wesen be-gründet, seine Existenz, das Geheimnis seiner moralischen Bedeu-tung. Lehrt man, ein Wagnis mit Überlegung einzugehen, so ist das vollkommen in Ordnung; lehrt man aber, das Wagnis zu scheuen, so ist das Unsinn...
...Der Sport hat sich in einer Gesellschaft entwickelt, der durch die Jagd nach dem Gelde Verderben bis aufs Mark droht. Es liegt nun an den Sportvereinen, mit gutem Beispiel voranzugehen, Ehre und Anständigkeit wieder zu pflegen, Lüge und Heuchelei aus ihrem Bereich zu verjagen...
Für diesen Reinigungsprozeß wird der erneuerte Olympismus der wirkungsvollste Hebel sein, vorausgesetzt, es wird damit Schluß gemacht, die Olympischen Spiele mit Weltmeisterschaften zu ver-quicken. Weil einzelne Fachleute von diesem Gedanken nicht los-kommen, suchen sie dauernd die olympische Struktur zu zertrüm-mern, um sich dann eine Macht anzueignen, zu deren Ausübung sie sich in vollem Umfange in der Lage glauben. Es lag mir daran, meine Kollegen im Internationalen Olympischen Komitee noch einmal vor jeder Konzession ihrerseits in diesem Punkt zu warnen. Wenn der moderne Olympismus vorangekommen ist, dann nur deshalb, weil an seiner Spitze ein Gremium mit absoluter Unab-hängigkeit stand, das zu keiner Zeit von irgendwem subventioniert wurde, das sich durch sein ihm eigenes Ergänzungssystem von
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jeglichem Einfluß aus Wahlmanövern freihält sowie keinerlei Ein-wirkung seitens nationalistischer Leidenschaften oder durch Druck korporativer Interessen zuläßt...
Muß ich denn darauf hinweisen, daß die Spiele weder einem Land noch insbesondere irgendeiner Rasse gehören und daß sie von keiner irgendwie gearteten Gruppierung monopolisiert werden kön-nen? Sie sind weltumspannend. Sie müssen, ohne Diskussion, für alle Völker da sein. Alle Sportarten müssen hier gleichberechtigt behandelt werden, ohne Rücksicht auf Schwankungen oder Stim-mungen in der Öffentlichkeit. Die schöne Bezeichnung „Athlet“ wird übrigens auf den Reckturner ebenso anwendbar sein wie auf den Boxer, den Dressurreiter, den Ruderer, Fechter, Läufer oder den Speerwerfer... Die Spiele wurden geschaffen zur Glorifizierung des Champions als Individuum, dessen Leistung zur Pflege allgemei-nen Strebens und Wollens notwendig ist...
Vereinfachtes organisatorisches Getriebe, einheitlichere und zu-gleich ruhigere Unterkünfte, weniger Festveranstaltungen, insbe-sondere engere, tägliche Kontakte zwischen Sportlern und Funkti-onären, ohne Politiker und Karrieremacher, um sie zu entzweien, das werden, so hoffe ich, die Spiele der IX. Olympiade bringen.
Abschließend habe ich die Pflicht, meinen Dank für den Nach-druck abzustatten, mit dem man in allen Ländern bedacht war, mich weiterhin an der Spitze des Internationalen Komitees zu se-hen. Solche Beweise der Sympathie sind eine Ehre für mich. Ich möchte darum bitten, sie auch auf meinen Nachfolger zu übertra-gen, damit ihm die Aufgabe erleichtert wird. Länger zu bleiben, konnte ich nicht akzeptieren. Dreißig Jahre sind eine Frist, die man klugerweise nicht sehr überschreiten sollte. Ich möchte die mir ver-bleibende Zeit noch darauf verwenden, eine dringende Arbeit vo-ranzubringen, in dem Maße, wie es mir möglich sein wird: den Durchbruch einer Pädagogik, die geistige Klarheit und kritische Ruhe bringt. Meines Erachtens hängt die Zukunft der Zivilisation derzeit weder von ihren politischen noch von den ökonomischen Grundlagen ab. Sie hängt einzig und allein von der erzieherischen Orientierung ab, die sich abzeichnen wird...
Europa besitzt den Reichtum einer langsam gewachsenen, herrli-chen Kultur, aber es gibt in ihr keinen leitenden Faden mehr für den gesellschaftlich Privilegierten, während der Zutritt zu ihr für den Nichtprivilegierten ganz einfach untersagt bleibt. Die Zeit ist ge-
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kommen, ein pädagogisches Gebäude zu errichten, dessen Bau-weise den Erfordernissen der Zeit besser gerecht wird.
...Sicherlich habe ich bereits den einen oder anderen meiner Zuhö-rer überrascht, wenn nicht gar schockiert, wenn ich revolutionäre Tendenzen in einem Alter durchblicken lasse, in dem sich norma-lerweise das konservative Denken verstärkt. Aber meinen Mitarbei-tern, meinen treuen Freunden war ich eine freie und offene Erörte-rung meiner Pläne schuldig...
Sie selbst werden im gleichen Geiste den Aufstieg zu jener Höhe fortsetzen, auf der wir den Tempel errichten wollen, während unten in der Ebene ein riesiger Markt entstehen wird. Der Tempel wird überdauern, der Markt vergehen. Markt oder Tempel, die Sportler werden zu wählen haben. Sie können nicht begehren, gleichzeitig auf dem einen und im anderen zu sein, ...sie müssen wählen!
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Bilder eines Lebens
Von KURT FRANKE
Am 3. August 1997 beging Prof. Dr. med. Ernst Jokl in Lexington (Kentucky) im Kreise seiner Familie und vieler Freunde aus Europa und den USA seinen 90. Geburtstag.
Als Introduktion zur Feierstunde erinnerten Fotos aus neun Dekaden an einen Lebensweg, der die Höhen und Tiefen der europäischen und Weltgeschichte auch am Schicksal des Individuums nachzeichnete. Weiterhin führten viele Bücher und Publikationen in wissenschaftli-chen Zeitschriften den Gratulanten nochmals das Ergebnis eines lan-gen Gelehrtenlebens vor Augen.
Der im schlesischen Breslau geborene Ernst Jokl erhielt in seinem jüdischen Elternhaus alle Möglichkeiten zur umfassenden Bildung. Er besuchte das Johannes-Gymnasium seiner Heimatstadt, lernte beim Organisten W. Reimann Klavierspielen - das er bis ins hohe Alter auch zur Erbauung anderer wohlklingend praktiziert - und trieb erfolgreich Sport. Unter diesen günstigen äußeren Vorausset-zungen reifte eine vom Humanismus geprägte Persönlichkeit, der diese Laudatio nach einem Thema von Mussorgski-Ravel gelten soll.
1.BILD: Ernst Jokl als Deutscher Studentenmeister über 400 m Hürden und als Mitglied des Kandidatenkreises für die Olympia-mannschaft 1928, an deren medizinischer Betreuung er mithilft.
2.BILD: Ernst Jokl als Medizinstudent in Breslau (1925 -1930). Be-sonders beeindruckt ihn der Neurochirurg Prof. Otfried Foerster. „Er war der bedeutendste klinische Lehrer in meinem Leben und weckte in mir das jahrelang anhaltende Interesse an neurologi-schen Problemen im Sport.“
3.BILD: In den Wintermonaten 1930 - 1932 arbeitet der junge Arzt als Rockefellerstipendiat am Internationalen Institut für Hochge-birgsphysiologie in Davos. Dessen Leiter, Prof. Adolf Loewy, wünscht ihn sich als seinen Nachfolger. Als Loewy 1936 stirbt, weilt Jokl bereits in Südafrika als Emigrant.
4.BILD: Ernst Jokl wird 1931 wegen seiner wissenschaftlichen Ar-beiten zur Physiologie der sportlichen Leistung zum Leiter des sportmedizinischen Universitäts-Institutes Breslau ernannt - der ersten Einrichtung dieser Art in Preußen. (Leipzig und Hamburg
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hatten derartige Institute seit 1928). Zum ärztlichen Partner dieser Zeit zählt auch Ludwig Guttmann, der später als Emigrant in Eng-land die moderne Rehabilitation von Querschnittsgelähmten entwi-ckelte.
5. und 6.BILD: Ernst Jokl als Flugschüler in Breslau 1931. Einer seiner Fluglehrer hieß Erhard Milch. Einige Jahre später berichtet Captain Ernst Jokl M.D. als Angehöriger einer Armee der Anti-Hitler-Koalition über „Medical Aspects of Aviation“ und das Foto zeigt ihn als Berater von General Smuts.
Zwischen diesen beiden Fotos liegen elf Jahre, in denen die relativ heile Welt des deutschen Bürgertums zerbrach. Die Parteigänger des Fluglehrers und späteren Luftmarschalls Milch hatten nach dem initialen physischen Terror gegen Andersdenkende mit Gesetz vom 11. 4. 1933 Zehntausende von jüdischen oder demokratisch gesinnten Staatsangestellten für nicht beamtenwürdig erklärt und aus dem öffentlichen Dienst entfernt. Gelehrte von Weltruf und Wissenschaftler am Beginn ihrer Laufbahn wurden aus Hochschu-len und Instituten eliminiert, ohne daß die nicht von der Säuberung Betroffenen protestierten - der Atomphysiker W. Heisenberg war eine der wenigen Ausnahmen. Sehr viele der im Amt Belassenen haben wohl einen Karrierevorteil aus dem Verschwinden lästiger Konkurrenten gezogen.
7.BILD: 1933 wandert Jokl mit seiner jungen Frau, der Berliner Sportlehrerin Erica Lestmann (Olympiateilnehmerin 1928), nach Südafrika aus. Noch 1936 publiziert er als Dozent an der Universi-tät Stellenbosch deutschsprachig in Wien über „Zusammenbrüche beim Sport". Er setzt seine in Breslau unter 0. Foerster begonne-nen Untersuchungen zu den medizinischen Folgen des Boxens fort und es erscheint „Medical Aspects of Boxing", das den Autor als Leiter der Abteilung für Körpererziehung an der TH Witwaters-rand/Johannesburg ausweist. E. Jokl propagiert in seiner neuen Heimat den täglichen Sport als wichtige Möglichkeit der Gesund-heitsförderung so nachhaltig, daß dieses Prinzip ins Afrikaans als „Jokln" Eingang findet.
8.BILD: Unter dem Eindruck der beginnenden Apartheid in Südafri-ka zieht es den "jüdischen Deutschen" wie sich Ernst Jokl selbst bezeichnet, mit seiner Familie wieder in die alte Heimat, wo er 1950 eintrifft. Der Lehrstuhl für Sportmedizin an der gerade ge-gründeten Deutschen Sporthochschule Köln erscheint ihm erstre-
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benswert, hatte er doch bereits 1923 an der Deutschen Hochschu-le für Leibesübungen in Berlin einen Kurs absolviert. Aber mit der Standortverlagerung nach Köln sind dort diejenigen weiterhin in verantwortlichen Positionen, die wenige Jahre zuvor in Berlin "Sportlerbataillone für den Endsieg" propagierten. Sie haben wohl das ihnen Mögliche veranlaßt, einen Emigranten ihren Kreisen fernzuhalten.
W. Hollmann umschreibt das Geschehen in seiner Laudatio zum 80. Geburtstag von E. Jokl mit „Leider erlebte er hier Enttäuschun-gen und wandte sich nunmehr den USA zu". Der Jubilar enthielt sich dazu jeder öffentlichen Wertung, äußerte aber mit Bitternis 1987: „Es war eine große Tragik, bei der Rückkehr nach dem Krieg keine Gelegenheit zu finden, in der Heimat Fuß zu fassen... Nie wieder habe ich in Deutschland ein Institut für Sportmedizin gelei-tet. Meine wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge nach 1945 sind auf fremdem Boden gewachsen...“
9.BILD: Von 1953 - 1976 als Professor an der Universität des Staa-tes Kentucky in Lexington tätig, entfaltet E. Jokl zahlreiche Aktivitä-ten zur Integration von Sportwissenschaft und Sportmedizin. Diese gipfeln in der Gründung des Weltrates für Sportwissenschaft und Leibeserziehung (ICSSPE) der UNESCO im Jahre 1960. Das For-schungskomitee des Weltrates leitet der Jubilar von 1960 - 1977. Gemeinsam mit dem ICCSPE-Präsidenten Lord Philip Noel Baker bestand E. Jokl darauf, „daß Vertreter des Sports aus allen Natio-nen zur Mitarbeit herangezogen werden sollten und daß keinerlei politische Beschränkungen die Arbeit des Weltrates beeinflussen". Sein universales Bemühen ließ Vorurteile nicht zum Tragen kom-men und aus dieser Grundhaltung erwuchsen enge fachliche Kon-takte auch zu den Ländern, die bis 1990 als sozialistische Staaten Bemerkens- und Erhaltenswertes für Sport, Sportwissenschaft und Sportmedizin leisteten. Die Fachgremien in beiden deutschen Staaten erfuhren von Ernst Jokl viele wissenschaftliche Anregun-gen, schätzen die Persönlichkeit und ehrten sein Lebenswerk viel-fältig.
10. BILD: Nebeneinander ausgestellt lagen die Urkunden für Prof Dr. Ernst Jokl als Ehrenmitglied des Deutschen Sportärztebundes und der Gesellschaft für Sportmedizin der DDR.
Das enzyklopädische Wissen von Ernst Jokl läßt das Lesen seiner Publikationen zum geistigen Hochgenuß werden, wie es auch beim
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Anhören seiner Vorträge der Fall war. Er hatte die seltene Gabe, vielfältige medizinische Probleme in ihrer Verbindung zum Sport zu analysieren und sie im Kontext mit historischen Geschehnissen, soziologischen Forschungen, philosophischen Fragen und den Schöpfungen der Musik, Literatur und darstellenden Kunst zu wer-ten.Wer sich mit Jokl befaßt, muß ihn als eine das internationale Profil bestimmende Persönlichkeit einordnen.Dafür einige Zitate aus seinen Publikationen:
- Für Musik und Sport in ihren besten Bestandteilen trifft gleichermaßen die Aussage zu: Kultur ist das Streben nach Vollkommenheit.
- Sportliches Üben verlängert das Leben, beschleunigt das Wachstum und verlangsamt das Altern.
- Wenn jemand während des Sports stirbt, stirbt er nicht infolge des Sports.
- Das Freisein von Symptomen bestätigt keinesfalls das Nichtvorhanden-sein einer kardiovaskulären Krankheit.
- Das Prinzip Leistungsmessung reicht nicht aus, um Wert und Erlebnis-qualität, die der Sport vermittelt, zu beschreiben.
Turnen und Eislaufen eröffnet die Welt der Ästhetik, Behindertensport spendet Trost, Zuversicht erlebt der Teilnehmer am Altersturnen.
- Sport als Wettkampf ist das große Welttheater unserer Zeit ...
Er hat fünf neue Menschentypen geschaffen. Es sind die Phänotypen
- des Kindes.das ganze Sportdisziplinen beherrscht,
- der Frau mit einer enormen Leistungsexplosion nach dem 2.Weltkrieg,
- des alternden Menschen, der durch lebenslanges Sporttreiben mit 6o - 80 Jahren ein Leistungsniveau aufgebaut hat, das untrainierten 20 - 30-jährigen überlegen sein kann (!).
- des sozial Hintangestellten, z.B. des Afroamerikaners, der sich durch gu-te sportliche Leistungen von der Armut und den Nöten seiner Jugend be-freien konnte.
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Glückwunsch und Schatten
Von KLAUS EICHLER
Der 75. Geburtstag Georg Wieczisks vereinte viele Freunde des Jubilars in Kienbaum. Die Palette der fröhlichen Runde reichte vom sächsischen Vereinsvorsitzenden einer kleinen traditionsreichen sächsischen Leichtathletikgemeinde bis zu Olympiasiegerinnen und Siegern, von heute als Landesvorsitzenden Tätigen bis zum bewährten Kampfrichter und langjährigen Kampfgefährten des weltweit angesehenen Leichtathletikfunktionärs.
Geboren am 20. Juli 1922 im oberschlesischen Gleiwitz wuchs Georg Wieczisk in einem Elternhaus auf, in dem „Schmalhans“ ständiger Küchengast war. Sein Vater war oft arbeitslos. In der ka-tholischen Volksschule lernte er in acht Jahren vor allem beten und die Legenden der preußisch-deutschen „Unbesiegbarkeit“. Mathe-matik, Physik, Chemie gehörten nicht zum Bildungssystem. Seine größte „Reise“ war die mit dem Fahrrad zum 40 km entfernten „hei-ligen“ Annaberg. Aus dieser Enge herauszukommen, begleiteten die Träume der Jugendjahre. Die vierjährige Lehre in einer Schuh-fabrik beendete er mit dem Diplom eines Facharbeiters.
Vom Taumel der „Siege“ im ersten Jahr des zweiten Weltkriegs geblendet, meldete er sich wenige Tage nach seinem 18. Geburts-tag freiwillig zur Kriegsmarine, ohne den Eltern ein Wort zu sagen. Der Krieg öffnete ihm bald die Augen. Im Mittelmeer und in der Ägäis lernte er das Grauen des Völkermord kennen.
Mit Millionen, die den Faschismus und seine Schrecken überleb-ten, leistete er den Schwur, der von nun an sein Leben und sein politisches Wirken prägen sollte: „NIE WIEDER KRIEG UND FASCHISMUS!“
Als eine Folge des Krieges heimatlos geworden, schlug er sich als Land- und Bergarbeiter durch und engagierte sich politisch getreu dem geleisteten Schwur.
1946 nutzte er die ihm in der auch mit vielen Bildungstraditionen brechenden Sowjetischen Besatzungszone gebotenen Chancen und ließ sich an der Vorstudienanstalt, der späteren Arbeiter- und Bauernfakultät der Berliner Humboldt-Universität einschreiben, ab-solvierte den Abiturkurs und begann danach Geschichte, Soziolo-
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gie und Sport zu studieren. Dem Staatsexamen folgte die Wissen-schaftliche Aspirantur und 1956 die Promotion.
Man übertrug ihm die Leitung der Abteilung Sportwissenschaft im Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport und danach fungier-te er - wo immer er gebraucht wurde - als Direktor der DHfK-Forschungsstelle, als Stellvertretender Vorsitzender des Staatli-chen Komitees und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates. Schließlich fand er seine wissenschaftliche Heimat 1961 am Institut für Sportwissenschaft der Humboldt-Universität, an die er als Do-zent für Sporttheorie - später Sportsoziologie - und Geschichte be-rufen wurde. Hier wirkte er als Professor in diesen Fächern und in der Sportpsychologie bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1987. Er leitete die Promotions- und Graduierungsverfahren, fungierte als „Doktor-Vater“ für mehrere Doktoranden, von denen heute sieben den „Doktorhut“ tragen, betreute weit mehr als hundert Diplom- und Staatsexamensarbeiten und war Leiter zahlreicher Forschungsvor-haben. Deren Palette reichte von der Rolle des Sports im Freizeit-verhalten bis zu den Problemen der Kommerzialisierung des olym-pischen Sports.
Er publizierte zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Beiträge, war Mitgestalter wissenschaftlicher Konferenzen und Symposien.
Über sein privates Leben sei vermerkt, daß er Vater zweier er-wachsener Kinder, Mathias (36) und Christine (34), und Großvater dreier Enkelkinder ist.
Sportlich aktiv war er in verschiedenen Sommer- und Wintersport-arten bis 1952. Schon früh bekleidete er ehrenamtliche Funktionen und war von 1948 bis 1951 Vorsitzender des Studentensports in der DDR und danach Übungsleiter bis 1955.
1958 kandidierte er auf dem Gründungsverbandstag des Deut-schen Verbandes für Leichtathletik der DDR als Vizepräsident, wurde gewählt und gelangte ein Jahr später an die Spitze eines der erfolgreichsten Leichtathletiklandesverbände der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. In dieser Funktion profilierte er sich in seiner 31jährigen Amtszeit zu einem national und international geachteten Experten der Leichtathletik. Unvergessen bleibt seine über Fairneß wachende Rolle bei den Ausscheidungswettkämpfen der deut-schen Leichtathletikverbände für die von der Internationalen Föde-ration (IAAF) bis 1964 geforderten „gemeinsamen“ Mannschaften und sein kreatives Engagement auf allen Gebieten der Leichtathle-
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tik der DDR. Auf den IAAF-Kongressen vertrat er die Interessen des DVfL und genoß hohen Ruf dank seines sachlichen und fach-kundigen Auftretens. Ein Beispiel für viele: 1972 setzte er vor den Olympischen Spielen in München durch, daß alle Teilnehmer mit gleichen Voraussetzungen im Stabhochsprung an den Start gin-gen. Er war Mitglied der Präsidien des Nationalen Olympischen Komitees und des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR, wurde 1970 in das Council der Europäischen Leichathletik-Association (EAA) und 1972 zum IAAF-Ratsmitglied gewählt. In beiden Funktionen erwarb er sich hohes internationales Ansehen. Er übernahm die Organisation und Leitung von Kampfrich-terlehrgängen, war federführend an der Ausarbeitung der Regeln für internationale Meisterschaften der Senioren und Junioren betei-ligt und arbeitete an richtungweisenden, heute noch gültigen Stan-dardwerken der internationalen Leichtathletik mit. Als Technischer Delegierter bei Welt- und Europameisterschaften, bei Kontinental-meisterschaften in Asien und Afrika erwarb er sich internationales Ansehen.
Seine Tätigkeit wurde mit hohen Auszeichnungen gewürdigt. In der DDR verlieh man ihm den Titel „Verdienter Meister des Sports“ und die „Friedrich-Ludwig-Jahn-Medaille, in Finnland zwei Sportver-dienstkreuze, in Italien den Ritter-Orden und das IOC den Olympi-schen Orden.
1990 wurde er zum Ehrenpräsidenten des DVfL und danach ein-mütig zum Ehrenpräsidenten des Deutschen Leichtathletikverban-des gewählt. Begründet wurde diese Wahl mit seinen jahrzehnte-langen Verdiensten um die deutsche Leichtathletik. 1993 verlieh man ihm die Ehrenmitgliedschaft des sächsischen und 1994 des brandenburgischen Leichtathletikverbandes. In zahlreichen Publi-kationen in Ost und West würdigte man ihn als Brückenbauer bei der Vereinigung der beiden deutschen Leichtathletikverbände.
Zu bedauern blieb, daß auf den Tag, an dem er seinen 75. Ge-burtstag feiert, ein böser Schatten fiel. Der DLV, zu dessen Ge-wohnheiten es gehört, solche Jubiläen in würdiger Form auszurich-ten, begann mit den Vorbereitungen, doch nahm Präsident Prof. Dr. Digel dann an einigen Gästen, die Prof. Dr. Georg Wieczisk seit Jahrzehnten zu seinen Wegbegleitern und Freunden zählt, politisch Anstoß. Es kam zu endlosen zermürbenden Debatten, in denen der Jubilar veranlaßt werden sollte, auf die Einladung dieser Gäste
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zu verzichten. Seinen Lebensmaximen treu bleibend beharrte der Ehrenpräsident auf seiner Gästeliste. Viele Mitglieder des Präsidi-ums und des Verbandsrates bekundeten ihm ihren Respekt und ih-re Achtung für diese Haltung, die auch den zahlreichen Appellen des Bundespräsidenten Roman Herzog folgt und das Aufeinander-zugehen der Deutschen höher bewertet als kleinliche Vorurteile.
Die das Ereignis geschmacklos abwertende überschriftenlose Notiz im Fachorgan rundete die Aktion ab. Prof. Digel wird nicht vermei-den können, daß man ihn künftig an der Haltung mißt, die er an diesem Tag demonstrierte. Möglicherweise begriff er das auch selbst, trommelte deshalb sein geschäftsführendes Präsidium zu-sammen und ließ es einen diesbezüglichen Beschluß fassen. So glaubte er, die Alleinschuld losgeworden zu sein. Daß er den Eh-renpräsidenten bei der nächsten Begegnung am Rande der Leicht-athletik-Weltmeisterschaften in Athen aufforderte, sich für die Ver-gehen des DDR-Sports öffentlich zu „entschuldigen“ - eine Forde-rung, die dieser energisch zurückwies - offenbarte deutlicher als jeder „Beschluß“ die an „Bild“ erinnernden Denkschemen zwischen denen der Darmstädter Professor seit langem herumirrt.
Wiederholt werden aber soll: Die Geburtstags-Stimmung in Kien-baum war fernsehreif und hatte viele Höhepunkte: die Rede des Jubilars, die Glückwünsche, der ungeachtet des Digels’schen Bannstrahls gekommenen offiziellen Gratulanten und schließlich das Trompetensolo des ersten DDR-Olympiasiegers Wolfgang Behrendt, der sich erinnerte, 1956 an gleicher Stelle vor dem Auf-bruch der Mannschaft nach Melbourne gespielt zu haben und da-mit einen Zeitrahmen stimmungsvoll schloß.
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Die furchtbare Münchner Nacht
Von KLAUS HUHN
Der Überfall auf die israelische Olympiamannschaft vor einem Vier-teljahrhundert, am frühen Morgen des 5. September 1972, war eine schreckliche Zäsur der olympischen Geschichte. Die Attentäter wa-ren nicht irre Amokläufer, sondern Terroristen, die kaltblütig Men-schenleben aufs Spiel setzten und die Olympischen Spiele in er-bärmlicher Weise mißbrauchten. Die Welt - und in ihr die olympi-sche Bewegung - werden die Opfer nicht vergessen.
Diese Trauer rechtfertigt allerdings nicht die Oberflächlichkeit der Untersuchungsberichte, die die Geschehnisse, die dem Überfall folgten, auflisten. Leider hat bislang kein namhafter westdeutscher Sporthistoriker - oder auch Kriminologe - eine gründliche Untersu-chung in Angriff genommen. Hinweise auf die Mitwirkung namhaf-ter Politiker an der Affäre können kein Grund für diese unerklärliche Zurückhaltung sein. Der 25. Jahrestag des Desasters hätte jeden-falls eine solche Arbeit in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
Die Vorfälle am 5. und 6. September im Olympischen Dorf in Mün-chen und vor allem auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck liegen nach wie vor in einem unerklärlichen Halbdunkel. Schon die Berichte über die erste Wahrnehmung der Täter widersprechen sich. Die glaubwürdigste Version nennt zwei ahnungslose Postbeamte als erste Augenzeugen. Sie hatten am Morgen des 5. September ge-gen 4 Uhr - also mindestens 30 Minuten vor dem ersten Schuß - mehrere Personen über den mannshohen Zaun des Olympischen Dorfes steigen sehen, hielten sie aber für Athleten, die nach einem überlangen Stadtbummel Ärger mit ihren Mannschafts-Chef entge-hen wollten. So setzten die Postboten ihren Weg fort, wohl auch, weil sie nie aufgefordert worden waren, besondere Vorkommnisse während der olympischen Tage unverzüglich zu melden. Sie erin-nerten sich ihrer Beobachtung erst im Laufe des Tages. Ihre Aus-sage bestätigte im Nachhinein, daß weder der alle Sicherheits-maßnahmen der Olympischen Spiele koordinierende bayrische In-nenminister Merk noch der ihm unterstellte Münchner Polizeipräsi-dent Schreiber es für nötig befunden hatten, Doppelstreifen in dich-ten Abständen um das Dorf patrouillieren zu lassen und diese
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nachts zu verstärken. Insgesamt standen 10.000 Polizisten zur Verfügung!
Es soll daran erinnert werden, daß man nicht umhin konnte, nach der Katastrophe ein förmliches Verfahren gegen Schreiber und an-dere Verantwortliche einzuleiten, das deren mögliche Mitschuld klären sollte. Man kam überraschend schnell zu dem Resultat, die-ses Verfahren einzustellen. Das Dokument trägt den Stempel vom 4. Februar 1973.
Zu denen, die ernste Vorwürfe gegen die Sicherheitsmaßnahmen in München erhoben, gehörte auch die damalige israelische Minis-terpräsidentin Golda Meir, doch kann bei ihr nicht übersehen wer-den, daß sie sich mit ihrer strikten Order an den israelischen Bot-schafter in Deutschland, keinerlei Vereinbarungen mit den Attenttä-tern zu treffen, nicht nur im krassen Widerspruch zum Bundeskanz-ler Willy Brandt befand, der sich stundenlang und mit großem Eifer um eine Lösung bemühte, sondern durch ihre starre Haltung auch Mitverantwortung für den tragischen Verlauf übernahm. Der Disput zwischen Merk und dem Botschafter wurde damals im „Stern“ (17.9.1992) gedruckt und nie dementiert: Die Frage „Herr Botschaf-ter, eine gewaltsame Befreiungsaktion ist mit einem hohen Risiko für das Leben der Geiseln verbunden. Nehmen Sie dieses Risiko in Kauf?“, beantwortete Botschafter Ben-Horin „mit einem klaren ‘Ja’.“
Der Ablauf des Überfalls kann hier nur in Stichworten wiedergege-ben werden. Das Quartier für die israelische Mannschaft war von Mitarbeitern des israelischen Geheimdienstes lange vor den Spie-len ausgesucht worden. (Daß es sich gegenüber der Unterkunft der DDR-Mannschaft befand, könnte darauf schließen lassen, daß die als Sicherheitsfaktor betrachtet wurde.) Der Vorschlag des für die Sicherheit der Athleten zuständigen Bonner Amtes für Verfassungs-schutz, besondere Sicherheitsmaßnahmen für die israelische Mann-schaft zu treffen, wurde von israelischer Seite mit dem Kommentar abglehnt: „Das machen wir allein!“ Man kann also annehmen, daß sich unter den Opfern auch Offiziere des israelischen Geheimdiens-tes befanden, was aus verständlichen Gründen nie offenbart wurde.
Die Täter waren, nachdem sie den Zaun am Kusocinski-Damm überstiegen hatten, m